Gelbe Autos und sechster Sinn – ein ganz normaler Freitag

 

Heute war mal wieder einer jener Tage, die doof beginnen, aber dann doch nett werden. Netter zumindest.

Denn ich wachte gegen 03:22 h nachts auf meiner Couch auf – ich werde es nie lernen. Auf dem Bildschirm meines Fernsehers war das Startmenü einer DVD zu sehen, Teil 4 einer Serie, und die dräuend-unheimliche Musik, die zur Serie dazugehört, hatte mich bis in den Traum verfolgt und lief quasi in einem infinite loop, einer Endlosschleife. Kein Wunder, dass ich da einen Alptraum gehabt hatte. Protagonistin war ich gewesen. Antagonist eine Spinne, eine große Spinne, die sich in meinem Wohnzimmer häuslich niedergelassen hatte. Potthässlich war das Viech, rosa mit schwarzen Beinen, und es verhieß nichts Gutes. Sogar große Gefahr ging von ihm aus – zumindest erschien dies im Traum als unumstößliches Faktum. Und das akzeptiert man im Traum ja fraglos, da alles irgendwie logisch erscheint. 😉 (Obwohl ich auch in Träumen schon manchmal stutzig wurde, wenn es gar zu heftig wurde, und selbst im Traum dachte: „Das ist jetzt eigentlich nicht ganz logisch.“ Aber das hier war etwas anderes.)

Und so habe ich, als ich um 03:22 h wach wurde, auch erst einmal hektisch Ausschau gehalten, ob irgendwo im Wohnzimmer eine Spinne sei. 😉 War aber nicht der Fall, und so schaltete ich DVD-Player und Fernseher aus und begab mich ins Schlafzimmer. Ich war doch sehr müde …

Es ist immer wieder ein interessantes Phänomen: Ich kann todmüde sogar im Sitzen auf der Couch einschlafen, wie es in sehr, sehr stressigen beruflichen Phasen schon vorgekommen, aber nicht die Norm ist, wenn ich auf der Couch einschlafe: Kaum gehe ich, todmüde, ins Bett, bin ich plötzlich hellwach und kann nicht mehr einschlafen. So auch hier. Ich wälzte mich von rechts nach links und wieder zurück. Gegen halb 6 stand ich wieder auf – es hatte ja doch keinen Sinn. Ging ins Bad, tat, was zu tun war, und dann setzte ich mich – nach einem vorsichtigen Blick, ob nicht doch irgendwo eine rosa-schwarze oder sonstwie gefärbte Spinne sein könne – an meinen PC, beantwortete Mails, deren Beantwortung ausstand, las ein wenig in der Online-Version der Zeitung mit den drei Buchstaben, die hier, wo ich lebe, von Bedeutung ist, und dann machte ich mich fertig für die Arbeit.

Eigentlich hatte ich heute mit der Straßenbahn und dem Bus zur Arbeit und wieder zurück fahren wollen, da ich um 17:00 h noch einen Zahnarzttermin hatte. Wurzelbehandlung – aber ich bin ja ein „alter Hase“, und so etwas kann mich kaum aufregen. Da wollte ich doch lieber mit dem ÖPNV fahren, denn rund um die Praxis sieht es schlecht um Parkplätze bestellt aus.

Dann dachte ich: „Wie doof ist das denn? Wenn du mit dem ÖPNV fährst, musst du um kurz nach 16:00 h von der Arbeit los. Dann kannst du auch mit dem Auto fahren, denn die Praxis ist ja nicht weit entfernt. Fährst um kurz nach vier los, parkst – hoffentlich – vor dem Haus hier und läufst dann eben schnell zum Zahnarzt.“

Die Wahrheit ist: Es tut mir immer in der Seele weh, den kleinen Scotty, wie ich mein Auto mit Grund getauft habe, stehenzulassen. Kaum zu glauben, aber wahr! Noch vor einem halben Jahr hätte man mich wohl zu einem Auto prügeln müssen, um mich dazu zu bringen, es – selber – zu fahren. Und das wahrscheinlich mit tränenumflorten Augen. 😉 Heute finde ich es ganz furchtbar, wenn ich – gezwungenermaßen – mal nicht mit dem Auto fahren kann. Dass ich überhaupt auf die Idee kam, mit Bussen und Bahnen fahren zu wollen! Das grenzte an Verrat! 😉 Und heute früh um kurz vor 7 war mir gar nicht mehr klar, wie ich überhaupt auf diese Idee hatte kommen können. 😉

