Ned g’schimbfd is g’lobd g’nuch

Das ist ein Satz in fränkischem Dialekt. Ich muss immer lachen, wenn ich ihn höre, denn er verkörpert das fränkische Wesen so gut wie kaum ein anderer. „Nicht geschimpft ist genug gelobt.“ Und genauso bin ich von meiner Mutter erzogen worden. Sie ist ein sehr liebevoller Mensch, und ich sage immer, dass ich keine bessere Mutter hätte haben können. Aber sie wirkt etwas „herb“ und manchmal etwas sperrig. Genauso wie ich. Wir haben es nicht so mit ewigen Liebesschwüren, Herumgetätschel und: „Schatz, das hast du aber schön gemacht – ich bin so stolz auf dich!“ Wir denken und empfinden das – möglicherweise sogar exklusiver als Menschen, die inflationär mit solchen Dingen umgehen und diese ebenso inflationär kommunizieren. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, wie ich so fühle und empfinde. Und beim Wein neulich meinte meine Mutter das Gleiche. Ich hatte kürzlich extra für sie einen Beitrag hier geschrieben, und da hatte drin gestanden, dass ich meine Mutter sehr liebte, was auch der Fall ist. Sie rang nach Worten, als sie sich bei mir bedankte, tat sich gewohnt schwer und meinte: „Einer der ersten Sätze, Ali, der war besonders schön.“ Ich wusste, was sie meinte und zitierte aus dem Gedächtnis. „Meinst du den?“ – „Ja. Darüber habe ich mich besonders gefreut. Das wusste ich gar nicht.“ – „Das wusstest du nicht?“ – „Nein.“ Kein Wunder – wir tun uns ja beide schwer, Zuneigung zu verbalisieren. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest. Sie drückte genauso fest zurück. Man steht sich mit dieser Art manchmal selber im Wege.

Die fränkische Art ist einfach, gelassen, ruhig und bescheiden. Franken sind eher Tiefstapler. Das mag ich so an ihnen. Ich habe – ungelogen – niemals einen fränkischen Aufschneider erlebt. Es wird sie wohl auch geben, aber in all den Jahren, die ich mit Franken vertraut bin, habe ich nie einen solchen erlebt. Kein lautes Getöse, wie ich es im Rheinland öfter erlebte, aber auch hier, wo ich lebe. Ich praktiziere das Getöse bisweilen selber. Komischerweise nie, wenn ich in Franken bin. Es passt dort nicht hin, und ich fühle mich dort wohl – wozu dann herumtosen? 😉 Bin ich in Franken, bin ich zwar immer noch lebhaft, aber doch in gewisser Weise ruhiger. Ich weiß die Lebensart dort zu schätzen, das eher bodenständige Reden, nicht herunterspielend, um sich interessant zu machen, sondern, weil man einfach bodenständig ist. Die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sind manchmal dabei auch sehr direkt. Aber nie wirklich böse.

In Gaststätten kommt man besonders schnell mit Franken in Kontakt, denn dort ist es nicht üblich, dass jede Gruppe einen eigenen Tisch hat. Wenn alle Tische besetzt sind, und da kommt noch eine Gruppe, setzt die sich – nach der Frage, ob es recht sei – zu einer anderen Gruppe dazu, und meist wird es dann ein lustiger und fröhlicher Aufenthalt. Kenne ich von hier nicht in diesem Maße. Aus Aachen auch nicht – höchstens, wenn man es mit Touristen zu tun hat. (Ich sage ja immer, dass Aachen gut daran tue, Universitätsstadt zu sein, denn die Öcher an sich sind nicht nur aus meiner Sicht eher „komisch“ und bleiben nicht selten unter sich. Kein Wunder. 😉 )

