‚Kunst‘ kommt von Können. Käme es von Wollen, hieße es ‚Wulst‘!

Das ist ein Satz, den ich von meiner ehemaligen Kunstlehrerin, Frau Mehreck, zwar nie gehört habe, der aber gut und gerne von ihr hätte stammen können.

Heute erfuhr ich, dass Frau Mehreck bereits vor einigen Tagen gestorben sei. Es ist viele Jahre her, dass ich das letzte Mal mit ihr zu tun hatte, aber ich musste feststellen, dass mir die Nachricht und die Tatsache, dass sie nicht mehr lebe, viel näher ging, als ich erwartet hätte.

Annhild Mehreck war ein Mensch der Extreme. Sie wirkte eher bodenständig, aber man spürte, sie war ein sehr sinnlicher Mensch. Und sie hatte furchtbar viele Ecken und Kanten. Vielleicht nicht mehr als ich, aber sie hatte keinerlei Scheu, diese Ecken und Kanten auszuleben. Anders als ich, die sich entsetzlich schämt, wenn sie ausfallend geworden ist, selbst wenn die Umstände so unerträglich sind, dass es eigentlich nicht wundert, wenn man dann wirklich wütend und im Zweifelsfalle auch lauter wird.

Frau Mehreck hatte da keinerlei Scheu. Sie erklärte sich auch nie, wenn sie – bisweilen unberechenbar scheinend – einen Wutanfall bekam, nur weil ein kleiner Fünftklässler, der wie alle seine Klassenkameraden einen Esel hatte malen sollen, den Esel – anders als die Klassenkameraden, die das Wasserfarb-Huftier in Grau oder Braun gestalteten – in Blau malte, weil er möglicherweise von Bildern Franz Marcs, „Blaues Pferd“ oder dem „Turm der blauen Pferde“, inspiriert gewesen war. (Mich wundert der Ausraster noch heute, denn eigentlich stand Frau Mehreck auf Phantasie und natürliche Entfaltung des eigenen Willens. Möglich aber, dass sie eine Beeinflussung eben durch Franz Marc mutmaßte, und Beeinflussung mochte sie gar nicht – wir werden es nie erfahren. 😉 )

Sie war ein Mensch, den man an einem Tag gegen die Wand hätte klatschen, am anderen Tag aber ganz fest hätte drücken mögen. Ich sah auch, wie sie mit ihren Kindern, vier an der Zahl, drei Mädchen und ein Junge, umging. Sehr liebevoll, aber nicht gluckenhaft. Ihre jüngste Tochter, Mina, hatte sie einmal mit zur Schule gebracht, als die Kleine etwa anderthalb Jahre alt war. Wie gesagt: sehr liebevoll, aber als die Kleine wiederholt herumzickte, gab es sehr energisch zur Antwort: „Mina, du weißt, ich liebe dich sehr – aber jetzt ist Schluss!“ Möglich, dass man dies heutzutage schon als Kindesmisshandlung betrachten würde, aber die Kleine gab Ruhe und wirkte doch so, als sei ihr klar, dass Mama sie trotz allem liebte. 🙂 Und es half auch, uns zu zeigen, dass wir durchaus geschätzt wurden, wenn auch Frau Mehreck uns bisweilen etwas energischer behandelte.

An mir schien sie einen Narren gefressen zu haben, obwohl auch ich zwei- oder dreimal Opfer ihrer Wutausbrüche wurde. Ich habe schon immer sehr gern gezeichnet und gemalt. Zeichnen stand vor dem Malen bei mir stets auf Platz 1. Nur fand ich meine Werke nie so gelungen, hatte stets selber etwas daran zu mäkeln. Frau Mehreck aber meinte: „Du hast ein echtes Zeichentalent, und auch malen kannst du gut!“ Das war ein gigantisches Lob! Eingebildet habe ich mir aber nichts darauf, denn ich habe mich ja nicht selber gemacht und war obendrein von meinen Werken durchaus nicht überzeugt, zumal Frau Mehreck Einbildung und Arroganz zutiefst verabscheute. 😉 Da sind wir einander recht ähnlich – ich mag das auch nicht. 😉

Von der fünften bis zur achten Klasse malte und zeichnete ich mich durch, hatte immer gute Noten, und Frau Mehreck nannte mich „sehr sensibel und feinfühlig“. Noch eine Auszeichnung, denn so etwas sagte sie nicht zu jedem.

In der achten Klasse lernten wir perspektivisches Zeichnen, die Fluchtpunktperspektive und das Zeichnen von Objekten mit Übertragung der Proportionen, Größen- und Längenverhältnisse aufs Papier. Fluchtpunkt war vergleichsweise einfach, obwohl ich in Geometrie immer eine Versagerin war. Beim Zeichnen klappte wie durch ein Wunder alles prächtig. 😉

Aber beim Zeichnen von Objekten mit Übertragung der Größenverhältnisse aufs Papier habe ich den zweiten oder dritten Wutausbruch Frau Mehrecks in meiner gesamten „Künstlerkarriere“ auf mich gezogen. Wir saßen im Schulgarten und hatten uns ein Objekt der alten Klosteranlage, die Teil unserer Schule war, ausgeguckt. Und Frau Mehreck hatte uns beigebracht, wie man die realen Größenverhältnisse entsprechend proportioniert zu Papier brachte. So saß ich auch da, das Zeichenbrett mit dem Zeichenpapier hochkant auf den Oberschenkeln, in der rechten Hand den Zeichenstift, den ich bei ausgestrecktem Arm als Maßstab benutzte. Die Spitze des Stifts an den höchsten Punkt des zu zeichnenden Objekts gesetzt, maß ich – vorschriftsmäßig ein Auge zugekniffen – mit dem Daumen am Stift die Länge des Objekts ab, um das Ganze dann zu Papier zu bringen. Aber irgendetwas muss ich wohl nicht ganz richtig gemacht haben.

Das wurde mir in dem Moment klar, als das Inferno über mich hereinbrach, und dies in Gestalt einer sehr lauten und wütenden Stimme hinter mir. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass Frau Mehreck hinter mich getreten war, so vertieft war ich in mein Tun gewesen. Sie schrie mich an: „Was machst du denn da? Das ist doch Scheiße!“

Vor Schreck ließ ich meinen Bleistift, Härtegrad B, fallen, ebenso das Zeichenbrett. Großer Gott – ich hatte den „Blauer Esel“-Effekt erzielt, und das völlig unwillkürlich! Da kam dann noch mehr Geschrei, dass ich mein Material doch nicht einfach so in den Dreck fallen lassen könne – wie ich denn eigentlich drauf sei! Da habe ich aber reagiert und gesagt: „Vor Schreck habe ich es fallengelassen! Warum schreien Sie mich denn so an? Ich habe es doch nicht mit Absicht falsch gemacht!“

Da geschah das Wunder. Sie grinste und entschuldigte sich auf ihre Art, indem sie meinte: „Gerade von dir hatte ich erwartet, dass sie das gleich könne.“ (Offenbar ein Irrtum. 😉 ) Und dann ging sie hin und zeigte mir und meinen beiden Mitstreiterinnen, die mit mir zusammen die Außenansicht der Klosterkapelle zeichnen wollten und genauso wurschtig mit ihren Zeichenstiften Löcher in die Luft gestochen hatten, wie es wirklich richtig gehe. Seitdem kann ich richtige Proportionen zeichnen, als hätte ich es bereits mit der Muttermilch aufgesogen. 😉 Ganz ohne Raster, wie manche Leute es benutzen und mit zarten Bleistiftstrichen auf das Zeichenpapier malen, bevor sie mit dem richtigen Zeichnen loslegen. (Sie hat mich sogar bis in den Matheunterricht quasi begleitet, als wir einmal irgendeine blöde Beweisaufgabe lösen sollten, und das anhand eines sehr bildhaften Beispiels, in dem ein Fenster vorkam. Die Behauptung bekam ich noch fehlerfrei hin, aber dann stand ich vor einem Rätsel … 😉 Das Kürzel „q.e.d.“, „quod erat demonstrandum“, oder „w.z.b.w.“, „was zu beweisen war“, war Lichtjahre von meinen Bemühungen entfernt. 😉 Immerhin hatten wir eine kleine Skizze zur Behauptung anfertigen sollen, und das bewahrte mich davor, ähnlich unbeschäftigt wie meine drei Banknachbarn auszusehen, die mathematisch ebenso ahnungslos waren wie ich. 😉 Im Gegensatz zu ihnen fertigte ich wenigstens eine ausgefeilte Skizze an: im Vordergrund ein Fenster mit zwei sich nach innen öffnenden Fensterflügeln, dahinter eine Straße mit Häusern zu beiden Seiten – Fluchtpunktperspektive -, mit Bäumen, denn es handelte sich um eine Allee, Autos, Bussen, Radfahrern und Fußgängern. Ich war zumindest beschäftigt. 😉 Und meine Mathelehrerin, Frau Antoni, die vermutlich eine großartige Theoretikerin war, meinte, als sie – von mir unbemerkt – hinter mich getreten war und gesehen hatte, was ich da tat, als ich gerade eine Topfpflanze und eine Katze auf die innere Fensterbank zeichnen wollte: „Ach, Ali, du machst das ja alles immer mit soviel Liebe!“ Und dann strich sie mir übers Haar! Es wäre vielleicht besser gewesen, hätte sie uns allen präziser erklärt, wie man mathematische Beweise angehe, denn ich war beileibe nicht die Einzige gewesen, die keine Lösung hatte. 😉 Immerhin aber hatte ich mich nicht gelangweilt, ganz im Gegensatz zu anderen Klassenkameraden. 😉 )

Einmal war Frau Mehreck – das war in der achten Klasse – mit auf Klassenfahrt. Nach Willingen im Sauerland ging es. Einige meiner Mitschüler hatten eine Fresse gezogen, als sie hörten, Frau Mehreck sei unsere weibliche Begleitperson. Aber sie war klasse, erzählte abends im Achter-Mädchenzimmer, wo wir Mädels uns alle versammelt hatten, im Dunkeln Gespenstergeschichten, und obwohl wir ja mit 13, 14 Jahren schon total „erwachsen“ waren, fanden wir es grandios, und wir hätten keine bessere Begleitperson haben können. (Die armen Jungs – ihre Aufsichtsperson war Herr Zuhoff, und das war keine Freude. 😉 ) Sie wirkte auch total entspannt, und das trotz der für Lehrer unangenehmen Pflicht, eine verreisende Klasse – noch dazu mitten in der Pubertät – begleiten zu müssen. Sie war gleichzeitig wie eine Mutter, aber auch wie eine Freundin. Man konnte auch mit Kummer zu ihr gehen, und man kam dann getröstet und mit viel mehr Zuversicht zurück. Sie konnte nicht „nur“ Kunst. 🙂 Jedenfalls nicht „nur“ bildende Kunst.

Mich fragte sie da einmal, ob ich ein Tagebuch führte. Ich sagte: „Ja, aber manches kann ich mit Worten nur so schwer beschreiben.“ Da riet sie mir, zusätzlich ein Skizzenbuch zu führen, und sie gab mir viele gute Tipps, wie ich gut und schnell skizzieren könne. Habe ich nie vergessen. 🙂 Und einen auf der Wiese tobenden und spielenden Dobermann habe ich dann sehr schnell und gemäß Frau Mehrecks Urteil sehr schön und treffend skizziert. „Der sieht einerseits etwas bedrohlich, andererseits auch sehr verspielt aus – das hast du sehr schön eingefangen und ausgeführt. Schenkst du mir die Skizze?“ – „Aber die ist doch nicht wirklich toll.“ – „Doch, ist sie. Schenkst du sie mir?“ – „Ja, wenn Sie sie wollen – gern.“ – „Aber erst signieren, Frollein!“ 🙂

Mit dem Übergang von der achten zur neunten Klasse mussten wir uns entscheiden, was den künstlerischen Teil unserer Schulausbildung betraf, und wir mussten uns zwischen Kunst und Musik entscheiden. Da habe ich lange gebraucht, denn auch Musik ist für mich elementar wichtig. Und eines Tages, noch bevor meine Entscheidung gefallen war, fragte mich Frau Mehreck, wofür ich mich entschieden hätte. Ich zögerte mit der Antwort, ich wollte keinen möglichen Wutausbruch heraufbeschwören. Dann meinte ich ganz ehrlich: „Frau Mehreck, ich weiß es nicht. Beide Fächer sind mir sehr wichtig.“ Da grinste sie und meinte: „Musik ist in der Tat auch sehr wichtig, und ich finde schön, dass du nicht weißt, was du wählen möchtest. Viele wählen Kunst, weil sie denken, da sei eine gute Note ja ganz einfach.“ Da meinte ich etwas vorlaut: „Aber doch nicht bei Ihnen – diese Leute kennen Sie wohl nicht!“ Da lachte sie ihr dröhnendes Lachen und meinte: „Genau!“

Letzten Endes hat dann Kunst das Rennen gemacht. Aber was für eine Ernüchterung, als Frau Mehreck uns nach den Sommerferien mitteilte, Bildhauerei stünde auf dem Lehrplan! Grauenhaft! Hat mich nie interessiert, jedenfalls nicht mit mir als ausführender „Künstlerin“. 😉 Obwohl es sich noch harmlos anließ und wir zunächst mit Ton arbeiteten und eine Vogelskulptur anfertigen sollten. Meine sah derart futuristisch aus, dass Frau Mehreck sich vor Freude und Begeisterung kaum lassen konnte, und sogar meine Mutter hat den brachialen Vogel aufgehoben, weil sie ihn originell fand. War er auch, ähnelte mehr einem dieser großen Landsaurier als einem Vogel, zumindest von der Gestaltung her. Seines aufstrebenden Schnabels und seiner flugunfähigen Gestalt wegen nannte ich ihn „Ariane“, und dies in Anlehnung an die ESA-Trägerrakete gleichen Namens, die zunächst durch Fehler und Fehlstarts mit großem materiellen Schaden bekannt geworden war. 😉 Als Frau Mehreck dies mitbekam, lachte sie und meinte: „Sehr kreativ, Ali. Und sehr selbstkritisch und sarkastisch, mit nettem Augenzwinkern. Aber ich finde deine Ariane sehr schön – sie sieht nicht wie ein gewöhnlicher Vogel aus, sondern verheißt viel Phantasie und Abstraktion.“ O ja. Sie war so abstrakt und wuchtig, dass sie nur mit Hängen und Würgen in den Brennofen passte. Und weil ich so viel mehr Material als meine Mitschüler verarbeitet hatte, musste sie auch öfter als alle anderen Skulpturen gebrannt werden. 😉

Danach ging es weiter mit einer Skulptur aus Speckstein. Seitdem hasse ich Speckstein! Wir sollten aus einem unförmigen Klumpen zwei in einer Beziehung zueinander stehende Personen abbilden. Ich habe es gehasst! Mit speziellen Messern, Kerbinstrumenten und groben Feilen mussten wir zu Werke gehen, und ich musste Überstunden einlegen und den Klumpen, der einmal eine Skulptur werden sollte, sogar mit nach Hause nehmen und dort weiterarbeiten, damit das daraus wurde, was dem Emblem des Sportartikelherstellers „Kappa“ erschreckend ähnelt: zwei mit dem Rücken zueinander sitzende Menschen, bei denen sich beide an den Rücken des jeweils anderen anlehnen. Und das nach all den Mühen! Nix gegen „Kappa“, aber das Resultat war doch etwas … armselig. 😉

Nicht, dass ich faul gewesen wäre! Nein. Mir fehlte nur die Kraft, diesen blöden Stein zu bearbeiten. Nach jeder Doppelstunde plus Verlängerung, da eine „Abgabefrist“ herrschte, taten meine Hände und Handgelenke unbeschreiblich weh. Und ich habe es so gehasst! Einmal, als ich verzweifelt einmal mehr länger blieb, um irgendwie zeitlich klarzukommen, kam Frau Mehreck zu mir und meinte: „Ali, in Zeichnen bist du wirklich sehr gut. In Malen gut. Aber Bildhauerei ist nicht dein Ding. Zeig mal deine Hände!“ Was wollte sie da sehen? Ob meine Fingernägel sauber waren? 😉 (Waren sie im Kunstunterricht eigentlich nie, denn entweder hatte man Farbe darauf und darunter, aber auch Druckerschwärze, mit der man hervorragend malen und sich die Klamotten versauen kann. Oder Ton oder Staub von einem Speckstein …) Aber ich streckte ihr meine Hände hin, und sie meinte: „Kein Wunder! Du hast Hände und Handgelenke, die prädestiniert für das Führen eines Zeichenstiftes, von Zeichenkohle oder Kreiden oder Pinseln sind. Nicht für gröbere Instrumente. Sieht man schon an den Handgelenken. So feinfühlig wie ein Reh.“ Und ehe ich mich versah, fragte sie: „Spielst du ein Musikinstrument?“ – „Ja, Klavier, aber ich habe gerade mit dem Unterricht aufgehört.“ Da rief sie enthusiastisch-empört: „Sofort wieder anfangen! Angesichts deiner Hände hätte ich auf Violine getippt, aber du spielst Klavier, und du solltest damit weitermachen! Du hast sehr feinfühlige Hände! Meine älteste Tochter hat auch solche Hände, und die spielt Violine. Mein Sohn wäre da wahrscheinlich nicht so gut, weil er kräftigere Hände hat – daher spielt er auch Trompete.“

Für meine blöde Skulptur habe ich dann eine Drei bekommen. Schlechter als alles, was ich bis dato an Noten aus dem Kunstunterricht heimgebracht hatte, aber absolut gerechtfertigt. Das Ding war einfach Scheiße. 😉 Meine Mutter hat es trotzdem aufbewahrt, wahrscheinlich, weil es ein Symbol war: des Kampfes und Ringens mit und gegen sich selber. 😉 Immerhin würde es sich prima dazu eignen, eine Fensterscheibe – wahrscheinlich sogar aus Panzerglas – einzuwerfen und hat so doch einen gewissen „Nährwert“. 😉

In der Oberstufe war dann Schluss mit dem Kunstunterricht, und ich muss sagen: Er hat mir gefehlt. Aber ich hatte bis dahin wirklich viel gelernt, und all das habe ich Frau Mehreck zu verdanken. Trotz aller Schreierei.

Und trotz aller Schreierei habe ich sie stets in angenehmer Erinnerung behalten, weil sie im Grunde ein sehr lieber und gerechter Mensch war, von dem man sich – sogar, wenn sie wütend war – ernstgenommen fühlte, weil man wusste, sie nahm einen ernst. Auch als Fünftklässler. 🙂

Sie war eine meiner besten Lehrerinnen. Und das nicht nur in Bezug auf Kunst. 🙂 Von ihr habe ich sehr nachhaltig gelernt, dass Menschen ganz individuell seien und dass man immer ganz genau hinsehen müsse, bevor man ein Urteil abgebe. Und dass manchmal der Schein trüge. Danke, Frau Mehreck. Sie werden fehlen.

Mein Freund Murphy ist wirklich ein merkwürdiger Zeitgenosse …

Gestern erst erwähnt, heute schon auf unserer Showbühne! 😉 Murphy, wie er leibt und lebt …

Heute bin ich sehr früh aufgestanden, denn ich wollte „mal richtig früh“ bei der Arbeit sein. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist und ob ich vielleicht, als ich im Bad war, in Wirklichkeit in einem Paralleluniversum war. Jedenfalls war es viel später, als ich angenommen hatte, als ich das Bad verließ. 😉 Mein Zeitgefühl lässt offenbar stark zu wünschen übrig.

Da es gestern und heute sehr kalt war, zog ich einen Kaschmirpullover an, den meine Mutter mir geschenkt hat. Wäre er kein Geschenk gewesen, würde sich auch kein Kaschmirpullover in meinem Haushalt befinden. 😉 Zu teuer. Hält aber wunderbar warm und sieht auch noch schön aus, so schön dunkelgrün. Dazu noch ein passendes Halstuch, fertig war der Lack, zusammen mit Jeans und schwarzen Stiefeln. Da mein Wintermantel, der auch „in die Jahre kommt“, sich gestern als nicht ganz so warm erwiesen hatte, wie ich ihn in Erinnerung gehabt hatte, zog ich lieber meine schwarze Winterjacke von Desigual an, in der ich mich zwar manchmal wie einbetoniert fühle, die aber schön ist. Und vor allem: warm.

