Mein neuer Freund heißt Yannick

Seit heute habe ich einen neuen Freund. Schon vor einigen Tagen hatte ich mit ihm geliebäugelt und dann auch nicht lange gefackelt. Manche Dinge sind einfach unausweichlich. Und heute – nach einer weiteren Auffrisch-Fahrstunde, der letzten vor morgen, da ich mein eigenes Vehikel abhole (weiche Knie schon jetzt …) – habe ich ihn dann mit nach Hause genommen … 😉

Um 9 Uhr holte Jeannette mich von zu Hause ab. Und sie hatte noch eine weitere Fahrlehrerin dabei. Super! Ich liebe es, viel Publikum zu haben! Speziell beim Fahren … 😉 Aber Maria war sehr, sehr nett. Und dennoch verunsicherte sie mich ein wenig. Gleich zwei Augenpaare, die jede kleine Unsicherheit registrieren würden. Und je mehr Publikum, desto mehr Verunsicherung.

Prompt vergaß ich, das Lenkrad auf meine Größe und Armlänge einzustellen. Jeannette ist viel größer als ich, hat auch längere Arme. Gut, das ist jetzt keine allzu große Kunst, da ich wirklich im Vergleich relativ kurz geraten bin, wobei ich allerdings eher die Formulierung „klein und handlich“ bevorzuge. 😉 Alles andere hatte ich vorbildlich justiert. Das Lenkrad hatte ich wirklich glatt vergessen, aber es fiel mir sofort auf, als ich losfuhr. 😉 Aber ich konnte zunächst nicht halten – sehr ungünstige Straßenführung. Obwohl ich ja sagen muss, dass ich doch relativ lange Arme mein eigen nenne. Es kommt wohl vom Schleppen schwerer Einkaufstüten mangels Auto. 😉 Ich hoffte darauf, dass ich in keinen Auffahrunfall verwickelt werden würde, denn Jeannette hatte mehrfach nicht nur mir, sondern auch einigen Fahrschülern erklärt, dass bei einem falsch eingestellten Lenkrad in dem Falle gleich ganz viele Knochen brechen könnten. Keine schöne Aussicht.

Sie ließ mich ein Weilchen so fahren, dann meinte sie auf typische Jeannette-Art: „Ali, ist dir eigentlich schon etwas aufgefallen, wenn du ansonsten so gelassen dahinfährst? Etwas, das sonst anders war? Abgesehen von Maria.“ – „Ääh, ja … Ich habe vergessen, das Lenkrad einzustellen.“ – „Is‘ nich‘ bequem, ne?“ – „Nein. Aber ich bin überrascht, was für lange Arme ich habe,“, frotzelte ich. Jeannette und Maria lachten, aber Jeannette ließ mich doch gleich rechts heranfahren und meinte zu Maria: „Da sagt sie, sie habe lange Arme und beugt sich doch nach vorn. So lang sind deine Arme nicht, Ali. Also: ändern!“ Ich löste die Arretierung und zog das Lenkrad ganz heraus, bevor ich es wieder fixierte. Jeannette grinste, und ich durfte weiterfahren. Eindeutig angenehmer. Manchmal frage ich mich wirklich, wo ich meinen Kopf gelassen habe. 😉