Eine Kollegin von mir hier meinte mal abfällig: „Franken sind falsch.“ Ich stand daneben und wusste, sie wusste, meine Mutter ist Fränkin. Seit diesem Spruch ist die Kollegin, die ich vorher wirklich mochte, nicht mehr ganz so weit oben auf meiner Beliebtheitsskala, zumal sie noch darauf beharrte, als ich fragte, wie sie denn darauf komme, dass alle Franken falsch seien. „Mein Mann sagt das auch,“, kam als erschöpfende und total überzeugende Erklärung, denn der habe mal mit Franken beruflich zu tun gehabt, und die seien falsch gewesen. Klar, und weil der möglicherweise mit einigen Deppen zu tun hatte, wie es sie überall gibt, sollten nun Franken per se alle falsch und blöd sein. Ich fand die Aussage etwas daneben und ein wenig töricht, noch dazu von jemandem geäußert, der hier aus der Region stammt, wo sich viele Leute darüber echauffieren, sie würden immer als Klischee dargestellt. 😉 Da ich in gewisser Weise eine Schnittmenge verkörpere, eine Hälfte Ruhrgebiet, die andere Hälfte fränkisch geprägt, ärgere ich mich auch über dieses Klischee, aber eben auch über andere. Sie beharrte stur darauf, recht zu haben, ich sagte, durch Franken, aber auch meinen westfälischen Vater und jahrelange Erfahrung geschult, lieber nichts mehr, obwohl bereits meine Schläfenadern pochten, ein Zeichen dafür, dass ich innerlich ziemlich verärgert bin. Und die Kollegin hatte gleich zwei Personen vor den Kopf gestoßen, denn Kollege Michael stand neben mir, dessen Vater aus Franken stammt. Das wusste die Kollegin wohl nicht. Michael blieb total cool, aber hinterher, als ich mit ihm sprach, schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und meinte: „Was haben die denn gegen Franken? Ich habe noch nie einen falschen Franken kennengelernt, und ich kenne mich da aus. Mein Vater kommt aus Hof, und ich habe meine halbe Kindheit dort verbracht! Ich glaube, ich sollte mal wieder nach Franken fahren – dort ist alles so viel entspannter.“ Ich pflichtete ihm bei, und dann grinsten wir und waren uns einig, dass Vorurteile generell doof seien. 😉 (Dabei kann ich hervorragend Vorurteile äußern. Das aber nur, wenn ich provozieren will. Ich stehe nicht wirklich hinter meiner jeweiligen Aussage, aber ich freue mich immer diebisch, wenn dann eine Diskussion entsteht. Es ist doch schön, wenn diskutiert und miteinander geredet wird. Oder? 😉 )

Was mich beim diesmaligen Besuch in Franken etwas nachdenklich stimmte, war die Tatsache, dass sich Hochdeutsch dort immer mehr ausbreitet. Nichts gegen Hochdeutsch, aber es ist doch eher ein artifizielles Sprachprodukt. Dialekte sind viel natürlicher. Der fränkische klingt vielleicht nicht immer schön oder ästhetisch, aber er gehört dorthin, und ich vermisse ihn sehr, denn er ist dort immer seltener anzutreffen. Meine Mutter vermisst ihn auch, der wohl immer das Herz blutet, wenn sie in ein Geschäft geht und dort mit: „Guten Tag!“ begrüßt wird, statt mit: „Grrrüß Gott“, was sie von klein auf so kennt. (Und das ist – anders, als manch frömmelnder Mensch sich hier vorstellt – eine Grußformel und kein Glaubensbekenntnis.) Erfreulich aber, dass mein urwestfälischer Vater, stur, wie man Westfalen nachsagt, und das durchaus nicht immer zu Unrecht, dort niemals anders als mit „Grüß Gott!“ grüßt. Er hat sich integriert. Neulich wurde er sogar dabei ertappt, dass er – für ihn ein immenses Zugeständnis, da er Süßwasserfische gar nicht so mag – im Restaurant Karpfen aß! 😉 Erstmalig höchst freiwillig und selbst so bestellt! 😉 Und er sagte hinterher ganz freiwillig: „Das hat sehr gut geschmeckt!“ Mein Vater mutiert mehr und mehr zum Franken – und das ist auch gut so. Finde ich.

