„Grilli-hiili“, „paskahuussi“ und „kippis!“ – Finnland im Sommer

Nach der aufregenden Anreise, bei der wir einen temporär Inhaftierten zu beklagen hatten, hauten wir uns im mökki schnell aufs Ohr, nachdem wir noch Bekanntschaft mit dem mehrfach täglich auftauchenden „Inspizienten“ gemacht hatten, der in Gestalt eines kapitalen getigerten Katers seine Aufwartung gemacht hatte. Wir wurden ins Auge gefasst, konnten aber offenbar bestehen, und das, obwohl ja einer von uns zwischenzeitlich „eingesessen“ hatte. Dem Kater war das völlig egal. Hauptsache, es fiel von unserem Tisch öfter mal etwas für ihn ab. 😉

Nachdem wir eingetroffen waren, hielt ich Ausschau nach einer Toilette. Im Haus selber war keine. Aber was war das da für ein reizendes kleineres Häuschen, etwa sieben Meter vom mökki entfernt? Johann klärte mich auf: „Das ist die Toilette, Ali.“ Die Toilette? In dem Häuschen? Wie originell! Was, wenn man nachts mal raus musste? Noch dazu, da Dirks und mein Schlafzimmer im oberen Stock nur über eine steile Leiter zu erreichen war? Ich sah bereits vor meinem geistigen Auge, wie ich mich nachts beim Gang zur Toilette zu Tode stürzen würde …

Da ich die Toilette dringend aufsuchen musste, begab ich mich zügigen Schrittes in das besagte Häuschen, in dem mich eine Art Kindheitstrauma einholte, denn was ich dort vorfand, erinnerte nicht nur an „Michel aus Lönneberga“, sondern mich auch noch an einen Urlaub im Allgäu, als ich drei Jahre alt gewesen war. Dort hatten wir in eher bäuerlicher Umgebung gewohnt, und unsere Pension verfügte nur über ein … „Plumpsklo!“ schrie ich in einem Tonfall, in dem andere Leute: „Die Russen kommen!“ schreien. Ich bin nicht sonderlich zimperlich, aber mich ereilten finstere Erinnerungen an damals, als diese gewöhnungsbedürftige Toilette im Allgäu mir große Angst eingejagt hatte und ich mich bei jeder nicht mehr aufzuschiebenden Benutzung an meiner Mutter festgeklammert hatte, die nicht von meiner Seite weichen durfte, nachdem ich einmal fast hineingerutscht wäre. So etwas bleibt auf ewig hängen. 😉

„Was ist los, Ali? Sitzt ein Bär auf dem Klo?“ rief Johann von draußen, und ich schrie von drinnen: „Das ist ein verdammtes Plumpsklo!“ – „Was hattest du erwartet?“ Stimmte. Was hatte ich erwartet, wenn die Toilette in einem kleinen Häuschen einige Meter vom Haus entfernt steht? Mit Todesverachtung klappte ich den Deckel hoch. Iiih! Zwar konnte man nicht bis in die Sickergrube blicken, wie einst im Allgäu, aber ein schwarzer Trichter befand sich unter dem Sitz, in dem braune Partikel pappten. Bah! Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei nicht um das handelte, was ich befürchtet hatte, sondern um Torf. Denn neben dem Klo stand eine große Plastiktonne mit Torf und einer kleinen Schaufel. Dahinter ein Schild, auf dem „Huom!“, „Achtung!“ stand, ebenso die Anleitung, wie mit dem Torf, turve, und dem gesamten paskahuussi, dem Plumpsklo, zu verfahren sei. Auf Finnisch. Ah, so. Na, dann … Ich glaube, ich war noch nie so schnell mit meinem menschlichen Bedürfnis fertig. Irgendwie war mir das alles doch noch etwas suspekt. Ich warf Torf hinterher und klappte den Deckel schnell wieder herunter. Fort mit Schaden.

Dann schnell ins Bad, das dem Haupthaus angegliedert war und im hinteren Teil eine Sauna hatte, Hände waschen, Zähne putzen. Mein Make-up hatte sich ohnehin auf der stressigen Anreise weitgehend verflüchtigt – da ging das Waschen und Abschminken gleich erheblich schneller.

