Manches entpuppt sich unerwartet als Glück

Manchmal nimmt das Leben unerwartete Wendungen – Wendungen, die einem bisweilen wie der schlimmste Tiefschlag überhaupt vorkommen. Mein Tipp: Lasst euch darauf ein – oft bleibt einem eh nichts anderes übrig. Nicht aufgeben. Nicht hinschmeißen, auch wenn einem danach ist. Es hat zwar lange gedauert, bis ich das nicht nur begriffen, sondern auch umgesetzt habe, aber es ist wirklich ganz wichtig.

Das ist wie beim Reiten. Klar stürzt man bisweilen, aber man muss immer wieder aufsitzen. Sonst setzt man sich nie wieder auf ein Pferd. Das habe ich auch realisiert. Jahre, nachdem ich das Reiten aufgegeben hatte, weil ich einen ziemlich heftigen Sturz beim Springen erlebt hatte, in dessen Verlauf ich, die ich sonst eigentlich recht einsichtig bin, unter heftiger Gegenwehr meinerseits – ich stand wohl unter Schock – vom Reitlehrer zum Pferd gezerrt und in den Sattel gewuchtet werden musste. „Es ist zu deinem eigenen Besten, Ali – du steigst sonst nie wieder auf ein Pferd!“ Vollkommen klar. War es mir dann auch, nachdem ich mich danach über ein Jahrzehnt nicht mehr auf ein Pferd gesetzt hatte und erst im Urlaub einen neuen Versuch startete. Knoten geplatzt, aber trotzdem habe ich nicht wieder angefangen, regelmäßig zum Reiten zu gehen. Da bleibt etwas zurück. Aber immerhin hatte ich mich überwunden. Heiner, der Reitlehrer, hatte wohl doch Recht gehabt. 😉

Ähnlich erging es mir im Studium. Ich hatte eigentlich in moderner englischer Sprachwissenschaft meine Magisterarbeit schreiben wollen, hatte in allen Seminaren sehr gute Noten gehabt. Der Prof nannte mich „eine sehr gute Studentin“. Das war eine echte Auszeichnung, denn der Prof war total arrogant, und wenn er lobte, kam das einer Erhebung in den Adelsstand oder einer Heiligsprechung gleich. Und das mir, Ali mit dem Mut zur Lücke. Lücken-Ali machte aber einen Fehler: Sie engagierte sich hochschulpolitisch, und das fiel in eine hochschulpolitisch brisante Ära. Der Prof war nicht nur arrogant, sondern vertrat die Gegenseite. Schlau gemacht, Ali. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich Dozenten gebe, die nach dem Nasenfaktor vorgehen. Lebten wir denn nicht in einer Demokratie? So gutgläubig-naiv war ich damals.

Prof. Besser hatte mich wohl für eine eher konservative Studentin gehalten, was ihm als reaktionärem Menschen – als der er sich herausstellte – gefiel. Nun zeigte ich mich eher links, wenn auch liberal. Wie gesagt, wir hatten damals eine recht brisante Phase mit viel Öffentlichkeit, und da bekam ich schließlich die Quittung, als ich mit meinem Magisterarbeit-Konzept in seine Sprechstunde ging. Er war wie ausgewechselt, behandelte mich kalt und sagte, als ich in einem Punkt um einen Rat bat (Ratschläge hatte er bis dato immer bereitwillig gegeben), davon ausgehend, dass er mir sicherlich einen wertvollen Impuls geben werde: „Sehen Sie, Frau B., das kommt dabei heraus, wenn man sich hochschulpolitisch und fragwürdig engagiert. So etwas [!] wie Sie betreue ich nicht. Mir gefällt Ihre politische Einstellung nicht, ich gehe ohnehin bald nach Bonn und kann mir aussuchen, wen ich betreue.“ Und das, nachdem er mich immer als „sehr gute Studentin“ gelobt hatte – es war wie ein Schlag vor den Kopf, ein Schlag in den Magen. „Fragwürdig engagiert“! Ich engagierte mich nicht fragwürdig – es ging um eine durchaus vernünftige Sache … Aber es war klar, dass ich nun mein Konzept nehmen und gehen konnte bzw. musste. Ich nahm meine Sachen, sagte leise: „Einen schönen Tag noch.“ Prof. Besser würdigte mich keines Blickes mehr.

