„My home is my castle“ – Studentenwohnungen

Ich weiß nicht, wie es heute um Studentenwohnungen bestellt ist. Ich halte mich derzeit selten in solchen auf. Manche Studis leben in Wohnheimen, andere bei Mama und Papa, und wieder andere haben eigene Wohnungen. So wie ich damals in Aachen.

Darüber war ich auch froh und dankbar. Man fühlte sich gleich erwachsener. 😉 In einem Wohnheim hätte ich mich wahrscheinlich eher interniert gefühlt, was zwar Quatsch ist, aber gegen Gefühle und Empfindungen ist ja meist kein Kraut gewachsen. Weiterhin bei meinen Eltern zu leben, widerstrebte mir auch sehr. Nichts gegen meine Eltern, aber mit meinem Abitur war der Lebensabschnitt für mich abgeschlossen, in dem ich bei meinen Eltern lebte. Man konnte einander ja auch so sehen. Wäre es nicht anders möglich gewesen, gut! Aber ich kam gar nicht auf die Idee, in Bochum, Dortmund oder Münster zu studieren. Das Ende der Schulzeit war für mich ein echter Einschnitt, und ich wollte weg aus dem Ruhrgebiet. Zumindest temporär, denn ich bin ja wieder da … 😉

Meine erste Wohnung in Aachen war allerdings ein echter Kompromiss, denn ich sollte sie mit meiner Schwester bewohnen, die jedoch zunächst zwei Urlaubssemester hatte – das nennt man heute wohl „Sabbatical“. Gefiel mir gar nicht – ich hätte lieber etwas für mich allein gehabt. Stephanie und ich sind so verschieden – wie sollte das gutgehen? (Ich nehme mal vorweg: Es ging nicht gut.)

Die Wohnung war interessant: Im vierten Stock eines alten Hauses in Aachen-Nord in der Nähe der Jülicher Straße gelegen, hätte jeder Brandschutzbeauftragte die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Es handelte sich um eine mit sehr viel Holz ausgebaute Dachwohnung, die im Brandfalle eine Brandfalle gewesen wäre. Nicht ihr einziger Nachteil. Die Elektrik in dieser Wohnung ließ meinen Vater, der sich um die Installation sämtlicher Elektrogeräte und Lampen kümmerte, mehrfach – völlig ungewohnt – laute Flüche absondern. Ebenso die rhetorische Frage, ob die Elektrik von einem potentiellen Massenmörder installiert worden sei. Und er sparte nicht mit Warnungen, wohl aber durchaus zu Recht. Kopfschüttelnd stand er da, betrachtete besorgt das viele Holz, mit dem die Wohnung ausgebaut worden war und meinte: „Man kann nur beten, dass es hier nie brennen möge!“ Mich wundert noch heute, wie Papa, der ein technischer Bedenkenträger ist, damals je in den Schlaf kam. 😉

Trotz aller massiver Sicherheitsrisiken war es eine gemütliche Wohnung mit einer Wohnküche, zwei Zimmern und einem Bad mit Badewanne. Blöd nur, dass in der Wohnküche nur ein Dachfenster und eine Dachgaube mit Fenstern mit Einfachverglasung waren. War es sehr stürmisch und man saß am Küchentisch, wehten einem mehr oder minder sacht die Haare, da die Fenster wohl nicht ganz dicht waren.

Ein Vorteil dieser Wohnung war, dass man, wohnte man dort, sehr fit war. Denn es waren 77 oder 78 Stufen zu bewältigen, wenn man von oben nach unten oder von unten nach oben wollte. Und: Es gab eine Putzfrau fürs Treppenhaus.

Nachdem Stephanie zurückgekehrt war, stellte sich rasch heraus, dass ein Zusammenleben unserer zwei Wenigkeiten in einer vergleichsweise kleinen Wohnung unmöglich war: zu verschieden die Charaktere und Gewohnheiten. Und so suchte ich mir leicht genervt etwas Neues …

Meine zweite Wohnung war eher zentral gelegen, in der Region Innenstadt-Westviertel, nicht weit vom Westpark entfernt, wo wir im Sommer gegrillt haben. Als ich die Wohnung besichtigte, wies mich die Vormieterin auf das Glück des nahe gelegenen Parks hin und meinte: „Und ganz toll ist, dass ich hier mal Fledermäuse in der Wohnung hatte, in einem Sommer! Die sind wohl vom Westpark gekommen. Das war faszinierend.“

