Kleines Anhängsel, große Unterschiede – und doch soviel gemeinsam! :-)

Man behauptete einst, sofort hören zu können, aus welcher Region Deutschlands ich stamme, wenn man mich sprechen höre. Ich war erstaunt, denn nicht wenige Menschen haben mir schon gesagt, dass man dies bei mir eben nicht höre, da ich – zumindest offiziell – hochdeutsch spreche. Und auch sonst maximal mehr oder minder „gefärbt“, je nachdem, wo in meinen drei „Heimaten“ ich mich gerade befinde. Bin ich in Franken, klingt’s bei mir durchaus fränkisch, und einst habe ich meinen Ex Dirk verblüfft, als wir anno 2006 für eine Woche in Bamberg weilten. Normalerweise geht das mit der fränkischen Einfärbung – mal stärker, mal schwächer – erst ab dem zweiten Tag bei mir los, doch damals kamen wir im Brauereigasthof „Fässla“ (hochdeutsch: „Fässchen“) an, wo wir ein Zimmer reserviert hatten, und die Dame an der Rezeption war mir so sympathisch, dass ich – ich war selber überrascht – ihre Frage, ob wir den Schlüssel für den hauseigenen abgeschlossenen Parkplatz benötigten, wie folgt beantwortete: „Naa, dangge, dees brraung mer fei ned. Mer ham fei goa ka Audo ned.“ (Man beachte die doppelte Verneinung. 😉 ) Die Dame freute sich, während Dirk mich anstarrte, als wäre ich soeben vom Mars eingeflogen und gelandet. Und als wir in unser Zimmer gingen, fragte er verunsichert: „Sprichst du jetzt immer so?“ – „Nur mit Leuten, die mir sympathisch sind.“ – „Wieso sprichst du dann mit mir hochdeutsch?“ Ich lachte und meinte: „Weil du mich sonst gegebenenfalls nicht verstehst.“

Hier im Ruhrgebiet spreche ich bisweilen etwas ruhrdeutsch gefärbt. Aber nicht stark und auch nur, wenn ich mich auf Augenhöhe mit jemandem befinde und privat zum Spaß. Ex-Kollege Birger sprach ein relativ starkes Ruhrdeutsch, und wenn er seinen Namen nannte, klang das immer wie: „Biiiaageeaa“. Nix gegen Bier, aber in dem Zusammenhang ging es mir – ich muss es leider gestehen – immer auf die Nerven: „Hiiiaaa iiiss deaa Biiiaageeaa!“ Ich glaube, es lag daran, dass Birger und ich einfach völlig inkompatibel waren, und da er auch noch den Chef mimen wollte, ging mir auch das mir ansonsten sehr sympathische Ruhrdeutsch auf den Senkel. Es kommt immer darauf an, wer einen Dia- oder Regiolekt spricht. So meine Erkenntnis.

In Aachen habe ich mir viele Dinge nicht angewöhnt, da Öcher Platt für meine – und auch andere – Ohren vergleichsweise furchtbar klingt. Einzig die Tatsache, dass ich das R nach einiger Zeit stark guttural aussprach, so dass es wie ein CH wie in „lachen“ klang, das aber sogar nach hellen Vokalen, ist zu verbuchen. So schickte ich aus dem Urlaub „Kachten“ und gratulierte zum „vichchten“ Jahrestag. Das tue ich noch heute, so dass ich mitten im Ruhrgebiet schon von einem Rheinländer als „typische“ Rheinländerin identifiziert wurde. (Streng geographisch gesehen bin ich das sogar, zumindest im Hinblick auf meinen „Gebuchtsocht“. 😉 )

Doch zurück. Bei alldem erstaunte mich etwas, dass man mir anhöre, woher ich komme, wie mir einst jemand mitteilte. Ich fragte erstaunt nach, und er meinte: „Du sprichst hochdeutsch, und es ist auch nur ein ganz kleiner Aspekt, an dem man deine Herkunft erkennt. Ein total kleiner Aspekt.“ Und er fügte grinsend hinzu: „Ne?“

Jetzt war alles klar, und ich lachte. In der Tat – den Ruhri erkennt man am „Ne?“, was als Refrainfrage oder Frageanhängsel, im Englischen „question tag“, bekannt ist. Eine dem hochdeutschen „Nicht wahr?“ entsprechende nachgestellte Bestätigungs- oder Rückversicherungsfrage.

Aber ein wenig differenzieren muss man das: Man erkennt den Ruhri aus dem westlichen Teil des Ruhrgebiets an der – häufigen – Verwendung von „ne?“. Denn der „östliche Ruhri“ sagt das nicht. In und um Dortmund und anderen östlich gelegenen Ruhrgebietsorten sagt man gefälligst „woll?“.

Wenn ihr mich fragt: „Woll“ geht gar nicht! Da sind sich die westlichen Ruhris auch einig. „Woll“! Klingt für westliche Ruhri-Ohren gruselig und gibt Anlass zu Lästereien. „Ach, die mit ihrem Woll!“ heißt es dann spöttisch. Separatismus! Linguistisch begründeter Separatismus, und das mitten im Pott! Wer hätte das gedacht? 😉 Glaubt ihr nicht? Issabbaso. Kann man doch auch nachvollziehen, ne?