Und so machte ich mich auf den Weg. Gestern hatte ich Scotty, meinen Toyota Auris, ein Stück von „meinem“ Haus entfernt parken müssen, da mal wieder alle Parkplätze vor dem Haus besetzt gewesen waren, und das zumeist von Auswärtigen. Okay, die müssen auch irgendwo parken, aber richtig glücklich war ich nicht. Ich war bei meinen Eltern gewesen, um einige Sachen abzuholen, die sie mir, am Sonntag aus Bayern, respektive Franken, zurückgekehrt, mitgebracht hatten, weil sie wussten, mein Herz hängt dran, und die Sachen sind hier großenteils nicht zu bekommen. (Und meine Kollegin Janine hat sich heute sehr über die Flasche „AEcht Schlenkerla Rauchbier“ gefreut. Noch, wie meine Mutter meinte. Denn wenn sie das Bier probiert hat, das wie Katenrauchschinken schmeckt, spricht sie vielleicht nicht mehr mit mir. 😉 )

Anschließend war ich in D. noch in dem REWE-Markt, der erheblich größer und viel besser sortiert ist als andere REWE-Märkte, die ich so kenne. Und mein Kofferraum war halbvoll mit Waren, als ich in meine Straße einbog und hoffte, vor dem Haus … Nein. Klar. Wenn ich mal den halben Kofferraum mit Waren gefüllt habe, stehen vor dem Haus natürlich Autos aus Itzehoe, Groß-Gerau und Passau. (Dem Passauer war aber sofort verziehen – er kommt aus Bayern, noch dazu aus Niederbayern, und da bin ich, ich gebe es ungern zu, nicht ganz neutral. 😉 ) Ich parkte ein ganzes Stück die Straße hinunter – oder hinauf, je nach Perspektive, und dann durfte ich den ganzen Schmonzes bis zum Haus schleppen. Es roch ein wenig nach Murphy. 😉 Denn das ist nicht das erste Mal in dieser Konstellation. 😉 Habe ich nicht viel zu transportieren oder zu tragen, ist vor meinem Haus alles frei. Aber wehe, ich kaufe etwas ausführlicher ein! 😉 Dann gibt es nur noch die „billigen Plätze“.

Heute früh ging ich zu Scotty, stellte erleichtert fest: nicht zugeparkt, was an dieser Stelle öfter vorkommt, weswegen ich ja auch lieber vor dem Haus und parallel zum Bordstein parke. Ich parkte aus, und los ging es. Abgesehen von den üblichen Deppen, die meinen, innerorts 70 oder schneller fahren zu müssen, war es eine sehr entspannte Fahrt, und ich hörte David Bowie. Bei „Where are we now?“ sang ich mit, obwohl ich doch wusste, ich war auf der „Vom-Stein-Straße“. 😉 Als ich gerade den Abschlussrefrain mitsang („As long as there’s sun :|| / As long as there’s rain :|| / As long as there’s fire :|| / As long as there’s me / As long as there’s you“), fädelte ein Idiot ohne Blinker so knapp vor mir links ein – er hatte wohl erst spät bemerkt, dass er ja eigentlich links abbiegen wollte, nachdem er zuvor, was ich gesehen hatte, wohl durch das Handy an seinem Ohr abgelenkt gewesen war -, dass ich richtig heftig bremsen musste. Exakt das sind die Situationen, derentwegen ich nie so gern Auto gefahren bin. Immerhin konnte ich erstmalig ausprobieren, wie meine bzw. Scottys Hupe eigentlich klingt. Klingt gut. Vor allem ist sie laut. Ich gebe zu, ich bin selber erschrocken. Aber immerhin winkte mir der Vordermann eine Art „Sorry“ zu. 😉

Auf dem Nordring hielt ich mich, wie immer, links, und da wir innerorts fuhren, fuhr ich 50. Okay, eigentlich fuhr ich annähernd 60 und bereits zu schnell, aber das war einem Fahrer hinter mir, der die zweispurige Straße mit der Autobahn zu verwechseln schien, auch noch zu langsam, und dann überholte er mich rechts und gestikulierte dabei wild, während er vor mir einscherte. Dann zog er wieder nach rechts. Ich zog auch, und zwar meine Augenbrauen hoch, dann wartete ich auf das Ortsausgangsschild und gab dahinter Gas. Wenn Scotty einmal in Fahrt ist, schaltet und beschleunigt er wie eine Eins. Er scheint nur nicht zu mögen, wenn er aus einem der unteren Gänge plötzlich beschleunigen soll. Ansonsten reagiert er sofort und beschleunigt immens … 😉 Pubertäres Verhalten, aber der andere Fahrer staunte nicht schlecht, als ich wie ein Pfeil an ihm vorbeizog. Als ich längst schon auf der Linksabbiegerspur Richtung Arbeitgeber in einer ganzen Kolonne darauf wartete, dass die Ampel auf Grün schaltete, kam er endlich angekrochen, um rechts von mir weiter geradeaus zu fahren. Ich winkte ihm mit meinem reizendsten Gesichtsausdruck fröhlich zu, aber er zog es vor, blicklos an mir vorbeizufahren. Ich hole offenbar gerade meine KFZ-technische Pubertät nach. 😉 So lange nicht gefahren, und wenn, dann angsterfüllt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Aber ich verspreche, ich werde künftig ganz brav fahren und niemanden mehr provozieren. 😉 Schon gar keinen Mann am Steuer, der meint, er könne es per naturam besser. 😉

Der Parkplatz war schon ziemlich gut besetzt, als ich gegen 08:40 h eintraf. Ach, herrje – heute war ja „Karrieretag“ und die Bude brechend voll! Um 10 h sollte es losgehen, und schon jetzt sah man, dass heute etwas Besonderes anlag. Ich fand ein ruhigeres Plätzchen, parkte ein, schloss den Wagen ab und ging Richtung Arbeit. Unterwegs wehte ein sehr kalter Wind, der dann auch noch auffrischte, sich zu Böen steigerte und mir fast den Skalp abriss und die Tränen in die Augen trieb, die auch alsbald ihren Weg abwärts nahmen. Wozu eigentlich frisiere und schminke ich mich vor der Arbeit? Mir war klar, im Büro, wo ich mit Janine gemäß meinem Chef ja „ganz exklusiv“ sitze, würde ich mich erst einmal restaurieren müssen. Wie gesagt: Wir sitzen da „ganz exklusiv“, und da kann man nicht wie eine Windsbraut mit zerzausten Haaren sitzen, wenn man sie sich auch nicht selten selber raufen möchte. 😉

Im B-Gebäude stempelte ich mich ein, hoffte, auf dem langen Weg zu meinem Büro im A-Gebäude nicht etwa Cindy Blech zu begegnen, aber die war zum Glück nirgendwo zu sehen. Dafür ein Kollege aus der Abteilung „Liegenschaften“, der im A-Gebäude das geschäftige Treiben überwachte und koordinierte. Als er mich sah, tippte er mit großer Geste auf seine Armbanduhr, aber aus Spaß, und er rief: „Na, also, Frolleinchen – die Kernarbeitszeit hat schon begonnen!“ Ich winkte grinsend ab und rief, die Kernarbeitszeit könne mich mal. „Wo kommen wir denn jetzt her, Frau B.?“ rief er frotzelnd, und ich meinte: „Vom Parkplatz.“ – „Und was haben wir da gemacht?“ – „Lass mich überlegen … Geparkt?“ – „Also hast du inzwischen ein Auto?“ – „Ja, wenn ich da parke, heißt das wohl, dass ich ein Auto habe. Ansonsten wäre ich von der Bushaltestelle und aus der anderen Richtung gekommen, und wir beide wären einander gar nicht begegnet.“ Ich frotzelte, grinste und kniff Jörg ein Auge zu. Mit Jörg verstehe ich mich recht gut. Absolut nicht mein Typ, aber sympathisch, zumal er der erste Mensch ist, den ich kennengelernt habe, der nicht mehr als Ersthelfer arbeiten darf, da er in einer Ersthelfer-Auffrischveranstaltung den Dummy, der zu Reanimationsübungen mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Nase-Beatmung benutzt wird, kurzerhand ins Dummy-Jenseits befördert hat, da er diesen im Sinne der Reanimationsübung wohl etwas zu stark herzdruckmassiert hatte. Der recht kostenintensive Dummy war danach Schrott, aber wenn man Jörg sieht, weiß man, woran es liegt, denn derjenige, der sich freiwillig mit Jörg anlegen würde, müsste schon debil sein. Ein wirklich sensibler und netter Mensch, aber wo der hinhaut, wächst über Dekaden kein Gras mehr. 😉

Als ich näherkam, sah er mich besorgt an und meinte dann: „Warte mal, Ali – dein Make-up unter dem rechten Auge ist komplett verwischt.“ – „Ja, als ich dich sah, kamen mir die Tränen der Rührung, und ich bin Rechtsäugerin“ – „Nein, im Ernst. Warte mal.“ Und mit den Worten streckte er seine Hand aus, und mir wurde etwas bange. Würde ich nach dem Eingriff noch über ein rechtes Auge verfügen?

Aber welch Wunder! Mit einer Feinfühligkeit, die ihresgleichen sucht, wischte er mit seinem Zeigefinger unter meinem rechten Auge herum! Bevor ich eingreifen konnte, denn ich suche mir die Leute, die mich anfassen dürfen, eigentlich gerne selber aus. Aber meist bin ich völlig perplex, wenn man mich einfach so, ohne in irgendeiner Beziehung zu mir zu stehen, anfasst, und es kam schon vor, dass mir das im Nachhinein ganz und gar nicht unangenehm war, ich im Moment des Geschehens aber zu perplex war, irgendwie sinnstiftend zu reagieren, sondern wahrscheinlich mit weitaufgerissenen Augen dastand. Hat alles seine Gründe. Ein harmloser dieser Gründe ist, dass ich ein sogenannter „visueller“ Mensch bin, ein Augenmensch, der stets Abstand und „Überblick“ benötigt, um Dinge beurteilen zu können. Jegliche Überrumpelung verwirrt mich. (Klingt ein bisschen autistisch, ist es aber nicht. 😉 Ich muss nur immer alles ein bisschen aus der Distanz betrachten, bevor ich mich nähern kann. 😉 )

Jörg meinte zu mir, als ich mich anschickte, die Regie zu übernehmen, nur: „Entschuldige, bitte, aber ich konnte doch ausgerechnet dich nicht hier so herumlaufen lassen – du siehst doch immer so hübsch aus. Sahst du auch schon vorher, aber halt etwas verwischt.“ Ich starrte ihn perplex an – von diversen anderen Menschen hätte ich ein solches Verhalten erwartet, ganz bestimmt nicht von ihm. Schon gar nicht an einem „bad hair day“. Murphy! Der schlägt gerne an schlechten Tagen zu – leider auch mit den ganz falschen Personen.

Ich ging lieber ins Büro. Und Janine und ich gingen heute besonders früh eine rauchen. Da war das Wetter wohl schon umgeschlagen, und ich schwitzte in meiner Winterjacke nebst Kaschmirpullover wie ein Bär – danke, Murphy, für den Wetterwechsel.

Der ganze Tag war irgendwie komisch. Wetterwechsel, erst frieren, dann schwitzen, Kreislaufprobleme. Ich war bereits um 13 h bereit, nach Hause zu fahren. Aber da klingelte das Telefon, und der Kantinenchef war dran, den ich für eine Veranstaltung am nächsten Montag beauftragt hatte, das Catering zu übernehmen. Teilnehmerzahl? Noch nicht bekannt, aber Herr Schmidt muss das Material mit entsprechendem Vorlauf bestellen. Ich meldete mich, und da meinte Herr Schmidt: „Hier Schmidt! Hallo, schöne Frau!“ Ich stutzte, meinte: „Herr Schmidt, ist alles in Ordnung?“ – „Ja, klar, wieso?“ – „Wegen Ihrer Ansprache. ‚Schöne Frau‘! Ha, ha!“ Da wurde Herr Schmidt sehr energisch. Und er meinte: „Warum lachen Sie jetzt? Ich meinte das schon ernst. Wirklich.“ – „Dann bedanke ich mich.“ – „Frau B. – Sie schätzen sich offenbar völlig falsch ein.“ – „Ja, wahrscheinlich.“ Und dann bemühte ich mich, lieber zum Geschäft zu kommen.

Total komischer Tag. „Bad hair day“, ich fühlte mich eigentlich mies. Und dann gleich zweimal so etwas. Hmmm. Offenbar habe ich einfach die falsche Einstellung, oder Murphy wollte mich mal wieder herausfordern. Eigentlich mag ich ihn ja, den Murphy. 😉

Warum mein allerbester Freund „Murphy“ heißt

Ich werde nie vergessen, wie ich gerade mein Magisterexamen abgelegt hatte. Nicht nur mit Glück, sondern richtig gut. Ich war so glücklich, ich hätte die ganze Welt umarmen können. 🙂

Netterweise waren mein Vater und meine Schwester Stephanie sowie ein guter Freund zu meiner Abholung nach der zweistündigen „Kollegialprüfung“, dem mündlichen Examen in allen drei Fächern, gekommen, und Willy hatte sogar eine Flasche Sekt dabei, sowie echte Sektgläser, die er in einer Papprolle sorgsam verpackt hatte. Er hatte sogar an meine Verwandten gedacht.

Meine Mutter weilte in Kur, und da ich stets ein verkapptes Mamakind gewesen bin, vermisste ich sie sehr. Aber die Kur meiner Mutter hatte Priorität, das sah auch ich ein, und so rief meine Schwester nach meiner erfolgreich vollbrachten Prüfung in ihrem Hotel an und hinterließ eine entsprechende Nachricht.

Nachdem mein Vater und Stephanie wieder nach Hause gefahren waren, begab ich mich beschwingt – ich hätte singen können, weil solch eine grauenvolle Last von mir genommen worden war – nach Hause, um mich dort aus meiner Prüfungskleidung zu pellen, mich unter die Dusche zu stellen und mich auf meine Examensparty vorzubereiten.

Kaum war ich aus der Dusche heraus, klingelte mein Telefon. Mama war dran, und sie gratulierte mir, war gerührt und meinte, es tue ihr in der Seele weh, nicht anwesend zu sein. Aber das, was sie alles sagte, entschädigte.

Nachdem wir beide aufgelegt hatten, klingelte das Telefon erneut. Ich meldete mich, und meine Oma Margareta, von mir pottgemäß „Omma Bamberg“ genannt, weil sie dort lebte, war dran. Ich hörte, dass sie vor Rührung weinte, ich freute mich, meinte jedoch, sie müsse doch nicht weinen. Da kamen sie, die Worte, die ich nie vergessen habe: „Ach, Kind, ich bin so froh, dass du auch mal Glück gehabt hast! Du bist doch sonst immer so ein kleiner Pechvogel. Ich freue mich so!“

Ich hingegen staunte, nahm den Hörer vom Ohr und starrte ihn verwundert an. Wie das jetzt? „Pechvogel“? „Auch mal Glück gehabt“?

Ich meinte: „Omma, ich hatte nicht nur Glück! Ich war wirklich gut! Mein Erstprüfer meinte, ich sei immer eine sehr gute Studentin gewesen, und das war ich auch. Das war nicht nur Glück! Eben weil ich ja bisweilen ein kleiner Pechvogel bin, wie du sagst, zeugt das doch eher von Können, nicht von Glück!“ – „Ach Kind, sei nicht böse – ich freue mich nur so!“ Als hätte ich „Omma Bamberg“ je böse sein können! 🙂 Ich nahm es also einfach hin, und ich freute mich, dass sie sich so freute, wenn ich auch ein bisschen genervt war, dass ausgerechnet dort, wo ich wirklich gut war, das „Glück gehabt“-Schema angewandt wurde.

Tief in meinem Inneren wusste ich aber, sie hatte einen Punkt getroffen, der nicht ganz unwahr ist: Ich scheine Pech anzuziehen wie das Licht die Motten oder Mücken. 😉 Okay, es gibt auch Aspekte, da ich selber schuld bin, aber es gibt hinreichend Dinge, bei denen ich wirklich nichts dafür konnte und doch die Doofe war. Oder – sagen wir es nett – die Leidtragende. Ich bin offenbar so ein Mensch, warum, weiß ich nicht. Wäre ich gläubig und überzeugte Katholikin, würde ich das Ganze wohl als Prüfung betrachten. 😉 Da ich das aber nicht bin, lasse ich derartige Albernheiten bleiben. 😉

Wenn es auch so sein mag, dass ich bisweilen betroffen bin, habe ich mich bis dato relativ wacker geschlagen, denn offenbar bin ich immerhin zäh. 😉 Das bedeutet mitnichten, dass ich nicht sensibel wäre – im Gegenteil. Ich habe schon oft dagesessen und mich gefragt, was denn nun werden solle, geweint, mir an den Haaren gerissen und bestenfalls geflucht. Aber irgendwie habe ich mich immer wieder „auf den Topf setzen“ können. Das ist auch ganz wichtig. 🙂

Doch nun zu meinem allerbesten Freund Murphy. Der klebt an mir wie Scheiße am Schuh. Vielleicht liegt es daran, dass ich manchmal etwas pessimistisch eingestellt bin und schon etwas Derartiges ausstrahle – keine Ahnung. Es gibt Tage, an denen ich schon mit nichts Gutem rechne.

Ich weiß nicht, ob Murphy auch dafür verantwortlich zeichnete, dass ich eines Tages in meiner Zeit in Ratingen eine Vorladung zur Polizei im Briefkasten hatte. Ich vermute jedoch, er könne seine Finger im Spiel gehabt haben, denn zu der Zeit war ich gerade gar nicht gut drauf: Kurz zuvor hatte ich meine Kündigung von meinem damaligen Arbeitgeber erhalten, bei dem ich als technische Redakteurin tätig gewesen war, und das beileibe alles andere, als schlecht. Nur hatte die Geschäftsführung meines Arbeitgebers wohl Mist gebaut, und mit mir gingen in der ersten Kündigungswelle alle anderen Kollegen, die in den letzten zwei Jahren eingestellt worden waren. (Seit dieser Zeit bin ich auch gar nicht mehr verständnisvoll eingestellt, falls ich es je war, was ich stark bezweifle, wenn irgendwelche Deppen Arbeitslose pauschal als Faulenzer oder Loser bezeichnen. Generell nicht, wenn Tätigkeiten oder Nichttätigkeiten von manch besonders „schlauen“ Mitmenschen, die besser den Mund hielten, bewertet werden …) In der zweiten Welle dann die, die länger als ich dabei gewesen waren, bis die Firma ganz am Ende war. Eine einigermaßen ansprechende Abfindung hatte man uns allen schriftlich zugesagt, aber man hatte Insolvenz anmelden müssen, und ihr werdet es euch schon denken: Ich habe keinen Cent gesehen.

Doch zurück: Ich hatte in dieser tristen Phase meines Lebens eine Vorladung von der Polizei im Briefkasten. War mal was Neues, denn ansonsten fischte ich viele Absagen auf Bewerbungen aus dem Kasten. Da verhieß das hier doch mal etwas ganz anderes! 😉

Ich öffnete das Kuvert, las erstaunt, worum es sich handelte und suchte dann den Grund für die Strafanzeige, die gegen mich lief, den Grund für das Verhör, zu dem man mich geladen hatte. Zu einem Verhör „laden“ ist ohnehin recht witzig: Bei „laden“ muss ich eher an eine Einladung denken, und damit verbinde ich etwas Nettes, gutes Essen, einen angenehmen und schönen Abend. Doch nicht so etwas!

Denn da stand, ich hätte am Soundsovielten des Vorjahres um soundsoviel Uhr in Limburg an der Lahn aus einem Internetcafé eine „schwere Beleidigung“ begangen! Ich staunte. In meinem ganzen Leben habe ich die sicherlich sehr schöne Stadt Limburg am Fluss Lahn nicht besucht – bis heute nicht. Ein Bischofssitz ist sie und seit einiger Zeit bekannt durch einen gewissen Protzbischof. Der hat sich dort wohl recht wohlgefühlt. Ich mich nie, denn: Ich bin in meinem ganzen Leben nicht dort gewesen. Nur fürs Protokoll. Und schon gar nicht in einem Internetcafé! Und „schwere Beleidigungen“ sondere ich auch nicht ab, wenn ich auch bisweilen etwas ruppig bin. Aber doch nicht so! Im Gegenteil – ich gehe gleich in Sack und Asche, wenn ich, und das schnell, bemerke, ich habe mich im Ton vergriffen, und dann entschuldige ich mich. Es reicht bei mir daher zumeist nicht einmal für einfache Beleidigungen. Und wenn doch, bin ich meist total zerknirscht und entschuldige mich, so schnell es geht.

„Schwere Beleidigung“ … Das war heftig. Aber ich wusste, ich hatte das nicht getan. Und so ging ich in meine Wohnung zurück, zeigte Henrik, meinem damaligen Partner, die Vorladung, der sich auch nicht erklären konnte, wie ich dazu käme, und dann rief ich bei der Polizei an, um zu erfragen, was dahinterstecke. Man gab sich geheimnisvoll-arrogant und erklärte mir, ich solle doch einfach bis zum Verhörtermin warten. Klar. Das ist ganz einfach, wenn man sich keiner Schuld bewusst ist, dennoch keinen Stress mit den Behörden haben will und so geartet ist, wie ich es bin. 😉

Am nächsten Tag wurde ich persönlich bei der Polizei vorstellig. Da wurde ich noch arroganter behandelt, aber obwohl ich stinksauer war, habe ich mich weder zu einer einfachen, noch einer schweren Beleidigung hinreißen lassen. 😉 Man gab mir den unglaublich guten Rat, doch einfach bis zum Verhörtermin zu warten – da würde ich schon erfahren, was ich verbrochen hätte. Oder auch nicht. Ich war sauer und fühlte mich schlecht behandelt, und mein bester Freund Fridolin riet mir, es darauf ankommen zu lassen und einfach nicht zu erscheinen: „Die holen dich dann mit einem Streifenwagen ab, Ali! Ich würde es an deiner Stelle darauf ankommen lassen – eine Frechheit, was die mit dir machen!“

Au ja! Schmucke Vorstellung, wie ich von einem Streifenwagen abgeholt werde, weil ich freiwilliges Erscheinen verweigere! Ich sah förmlich vor mir, wie Streifenpolizisten mich überwältigen, mich bäuchlings zu Boden drücken und mir Handschellen anlegen würden. Nein, danke. Fridolin, ich mag dich wirklich sehr, aber der Rat entsprach so gar nicht meinem Wesen, auch wenn ich bisweilen etwas rebellisch bin. Zumindest nicht in diesem Stadium. Zu früh, aufmüpfig zu werden. 😉

Ich war zum Warten verdammt, bis dann endlich der Tag des Jüngsten Gerichts gekommen war. Henrik begleitete mich, und wir saßen dann nebeneinander im Flur vor dem Büro des Kommissars, der mich verhören sollte. Der war erschreckend gutaussehend, etwa in meinem Alter und rief mich dann auch irgendwann in sein Büro.