Spurwechsel hin, Spurwechsel her – ich hatte den Eindruck, ich führe heute wie der erste Mensch. Und der fuhr sicherlich weniger hektisch als ich. Und besser, denn wenn ich hektisch bin, fahre ich nicht so gut, wie ich es eigentlich könnte. Ich hörte Jeannette immer nur sagen: „Spiegel, Ali, du hast drei Spiegel – nicht vergessen. Gewöhne dir an, ganz oft hineinzublicken, auch wenn es dir übertrieben erscheinen mag.“ Und dann grinste sie und meinte: „Und du siehst dich ja gar nicht selber darin, falls es das ist, was dich abschrecken sollte.“ Maria rief von hinten: „Also wirklich! Das ist ja wohl sowohl frech, als auch völlig ungerechtfertigt.“ Jeannette grinste. Ich grinste auch und meinte: „Ja, wirklich, Jeannette! Eine Frechheit! Jetzt bin ich echt sauer, und wenn ich sauer bin, fahre ich gleich erheblich souveräner.“ Jeannette lachte und meinte: „Daher auch meine Aussage, die natürlich nicht ernstgemeint war. Du fährst aber wirklich gleich viel selbstsicherer, wenn du dich über irgendetwas geärgert hast. Ganz unter dem Motto: ‚So! Dir zeige ich es jetzt mal!‘“ – „Gute Menschenkennerin. Und ich bin in Wirklichkeit gar nicht sauer.“ – „Weiß ich doch!“ Maria meinte von hinten: „Ihr beide seid irgendwie schräg.“ – „Ja, das ist doch nett!“ rief Jeannette und meinte gleich: „Ali macht in Linkskurven auch gerne groß, wenn sie dran denkt, nur, dass du Bescheid weißt!“ – „Ach, du warst das?“ rief Maria von hinten und lachte. – „Ja, ich war das,“, meinte ich, „und offenbar habe ich damit…“ – „… für ein inzwischen geflügeltes Wort gesorgt!“ meinte Jeannette lachend. Toll! Meine Aussprüche sind leider nicht so poetisch wie die anderer Menschen, gar Dichter. Ich tendiere immer ein wenig zum Prosaischen.

Ich schaffte es, in der Innenstadt dreimal im Kreis zu fahren, da ich mich dreimal falsch einordnete und jedes Mal erneut dieselbe öde Strecke fahren musste. Jeannette hatte aber auch nichts gesagt – sie hatte wohl darauf vertraut, dass ich selber … Nun ja … Beim letzten Mal ordnete ich mich gleich links ein, und endlich konnte es vernünftig weitergehen. Ich meinte zu Jeannette: „Wenn du mich irgendwann mit meinem Auto irgendwo verzweifelt und unfreiwillig kreisen sehen solltest: Hol mich bitte aus dem Teufelskreis heraus!“ Sie lachte und meinte: „Ist doch nicht schlimm! Du hast es ja dann richtig gemacht. Aber falls es soweit kommen sollte: Woran erkenne ich dich genau? Ich weiß zwar, welchen Wagen du gekauft hast, aber davon fahren ja noch mehr herum. Wie ist denn dein Kennzeichen?“ – „GE-AB […]“

Kaum hatte ich es ausgesprochen, lachte Jeannette auch schon los! „‘GE-AB‘ – das passt zu dir!“ – „Ja, klar, das sind meine Initialen!“ – „Nee, nicht nur deshalb! ‚Geh ab!‘ So klingt das, wenn man es ausliest – und das passt zu dir, denn du gehst ja beim Fahren auch immer ab, fährst gerne schneller. Sehr schön, Ali!“ Na, wunderbar! 😉

Zum Schluss sollte ich dann noch parallel zum Bordstein einparken. Mitten in der Innenstadt, wo heute offenbar die Leerung der Hausmülltonnen stattfinden sollte. Jedenfalls stand, die nicht allzu große Parklücke zusätzlich verengend, ein solches Objekt dicht am Bordstein. Aber wer wäre ich denn, wenn ich das nicht schaffen würde? 😉 Routiniert hielt ich neben dem Wagen, der vor der Parklücke stand, stellte den Wählhebel auf „R“, „reverse“, und schlug dann das Lenkrad um 360 Grad nach rechts ein. Dann nahm ich den Fuß vom Bremspedal, aber nur ganz sachte, und ebenso sachte ließ ich Walpurga zurückrollen, wobei ich mich umdrehte und aufmerksam in sehr schnellem Wechsel durchs rechte, hintere Seitenfenster und die Heckscheibe blickte. Dann, als alles passte und ich den Bordstein nur ganz leicht touchiert hatte (stand nicht auf meinem Plan), schlug ich nach links ein, dabei noch immer ganz, ganz sachte rollend, bis der Wagen sich gerade ausgerichtet hatte. Dann schnell Lenkrad auf Normalstellung, ein Stückchen vor, und dann noch ein winziges bisschen zurückgesetzt, bis ich wirklich ganz gerade in der Lücke stand. Die Mülltonne war von mir gänzlich unberührt geblieben.