Ich taumelte förmlich aus seinem Büro und aus dem Anglistik-Institut – wie in Trance. Der einzige Gedanke, dessen ich fähig war, war: „Alles umsonst … Alles umsonst …“ Ich fühlte mich, als hätte man die Luft aus mir herausgelassen. Was macht man da? Am besten irgendetwas ganz Profanes, Alltägliches. Ich ging zur Post, um mein neues Telefonbuch abzuholen. Eine sehr gute Entscheidung, denn in der Post traf ich Sonja, eine Freundin, mit der ich zusammen Abi gemacht hatte und die das Gleiche studierte wie ich, nur noch nicht so weit gediehen war wie ich. Andererseits: Wie weit war ich denn? Bei mir war ja alles umsonst …

Sonja meinte: „Wie siehst du denn aus? Hast du ein Gespenst gesehen?“ – „So ähnlich …“ Und ich berichtete, was mir passiert sei. Sonja, die stets ein gewisses Rivalentum gepflegt hatte, war sicherlich nicht ganz so traurig über meinen K.O., aber sie erwies sich dennoch großmütig als gute Ratgeberin: „Das darfst du dir nicht gefallen lassen!“ – „Bei Prof. Besser bekomme ich keinen Fuß mehr auf die Erde!“ – „Den solltest du auch vergessen – so ein Blödmann! Geh zu Prof. Weinberg – der betreut dich sicher gern.“ – „Aber der macht historische Sprachwissenschaft,“, klagte ich, „und ich wollte doch …“ – „Geh zu ihm, sag, was dir passiert ist. Historische Sprachwissenschaft ist doch auch okay. Und du hast doch soviel moderne Sprachwissenschaft gemacht und kannst dich doch privat damit beschäftigen. Ich weiß, das ist dein Steckenpferd, aber der Prof. stellt sich doof an – den kannste vergessen! Du gehst jetzt nach Hause und machst gleich einen Termin bei Prof. Weinberg! Und morgen treffen wir uns und trinken einen Kaffee. Okay? Und Kopp hoch …“ – „… auch wenn der Hals dreckig is‘,“ komplettierte ich den Spruch.

Ein Glück – Sonja hatte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich ging nicht nach Hause, sondern schnurstracks zurück ins Institut, und dort ergatterte ich gleich für den nächsten Tag einen Termin bei Prof. Weinberg.

Der Termin war Balsam auf meine geschundene Seele! Ich schilderte, was mir mit Prof. Besser passiert sei, und Prof. Weinberg schnaubte empört und meinte: „Das ist eine Unverschämtheit! Frau B., ich kenne Sie ja schließlich auch, und ich habe Sie stets als sehr engagierte und ebenso gute Studentin erlebt. Eine Frechheit vom Kollegen! Aber ich sage Ihnen etwas: Der ist total abgehoben, seit er den Ruf nach Bonn bekommen hat. Seitdem behandelt er die Studenten mit einer gewissen Willkür – das ist hier im Institut schon bekannt. An Ihnen liegt es nicht. Auch nicht an Ihrer politischen Einstellung. Der hat einfach keine Lust mehr hier und hat in der letzten Zeit schon diverse Betreuungen abgesagt. Besser: hingeschmissen. Und ich sage Ihnen noch etwas – aber im Vertrauen: Keiner seiner Kollegen kann besonders gut mit ihm. Aber das bleibt bitte unter uns.“ Ich nickte. „Papa Weinberg“, wie wir den Prof immer nannten, weil er so väterlich war (bei schludrigen und desinteressierten Studis aber auch ganz anders konnte), hätte ich niemals verraten.

Und er meinte fast etwas verlegen: „Ich weiß, Sie hätten lieber in moderner Sprachwissenschaft Ihre Magisterarbeit geschrieben. Aber ich verspreche Ihnen, wir finden auch in meinem Bereich ein ganz besonders schönes und interessantes Thema für Sie. Lassen Sie uns doch gleich einmal überlegen … Sie haben bei mir Mittel- und Frühneuenglisch gemacht. Welche Ära interessiert Sie mehr?“ – „Frühneuenglisch wäre gar nicht schlecht.“ – „Dann schauen wir doch mal …“ meinte Prof. Weinberg mit seinem reizenden, leicht bairisch gefärbten Akzent, denn er kam aus Süddeutschland.