Wie gut, dass ich todmüde war, denn ansonsten hätte ich mit dem Einschlafen möglicherweise Probleme gehabt, denn so kurz vor Mittsommer wurde es nachts nicht richtig dunkel. Es dämmerte, gegen 1 h nachts wurde es dann dunkler, gegen 2 h aber schon wieder hell. Doch in der ersten Nacht schlief ich wie ein Stein.

Am nächsten Morgen gab es Frühstück auf der Veranda. Die Sonne strahlte schon wieder vom Himmel, und auf dem See neben unserem Haus, zu dem wir als einzige Anwohner der drei Sommerhäuser direkten Zugang und sogar ein Ruderboot hatten, flirrten die Mückenlarven, und eine Ente schwamm vorbei, im Schlepptau neun Entenküken, die wie an einer Schnur gezogen hinter ihrer Mama her schwammen. Süß. Die Entchen, nicht die Mückenlarven. Ein echtes Idyll.

Hätte man meinen können, hätten nur Johann und Sabrina nicht schon wieder Zoff gehabt. Sabrina meckerte, Johann habe den Kaffee zu stark gekocht. Ich fand ihn prima. Doch zum Glück fuhren wir nach dem Frühstück, Duschen, Spülen und Aufräumen gleich nach Tampere. Wir brauchten Lebensmittel und einen Grillrost. Und natürlich Grillkohle.

Wir landeten in einem riesigen Einkaufsmarkt, wo es anscheinend alles gab. Ich entdeckte als erstes die Grillkohle, die relativ nah am Eingang stand. Und schon lachte ich mich schlapp, und mein finnisches Lieblingswort war gefunden: „Grilli-hiili!“ schrie ich lachend, nachdem ich das Schild gelesen hatte, das neben den Säcken mit der Holzkohle stand. Es muss auf die finnischen Kunden recht merkwürdig gewirkt haben, wie da jemand stand und laut lachend: „Grillkohle!“ schrie. Typisch Touristen! Kannten wohl nicht einmal Grillkohle! 😉

In der Fischabteilung, die mich zu begeisterten Ausrufen hinriss – so viele Fische, so viele Arten! – kauften wir einen großen Lachs. Mit Fisch ist es ja immer so eine Sache, denn nicht alle Leute sind begeisterte Fischesser. Aber hier war sogar Sabrina gnädig, denn Lachs war offenbar standesgemäß. Dirk aß ohnehin alles, während Johann lediglich Fische wie Hering verabscheut. Ich liebe Fisch, und so mussten wir nach der Frischfisch-Abteilung auch noch zu den Konserven bzw. eingelegten Fischkollegen. Dort wanderten gleich zwei Gläser silli in unseren Einkaufswagen, der in Schweden sill geheißen hatte. Johann und Sabrina schüttelten sich, ich freute mich.

Danach mussten wir in ein anderes Geschäft, wo wir einen Grillrost erwarben, und dann ging es zu Lidl, mitten in Tampere. Dort kauften wir finnisches Bier, das es nur in Dosen gab und auf den Namen karhu hörte, das finnische Wort für Bär. Gleich eine ganze Palette. Brot, finnischer Senf und andere finnische Sachen kamen auch noch dazu. Und dann musste ich, da meine Erkältung sich inzwischen bis zum Stadium des Hustens vorgearbeitet hatte, noch in eine Apotheke, die hier apteekki hieß. In Finnland sind die Apotheken wohl etwas anders als hier in Deutschland, denn man kann selber an die Regale und sich das herausnehmen, was man braucht, sofern nicht rezeptpflichtig. Ich stand damit vor einem kleinen Problem, denn ich kann kein Finnisch. Aber ich tröstete mich damit, dass in Finnland, zumindest in dieser Region, sehr vieles zweisprachig ausgewiesen ist: finnisch und schwedisch. Nun kann ich zwar auch kein Schwedisch, aber wenn ich es lese, verstehe ich erstaunlich viel. Ist ja auch eine germanische Sprache. Bei Finnisch ist das bei absoluter Nichtkenntnis der Sprache unmöglich. Und so hoffte ich auf zweisprachige Auszeichnung. Aber mein Hoffen war vergebens – alles auf Finnisch. Und alle Angestellten gerade beschäftigt. Auf gut Glück hangelte ich mich von Regal zu Regal, und beim dritten hatte ich Glück: Da stand eine Packung „Bisolvon“ – das kannte ich. Und daneben lag ein Medikament, auf dessen Verpackung zwei Lungenflügel abgebildet waren. Hier war ich richtig. Es kam dann aber doch noch eine Angestellte, da ich etwas zweifelnd mit zwei Medikamenten dastand und mich nicht entscheiden konnte. Sie riet mir zum günstigeren. Nicht sehr geschäftstüchtig, aber umso sympathischer. 🙂

