Ned g’schimbfd is g’lobd g’nuch

Das ist ein Satz in fränkischem Dialekt. Ich muss immer lachen, wenn ich ihn höre, denn er verkörpert das fränkische Wesen so gut wie kaum ein anderer. „Nicht geschimpft ist genug gelobt.“ Und genauso bin ich von meiner Mutter erzogen worden. Sie ist ein sehr liebevoller Mensch, und ich sage immer, dass ich keine bessere Mutter hätte haben können. Aber sie wirkt etwas „herb“ und manchmal etwas sperrig. Genauso wie ich. Wir haben es nicht so mit ewigen Liebesschwüren, Herumgetätschel und: „Schatz, das hast du aber schön gemacht – ich bin so stolz auf dich!“ Wir denken und empfinden das – möglicherweise sogar exklusiver als Menschen, die inflationär mit solchen Dingen umgehen und diese ebenso inflationär kommunizieren. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, wie ich so fühle und empfinde. Und beim Wein neulich meinte meine Mutter das Gleiche. Ich hatte kürzlich extra für sie einen Beitrag hier geschrieben, und da hatte drin gestanden, dass ich meine Mutter sehr liebte, was auch der Fall ist. Sie rang nach Worten, als sie sich bei mir bedankte, tat sich gewohnt schwer und meinte: „Einer der ersten Sätze, Ali, der war besonders schön.“ Ich wusste, was sie meinte und zitierte aus dem Gedächtnis. „Meinst du den?“ – „Ja. Darüber habe ich mich besonders gefreut. Das wusste ich gar nicht.“ – „Das wusstest du nicht?“ – „Nein.“ Kein Wunder – wir tun uns ja beide schwer, Zuneigung zu verbalisieren. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest. Sie drückte genauso fest zurück. Man steht sich mit dieser Art manchmal selber im Wege.

Die fränkische Art ist einfach, gelassen, ruhig und bescheiden. Franken sind eher Tiefstapler. Das mag ich so an ihnen. Ich habe – ungelogen – niemals einen fränkischen Aufschneider erlebt. Es wird sie wohl auch geben, aber in all den Jahren, die ich mit Franken vertraut bin, habe ich nie einen solchen erlebt. Kein lautes Getöse, wie ich es im Rheinland öfter erlebte, aber auch hier, wo ich lebe. Ich praktiziere das Getöse bisweilen selber. Komischerweise nie, wenn ich in Franken bin. Es passt dort nicht hin, und ich fühle mich dort wohl – wozu dann herumtosen? 😉 Bin ich in Franken, bin ich zwar immer noch lebhaft, aber doch in gewisser Weise ruhiger. Ich weiß die Lebensart dort zu schätzen, das eher bodenständige Reden, nicht herunterspielend, um sich interessant zu machen, sondern, weil man einfach bodenständig ist. Die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sind manchmal dabei auch sehr direkt. Aber nie wirklich böse.

In Gaststätten kommt man besonders schnell mit Franken in Kontakt, denn dort ist es nicht üblich, dass jede Gruppe einen eigenen Tisch hat. Wenn alle Tische besetzt sind, und da kommt noch eine Gruppe, setzt die sich – nach der Frage, ob es recht sei – zu einer anderen Gruppe dazu, und meist wird es dann ein lustiger und fröhlicher Aufenthalt. Kenne ich von hier nicht in diesem Maße. Aus Aachen auch nicht – höchstens, wenn man es mit Touristen zu tun hat. (Ich sage ja immer, dass Aachen gut daran tue, Universitätsstadt zu sein, denn die Öcher an sich sind nicht nur aus meiner Sicht eher „komisch“ und bleiben nicht selten unter sich. Kein Wunder. 😉 )

Eine Kollegin von mir hier meinte mal abfällig: „Franken sind falsch.“ Ich stand daneben und wusste, sie wusste, meine Mutter ist Fränkin. Seit diesem Spruch ist die Kollegin, die ich vorher wirklich mochte, nicht mehr ganz so weit oben auf meiner Beliebtheitsskala, zumal sie noch darauf beharrte, als ich fragte, wie sie denn darauf komme, dass alle Franken falsch seien. „Mein Mann sagt das auch,“, kam als erschöpfende und total überzeugende Erklärung, denn der habe mal mit Franken beruflich zu tun gehabt, und die seien falsch gewesen. Klar, und weil der möglicherweise mit einigen Deppen zu tun hatte, wie es sie überall gibt, sollten nun Franken per se alle falsch und blöd sein. Ich fand die Aussage etwas daneben und ein wenig töricht, noch dazu von jemandem geäußert, der hier aus der Region stammt, wo sich viele Leute darüber echauffieren, sie würden immer als Klischee dargestellt. 😉 Da ich in gewisser Weise eine Schnittmenge verkörpere, eine Hälfte Ruhrgebiet, die andere Hälfte fränkisch geprägt, ärgere ich mich auch über dieses Klischee, aber eben auch über andere. Sie beharrte stur darauf, recht zu haben, ich sagte, durch Franken, aber auch meinen westfälischen Vater und jahrelange Erfahrung geschult, lieber nichts mehr, obwohl bereits meine Schläfenadern pochten, ein Zeichen dafür, dass ich innerlich ziemlich verärgert bin. Und die Kollegin hatte gleich zwei Personen vor den Kopf gestoßen, denn Kollege Michael stand neben mir, dessen Vater aus Franken stammt. Das wusste die Kollegin wohl nicht. Michael blieb total cool, aber hinterher, als ich mit ihm sprach, schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und meinte: „Was haben die denn gegen Franken? Ich habe noch nie einen falschen Franken kennengelernt, und ich kenne mich da aus. Mein Vater kommt aus Hof, und ich habe meine halbe Kindheit dort verbracht! Ich glaube, ich sollte mal wieder nach Franken fahren – dort ist alles so viel entspannter.“ Ich pflichtete ihm bei, und dann grinsten wir und waren uns einig, dass Vorurteile generell doof seien. 😉 (Dabei kann ich hervorragend Vorurteile äußern. Das aber nur, wenn ich provozieren will. Ich stehe nicht wirklich hinter meiner jeweiligen Aussage, aber ich freue mich immer diebisch, wenn dann eine Diskussion entsteht. Es ist doch schön, wenn diskutiert und miteinander geredet wird. Oder? 😉 )

