Frankreich lieben lernen

Ich hatte ja schon immer ein kleines Problem mit Frankreich. Schon immer? Nein, eigentlich eher, seit ich den Französisch-LK bei Monsieur Faubourg hatte [alle Namen geändert, die Pseudonyme aber niemals grundlos gewählt], der alles Französische in den Himmel hob und speziell mir damit gewaltig auf die Nerven fiel. Er beabsichtigte anderes, als er bei mir auslöste, und ich vermute, ein nicht geringer Teil meiner LK-Kameraden hat oder hatte ein ähnliches Problem mit Frankreich. Bis auf die a priori Besessenen.

Mehrfach hatte ich Frankreich bereist, und – ich muss es zugeben – es hatte mir eigentlich immer gefallen. Irgendwie. Aber da war immer etwas, das mich daran hinderte, ein echtes Lob auszusprechen. Es lag wohl wirklich an M. Faubourg aus Lille, den ich – wurde er intolerant – wiederholt fragte, ob er eigentlich wirklich Franzose oder nicht eher Süd-Belgier sei. Danach war er immer ganz zahm, wenn er auch behauptete, ich sei ein Nagel zu seinem – speziell durch mich initiiert – viel zu früh heimgesuchten Sarg.

Ich war bereits mehrfach in Paris nebst Vorstädten gewesen, da ich nicht immer nur privat, sondern auch beruflich nach Frankreich musste. Als Siebzehnjährige im Baskenland gewesen – wunderschön, und ich kann es nur empfehlen! 2011 hatte ich das Elsass besucht und in Strasbourg, wo wir Quartier bezogen hatten, mit bissigen kleinen Hunden zu tun bekommen, die knapp hinter dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – was die Hunde wohl nicht wussten – ausgerechnet mich bissen, obwohl mein Ex Dirk an der Attacke schuld war (Näheres gern auf Anfrage), da er einem der kleinen Hunde die Zuneigung verweigert hatte, und das mit den Worten: „Ich mag keine Hunde! Weg mit euch!“ Ich frage mich noch heute, warum ausgerechnet ich zum Ziel der beiden kleinen Kerle wurde, deren einen ich noch ungestört hatte streicheln können, nachdem dieses Verdikt gefallen war! Eigentlich ungerecht, zumal Dirk, als wir schon rannten, was ich normalerweise niemals tun würde und – was ich normalerweise noch weniger tun würde – mit meiner Tasche nach der impertinenten kleinen Hündin schlug, die mir – ja, mir! – an den Fersen hing, hineinbiss und mich wirklich bissig verfolgte und mir wehtat, überhaupt nicht begriff, was Sache war und in welche Situation er uns, besser: mich gebracht hatte! Ich hatte doch gar nichts getan! Im Gegenteil – ich war freundlich zu den beiden apricotfarbenen und gelockten Hündchen gewesen! Dirk war der Arsch! Aber wen verfolgten die kleinen Arschgeigen? Ja, nee – ist klar! Hätte mir vorher jemand erzählt, ich würde mal nach Hunden schlagen, und sei es nur mit einer Tasche, hätte ich mir diesen Menschen sicherlich vorgeknöpft und ihn gefragt, was er gerade geraucht, getrunken oder sonstwie konsumiert hätte. Auch hätte ich wohl jeden als Deppen betitelt, der vor Hunden wegrennt – jeder weiß doch, dass das deren Jagdtrieb nur anstachelt. In jener Situation damals stand ich ungelogen unter Schock: zu Unrecht gebissen, obwohl ich die Rolle des „good cop“ innehatte, reagierte ich völlig anders als sonst.

Richtig schlimm war, dass mehrere Anwohner die kleine, fiese Hündin, die nur mich biss, auch noch anfeuerten! Im Elsass scheint die alte Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen vor allem bei älteren Menschen noch zu leben. Nur traf es mich doppelt ungerecht! Ich war zu allen freundlich, da ich mich ja als Gast sah. Dirk war da anders, und er schrie mich an, warum ich denn nicht schneller liefe.

Am Ende der Straße sank ich irgendwann mit dem Hintern auf ein Gartenmäuerchen – inzwischen fühlte sich die freche kleine Hündin nicht mehr zuständig, nachdem ich sie derart wütend angeschrien hatte, dass sie wohl selber überrascht war und die Verfolgung eingestellt hatte. Dirk motzte und meinte: „Was setzst du dich denn jetzt hier hin?“ Ich zog nur wortlos mein rechtes Hosenbein hoch – darunter eine recht raumgreifende Quetschwunde in „bleu et rouge“, und das mit einigen Abschürfungen und sogar Zahnabdrücken. Dirk staunte: „Was ist das denn?!?“ Ich erklärte, die Hunde hätten mich gebissen – das hatte er gar nicht mitbekommen, schon gar nicht, dass er der Auslöser dafür gewesen war. Dann brach ich in Tränen aus – es war so ungerecht: Ich mag Hunde, werde aber aufgrund der deutlichen Ablehnung meines Begleiters gebissen. Und der kapiert nicht einmal die Situation! Dafür wollte er mich danach unbedingt zu einem Arzt bringen! „Bist du gegen Tetanus geimpft?“ – „Bist du es?“ – „Nein.“ – „Dann ist es ja gut, dass nur ich gebissen wurde: Ich bin es.“ Wie besorgt er auf einmal war! Noch heute bin ich ein wenig verärgert – vielleicht hätte er sich vorher etwas vorsichtiger benehmen können. Aber das war seine Sache ja nie …