Danach mussten wir noch in ein Kaufhaus, da Johann ein größeres Aufgebot an Wein aus Deutschland mitgenommen hatte, der Snob. 😉 Aber die Weingläser im mökki passten nicht zu diesen erlesenen Weinen … 😉 Und so kaufte er sechs Weingläser von Spiegelau. Man fährt nach Finnland, um dort Weingläser aus dem Bayerischen Wald zu kaufen – merkt euch das. 😉

Abends gab es gegrillten Lachs mit leckeren Beilagen. Wir hatten dem Lachs die Haut abgezogen und sie dem getigerten Kater angeboten – es war noch genug Fischfleisch daran, und der Kater fraß mit lässigem Ausdruck alles auf und setzte danach, dezent nach Fisch duftend, seinen Kontrollgang fort. Vielleicht gab es in einem der anderen Sommerhäuser ja ein Dessert … 😉

Da Johann ein absoluter Technikfreak ist, hatte er auch das notwendige Equipment dabei, Filme auf seinem Laptop zu sehen. Die drei anderen wollten einen Horrorfilm sehen, aber ich zog es vor, auf der Veranda zu bleiben. Und da saß ich und schrieb etwas, als sich plötzlich ein größeres Gewicht in Form zweier „Stempel“ auf meine rechte Schulter senkte. Dazu ertönte ein tiefes Brummen an meinem rechten Ohr, und als ich den Kopf zur Seite drehte, um zu schauen, was da war, sah ich, es war der Kater. Er kletterte auf meinen Schoß und schmuste mit mir. Seit diesem Abend kam er morgens stets zum Frühstück, wo er grundsätzlich auf meinem Schoß saß. 🙂 Für mich ein riesiges Kompliment, denn wenn Tiere deine Nähe suchen, hast du offenbar etwas sehr richtig gemacht.

Eines Tages fuhren wir erneut nach Tampere, um uns die Stadt anzusehen. Irgendwann machten wir eine Pause und setzten uns in ein Bistro, das draußen ein paar Tische hatte. Einer war noch frei und wurde sofort von uns okkupiert. Leider nur passierte das Alltägliche auch hier: Sabrina und Johann fingen Streit an und keiften einander laut an. Dirk und ich saßen sehr peinlich berührt dabei und taten, als gehörten wir nicht dazu, nachdem wir vergeblich zu schlichten versucht hatten. Nach etwa fünf Minuten stand an einem der Nebentische ein Mann auf, kam zu uns, legte Dirk und mir die Arme um die Schultern und meinte: „You guys are from Germany?“ – „Yes, we are,“, sagte ich, und ich fügte hinzu: „but not all Germans are as warlike as our friends here.“ Der Mann lachte und meinte: „I wouldn’t have expected that – don’t worry. I like Germans. And I would like to invite the two of you.” Und er wanderte ins Bistro und kam mit drei Bier zurück. Eines für ihn, eines für Dirk und eines für mich. Wir stießen mit ihm an, und er rief: „Welcome to Finland!“ Tolle Methode zur Friedensstiftung, denn Sabrina und Johann waren sofort still. Alle hatten ein Bier spendiert bekommen – nur sie nicht. 😉 Der Mann grinste Dirk und mich an und kniff uns ein Auge zu. Ich zwinkerte zurück und grinste ebenfalls. Kluger Mann, der gefiel mir. 🙂

In einem „Irish Pub“, in dem es aber auch finnische Getränke gab, lernten wir dann Satu, Juha und seine Freundin Virpi kennen. Namen haben die in Finnland! 😉 Satu hatte uns angesprochen, auf Deutsch mit finnischem Akzent. Sie habe 12 Jahre in Deutschland gelebt, erzählte sie. Aber da war noch etwas an ihrer Sprache, das mir vertraut war – da war doch eindeutig ein fränkischer Einschlag! Ich fragte sie, ob sie zufälligerweise in Franken gelebt habe, und sie schlug mir auf die Schulter und meinte: „Ja! Ich hab fei in Nürnberg gelebt, zwölf Jahre!“ Reizend klang das, Deutsch mit finnisch-fränkischem Akzent. 🙂

