Kamikaze-Ali

Heute zeigte sich mal wieder, dass ich bisweilen fest gefassten Grundsätzen untreu werde. Aber ich glaube, ich habe spätestens heute definitiv gelernt, dass man gewissen Grundsätzen niemals untreu werden sollte. 😉

Ich trödelte nach dem Aufstehen etwas, und so war ich relativ spät dran und verließ das Haus erst gegen kurz vor 8. Ich fuhr eine der Hauptverkehrsstraßen entlang, auf der auch eine der beiden Straßenbahnlinien verkehrt, die es hier in dieser Stadt gibt, obwohl ich die gar nicht so gern fahre, zumindest nicht in dem Abschnitt, denn die Straße ist vergleichsweise schmal. Und dann noch Straßenbahnschienen …

Als ich auf sie abbog, war gerade die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbeigefahren, die, die in meine Richtung fährt, würde sicherlich erst etwas später kommen. Ich habe nämlich großen Respekt vor diesem Verkehrsmittel, mit dem ich jahrelang Richtung Arbeitsstätte gefahren bin. Und so fuhr ich in dem Glauben, die Bahn sei irgendwo hinter mir, fröhlich die stark befahrene Straße entlang, bis ich sie an einer der Haltestellen vor mir sah … Nur zwei Autos trennten sie und mich. Und da stand sie erstaunlich lange, während sich ein veritabler Rückstau hinter ihr bildete. Wieso fuhr sie denn nicht weiter?

Genervter Blick auf meine Armbanduhr – ich musste möglichst vor halb 9 bei der Arbeit sein. Und die Bahn fuhr immer noch nicht. Nachdem wir munter vor uns hin gestanden hatten, sah ich schließlich, dass die Bahn genauso zum Warten verdammt und nicht die Ursache des Staus war. Die Müllabfuhr war vor ihr. Wir fuhren immer ein paar Meter weiter, dann war wieder Stehen angesagt.

Irgendwann hatte die Müllabfuhr ein Einsehen und machte den Weg frei. Es ging zumindest ein bisschen schneller, aber wir mussten trotzdem an jeder Haltestelle hinter der Bahn stehen. Und manche Leute lassen sich viel Zeit beim Ein- und Aussteigen …

Dann hielt die Bahn erneut an einer Haltestelle, und da war ausnahmsweise gerade kein Gegenverkehr. Die Fahrer der beiden Wagen vor mir scherten aus, um die Bahn zu überholen, die gerade erst angehalten hatte. Ich dachte: „Häng dich dran, Ali!“ Und das tat ich dann auch. Die beiden vor mir waren schneller, denn Scotty hatte mal wieder ganz eigene Ideen und beschloss, in diesem Moment, in dem spontanes Handeln eine gewisse Schnelligkeit erforderte, mal wieder seine „Gedenksekunde“ oder „Meditationsphase“ einzulegen, als ich zwar nicht hektisch, aber durchaus konsequent Gas gab …
Er „überlegte“ mal wieder, was nun zu tun sei, statt einfach zu schalten! Mir brach der kalte Schweiß aus, aber da beschloss das MMT-Getriebe, hochzuschalten, und endlich beschleunigte der Wagen. Nur: Inzwischen kam Gegenverkehr! Und rechts neben mir die stehende Straßenbahn – nach rechts zurückziehen konnte ich nicht mehr.

Im Nachhinein sagt man ja gern: „Da wurde mir schlecht.“ Mir wurde aber nicht schlecht, dazu war keine Zeit. Meine einzigen Gedanken: „Hoffentlich ist die Straße breit genug!“ und „Nerven behalten, Ali!“ Denn es musste trotz der Enge ja schnell gehen – die Bahn hätte wieder anfahren können, auch wenn sie erst kurz stand, und dann hätte ich ziemlich alt ausgesehen.

Der Gegenverkehr, der trotz der heiklen Situation ziemlich schnell unterwegs war, und ich, die ich durchaus zügig überholen musste, rauschten aneinander vorbei – es war nicht allzu viel Platz zwischen uns. Jedenfalls nicht ganz so viel, wie ich es bevorzugt hätte. 😉 Nicht zu wenig, aber es war schon etwas knapper. Und rechts die Bahn, die mir noch nie so lang vorkam, wie es heute der Fall war … 😉 Aber das ist natürlich rein subjektiv. 😉

Endlich war ich an der Bahn vorbei, und mit entsprechendem Abstand dazu scherte ich rechts ein. (Im Rückspiegel sah ich, wie eine ältere Dame mit ihrem Rollator Probleme hatte, in die Bahn zu steigen, und ich sandte ihr meinen herzlichsten Dank, da sie die Abfahrt der Bahn verzögert hatte.) Mein Blutdruck dürfte etwas höher gewesen sein, als ich weiterfuhr. Und mir war klar: Scotty ist ein solides Auto, aber sein Innerstes, das Getriebe, ist bisweilen etwas sanguinisch veranlagt. Mal himmelhoch jauchzend und wunderbar funktionierend, dann wieder zu Tode betrübt und nicht umgehend schaltwillig. (Ich habe mich inzwischen schlau gemacht – es gibt ja genug Toyota-Foren im Internet: Auch jahrzehntelang geübte Fahrer erklären, mit dem MMT-Getriebe bisweilen „meditationsphasengeprägte“ Schrecksekunden erlebt zu haben. Man müsse dann Ruhe bewahren. So wie ich heute. Abgesehen davon lasse ich nichts auf Scotty kommen! 😉 )

Ich fuhr danach besonders gemäßigt. 😉 Und ich kam gut bei der Arbeit an.

Und gelernt habe ich, die immer gesagt hat, niemals würde sie die Straßenbahn überholen, auch etwas: Ich werde nie wieder die Straßenbahn überholen! 😉 Einmal reichte, obwohl die Ausgangssituation durchaus unkritisch gewesen war. Scottys Getriebe machte sie erst heikel. Ist offenbar nur etwas für ganz sanfte und gemäßigte Gemüter.

Höchste Zeit, dass ich das endlich verinnerliche – aber ich bin auf gutem Weg! 😉

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