Ergo ging ich auch gegen 07:45 h, mit dem Autoschlüssel klimpernd, aus dem Haus, schwang mich in den Toyota und betätigte erst einmal die Scheibenwaschanlage vorn und hinten, da man im Moment sonst nur gelb sieht – blöde Birkenpollen!  Scotty selber ist im Moment eher „greige“ getönt, silbergrau-beige. Anlehnen sollte man sich an ihn nicht. Ein Fall für die Waschstraße, aber kaum wieder draußen, ist die Karre wieder mit Pollen überzogen. (Hat jemand eine Ahnung, wie lange speziell diese doofen Birkenpollen fliegen? 😉 )

Ich fuhr los, als hätte ich all die Jahre, in denen ich de facto nicht gefahren bin, nichts anderes gemacht, als zu fahren. Wie gut, dass ich nicht die Straßenbahn genommen habe, denn da hatte ich neulich, als es sich gar nicht vermeiden ließ, ein extrem doofes Erlebnis gehabt: Als ich einstieg, war die Bahn relativ voll gewesen, und sogar die Klappsitze gegenüber dem Kinderwagen- und Fahrradtransportbereich waren besetzt gewesen. Einer davon mit einer unglaublich dicken Frau. Es war nicht so, dass sie nicht einen etwas kommoderen Platz hätte bekommen können, denn weiter hinten und vorn waren noch Plätze frei, die nicht so fragil gebaut waren. (Es mag fies klingen, ist aber gar nicht so gemeint, doch habe ich schon oft beobachtet, dass sich just sehr, sehr massige und voluminöse Personen gern auf die Klappsitze setzen. Kann mir jemand dieses Phänomen mal erklären? Die sind auch nicht breiter und schon gar nicht bequemer als die regulären Sitze …)

Gut, nun könnte man mir vorwerfen, warum ich mich denn nicht auf diese gesetzt hätte. 😉 Aber ich dachte: „Zur Not stehst du eben die Strecke – ist ja nun auch kein Problem.“ Doch dann wurde eben der Klappsitz frei, auf dem die sehr dicke Frau gesessen hatte. Es hätte mir eigentlich eine Warnung sein sollen, dass er – der Sitz – schon ein so trauriges Geräusch absonderte, als die Dame sich erhob. Aber ich achtete nicht darauf – es war noch früh am Tag – und nahm Platz.

Zunächst ging auch alles gut, bis der Fahrer etwas stärker bremsen musste. Da machte es nur: „Knack!“, und ich saß eine Etage tiefer … 😉 Nett die Blicke, die mich trafen – klar, ich bin die Schuldige gewesen, nicht etwa die Leute zuvor, die zu schwer für den fragilen Sitz gewesen waren … 😉 Ein Wunder, dass ich mir nicht das Steißbein gebrochen habe! 😉 Aber ich lachte dann lieber, wenn ich auch den Rest des Tages und die Tage darauf ein wenig Schmerzen hatte, wenn ich mein Hinterteil auf einem Stuhl absetzte. Ehrlich gestanden, wundert es mich bis heute, dass die Verkehrsgesellschaft, die hier und in der Nachbarstadt tätig ist, mich nicht regresspflichtig machte. 😉 Seitdem fahre ich noch weniger gern mit dem ÖPNV – wer könnte es mir verdenken?

Auf der Fahrt zur Arbeit heute war nicht übermäßig viel Störendes zu beklagen. Einzig, dass ein Mädel, den Blick fest auf sein Smartphone gerichtet und mit Stöpseln in den Ohren – leider ein wandelndes Klischee -, mir auf der Vom-Stein-Straße fast vors Auto lief, da es, ohne nach rechts und links zu blicken, einfach auf die Straße latschte. Klar, es war ja auch ganz allein auf der Welt … Ich musste scharf bremsen und betätigte zum zweiten Male die Hupe im Ernstfall, seit ich Scotty besitze. Ich gebe zu, meine Hand ruhte etwas länger auf der Hupe, denn das Mädel bekam zunächst gar nichts mit … Als ich dann durchaus durchgängig und energisch hupte, warf es mir einen Blick zu, und aus dem sprach: „Wie kannst du mich stören, wenn ich hier doch gerade Musik hörend einherwandle?“ Am liebsten – ich gebe es zu – wäre ich ausgestiegen und hätte ihr links und rechts eine geknallt. Würde ich zwar nie machen, aber ich würde auch niemals das Bedürfnis dazu leugnen. 😉

