Von Pflanzen, Tieren und Kindern: Alis schwarzer Daumen

Ich glaube, manchmal unterschätze ich mich. Ich bin daran gewöhnt, dass andere mich bisweilen fälschlicherweise unterschätzen, und so tendiere ich bei Dingen, bei denen ich bisher wirklich nicht so ein glückliches Händchen bewiesen habe, auch dazu.

Pflanzen, zum Beispiel, sind so eine Sache. Ich sage ja immer, dass ich einen „schwarzen Daumen“ hätte. Das ist keineswegs so gut wie ein Schwarzer Gürtel in Karate oder Taekwondo – ganz im Gegenteil. Eher angelehnt an den „grünen Daumen“, den man den echten Fachleuten in puncto Pflanzen nachsagt, bei denen auch eine noch so verschrumpelte Orchidee – in Panik hingebracht, weil man selber deren Aufzucht und Pflege offenbar nicht gewachsen ist und das arme Gewächs sich nun quält, binnen einer Stunde aufblüht, die kleinen Arme reckt und: „Yes, I can!“ ruft. Bis man es dann wieder abholt …

Ich sage immer, und das nicht ohne Grund, dass man mir Kinder und Tiere bringen könne – mit denen komme ich hervorragend klar. Dafür habe ich offenbar tatsächlich eine Art Händchen. Ich erinnere mich an einen Abend, damals noch in Aachen, als ich an der RWTH arbeitete, an dem mein Kollege Frederic, unsere Hiwi-Gruppe und ich mal im Park am Eurogress grillen wollten und Frederic seine beiden kleinen Töchter, Maria und Katharina, mitbrachte. Die beiden wohnten mit Mama und Papa am Rande des Parks im Erdgeschoss einer wunderschönen Jugendstil-Villa. Beide total süß und damals etwa viereinhalb, Mariechen, und knapp drei Jahre alt, Kathi.

Wir alle waren etwas überrascht, dass die beiden kleinen Mädchen auch mitkamen, aber Frederic meinte nur: „Als sie hörten, dass Ali hier sei, waren sie nicht zu bremsen. Ich hoffe, das stört euch nicht!“ Nein. Wie könnten zwei kleine Mädchen stören? 🙂 Und die beiden klebten die ganze Zeit an mir – sie kannten mich bereits, und aus Gründen, die mir damals selber nicht so ganz erklärlich erschienen, hatten die beiden kleinen Hühner einen Narren an mir gefressen. Ich erzählte ihnen Geschichten, während meine Kollegen um uns herum Bier tranken, rauchten und Würstchen und Steaks aßen. Ich kam gar nicht zum Biertrinken, Rauchen und Essen! 😉 Stattdessen sang ich Lieder mit den kleinen Hühnern, die mein Onkel Christian, seines Zeichens Grund- und Volksschullehrer im schönen Franken, mir als Kind beigebracht hatte. Sehr gut kam der „Seeschlangen-Song“ an. 😉 Der kommt bei Kindern immer gut an. 😉 Und es war auch gut, dass ich als Kind das Buch „So viele Tage, wie das Jahr hat: 365 Gedichte für Kinder und Kenner“, verinnerlicht hatte – zunächst vorgelesen von Muttern, später selber erforscht. Ein wunderschönes Buch mit lauter Gedichten, herausgegeben von James Krüss. Ich bin mit James Krüss quasi groß geworden und noch heute ein Fan. Vor allem, wenn ich mir ansehe, was man Kindern heute zum Teil so vorsetzt.