Ich werde meine Stellensuche jedenfalls auch auf das Bundesland Bayern ausweiten. Ich fühle mich dort wohler. Zumindest in Nord- und Ostbayern. Oberbayern muss auch nicht unbedingt sein. 😉

Meine Mutter, die mich von Babyzeiten an gemäß dem oben genannten Spruch und Titel und sehr fränkisch erzogen hat, meinte: „Den Schbrrruch hob i bis vor kurrrzem fei goa ned g’kennd!“ Ich gab zurück: „Obba fei gonsegwend umg’sedsd.“ (Denn nach einem Tag in Bamberg oder Bamberch, wie es dort heißt, falle ich „audomadisch“ auch ins Fränkische, noch dazu, da meine Mutter das dort „schbrrrichd“.) Und dann lachten wir schallend, was aber auch am Wein gelegen haben kann. 😉

Wenn ihr mal ein sehr persönliches Gespräch mit jemandem führen möchtet, empfehle ich euch dazu: „Randersackerer Ewig Leben“ vom Weingut „Schmitts Kinder“. Wunderbarer Weißwein, sehr wohlschmeckend, und er löst binnen kurzem die Zunge, und ihr tut euch viel leichter, Persönliches zu äußern. Mein Tipp nur: Bestellt eine große Flasche Wasser dazu, und kurz bevor die leer ist, bestellt eine nach, denn ansonsten graut es euch vor dem Gefühl, tatsächlich ewig zu leben, da ihr unter dem Genuss des puren Weißweins ohne Wasser gegebenenfalls Aussetzer erleiden könntet, unter denen ihr ewig leiden könntet. 😉 Man sagt zwar: „Frankenwein ist Krankenwein“, weil die meisten Frankenweine früher staubtrocken waren und angeblich den Magen nicht so belasteten, aber dafür hat der Gemeine Silvaner dieser Art eine Wirkung auf den Kopf, die nicht zu vernachlässigen ist. 😉 Immer Wasser dazu bestellen und das, bitte, nicht mit dem Wein mischen, also keine Schorle daraus machen. Parallel zum puren Wein pures Wasser trinken. So geht es am besten. 🙂

Vertraut mir. Ich weiß genau, wovon ich spreche. 😉

„Nur Fliegen ist schöner!“ Stimmt auch – wenn man endlich an Bord ist … ;-)

Karfreitag bin ich gegen Mitternacht ins Bett gegangen. Wenn ich es recht überlege, war es eigentlich schon nach Mitternacht. Fast gegen 1 Uhr nachts. Ich hatte noch so viel zu tun gehabt, denn am Samstag bin ich ja in meine zweite Heimat gereist. Morgens um 08:50 Uhr sollte mein Flieger in Düsseldorf starten. Tat er auch. Sogar mit mir an Bord, aber ich hätte es fast vergeigt. Unter anderem deswegen, weil ich erst so spät ins Bett gegangen war. 😉

Gegen 04:30 h schleppte ich mich aus dem Bett und ins Bad – ich hatte mich mal wieder zu sehr auf die, wie ich immer glaube, eigens für mich erfundene Snooze-Funktion meines Handys verlassen, war aber zum Glück immerhin eine halbe Stunde nach dem eingestellten Weckzeitpunkt zu mir gekommen und dann mehr oder minder schwungvoll aus dem Bett geschlurft. Ab ins Bad, duschen, Kontaktlinsen einsetzen, Haare föhnen und in Form bringen, Make-up. Restliche benötigte Dinge in den Trolley werfen, denselben schließen. Fenster zu, Heizung aus, und ab ging es. Draußen Scotty noch einmal getätschelt. (Nein, nicht wirklich, aber zumindest habe ich ihm einen liebevollen Abschiedsblick zugeworfen, als ich mit meinem Trolley davonbretterte, denn die Zeit war knapp, und der SEV-Bus war sicherlich pünktlich.)