Zur Entspannung, als Gräfin Koks endlich gemächlich aus meiner Reichweite verschwunden war, hörte ich Musik. Mir war nach Gianna Nannini. Nicht jedermanns Geschmack, ich weiß, und auch ich bevorzuge die schnelleren Lieder von ihr. Und das auch nicht immer, aber hier passte es. Und so hörte ich das zwar schon recht alte, aber sehr schnelle „Avventuriera“ – perfekt zum Autofahren! 😉 Fand ich. (Noch dazu, wenn ich fahre, denn das heißt „Abenteurerin“ … 😉 ) Führt nur dazu, dass man etwas schneller fährt. 😉 Danach kam eines meiner Lieblingslieder: „Meravigliosa Creatura“, was übersetzt soviel wie „Wunderbares Wesen“ heißt. Ein eher hymnisches Lied, aber wunderschön und mit Erinnerungen behaftet. 😉

Und auf dem Nordring ertappte ich mich dabei, dass ich laut mitsang: „Meravigliosa creatura, un bacio lento / Meravigliosa paura d’averti accanto / All’improvviso tu scendi nel paradiso […]“ Zum Glück verstehe ich, was ich da sang, auch wenn es derzeit keine Person gibt, die ich da besingen könnte. Und so besang ich mich halt selber – manchmal muss man sich auch selber Komplimente machen, wenn es sonst keiner tut. 😉 (Ganz allmählich entwickle ich mich zur Lebenskünstlerin. 😉 ) Und einmal mehr erkannte ich, dass es doch Vorteile hat, dass ich vier Jahre mit einem Italiener, Giacomo, liiert gewesen war, obwohl diese vier Jahre wohl mit die stressigsten meines Lebens gewesen sind. 😉 Aber immerhin bin ich zumindest in Ansätzen des Italienischen mächtig. 😉 Ich kann sogar bei Gianna Nannini mitsingen und mich selber auf Italienisch loben! 😉

Bei der Arbeit war es heute sehr, sehr warm. Janines und mein Büro geht gen Süden und verfügt über keine Klimaanlage … 😉 Und so saßen wir heute genervt im Büro, machten, was zu machen war, aber ich gestehe, allzu motiviert waren wir nicht.

Gegen 16:10 h machte ich mich, nachdem ich noch brav meine Zähne geputzt hatte, auf den Weg. Und ich fand sogar vor dem Haus noch einen Parkplatz! Ist ja auch nicht immer der Fall. Und so begab ich mich zum Zahnarzt.

Ich war die letzte Patientin, wie man mir mitteilte, als ich meine Tasche, auf der vielfach „Nürnberg“ steht, auf einem Hocker im grünen Behandlungszimmer abstellte. Komischerweise hatte ich kurz zuvor noch gedacht: „Möglicherweise fragt Dr. C., was du mit Nürnberg am Hut hast.“ Kaum gedacht, schon gelacht und gar nicht gewusst, wie ich auf so etwas kam, denn noch nie hat mein Zahnarzt mich auf meine Taschen, obwohl durchaus häufig mit Aufschriften besetzt, angesprochen. Wie kam ich überhaupt auf die Idee?