(Da ich seltener mit östlichen Ruhris zu tun habe, ist mir leider nicht bekannt, ob die Woll-Fraktion sich ebenso despektierlich über das schwungvolle „Ne?“ äußere. Wäre aber ganz schön unverschämt, ne? 😉 )

Dieses Phänomen gibt es selbstverständlich auch in anderen Teilen Deutschlands. So bin ich aus Süddeutschland auch mit dem Frageanhängsel „gell“ vertraut. Sofern nicht im Übermaß verwendet, klingt es für meine Ohren eher sympathisch. Aber man ist da natürlich auch immer subjektiv. 😉

Gruseliges auch wieder aus Aachen. Was dem östlichen Ruhri sein „Woll“, ist dem Öcher sein „Wa“! „Klasse Wetter, wa?“ angesichts strahlenden Sonnenscheins klingt irgendwie … naja. Aber wie gesagt: rein subjektiv. Allerdings spötteln auch hier wieder einige, netterweise aber sogar Öcher selbst. So heißt es, man merke, dass man sich im Aachener und nicht etwa in einem anderen Spielcasino befinde, daran, dass es dort nicht „Rien ne va plus“ heiße, sondern: „Rien ne plus, wa!“

(Ja, auch die Öcher können über sich selber lachen – manchmal. Das spiegelt sich auch in der altbekannten Frage wider, die da lautet: „Woran merkt der Aachener, dass es Sommer wird?“ Antwort: „Der Regen wird wärmer.“ 😉 Wer je etwas länger in Aachen war, weiß um die Berechtigung dieses Spruchs.)

„Wa“ habe ich mir nie angewöhnt. Klingt nicht schön, ne?

Unschön klang für meine Ohren auch das „Göi“, das ich im Heimatort meines Ex-Freundes Freddy am Mittelrhein so oft hörte. „Göi“ hat einfach keinen schönen Klang, und wenn es einem einmal aufgefallen ist, vor allem als unangenehme Lautabfolge, hat man keine Chance mehr, es zu überhören. Das ist so ähnlich, wie wenn man das Geräusch nicht ausstehen kann, das beim Fingerknacken entsteht. Macht jemand das dauernd und es ist einem einmal zu Bewusstsein gedrungen, kann es ziemlich an den Nerven reißen. Oder Nasehochziehen. Oder ständiges Räuspern. Oder unproduktives Hüsteln. (Ich könnte hier noch stundenlang weitermachen … Nein, ich bin gar nicht so intolerant, wie es scheinen mag – ich bin nur leider etwas geräuschempfindlich, quasi ein „Geräusch-Sensibelchen“ … Und mir ist auch klar, dass ich selber ebenfalls für andere unangenehme Angewohnheiten habe – ganz sicher. 😉 ) Waren Freddy und ich in seinem Heimatort, versuchte ich, so zu kommunizieren, dass es nach Möglichkeit vermeidbar war, dass das Gegenüber „göi“ sagte. Was natürlich kompletter Schwachsinn ist, denn diese Frageanhängsel sind ja ein gewisser Automatismus. 😉

Neulich regte sich ein nicht aus dem Ruhrgebiet stammender Vorgesetzter auf: „Wenn ich schon dieses dauernde ‚Ne?‘ höre!“ Er schien es ernst zu meinen, und Janine und ich, die wir ganz automatisch oft diese Refrainfrage stellen, weil uns das eben in Fleisch und Blut übergegangen ist, sahen einander erschrocken an. Dann ärgerten wir uns – kommt hierher und moniert die hier üblichen Angewohnheiten. Kann ja wieder gehen, wenn es ihm nicht passt, so wie ich auch leichten Herzens dem Mittelrhein, so schön es dort ist, den Rücken wieder kehrte. Und so sagten Janine und ich bestimmt eine Woche lang sehr geziert und provokant: „Nicht wahr?“ Das fiel dann wohl auch dem Vorgesetzten auf. Seitdem hat er sich nie wieder über „ne?“ beschwert.  Na also – geht doch! 😉

Als ich noch ein Kind war, sah ich mal zusammen mit meiner Mutter einen kitschigen 50er-Jahre-Film, genauer: eine ganze Trilogie. Superkitschig, und ich sah ihn hauptsächlich wegen eines Teils der Hauptdarsteller: Ponys. Es handelte sich um die „Immenhof“-Filme. Kitschige, (zum Schluss jedes Films zum Glück wieder) heile Postkartenwelt, und ganz grausam war es, wenn gesungen wurde. Dennoch kann ich nicht leugnen, dass diese Filme auch etwas Liebenswertes haben. 😉