Ich gab mich sehr distanziert, fragte nach der Vorstellung und Angabe meiner Personalien: „Würden Sie mir nun bitte mitteilen, wessen ich bezichtigt werde, dass ich nun hier vorstellig werden muss?“ Der Kommissar strahlte mich an, wurde dann aber förmlich und erklärte mir verwaltungstechnisch korrekt, ich hätte mich der „schweren Beleidigung“ schuldig gemacht. Ich meinte: „Ja, das habe ich der Vorladung bereits entnommen. Was genau wird mir vorgeworfen?“

Und da erfuhr ich Erstaunliches. Ich sollte an einem Abend aus einem Limburger Internetcafé unter einem bestimmten Mailaccount auf der Homepage eines unbescholtenen Mannes aus der Nachbarregion behauptet haben, dieser Mann sei ein „Frauenschläger“ und „Betrüger“. Hui! Mir war sofort klar, dass das Aussagen waren, die den Vorwurf der „schweren Beleidigung“ rechtfertigten. Nur: Ich kannte den Mann nicht, würde niemals so doof sein, so etwas öffentlich zu posten, nicht einmal, wenn es wahr wäre. Wäre ich in einer Situation, da ich von jemandem geschlagen worden wäre, würde ich Anzeige bei der Polizei erstatten, aber gewiss nicht … Aber lassen wir das, das ist wirklich zu doof. 😉

Das sagte ich auch dem Kommissar, auch, dass ich nie in Limburg gewesen wäre. Er fragte, ob ich das beweisen könne. Ich lachte sarkastisch und meinte, nein, das könne ich nicht. Er solle doch noch einmal den Mailaccount nennen, unter dem diese Beleidigung gepostet worden sei. Er nannte ihn, ich grinste sardonisch und meinte, das sei in der Tat einmal meiner gewesen, bis ich drei Jahre zuvor dauernd Mails bekommen hätte, die nicht an mich, sondern an eine „Tina“ gerichtet gewesen wären. Eine davon hätte ich beantwortet, weil ich wissen wollte, was der Mist solle. Das sei meine Adresse, hatte ich geschrieben, und mein Gegenüber hatte netterweise geantwortet und erklärt, eine Freundin von ihm habe diese Mailadresse als ihre genannt, die sie neu eingerichtet habe. Mich hatte das damals mehr als irritiert, da so etwas strenggenommen gar nicht möglich war, und so hatte ich umgehend meinen Account gekündigt und den Provider um Bestätigung der Kündigung und Löschung des Accounts gebeten, die ich auch bekommen hatte. Offenbar hatte man meine Kündigung entgegengenommen, den Account aber keineswegs gelöscht. Herzlichen Dank auch!

Das alles sagte ich dem Kommissar, der dann endlich mit den Logfiles herausrückte, die man vom Provider erbeten hatte. Und er wollte wissen, wann ich denn zuletzt eingeloggt gewesen wäre. Ich habe zum Glück ein gutes Gedächtnis und gab an, Mitte November damals müsse es gewesen sein. Er suchte die endlos scheinenden Zeilen der Logfiles ab, bis ich meinte: „Darf ich vielleicht auch mal einen Blick darauf werfen?“ – „Ja, selbstverständlich, Frau B.!“ Und ich ging die Logfiles mit ihm zusammen durch, bis ich sah, was ich schon erwartet hatte: „Da! 12. November! Da steht ‚Last Logon‘ Und ‚Last Logoff‘! Ich sagte Ihnen ja, dass ich etwa Mitte November jenes Jahres den Account gekündigt und um Löschung gebeten habe. Und mal im Ernst: Draußen auf dem Gang wartet mein Freund, und meinen Sie wirklich, ich würde derart pubertär handeln, jemanden öffentlich zu beleidigen, weil er mich – was ich in dem Fall vermute – zurückgewiesen hat?“ Der Kommissar sah mich an und meinte: „Nee. Sie sicher nicht – das haben Sie wohl nicht nötig. Seit ich Sie gesehen habe, war mir ohnehin schon klar, dass der Vorwurf sicherlich falsch sein müsse. Sie sind zwar verärgert gewesen, als Sie hier hereinkamen, aber trotzdem total geradlinig und sachlich-energisch. Das passte schon nicht. Und die Logfiles hier bestätigen Ihre Aussage. Da hat wohl jemand einen Server gehackt, denn in der Tat ist es normalerweise nicht möglich, dass ein Mailaccount von zwei Personen genutzt werden kann. Das freut mich sehr, Frau B., denn Sie waren mir gleich sympathisch. Und ich denke, die Staatsanwaltschaft wird das aufgrund der Indizien dann auch nicht weiter verfolgen.“ – „Das hoffe ich doch. Aber Sie waren mir auch gleich sympathisch, obwohl ich mit den schlimmsten Befürchtungen hierhergekommen bin.“ – „Warum das?“ Da erzählte ich ihm, wie ich von der Polizei behandelt worden war, als ich lediglich Aufklärung einer mir nicht erklärlichen Beschuldigung erbeten hatte, und das gleich zweimal. Da entschuldigte er sich, aber ich meinte: „Es wäre mir lieber, würde man Menschen, die höflich und freundlich um Aufklärung ersuchen, nicht gleich begegnen, als handelte es sich um Schwerstkriminelle. Und auch diese leise Häme fand ich nicht so toll. Wenn Sie das bitte weitergeben würden? Mir ist klar, dass das nicht viel nützen wird, und mir ist auch klar, dass Sie alle hier in Ihrem Beruf mit vielen Arschlöchern zu tun haben, und ich verzeihe auch einiges. Aber das fand ich doch ziemlich unverschämt. Man muss doch auch differenzieren können. Aber wahrscheinlich bin ich zu idealistisch eingestellt.“ Da lachte der Kommissar und entschuldigte sich noch einmal.

Eine typische Ali-Sache. Wirklich schuldlos in etwas verstrickt und haufenweise Ärger und in der Pflicht, Beweise für die eigene Schuldlosigkeit zu erbringen, während der eigentliche Schuldige unbehelligt bleibt. Es erinnerte mich daran, wie ich, damals in der zweiten Klasse, eine schallende Ohrfeige von meiner Klassenlehrerin bekommen hatte, weil ein teures Gerät zu Bruch gegangen war, was auf das Konto zweier Mitschüler gegangen war. Nur weil ich in der Nähe gestanden hatte, fiel der Watschenbaum für mich um. Die beiden Übeltäter blieben ungewatscht, denn „das sind doch Jungs, die sich austoben müssen“. Ah, ja, und dann knallt man dem nächststehenden Mädchen eine? Nun ja, über die pädagogische und psychologische Qualität meiner damaligen Lehrerin will ich mich lieber nicht auslassen, bei der die Mädchen gern für Untaten der Jungs bestraft wurden. 😉 Ich habe mir das Ganze damals wenigstens nicht unwidersprochen gefallen lassen. 😉 Vergessen habe ich es aber auch nicht.

Vor dem Hintergrund vermute ich, „Omma“ hatte vielleicht gar nicht so unrecht damit, dass ich manchmal ein kleiner Pechvogel sei. 😉

„Grilli-hiili“, „paskahuussi“ und „kippis!“ – Finnland im Sommer

Nach der aufregenden Anreise, bei der wir einen temporär Inhaftierten zu beklagen hatten, hauten wir uns im mökki schnell aufs Ohr, nachdem wir noch Bekanntschaft mit dem mehrfach täglich auftauchenden „Inspizienten“ gemacht hatten, der in Gestalt eines kapitalen getigerten Katers seine Aufwartung gemacht hatte. Wir wurden ins Auge gefasst, konnten aber offenbar bestehen, und das, obwohl ja einer von uns zwischenzeitlich „eingesessen“ hatte. Dem Kater war das völlig egal. Hauptsache, es fiel von unserem Tisch öfter mal etwas für ihn ab. 😉

Nachdem wir eingetroffen waren, hielt ich Ausschau nach einer Toilette. Im Haus selber war keine. Aber was war das da für ein reizendes kleineres Häuschen, etwa sieben Meter vom mökki entfernt? Johann klärte mich auf: „Das ist die Toilette, Ali.“ Die Toilette? In dem Häuschen? Wie originell! Was, wenn man nachts mal raus musste? Noch dazu, da Dirks und mein Schlafzimmer im oberen Stock nur über eine steile Leiter zu erreichen war? Ich sah bereits vor meinem geistigen Auge, wie ich mich nachts beim Gang zur Toilette zu Tode stürzen würde …

Da ich die Toilette dringend aufsuchen musste, begab ich mich zügigen Schrittes in das besagte Häuschen, in dem mich eine Art Kindheitstrauma einholte, denn was ich dort vorfand, erinnerte nicht nur an „Michel aus Lönneberga“, sondern mich auch noch an einen Urlaub im Allgäu, als ich drei Jahre alt gewesen war. Dort hatten wir in eher bäuerlicher Umgebung gewohnt, und unsere Pension verfügte nur über ein … „Plumpsklo!“ schrie ich in einem Tonfall, in dem andere Leute: „Die Russen kommen!“ schreien. Ich bin nicht sonderlich zimperlich, aber mich ereilten finstere Erinnerungen an damals, als diese gewöhnungsbedürftige Toilette im Allgäu mir große Angst eingejagt hatte und ich mich bei jeder nicht mehr aufzuschiebenden Benutzung an meiner Mutter festgeklammert hatte, die nicht von meiner Seite weichen durfte, nachdem ich einmal fast hineingerutscht wäre. So etwas bleibt auf ewig hängen. 😉

„Was ist los, Ali? Sitzt ein Bär auf dem Klo?“ rief Johann von draußen, und ich schrie von drinnen: „Das ist ein verdammtes Plumpsklo!“ – „Was hattest du erwartet?“ Stimmte. Was hatte ich erwartet, wenn die Toilette in einem kleinen Häuschen einige Meter vom Haus entfernt steht? Mit Todesverachtung klappte ich den Deckel hoch. Iiih! Zwar konnte man nicht bis in die Sickergrube blicken, wie einst im Allgäu, aber ein schwarzer Trichter befand sich unter dem Sitz, in dem braune Partikel pappten. Bah! Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei nicht um das handelte, was ich befürchtet hatte, sondern um Torf. Denn neben dem Klo stand eine große Plastiktonne mit Torf und einer kleinen Schaufel. Dahinter ein Schild, auf dem „Huom!“, „Achtung!“ stand, ebenso die Anleitung, wie mit dem Torf, turve, und dem gesamten paskahuussi, dem Plumpsklo, zu verfahren sei. Auf Finnisch. Ah, so. Na, dann … Ich glaube, ich war noch nie so schnell mit meinem menschlichen Bedürfnis fertig. Irgendwie war mir das alles doch noch etwas suspekt. Ich warf Torf hinterher und klappte den Deckel schnell wieder herunter. Fort mit Schaden.

Dann schnell ins Bad, das dem Haupthaus angegliedert war und im hinteren Teil eine Sauna hatte, Hände waschen, Zähne putzen. Mein Make-up hatte sich ohnehin auf der stressigen Anreise weitgehend verflüchtigt – da ging das Waschen und Abschminken gleich erheblich schneller.

Wie gut, dass ich todmüde war, denn ansonsten hätte ich mit dem Einschlafen möglicherweise Probleme gehabt, denn so kurz vor Mittsommer wurde es nachts nicht richtig dunkel. Es dämmerte, gegen 1 h nachts wurde es dann dunkler, gegen 2 h aber schon wieder hell. Doch in der ersten Nacht schlief ich wie ein Stein.

Am nächsten Morgen gab es Frühstück auf der Veranda. Die Sonne strahlte schon wieder vom Himmel, und auf dem See neben unserem Haus, zu dem wir als einzige Anwohner der drei Sommerhäuser direkten Zugang und sogar ein Ruderboot hatten, flirrten die Mückenlarven, und eine Ente schwamm vorbei, im Schlepptau neun Entenküken, die wie an einer Schnur gezogen hinter ihrer Mama her schwammen. Süß. Die Entchen, nicht die Mückenlarven. Ein echtes Idyll.

Hätte man meinen können, hätten nur Johann und Sabrina nicht schon wieder Zoff gehabt. Sabrina meckerte, Johann habe den Kaffee zu stark gekocht. Ich fand ihn prima. Doch zum Glück fuhren wir nach dem Frühstück, Duschen, Spülen und Aufräumen gleich nach Tampere. Wir brauchten Lebensmittel und einen Grillrost. Und natürlich Grillkohle.

Wir landeten in einem riesigen Einkaufsmarkt, wo es anscheinend alles gab. Ich entdeckte als erstes die Grillkohle, die relativ nah am Eingang stand. Und schon lachte ich mich schlapp, und mein finnisches Lieblingswort war gefunden: „Grilli-hiili!“ schrie ich lachend, nachdem ich das Schild gelesen hatte, das neben den Säcken mit der Holzkohle stand. Es muss auf die finnischen Kunden recht merkwürdig gewirkt haben, wie da jemand stand und laut lachend: „Grillkohle!“ schrie. Typisch Touristen! Kannten wohl nicht einmal Grillkohle! 😉

In der Fischabteilung, die mich zu begeisterten Ausrufen hinriss – so viele Fische, so viele Arten! – kauften wir einen großen Lachs. Mit Fisch ist es ja immer so eine Sache, denn nicht alle Leute sind begeisterte Fischesser. Aber hier war sogar Sabrina gnädig, denn Lachs war offenbar standesgemäß. Dirk aß ohnehin alles, während Johann lediglich Fische wie Hering verabscheut. Ich liebe Fisch, und so mussten wir nach der Frischfisch-Abteilung auch noch zu den Konserven bzw. eingelegten Fischkollegen. Dort wanderten gleich zwei Gläser silli in unseren Einkaufswagen, der in Schweden sill geheißen hatte. Johann und Sabrina schüttelten sich, ich freute mich.

Danach mussten wir in ein anderes Geschäft, wo wir einen Grillrost erwarben, und dann ging es zu Lidl, mitten in Tampere. Dort kauften wir finnisches Bier, das es nur in Dosen gab und auf den Namen karhu hörte, das finnische Wort für Bär. Gleich eine ganze Palette. Brot, finnischer Senf und andere finnische Sachen kamen auch noch dazu. Und dann musste ich, da meine Erkältung sich inzwischen bis zum Stadium des Hustens vorgearbeitet hatte, noch in eine Apotheke, die hier apteekki hieß. In Finnland sind die Apotheken wohl etwas anders als hier in Deutschland, denn man kann selber an die Regale und sich das herausnehmen, was man braucht, sofern nicht rezeptpflichtig. Ich stand damit vor einem kleinen Problem, denn ich kann kein Finnisch. Aber ich tröstete mich damit, dass in Finnland, zumindest in dieser Region, sehr vieles zweisprachig ausgewiesen ist: finnisch und schwedisch. Nun kann ich zwar auch kein Schwedisch, aber wenn ich es lese, verstehe ich erstaunlich viel. Ist ja auch eine germanische Sprache. Bei Finnisch ist das bei absoluter Nichtkenntnis der Sprache unmöglich. Und so hoffte ich auf zweisprachige Auszeichnung. Aber mein Hoffen war vergebens – alles auf Finnisch. Und alle Angestellten gerade beschäftigt. Auf gut Glück hangelte ich mich von Regal zu Regal, und beim dritten hatte ich Glück: Da stand eine Packung „Bisolvon“ – das kannte ich. Und daneben lag ein Medikament, auf dessen Verpackung zwei Lungenflügel abgebildet waren. Hier war ich richtig. Es kam dann aber doch noch eine Angestellte, da ich etwas zweifelnd mit zwei Medikamenten dastand und mich nicht entscheiden konnte. Sie riet mir zum günstigeren. Nicht sehr geschäftstüchtig, aber umso sympathischer. 🙂

Danach mussten wir noch in ein Kaufhaus, da Johann ein größeres Aufgebot an Wein aus Deutschland mitgenommen hatte, der Snob. 😉 Aber die Weingläser im mökki passten nicht zu diesen erlesenen Weinen … 😉 Und so kaufte er sechs Weingläser von Spiegelau. Man fährt nach Finnland, um dort Weingläser aus dem Bayerischen Wald zu kaufen – merkt euch das. 😉

Abends gab es gegrillten Lachs mit leckeren Beilagen. Wir hatten dem Lachs die Haut abgezogen und sie dem getigerten Kater angeboten – es war noch genug Fischfleisch daran, und der Kater fraß mit lässigem Ausdruck alles auf und setzte danach, dezent nach Fisch duftend, seinen Kontrollgang fort. Vielleicht gab es in einem der anderen Sommerhäuser ja ein Dessert … 😉

Da Johann ein absoluter Technikfreak ist, hatte er auch das notwendige Equipment dabei, Filme auf seinem Laptop zu sehen. Die drei anderen wollten einen Horrorfilm sehen, aber ich zog es vor, auf der Veranda zu bleiben. Und da saß ich und schrieb etwas, als sich plötzlich ein größeres Gewicht in Form zweier „Stempel“ auf meine rechte Schulter senkte. Dazu ertönte ein tiefes Brummen an meinem rechten Ohr, und als ich den Kopf zur Seite drehte, um zu schauen, was da war, sah ich, es war der Kater. Er kletterte auf meinen Schoß und schmuste mit mir. Seit diesem Abend kam er morgens stets zum Frühstück, wo er grundsätzlich auf meinem Schoß saß. 🙂 Für mich ein riesiges Kompliment, denn wenn Tiere deine Nähe suchen, hast du offenbar etwas sehr richtig gemacht.

Eines Tages fuhren wir erneut nach Tampere, um uns die Stadt anzusehen. Irgendwann machten wir eine Pause und setzten uns in ein Bistro, das draußen ein paar Tische hatte. Einer war noch frei und wurde sofort von uns okkupiert. Leider nur passierte das Alltägliche auch hier: Sabrina und Johann fingen Streit an und keiften einander laut an. Dirk und ich saßen sehr peinlich berührt dabei und taten, als gehörten wir nicht dazu, nachdem wir vergeblich zu schlichten versucht hatten. Nach etwa fünf Minuten stand an einem der Nebentische ein Mann auf, kam zu uns, legte Dirk und mir die Arme um die Schultern und meinte: „You guys are from Germany?“ – „Yes, we are,“, sagte ich, und ich fügte hinzu: „but not all Germans are as warlike as our friends here.“ Der Mann lachte und meinte: „I wouldn’t have expected that – don’t worry. I like Germans. And I would like to invite the two of you.” Und er wanderte ins Bistro und kam mit drei Bier zurück. Eines für ihn, eines für Dirk und eines für mich. Wir stießen mit ihm an, und er rief: „Welcome to Finland!“ Tolle Methode zur Friedensstiftung, denn Sabrina und Johann waren sofort still. Alle hatten ein Bier spendiert bekommen – nur sie nicht. 😉 Der Mann grinste Dirk und mich an und kniff uns ein Auge zu. Ich zwinkerte zurück und grinste ebenfalls. Kluger Mann, der gefiel mir. 🙂

In einem „Irish Pub“, in dem es aber auch finnische Getränke gab, lernten wir dann Satu, Juha und seine Freundin Virpi kennen. Namen haben die in Finnland! 😉 Satu hatte uns angesprochen, auf Deutsch mit finnischem Akzent. Sie habe 12 Jahre in Deutschland gelebt, erzählte sie. Aber da war noch etwas an ihrer Sprache, das mir vertraut war – da war doch eindeutig ein fränkischer Einschlag! Ich fragte sie, ob sie zufälligerweise in Franken gelebt habe, und sie schlug mir auf die Schulter und meinte: „Ja! Ich hab fei in Nürnberg gelebt, zwölf Jahre!“ Reizend klang das, Deutsch mit finnisch-fränkischem Akzent. 🙂

Es wurde ein langer Abend, und ich lernte viele finnische Wörter. So erfuhr ich, dass ich vihreät silmät mein eigen nenne, grüne Augen, während Dirk siniset silmät, blaue Augen, habe. Was eine ravintola sei und vieles mehr – das Ganze mit viel Bier und Zuprosten verbunden: „Kippis!“ Genau – kippis, das war doch einleuchtend und naheliegend. 😉

Wir hatten beinahe die nötige Bettschwere, als Sabrina, die kein Bier getrunken hatte, uns wieder nach Hause fuhr. Sie ging auch gleich ins Bett, aber Johann, Dirk und ich tranken noch ein Bier. Dirk verabschiedete sich dann auch, nur Johann und ich tranken noch ein weiteres Bier. Und das war wohl für Johann eines zuviel, denn er grinste mich auf einmal an und meinte: „Weißt du, worauf ich jetzt Lust habe?“ – „Nein, was? Mit dem Ruderboot auf den See fahren?“ – „Nein. Ich würde so gern mal den Kamin im Haus anmachen!“ Auf welche Ideen der kam! Den Kamin! Im Sommer, bei den Temperaturen! Ich versuchte alles, ihn davon abzuhalten, aber Johann ist stur, und schon machte er sich daran, Holz in den Kamin zu packen, das er dann tatsächlich anzündete! Wir hatten alle etwas davon, vor allem Sabrina, da der Kamin an eine der Wände ihres und Johanns Schlafzimmers grenzte … 😉 Sonderlich viel Mitleid hatte ich nicht – sie okkupierte grundsätzlich die attraktiveren Gegebenheiten ganz selbstverständlich, dabei hatten wir alle gleich viel bezahlt. Und so hatte sie mit Johann auch das bessere Schlafzimmer. (Nur nicht im Sommer, wenn der Kamin brannte. 😉 )

Vom Bad wollen wir lieber gar nicht erst reden: Jegliche horizontale Fläche war mit Beauty-Case, Make-up-Utensilien, Anti-Falten-Cremes und sonstigem Zeug bepflastert, so dass Dirk und ich im Bad nichts ablegen konnten und unsere Handtücher, Duschzeug und anderes immer wieder mit ins Schlafzimmer nehmen mussten. Sehr nett! Aber wir wollten keinen Streit anfangen – es gab ja ohnehin schon dauernd welchen zwischen Sabrina und Johann. Als Dirk am vorletzten Abend aber entdeckte, dass hinter dem Badezimmerspiegel noch ein Badezimmerschrank war, der nach dem Öffnen offenlegte, dass auch er mit Sabrinas Sachen vollgestellt war, sahen wir einander nur an, schüttelten ungläubig die Köpfe und lachten. „Wie hält Johann das aus?“ fragte Dirk, und ich hob meine Schultern. Keine Ahnung.

