Manche Dinge ändern sich nie: Ali nachdenklich

Als Kind glaubte ich immer, alles werde schlagartig besser, wenn ich groß wäre. Ich denke, ich bin da nicht die Einzige, die diesem – wie sich herausstellte – Irrtum aufgesessen ist. 😉 Das Einzige, was sich ändert, sind die Relationen. Und auch die nicht immer drastisch.

Als ich meinen von mir sehr geliebten, kleinen Hausgenossen Muffin, mein – ich gebe es zu, leider nicht artgerecht gehaltenes, weshalb mir auch keine Kleintiere mehr ins Haus kommen – schwarz-weißes Zwergkaninchen, eines sonnigen Morgens Anfang März 2013 einschläfern lassen musste, da er unter Altersschwäche litt, am Abend zuvor obendrein noch eine Art Anfall erlitten hatte und ab da weder fressen, noch trinken wollte, war ich am Boden zerstört. Der kleine Muffin war ein lieber, kleiner Kerl, der hinter mir her hoppelte, wie ein Hündchen hinter einem her läuft, mich sogar gegen meinen Ex-Freund „verteidigte“, den er nicht mochte, da er ihn als Konkurrenz sah und ihm mehrfach mit Schmackes in den großen Zeh biss – sehr erheiternd, der winzige, kleine Kerl gegen meinen 1,93 m langen Ex (passte schon von daher nicht zu mir … 😉 ), der jedes Mal schmerzgepeinigt schrie, wenn Muffin ihm mit Verachtung in der Miene und Nachdruck die vier kleinen Nagezähne in den Zeh rammte (das tut wirklich richtig weh!) und danach triumphierend mit frecher Miene vor ihm saß, als wollte er sagen: „Na? Noch Fragen, Meister?“ Und da Kaninchen nicht halb so „schlicht“ sind, wie nicht wenige Menschen glauben, habe ich dann immer ein wenig geschimpft. Je länger die Beziehung dauerte, desto „halbherziger“, ich gebe es zu. 😉 Muffin sah mich dann immer mit großen Augen an und tat, als hörte er mir zu. Kaum setzte ich mich dann auf die Couch neben meinen Ex, sprang er auf meinen Schoß, wo er sich ausbreitete, den Ex dabei nicht aus den Augen – das linke blau, das rechte braun – lassend. Ein wirklich nettes Tier. 🙂

Nun aber war er sehr alt geworden, über 10 Jahre hatte er mich begleitet, denn ich hatte ihn als winziges Häschen bekommen, und jetzt das. Ich wollte es kaum wahrhaben. Abends saß ich, noch immer in der Hoffnung, der Zustand werde sich wieder bessern, auf der Couch, hielt den kleinen Kerl wie ein Baby auf dem Arm, und Tränen tropften in sein Fell. Da raffte sich das Kerlchen noch einmal auf, nahm alle Kraft zusammen, die er noch hatte, richtete sich etwas auf und leckte mir über die Hand. Das tat er immer, wenn er merkte, dass ich nervös oder traurig war. Die Folge hier: eine wahre Tränenflut, die über den kleinen Fratz hereinbrach und ihn zu allem anderen auch noch durchnässte. Ich gebe zu, ich habe nachts so gut wie gar nicht geschlafen, bin nicht einmal ins Bett gegangen, sondern habe mich auf die Couch gelegt, um in seiner Nähe zu sein.

Am anderen Morgen genügte ein Blick auf Muffin: Es war nicht besser, keineswegs. Da war dann alles klar. Spätabends zuvor hatte ich Kollegin Lydia bereits eine Mail geschickt und mitgeteilt, es könne sein, dass ich später zur Arbeit kommen werde – möglicherweise müsse ich noch zum Tierarzt. Und so kam es dann auch. Ich machte mich schnell fertig, rief Lydia sicherheitshalber an, die ihr Mitgefühl äußerte und mich etwas zu trösten versuchte. Sie wisse, wie das sei, sagte sie. Ihr Kaninchen, Happy, das beim selben Tierarzt wie meines Patient gewesen war, war im unglaublichen Alter von knapp 13 Jahren gestorben, und das hatte Lydia damals ebenfalls unter Tränen erzählt.

Dann packte ich Muffin zum letzten Mal in seine Transportbox. Es war furchtbar! Er hatte sich immer problemlos hineinsetzen lassen, wenn auch nicht gern, weil er wusste, was das bedeutete. Aber an jenem Tag aktivierte er auch noch die allerletzten Kräfte, schlug mit den Hinterläufen nach mir, wehrte sich wie ein Wahnsinniger. „Mach es mir doch nicht noch schwerer,“, weinte ich – es war schrecklich. Und dann verließ ich das Haus mit der Transportbox. Zum Glück kam die Straßenbahn sehr schnell.