Wir saßen da Weihnachten vor dem Fernseher, und irgendwann rief meine Mutter leicht genervt: „Wenn die eine noch einmal ‚nöch?‘ sagt, schreie ich. Die sagt das dauernd – das ist ja nicht zum Aushalten!“ Es handelte sich um die Filmfigur Dick, die eigentlich Barbara hieß, und tatsächlich! Kaum hatte meine Mutter es ausgesprochen, kam direkt im Anschluss erneut dreimal „nöch?“. (Meine Mutter hat allerdings nicht, wie versprochen, geschrien, sondern nur genervt die Augen verdreht. 😉 ) Ich war ein wenig ärgerlich, denn nun hatte Muttern mich angefixt, und immer, wenn „Dick“ den Mund öffnete, wappnete ich mich für das nächste „Nöch?“ – das dann auch immer prompt kam. Es fällt schwer, sich dabei noch auf die Handlung zu konzentrieren. Andererseits ist diese in den drei Filmen auch nicht ganz so schwierig nachzuvollziehen – stets ist das Ponygestüt vom Bankrott bedroht und wird, quasi im letzten Moment, wundersamer Weise gerettet – , so dass Mutterns Aktion nicht so schlimm war. 😉

Auch in anderen Ländern gibt es diese Frageanhängsel – warum sollte es sie auch nicht geben? „N’est-ce pas?“, „non è vero?“, „isn’t it?“ bzw. „is it?“, “don’t you?”, “do you?” oder Vergleichbares und – man höre und staune – im Japanischen “ne?”. (Schon immer war mir klar, dass Ruhris ein weltoffenes Völkchen seien … 😉  Naja, zumindest die „Ne?“-Fraktion, wie es scheint. 😉 )

Und so verbrachte ich vor Jahren einmal einen amüsanten Abend in Köln, wo ich mich mit einem Bekannten getroffen hatte, der aus der Schweiz stammte. Eigentlich mit zwei Bekannten – der andere kam aus Bonn -, aber der Bonner hatte sich irgendwann verabschiedet, weil er wohl mit dem Schweizer nicht so recht harmonierte. Wir saßen dann im „Früh“ und unterhielten uns angeregt. Und da lernte ich ausgiebig ein typisches Schweizer Frageanhängsel kennen, denn Patrick beendete fast jeden Satz mit: „Oddrr?“ Ich gestehe, das ist gewöhnungsbedürftig, aber ich fand es witzig, und auch die Leute am Nachbartisch amüsierten sich. Allerdings nicht nur über „oddrr?“, denn ich hörte, wie einer meinte: „Zum Brüllen! Der eine schließt fast jeden Satz mit ‚oddrr?‘ ab, die andere mit ‚ne?‘. Da weiß man doch sofort, woher die Leute stammen.“ Na, wunderbar, da hatten wir, ohne es zu merken, einander dauernd „oddrr?“ und „ne?“ um die Ohren gehauen – schon enttarnt. 😉 Oddrr? (Ich hörte hinterher von meinem Bonner Bekannten, er habe „dieses ewige ‚Oddrr?‘“ nicht ertragen und sei daher gegangen … 😉 Kenne ich. Göi? 😉 )

Mein Fazit: Manche regionalen Sprachphänomene können einem bisweilen auf die Nerven gehen. Und das gilt natürlich für alle Seiten. Aber sie haben auch etwas Liebenswertes. Sogar „göi?“. Irgendwie. 😉 Und solange die „Ne?“- und die „Woll?“-Fraktion keinen Sezessionskrieg vom Zaun brechen, ist doch alles gut. Es reicht doch schon die ewige Rivalität zwischen Schalke und dem BVB. Ne? 😉

Und falls ihr beim Lesen des Titels geglaubt haben solltet, ich würde über die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein schreiben: Also wirklich! Da hätte ich doch nicht von einem kleinen Anhängsel geschrieben! Ich weiß doch, was sich gehört … 😉

2 Gedanken zu „Kleines Anhängsel, große Unterschiede – und doch soviel gemeinsam! :-)

  1. susanne4you sagt:

    Liebe Ali, habe sehr gelacht bei diesem linguistisch-spitzfindigen Beitrag. Großartig! Nun muss ich doch mal auf meine eigenen Satz-Anhängsel achten. Ich befürchte jedoch, ich habe es mehr mit den Satz-Voranstellungen: Hör‘ zu! … Aber das ist vermutlich ein ganz anderes Thema, woll? Liebe Grüße von Susanne Witzigmann, gebürtige Dortmunderin 😉

    • ali0408 sagt:

      Hauptsache, Du sagst nicht immer so esoterisch-getragen: „Weißt du …“ oder so etwas in der Art. (Sowohl vorangestellt, wie auch angehängt macht mich diese – wohl besonders feinfühlig wirken sollende – Floskel porös. Ich denke, ich weiß eine ganze Menge, und was ich nicht weiß, eigne ich mir irgendwie an, wenn es mich interessiert – da muss keiner ewig mit: „Weißt du?“ ankommen.) Oder beendest Sätze mit: „Falls du verstehst, was ich meine …“ Da könnte ich regelmäßig aus den Schuhen springen, weil es derart arrogant ist, dass man nur aus den Schuhen springen kann. 😉 Und „woll“, entschuldige bitte, geht gar nicht. Ich hoffe, Du bist nur in Dortmund geboren worden und dem dortigen Sprachgebrauch nicht dauerhaft ausgesetzt gewesen. 😉

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