Über das korrekte Leben und Heilsversprechungen

Ich werde nie vergessen, wie meine frühere Hausärztin in Aachen mal zu mir sagte: „Frau B.: Allen Menschen Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.“ Den Satz von ihr habe ich nie vergessen. Wir kannten einander recht gut, duzten einander später auch, und sie wusste, dass ich bisweilen zum Grübeln tendiere, mir oft Schuhe anziehe, die mir gar nicht passen. Und dass Konflikte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehören – im Gegenteil. Es mag auf Menschen befremdlich wirken, die mich alltäglich erleben, denn sie würden denken, dass das ja gar nicht stimmen könne – nach außen wirke ich wohl ganz anders. Ja, klar, ich weiß, dass es ohne Konflikte nicht geht, auch, dass man seine Meinung sagen muss, wenn eine Sache unerträglich ist – und das tue ich auch. Je häufiger und ärgerlicher, desto weniger erträglich eine Sache. Das Erfreuliche daran: Das tue ich nicht nur, wenn es um mich geht. Sonst könnte man und müsste auch ich mir vorwerfen, mich in Selbstmitleid zu suhlen. Das tue ich aber nicht. Es ist nur einfach nicht auszuhalten, wenn schwere Ungerechtigkeit geschieht, egal, gegen wen. Das bereitet bisweilen ungelogen körperliche Beschwerden, und in solchen Zeiten häufen sich bei mir unter anderem Migräneanfälle oder Magenbeschwerden.

Doch weg vom allzu Ernsten, denn: Man kann ja etwas dagegen tun. Nein, nicht gegen die Ungerechtigkeit an sich vielleicht, so aber doch gegen Migräne, Magen- und sonstige Beschwerden. Man kann sogar prophylaktisch tätig werden!

Das ist bei mir natürlich ein bisschen problematischer, denn ich bin Raucherin und tue mich mit dem Aufhören schwer. Klassisches Zitat: „Das Rauchen aufzugeben, ist ganz einfach. Ich habe es schon hundertmal gemacht.“ Da fängt das Elend schon an. Das Rauchen ist an allem Möglichen schuld – vor allem, wenn man meine Mutter reden hört. Einmal monatlich auftretende Bauchschmerzen? „Kommt alles vom Rauchen.“ Migräne? „Kommt alles vom Rauchen.“ Ungeliebter Arbeitsplatz? „Kommt vom Rauchen.“ Sehnenscheidenentzündung? „Rauchen.“ Liebeskummer? „Rauchen.“ Wunderbar, wie einfach das Leben wäre, würde ich nur nicht rauchen …

Ein früherer Chef meinte einmal, als er hörte, dass ich mir beim Friseur Strähnchen machen lasse: „Nein, Frau B.! Lassen Sie das! Das ist krebserregend!“ Ah, ja. Derselbe Chef warnte mich auch vor den finsteren Auswirkungen von Kontaktlinsen – was damit alles passieren könne! Wir fassen zusammen: Ich würde wohl superglücklich durch die Welt wandeln, würde ich nichtrauchend und mit fad-aschblondem Haar und einer reizenden Nickelbrille einherschreiten! 😉 Ich werde es mir in etwas über einem halben Jahr am Silvesterabend ganz, ganz fest fürs kommende Jahr vornehmen.

Glücklicherweise gibt es so viele Dinge, mit denen man das Gewissen zumindest ein bisschen beruhigen kann: hochwertige Lebensmittel und sonstige Gebrauchsgüter dieser Art. Gut, sie machen zwar die Auswirkungen von Nikotin, Teer, sonstigen finsteren Substanzen, die sich erst in den Zigaretten und dann in der Lunge befinden, nicht ungeschehen, und auch die Gefahr, die von Haarfärbemitteln und bösen Kontaktlinsen ausgeht, bleibt unverändert bestehen, aber zumindest an einer anderen Stelle kann man sagen: „Ha! Seht ihr! Ich bin ein bewusster Konsument!“