Au ja! Fledermäuse in der Wohnung – auch für mich eine ganz tolle Vorstellung … Nichts gegen die Tiere, aber ich wäre aus dem Schreien wohl nicht herausgekommen, hätte ich abends vor der Glotze gesessen und die Tiere wären mit ihren ledrigen Schwingen um mich herumgeflattert … Aber ich kann mich meist gut beherrschen, lächelte fröhlich und meinte: „Interessant!“ Im Geiste notierte ich: „Fenster abends unbedingt schließen!“

Diese Wohnung war eigentlich keine „Wohnung“, sondern ein Einzimmer-Apartment. Größter Nachteil: Das Bad war auf dem Treppenflur, und ich musste es mit dem Nachbarn teilen. Aber ich kannte den Nachbarn durch einen Bekannten, und mit Udo kam ich auch gut klar. Leider zog er nach Beendigung seines Studiums aus, und der Nachbar, der dann einzog, war badtechnisch ein einziges Ärgernis. Klappte den Toilettensitz nicht wieder hinunter, da er lieber im Stehen … Nun ja. Wenn er wenigstens das Bad geputzt hätte! Machte er aber auch nicht, um die Hinterlassenschaften durfte ich mich dann kümmern. Und Einsicht war von ihm auch nicht zu erwarten – er war von Beruf Sohn, wie sich bei Besuchen seiner Eltern herausstellte. Und dann zog auch noch seine Freundin ins Haus – die war wohl hauptberuflich Tochter. Hatte aber ein eigenes Bad. Die beiden passten zusammen wie Arsch auf Eimer, wie man hierzulande sagt.

Immerhin lag das Apartment mit seiner 3,50 m hohen und stuckverzierten Decke in der „Beletage“ im ersten Stock, hatte die höchste Decke und die größten Fenster. Was aber wiederum ein Nachteil war, denn ich bin nicht sonderlich groß, und Fensterputzen war im Grunde immer mit Lebensgefahr verbunden. Daher putzte ich die Fenster auch nicht übermäßig oft, da ich jedes Mal in der Gefahr schwebte, abzustürzen, wenn ich mich auf der Leiter ganz nach oben begeben musste, neben mir die Fensteröffnung, darunter die Straße.

Ein weiterer Vorteil, über den ich mich zunächst gefreut hatte, entpuppte sich als Nachteil. Die Wohnung lag nur etwa fünf Minuten vom Institut entfernt, in dem ich mein Hauptfach studierte. Und nur etwa zehn Minuten vom Institut entfernt, in dem ich für mein zweites Nebenfach eingeschrieben war. Wunderbar! Ich würde nie wieder zu spät kommen! Dachte ich. Die Realität sah so aus: Ich bin nie so oft zu spät gekommen wie in der Zeit, in der ich dort wohnte! Man denkt, man könne ja bequem morgens etwas länger liegenbleiben, aber dann übertreibt man es im Bewusstsein, dass es ja nur fünf Minuten … Und schon ist man viel zu spät.

Auch Pausen zwischen einzelnen Lehrveranstaltungen können so zur Falle werden. Als ich noch weiter entfernt im Nordviertel gewohnt hatte, ging ich zwischen den Veranstaltungen entweder in die Bibliothek oder in die Stadt. Die Bibliothekslösung war eindeutig die bessere, da man dort ja „in medias res“ war und weniger abgelenkt wurde. Ging man in die Stadt, vor allem zur Weihnachtsmarktzeit, konnte man schon einmal spontan entscheiden, dass es ja kein Beinbruch sei, die Shakespeare-Vorlesung mal auszulassen, weil man Interessanteres in der Stadt gefunden hatte. Und nun mit der Wohnung vor der „Arbeitsstätte“ war es oft so, dass ich zwischendurch nach Hause ging und dann die Couch doch sehr bequem war. Das geschah zwar nicht übermäßig oft, aber ich hatte immer ein schlechtes Gewissen und dachte: „Wärest du im Nordviertel geblieben, wäre das nicht passiert.“

Und dann zog meine Schwester aus Aachen weg – sie hatte ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Nach meinem Auszug war sie zu ihrem damaligen Freund in dessen Wohnung gezogen. Und nun zogen die beiden aus. Ich übernahm die Wohnung, da diese immerhin ein richtiges Zimmer und eine Küche sowie Bad hatte. Zurück ins Nordviertel.