Mit dem RE3 nach Düsseldorf zum Flughafen gefahren, bekam ich sogar sofort Anschluss mit dem „SkyTrain“, der den Flughafen-Bahnhof mit diversen Parkhäusern und den Terminals A, B und C verbindet. Schwungvoll stieg ich aus und begab mich mindestens ebenso schwungvoll ins Terminal B, wo sich die Check-in-Schalter der Airline befinden, mit der ich bis dato – künftig nur noch im Notfall – geflogen bin. Aber was war das? Menschenmassen mäanderten vor den Schaltern! Und das Ende der Schlange reichte fast bis auf die Straße des den Schaltern nächstgelegenen Ausgangs! Was für Idioten fliegen eigentlich über Ostern? Ooops! Ich wollte ja selber über Ostern… aber lassen wir das! 😉

Was ist eigentlich nervender? Menschen, die das Verteilersystem – denn inzwischen mühten sich „airberlin“-Mitarbeiterinnen, die Passagiere in spe, die ganz vorne standen, möglichst ökonomisch den Schaltern zuzuweisen – nicht begreifen, oder Menschen, die sich darüber beklagen, dass alle anderen doof seien und das Verteilersystem nicht begreifen, während sie selber, die es viiiel besser könnten, noch ganz hinten stehen? Ich bin mir nicht sicher. Mir ging die zweite Gruppe allerdings dann doch mehr auf die Schleppe, da ich direkt vor solchen Leuten stand. Fast glaubte ich, Kollegin Brigitte stünde hinter mir, aber ganz so schlimm war es dann doch nicht … 😉

Endlich hatte ich meine Bordkarte, und dann musste ich erst einmal raus, eine rauchen gegen den ganzen Stress. 😉 Doch recht schnell begab ich mich zum Security Check, denn man weiß ja nie, wie lange das dort dauert, nicht wahr? 😉