Schließlich mussten wir wieder abreisen, zu meinem großen Kummer, denn in Finnland hätte ich glatt bleiben können. Es wirkte – abgesehen von Sabrina und Johann – alles so gelassen und friedlich, und die Leute waren auch alle nett. Aber der Urlaub neigte sich dem Ende zu.

Nachdem wir Turku noch ein wenig besichtigt hatten, ging es auf die Fähre, und wir waren alle ganz brav und nicht so leichtsinnig wie auf der Hinreise, als wir über Nacht durchs Schärengebiet wieder gen Stockholm fuhren.  Und von dort ging es nach Dänemark, wo wir noch eine Übernachtung hatten, bis wir dann schließlich wieder zu Hause ankamen, wo Dirk und ich beschlossen, nie wieder mit Sabrina in den Urlaub zu fahren. Viel zu stressig, und Dirk meinte erneut: „Wie hält Johann diese Möchtegern-Diva nur aus?“ Ich wusste es auch nicht, kenne aber Johann, und der ist genauso anstrengend. 😉 Und weil die beiden einander ähneln, haben sie auch geheiratet. 😉

Nach Finnland möchte ich gern wieder einmal – gern auch in der kälteren Jahreszeit. Da kann man dann auch bedenkenlos den Kamin anmachen. 😉

„Velkommen i Danmark!“ – „Välkommen till Sveriges!“ – „Tervetuloa Suomi!”

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich mit meinem damaligen Freund und zwei anderen Leuten Skandinavien und Finnland bereiste, aber diese Reise werde ich wohl nie vergessen. 😉

Als Johann und Sabrina Dirk und mich abholten, war im Grunde ich die Einzige, die ein Problem hatte, denn ich brütete offenbar eine Erkältung aus. Erkältungen beginnen bei mir erstaunlicherweise nicht selten mit Magen-Darm-Problemen, und so saß ich – ganz gegen meine Gewohnheit – bis kurz vor Auffahrt auf die Fähre gen Dänemark entweder schlafend im Fond des Wagens, oder ich stürzte – an einer Autobahn-Raststätte noch in Norddeutschland – mit verkrampftem Gesicht gen Toilette. Eindeutig völlig untypisches Verhalten meiner Wenigkeit, und Johann, der mich am längsten kannte, meinte irgendwann: ”Ali? Prinzesschen, was ist los mit dir? So kenne ich dich ja gar nicht!” Ich protestierte nicht gegen ”Prinzesschen”, und da war Johann sofort alarmiert und meinte: ”Du protestierst gar nicht – du musst krank sein! Sollen wir lieber ins nächste Krankenhaus fahren?” Ich wehrte ab – bloß nicht in irgendein Krankenhaus, und auch Sabrina meinte: ”Wenn ihr was Ernsthaftes fehlt, wird sie es wohl sagen.” Johann, der mich länger kannte und – ganz im Gegensatz zu Sabrina – mochte, meinte: ”Du kennst sie nicht! Eher stürbe sie, als anderen den Urlaub zu verderben.” – ”Das glaube ich nicht,”, gab Sabrina kaltschnäuzig und ahnungslos zur Antwort, aber Johann meinte nur: ”Du kennst das Prinzesschen halt nicht so wie ich.” Da hatten wir schon den ersten Streit im Auto, denn ich, wiewohl geschwächt, wehrte mich gegen das ”Prinzesschen”-Image, das beileibe nicht zu mir passt, und Sabrina begehrte auf, sie allein könne Johanns Prinzessin sein. Dirk mischte sich dann auch noch ein, und da zog ich es vor, einfach wieder einzuschlafen. 😉

Auf der Fähre gen Dänemark kam ich wie durch ein Wunder wieder zu mir, und erstaunlicherweise ging es mir tatsächlich besser. Ich konnte sogar ein Bier trinken. Den Rest der Fahrt gen Kopenhagen habe ich auch gut überstanden, auch den Abend in Kopenhagen, wenn auch durch zahlreiche Sticheleien Johanns gegen Sabrina gestört.

Am nächsten Tag ging es gen Helsingör, das mir als Anglistin durch Shakespeares Hamlet mehr als nur bekannt war. Von da an ging es mit einer Fähre gen Schweden, gen Hälsingborg. Nach einer kurzen Kaffeepause fuhren wir weiter, Richtung Stockholm, durch Småland, der Heimat vieler kleiner Astrid-Lindgren-Helden. Die vorherrschende Farbe um uns herum war Grün, was ja beruhigend wirken soll, aber Johann und Sabrina straften die Theorie Lügen, denn durchs Auto waberte eine unheilvolle Atmosphäre, da Johann und Sabrina stritten, wann immer sich Gelegenheit dazu ergab. Also immer. Dirk und ich saßen – wir konnten nicht anders – im Fond und schwiegen. Ich fiel, wenn es besonders schlimm wurde, stets in eine Art rettenden Schlummer. Das hatte den Vorteil, dass Johann dann immer sagte: „Psst, Sabrina! Ali schläft! Nimm doch einmal ein bisschen Rücksicht.“ Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Aber auch Johann schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Er konnte demonstrieren, wie rücksichtsvoll er im Vergleich zu Sabrina sei, und er gab ihr noch eins mit, indem er meine Bedürfnisse vorgeblich wichtiger nahm als ihre. Ich hätte mich an ihrer Stelle auch geärgert.

In Stockholm angekommen, bezogen wir unsere Hotelzimmer. Dirk meinte zu mir: „Hast du jemals Menschen erlebt, die so häufig miteinander streiten wie Johann und Sabrina?“ – „Keine Ahnung, ich habe meist geschlafen.“ – „Och, nun wirklich, Ali! Ich kenne dich! Du hast nicht geschlafen!“ – „Stimmt. Und auf deine Frage: nein. Ich hoffe, sie kriegen sich irgendwie ein.“

Taten sie leider nicht. Wir spazierten durch Stockholm, eine Stadt, die mich sofort für sich einnahm. Leider nur dauernd durch Gezeter Sabrinas und Johanns untermalt. Ich stellte fest, dass ich erstaunlich duldsam sein kann. Dirk desgleichen. Nur senkte sich die schlechte Stimmung auch auf unsere Gemüter, und am zweiten Morgen im Hotel fauchte ich Dirk an, weil dieser die von mir vom Frühstücksbuffet für mich geholte Portion sill, eingelegten Hering, auffraß, noch bevor ich ein Stück davon hatte essen können. Von mir kann man im Grunde das letzte Hemd haben, aber so etwas mag ich wirklich nicht. „Hol dir gefälligst selber etwas!“ Daraufhin Sabrina: „Ich finde Scheiße, wie du schlechte Stimmung verbreitest, Ali!“ Ich schluckte, aber nichts herunter, und so meinte ich: „Das sagst du? Ausgerechnet? Wie kommst du mir denn vor? Du zickst die ganze Zeit herum, verhagelst drei anderen Menschen die Stimmung, und dann hast du die Stirn, hinzugehen und mir, die ich zu deinem Gezicke die ganze Zeit den Mund gehalten habe, weil ich höflich sein wollte, vorzuwerfen, ich verbreitete schlechte Stimmung? Pack dir mal an die eigene Nase!“

Das Frühstück verlief dann etwas gehemmt, wenn auch Dirk mir ganz gegen seine sonstigen Gepflogenheiten eine neue Portion sill vom Buffet holte. Da waren wir erst in der Anreise zum eigentlichen Urlaub begriffen, denn Kopenhagen und Stockholm waren nur zwei Stationen auf unserem Weg zum zweiwöchigen Urlaub in Finnland … 😉 Es fing schon gut an … 😉

Auf der Fahrt zur Fähre gen Finnland fühlte ich mich gesundheitstechnisch inzwischen richtig schlecht. Zum Glück war ich zuvor noch in einer apotek in der Drottninggatan („Königinnenstraße“) gewesen, um etwas gegen die mörderischen Halsschmerzen zu kaufen, die mich plagten, seit wir, Sabrinas Wunsch war uns Befehl gewesen, am Abend zuvor in einem echten Mittelalterlokal gewesen waren. Da herrschte wirklich Mittelalter pur, denn die Räumlichkeiten im Kellergewölbe eines alten Gebäudes waren offenbar lange nicht saniert und renoviert worden – es zog wie Hechtsuppe, und meine ohnehin schon vorhandene Erkältung verschlimmerte sich.

In der apotek hatte ich der netten Verkäuferin auf Englisch erklärt, ich litte unter „a sore throat and a kind of tonsillitis or any other kind of inflammation of the throat“. Sie führte mich an ein Regal, in dem Medikamente zum erwähnten Problem standen. Ich griff begeistert zu einer Schachtel, deren Verpackung verhieß, gegen halsbränna zu wirken. Die Verkäuferin fiel mir lachend in den Arm und meinte, das sei nicht das, was ich brauchte. Warum denn nicht? In meinem Hals brannte es gar furchtbar! Aber sie erklärte mir, ich brauchte etwas gegen halsfluss (wobei fluss mit einem kurzen Ü gesprochen wird). Gut, da floss so einiges, aber was zum Henker war halsbränna denn dann? Sie erklärte es mir mit Händen und Füßen, obwohl sie gut englisch sprach. Ihr fehlte wohl nur das richtige Wort. Ich kannte es, und so rief ich begeistert: „Oh – this helps when you are suffering from heartburn!“ – „Oh, yes – heartburn, that’s what I mean!“ Ja, okay, halsfluss und Sodbrennen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Beide unangenehm. 😉 Ich lachte mich scheckig, und die Verkäuferin lachte mit, nahm mich sogar in den Arm. Eine viel nettere Atmosphäre herrschte in schwedischen Apotheken als in deutschen. 😉

Dennoch – das Mittel hatte nicht so gut geholfen, und ich fühlte mich wie ausgekotzt, als wir auf die Fähre fuhren. Schräg vor uns in der Schlange standen Mitglieder einer mobilen ethnischen Minderheit, zu erkennen daran, dass die Frauen die typische Tracht trugen, die diese Minderheit in Skandinavien trägt: lange, ausladende, schwarze, verzierte Röcke zu hellen Oberteilen. Johann rief politisch inkorrekt: „Passt auf eure Sachen auf!“ Und: „Hoffentlich haben die keine Kabine in unserer Nähe!“

Nachdem unser bzw. Johanns schwarzer VW Passat unter Deck geparkt war, suchten wir unsere Viererkabine auf. Zwei Kabinen weiter: Mitglieder der mobilen ethnischen Minderheit. Ich lachte, und Johann vermerkte: „Kabine gut abschließen, wenn wir zum Essen gehen. Und alle Wertsachen mitnehmen.“ Mit recht rostiger Stimme schalt ich ihn einen Rassisten, doch er meinte nur: „Du wärest die Zweite, die sich aufregte, wenn ihre Ohrringe verschwunden wären!“ – „Nur die Zweite? Wer ist die Erste?“ Keine Antwort, aber ein Blick auf Sabrina, die schon wieder etwas zu nölen hatte, reichte … 😉 Dann gingen wir an Deck und tranken ein Bier, und ich schwöre, das schwedische Bier half besser gegen meine Halsschmerzen und sämtliche anderen Wehwehchen als das Mittel aus der Apotheke. Und nach dem Essen unter Deck besuchten wir noch die Bar. Vielleicht haben wir es etwas übertrieben …

Denn als wir am anderen Morgen, im Hafen von Turku in Finnland angelangt, aufstanden, sahen Dirk, Johann und ich etwas bleich aus. Sabrina, die sich zurückgehalten hatte („Ich muss ja den Wagen von der Fähre fahren!“), heizte uns mit ihrer metallisch klingenden Stimme ein, wir müssten uns beeilen. Was für ein Geschepper am frühen Morgen …

Nachdem Sabrina den ersten Kaffee intus hatte, wurde sie plötzlich von Panik ergriffen, den Wagen von der Fähre fahren zu müssen, und sie und Johann, der mit Mühe wach blieb, keiften einander erneut an. Es sei so abgemacht gewesen, und ihr müsse doch klar sein, dass die Finnen im Hafen besonders gründlich kontrollierten, ob die Touristen, die von der Fähre kamen, Alkohol getrunken hätten. Da sind die Finnen wirklich total strikt, und Zuwiderhandlungen gegen das Gesetz werden peinlich genau geahndet und sind verdammt teuer und mit sehr rigiden Fahrverboten verbunden. Nichts half – Sabrina zickte einmal mehr und blieb hart. Die Einzige, die keinerlei Restalkohol im Blut hatte, fiel mutwillig aus. Wer ansonsten die Karre aus dem Dreck ziehen bzw. von Bord fahren würde, war ziemlich egal. Da Johann der Halter des Fahrzeugs war, beschloss er, selber zu fahren. Ich sollte mit ihm fahren, während Sabrina und Dirk im Hafen auf uns warten wollten. Warum wir das so gehalten haben, habe ich vergessen, zumal es nicht unsere beste Idee gewesen ist.

Johann und ich schritten, nein, schleppten uns zum Auto, die beiden anderen begaben sich zum Abholort. Ich setzte mich auf meinen angestammten Platz hinten rechts, während Johann sich hinters Steuer setzte und den Wagen trotz seines angeschlagenen Zustandes bravourös von Bord fuhr. Wir standen in einer Schlange von Autos, und ab und an traten Polizisten an ein Auto heran, um den jeweiligen Fahrer auf Alkohol zu testen. Johann meinte: „Gemäß Statistik werden wir ganz sicher nicht kontrolliert. Sieh dir das System an, nach dem sie vorgehen!“ Ich sah eigentlich kein bestimmtes System, und so meinte ich noch zu Johann: „Ich würde mich darauf nicht verlassen.“ Da kam die Polizei auch schon zu uns.

Und dann ging alles ganz schnell. Johann musste „blasen“, wurde kurz darauf aus dem Auto gezerrt und zu einem Streifenwagen gebracht. Und ich konnte rein gar nichts tun, zumal ich völlig perplex war. Ein Polizist fragte mich auf Englisch, ob ich den Wagen fahren könne. Ich meinte, strenggenommen schon, aber ich hätte meinen Führerschein nicht bei mir, und so wurde mir ein finnischer Polizeibeamter zugeteilt, der den Wagen dann hinter dem Streifenwagen, in dem Johann saß, her fuhr. Ich erhob Protest – Sabrina und Dirk warteten schließlich irgendwo im Hafen auf uns! Ich sagte: „No! Wait! There are two more people waiting for us to pick them up here at the harbour! Stop, please!“ Der schweigsame Finne reagierte gar nicht. Ich versuchte es auf Deutsch: “Wir müssen noch zwei andere Leute mitnehmen! Die warten hier im Hafen!“ Keine Reaktion. Ich versuchte es erneut auf Englisch. Keine Änderung des schweigsamen Zustandes des Finnen, während ich im Fond des Wagens auf und ab hüpfte, wild gestikulierte und den Fahrer zu einer Änderung der Route bringen wollte. Der sah im Rückspiegel so aus, als dächte er: „Diese Touristen – alle bescheuert! Vor allem die Weiber! Was macht die denn da? Wieso schreit die denn so? Was soll das? Ich reagiere am besten gar nicht.“ Und beneidenswert stoisch fuhr er seiner Wege. Bis zur Polizeihauptwache in der Eerikinkatu, was soviel wie „Erichstraße“ heißt. Dort parkte er den Wagen schweigsam ein, gab mir ebenso schweigsam den Schlüssel und bedeutete mir stumm, dort hinten sei der Eingang zur Wache. Da erst begriff ich: Der Mann verstand weder die englische, noch die deutsche Sprache! Wahrscheinlich hielt er mich für völlig durchgeknallt. Ich schloss den Wagen ab und schleppte mich durch die so früh schon gleißende Sonne – es sollte im Laufe des Tages 35 °C warm werden, und das Anfang Juni in Finnland! – zum Eingang der Polizeiwache. Als ich drinnen ankam, sah ich, ich war nicht allein. Diverse weibliche Mitglieder der mobilen ethnischen Minderheit befanden sich bereits im Wartebereich, und trotz der bedrückenden Stimmung und meines Katers fing ich zu lachen an. Es ist oft mit Situationskomik verbunden, wenn fiese Klischees wider Erwarten wahr werden. 😉

Rasch begab ich mich zu einer blonden Polizeibeamtin, der ich die Lage erklärte. Was denn nun werden würde? Die sehr energisch wirkende Blondine fragte mich, ob ich Engländerin sei. Ich verneinte, ich sei Deutsche, ebenso wie mein festgenommener Reisegefährte. Daraufhin strahlte sie mich an und fragte, ob ich einen Kaffee wolle. „Finnish people like German people.“ Und ich bekam einen echten Kaffee, während alle anderen Wartenden nur die fiese Plörre aus dem Automaten bekamen. Der Kaffee war sehr gut, aber ich hatte noch keine Antwort auf meine Frage. Sie meinte, ich müsse warten. Ich fragte, was denn nun aus Sabrina und Dirk werden solle – die stünden noch am Hafen. Sie schrieb mir die Busverbindung auf, und ich musste dann Dirk anrufen. Als ich ihm die Sachlage erklärte, hörte ich im Hintergrund Sabrina wütend kreischen: „Wo bleiben die denn?!?“ – „Viel Spaß!“ wünschte ich Dirk.

Als die beiden dann eintrafen, wusste ich noch immer nicht mehr. Und wir wussten auch nach vier Stunden noch nicht mehr, obwohl ich, da ich am besten englisch sprach, dauernd mit der Leitung der Wache in Kontakt stand. Immerhin war es meiner Intervention zu verdanken, dass man Johann wenigstens etwas zu trinken in die Gewahrsamszelle brachte, in der er saß. Da musste ich allerdings auch schon energischer werden. Zu essen wollten sie ihm gar nichts bringen. Aber so richtig wollte das Verfahren nicht voranschreiten, denn der Bezirksstaatsanwalt, der zuständig war, war nicht greifbar. Wahrscheinlich zum Lachsfischen im Wochenende. 😉

Bis ich dann wirklich energisch wurde und Dirk, der ja Verwaltungsjurist ist, als Rechtsanwalt vorstellte, der sich der Sache annehmen würde und bereits darüber nachdächte, Anzeige zu erstatten. Es sei ja wohl ein Unding, einen Touristen so lange ohne Verfahren festzusetzen. In der Sache sei zwar alles korrekt, aber das Verfahren – nee, wirklich, so nicht. Allein die Tatsache, dass man erst hätte einschreiten müssen, damit Johann etwas zu trinken bekäme!

Dirk hat mich hinterher zünftig zusammengestaucht – ob ich gänzlich verrückt sei? Er sei Verwaltungsjurist und kein Anwalt! Ich meinte genervt: „Meinst du, die überprüfen das von hier? Wir alle haben keine Lust, hier noch länger in dieser drückenden Hitze zu sitzen!“ Da gab er Ruhe. Und nach acht Stunden haben sie Johann dann freigelassen. So ruhig und abgedämpft habe ich ihn nie wieder gesehen. Er meinte nur: „Sabrina, du musst fahren. Ich darf in Finnland nicht fahren.“ Und nach einer kleinen Pause sagte er dann: „Die haben mir gesagt, ich hätte eine sehr energische Vermittlerin gehabt. Wer war das?“ Dirk meinte: „Wer von uns spricht fließend englisch?“ – „Also Ali. Und dann sei da noch ein Rechtsanwalt gewesen, mit dem die energische Vermittlerin angekommen wäre. Wer war das?“ Ich meinte: „Wer von uns ist Jurist?“ Johann nickte. Dann meinte er zu Sabrina: „Was hast du eigentlich gemacht?“ – „Sabrina hat dir etwas zu essen gekauft, was die dir dann aber nicht geben wollten. Und sie war die ganze Zeit sehr in Sorge und hat mehrfach geweint!“ meinte ich schnell. Das mit dem Weinen war zwar glatt gelogen, aber aus diplomatischen Gründen dringend notwendig: Bloß nicht wieder Streit! Wir waren alle wie durch den Fleischwolf gedreht.