Ansonsten war auch diese Wohnung interessant: Sie verfügte im doppelten Sinne über schräge Wände. Eine Dachwohnung. Warum im doppelten Sinne? Nun ja, es gab nicht nur Dachschrägen, sondern die Wände waren auch in sich irgendwie schief und krumm. Möbel aufzustellen, war nicht ganz so einfach – man musste etwas unterstellen. Dennoch hatte ich immer ein ungutes Gefühl, wenn ich meinen Kleiderschrank öffnete und der sich trotz untergestellter Holzkeile dabei stets sanft nach vorne neigte. Man musste ihn sehr behutsam öffnen. Eines Tages, so war mir bewusst, würde ich sicherlich von ihm erschlagen werden.

Die Fußböden waren im Wohn-/Schlafzimmer so krumm, dass man bequem Murmeln hätte spielen können. Von der Dusche wollen wir lieber gar nicht erst anfangen. Die war so ungünstig installiert, dass der Abfluss regelmäßig verstopfte, trotz penibler Entfernung jeglicher Haare nach dem Duschen. Aber mindestens einmal im Jahr musste ein Installateur mit einer Spirale her, der stets beteuerte, derjenige, der die Dusche installiert hätte, sei verantwortlich und die Installation idiotisch.

Besonders toll waren die Nachtspeicheröfen. Keine Ahnung, wie alt die waren, aber der Elektriker, den ich einmal wegen eines defekten Lüfters rufen musste, versicherte mir, die seien komplett asbestfrei. Jaja …

Nachtspeicheröfen in Kombination mit unzureichender Wärmedämmung sind übrigens auch sehr spannend. Als ich eines Wintermorgens erwachte und ins Bad gehen wollte, warf ich einen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, wie das Wetter sei. Aber was war das? Gitterstäbe? Knast? Ich war irritiert. Die Gitterstäbe stellten sich als Eiszapfen heraus – mörderisch spitze Eiszapfen beeindruckender Länge, von denen ich diverse Exemplare in den Folgetagen bewundern durfte.

Ein weiterer „Nachteil“ der Wohnung bestand in der räumlichen Nähe zur Firma Z. Bekannt für Marmeladen und Nussnougataufstriche, sowie weitere süße Produkte. Ein echter Nachteil war das durchaus nicht – nix gegen Z.! Nur an Tagen, an denen schokoladenhaltige Produkte gefertigt wurden, war es nicht ganz so toll, aber dafür kann die Firma nichts. Schokolade schmeckt sehr gut, wenn sie denn einmal fertig produziert ist. Sie riecht für meine Begriffe nur nicht ganz so gut, wenn sie produktionstechnisch be- oder verarbeitet wird. Ein bisschen wie verbrannte Pappe – man möge mir den Vergleich verzeihen. An solchen Tagen war es geraten, die Fenster geschlossen zu halten, und man freute sich auf den nächsten Termin, an dem Erdbeermarmelade produziert wurde. Das roch erheblich besser. Und oft roch man gar nicht, dass die Fabrik in der Nähe war. Nur dann, wenn der Wind ungünstig wehte. Blöd war nur, wenn ich meine hermetisch abgeschlossene Wohnung verließ, um zur Arbeit zu gehen, wo ich dann hoffte, auf „frischere“ Luft zu treffen und dann die Firma L. in Nähe meines Arbeitsplatzes bei ungünstig stehendem Wind produzierte – die ist weltberühmt für ihre … Schokolade.

Doch trotz ihrer Eigenheiten war diese Wohnung auch recht gemütlich. Das einzig Ungenießbare war Frau Stelzmann aus dem Hochparterre – aber davon habe ich ja schon einmal erzählt.

Alle meine Aachener Wohnungen waren im Grunde echte „Butzen“. Zwei davon Dachgeschosswohnungen, nachträglich ausgebaut, nicht komfortabel, sondern eher schnell, damit man sie an Studenten vermieten konnte. Aber trotz der Geschäftstüchtigkeit ihrer Besitzer hatten sie einen gewissen Charme, und manchmal, wenn ich an sie denke, werde ich ein bisschen wehmütig.

Wahrscheinlich liegt das aber weniger an den Wohnungen. Mehr an der Zeit.

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