Kurz: Ich war bis etwa 21 h die Nüchternste von uns allen, und für eine Raucherin war ich total tapfer gewesen, denn ich kam nicht dazu, auch nur eine Zigarette zu rauchen. 😉 Die beiden kleinen Weiber hatten mich bis dahin okkupiert, an meinem Hals gehangen, auf meinem Schoß gesessen, wir waren um die Wette gerannt (die Hühner hatten – erstaunlich, obwohl ich doch längere Beine hatte – immer gewonnen … 😉 ), Verstecken gespielt, wobei ich sie nie fand (obwohl sie doch so gut sichtbar immer nur hinter Bäumen versteckt waren … 😉 ), und ich hatte diverse Kindergedichte von James Krüss, Josef Guggenmos, Peter Hacks und sogar Christian Morgenstern rezitiert, die ich seit meiner Kindheit auswendig kann, was zur Folge hatte, dass die kleine Kathi wieder und wieder schrie: „Nochmal den Elefanten!“ Denn der kleinen Kathi Lieblingstiere, wie sie mir im Vertrauen verriet, waren Enten und Elefanten – eine hervorragende Kombination! 😉

Demgegenüber erwärmte Mariechen sich mehr für „Das Huhn und der Karpfen“, war aber nicht ganz sicher, ob ihr nicht das „Möwenlied“ von Morgenstern lieber war, dessen Anfang sie schon zum leisen Lachen brachte: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie ‚Emma‘ hießen […]“ Das war auch eher ein Maria-Gedicht, denn die Kleine war anders als die impulsive Kathi, nachdenklicher und ruhiger. Kathi sehr selbstbewusst, Maria dagegen eher ruhig und etwas unsicher, weshalb ich mit ihr auch ganz anders umging als mit der selbstsicheren Kathi. Für beide hatte ich offenbar jeweils die richtigen Gedichte und Lieder auf Lager gehabt. Danke, Onkel Christian und Mama. 😉 Gegen 20:15 h lagen die beiden Mädels schlafend in meinem Arm, und Frederic meinte: „Ich bringe sie nach Hause – dann hast du auch endlich Ruhe.“ Und er nahm das kleine Mariechen auf den Arm, wovon auch Kathi wach wurde. Und sie schrie: „Nein! Ich will, dass Ali mitkommt!“ Davon wurde auch Maria wieder wach und wollte dann auch, dass ich mitkäme. Natürlich ging ich mit. Und ich musste dann noch einmal: „Ein Elefant marschiert durchs Land und trampelt durch die Saaten […]“ wie auch „Das Huhn und der Karpfen“ rezitieren: „Auf einer Meierei, da war einmal ein braves Huhn […]“. Und zum guten Schluss noch einmal den „Seeschlangen-Song“ singen. Zumindest die erste Strophe, denn im Laufe dieser schliefen die beiden Kleinen auch schon ein.

Und danach dann richtig grillen. 😉 Aber es war auch zuvor schon ein sehr netter Abend gewesen.

Zurück zu den Pflanzen, deren Freundin ich offenbar nie war. Meine Palme explodiert seit einiger Zeit, als wolle sie mir beweisen, dass meine Selbsteinschätzung völlig falsch sei. Von der Azalee, die meine Mutter mir vor knapp drei Jahren geschenkt hat und die noch immer lebt, ganz zu schweigen. Seit jüngster Zeit habe ich zwei Topfrosen auf dem Balkon, die jeden Tag tüchtig gegossen werden müssen – was habe ich mir nur angetan? Ich bin doch bisweilen etwas vergesslich. 😉

Es ist mir letztes Jahr etwas passiert, was ein wenig unheimlich ist. Ich hatte 2013 zu meinem Geburtstag im August von einer Kollegin einen kleinen Christusdorn geschenkt bekommen. Das ist bis dahin noch nicht unheimlich. Der kleine Christusdorn blühte, wuchs auch. Bis meine Kollegin ins Krankenhaus kam und man Krebs diagnostizierte. Da stagnierte alles, obwohl ich weiterhin goss, hegte und pflegte, so gut ich es vermochte (was, zugegeben, nicht sehr gut ist, aber immer gut gemeint). Die Pflanze wollte und wollte nicht weiterwachsen. Meine Kollegin, die ich immer „Sabinchen“ nenne, obwohl sie eine ausgewachsene Sabine war, nur halt ein paar Jahre jünger als ich, wurde operiert, alles schien gut. Sie kam zurück zur Arbeit. Es schien alles geschafft. Dann brach sie bei der Arbeit zusammen. Und dann ging alles Schlag auf Schlag. Sabinchen ist Anfang März letzten Jahres gestorben – ich habe es bis heute nicht vergessen und werde das sicherlich auch nie.