Das war 2011. Danach war ich nicht mehr in Frankreich. Erst letztes Jahr wieder. Zusammen mit Meike. Sie wollte Urlaub machen, ich auch. Beide derzeit allein, und wir verstanden einander eigentlich immer recht gut. Warum also nicht? Und so fuhren wir gen Frankreich – eine Woche lang. Im August.

Eigentlich hatten wir hauptsächlich in die Normandie gewollt. Normandie! Die hatte ich immer nur am Rande berührt, wenn ich in Frankreich gewesen war. Aber so schöne Dinge kommen aus der Normandie – speziell die drei wunderbaren C: Camembert, Cidre und Calvados! Und ich wollte unbedingt einen der Strände besuchen, die beim D-Day eine so große Rolle gespielt hatten.

Wir fuhren los, die Sonne schien. Die Sonne schien auch noch in Belgien. Warum auch nicht?

Wir überquerten die belgisch-französische Grenze. Das Wetter wurde immer schlechter, und als wir im ersten normannischen Ort unserer Reise ankamen, hatten wir schon mehrere tiefe Pfützen auf verschiedenen Straßen überquert, auf die durch Schilder mit der Aufschrift: „Gare! Inondation!“ aufmerksam gemacht wurde.

Bei grauem Himmel und bereits fallenden Regentropfen größeren Kalibers schleppten wir unser Gepäck ins Hotel. Abends dann im Nachbarort essen. Von Starkregen zwar nicht überrascht, aber überwältigt, und ich habe zuvor niemals derart durchnässt in einem Restaurant zu Abend gegessen.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter, nahmen Quartier, besuchten den „Gold Beach“ und Bayeux, für mich als Anglistin besonders interessant. Auf der Rückfahrt nach einem wunderbaren Abendessen noch mitten im dunklen Hinterland mit fast leerem Tank auf der Suche nach einer Tankstelle … Keine von uns hatte auf die Tankfüllung geachtet – es war aber auch trotz des Regens zu schön.

Weiter ging’s am nächsten Tag. Immer noch Dauerregen, auch Landregen genannt, und so besuchten wir Mont-Saint-Michel. Natürlich durchnässt, denn es schüttete wie aus Eimern. Zum Glück war Meike so klug gewesen, bereits am zweiten Morgen umzubuchen, noch in Étretat, unserer ersten Station. Und so waren wir nur eine Nacht am Folgeort geblieben, besuchten aber von dort Saint-Malo, wo ich sofort hinziehen würde, aßen dort zu Abend. Ausnahmsweise nicht durchnässt. 😉 Nur gab es da ein Problem mit dem Parkautomaten, der partout weder Kreditkarte, noch Bargeld von uns akzeptieren wollte. Einem sehr netten französischen Paar, speziell der männliche Part mit einem wunderbar sarkastischen Humor ausgestattet, obwohl er uns für Engländerinnen hielt, was aus französischer Perspektive einer Beleidigung gleichkommt, haben wir zu verdanken, dass wir überhaupt von dem Parkplatz wegkamen. Als die beiden mitbekamen, dass wir sie durchaus verstanden, waren sie gleich noch netter. 😉

Am nächsten Tag ging es weiter nach La Rochelle. Das lag viel weiter südlich, als wir eigentlich hatten fahren wollen. Aber wir fuhren dem guten Wetter hinterher. Doof nur, dass es am ersten und einzigen Abend in La Rochelle wie aus Eimern schüttete. Aber schön war es trotzdem! Wir saßen vor einem Bistro unter einem riesigen Sonnenschirm, auf den der Regen pladderte, und wir aßen wunderbares französisches Essen und tranken Wein dazu. Danach störte mich auch der große Wasserfleck an der Decke meines „appartements“ nicht mehr. Und am nächsten Tag strahlte die Sonne vom Himmel – was wollte man mehr?

Nicht zu vergessen die Île de Ré, wo wir zuvor gewesen waren, „moûles frites“ gegessen, Wein getrunken und umherflaniert waren, Esel in Hosen gesehen hatten, ebenso „Tourists go home!“-Graffiti. Und das Fort de la Prée hatten wir dort besucht. Alles schön und entspannt.