Seit einiger Zeit gibt es in Düsseldorf Bodyscanner, und mit den recht rigiden Handgepäck-Verordnungen beim Fliegen bin ich vertraut. Als ich – ich dachte, ich träumte! – von einem freundlichen (!) Mitarbeiter von „Krämer Security“ begrüßt wurde, nachdem ich meine Habseligkeiten in eine der Kunststoffboxen gepackt hatte, die durch die Durchleuchtungsanlage geschickt werden, war ich erst einmal baff! Ein freundlicher Security-Bediensteter in Düsseldorf! Sensation! Ich bin schon so oft dort abgeflogen, aber er war der allererste freundliche Security-Mitarbeiter. Wahrscheinlich war er neu und kannte die Gepflogenheiten seines Arbeitgebers noch nicht … 😉 Freundlich winkte er mich in den Scanner, und freundlich stellte ich meine in schwarzen Stiefeletten steckenden Füße auf die beiden mit gelben Sohlenabdrücken gekennzeichneten Markierungen in dem Scanner, hob dann auch meine Arme, wie dort durch Piktogramme angezeigt. Und schon wurde ich gescannt. Der Bedienstete hinter dem Scanner sah mich an, als dealte ich mit Heroin und zusätzlich mit Waffen, und ebenso freundlich schickte er mich zu einer Kollegin: „Zur Kollegin, zack-zack!“ Und die Kollegin war noch schlimmer. Blondierter Bürstenschnitt, ein Gesicht, das derart missgestimmt und unfreundlich aussah, dass es nur eine Mutter lieben kann, herrschte sie mich an: „Los! Hierher!“ (Mir war bis dato nicht bewusst gewesen, dass ich ein Hund sei. Aber man lernt ja gern dazu.) Ich lächelte noch immer freundlich, sie wies mir in ihrem „cubicle“ einen Sitzplatz zu: „Hinsetzen!“ Und dann: „Schuhe ausziehen!“ Ich war, ehrlich gestanden, völlig perplex. Ich fliege zwar nicht dauernd, aber in regelmäßigen Abständen, doch so finster war ich noch nie behandelt worden. Gut, Brüssel ist gerade geschehen. Aber trotzdem! Ich bin eine kleine, blonde Frau über 40, die freundlich lächelte. Um mich herum viele Menschen, die erheblich weniger harmlos aussahen – aber die durften unbehelligt ihrer Wege gehen! 😉 Ich sagte mir: „Ali, es ist notwendig und gut, dass so streng kontrolliert wird … Aber wieso ausgerechnet du? Und überhaupt …“ – „Schuhe aus! Aber zackig!“ dröhnte es an mein Ohr, und da war ich dann doch ein bisschen angepisst. Was erwarteten die in den Schuhen? Handgranaten? 😉 Zornig zerrte ich die Reißverschlüsse meiner Stiefeletten auf, zog die Schuhe aus, und die militante Security-Trulla rannte damit zur Durchleuchtungsanlage. Irgendwann kehrte sie zurück, knallte mir die Schuhe vor die Füße und sagte kein Wort. Ich zog die Schuhe wieder an, stand auf und rauschte wortlos an der Krämer-Tante vorbei. Ich sah die Kunststoffbox mit meinen anderen Sachen: Mantel, Schal, Tasche, Bordkarte! Als ich ankam, stand eine andere Security-Dame daneben, in der Hand einen schleimig-klebrigen Teststreifen, mit dem sie über meine Tasche und den Mantel fuhr. „Iih!“ dachte ich, und sie meinte: „Wenn wir da auch nichts gefunden haben, können Sie in drei Sekunden gehen!“ Ja, was wollten die denn da finden? Schmauchspuren? Spuren von C4? Wofür hielten die mich? Ich bin ein braves Mädchen! Und man erklärte mir nichts – sowas mag ich nicht. Aber immerhin – surprise, surprise! – fand man auch nichts. Ich schnappte meine Sachen und raste zum Gate, denn durch die lange Wartezeit beim Check-in war ich inzwischen knapp in der Zeit.

Doch am Boarding-Schalter herrschte Konfusion, und schließlich mussten wir uns zu einem ganz anderen Gate begeben, denn der Treppenaufgang von Gate 26 war durch andere Fluggäste besetzt – was auch immer das bedeuten mochte. Ich wollte es lieber gar nicht so genau wissen. Mit Verspätung saßen schließlich alle, die es etwas anging, im Flieger nach Nürnberg, und der Flieger war zum Glück vergleichsweise unterbucht, so dass der Platz neben mir leer war. Hinter mir allerdings saß eine junge Mutter mit einem sehr süßen, kleinen Mädchen, etwa ein knappes Jahr alt. Das Baby war total nett, die Mutter nervend, da sie dauernd an dem fröhlichen, kleinen Ding herumbosselte und fragte: „Ist alles in Ordnung, Schatz? Geht es dir gut?“ Solche Fragen können – im Übermaße, so wie hier, gestellt – durchaus dazu führen, dass es einem irgendwann nicht mehr so gut geht, da man sich fragt, warum zum Teufel man das dauernd gefragt werde. 😉 Aber das Baby war noch zu klein dazu, winkte fröhlich mit einem Stück Papier und freute sich gar, als die Triebwerke angelassen wurden! 😉

Kurz darauf rasten wir mit dröhnenden Turboprop-Triebwerken über die Startbahn. Endlich ging es los. Aufatmen war angesagt. Zuvor hatte der Pilot noch den Co-Piloten und sich selbst vorgestellt. Der Erste Offizier, der Co-Pilot, hieß Michael, der Kapitän Sebastian mit Vornamen. Gutes Omen. Ich kenne ausschließlich Michaels und Sebastiane, die zuverlässig wirken. (Bei den Sebastianen gibt es eine Ausnahme: den älteren Sohn meiner Kollegin L., dem ich vor Jahren Nachhilfe in Englisch gegeben habe. Selten habe ich einen derartigen Unsympathen erlebt, und wiederholt fragte ich mich, ob das wirklich der Sohn meiner Kollegin sei, deren Mann auch nett ist. Ebenso der Bruder des Nachhilfeschülers. Nun ja, Ausnahmen bestätigen die Regel, aber seitdem habe ich eine Aversion gegen die Verniedlichung „Basti“, denn der Unsympath wurde – all seiner unsympathischen Art zum Trotz – von seiner Mutter „Basti“ genannt. „Arschi“ hätte besser gepasst, fand ich.)