Es wurde ein langer Abend, und ich lernte viele finnische Wörter. So erfuhr ich, dass ich vihreät silmät mein eigen nenne, grüne Augen, während Dirk siniset silmät, blaue Augen, habe. Was eine ravintola sei und vieles mehr – das Ganze mit viel Bier und Zuprosten verbunden: „Kippis!“ Genau – kippis, das war doch einleuchtend und naheliegend. 😉

Wir hatten beinahe die nötige Bettschwere, als Sabrina, die kein Bier getrunken hatte, uns wieder nach Hause fuhr. Sie ging auch gleich ins Bett, aber Johann, Dirk und ich tranken noch ein Bier. Dirk verabschiedete sich dann auch, nur Johann und ich tranken noch ein weiteres Bier. Und das war wohl für Johann eines zuviel, denn er grinste mich auf einmal an und meinte: „Weißt du, worauf ich jetzt Lust habe?“ – „Nein, was? Mit dem Ruderboot auf den See fahren?“ – „Nein. Ich würde so gern mal den Kamin im Haus anmachen!“ Auf welche Ideen der kam! Den Kamin! Im Sommer, bei den Temperaturen! Ich versuchte alles, ihn davon abzuhalten, aber Johann ist stur, und schon machte er sich daran, Holz in den Kamin zu packen, das er dann tatsächlich anzündete! Wir hatten alle etwas davon, vor allem Sabrina, da der Kamin an eine der Wände ihres und Johanns Schlafzimmers grenzte … 😉 Sonderlich viel Mitleid hatte ich nicht – sie okkupierte grundsätzlich die attraktiveren Gegebenheiten ganz selbstverständlich, dabei hatten wir alle gleich viel bezahlt. Und so hatte sie mit Johann auch das bessere Schlafzimmer. (Nur nicht im Sommer, wenn der Kamin brannte. 😉 )

Vom Bad wollen wir lieber gar nicht erst reden: Jegliche horizontale Fläche war mit Beauty-Case, Make-up-Utensilien, Anti-Falten-Cremes und sonstigem Zeug bepflastert, so dass Dirk und ich im Bad nichts ablegen konnten und unsere Handtücher, Duschzeug und anderes immer wieder mit ins Schlafzimmer nehmen mussten. Sehr nett! Aber wir wollten keinen Streit anfangen – es gab ja ohnehin schon dauernd welchen zwischen Sabrina und Johann. Als Dirk am vorletzten Abend aber entdeckte, dass hinter dem Badezimmerspiegel noch ein Badezimmerschrank war, der nach dem Öffnen offenlegte, dass auch er mit Sabrinas Sachen vollgestellt war, sahen wir einander nur an, schüttelten ungläubig die Köpfe und lachten. „Wie hält Johann das aus?“ fragte Dirk, und ich hob meine Schultern. Keine Ahnung.

Schließlich mussten wir wieder abreisen, zu meinem großen Kummer, denn in Finnland hätte ich glatt bleiben können. Es wirkte – abgesehen von Sabrina und Johann – alles so gelassen und friedlich, und die Leute waren auch alle nett. Aber der Urlaub neigte sich dem Ende zu.

Nachdem wir Turku noch ein wenig besichtigt hatten, ging es auf die Fähre, und wir waren alle ganz brav und nicht so leichtsinnig wie auf der Hinreise, als wir über Nacht durchs Schärengebiet wieder gen Stockholm fuhren.  Und von dort ging es nach Dänemark, wo wir noch eine Übernachtung hatten, bis wir dann schließlich wieder zu Hause ankamen, wo Dirk und ich beschlossen, nie wieder mit Sabrina in den Urlaub zu fahren. Viel zu stressig, und Dirk meinte erneut: „Wie hält Johann diese Möchtegern-Diva nur aus?“ Ich wusste es auch nicht, kenne aber Johann, und der ist genauso anstrengend. 😉 Und weil die beiden einander ähneln, haben sie auch geheiratet. 😉

Nach Finnland möchte ich gern wieder einmal – gern auch in der kälteren Jahreszeit. Da kann man dann auch bedenkenlos den Kamin anmachen. 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.