Jeannette nickte anerkennend und meinte: „Wow! Bis auf die kleine, aber sachte Berührung des Bordsteins hast du das wirklich super gemacht.“ Ich verriet ihr nicht, dass das schon früher in der Fahrschule vor meiner Führerscheinprüfung meine absolute „Renommierdisziplin“ gewesen war. 😉

Dann stieg die Fahrschülerin ein, die in Nähe der Mülltonne gewartet hatte, und während der weiteren Fahrt stellte ich mit Bewunderung fest, dass sie stets ganz diszipliniert in sämtliche Spiegel blickte. Werde ich mir auch wieder ganz streng angewöhnen. 🙂

„Wohin sollen wir dich bringen, Ali?“ fragte Jeannette, und ich meinte: „Zur Borgswiese. Da wartet mein neuer Freund.“ – „Echt? Cool! Wo denn da genau?“ – „Packstation.“ – „An der Packstation?“ – „In der Packstation.“ – „In der Packstation?“ – „Ja.“

Jeannette staunte, bis ich ihr erklärte, mein neuer Freund sei ein Navi. Genauer: ein „TomTom Start 25M“. Ich bin da auch ganz ehrlich: Mein Orientierungssinn ist drastisch unterentwickelt. Da ist mir so ein Navi durchaus lieb.

Ich dachte, Jeannette würde lachen, aber sie meinte: „Gut so. Und ich rate dir zu Yannick.“ – „Yannick? Wie meinen?“ – „Naja, du kannst zwischen mehreren Stimmen wählen, die dir die Anweisungen geben. Bei mir sind es drei: Yannick, Lisa und Werner. Ich finde, Yannick klingt am angenehmsten und sympathischsten.“

Ich holte mein Paket ab und eilte damit nach Hause. Nach dem Auspacken, Anschließen an meinen Rechner und Initialisieren des Geräts probierte ich alle drei Stimmen aus. Und auch ich habe mich für Yannick entschieden. Lisa geht gar nicht. Klingt wie eine Streberin und Musterschülerin, und ich wette, wenn man einmal nicht ihren Anweisungen gefolgt ist, passiert das, was mir bei diversen Navis als Beifahrerin schon aufgefallen ist: Gerade weibliche Stimmen klingen bei Nichtachtung ihrer Anweisungen von Mal zu Mal unterschwellig genervter, wenn sie einem erklären: „Bei der nächsten Möglichkeit wenden und der B Soundsoviel folgen.“ Beim nächsten Mal klingt das Ganze schon erheblich gereizter, und folgt man dann zum dritten Mal mit Gründen der Anweisung nicht, klingt fast so etwas wie Aggression aus der Stimme heraus. Mich hätte als Beifahrerin jedenfalls in manchem Falle nicht gewundert, hätte die weibliche Navi-Stimme bei der dritten Fehlleistung gekreischt: „Verdammte Scheiße! Jetzt bieg gefälligst rechts ab, wenn ich es dir sage, Arschloch!“ Verzeihung. Ich weiß natürlich, dass das Unsinn und eine rein subjektive Wahrnehmung ist. Allerdings nicht nur meine – völlig unabhängig von mir merkten das auch schon andere Leute an. 😉

Lisa fiel also flach, und Werner wirkte auf mich wie eine Schnarchnase. Yannick hat das Rennen gemacht. 😉

Gerade probiere ich ihn aus. Er erklärt mir gerade die Route von GE nach AC. 😉 Wunderbar, wie er – für ganz besonders Begriffsstutzige – gleichbleibend freundlich ganz oft: „Nehmen Sie die Ausfahrt! Nehmen Sie die Ausfahrt!!!“ sagt. Oder: „Bleiben Sie links! Bleiben Sie links!!“ Ja, aber klar bleibe ich links. 😉 Gefällt mir. Fast kommt es mir vor, als kenne Yannick mich! 😉

Ich habe übrigens zwar nicht alle, aber recht viele Warntöne – Blitzer, Schulen – eingestellt. Besser ist das. 😉 Man bleibt auf alle Fälle wach. 😉

Und drückt mir bitte die Daumen – morgen muss ich mein Auto abholen …