Als wir so vor uns hinrasten, fiel mir ein, dass ich erst kürzlich einen Artikel über Piloten gelesen hatte, in dem stand, dass sehr viele Piloten aufgrund ihres stressigen Berufs depressiv seien, was man aber in dem Job tunlichst nicht verlautbaren lassen dürfe … O Gott! Nach all dem Stress, wie ich ihn bei einem Abflug noch nie erlebt hatte, wäre auch das jetzt kein Wunder … Und spontan war mir danach: „Kopp hoch, Michi und Sebi!“ gen Cockpit zu rufen. Und: „Alles wird gut! Seid nicht traurig, dass ihr bis dato nur so eine poplige Dash 8 fliegen dürft! Sicher bekommt ihr mittelfristig auch die Lizenz für größere Maschinen mit echten Turbofans statt Propellern!“ Ich konnte mich aber gerade noch bremsen – ich hatte keine Lust darauf, mit Kabelbindern an meinem Sitz fixiert und nach der Landung der Polizei übergeben zu werden … 😉

In Nürnberg gelandet (die Mutter hinter mir zerdrückte einige Tränen und jubelte ihrem Kind, das noch kein Wort sprechen konnte, zu: „Ich bin so stolz auf dich, Schatz! Freust du dich auch?“ Dreimal …), vom Flughafen aus über den Hauptbahnhof nach Bamberg gefahren. Dort bei „Fuchs“ das erste „Bambercher Hörnla“ gekauft und auf dem Weg zur Wohnung meiner Eltern gegessen.

Die Eltern freuten sich, und ich blieb erst einmal bis 14 Uhr, denn erst ab da konnte ich im Hotel einchecken. Da ich todmüde war, habe ich mich im Hotel erst einmal aufs Ohr gehauen und bin erst gegen 18 Uhr wieder zu mir gekommen. Schnell unter die Dusche und fertiggemacht, denn um 20 Uhr war ich mit meinen Eltern in der „Bischofsmühle“, einem Weinlokal, verabredet. Sehr netter Abend mit viel „Randersackerer Ewig Leben“, einem Frankenwein aus dem Weingut „Schmitts Kinder“. (Seid grundsätzlich vorsichtig mit Frankenwein – der knallt heftig, wenn ihr es nicht gewohnt seid … 😉 ) Mit uns am Tisch eine besorgte Mutter eines sehr netten kleinen Mädchens, das stillvergnügt in einem Malbuch malte. Der zugehörige Vater war Schwede und strahlte mich immer etwas verstohlen an. Ich wirkte wohl irgendwie fröhlicher als seine Frau, die sich nur um das gemeinsame Kind kümmerte, und das in einer Weise, die mich an die Flugzeugmama erinnerte. Wirklich liebevoll, aber enervierend. Sorry. Dem Vater ging das offenbar auch auf die Schleppe, da er kaum Beachtung fand. Und als ich mit meiner Mutter frotzelte, was wir oft tun, sah er immer ganz verstohlen herüber und lächelte. Nun, immerhin – das gab ein wenig Auftrieb. In meinem Alter wird man nicht mehr ganz so oft angestrahlt. 😉