Und als wir dann in Lempäälä in der Nähe von Tampere in unserem mökki, einem Sommerhaus, ankamen, haben wir uns nur noch in die Betten begeben. Total müde waren wir alle. Erst am nächsten Tag ging es weiter …

Ali verärgert

Heute war ich erst recht spät bei der Arbeit. Nicht sonderlich gut gelaunt kam ich dort an.
Genauer: Ich hatte mich bereits vor der Fahrt dorthin ärgern müssen. Normalerweise ärgere ich mich, wenn ich mich ärgere, eher bei der Arbeit. Kein gutes Zeichen, wenn das bereits vorher der Fall ist … 😉

Normalerweise mag ich es durchaus gelassen und harmonisch, aber ich kann mich – leider – auch ziemlich aufregen, wenn es ungerecht zugeht oder jemand nicht mitdenkt, weil er nur um sich kreist. (Nun könntet ihr denken, auch ich kreiste allzu stark um mich, wenn ihr dieses Blog hier lest, weil ich selber so oft vorkomme. 😉 Das wäre aber eine drastische Fehleinschätzung, denn hier im Blog geht es zwar um meine Erlebnisse mit dem ganz normalen Wahnsinn, um meine Anschauungen, aber ich sehe mich nicht stets im Mittelpunkt, sondern denke auch viel über andere Menschen nach, helfe ihnen, wenn sie Hilfe brauchen und so fort. Ein Blog dieser Art bringt es mit sich, dass man selber recht zentral erscheint.)

Heute früh hatte ich Anlass, mich aufzuregen. Den gestrigen Blitzmarathon gut überstanden, soweit ich das beurteilen kann – ihr hört von mir, sollte ich unbemerkt doch geblitzt worden sein 😉 -, dachte ich, der heutige Tag werde ganz gefahrlos sein. Und so begab ich mich zu meinem Auto, das an einem anderen Platz als sonst stand, in einer Parklücke im 90°-Winkel zur Straße. Denn gestern waren sämtliche Plätze vor „meinem“ Haus, die ich bevorzuge, da parallel zum Bordstein, besetzt gewesen – zumeist von Auswärtigen. Klar, die müssen auch irgendwo parken, aber meine Freude war nicht allzu groß. Aber etwa 100 Meter weiter fand ich die genannte Parklücke.

Als ich heute früh dort anlangte, sah ich schon mit wenig Begeisterung, dass meine beiden Nachbarn zur Rechten und zur Linken ziemlich auf Tuchfühlung mit meinem Toyota gegangen waren. Sie standen sehr, sehr dicht neben meinem Auto, was bedeutete, am besten einfach gerade rückwärts aus der Lücke zu fahren. Nun, das ist ja kein Problem. Normalerweise. Aber hinter uns stand auf der anderen Seite der ziemlich schmalen Straße parallel zum Bordstein ein SUV. Wie alle SUVs sehr raumgreifend. Meine Freude war sehr, sehr groß … Denn rechts neben mir ein recht langer Kombi, links von mir ein Toyota Yaris – und beide, wie erwähnt, sehr dicht an mir dran. Es ging nur mit schnurgeradem Herausfahren, wie ich schnell feststellte, als mir beim Einschlagen der hintere Kotflügel des Kombis doch arg nahekam bzw. ich ihm. So ging es nicht. Ich setzte zurück in die Parklücke, rangierte weiter und versuchte, andersherum aus der Falle herauszukommen, in der ich saß. 😉 Prompt kam mir der kleine Yaris ins Gehege, und meine Ein- und Ausparkhilfe piepste in den höchsten Tönen, immer hysterischer werdend. Erneuter Versuch zur anderen Seite. Hysterisches Kreischen der Ein- und Ausparkhilfe. Ich fuhr gerade rückwärts, soweit es ging (und das war nicht weit), um dann heftig einzuschlagen. Die Ein-/Ausparkhilfe stand kurz vor dem Durchdrehen, wie es schien und wie sie klang. Ich allmählich auch. Einzig dieser blöde SUV störte, der auch gut und gerne ein paar Meter weiter hätte parken können, wo er niemandem im Weg gewesen wäre. Aber da hätte der Besitzer ja ein paar Meter weiter gehen müssen – das kann man von manchen Leuten ja gar nicht verlangen … 😉

Ich glaube, Rumpelstilzchen hätte von mir lernen können, so wütend war ich, als ich den Wagen wieder zurück in die Parklücke setzte, meine Sachen nahm, den Wagen abschloss und mich Richtung Straßenbahnhaltestelle aufmachte. Ich kam mir vor wie ein geschlagener Krieger.

Unterwegs fiel mir auf, dass ich etwas im Wagen vergessen hatte, und so kehrte ich um. Ich war ohnehin schon ziemlich spät dran – darauf würde es jetzt auch nicht mehr ankommen. Und was für ein Glück! Denn da kam der SUV-Besitzer! Und er schloss sein Auto auf. Ich rief: „Fahren Sie weg?“ – „Ja, wieso?“ – „Das ist gut so, dann kann ich endlich auch aus meiner Parklücke heraus!“ – „Wieso?“ – „Sehen Sie sich das Ganze doch mal an! Wie soll man hier herauskommen, wenn man nur gerade rückwärts aus der Lücke fahren kann, weil die Wagen so dicht nebeneinander stehen, und dann blockiert Ihr Wagen die halbe Straße, die ohnehin schon verdammt schmal ist!“ – „Ach, naja …“ – „Nee! Da hinten wäre genug Platz gewesen – da hätten Sie auch niemanden behindert.“ – „Aber da hätte ich ja weiter gehen müssen – hier war ich direkt vor der Haustür!“ – „Toll! Das ist natürlich die Hauptsache, und es ist völlig unerheblich, ob andere dann nicht ausparken können, die zur Arbeit müssen.“ – „Naja, jetzt fahre ich ja weg.“ Der hatte echt die Ruhe weg, während ich ziemlich sickig war. Und mit einer Langsamkeit, die eine Schnecke wie ein Rennpferd aussehen ließ, fuhr er dann davon. So was mag ich ganz besonders. Erst wie das Zentrum des Universums handeln, andere Menschen beeinträchtigen und die dann noch provokant behandeln.

Nun, immerhin kam ich nun aus der Lücke heraus. Die Verzögerung führte dann dazu, dass ich direkt hinter der Straßenbahn landete und im Schneckentempo die Straße entlang fuhr. Denn überholen wollte ich die Bahn nicht, schon gar nicht nach meinem kürzlich erfolgten Überholmanöver, bei dessen Ausführung ich kurz vor einem Herzschlag stand … 😉

Und dann hatte ich auch noch das Glück, dass ein großer Teil der Ampeln, die an meinem Weg zur Arbeit stehen, rot war. Kurz: Ich sah in zweifacher Hinsicht rot und gedachte des SUV-Fahrers nicht allzu freundlich, ich gebe es zu. 😉

Inzwischen bin ich aber wieder ruhig. Doch generell verärgert mich egozentrisches Verhalten sehr. Das kann ich machen, wenn ich ganz allein bin. Nur: Wann ist man das? Es ist doch immer jemand da, auf den man Rücksicht nehmen sollte. Oder? Ich habe allerdings den Eindruck, das Wort Rücksichtnahme, ebenso wie der Begriff Kompromiss, sei vom Aussterben bedroht. Viele Menschen verstehen gar nicht mehr, was damit gemeint ist, wie es scheint. 😉 Spricht man sie darauf an, werden sie auch noch frech. So mag ich es am liebsten! 😉

Vom Umgang mit Ämtern und Behörden

Menschen, die mich kennen, wissen, wie sehr ich Behördengänge hasse. Aber wer mag die schon? Schon der Begriff Behörde hat einen, wie ich finde, sehr unangenehmen, drögen Klang – und so geht es meiner Erfahrung nach auch meist bei Behörden zu. Zumindest als „Kunde“.

Ich bin jedoch geneigt, Ausnahmen zu machen. Das Straßenverkehrsamt meines Wohnortes kommt bei mir nicht schlecht weg – bis jetzt. Und das Straßenverkehrsamt in Marl habe ich ja schon einmal für postwendende Bearbeitung eines Anliegens gelobt – die haben was gut bei mir.

Das Finanzamt hingegen ist etwas ganz anderes. Zumindest hier an meinem Wohnort. Nicht ohne Grund schiebe ich das Grauen – die Einkommensteuererklärung – auch so gern vor mir her, beantrage bisweilen sogar eine Fristverlängerung. Gut, das ist in etwa so, wie das Entfernen eines Pflasters möglichst weit hinauszuzögern, um es dann gaaanz langsam abzuziehen. Nicht sonderlich klug also – machen muss man das Ganze ja doch, und je schneller man es hinter sich hat, umso besser. Ist normalerweise auch meine Vorgehensweise. Nur nicht beim Finanzamt. Der Horror ist zu groß. Lieber gehe ich zu einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt … Für viele nicht nachvollziehbar. Für mich schon. Denn bei der Wurzelbehandlung weiß ich, was mich erwartet. Beim Finanzamt gibt es immer wieder neue Überraschungen – und die sind meist unangenehm.

Das Finanzamt an meinem Wohnort ist bekannt dafür, den Begriff Ermessensspielraum für ein Fremdwort zu halten. Kulanz auch – das aber wenigstens zu Recht.

Als ich noch freiberuflich Übersetzungen anfertigte, musste ich irgendwann einmal meine allerersten Rechnungen schreiben. Völlig unerfahren, wie ich war, wies ich darauf Mehrwertsteuer aus – das hätte ich nicht machen dürfen, denn ich war ganz eindeutig Kleinunternehmerin. Eigentlich eher Kleinstunternehmerin. Ich wusste es nicht besser und hätte mich mal lieber vorher schlauer gemacht. Aber man lernt ja dazu …

Als ich diese Rechnungen mitsamt meinen anderen Unterlagen beim Finanzamt einreichte, erreichte mich kurz darauf ein Brief, genauer: ein Nachzahlungsbescheid. Und es war – für meine Verhältnisse – eine relativ große Summe, die ich nachzahlen sollte, und das erstaunlicherweise ganz zügig. Es stand zwar nicht: „Aber zackig!“ daneben, doch die Frist war sehr gering. Und das kurz vor Weihnachten …

Ich rief beim Finanzamt an, war sehr, sehr freundlich und gab mich – nicht ganz zu Unrecht – hilflos. Das passt normalerweise gar nicht so recht zu mir: das arme Butzelchen, das geradewegs auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist. Aber manchmal geht es nicht anders, auch hier nicht, wenn ich mich am Telefon auch vor Pein wand. Die beiden Personen, mit denen ich zunächst sprach, waren sehr freundlich, hatten aber leider keine Weisungsbefugnis. (Durch meine weiteren Erfahrungen mit diesem Finanzamt konnte ich dann feststellen, dass die Gesprächspartner, die freundlich waren, allesamt nicht weisungsbefugt waren. Man denke sich seinen Teil dabei. 😉 ) Und mein Sachbearbeiter hatte sich des Stresses wegen zwei Tage freigenommen.

An dem Tag, da er wieder zur Fron kommen sollte, rief ich erneut an, wand mich erneut, als ich das arme, kleine, hilflose Mädchen mimen musste. Und alles war umsonst! Denn mein damaliger Sachbearbeiter war – mit Verlaub – ein Armleuchter, ein unfreundlicher noch dazu. Er meinte, das sei nun mal mein Fehler gewesen. Da hatte er zwar recht, aber ich sah es ja ein, bat lediglich um ein wenig Nachsicht. Auch das war wohl ein Fremdwort, und als ich gar nach einem gewissen Ermessensspielraum fragte, wurde der Sachbearbeiter noch frostiger: „Den gibt es bei mir nicht.“ Aha. Ernüchtert bat ich um Stundung des recht hohen Betrages, aber auch das wurde abgeschmettert, und dies mit den Worten: „So weit kommt es noch! Stunden! Wer sagt mir denn, dass Sie nicht einfach die Stadt verlassen?“ Das war der Moment, da ich den Hörer vom Ohr nahm und ratlos anstarrte. Wie bitte? Dass ich nicht einfach die Stadt verlasse? Der Mann behandelte mich wie eine Schwerkriminelle! Ich blieb möglichst ruhig und entgegnete: „Wer Ihnen das sagt? Ich. Wozu sollte ich die Stadt verlassen? Ich bin nicht kriminell, ich habe lediglich einen dummen Fehler gemacht, den ich selber bereue, und das just in diesem Moment wirklich zutiefst!“

Es half alles nicht. Ich musste bluten, und das an einem Stück – und pronto.

Die Sachbearbeiterin, die mich dann übernahm, war keinen Deut besser. Mir schauderte vor jeder Steuererklärung. Hatte ich Rückfragen, die – wie stets in den amtlichen Schreiben behauptet – selbstverständlich gern beantwortet würden, traute ich mich kaum, Frau Müller anzurufen, denn die pampte mich am Telefon immer an und beantwortete meine Fragen höchst unmotiviert und so, dass ich hinterher keineswegs schlauer war als vor meinem jeweiligen Anruf. Einmal bekam ich eine böse Mahnung bezüglich einer Sache, die ich auf einmal einreichen sollte, die zuvor nie notwendig gewesen war. Ich staunte – vor einer Mahnung ergeht doch ein Bescheid. Oder etwa nicht? Zitternden Zeigefingers wählte ich einmal mehr Frau Müllers Nummer. Und Frau Müller hatte ganz besonders schlechte Laune an jenem Tag und blaffte mich auf meine Frage, warum ich denn diese Mahnung bekommen hätte, nur an, ich hätte ja nun einmal auf den zuvor erfolgten Bescheid nicht reagiert. Welcher Bescheid? Ich hatte keinen bekommen, und da wurde ich dann am Telefon auch ein wenig energischer, wenn ich auch höflich blieb. Da wurde sie dann ganz freundlich. Zumindest zu dem Zeitpunkt, da sie entdeckte, dass der Bescheid zu ihr zurückgekommen war. Ich war kurz zuvor umgezogen, und irgendwie hatte das mit dem Nachsendeauftrag nicht in jedem Falle gut geklappt, wofür ich nun aber rein gar nichts konnte. Sie entschuldigte sich sogar bei mir und versprach, den Bescheid noch einmal an die neue Adresse zu schicken.

Von Bekannten hörte ich dann, dass dieses Gebaren für das hiesige Finanzamt ganz normal sei. Ähnlich schlimm sei das Finanzamt einer Nachbarstadt. Half mir nun auch nicht weiter. Aber nun versteht ihr sicherlich, warum mir vor der alljährlichen Steuererklärung graut … Zumal ich nach der Zusammenlegung der Finanzämter Nord und Süd schon wieder eine neue Sachbearbeiterin habe, die noch strenger als Frau Müller zu sein scheint.

Wunderbar auch meine Erfahrung mit dem Einwohnermeldeamt in D., wo ich bis zu meinem Abitur 15 Jahre gelebt habe. Ich benötigte einen Reisepass, und so ging ich mit meinem Personalausweis zum dortigen Einwohnermeldeamt, wo ich mein Begehr vortrug. Die Dame, die dort das Sagen hatte, fragte mich nach meiner Augenfarbe. Ich orientierte mich an der Angabe, die, da auf meine beiden Klüsen zutreffend, in meinem Personalausweis stand und meinte freundlich: „Blaugrün.“

Diese Angabe schien die Dame zu irritieren, und sie verschwand hinter einem Paravent, hinter dem sich – Vorsicht, Kunde droht mit Auftrag! – wohl einige Kolleginnen und Kollegen vor etwaigen störenden Antragstellern verbargen und bei einem Käffchen saßen. Ich konnte hören, wie sie sagte: „Da draußen ist schon wieder jemand, der behauptet, blaugrüne Augen zu haben!“ Ich stutzte: wieso „behauptet“? Es stand schwarz auf grün in meinem Personalausweis, ausgestellt in derselben Behörde, in der ich gerade einen Reisepass beantragte! Noch überraschter war ich, als ich die Antwort einer Kollegin hörte: „Gibt’s nicht! Es gibt nur grüne, graue, blaue, blaugraue, graublaue, graugrüne, grüngraue und braungrüne oder grünbraune Augen! Blaugrün gibt’s nicht! Und Grünblau auch nicht!“

Ich staunte. Wieso gab es Grün in sämtlichen Mischverhältnissen, nur nicht in Verbindung mit Blau? Ich verstand es nicht so recht, aber da kam auch schon die Sachbearbeiterin zurück und meinte mit strahlendem Lächeln: „Tut mir leid, aber blaugrüne Augen gibt es nicht.“ Ich sah sie irritiert an, deutete dann auf meine beiden Augen und meinte: „Doch, gibt es. Steht auch so in meinem Perso, den eine Kollegin von Ihnen hier ausgestellt hat. Da ging das ganz ohne Probleme.“ – „Nein, das kann nicht sein.“ – „Doch! Sehen Sie – hier!“ Und ich hielt ihr meinen Personalausweis hin, in dem dick und fett die entsprechende Farbbezeichnung stand. Aber sie blieb hart, schlug mir aber vor: „Braun ginge. Oder Grau. Da könnten Sie sogar zwischen Hell- und Dunkelbraun oder -grau wählen!“ – „Klingt wirklich verlockend, aber es tut mir leid: Damit kann ich nicht dienen. Nur mit Blaugrün.“ Ging nicht, gab’s nicht, und dann musste ich der Dame auf ihr Geheiß tiiief in die Augen blicken. Sie frohlockte: „Die sind ganz eindeutig grün!“ Ja, klar, ich war auch von der Sonne geblendet, die mir seitlich in die Augen schien. Unter der Voraussetzung dominiert Grün, zumal es ja ohnehin die dominante Farbe ist. Aber eben nicht rein grün …

Und so kreuzte die Dame grün/green/vert im Antragsformular an. Ich fragte mit schwacher Stimme, ob es zulässig sei, dass in zwei Ausweisdokumenten ein und desselben Menschen unterschiedliche Angaben stünden. Sie verneinte, und ich fragte, ob ich meinen Personalausweis nun wegwerfen könne, aber da sagte sie: „Aber nein! Den müssen Sie immer bei sich tragen, denn es herrscht Ausweispflicht.“ Da sagte ich lieber gar nichts mehr …

Und am nächsten Tag erfuhr ich von einer Freundin, die ebenfalls einen Reisepass beantragt hatte – wir brauchten einen für unsere Oberstufenfahrt -, im Einwohnermeldeamt in B., wo sie lebte, sei ihre Augenfarbe, Graugrün, nicht gegangen. Ihr habe man gesagt, Blaugrün wäre kein Problem … Ich meinte geschwächt: „Wir sollten beide umziehen. Du nach D., ich nach B.!“ Sie grinste ebenfalls schwach und meinte: „Und nun stimmen mein Perso und mein Reisepass nicht überein. Was steht bei dir? Bei mir steht jetzt Grün.“ Na, immerhin – eine Leidensgenossin. Manchmal versteht man amtliche Bestimmungen nicht so recht, noch dazu so ortsgebundene wie Augenfarben, und ich glaube fast, es ist auch besser, wenn man gar nicht darüber nachdenkt. Heutzutage ist das übrigens nicht mehr so – ich hätte auch Schalkeblau eintragen lassen können, als ich meinen letzten Personalausweis beantragte: Die Sachbearbeiterin hätte sicherlich nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Lustig war es beim Amtsgericht in Aachen, das ich einst besuchte, um aus der Kirche auszutreten. Da funktionierte von Amts wegen alles reibungslos. Die Probleme lagen hier woanders.

Denn als ich morgens um 10 h in die Nebenstelle des Amtsgerichts in der Augustastraße kam, wusste ich nicht, wohin ich mich wenden musste. Kein Hauswegweiser war zu sehen – nichts Derartiges. Und so klopfte ich mutig an die erste Bürotür, die am Wege lag und hinter der ich lautes Lachen gehört hatte. Als ich die Tür öffnete, sah ich vier muntere Bedienstete, die einander Witze oder ihre Wochenenderlebnisse erzählten, und das bei einem Käffchen. Sie brachen ihr heiteres Gespräch ab, als ich einen guten Morgen wünschte und mich für die Störung entschuldigte. Man fragte, wie man mir behilflich sein könne, und ich ging gleich in medias res: „Wohin muss ich, wenn ich aus der Kirche austreten möchte?“ – „Zimmer 17 im ersten Stock!“ kam wie aus der Pistole geschossen, und ich bedankte mich freundlich. Als ich die Tür wieder schloss, bekam ich noch mit, wie einer der vier Männer sagte: „Wie soll das nur weitergehen? Es ist gerade 10 Uhr, und das ist heute schon die Fünfte, die aus der Kirche austreten will!“

Ich stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. So viele Bürotüren! Ich drehte mich im Kreis und spähte eifrig nach Zimmer 17. Da war es – „Kirchenaustritte“ stand am Türschild, und ich blieb davor stehen, um mich noch ein bisschen zu sammeln.