Und Industrie und Handel machen es uns ja heutzutage auch ganz leicht. Es begann vor diversen Jahren, als ich in einen Supermarkt ging und Joghurt kaufen wollte. Naturjoghurt natürlich, nicht diesen Schnickschnack mit Früchten wie zum Beispiel Erd- oder Himbeeren, deren Authentizität Zweifel aufkommen lässt. Und da stand ich vor dem Kühlregal und las an mehreren Stellen den Begriff „probiotisch“. Aha. Spannend. Und diese Joghurts sollten die Crème de la crème sein – absolut gesund. Ich wunderte mich über den Begriff „probiotisch“, der eigentlich nur „für das Leben“ bedeutet. Klar – für das Leben! Aber wenn dies das Alleinstellungsmerkmal jener Joghurtsorten war: Was waren dann die anderen Sorten? Nicht für das Leben, ergo keine Lebensmittel? Nichtsdestotrotz kaufte ich eine Viererpackung des Wundermittels und probierte zu Hause. Außer, dass der Joghurt wie eingeschlafene Füße und erschreckend muffig schmeckte, fand ich nichts Besonderes daran. Mal abgesehen vom Preis – der Joghurt war mehr als doppelt so teuer gewesen wie konventioneller Naturjoghurt. Nur war der konventionelle Joghurt ausverkauft gewesen, weswegen ich überhaupt nur auf den Hightech-Joghurt ausgewichen war, da ich eine „Joghurt-jetzt-sofort“-Attacke hatte.

Ich probierte danach noch weitere probiotische Joghurts und auch einen probiotischen Quark – auch das eine Riesenenttäuschung und -ernüchterung. Und noch schlimmer kam es, als ich las, wie die reizenden Mikroorganismen, die einen stinknormalen Joghurt zu einem herausragenden und lebensverlängernden Wundermittel machen sollen, „geerntet“ werden. Vor allem, woraus man sie gewinnt. Bah! Und da regen sich Leute darüber auf, dass in der Erdbeerjoghurtproduktion Holz bzw. Sägespäne als Aromalieferant benutzt werden! Wenn sie erst wüssten, woraus die putzigen probiotischen Mikroorganismen gewonnen werden … 😉

Hinzu kam, dass man die Wirksamkeit der Probiotika schon relativ früh in Frage stellte, da viele dieser wertvollen Mikroorganismen die Magenpassage gar nicht überstehen oder spätestens im Dünndarm quasi von den „Eingeborenen“ niedergemetzelt werden, bevor sie eine wie auch immer geartete Wirkung entfalten können. Gewissermaßen nicht einmal „killed in action“, sondern „before“. Von mir aus dürfen gerne überzeugte Probiotik-Anhänger weiterhin überhöhte Preise für Produkte fragwürdiger Effizienz bezahlen – ich nicht. Ich, anerkannter „danger seeker“, kaufe weiterhin ganz leichtsinnig konventionellen Naturjoghurt. Aber irgendwie habe ich auch den Eindruck, dass Probiotik gar nicht mehr so en vogue sei …

Seit einigen Jahren grassiert nämlich die Laktoseintoleranz wie dazumal die Pest. Merkwürdigerweise wussten vor diesem Trend viele Leute gar nicht, was das eigentlich sei – inzwischen ist gefühlt die halbe Bevölkerung laktoseintolerant. Offenbar handelt es sich um eine Epidemie … Ich frage mich, ob die sich wirklich alle darauf haben testen lassen oder ob das Ganze nicht – wie ein modisches Accessoire – getragen werde. Ich will nichts unterstellen, aber ich hege bisweilen mikroorganismengroße Zweifel daran, dass so viele Menschen auf einen Schlag … Und wie einst die probiotischen Bedarfsartikel übervölkern nun laktosefreie Lebensmittel die Supermarktregale – zu entsprechenden Preisen, versteht sich. Neulich musste ich im Supermarkt lange suchen, um stinknormalen Joghurt zu finden. Ist das denn normal?