Am nächsten Tag Essen mit meinem Onkel. Mit ihm war ich schon als Kind immer zum Angeln gegangen, und bis heute behauptet er, meine Anwesenheit sei ein Garant dafür, Karpfen zu fangen. Flußkarpfen seien nicht so einfach zu ergattern, aber jedes Mal, wenn er „des Alila“ dabeigehabt hätte, sei er mit mindestens einem Karpfen heimgekehrt. „Ali, du moggst halt Karrpfen, gell? Und die Karrpfen mögen dich aa!“ meinte er, und da bestellte ich mir gleich einen kleinen halben Karpfen blau. Wollte ich ja eh essen, aber so freute sich mein Onkel auch noch. 😉 (Der „kleine“ halbe Karpfen, traditionell mit Salzkartoffeln, selbstgemachtem Sahnemeerrettich und zerlassener Butter war übrigens ein Mordstrumm – ich habe ihn nur mit Mühe aufessen können.)

Zwischendurch war ich noch in der Stadt gewesen. Erfreulicherweise hat mein Lieblingsantiquariat eine Sonderkonzession für die Osterfeiertage, und so kam ich doch zu meinen neuen Büchern. 😉

Heute dann Essen mit meinen Eltern. Schweinsbraten mit Kloß, Soß und Gemüs‘ war angesagt. „Gemüs‘“ heißt: „Wirsching“, hochdeutsch „Wirsing“, aber nicht so, wie hierzulande serviert, sondern püriert und so zubereitet, dass er einfach nur göttlich schmeckt, auch wenn es fies klingen mag: pürierter Wirsing! 😉 Ich bin von klein auf daran gewöhnt und liebe „Wirsching“ heiß und innig.

Nach dem Essen fuhren meine Eltern mich mitsamt schwerem Gepäck zum Bahnhof, und ich fuhr nach Nürnberg zum Flughafen. Dort stellte man fest, dass ich leider übersehen hatte, dass ich nur für den Hinflug die Mitnahme meines Trolleys bezahlt hatte. Ärgerlich, aber eigene Doofheit. Ich bezahlte mit Kreditkarte und wunderte mich noch, dass ich gar nichts unterschreiben musste …

Dann durch die Sicherheitskontrolle, und ich zog freiwillig meine Schuhe aus, noch bevor ich in den Scanner ging. Dennoch wurde ich erneut nach dem Scanner beiseite genommen und abgetastet, diesmal aber sehr freundlich, und das merkte ich auch – ich war ja in Franken und quasi „daheim“ – an: „Ssie ssan wenichstens frrreundlich, ned sso wie in Düsseldorf!“ frankophonierte ich mit der fränkischen Security-Dame. Die meinte nur: „Dees homma scho öfter k’hört, des die do in Düsseldorrf ned nett seien.“ Und zu ihrem Kollegen: „Thomas, hosst dees k’hört? Die Dame hadduns g’lobt! Ausdrrrügglich.“ Und sie strich mir freundlich über die Schulter und meinte: „Dees is fei sselden! Die meisten beschwer’n sich, wir sei’n zu forrrmaal. Und da kimmat Ssie – dees freut uns werrglich!“ Na, das war doch schön. 😉

Dann kaufte ich noch ein Parfum im Duty-free-Shop, aber damit war eh zu rechnen. Von Guerlain. Und dann ging ich eine rauchen. Nervend, ewig diese Aufrufe hinsichtlich Personen, die sich „schnellstmöglich“ am ihnen zugehörigen Schalter melden sollten. Und ich überlegte, wie man sich wohl fühlen würde, wenn da der eigene Name genannt würde.

Zehn Minuten später rannte ich mit hängender Zunge zum Gate A13. Warum? Nun, es hatte einen Aufruf gegeben: „Die Passagierin Frau Ali B., gebucht auf den Flug AB67…: Kommen Sie bitte umgehend zum Schalter an Gate 13! Die Passagierin Frau Ali B., gebucht auf den Flug …“ Scheiße! Was war jetzt wieder passiert? War etwas mit meinen Eltern? Herzinfarkt? Schlaganfall? Haus in Flammen? Da der Akku meines Smartphones leer war und ich in der Hektik versäumt hatte, das Ladekabel mitzunehmen, hätte alles sein können. Doch nein! Als ich eintraf, hielt man mir meinen Gepäck-Zusatzbeleg hin, den ich noch unterschreiben musste … Immerhin. Nichts wirklich Schlimmes.