Ich nahm auf dem Behandlungsstuhl Platz, man legte mir das obligatorische Papierlätzchen um. Und da kam auch schon der Maestro, reichte mir die Hand und begrüßte mich. Dann blickte er in die Richtung, wo meine Tasche stand. Und dann meinte er: „Frau B., stehen Sie in irgendeiner Beziehung zu Nürnberg? Nein, oder? Das ist Zufall.“ – „Doch! Zwar nicht direkt zu Nürnberg, aber zu Franken. Meine Mutter ist Fränkin! Und ich habe da etwa ein Viertel meiner Kindheit verbracht!“ – „Nein! Das gibt es ja nicht!“ – „Wieso?“ formte ich das Wort um das zahnmedizinische Instrument und den Speichelsauger herum, die bereits beide an meinem wurzelbehandlungswürdigen Schneidezahn im Unterkiefer ihre Arbeit aufgenommen hatten. Dr. C. unterbrach seine restaurative Tätigkeit und meinte: „Meine Frau kommt aus Fürth.“ Ich rief: „Ach – das ist aber sympathisch!“ Dr. C. lachte. Und dann meinte er: „Nun ja … Fränkinnen sind ja etwas … nun ja – oft etwas ruhiger. Aber sehr energisch. Und willensstark.“ Ich lachte. Ich wusste, was er meinte. Und da sagte er auch schon: „Frau B. – ich habe im Grunde zu Hause nichts zu sagen.“ Ich lachte noch mehr. Ruhig, aber energisch. Sehr, sehr willensstark. 😉 O ja. 😉

„Warum lachen Sie denn jetzt so, Frau B.?“ Gerne hätte ich ja gesagt: „Und da das so ist, dass Sie zu Hause nichts zu sagen haben, leben Sie sich jetzt in der Praxis aus, oder?“ Aber da wurde schon wieder an meinem Zahn gearbeitet. Und so lachte ich nur leise in mich hinein. Obwohl: So leise war das Lachen gar nicht. Eigentlich klang es sogar recht dreckig. 😉 Und so unterbrach Dr. C. seine Tätigkeit und meinte grinsend: „Das scheint Ihnen irgendwie Freude zu bereiten, Frau B.!“ – „Aber nein – ich habe nur gerade darüber nachgedacht, dass Sie und mein Vater einander sicherlich sehr gut verstehen würden.“ – „Nicht wahr, Ihre Mutter hat auch das Sagen, oder?“ – „Ääh, nun ja, in vielerlei Dingen sicherlich schon. Sollten Sie je in Erwägung ziehen, eine Selbsthilfegruppe für nichtfränkische Männer, die mit einer Fränkin verheiratet sind, zu gründen, sagen Sie mir bitte Bescheid. Ich melde meinen Vater dann auch an.“ Da lachte Dr. C. heftig und meinte: „Gut, zu wissen, dass es Gesinnungsgenossen gibt.“ – „Na, also – alles wird gut!“ – „Wie ist das denn mit Ihnen? Sie sind sicher wie Ihr Vater, oder?“ Ich musste erneut lachen. Und dann meinte ich: „Den Zahn muss ich Ihnen ziehen, Herr Dr. C.! Auch wenn das normalerweise Ihre Aufgabe ist. Ich bin meiner Mutter sehr ähnlich.“ – „Auch in Beziehungen?“ – „Nur, wenn der Partner völlig anders ist als ich und es zu heftigen Reibungspunkten kommt.“ – „Dann fahren Sie die Krallen aus?“ – „Nur im Notfall.“ – „Aha. Dann sind Sie wohl wirklich recht fränkisch geprägt.“ – „Wahrscheinlich. Aber mit Reden kommt man oft weiter. Wenn dann allerdings alles beim Alten bleibt … nun ja. Aber ich hoffe, Sie behandeln mich trotzdem möglichst schmerzfrei!“

Das tat er dann, und zum Abschied meinte ich: „Schöne Grüße an Ihre Frau, unbekannterweise!“ Und Dr. C. meinte: „Danke. Schöne Grüße an Ihren Vater! Ebenfalls unbekannterweise.“ Und dann meinte er: „Faszinierend – ich hatte geglaubt, meine Frau sei die einzige Fränkin hier in der Region.“ – „Aber nein. Sie hat Bundesgenossinnen.“ Da lachte er. Und so wurde der anfänglich komische Tag doch noch recht nett.

Obwohl ich am 24. erneut zum Zahnarzt muss. Ein Fall von Karies aufgrund einer nicht ganz abschließenden Krone. Aber ich bin ja Kummer gewohnt … 😉 Und es ist auch alles etwas leichter, seit ich weiß, Frau C., der ich nie begegnet bin, kommt auch aus Franken. Eine Art Silberstreif am Horizont. 😉

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