Am nächsten Morgen in La Rochelle strahlte die Sonne vom Himmel, und wir flanierten durch die Stadt, die hinsichtlich ihrer Bauwerke so anders aussah als die Normandie – man merkte, man war erheblich südlicher. Viel Geld ausgegeben, aber nur für schöne Dinge. 😉 Und ich glaube, wir sind beide ungern wieder weggefahren – es war so schön dort!

Doch da, wohin wir als Nächstes fuhren, war es auch schön. Zurück gen Norden ging es, nach Chinon in der Touraine. Wir besuchten die „Forteresse Royale de Chinon“, und ich bewunderte Meike, die so viel durchtrainierter war als ich – sie schaffte auch den Auf- bzw. Abstieg in einen weiteren der Türme, als ich schon, nach Luft schnappend, nach zweien aufgab. Meike ist Nichtraucherin. 😉 Ich blickte lieber von oben auf die Landschaft und die Vienne, die unterhalb der Festung gemächlich dahinfloss …

Das Hotel war klasse, obwohl eine Spinne in meinem Zimmer war und es keinen Aufzug gab. Wir aßen abends in einem schönen Restaurant „coq au vin“, dann saßen wir noch auf dem Marktplatz vor unserem Hotel und tranken Wein.

Am nächsten Tag ging es weiter durch die Champagne gen Reims. Meiner Mutter hätte die Landschaft sicherlich sehr gefallen – sie kommt aus einem Weinanbaugebiet. Mir gefiel sie auch, aber es gab sehr viel davon. Haufenweise Landschaft mit Weinbergen. Und viele kleine Orte. Sonst: nichts. Doch dann tauchte sie mitten im Nichts vor uns auf: eine Stadt! Genauer: Reims. Wie eine Oase mitten in den Weinbergen. Nach all der Landschaft war ich ganz aufgeregt – vor uns Zivilisation, so schön die Landschaft auch gewesen war, aber irgendwann hatte ich gedacht, dass es nur mehr Weinberge gebe, keine Orte mehr. Ich bin das nicht gewohnt – ich komme aus einer Metropolregion. 😉

Zunächst steuerten wir „Leclerc“ an, einen riesigen Supermarkt. Dort fand ich, was mir noch fehlte. Ein französisches Kochbuch war das Erste, das in den Einkaufswagen wanderte. Nicht, dass ich nicht schon mehrere französische Kochbücher besäße und nicht schon am Mont-Saint-Michel eines gekauft hätte … 😉 Dann folgten einige Schreibblocks und Kladden mit originalfranzösischer Lineatur – ich kaufe auch hier in Deutschland gern „Clairefontaine“-Hefte und -Collegeblocks. Französisches Duschgel, französischer Kaffee für meine „Bodum Original French Press“ (und ich habe selten so guten Kaffee getrunken, hätte erheblich mehr davon in Frankreich kaufen sollen, denn er erinnerte mich an meinen ersten Aufenthalt in „la douce France“ im Baskenland vor vielen Jahren), französischer Senf, französische Café-au-lait-Schalen folgten. Und bunte Wassergläser! Ich liebe Buntglas, habe eine unerklärliche Schwäche dafür. Ich habe eine leise Ahnung, woran es liegen könnte. 😉

Das Hotel war interessant. Mein Zimmer war ganz in Violett gehalten, in einem der oberen Stockwerke, und der Blick aus dem Fenster war wenig attraktiv, da ich auf Dächer und Abzugs- und Lüftungsvorrichtungen blickte. Doch Meike hatte es weit schlimmer getroffen. Ihr Zimmer, ganz in Gelb gehalten, blickte auf einen finsteren Innenhof hinaus, so finster, dass es kaum zu beschreiben ist. Ich bot ihr an, zu tauschen, aber sie war höflich und meinte, das störe sie nicht. Nicht so sehr. 😉 (Nein, nichts gegen das Hotel – es war gut. Bis auf Meikes Zimmer, okay. 😉 )

Wir „flohen“ schnell in die Stadt, wo das Leben tobte. Weit mussten wir nicht gehen, denn einer der Vorzüge des Hotels war, dass es zentral gelegen war. Wir gingen zur Kathedrale, dann suchten wir ein Restaurant. Da es sehr warm war, konnten wir draußen sitzen. Die Stimmung in Reims ließ mich überlegen, dass es für mich problematisch wäre, zu entscheiden, in welcher der Städte, die wir besucht hatten, ich wohl am liebsten leben würde. Ich weiß es bis heute nicht, aber Reims hätte sehr gute Chancen, obwohl es – anders, als die anderen Orte, außer Chinon – nicht am Meer liegt oder in der Nähe des Meeres. Und ich liebe das Meer … 🙂

Am nächsten Tag ging es nach Hause. Die einwöchige „Tour de France“ war beendet. Aber ich denke immer gern daran zurück. 🙂

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