„Klassentreffen-Syndrom“

Vor einigen Tagen hatte ich – wie ich fand – eine glänzende Idee, als ich mich auf Facebook aufhielt und auf zwei alte Bekannte aus Aachen stieß. Spontan warf ich die Idee in den Raum, man könne sich doch mal um der alten Zeiten willen eben dort treffen und einige Orte besuchen, an denen man früher öfter abhing.

Freddy, ein Ex von mir, Michael und Florian fanden die Idee auch gut. Michael antwortete, er sei noch im Tanzkurs, werde aber später an unserem Gruppenchat teilnehmen. Florian musste noch grillen, und so unterhielt ich mich zunächst allein mit Freddy. Es war recht lustig, und ich dachte, die geplante Réunion in Aachen werde sicherlich der Hit. 😉

Dann kam Michael hinzu – offenbar hatte er für diesen Tag ausgetanzt. Ab diesem Zeitpunkt schwenkte der Ton schon mehr in die Richtung: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“, und mir wurde wieder klar, warum ich so ungern Klassen- und Abi-Jahrgangstreffen besuche.

Es wurden aber auch alte Erinnerungen wach, denn Freddy und Michael überboten sich gegenseitig im Reißen von Witzen, die ich früher schon nicht ganz so geistreich gefunden hatte. Ja, ich weiß – es klingt nicht nett, obwohl die beiden es ja eigentlich sind, aber bei platten Witzen verstehe ich keinen Spaß. 😉 Offenbar war der Gruppenchat so eine Art Verjüngungskur für die beiden. Florian wirkte beruhigend normal – ein Trost.

Richtig schön wurde es, als Michael ganz spontan Freddy fragte, ob er in der Wahl seiner Freundinnen noch immer so wahl- und anspruchslos sei. Gut, er hat es anders ausgedrückt, aber ich war doch recht irritiert, war ich doch über ein Jahr mit Freddy liiert gewesen, und ich unterscheide mich durchaus von einem nicht geringen Teil der Freddy’schen Ex-Freundinnen. Freddy ist halt eine schillernde Gestalt – wir hatten überhaupt nicht zusammengepasst. Nettes Kompliment, vor allem, wenn man bedenkt, mit wem Michael über Jahre liiert gewesen war: einer Kommilitonin von mir, die allgemein als etwas „merkwürdig“ gegolten hatte. Und so warf ich nur ein ironisches: „Danke“ in den Chat. Da erst fiel Michael auf, dass ich ja zu Freddys Verflossenen gehöre, und so entschuldigte er sich. Na, also – ging doch! 😉

Der Chat nahm an Fahrt auf, die Witze wurden flacher. Ich weiß, ich klinge sicherlich furchtbar arrogant, aber so meine ich es gar nicht. Alle drei sind total nett, nur stellte ich es mir ein wenig anstrengend vor, einen ganzen Abend mit solchen Witzen zu verbringen, die im Minutentakt im Chat abgesondert wurden.

Florian gegenüber äußerte ich mich in einem separaten Chat dahingehend, dass ich gegebenenfalls doch vielleicht lieber zu Hause bliebe – in verschiedener Hinsicht (unter anderem der „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Hinsicht) könne ich da nicht mithalten, und ich wisse daher momentan nicht, ob ich das wolle. Es ist nun einmal dieses Klassentreffen-Phänomen. Und das war auch noch meine Idee gewesen! 😉

Florian meinte, er bringe doch seine Frau Mona mit, und dann könnte ich mich doch mit ihr unterhalten oder etwas machen. Aha. Wir hatten also auch schon ein „Damenprogramm“, wie es aus Vereinen mit ausschließlich männlicher „Besetzung“ bekannt ist. Während sich die Männer die Kante geben, Zoten reißen und sich wie echte Kerle fühlen, gehen die zugehörigen Damen dann nett zusammen ins Theater, Musical oder sonst eine Kulturveranstaltung, die die Herren hinsichtlich der Damen für angemessen halten. So will es das Protokoll. 😉 Und keine der Damen hat gefälligst etwas dagegen zu haben, sondern brav mitzugehen. Auch das sieht das Protokoll so vor. 😉

Absolut nichts gegen Mona, die ich sehr mag und schon lange nicht gesehen habe. Einzig dieser „Damenprogramm“-Aspekt ist nicht so meins. „Damenprogramm“ und „Katzentisch“ – das geht alles in dieselbe Richtung.

Und so überlege ich, ob ich vielleicht statt am 28. Juli, dem Tag des „Klassentreffens“, schon am 27. anreise, mich lieber mit Florian und Mona allein treffe und dann wieder abreise.

Wieder etwas gelernt: Nostalgische Wiedervereinigungen sind schön, da so viele alte Erinnerungen wiederaufleben. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein, dass nicht alle alten Erinnerungen einem angenehm sind. Und seien es nur flache Witze und „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Gebaren. Oder eine bisweilen schwer bezähmbare Neigung zur Kritik. 😉 Nicht wahr? Man selber ist ja auch Teil dieser Erinnerungen, sowohl angenehm, als auch weniger angenehm. Denn so ehrlich muss man auch mit sich selber sein.

Ich bin auf alle Fälle verschnupft. Nein, nicht im übertragenen Sinne. Ich leide seit Donnerstagabend unter einer heftigen Erkältung im reinsten Sinne. Fieber, Halsschmerzen – und das bei um die 30 Grad Außentemperatur. Wahrscheinlich die Strafe für mein ungebührliches Anti-Damenprogramm-Gezicke. 😉

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