Da öffnete sich eine Bürotür zu meiner Rechten, und ein schon recht alter Mann kam heraus. Er trug einen Hut und hatte einen Spazierstock dabei. Als er sah, vor welcher Tür ich stand, schoss er erstaunlich schnell auf mich zu, fuchtelte mit seinem Spazierstock herum und schnauzte: „Nein! Machen Sie das nicht, Frollein! Diese Tür führt ins Verderben!“ (Du meine Güte, und ich hatte geglaubt, sie führe in Zimmer 17 – Kirchenaustritte! 😉 ) – „Wie bitte?“ – „Sie dürfen nicht aus der Kirche austreten! Das ist der Ort Gottes – man darf nicht austreten, das ist Sünde!“

Ich staunte: Der Mann kannte sich offenbar in der Nebenstelle des Amtsgerichts sehr gut aus. (Und zum „Ort Gottes“ fiel mir nur ein, dass ich, würde ich an diesen glauben, Gott sicherlich überall vermuten würde – nur nicht in einer Kirche … 😉 ) Überdies schien der Herr Katholik zu sein („Sünde!“), ein Zustand, den ich dort ja gerade beenden wollte.

„Sie rennen in Ihr Verderben!“ – „Wie meinen?“ – „Es ist Sünde!“ – „Hören Sie – das geht Sie überhaupt nichts an, und hören Sie sofort auf, mir mit Ihrem Stock vor dem Gesicht herumzufuchteln!“ Ich trat lieber einen Schritt zurück, auf dass der empörte und um mein Seelenheil besorgte Herr mir nicht etwa eines meiner Augen (blaugrün) ausstäche. Der regte sich noch mehr auf – da entzog ich mich doch glatt seiner Autorität! 😉 Und als ich keinerlei Anstalten machte, ihm zu gehorchen, schimpfte er mich ein „dummes Gör“ und schrie, die Menschen seien viel zu oberflächlich. Ausgerechnet. Ich trat ja gerade aus, weil ich nicht oberflächlich dachte, sondern es als oberflächlich und unnötig angesehen hätte, Kirchenmitglied zu sein, wenn ich doch eh an nichts glaubte.

Da sich der Mann nicht abschütteln ließ, musste ich ihn leider meinerseits etwas energischer anreden, und so meinte ich, er solle bitte sofort seiner Wege gehen und mich nicht weiter belästigen. Das tat er dann auch, ging, mit dem Stock drohend, die Treppe hinunter und schrie: „Sie werden schon noch sehen, was Sie davon haben!“ Ich schüttelte mich leicht und klopfte an die Tür von Zimmer 17, wo mich ein höchst amüsierter Bediensteter empfing, der meinte: „Wie ich hörte, haben Sie unseren Amtsschreck auch schon kennengelernt. Der versucht immer, hier zu missionieren und die Leute von ihrer Absicht, aus der Kirche auszutreten, abzubringen. Sie haben sich übrigens tapfer geschlagen – ich musste in anderen Fällen schon eingreifen.“ Na, denn … Und er tat, was zu tun war, und 24 Stunden später war ich konfessionslos. Ging doch. 😉

Mein Leben verlief danach übrigens nicht immer in gewünschten Bahnen. Aber ich glaube nicht, dass es daran lag, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin … 😉

Alles in allem sind Behördenbesuche immer irgendwie … interessant. Manchmal auch amüsant. Aber eher selten.

Kamikaze-Ali

Heute zeigte sich mal wieder, dass ich bisweilen fest gefassten Grundsätzen untreu werde. Aber ich glaube, ich habe spätestens heute definitiv gelernt, dass man gewissen Grundsätzen niemals untreu werden sollte. 😉

Ich trödelte nach dem Aufstehen etwas, und so war ich relativ spät dran und verließ das Haus erst gegen kurz vor 8. Ich fuhr eine der Hauptverkehrsstraßen entlang, auf der auch eine der beiden Straßenbahnlinien verkehrt, die es hier in dieser Stadt gibt, obwohl ich die gar nicht so gern fahre, zumindest nicht in dem Abschnitt, denn die Straße ist vergleichsweise schmal. Und dann noch Straßenbahnschienen …

Als ich auf sie abbog, war gerade die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbeigefahren, die, die in meine Richtung fährt, würde sicherlich erst etwas später kommen. Ich habe nämlich großen Respekt vor diesem Verkehrsmittel, mit dem ich jahrelang Richtung Arbeitsstätte gefahren bin. Und so fuhr ich in dem Glauben, die Bahn sei irgendwo hinter mir, fröhlich die stark befahrene Straße entlang, bis ich sie an einer der Haltestellen vor mir sah … Nur zwei Autos trennten sie und mich. Und da stand sie erstaunlich lange, während sich ein veritabler Rückstau hinter ihr bildete. Wieso fuhr sie denn nicht weiter?

Genervter Blick auf meine Armbanduhr – ich musste möglichst vor halb 9 bei der Arbeit sein. Und die Bahn fuhr immer noch nicht. Nachdem wir munter vor uns hin gestanden hatten, sah ich schließlich, dass die Bahn genauso zum Warten verdammt und nicht die Ursache des Staus war. Die Müllabfuhr war vor ihr. Wir fuhren immer ein paar Meter weiter, dann war wieder Stehen angesagt.

Irgendwann hatte die Müllabfuhr ein Einsehen und machte den Weg frei. Es ging zumindest ein bisschen schneller, aber wir mussten trotzdem an jeder Haltestelle hinter der Bahn stehen. Und manche Leute lassen sich viel Zeit beim Ein- und Aussteigen …

Dann hielt die Bahn erneut an einer Haltestelle, und da war ausnahmsweise gerade kein Gegenverkehr. Die Fahrer der beiden Wagen vor mir scherten aus, um die Bahn zu überholen, die gerade erst angehalten hatte. Ich dachte: „Häng dich dran, Ali!“ Und das tat ich dann auch. Die beiden vor mir waren schneller, denn Scotty hatte mal wieder ganz eigene Ideen und beschloss, in diesem Moment, in dem spontanes Handeln eine gewisse Schnelligkeit erforderte, mal wieder seine „Gedenksekunde“ oder „Meditationsphase“ einzulegen, als ich zwar nicht hektisch, aber durchaus konsequent Gas gab …
Er „überlegte“ mal wieder, was nun zu tun sei, statt einfach zu schalten! Mir brach der kalte Schweiß aus, aber da beschloss das MMT-Getriebe, hochzuschalten, und endlich beschleunigte der Wagen. Nur: Inzwischen kam Gegenverkehr! Und rechts neben mir die stehende Straßenbahn – nach rechts zurückziehen konnte ich nicht mehr.

Im Nachhinein sagt man ja gern: „Da wurde mir schlecht.“ Mir wurde aber nicht schlecht, dazu war keine Zeit. Meine einzigen Gedanken: „Hoffentlich ist die Straße breit genug!“ und „Nerven behalten, Ali!“ Denn es musste trotz der Enge ja schnell gehen – die Bahn hätte wieder anfahren können, auch wenn sie erst kurz stand, und dann hätte ich ziemlich alt ausgesehen.

Der Gegenverkehr, der trotz der heiklen Situation ziemlich schnell unterwegs war, und ich, die ich durchaus zügig überholen musste, rauschten aneinander vorbei – es war nicht allzu viel Platz zwischen uns. Jedenfalls nicht ganz so viel, wie ich es bevorzugt hätte. 😉 Nicht zu wenig, aber es war schon etwas knapper. Und rechts die Bahn, die mir noch nie so lang vorkam, wie es heute der Fall war … 😉 Aber das ist natürlich rein subjektiv. 😉

Endlich war ich an der Bahn vorbei, und mit entsprechendem Abstand dazu scherte ich rechts ein. (Im Rückspiegel sah ich, wie eine ältere Dame mit ihrem Rollator Probleme hatte, in die Bahn zu steigen, und ich sandte ihr meinen herzlichsten Dank, da sie die Abfahrt der Bahn verzögert hatte.) Mein Blutdruck dürfte etwas höher gewesen sein, als ich weiterfuhr. Und mir war klar: Scotty ist ein solides Auto, aber sein Innerstes, das Getriebe, ist bisweilen etwas sanguinisch veranlagt. Mal himmelhoch jauchzend und wunderbar funktionierend, dann wieder zu Tode betrübt und nicht umgehend schaltwillig. (Ich habe mich inzwischen schlau gemacht – es gibt ja genug Toyota-Foren im Internet: Auch jahrzehntelang geübte Fahrer erklären, mit dem MMT-Getriebe bisweilen „meditationsphasengeprägte“ Schrecksekunden erlebt zu haben. Man müsse dann Ruhe bewahren. So wie ich heute. Abgesehen davon lasse ich nichts auf Scotty kommen! 😉 )

Ich fuhr danach besonders gemäßigt. 😉 Und ich kam gut bei der Arbeit an.

Und gelernt habe ich, die immer gesagt hat, niemals würde sie die Straßenbahn überholen, auch etwas: Ich werde nie wieder die Straßenbahn überholen! 😉 Einmal reichte, obwohl die Ausgangssituation durchaus unkritisch gewesen war. Scottys Getriebe machte sie erst heikel. Ist offenbar nur etwas für ganz sanfte und gemäßigte Gemüter.

Höchste Zeit, dass ich das endlich verinnerliche – aber ich bin auf gutem Weg! 😉

„Ich habe ein Frauenauto!“ oder: Warum es erstrebenswert ist, ein Bluthund zu sein … Und andere schräge Gedanken an einem schrägen Frühlingstag

Heute früh habe ich verschlafen. Kann passieren, wenn man abends vergisst, den Wecker zu stellen. Um Punkt 07:40 h wurde ich wach, erlitt eine spontane Blutdrucksteigerung, als ich auf die Uhr blickte, und dann sprang ich – ganz gegen meine Gewohnheit – zwar nicht so anmutig wie eine Gazelle, aber ähnlich schnell aus dem Bett und raste ins Bad unter die Dusche. Schnell-schnell musste alles gehen, und mich wundert noch jetzt, dass ich mir das Deo nicht in die Haare und das Haarspray nicht unter die Achseln gesprüht habe. Nein, das ist durchaus nicht übertrieben – das ist mir tatsächlich schon passiert –, wie gesagt: Ich bin kein Morgenmensch … 😉 Besonders unangenehm ist Haarspray unter den Achseln, da es die Mobilität der Arme ein wenig einschränkt. Klebt wunderbar. (Aber immerhin war es bei mir nicht ganz so schlimm wie bei meiner Mutter, die einst schlaftrunken ihre Zähne putzen wollte und – mit halbgeschlossenen Augen kann man zwei Tuben schon einmal verwechseln – dies dann versehentlich mit Rheumasalbe statt Zahnpasta tat. Gut, der Irrtum fiel schnell auf, und meine Mutter dürfte an diesem Tag besonders gut durchblutetes Zahnfleisch gehabt haben. 😉 )

Gegen 08:30 h verließ ich das Haus. Draußen zwitscherten die Vögel, alles war harmonisch. Aber dann … Scheiße! Wo war Scotty? Mein Auto – weg! Hier bei uns in der Straße? Eher unwahrscheinlich, dass jemand ihn entwendet hatte, da gibt es andere Objekte. Aber ich war aufgescheucht – die zweite spontane Blutdrucksteigerung dieses Tages. Wenigstens war ich nun richtig wach. Und da fiel mir auch wieder ein, dass der Kleine etwa 100 Meter weiter parkte, da gestern sämtliche Parkplätze vor dem Haus bereits besetzt waren, als ich gegen 19 h heimgekehrt war.

Die Sonne stand ungünstig und blendete mich, als ich losfahren wollte, und erstmalig, seit sich Scotty in meinem Besitz befindet, klappte ich die Sonnenblende herunter. Und da entfleuchte mir der Satz: „O nein – ich habe ein Frauenauto!“ Denn in die Sonnenblende integriert und mir bei sämtlichen Autos, auf deren Fahrersitz ich je saß, nie aufgefallen bzw. nicht vorhanden gewesen: ein Make-up-Spiegel! Rasch klappte ich auch die Sonnenblende am Beifahrersitz herunter, quasi zu Testzwecken: auch da ein Schminkspiegel … Scotty ist für jede Konstellation gewappnet und ein echter Frauenversteher … Und das mir, die ich immer protestiere, wenn Männer von „Frauenautos“ oder die Werbung von „Damenbier“ spricht, wie einst, vor vielen Jahren, „Binding Lager“. Habe ich schon aus Protest nie gekauft. „Damenbier“ – was soll das sein? So etwas wie „lättöl“ in Schweden? „Leichtbier“ mit nur 3,5 Volumenprozent Alkohol? Weil Frauen Weicheier seien, die nicht so viel vertragen? Ohne mich! 😉

Ich fuhr grinsend los – ausgerechnet ich gerate einmal in meinem Leben an einen echten Frauenversteher! 😉 Ganz ohne meinen Willen. Scotty schien zu spüren, dass ich ihn als „Frauenversteher“ sah, was ja in etwa gleichbedeutend mit „Warmduscher“, „Sitzpinkler“ und „Beckenrandschwimmer“ ist. Und er zeigte sich – möglicherweise aus Protest – heute früh von seiner wenig charmanten Seite. Vielleicht ist er aber auch eine „Eule“ und kein „Morgenauto“, denn er fuhr sich anfangs etwas sperrig. Wahrscheinlich beleidigt. Oder verletzt. 😉 Ähnlich wie manche Männer, die ich kennenlernte, die zwar meine bisweilen burschikose Art schätzten, wie sie sagten, begeistert mitfrotzelten, aber manchmal dann zu meiner Überraschung unerwartet empfindsam reagierten – dabei hätten sie doch wissen müssen, dass ich ab und an zwar übers Ziel hinausschieße, es aber nicht böse meine. Schon gar nicht bei Männern, mit denen man herumfrotzeln kann. 😉 Und dann wusste wiederum ich nie, wie ich dran war – so etwas führt nicht selten zu traurigen Missverständnissen und Frust.

Offenbar ist Scotty sensibler, als ich bisher annahm. Ich werde mich künftig danach richten. 🙂

Ich fand ganz hinten auf dem größeren Parkplatz meines Arbeitgebers einen Platz. Dort standen nur wenige Autos, und nachdem kürzlich der Wagen einer Kollegin demoliert worden war, weil ihr Nebenmann ihr wohl entweder die Tür in die Seite gehauen hat oder dagegen gefahren war, um dann Fahrerflucht zu begehen, ist mir das lieber so. Der kleine Frauenversteher soll ja nicht beschädigt werden. 😉

Bei der Arbeit war es heute recht hektisch. Eigentlich ein ziemlich irrer Tag. Da mein Arbeitgeber derzeit diverse Umstrukturierungsmaßnahmen durchführt, kamen einige Mitarbeiter zu Terminen vorbei. Die einen, um um gut‘ Wetter anzuhalten, den einen oder anderen Vorteil mitzunehmen – und es sind immer dieselben -, die anderen, um sich gegen die Tatsache, dass sie wie Schachfiguren, genauer: wie die Bauern auf einem Schachbrett, herumgeschoben werden, zu wehren. Und dauernd klingelte das Telefon! Speziell dann, wenn man, bis dato durch Telefonate an den Bürostuhl gefesselt, mal für zwei Sekunden aufstand, um sich in der Küche einen Kaffee zu holen … Manchmal glaube ich fast, die Brandalarmsirene in unserem Büro ist gar keine solche, sondern enthält eine Videokamera, denn es fällt auf, dass das Telefon bevorzugt dann klingelt, wenn ich gerade mal aufstehe, um in die Küche zu gehen. (Habe daher heute testhalber – ich liebe Tests! – bei geeigneter Gelegenheit den ausgestreckten Mittelfinger gen „Brandalarmsirene“ gehalten. Sollte ich morgen meine Kündigung erhalten, wissen wir wenigstens Bescheid … 😉 )

Gerade an Tagen, an denen es hektisch und irre zugeht, kommen mir bisweilen schräge Ideen. Heute, als es besonders stressig war, schoss mir durch den Kopf: „Was würde ich darum geben, ein Hund zu sein!“ Denn aus meinem Bürofenster hatte ich Luna gesehen, einen weißen Schäferhund, die mit ihrem Halter, einem sehr netten, älteren Herrn, unterwegs war. Luna ist ein sehr freundliches Tier, sehr ausgeglichen, freut sich immer einen Ast, wenn sie mich sieht, weil sie weiß, ich mag und streichle sie. Sie ist nur immer ein wenig traurig, wenn Janine dabei ist, denn die fürchtet sich vor großen Hunden, speziell Schäferhunden. Nicht ohne Grund, aber Luna ist dann immer ein wenig nachdenklich. 😉 Und um das sensible Tier von seinem Frust abzulenken, knuddle ich sie dann besonders intensiv, was zur Folge hat, dass sie mich neulich vor Begeisterung beinahe umgeworfen hätte, weil sie die Angewohnheit hat, sich voller Begeisterung volle Breitseite gegen meine Beine zu werfen, um mir möglichst nahe zu sein. 🙂

Ja, und heute beneidete ich sie. Muss nicht doof im Büro sitzen, bekommt zu fressen und zu trinken, einen schönen Schlafplatz und wird liebgehabt, ohne dafür telefonieren oder sonstige öde Dinge in einem Büro machen zu müssen.

Und dann fragte ich mich: „Was für ein Hund wäre ich wohl, wäre ich ein Hund?“ Ich kenne mich mit Hunden recht gut aus, und es gibt einige Rassen, die ich besonders mag. Darunter – man höre und staune! – der Bluthund. Klingt martialisch, dabei heißt er doch nur so, weil er „von edlem Blut“ ist, aber auch, weil er verwundetes Wild oder verwundete Menschen, die auf der Flucht sind, auf immense Entfernung wittern kann. Bekannt als bester Spürhund überhaupt. Von der Optik her nicht der Schönste. Erinnert an einen Basset Hound, nur eben viel größer. Aber der Kopf, die hängenden Augenlider, die Falten im Gesicht, die Schlappohren, die, tief angesetzt, eher wie Lappen aussehen und seine Stimme hat er mit dem Basset gemein, denn Bluthunde bellen nicht so wie andere Hunde – sie heulen eher. Ein riesiger Sympathieträger, zumal man ihm nachsagt, intelligent zu sein. Aber auch stur. Und er benötige eine konsequente Erziehung, lerne schnell, aber scheine jedes ihm gegebene Kommando erst einmal dahingehend zu überdenken, ob es auch sinnvoll sei, es zu befolgen. Ein Hinterfrager. Sehr sympathisch. 😉 Er benötige ein Haus mit Garten, aber der müsse gut und hoch genug eingezäunt sein, denn ansonsten würde der Gemeine Bluthund, einmal eine für ihn interessante Spur gewittert, sofort abhauen, um die Spur zu verfolgen. Außerdem möge er es nicht, bestraft oder gar angeschrien zu werden. Da würde er seinem Halter die kalte Schulter zeigen, und es bedürfe einiger Überzeugungskunst, ihn dem Halter wieder gewogen zu stimmen.

Wenn ich es so recht überlege, kommen mir einige Charaktereigenschaften irgendwoher bekannt vor … Woher nur? Ach, ja! Einige habe ich wohl mit diesem Hund gemein. Wohlgemerkt: die Charaktereigenschaften, nicht die Optik! 😉 Nur gelassener als ich scheint er zu sein, aber daran arbeite ich ja gerade. 😉 Von der Gelassenheit her ähnle ich im Moment eher einem Terrier … 😉 Genauer: einem Jack-Russell- oder Foxterrier, und wer sich etwas mit Hunden auskennt, weiß, dass die alles andere als gelassen sind. 😉 Aber ich bin mir sicher: Das wird schon. 😉

Schade, dass ich weder Haus, noch Garten, noch Zeit habe, denn ansonsten käme mir sofort ein Bluthund ins Haus … Zum Glück klingelte da das Telefon wieder, und ich wurde von meinen schrägen Gedanken weggerissen. 😉

Gegen kurz vor 5 ging ich mit Janine zum Parkplatz, und wir fuhren nach Hause. Ich freue mich jetzt schon auf den Sommer, wenn es richtig warm ist, denn kaum sind die Temperaturen frühlingshaft, fahren manche Leute wirklich irre. Ich bin ja nun, wie ihr wisst, keineswegs eine Meisterfahrerin, aber ich fahre sozialverträglich, bremse rechtzeitig, blinke, wenn ich abbiegen will, fahre nicht zu dicht auf, und weder rase, noch schleiche ich.