Was mich beim diesmaligen Besuch in Franken etwas nachdenklich stimmte, war die Tatsache, dass sich Hochdeutsch dort immer mehr ausbreitet. Nichts gegen Hochdeutsch, aber es ist doch eher ein artifizielles Sprachprodukt. Dialekte sind viel natürlicher. Der fränkische klingt vielleicht nicht immer schön oder ästhetisch, aber er gehört dorthin, und ich vermisse ihn sehr, denn er ist dort immer seltener anzutreffen. Meine Mutter vermisst ihn auch, der wohl immer das Herz blutet, wenn sie in ein Geschäft geht und dort mit: „Guten Tag!“ begrüßt wird, statt mit: „Grrrüß Gott“, was sie von klein auf so kennt. (Und das ist – anders, als manch frömmelnder Mensch sich hier vorstellt – eine Grußformel und kein Glaubensbekenntnis.) Erfreulich aber, dass mein urwestfälischer Vater, stur, wie man Westfalen nachsagt, und das durchaus nicht immer zu Unrecht, dort niemals anders als mit „Grüß Gott!“ grüßt. Er hat sich integriert. Neulich wurde er sogar dabei ertappt, dass er – für ihn ein immenses Zugeständnis, da er Süßwasserfische gar nicht so mag – im Restaurant Karpfen aß! 😉 Erstmalig höchst freiwillig und selbst so bestellt! 😉 Und er sagte hinterher ganz freiwillig: „Das hat sehr gut geschmeckt!“ Mein Vater mutiert mehr und mehr zum Franken – und das ist auch gut so. Finde ich.

Ich werde meine Stellensuche jedenfalls auch auf das Bundesland Bayern ausweiten. Ich fühle mich dort wohler. Zumindest in Nord- und Ostbayern. Oberbayern muss auch nicht unbedingt sein. 😉

Meine Mutter, die mich von Babyzeiten an gemäß dem oben genannten Spruch und Titel und sehr fränkisch erzogen hat, meinte: „Den Schbrrruch hob i bis vor kurrrzem fei goa ned g’kennd!“ Ich gab zurück: „Obba fei gonsegwend umg’sedsd.“ (Denn nach einem Tag in Bamberg oder Bamberch, wie es dort heißt, falle ich „audomadisch“ auch ins Fränkische, noch dazu, da meine Mutter das dort „schbrrrichd“.) Und dann lachten wir schallend, was aber auch am Wein gelegen haben kann. 😉

Wenn ihr mal ein sehr persönliches Gespräch mit jemandem führen möchtet, empfehle ich euch dazu: „Randersackerer Ewig Leben“ vom Weingut „Schmitts Kinder“. Wunderbarer Weißwein, sehr wohlschmeckend, und er löst binnen kurzem die Zunge, und ihr tut euch viel leichter, Persönliches zu äußern. Mein Tipp nur: Bestellt eine große Flasche Wasser dazu, und kurz bevor die leer ist, bestellt eine nach, denn ansonsten graut es euch vor dem Gefühl, tatsächlich ewig zu leben, da ihr unter dem Genuss des puren Weißweins ohne Wasser gegebenenfalls Aussetzer erleiden könntet, unter denen ihr ewig leiden könntet. 😉 Man sagt zwar: „Frankenwein ist Krankenwein“, weil die meisten Frankenweine früher staubtrocken waren und angeblich den Magen nicht so belasteten, aber dafür hat der Gemeine Silvaner dieser Art eine Wirkung auf den Kopf, die nicht zu vernachlässigen ist. 😉 Immer Wasser dazu bestellen und das, bitte, nicht mit dem Wein mischen, also keine Schorle daraus machen. Parallel zum puren Wein pures Wasser trinken. So geht es am besten. 🙂

Vertraut mir. Ich weiß genau, wovon ich spreche. 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.