Als ich die Sprechstunde verließ, hatte ich ein wirklich schönes Thema. Und ich ging nicht nur mit dem Thema, sondern einem Buch aus Prof. Weinbergs Bestand, der Habilitationsschrift eines seiner ehemaligen Studenten. Vorne stand sogar eine sehr respektvolle persönliche Widmung drin, und Prof. Weinberg hatte es selber noch gar nicht gelesen, nur überflogen, aber er meinte: „Der Student war sehr, sehr gut – einer meiner besten. Das Buch wird Ihnen eine Hilfe sein.“ – „Aber Sie haben es doch selber noch gar nicht gelesen.“ – „Ich habe ja noch genug Zeit dazu, Frau B.“ – „Naja, da ist noch ein Problem, Herr Prof. Weinberg.“ – „Was denn, Frau B.?“ – „Naja, ich bin Raucherin. Und das Buch würde bei mir ratz-fatz nach Rauch riechen. Sie sind Nichtraucher.“ Prof. Weinberg lachte und meinte: „Wissen Sie, wir haben alle unsere kleinen Laster. Es stört mich überhaupt nicht, wenn das Buch nach Rauch riecht. Bitte nehmen Sie es – ich gebe es Ihnen gern. Und nun kommen Sie mal mit in die Bibliothek. Ich zeige Ihnen da noch ein paar Werke, die Ihnen auch dienlich sein könnten.“ – „Nein, das müssen Sie nicht! Die Bibliothek ist quasi mein zweites Wohnzimmer – ich finde mich schon zurecht.“ – „Vertrauen Sie mir, die Werke sind eher Geheimtipps.“ Nun gut.

Ich war überwältigt und gerührt. Da kommt eine kleine Studentin an, die ziemlich gedemütigt wurde, und da wird sie so gut und engagiert behandelt! Ich hätte vor Rührung fast geheult. Ich sagte ja, ich habe etwas dichter am Wasser gebaut als der Durchschnitt … 😉

Professor Weinberg war als Betreuer das Beste, was mir je hätte passieren können, und mein Thema begeisterte mich sehr. Mein Betreuer hatte immer ein offenes Ohr, wenn ich Rückfragen hatte, und so nahm das Ganze ein sehr gutes Ende. Dabei hatte ich ganz zuerst wirklich alles hinschmeißen wollen. Und dann so etwas – völlig unerwartet. Manchmal muss man zu mehr Offenheit offenbar gezwungen werden. 🙂

Nachdem die Magisterarbeit ein so gutes Ende genommen hatte, klappte auch das schriftliche Examen gut – drei Klausuren, eine vier, die anderen beiden drei Stunden lang. Im Hauptfach schrieb ich schließlich über das Thema: „Die Entwicklung der Langvokale vom Altenglischen bis zum modernen Englisch.“ Spannend, nicht wahr? 😉

Und meine mündliche Prüfung war sogar richtig schön! 🙂 Im Hauptfach dauerte sie eine, in den beiden Nebenfächern je eine halbe Stunde. Die meisten Studis machten ihre Prüfungen an unterschiedlichen Tagen, ich aber entschloss mich zu einer sogenannten „Kollegialprüfung“. Die dauerte insgesamt zwei Stunden und umfasste alle drei Prüfungsfächer in Folge. Anstrengend, aber ich kenne mich und dachte: „Lieber einmal aufregen als dreimal.“ Weiterer Nachteil: Man musste alle nur denkbaren Inhalte aller drei Magisterfächer an einem Termin abrufbar beherrschen. Aber es war eine richtig schöne Prüfung mit einer angenehmen und schönen Atmosphäre. Hätte ich vorher auch nicht gedacht. Und so ging alles gut aus. 🙂

Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, hätte ich bei Prof. Besser „magistriert“ … Denn ich erfuhr später, dass einige der von ihm Betreuten ziemlich frustrierende Erfahrungen hatten machen müssen. Zwei hatten für ihre Magisterarbeiten eine Fünf bekommen, weil deren Konzepte angeblich Mist gewesen seien, die Prof. Besser bis dahin immer als „gut und wohldurchdacht“ bezeichnet hatte. Der jeweilige Co-Prüfer hatte eine bessere Note gegeben, aber das riss das Ganze nicht mehr heraus, und die Kommilitonen mussten je eine ganz neue Arbeit schreiben. Inklusive Recherche und 6 Monaten für das Schreiben der Arbeit etwa ein Jahr für die Katz! Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle die Nerven dazu gehabt hätte.