Heute war ich mehrfach versucht, kurz meine Bremse anzutippen, nachdem ich einen offenbar besonders „anhänglichen“ Opel hinter mir hatte, bei dem ich mich an jeder roten Ampel fragte, ob er wohl in meinen Kofferraum kriechen wolle, so dicht stand er hinter mir. Und fuhr ebenso dicht hinter mir auf einer zweispurigen Straße, auf der 70 gefahren werden darf. Ich fuhr schon etwas schneller, um den Verkehrsfluss nicht zu behindern, und der saß mir trotzdem auf der Stoßstange. Da war mir wirklich danach, kurz und pointiert auf die Bremse zu treten, um ihm einen Schrecken einzujagen. Nur: Würde ich so etwas machen, was -zig Leute gefahrlos machen würden, hätte ich hinterher den Ärger und ein kaputtes Auto. Ich unterdrückte daher das dringende Bedürfnis und dachte nur: „Dann überhol mich doch, Idiot!“ Aber er hatte es wohl darauf abgesehen, mich ein wenig zu erziehen. Ich sollte wohl schneller fahren. Gelang ihm nicht. Meine Eltern hätten ihm das gleich sagen können. Und nicht nur die … 😉

Kurz darauf war ich allerdings selber genervt, da ich inzwischen hinter einem Schleicher gelandet war. Fuhr nicht einmal 40 in einer Tempo-50-Zone, schlich dahin, dass man hätte denken können, er schliefe. Dann fuhren wir auf eine Ampel zu, die noch grün war, aber dann umschaltete. Da gab er auf einmal Gas! Ich verzögerte zwar, bremste dosiert, aber nicht ganz so drastisch, wie ich hätte bremsen müssen, hätte mein Vordermann deutliche Anzeichen gegeben, an der Ampel zu halten. Keine Ahnung, was sich in seinem Kopf abspielte – es scheinen interessante Vorgänge gewesen zu sein -, jedenfalls überlegte er es sich, als er die Haltelinie schon erreicht hatte, anders und bremste abrupt. Ich bremste noch abrupter … Er kam mit den Vorderreifen weit hinter der Haltelinie zum Stehen, ich fluchte, und ich fluchte nicht wirklich jugendgerecht. Als die Ampel erneut umschaltete, musste ich hupen, damit er mitbekam, dass wir Grün hatten. Dann raste er los, um kurz darauf wieder zu schleichen. Leider fuhr er meine Strecke, und so kamen annähernd sämtliche Flüche zum Tragen, die ich kenne. (Nicht aus Spaß, denn ich wollte wirklich zügig nach Hause, weil ich ganz dringend wohin musste … ;-)) Ich hoffe nur, der Schleicher hat nicht in den Rückspiegel geschaut, und ich hoffe, falls doch, er verfügte nicht über die Gabe des Lippenlesens … 😉 Nicht, dass er mich noch anzeigt! 😉

Als ich mich dem Kreisverkehr in Nähe meines Hauses näherte, fuhr gerade jemand hinein. Er hatte geblinkt, als er hineinfuhr (!), und er blinkte auch danach munter weiter. Zum Glück war ich vorsichtig, denn ansonsten wären wir kollidiert, wäre ich vertrauensvoll in den Kreisel hineingefahren, in der Annahme, er wolle wirklich die Ausfahrt nehmen, an deren Einfahrt ich gerade stand … Als er mich passiert hatte, gab ich Gas und fuhr in den Kreisel. Vor mir der Blinkfetischist, der jedoch auch die nächste Ausfahrt nicht nahm, sondern die aus seiner Sicht dritte … Und auch danach fuhr er munter blinkend weiter, wie ich aus dem Augenwinkel noch wahrnahm, meinerseits jedoch in die Straße abbog, aus der er gekommen war.

Vor dem Haus eine Fülle an Parkplätzen – immerhin etwas! 😉 So müsste es immer sein. 😉

Ihr seht schon, dass man es mir nicht recht machen kann: Da rege ich mich über einen Blinkfetischisten auf, der dauernd blinkt, während ich mich andererseits über Blinkmuffel aufrege, die nie blinken. Man kann es mir einfach nicht recht machen.

Und daher wäre es oft viel einfacher, wäre ich ein Hund, denn die müssen nicht nur nicht im Büro sitzen. Die fahren auch nicht selber Auto. Vielleicht versteht ihr mein komisches Ansinnen jetzt etwas besser. 😉

„Wild Rover“ oder: Wer sich hier nicht wohlfühlt, ist selber schuld

Ich gebe zu, vielleicht muss man besonders geartet sein, sich in Irland besonders wohlzufühlen, und vielleicht ist meine Überschrift etwas verallgemeinernd.

Ich kam vor einigen Jahren erstmalig nach Irland, und es war Liebe auf den ersten Blick. Kommt bei mir nun wirklich nicht oft vor. (Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, mich auf den ersten Blick verliebt zu haben – ging nicht gut. 😉 ) Dieses Land und seine Menschen waren und sind wohl auf meiner Wellenlänge. Etwas hemdsärmelig ist es, wirken die Bewohner, aber auf eine wirklich liebenswerte Weise. Als „Ruhri“ mit fränkischem Einschlag war ich da genau richtig. Hier wurde Klartext gesprochen, aber nie unsympathisch und nie unfreundlich. Alles etwas „bollerig“ und sehr direkt, aber meist mit einem Augenzwinkern, einem Schlag auf die Schulter – damit komme ich hervorragend klar. Nicht umsonst fühlte ich mich auch in Berlin immer wohl und kam dort prima klar, wo andere ein „total ungehobeltes Benehmen“ beklagten, weil sie die Gangart dort nicht verstanden und/oder etwas verklemmt waren.

Ich reiste damals im November erstmalig gen Irland. Hervorragende Jahreszeit, um die Westküste oder jedwede Küstenregion zu besuchen, aber ich hatte es mir nicht aussuchen können. Denn es war eine Dienstreise mit meinem Kollegen Frederic. Wir arbeiteten beide an der RWTH Aachen im Zuge eines EU-Projekts zusammen, er technischer Koordinator, ich administrative Koordinatorin.

Ich musste mitten in der Nacht aufstehen, mit dem Taxi zum Hauptbahnhof fahren, da um diese Uhrzeit Busse nur sehr, sehr spärlich fuhren und ich neben meiner Kleidung sämtliche von mir erstellten Projektberichte und weitere schwere Unterlagen in meinem Trolley hatte. Habe ich zwar auch so in die Reisekostenabrechnung geschrieben, aber ich blieb auf den Kosten sitzen; Frederic desgleichen, der Gussproben im Gepäck hatte – auch nicht sonderlich leicht, wenn auch aus Aluminium. 😉

An die Fahrt vom Aachener Hauptbahnhof bis zum Flughafen in Düsseldorf kann ich mich nicht so recht erinnern, da ich wohl die meiste Zeit schlief. Aber die Strecke ist eh langweilig, und Frederic, ein Morgenmensch, kannte das schon von anderen Dienstreisen von mir, akzeptierte und respektierte das auch. Ein sehr guter Kollege. 🙂 Ich bin nämlich eine sogenannte „Eule“, die, im Gegensatz zu den sogenannten „Lerchen“, einen Biorhythmus hat, der zwar erlaubt, bis in die Nacht zu arbeiten, aber dazu zwingt, in den früheren Morgenstunden einfach nur zu schlafen – dann, wenn Lerchen fröhlich aus dem Bett springen, wahrscheinlich laut zwitschernd. 😉 Ich kann zwar früh aufstehen, bin dann aber nicht wirklich betriebsfähig, sondern handle mehr instinktiv. Und – nein – es hat keineswegs damit zu tun, dass ich einfach nur früher ins Bett gehen müsste. Alles schon ausprobiert, auch über längere Zeiträume … Um 10 Uhr morgens bin ich aber spätestens komplett „in dieser Welt“, und dann – abgesehen von einem kleinen Mittagstief – auch sehr konzentriert, und das bis in die Nacht hinein. Im Grunde lebe ich auf, wenn die „Lerchen“ bereits gen Schlafstatt schreiten, ihrerseits nicht mehr konzentrationsfähig. Nun ja, wir sind eben alle Individuen, nicht wahr? 😉

Wir flogen mit „Aer Lingus“, einer irischen Airline, nach Dublin. Zwei Stunden dauerte der Flug in der mir schon recht klein erscheinenden Boeing 737. In Dublin mussten wir einige Zeit auf unseren Anschlussflug warten, denn leider – so schien es mir damals – fand das jeweils halbjährliche Treffen, diesmal bei unserem irischen Projektpartner, nicht in Dublin, sondern in Galway statt. Im Westen Irlands.

Als wir so vor uns hin warteten, tauchte der Repräsentant des zweiten deutschen Projektpartners auf, und gemeinsam mit ihm bestiegen wir dann den Vorfeldbus, der uns zu unserer Anschlussmaschine bringen sollte. Wir fuhren für meine Begriffe recht lange in diesem nach Kerosin stinkenden Bus, bis wir an einer bemerkenswert kleinen Maschine anlangten. Frederic rief: „Ah, eine Fokker 50!“ Ich rief: „Frederic! Das ist nicht dein Ernst! Was ist das? Das ist doch wohl nicht unsere Maschine! Die ist so klein! Und sie hat Propeller!“ Frederic, hobbymäßiger Segelflieger, lachte sich scheckig, und er meinte: „Ali, wir sind in Irland! Das ist, wie du weißt, ein kleines Land, und das Größte, was die Aer-Lingus-Flotte betreibt, haben wir vorhin verlassen. Das ist durchaus mein Ernst.“ Ach, du Scheiße. Draußen tobten spätherbstliche Stürme, und schon beim Einsteigen in den Bus hatte es mir fast den Skalp abgerissen, so windig war es. Und nun in diesen … Stoppelhopser? Je kleiner die Maschine, desto heftiger die Auswirkung von Turbulenzen – und hier stürmte es!

„Vielleicht solltest du mich k.o. schlagen und an Bord tragen,“, meinte ich zu Frederic, aber der lachte nur und meinte: „Was ist denn mit dir los? So kenne ich dich gar nicht! Bist doch sonst eher unerschrocken.“ War ich. Nur noch nie mit einer vergleichsweise kleinen Propellermaschine geflogen, zumal bei solchen Witterungsbedingungen. 60 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder fasste das Fluggerät, und das ist eine größere Anzahl an Passagieren, als die Maschine von außen als möglich verhieß.

Ich stieg etwas beklommen ein. Frederic und ich hatten die Plätze auf Höhe des rechten Propellers. Es folgten die üblichen Hinweise zur Evakuierung der Maschine im Notfall. Normalerweise verfolge ich diese gelassen. Hier hörte ich genau hin. 😉 Und dann beugte sich Frederic zu mir herüber, sagte etwas, doch ich sah nur, wie er den Mund auf- und zuklappte, denn just in dem Moment, da er zu sprechen anfing, ertönte ein infernalisch lautes Geräusch, und so schrie ich Frederic, der sehr dicht neben mir saß, an: „Was hast du gesagt?“ Er brüllte zurück: „Ich sagte: ‚Achtung, gleich wird es laut, wenn die Triebwerke gestartet werden!‘“ Ach, so … 😉 Stimmte. Es war grauenhaft laut, aber Frederic brüllte mich an, es werde leiser, wären wir erst einmal in der Luft.

Viel leiser wurde es nicht. Und der Start war das kalte Grauen, denn die kleine, dröhnende Maschine wurde wie ein Lämmerschwanz hin- und hergeworfen. Auch in der Luft wurde es nicht viel besser. Frederic meinte: „Zum Glück fliegen wir nicht so lange – das Land ist ja klein.“

In der Tat. Das ist es, und ich war erleichtert, als es hieß, wir befänden uns im Landeanflug auf den Flughafen Galway. Da war er auch schon zu sehen: einige nebeneinandergeworfene Gebäude, eine Piste, die wohl als Start- und Landebahn fungierte und über der unsere Maschine sich absenkte. Dem Himmel oder sonstwem war Dank – gleich würden wir festen, westirischen Boden unter den Füßen haben! (Ich fliege für mein Leben gern und bin einiges gewohnt. Aber das war ein ganz besonderer Flug, den ich nie vergessen habe … ;-)) Doch was war das? Die Landebedingungen offenbar nicht günstig – Scherwinde oder sonstwas, denn wir waren annähernd vor dem Aufsetzen, da startete der Pilot durch. Hui! Ein Gefühl wie Weihnachten im Bootcamp, und ein kleines Mädchen einige Reihen hinter uns – offenbar deutsch – schrie begeistert: „Stürzen wir jetzt ab?“ Ich möchte wetten, die Abdrücke meiner Fingernägel waren dauerhaft in beide Armlehnen geprägt, und erstmalig hätte ich fast von der Spucktüte Gebrauch machen müssen … Dann der nächste Landeanflugversuch. Und erst da wurde mir der Flughafen Galway in seiner vollen Schönheit präsentiert: sehr kurze Lande-/Startbahn, eher eine Buckelpiste, wie sich nach der Landung herausstellte, die abrupt an einem Zaun endete. Einem Weidezaun, hinter dem – was auch sonst? – Schafe weideten, die – beim zweiten Durchstarten, denn erneut konnten wir nicht unverzüglich landen – bähend und mähend in Panik davonrannten. Zwar konnte ich es nicht hören, aber wir waren so tief unten, dass ich sah, wie sie ihre kleinen Mäulchen auf- und zuklappten …

Im dritten Anlauf klappte es dann. Endlich. Ich atmete auf, Frederic, der alte Segelflieger-Fuchs, grinste und meinte: „Ich dachte schon, wir müssten nach Dublin zurückfliegen.“

Über den – inzwischen ehemaligen – „Flughafen“ Galway möchte ich nur wenige Worte verlieren. Interessant das Gepäckband, das etwa sieben Meter lang war, draußen vor dem Bretterverschlag, in den wir von der Maschine kamen, anfing und immerhin nicht mehr von Hand betrieben werden musste. Hätte mich aber auch nicht gewundert. 😉 Wer auf der kurzen Strecke nicht schnell genug seinen Koffer entdeckte, musste ihn am Ende des Bandes aus einem ganzen Haufen Gepäcks herauszerren. Ich war zum Glück schnell genug – mein Trolley war noch recht neu. 😉

Zusammen mit Herrn Schneider, dem deutschen Projektpartner, den wir in Dublin bereits getroffen hatten, nahmen wir ein Taxi. Und wenn mir nach dem recht anregenden Flug nebst Landung noch nicht schlecht gewesen war: Nach der Taxifahrt war ich einfach nur froh, mit dem Leben davongekommen zu sein … Denn der Fahrer fuhr, als würden wir von der Polizei oder Menschen, die uns nach dem Leben trachteten, verfolgt. Kurz hinter dem „Flughafen“ sah ich erstaunlich viele Begrüßungs- und Willkommensschilder quasi in hoher Frequenz an der Straße stehen: „Fáilte go hÉirinn!” Willkommen in Irland! Oder besser: Ich nahm sie wahr, quasi im Vorbeifliegen, denn der Fahrer raste so, dass ich mir dachte: “Man musste hier so viele Schilder aufstellen, damit man, mit einem einheimischen Taxifahrer unterwegs, wenigstens eines wahrnehmen kann, bevor das Taxi an einem Baum zerschellt. So stirbt man wenigstens im Bewusstsein, willkommen geheißen worden zu sein.” Und während Herr Schneider, der vorne saß, und ich uns an allen möglichen Handgriffen festkrallten, saß Frederic erneut ganz lässig im Auto. Es war nicht sein erster Irlandbesuch.

Im Hotel musste ich mich erst einmal sammeln – was für eine Aufregung. Viel Zeit hatte ich aber nicht, denn Frederic hatte Herrn Schneider und mir gesagt, er kenne ein tolles Fischlokal, wo wir prima zu Abend essen könnten. Gesagt – getan, und so landeten wir im „McDonagh’s“ – genauer: „McDonagh’s Seafood“. Es sah unspektakulär aus, eher wie eine Markthalle, aber Frederic ist Franzose und liebt gutes Essen – wir konnten kaum falsch liegen. Kaum hatten wir das mit Fischernetzen und Fisch- wie Schalen- und Krustentier-Modellen behängte Innere betreten, wurden wir von einer kleinen, quirligen und lebhaften Bedienung um die Vierzig plaziert, die uns auch sogleich Karten reichte und fragte, was wir trinken wollten: Naja, also, wohl ein lokales Bier! Sie freute sich, eilte davon. Wir studierten die Karte, die für jeden Fischliebhaber etwas parat hatte. Ich las: „Ray wing with caper butter“ – hmmm, ein Rochenflügel in Kapernbutter, dazu Beilagen. Ich bin immer offen für Neues, und um den Rochenflügel machte ich mir keine Sorgen. Aber ich war keine Kapernfreundin, und als die Bedienung wieselflink mit unseren Getränken an den Tisch zurückkam, fasste ich mir ein Herz und fragte sie: „Are there many capers in the caper butter?“ – „Why that?“ – „Well, I don’t like capers that much!“ Und da legte mir diese drahtige, kleine Irin den linken Arm um die Schulter, fasste mich scharf ins Auge und grinste mich an: „So, lady, are you an adult person? Or a baby? Only babies don’t like capers! Just have a try! If you don’t like it, Lizzy spends you a beer! Lizzy, that’s me. But first have a try! You wouldn’t consider the ray wing at all if capers were such a severe problem, would you?” – “You’re right. So I’ll have the ray wing.” – “And if you don’t like it, Lizzy spends you a beer – keep that in mind!” Und sie kniff mir liebevoll-energisch in die Wange. Ich mochte Lizzy sofort. 😉 Und der Rochenflügel war wunderbar – und die Kapernbutter erst! Seitdem bin ich ein absoluter Kapernfan. Lizzy hat mich geheilt, und sie hat mir – obwohl ich die Kapernbutter mochte! – dennoch ein Bier aufs Haus gebracht, und das mit den Worten: „You deserve it since you brought yourself to eat capers. And here we go!“ Und sie stieß mit mir an – sie hatte sich selber auch ein Bier mitgebracht. 😉 Geschäftstüchtig, aber wie kann man solche Leute nicht auf Anhieb lieben?

Und als wir ins nächstgelegene Pub gingen, dasselbe in Grün. Ich sang irgendwann mit einigen netten Iren zusammen den „Wild Rover“ und andere nette irische Lieder, die ich kannte, wurde bemerkenswert oft in die Wange gekniffen, und man nannte mich „a lovely girl“. Zwei wollten sogar wissen, ob ich länger bliebe und wo man mich erreichen könne. Aber ich war ja höchst beruflich dort und obendrein daheim liiert. Frederic, der mitgesungen hatte, lachte sich scheckig und meinte: „Endlich mal eine richtig schöne Dienstreise! Danke, Ali – mit dir kann man bedenkenlos in Irland Bier trinken gehen – das macht Spaß!“

Fast trat das „Geschäftliche“ in den Hintergrund, aber auch das haben Frederic und ich professionell gestemmt. Wenn auch immer mit einem kleinen Kater des Abends zuvor wegen. 😉  Das beste „Irish Stew“ habe ich in einer Spelunke in Galway gegessen, wo wir landeten, als alles andere in Reichweite bereits brechend voll war.

Galway ist seitdem meine Lieblingsstadt in Irland, und inzwischen kenne ich einige irische Städte. Keine hat Galway bisher den Rang ablaufen können. Okay, Dublin kenne ich nicht gut genug – muss ich wohl auch einmal richtig besuchen, denn beim ersten richtigen Besuch habe ich nicht viel gesehen.

Euch kann ich, wenn ihr auch etwas handfester seid, aber nur empfehlen: Reist nach Irland. 🙂 Und nein: Ich werde nicht vom irischen Tourismusverband dafür bezahlt. Es spricht mir nur aus der Seele. 😉

„Ich habe mal eine technische Frage“

Der Titel lässt erahnen, dass es um den Anruf einer Hotline gehe. Sicherlich fangen viele Anrufe bei einer Hotline so an, wenn es um irgendeine „facility“ geht, ohne die wir heutzutage gar nicht mehr leben können. Aber das ist ganz falsch, zumindest in Bezug auf das, was ich meine, wenn ich am Telefon sage: „Ich habe mal eine technische Frage.“

Denn diesen Satz äußere ich eigentlich nur, wenn ich meine Eltern anrufe und meine Mutter am Telefon habe, aber tatsächlich eine Frage an meinen Vater habe. Mama und ich passen zusammen „wie Arsch auf Eimer“, wie man hier im Ruhrgebiet sagt, aber das führt auch öfter dazu, dass wir uns „anne Köppe kriegen“. Und es hat lange gedauert, bis ich begriffen hatte, dass meine Mutter die Person sei, die man am besten anrufe, wenn man Liebeskummer und Herzschmerz hat. Etwas rauhbeinig ist sie, und vielleicht war es das, was mich lange Zeit eher zu meinem Vater greifen ließ, wenn ich mal wieder liebeskummergeschwängert dasaß. Kein Fehler, aber doch irgendwie die falsche Adresse, denn Papa ist gut im Trösten, auf alle Fälle! Aber Trösten ist dauerhaft gesehen nicht immer zielführend, und da war Mama immer erheblich konstruktiver. Es hat wirklich lange gedauert, bis ich das kapiert hatte.

Die frühere „Bevorzugung“ meines Vaters hat in jedem Falle Spuren hinterlassen, denn wenn ich früher kummervoll bei meinen Eltern anrief und meine Mutter an der Strippe hatte, reagierte diese recht eigen, wenn ich fragte: „Kann ich mal den Papa sprechen?“ – „Den Papa, ja, natürlich!“ rief sie dann stets in einem Tonfall, der nur als sarkastisch zu bezeichnen ist. Melodiös, aber sarkastisch. „Den“ zog sie in einer Art „Kopfstimme“ immer relativ lang, dehnte das Wort in all seiner Einsilbigkeit, um dann bei „Papa“ auf der ersten Silbe in ihre normale Sprechstimme, bei der zweiten Silbe aber um einiges tiefer zu fallen. Und der Sarkasmus troff aus jedem Wort, aus jedem Laut. Ich glaube, sie fühlte sich benachteiligt. Völlig ohne Grund, und ich war oft froh, wenn mein Vater direkt am Telefon war, wenn ich anrief und ihn etwas fragen wollte.