Und zum Glück kam ich auch relativ schnell dran. Der Tierarzt, der Muffin seit Jahren kannte, öffnete die Transportbox, warf nur einen Blick hinein und meinte: „Es tut mir leid, Frau B., aber da kann ich nichts mehr machen.“ – „Ich weiß,“, stammelte ich, und der Tierarzt tat, was zu tun war. Er hatte gefragt, ob ich hinausgehen wolle, aber ich sagte: „Auf gar keinen Fall. Ich habe mir immer geschworen, wenn ich ein Tier hatte, dass ich nach Möglichkeit bis zum Ende dabeibleibe. Das bin ich dem Tier schuldig. Und er ist ein besonders treuer, kleiner Geselle – den kann und will ich doch erst recht nicht im Stich lassen. Da könnte ich mich selber doch im Spiegel nicht mehr ansehen.“ Der Tierarzt meinte: „Ich wünschte, mehr Menschen hätten Ihre Einstellung.“ Dann gab er dem kleinen Kerl die finale Spritze, ein Narkotikum in Überdosierung, und legte ihn ganz behutsam in die Transportbox zurück. „Streicheln Sie ihn, damit er merkt, dass er nicht alleine ist,“, meinte der Veterinär, aber das musste er mir gar nicht sagen. Ich stand da mit Tränen in den Augen und streichelte hilflos an dem kleinen Kerl herum, der da so still lag, die Augen starr gen Decke gerichtet. Als der Tierarzt ihn dann zum zweiten Mal mit dem Stethoskop abhorchte, sagte er: „So, Frau B., er hat es geschafft. Das Herz schlägt nicht mehr. Ich weiß, das kann Sie jetzt nicht trösten, aber mit der Zeit vielleicht: Er war das zweitälteste unter den vielen Zwergkaninchen, die ich in meiner 25-jährigen Tätigkeit als Patienten hatte [das älteste war Lydias Happy gewesen], und das will viel heißen. Er wäre nicht so alt geworden, hätte er sich bei Ihnen nicht wohlgefühlt. Vielleicht hilft Ihnen das ein bisschen – er hing offenbar sehr an Ihnen. Und ihn einschläfern zu lassen, war ein letzter Akt der Freundschaft – so sollten Sie das sehen, denn er muss sich nicht mehr quälen.“ – „Danke,“, sagte ich mit erstickter Stimme. Dann wurde Muffin weggebracht, ich nahm die Transportbox und bezahlte die Gebühr. Auf der Straße klingelte mein Handy. Meine Mutter war dran. Sie wusste, wohin ich vor der Arbeit gemusst hatte, und sie wollte gern wissen, wie es ausgegangen sei. Sie ist sehr tierlieb, hatte den kleinen Muffin öfter in Pflege gehabt und mochte ihn auch. Ich erklärte ihr, er lebe nicht mehr, brach in Tränen aus und schluchzte, während meine Mutter auch mit ziemlich belegter Stimme meinte: „Es geht ihm jetzt besser, Ali.“ – „Ja, ich weiß, er muss nicht mehr leiden.“ (Meine Mutter erzählte mir hinterher, mein Vater habe bei der Nachricht, der kleine Kerl, den meine ganze Familie mochte, sei tot, den Raum verlassen und sei erst einige Zeit später mit leicht geröteten Augen wieder zurückgekommen.) Ich war froh, dass niemand zu mir sagte: „Ach, ist doch nur ein Kaninchen gewesen!“ Der hätte sich auch etwas anhören können.

Lange Vorgeschichte. Bei solchen Dingen hatte ich als Kind immer geglaubt, es werde leichter mit den Jahren. Aber nichts da – es war genauso schlimm wie damals, als ich ein Kind gewesen war und ein Tier von mir starb. Dauernd musste ich weinen, nachts kam ich kaum in den Schlaf. Es wird nicht leichter.

Kummer ist nie „leichter“ zu ertragen. Der Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem ist nur, dass man als Erwachsener manche Dinge vielleicht etwas rationaler sieht. Das Gefühl ist aber dasselbe. Ganz schlimm: Liebeskummer. Der wird ganz gewiss mit den Jahren nicht leichter, eher schlimmer – schon so oft mitgemacht …

Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass ich in der letzten Zeit recht viele Abschiede mitmachen musste, die mir ohnehin furchtbar schwerfallen, ebenso, dass sich – anders, als gehofft – beruflich bis dato auch keine befriedigende Perspektive bietet, dass ich derzeit ein wenig nachdenklich-melancholisch bin. Ich hoffe, das gibt sich mit der Zeit wieder. 🙂 Vielleicht sollte ich in der nächsten Zeit ganz viel mit meinem neuen Auto fahren, denn Autofahren lenkt mich allein schon der Adrenalinschübe wegen, die ich bisweilen dabei „erleide“, ab. 😉 Und ich werde sicherlich in der nächsten Zeit – wie auch in der letzten – hier einiges posten. Ja, ich weiß, Drohungen sind nicht nett, aber ihr müsst es ja nicht lesen. 😉

Übrigens – es ändern sich auch ganz andere Dinge nie … Ich habe mir gerade ein Navi bestellt, denn auch an meinem mangelnden Orientierungssinn hat sich in all den Jahren rein gar nichts geändert. Und da ist so ein Navi sicherlich die beste Lösung. Schön wäre es, wenn es für andere Dinge auch eine so einfache Lösung gäbe. 😉

In diesem Sinne: Gehabt euch wohl – und habt wenig Kummer! 🙂

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