Als ich im letzten August meine Tätigkeit an der Uni aufgeben musste, weil ich eine sonst noch kleinere Rente bekommen würde, war ich völlig aufgelöst, denn ich arbeitete sehr, sehr gern als Dozentin. Aber es war freiberuflich, und da zahlt man ja nirgendwo vorsorgetechnisch ein. Ich war ganz fertig und einmal mehr am Boden zerstört, aber in den letzten Tagen habe ich mir gedacht: „Hmm, vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht.“ Warum? Nicht wegen der Uni, an der ich gearbeitet habe, mit netten Kolleginnen und Kollegen und einer sehr, sehr netten Chefin. Aber wenn ich sehe, was für Abiturienten man da teilweise als Klientel bekommt … 😉 Die meisten sind okay gewesen, teils sehr, sehr nett. Aber es gibt auch unglaubliche Knallchargen, und manchmal hatte ich den Eindruck, die nähmen allmählich überhand. Und nachdem ich in „Deutschlands größter Regionalzeitung“, der Zeitung mit drei Buchstaben, in den letzten Tagen immer wieder über einen „Abikrieg“ in Köln, „Mottowochen“ anlässlich des bevorstehenden Abis, in dem immer mehr Einser-Absolventen produziert werden, die dann aber erschreckende Bildungslücken aufweisen, war ich doch irgendwie ein bisschen erleichtert, mich mit solchen „Koryphäen“ nicht mehr herumschlagen zu müssen, die sich noch vor dem eigentlichen Abi wie die Könige fühlen, sich gegenseitig im Zuge rivalisierender Schulen die Köppe einschlagen, jegliches Maß und Ziel verloren oder nie besessen haben und sich wie die letzten Asis aufführen. Nein, danke. Und ich muss auch nicht immer mit der Deutschen Bahn AG fahren – ein weiterer Vorteil. 😉

Mein Professor Weinberg ist übrigens immer mein Vorbild in meiner Dozententätigkeit gewesen. Stets hilfsbereit, wenn die Studis engagiert waren, freundlich, aber auch energisch. Vor allem bei denen, die sich aufführten wie die Könige. 😉

Als ich vor knapp drei Jahren las, dass Prof. Weinberg gestorben sei, liefen mir tatsächlich ein paar Tränen übers Gesicht. Ein sehr guter Lehrmeister war er gewesen. Und als ich das nächste Mal in Aachen war, bin ich in ein Blumengeschäft gegangen, habe ein kleines Blumengesteck binden lassen und bin zu seinem Grab gegangen – mir war danach, mich noch posthum zu bedanken. 🙂

Wenn euch mal ein Tiefschlag passiert: Denkt an meine Worte. „Never give up! Never surrender!“ 😉

Professor Weinberg hat sein Buch damals übrigens in tadellosem Zustand und nicht nach Rauch riechend zurückbekommen. 🙂 Ich hatte es durchaus benutzt, aber sehr, sehr behutsam, und nach Benutzung hatte ich es immer wieder in eine saubere Plastikfolie gewickelt, in eine saubere Plastiktüte gesteckt und das ganze Paket in meiner Küche in den Küchenschrank aus Naturholz gepackt. Ich kochte damals noch nicht, rauchte auch nur im Wohnzimmer, und im Küchenschrank war es gut geschützt. Ich gebe zu, es klingt etwas schräg, aber ich wollte auf keinen Fall, dass diesem Buch etwas passierte. Und als ich es dann zurückgab, erinnerte sich Prof. Weinberg an meine Worte und schnupperte an dem Buch. Dann lachte er und fragte: „Haben Sie sich das Rauchen abgewöhnt, Frau B.?“ – „Nein.“ – „Das Buch riecht sehr angenehm nach Holz.“ Ich erklärte ihm dann, wie es dazu käme, und da lachte er und meinte: „Sehen Sie, eines der Dinge, die ich so an Ihnen schätze. Sie haben Respekt, obwohl es mich wirklich nicht gestört hätte, wenn das Buch nach Rauch gerochen hätte.“ – „Mich aber. Das ist Ihr Buch, nicht meines. Und Sie hatten es ja noch nicht einmal gelesen.“ Da kniff er mir ein Auge zu und meinte zu meiner Verblüffung: „Das ist der Unterschied zwischen Nutella und ‚irgendeiner Nuss-Nougatcreme‘.“ Und er grinste spitzbübisch und zwinkerte mir erneut zu. Ich gestehe, ich brauchte einige Sekunden, zu verstehen, was er meinte. Dann musste ich auch lachen und bedankte mich. Solche Dozenten braucht man, mit Herz und einem gesunden Menschenverstand. 🙂

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