Inzwischen weiß meine Mutter, wie ich zu ihr stehe – und das durchweg positiv! -, aber das Verhalten am Telefon ist derart eingebrannt, dass sie auch heute noch immer so reagiert, wie oben beschrieben.

Aber ich habe eine Lösung gefunden. „Ich habe mal eine technische Frage“ heißt sie und bedeutet: „Kann ich mal den Papa sprechen?“ Ich musste das auch gar nicht erklären. Mama wusste sofort, was ich meinte, und sie sagte: „Alles klar! ‚Kann ich mal den Papa sprechen?‘“ Und ich hörte förmlich, wie sie grinste. Dann meinte sie: „Sehr kreativ, Ali.“

Aber wohl nicht kreativ genug, wie es scheint. 😉

 

„I don’t like Mondays“ oder: „Nichts ist unmöglich – Toyota!“ Von anhänglichen Tieren, „Viagra-Bremsen“ und „niedlichen Mädchen“

Ich hatte heute so einen richtig schönen Tag! (Hatte ich schon erwähnt, dass ich zu Ironie und Sarkasmus tendiere? Vermutlich …) Denn neben der Tatsache, dass heute Montag ist, kamen noch ein paar Aspekte hinzu, die ihn zu einem ganz besonders schönen Montag machten. Gut, ich gebe zu, einen dieser Aspekte habe ich ganz bestimmt selbst verursacht.

Denn einmal mehr schlief ich abends auf der Couch ein. Ein altes Laster meiner Wenigkeit. Schön muckelig auf dem Sofa bequem gemacht, und das wider besseres Wissen in liegender Position. Spannender Film auf DVD, neu und noch nie gesehen. Will sagen: Eigentlich kann ich gar nicht beurteilen, ob er wirklich so wahnsinnig spannend sei, wie man mir gegenüber behauptete, da ich schon relativ schnell in Morpheus‘ Armen landete, aber das hatte keineswegs mit dem besagten Film zu tun. Ich schlafe derzeit mal wieder nicht so gut. Es sei denn, ich liege auf der Couch. 😉

Da gestern so ein laues Lüftchen wehte und ich im Wohnzimmer rauche, war ich auf Luftaustausch bedacht und hatte die Balkontür offen. Auch wider besseres Wissen – man erinnere sich an die Geschichte mit den beiden niedlichen Rotkehlchen, die gestern erst zwei Tage zurücklag. Aber es war schon dunkel, und die kleinen putzigen Gestalten schliefen sicherlich auch schon den Schlaf der Gerechten. So wie ich auf meiner Couch.

Kurz vor Mitternacht wurde ich wach, ärgerte mich, eingeschlafen zu sein, war aber mit einem Schlag wieder hellwach und beschloss, den Film einfach an der Szene wieder einsetzen zu lassen, an der ich offenbar quasi das Bewusstsein verloren hatte. Gedacht – getan, und ich folgte dem Geschehen aufmerksam. Da nahm ich aus dem Augenwinkel etwas wahr, das sich keineswegs im Film abspielte: Da bewegte sich doch etwas! Auf meinem Fußboden! Und das auf mich zu! Ich sah genauer hin, konnte einen markerschütternden Schrei gerade eben noch unterdrücken, sprang aber – Reflex – hektisch auf, um dann wie angewurzelt stehenzubleiben. Ebenfalls stehen blieb das Tier, das sich da so begeistert und beachtlich schnell auf mich zubewegt hatte. Und wir starrten einander an. Ich das Tier aus meinen zwei, das Tier mich gleich aus diversen Augen – wie bei einem Duell. Es war eine Spinne! Und es war keine kleine Spinne, denn auf kleine Spinnen reagiere ich keineswegs so, wie ich reagiert hatte. Das Tier war inklusive seiner acht Beine etwa so groß wie eine Mandarine!

Mit annähernder Schnappatmung sah ich mich hektisch im Wohnzimmer um, denn normalerweise pflege ich Spinnen unbeschadet wieder an die Luft zu setzen. Kein geeigneter Behälter vorhanden. Und just diesen Moment wollte die Spinne nutzen, unter dem Wohnzimmertisch und von dort aus wer weiß, wohin zu verschwinden … Nee, nicht mit mir! Denn es gehen nur zwei Dinge: Ich im Wohnzimmer oder eine Riesenspinne im Wohnzimmer. Nicht beide zusammen. Kein Kompromiss.  (Ja-ha, ich weiß, dass mir die Spinne nichts tut – wer weiß das nicht? Schon gefühlte Millionen von Malen gehört, hilft dennoch nicht.) Und so strafte ich meine noch zwei Tage zuvor fahrlässig getroffene Äußerung, eher würde ich mir einen Arm abhacken lassen, als einem Tier etwas anzutun, Lügen. Die Spinne lebt nicht mehr, mit einer leeren PET-Mineralwasserflasche niedergestreckt, und – ehrlich gesagt – ich schäme mich durchaus. Da war sie vertrauensvoll durch die Balkontür hereingekommen, hatte wahrscheinlich irgendwo gehört, dass Ali B. Tiere mag, und die empfängt sie so! 😉 Nein, es tut mir wirklich etwas leid, sie wollte ja nichts Böses, war sogar noch ganz vertrauensselig auf mich zugelaufen …
Die Strafe folgte auf dem Fuße. Denn als ich – inzwischen ins Bett gegangen – aufgewacht, mich fertiggemacht hatte und zur Arbeit gefahren war, war mein Lieblingsparkplatz schon besetzt. Überhaupt waren so viele Parkplätze schon besetzt. Ach, ja! Das Semester hatte begonnen, und da viele Studis – speziell aus dem Bereich „Wirtschaft“ – heutzutage mit SUVs zur Arbeit kommen (denn man muss sich ja frühzeitig an künftige Herrschaftsverhältnisse gewöhnen, und Mama und Papa sehen das genauso), konnte man nicht mehr frei wählen, so als Mitarbeiterin der Institution, die diesen privilegierten Herrschaften auf das Chefsesselchen verhilft. Zumindest in deren Phantasie. (Möge es in so manchem Falle Phantasie, gerade im Bereich „Wirtschaft“, bleiben. So mein Credo. Aber das bleibt bitte unter uns. 😉 )

Ich fand einen Parkplatz zwischen zwei normalen PKW und parkte dort ein. Als ich ausstieg, sah ich, dass ich noch ein Stückchen zurücksetzen konnte, was ich auch tun wollte. Erschreckenderweise bin ich – sonst eher wurschtig – da unerwartet penibel. 😉 Kaum ein eigenes Auto, treten ganz ungeahnte Eigenschaften in mir zum Vorschein. 😉

Und so schwang ich mich erneut hinter Scottys Lenkrad, steckte den Zündschlüssel ins Schloss und wollte den Motor starten. Dazu trat ich aufs Bremspedal, wie es bei allen automatisierten Getrieben Usus und notwendig ist.

Aber was war das? Das Bremspedal reagierte wie ein Fels in der Brandung! Also gar nicht. Ich trat drauf, drehte den Zündschlüssel – nichts passierte. Normalerweise reagiert das Bremspedal anders, hier aber wie festbetoniert. Doch – es passierte etwas! Ein akustisches Signal erklang, das ich in meiner bisherigen Zeit mit Scotty noch nie gehört hatte. Was hatte der arme Kleine?

Vor meinem geistigen Auge tauchte ein Abschleppwagen auf, der den kleinen Scotty, an dem mein Herz inzwischen sehr hängt, nach meinem Feierabend abholte, weil er nicht mehr fahrtüchtig war … Das Bremspedal war derart hart und fest, dass mir die Assoziation „Viagra“ durch den Kopf schoss! Es gibt Männer, die sich derartige Festigkeit und Härte wünschten. Wenn auch nicht beim Bremspedal ihres automatisierten KFZ. 😉 Aber lassen wir das. 😉 (Dennoch: Ich habe heute den Begriff: „Viagra-Bremse“ erfunden. 😉 )

Ich wartete ein paar Minuten, und da ließ Scotty sich auch wieder starten, ich setzte etwas zurück und parkte dann definitiv, schloss den Wagen ab, den ich dann mit einigen verunsicherten Blicken verließ. Hoffentlich würde er nach Feierabend ganz normal zu starten und zu fahren sein!

War er dann, machte aber vor meinem Haus erneut Zicken. Ich musste etwas warten, dann ließ sich der Motor auch wieder starten. Ich werde das beobachten, habe aber heute in der Mittagspause schon einmal gegoogelt, bin auf einige Toyota-Foren gestoßen und musste erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass diverse Eigentümer eines dieser kleinen Samurai-Krieger das gleiche Problem beschrieben. Nicht etwa beklagten. Nein, sie klagten nicht. Vielmehr nahmen sie das Ganze einfach zur Kenntnis und gaben einander Tipps. Einige davon wirkten fast ein wenig resigniert. Ich beschloss, den kleinen Scotty die nächsten Tage ganz genau zu beobachten. Wenn er – zusätzlich zu seinen sonstigen Macken – erneut herumzickt und offenbar nicht fahren will, warte ich so lange, bis er von sich aus wieder bereit ist, zu fahren, und dann wird er umgehend in die Vertragswerkstatt gebracht! Bei der Gelegenheit darf er dort durchaus auch gewaschen werden – der Saharasand der letzten Tage, der sogar in der Zeitung erwähnt wurde, ist bei ungünstiger Sonneneinstrahlung sogar auf dem ansonsten schmutzignorierenden Silbermetallic-Lack zu sehen. 😉 Mit blockierender Bremse und ähnlichen Amüsements fahre ich ihn gewiss nicht in eine Waschstraße! 😉

Bei der Arbeit war es heute auch nicht viel besser. Wir haben ja eine neue Kollegin im eher juristischen Bereich. Sie war eine von sieben Bewerbern auf die Stelle. Die Dame, die auf Platz 1 war, hatte wohl die Auswahl, und so kam sie nicht zu uns. Wir bekamen Platz 2. Die neue Kollegin ist – vordergründig betrachtet – nicht unnett, aber ich staune dennoch, wie „selbstbewusst“ sie sich nach nur wenigen Wochen benimmt. Kommt entweder unangemeldet zum Chef für die gesamte Verwaltung, oder sie kommt zu fest vereinbarten Terminen zu spät. Natürlich, ohne sich zu entschuldigen. Janine und mich scheint sie wohl für ihre Dienste einspannen zu wollen. Aber nicht mit uns! Nicht nur da ticken wir offenbar ziemlich ähnlich.

Letzte Woche kam sie zweimal zu spät zu Terminen, entschuldigte sich keineswegs, erklärte eher, dass sie ja noch einen ganz wichtigen Termin mit einem anderen Mitarbeiter gehabt hätte, der meinem Chef unterstellt ist. Ich bin eine erklärte Gegnerin des Obrigkeitsdenkens, aber ich halte Höflichkeit für eine gute Maßnahme und unabdingbar für das Gelingen eines gesellschaftlichen, menschlichen und dienstlichen Miteinanders. Nicht zuletzt muss ich meinen Kopp dafür hinhalten, wenn irgendein Termin nicht so klappt, den ich vereinbart habe. Und so stellte ich mir die Frage: „Wofür hält die Trulla sich eigentlich? Flammneu hier, benimmt sich aber wie die oberste Chefin!“ Geht gar nicht. Dauernd kommen Einwände wie: „Da muss ich aber eher gehen.“ Oder: „Ich weiß nicht, ob ich da telefonisch erreichbar bin.“ Schon durchgefallen. Zumindest bei Janine und mir.

Aber mein Chef ist da anders. Neulich entschuldigte er sich allen Ernstes, als er – da die Dame zu spät dran war – noch mit einer anderen Kollegin gesprochen hatte, was Madame gnädig zur Kenntnis nahm, während Janines und meine Schläfenadern schon kurz vor der Explosion standen, zumal man bei uns weit weniger Rücksicht walten lässt. Wir ärgerten uns, und ich meinte: „Es liegt an ihrer Art.“ – „Welche Art meinst du?“ – „Na, dieses Mädchen-Getue! Ist dir schon aufgefallen, dass sie dauernd ganz ‚niedlich‘ spricht? Kommt hier herein und sagt immer ganz putzig: ‚Hi!‘, und das mit einer Stimme, als könne sie kein Wässerchen trüben! Ich habe dir doch gesagt, dass ich Frauen, die so bewusst ‚niedlich‘ sprechen, nicht ausstehen kann. Hat mit Erfahrungen zu tun. Leider fallen viele Männer darauf herein.“

Janine meinte knallhart: „Das liegt daran, dass die meisten Männer doof sind.“ Ich hätte es so nicht ausgedrückt, da ich es so nicht empfinde, aber es gab mir zu denken.

Offenbar kommt dieses „reizendes, kleines Mädchen“-Getue wirklich gut an, obwohl es auf Leute wie Janine und mich total unnatürlich und aufgesetzt wirkt. Was es ja auch ist. Janine und ich sind beide eher burschikos, und ich habe mit meiner burschikosen Art diverse Männer eher abgeschreckt. Dabei bin ich im Grunde wirklich lieb und ohne böse Hintergedanken. 😉 Anders als taktierende „Mädchen“. Ärgerlich, dass die meist bekommen, was sie wollen.

Nun ja, zumindest hat Frau Nemberg heute von mir keinen Kaffee bekommen. Und auch künftig wird das so sein.

Da bin ich stur. Wie Scottys festgesetztes Bremspedal. 😉

Ali ist nett zu Vögeln … ;-)

Heute früh klebte ich wie Pech an meinem Bett – überhaupt keine Lust, aufzustehen. Ich musste mich selber „treten“, um irgendwie meinen Hintern aus dem Bett zu heben, aber gegen 6:30 Uhr schaffte ich es.

Leise vor mich hingrummelnd, schleppte ich mich ins Bad, mied den Blick in den Spiegel, bevor ich unter der Dusche gewesen war. Nach der Dusche ging alles besser, und ich fühlte mich auch lebendiger.

Da ich Raucherin bin, aber nur im Wohnzimmer rauche, tappte ich, nur in Dessous – was ein Nachbar freudig winkend zur Kenntnis nahm, als ich in die Nähe des Fensters kam, dem ich eher halbherzig zurückwinkte, – in eben dieses Zimmer und riss zum Lüften die Balkontür auf. Luft musste herein – ich rauche wirklich manchmal zuviel. 😉 Und dann ging ich ins Schlafzimmer, zog mich an und eilte danach ins Bad, um meine Haare zu trocknen und zu stylen, kurz: um mich für die Arbeit fertigzumachen.

Ich gehe davon aus, dass ich das Elend, welches folgen sollte, eher bemerkt hätte, hätte nicht das dumpf dräuende Geräusch meines Föns und der Fönbürste mein ansonsten sehr feines Gehör korrumpiert. Nun muss ich mich schuldig fühlen, dass zwei Lebewesen durch mein zu spätes Aufmerksamwerden möglicherweise dauerhaft traumatisiert sind. 😉

Als ich die Fönbürste ausschaltete, selber froh, dass deren nervend-monotones Geräusch verstummte, hörte ich etwas ganz Liebliches: Ich hörte draußen die Vögel zwitschern. Das klingt an einem netten Frühlingsmorgen immer sehr harmonisch. Aber mir kam es so vor – ich habe wirklich ein sehr feines Gehör, und das wahrscheinlich als Ausgleich dafür, dass ich kurzsichtig und hornhautverkrümmt bin und deswegen Kontaktlinsen trage -, als sei es besonders intensiv. Lauter als sonst. Und eine finstere Ahnung überfiel mich …

Ich hatte ja hier auch schon davon berichtet, wie einmal eine kleine Schwalbe mich einen ganzen Tag quasi an meine damalige Wohnung gefesselt, wenn auch nicht geknebelt, hatte. Und das liebliche Gezwitscher klang irgendwie einen winzigen Tick zu laut, um von draußen zu kommen, zumal ich feststellte, dass ich versäumt hatte, die Wohnzimmertür zum Flur hin zu schließen.

Ahnungsvoll eilte ich ins Wohnzimmer …

Sonderlich überrascht war ich nicht, aber doch ein wenig entsetzt, als ich sah, dass zwei – ja, gleich zwei, denn es ist ja Frühling – kleine, hinterrücks dunkle Gesellen laut und aufgeregt schreiend vor dem Wohnzimmerfenster auf und ab flatterten. Einer rechts, der andere links.

„Scheiße, ich wollte doch heute besonders früh bei der Arbeit sein!“ dachte ich, aber sofort wurde ich von Mitgefühl angefallen, als ich die kleinen Fratze da so panisch herumflattern sah. Ich liebe Tiere und kann nicht mitansehen, wenn sie verzweifelt, hilflos und panisch sind. Ist übrigens nicht nur bei Tieren so – bei Menschen kann ich Verzweiflung, Hilflosigkeit und Panik auch nicht ertragen. Da muss man doch helfen! 😉

Und ich ging zügig, aber vorsichtig Richtung Fenster, vor dem die kleinen Kerlchen laut schreiend herumtaumelten. Nähergekommen, sah ich, dass es zwei Rotkehlchen waren. Die stehen bei mir auf der Beliebtheitsskala sehr weit oben, denn es sind kleine, unerschrockene Vögelchen, sehr anhänglich und niedlich in all ihrer Rundheit mit den streichholzdünnen Beinchen. 🙂 Sogenannte Kulturfolger, da sie dem Menschen folgen und sich näher herantrauen als andere Vögel. Hier nur etwas zu nahe – es schien sie selber zu erschrecken.

Besonders beliebt sind sie bei mir, da das Rotkehlchen der inoffizielle „Nationalvogel“ Großbritanniens ist, und ich bin ja Anglistin. 😉 Aber ich hätte auch jedem anderen Vogel geholfen – hier war es aber besonders passend. 😉

Als ich an der Fensterbank ankam, landete No. 1, der linke Vogel, annähernd atemlos auf derselben und starrte mich angstvoll an. Ich sagte mit gehobener, leiser Stimme: „Keine Angst, kleines Kerlchen – ich tue dir nichts.“ Und ich öffnete das Fenster, aber der kleine Kerl flog nicht hinaus, starrte mich nur großäugig an. Ich überlegte, ob ich ihn einfach greifen und auf die äußere Fensterbank setzen solle, aber ich wollte ihn nicht noch zusätzlich erschrecken. Er – ich vermute jedoch eher, es war eine Sie – schien meine Gedanken zu erahnen und flüchtete ins Bücherregal, von wo es mich weiterhin mit großen Augen anstarrte. Und es starrte auf die Fensterbank, in Richtung meines Alpenveilchens, das ein Geschenk zweier Kolleginnen zu Weihnachten 2014 gewesen war und erstaunlich lange überlebt hat. 😉

Aha! Das Alpenveilchen also hinderte es an seinem Flug aus dem Fenster! Es stand im Weg! Sofort nahm ich es von der Fensterbank, öffnete das Fenster extra weit, und da schoss „little robin“ auch schon wie ein geölter Blitz an mir vorbei ins Freie! 🙂 Ich freute mich und blickte ihm nach: Es landete auf der Hecke, die den hinteren Garten umsäumt. Man sah nur seinen kleinen Rücken, aber selbst der sah total schockiert, wenngleich erleichtert aus – gerade noch mit dem Leben davongekommen! (Das kleine Rotkehlchen konnte ja nicht ahnen, dass ich sicherlich die Letzte wäre, die ihm etwas antun würde. 🙂 Eher würde ich mir einen Arm abhacken lassen, als einem Tier etwas anzutun.)

Was aber war mit No. 2? Aus dem Augenwinkel glaubte ich, gesehen zu haben, dass etwas durch die noch immer offene Balkontür entwischt sei. Und so ging ich hin und wollte die Balkontür schließen. Dabei stieß ich an meine Palme, die dringend umgetopft werden muss, da sie arg ins Kraut schießt. Sofort hörte ich ein flatterndes und raschelndes Geräusch, und ebenso schnell riss ich die schon fast geschlossene Balkontür wieder auf. Ein kleiner, dunkler Schatten schoss fast simultan durch die Öffnung hindurch, und ich atmete auf. Man stelle sich vor, ich hätte die Balkontür geschlossen und wäre zur Arbeit gefahren! Nicht nur, dass eine Familie in spe noch vor ihrer Entstehung auseinandergerissen worden wäre! Nein! Wie blöd hätte ich dreingeschaut, wäre ich abends nach Hause gekommen, hätte arglos den Fernseher eingeschaltet, und plötzlich hätte ein Rotkehlchen dagesessen und Satisfaktion für entgangene (Familien-)Freuden gefordert! 😉 Ganz zu schweigen von den Hinterlassenschaften … 😉

Ich bin eben nett zu Vögeln. 😉 Und das hat sich ausgezahlt, denn vorhin landete ein Rotkehlchenpaar auf meinem Balkon, tippelte bis zur Balkontür und zwitscherte lieblich, bevor es wieder wegflog. Das war sicher „mein“ Pärchen. Und sollte einer von euch meinen Titel irgendwie zweideutig finden, kann ich nur aus einem sehr alten deutschen Spielfilm, der „Feuerzangenbowle“, zitieren: „Bah! Wat habt ihr für ’ne fiese Charakter!“ 😉 Lernt Grammatik! 😉