Der kleine Christusdorn, den sie mir geschenkt hatte, welkte vor sich hin, sah zwischendurch richtig fies aus. Als wäre er von Schimmel befallen. Ich hatte ihn mehrfach in der Hand, um ihn wegzuwerfen, aber ich brachte es nicht übers Herz. Das war doch das Letzte gewesen, das Sabinchen, das ich so lange gekannt und gemocht hatte, mir geschenkt hatte. Das konnte ich nicht wegwerfen.

Eines Abends, ich hatte länger bei der Arbeit zu tun gehabt, war ich so spät dran, dass die Putzfrau, die für unseren Abschnitt zuständig ist, bereits eintraf, um die Büros zu putzen. Eine sehr nette und liebe Frau aus Kasachstan. Ich hatte mich schon bisweilen zuvor recht lange mit ihr unterhalten. An jenem Abend deutete sie auf den kleinen Christusdorn und meinte: „Sollten Sie wäägwäärfffän. Iiist kchchapuut.“ – „Ich weiß. Ich kann es aber nicht.“ – „Warrruuum? Soll iiichchch maachchen?“ – „Das ist lieb. Aber ich kann ihn nicht wegwerfen. Geben Sie ihm und mir noch den Rest der Woche. Dann dürfen Sie ihn wegwerfen. Ich kann es nicht.“ Und ich erzählte ihr, warum. Sie nickte und meinte, das könne sie verstehen. Wir würden ihm noch diese Woche geben. Und wir vereinbarten, dass sie ihn dann diskret entsorgen würde, da ich es nicht übers Herz brachte.

Als ich am nächsten Tag zur Arbeit kam, hatte ich wenig Zeit und kein Auge für die Pflanze. Aber am folgenden Tag dafür umso mehr … Denn als ich in einer freien Minute nach links blickte, stand da der kleine Christusdorn wie eh und je. Aber – was war das? Da hatte er Triebe angesetzt! Quasi über Nacht! Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter …

Und ich wandte mich an Janine, die, noch ziemlich neu damals, mehrfach gemeint hatte, warum ich das schimmelnde Pflanzenteil nicht einfach entsorgte. Ich hatte ihr dann auch erklärt, warum mir das schwerfalle, und sie hatte gemeint, das würde sie verstehen. Ich hatte ihr auch von dem Angebot der Putzfrau erzählt. Und nun wies ich auf das so plötzlich treibende – und knospende! – Gewächs hin. Janine fiel fast vom Stuhl. Und sie meinte: „Da hattest du es doch vorgestern schon in der Hand und wolltest es wegwerfen, und als du meintest, du könnest es nicht und es auf die Fensterbank zurückstelltest, habe ich – ich gebe es zu! – erst gedacht: ‚Jetzt spinnt sie! Das Ding ist doch tot!‘ Und nun so etwas! Ehrlich gesagt, das ist mir etwas unheimlich, Ali …“ Ja. War es mir auch. Es erinnerte mich so an mein Zwergkaninchen „Muffin“, das auch einmal, zweijährig, zwischen Tod und Leben gehangen hatte und ich, da es inzwischen mehr vegetierte als lebte, trotz zahlreicher, kostenintensiver Tierarztbesuche, zu ihm gesagt hatte: „Übermorgen gehen wir wieder zum Tierarzt. Und wenn es dann immer noch so schlimm ist, dass du so leidest, ist es möglicherweise das letzte Mal.“ Klingt herzlos, aber der kleine Fratz war schon mit teuren Medikamenten behandelt worden, gehätschelt, und nichts war besser geworden. Und als ich ihm das sagte, hatte ich ihn wie ein Baby auf dem Arm und lief im Wohnzimmer auf und ab, während Tränen in sein Fell tropften. Was soll ich sagen? Zwei Tage später sprang er zwar nicht wie ein Gummiball durch die Gegend, aber er war viel fröhlicher, kam mir entgegengesprungen, und seitdem ging es bergauf.