Der Flug ging auch gut, wenn auch das einzige Kind, das auf diesen gebucht war, just hinter wem saß? Na, wohl klar, oder? 😉 Ich blickte geduldig darüber hinweg, dass es dauernd gegen meine Lehne trat und lauter kreischte, als Jerichos Trompeten je in der Lage wären, zu tönen. Ich gebe zu, anfangs hätte ich den etwa sechs- oder siebenjährigen Jungen eigenhändig erwürgen können. Aber im Landeanflug auf Düsseldorf wurde er ganz stumm. Warum? Nun, wir flogen in ein Szenario, das so schön war, dass es mir fast den Atem verschlug. Erstmalig hatte ich ein solch schönes Szenario auf einem anderen Flug erlebt: Als die Sonne aufging, auf meinem ersten Flug von den Vereinigten Staaten nach Brüssel. Der Flug war partiell grauenhaft gewesen, und wir waren in etwas geraten, das sich „clear air turbulence“ nennt und landläufig als „Luftloch“ bezeichnet wird. Nur fühlte es sich an, als stürze der Flieger im freien Fall, und es dauerte ewig. Um mich herum schrien, weinten und beteten Menschen. Und dann kam der Flieger doch wieder unter Kontrolle – wir hatten, so zumindest das Gefühl der Passagiere – knapp überlebt. 😉 Und als wir dann Stunden später den Sonnenaufgang miterlebten, hatte zumindest ich die Tränen in den Augen stehen. So etwas Schönes hatte ich zuvor nie gesehen, es war wirklich beeindruckend.

Das Erlebnis heute war ähnlich beeindruckend. Denn im Landeanflug gerieten wir in ein Gewitter. Vor uns verschiedene Wolkenschichten, die Wolken imposant, Riesenformationen, teils bizarr aussehend. Dahinter der Himmel, orangerot, als brenne er. Dazwischen wieder Wolken, aus denen es offenbar regnete. Es erinnerte mich irgendwie an ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Und dann die Blitze! So etwas habe ich aus nächster Nähe noch nie gesehen – ich saß atemlos auf meinem Platz 7F und starrte aus dem Fenster. Vertikale Blitze, horizontale Blitze, und das in einer Intensität und Helligkeit, die man vom Boden aus so nicht sieht. Meine Sitznachbarin meinte nur zu mir: „Das ist irre! Das ist total irre! Haben Sie so etwas schon mal gesehen?“ – „Nicht so, und nicht aus der Nähe. Das ist wirklich irre, und es wirkt so surreal.“ Gebannt starrten wir das Naturereignis an, und der Knabe auf dem Platz hinter mir schwieg erstmalig … 😉 Auch trat er nicht gegen meine Lehne. Welch Wohltat trotz der sehr, sehr heftigen Turbulenzen, in die wir gerieten. 😉 Aber ich mag ja Turbulenzen und sage immer: „Ohne Turbulenzen ist Fliegen langweilig – da kann ich ja gleich mit der Straßenbahn fahren.“

Gelandet sind wir dann ganz normal, mein Trolley war als drittes Gepäckstück auf dem Gepäckband, und so erreichte ich noch den Zug um 20:13 h, zumal der „SkyTrain“ gerade einfuhr, als ich mitsamt Gepäck gerade die Rolltreppe hochkam. Da konnte ich doch unmöglich noch ein Ticket dafür ziehen und musste schwarzfahren.

Verratet mich nicht! 😉 Ich hatte heute genug Stress. 😉 „Nur Fliegen ist schöner“ heißt es so oft. Das stimmt. Wenn man dann endlich in der Luft ist … 😉