Ich musste mich selber mal auf Laktoseintoleranz testen lassen, und ich weiß noch, wie ich bangte, ich könne davon befallen sein – ich liebe Milchprodukte, und ich liebe Rohmilchkäse. Stundenlang saß ich dort, alle halbe Stunde wurde mir nach dem frühmorgendlichen einmaligen „Genuss“ von 400 ml Milchzucker-in-Wasser-Lösung Blut aus sämtlichen Fingerkuppen der linken Hand nacheinander entnommen, bis ich entnervt meinte: „Wie gut, dass ich nicht Geige spiele – das wäre dann heute nix mit Üben.“ Zum Glück fiel der Test negativ aus – der Rohmilchkäse war für mich gerettet. Und so frage ich mich wirklich, ob denn alle, die für sich postulieren, laktoseintolerant zu sein, auch wirklich solch einen Test gemacht haben. 😉 Ich habe auch schon einige dieser Leute gefragt. Die Antwort war jedes Mal die gleiche: „Ach, da gibt’s einen Test? Ich habe das selber herausgefunden. Man muss nur in sich hineinhorchen. Das ist doch auch normal – die meisten Menschen sind laktoseintolerant.“ Nun, ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass die meisten Menschen diese Intoleranz aufweisen. Aber nichtsdestotrotz gibt es nun ganz viele überteuerte Lebensmittel. Auch ich musste die mal zwangsweise mitessen – im Urlaub mit einer laktoseintoleranten Bekannten. Die ist aber wirklich intolerant (und nicht nur Milchzucker betreffend), ärztlich getestet, und dagegen ist nichts zu sagen. Warum wir aber alle, wie sie, laktosefreie Milchprodukte zu uns nehmen mussten, sah ich nicht so ganz ein. Angeblich schmeckten die genauso gut wie die milchzuckerhaltigen. Eine Lüge. 😉

Auch die Aufschrift „Bio“ bereitet ein ruhiges Gewissen, nicht wahr? Ich denke, darüber muss ich gar nichts sagen – es bestehen berechtigte Zweifel, dass auch überall, wo „Bio“ draufsteht, Bio drin ist. Da kann man nur hoffen, denn nicht alle Leute haben die Zeit oder die Gelegenheit, einen Hofladen aufzusuchen, wo die Chance, wirkliches Bio-Gemüse, -Obst und -Fleisch zu bekommen, recht hoch ist.

Ich habe mir neulich ein echtes Bio-Shampoo gekauft. Weg mit den ganzen bösen chemischen Substanzen, von vielen Leuten abgelehnt, die irgendwie vergessen zu haben scheinen, dass die gesamte Natur aus Chemie besteht. 😉 Aber ich denke auch, man muss nicht die ganz große chemische Keule verwenden, und so kaufte ich ein gar wunderbares Bio-Shampoo mit Wildrosenduft (sicherlich aus echten Wildrosen gewonnen – und ich liebe Rosen … ). Was soll ich sagen? Ich habe ein gutes Gewissen. Aber mein Haar hat unter der Benutzung des Naturwerkes seinen Glanz eingebüßt, ist nach jeder Wäsche stumpf – und vom Durchkämmen wollen wir lieber gar nicht sprechen. Immerhin wird das Haar sauber, und das ist auch der Grund, warum ich das Shampoo nicht weggeworfen habe oder zum Händewaschen benutze. Blöd ist halt nur, dass ich nun – um das stumpfe und widerspenstige Haar durchkämmen zu können – ein Pflegespray benutzen muss, das man nach dem Waschen auf das nasse, sperrige Haar sprüht, auf dass es leicht kämmbar werde. Darin enthalten: chemische Keule. Sehr wirksam, das Bio-Shampoo, und offenbar nur für Trägerinnen extremer Kurzhaarfrisuren oder Fakire geeignet.

Nicht alles ist schlecht – es gibt auch viele gute Sachen. Aber eben auch viel Geldschneiderei, und da sollte man immer gut aufpassen, dass man nicht auf wunderbare Heilsversprechungen hereinfällt. Ich muss es gestehen: Mir gelingt das beileibe nicht immer. 😉

Und nun werde ich mal in mich hineinhorchen, ob da nicht irgendwelche Zeichen seien, dass mein Körper mir etwas mitteilen wolle. Oh! Da ist etwas! Mein Magen knurrt. Zeit fürs Mittagessen. Natürlich ganz gesund und auf Gemüsebasis. Bio-Gemüse, versteht sich.

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