Als ich der Putzfrau an diesem Abend den Christusdorn zeigte, bekreuzigte sie sich. Und dann meinte sie: „Iiist äätwas uunchaimlichch. Abärrr ist gutt so! Chatt wohl saine Grrruund. Iiist Zaichchen fürrr Sie, glauube ichch – iist allääs gutt mit kchlaine Kchollegiin. Wiiill, dass Ihnen gäät gutt.“ Nun ja, ein Aberglaube. Aber ein netter. 🙂

Inzwischen mache ich mir im Büro Gedanken darüber, ob man vielleicht anbauen solle, denn inzwischen ist der „kleine“ Christusdorn quasi explodiert, und mehrere Ableger von ihm streben in die Höhe und die Breite. Ich muss wohl alsbald einige neue Töpfe mitbringen und Umtopfarbeiten vornehmen. Und solltet ihr jemals in der Zeitung lesen: „Blonde Büroangestellte von Pflanze erstickt!“, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass es sich dabei um meine Wenigkeit handelt.

Gebt nie auf! Und lasst euch nie etwas einreden – vor allem nicht, dass ihr irgendetwas nicht könntet. Bei mir gedeihen inzwischen sogar Pflanzen! 😉

Andererseits frage ich mich gerade: Wieso kleben die Blätter meiner Azalee und die neuen Triebe meines Rosmarins in der Küche eigentlich so gewaltsam am Fenster, als wollten sie es durchbrechen? Und wieso streben die neuen Triebe meiner Palme im Wohnzimmer so stark gen Balkontür? Wachsen die vielleicht nur so stark in die jeweiligen Richtungen, um vor mir zu fliehen? Bloß weg hier? 😉 Offenbar habe ich doch einen schwarzen Daumen … 😉 Oder? 😉

In memoriam Sabine A. – Dein Christusdorn wächst, gedeiht und blüht. Ich hätte Dich aber auch ohne ihn nicht vergessen, Süße! 🙂

 

 

 

Ein Elefant marschiert durchs Land 

Ein Elefant marschiert durchs Land
und trampelt durch die Saaten.
Er ist von Laub und Wiesenheu
so groß und kühn geraten.

Es brechen Baum und Gartenzaun
vor seinem festen Tritte.
Heut kam er durch das Tulpenfeld
zu mir mit einer Bitte.

Er trug ein weißes Kreidestück
in seinem langen Rüssel
und schrieb damit ans Scheunentor:
„Sie, geht es hier nach Brüssel?“

Ich gab ihm einen Apfel
und zeigte ihm die Autobahn.
Da kann er sich nicht irren
und richtet wenig an.

(Josef Guggenmos)

 

Das Huhn und der Karpfen

Auf einer Meierei
Da war einmal ein braves Huhn,
Das legte, wie die Hühner tun,
An jedem Tag ein Ei
Und kakelte,
Mirakelte,
Spektakelte,
Als ob’s ein Wunder sei!

Es war ein Teich dabei,
Darin ein braver Karpfen saß
Und stillvergnügt sein Futter fraß,
Der hörte das Geschrei:
Wie’s kakelte,
Mirakelte,
Spektakelte,
Als ob’s ein Wunder sei!

Da sprach der Karpfen: „Ei!
Alljährlich leg‘ ich ’ne Million
Und rühm‘ mich des mit keinem Ton;
Wenn ich um jedes Ei
So kakelte,
Mirakelte,
Spektakelte –
Was gäb’s für ein Geschrei!“

(Heinrich Seidel)

 

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