Kein typischer Urlaubs-Freitag – aber schön

Gestern Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Ich wurde von diversen Alpträumen heimgesucht. In einem war ich Beifahrerin in einem Auto, in dem der Fahrer auf der Autobahn plötzlich und ohne rational erkennbare Umstände in tiefe Bewusstlosigkeit fiel und ich vom Beifahrersitz aus den Karren zwar nicht im wörtlichen Sinne aus dem Dreck ziehen, aber von der Überholspur letzten Endes auf den Standstreifen bringen musste. Im Traum dachte ich sogar an die Warnblinkanlage … Derlei Träume kannte ich schon, hatte diese aber zuletzt gehabt, als ich etwa sieben oder acht Jahre alt gewesen war. Sie fielen in die Zeit, in der Kathi verunglückt war, meine Spielfreundin, die einen letztendlich tödlichen Autounfall gehabt hatte. Meine Träume gingen aber immer gut aus, und doch war die Stimmung im Traum echt bedrohlich. Dieser hier auch, aber in der Nacht vor einer Stunde „Driving class for refreshers“ ist das nicht so angenehm und wirkt zutiefst symbolträchtig.

Um 11:15 h wollte Jeannette mich abholen, und das von zu Hause aus. Da meine Nachbarn ziemlich neugierig sind, was ich per se nicht so mag, pries ich den Umstand, dass bei mir vor dem Haus die Parkplätze parallel zum Bürgersteig zum Glück ja dauernd besetzt sind – wer dringend einen braucht, findet dort nur selten einen Parkplatz.

Als ich gegen 11:10 h aus dem Fenster blickte, waren sämtliche Parkplätze frei … Natürlich. Und unser selbsternannter Hausvorsteher, dem ich neulich noch erzählt hatte, ich würde mir ein Auto anschaffen, und, ja, selbstverständlich hätte ich einen Führerschein, war – obwohl er tagsüber oft unterwegs ist – natürlich noch zu Hause. 😉 Was würde er nun denken, wenn ich von einem Fahrschulwagen abgeholt werden würde? Wahrscheinlich, dass mir der Führerschein irgendwelcher Delikte wegen entzogen wurde und ich nun strafhalber eine Nachschulung machen müsse. Dass es dazu unter anderem meiner Fahrunwilligkeit wegen gar nicht hatte kommen können, weiß er ja nicht. 😉

Zum Glück fühlte ich mich nach der stressigen Nacht so in der Wurst, dass ich schließlich selber auf die Idee kam, dass es schnurzpiepegal sei, was der Nachbar sich so denke. 😉 Ein Vorteil. Nur: Wie würde ich vor dem Hintergrund der Übernächtigung fahren?

Um 11:14 h stand ich auf der Straße, nicht direkt vor meinem Haus, ich gebe es zu. Man weiß nie, was passiert, und der Teufel ist ein Eichhörnchen. Lieber vor der Hausnummer 14 starten statt vor der 16. Da kam Jeannette auch schon, hielt vor mir, und das bewundernswert parallel und dicht zum Bordstein. Als sie ausstieg, fiel mir erstmalig auf, wie viel größer sie als ich ist. Mein erster Gedanke: „Scheiße, alles neu einstellen, Sitz, Lenkrad, Spiegel sowieso …“ Erschreckend, wie ich mit der Materie „Fahrschulwagen“ schon verwachsen bin. 😉

Dann ging alles sehr schnell, auch das Justieren der genannten Objekte. Erstaunlich, wie viele Leute auf einmal die Straße entlanggingen. Einige drehten sich nach dem Wagen um, da das Corporate Design auffällt neben all den mattblau-metallic-lackierten Karossen, erstaunlich oft Opel und Ford. Ein Vater, der – wie die meisten Männer – den Kinderwagen mit seinem Sprössling nicht frontal, sondern mehr von der Seite schob, als handelte es sich bei dem Gefährt um einen Beiwagen – ist Männern das eigentlich peinlich, einen Kinderwagen zu schieben? -, glotzte besonders auffallend, und am liebsten hätte ich das Seitenfenster hinuntergelassen und hinausgerufen: „Hey, nicht glotzen! Schieb dein Kind lieber so, wie es sich gehört, um Unfälle zu vermeiden!“ Was mich daran hinderte, war unter anderem, dass ich auf die Schnelle den Knopf für die elektrischen Fensterheber nicht fand … 😉

Erheblich schneller als sonst ging es los. Und es war die netteste Übungsstunde, die ich je hatte, denn kaum war ich aus „meiner“ Straße hinaus und auf die Oststraße abgebogen, schrie Jeannette, die schon zuvor hektisch nach irgendetwas gesucht hatte: „Scheiße! Ich finde meinen Terminkalender nicht!“ – „Was jetzt?“ schrie ich zurück. „Wir nehmen die nächste rechts!“ – „Ach, die Frankampstraße! Da habe ich als kleines Kind gewohnt.“ Und schon fuhren wir die Straße entlang, ich passierte einen Kreisverkehr – ich liebe Kreisverkehre! – und erreichten schließlich die Parallelstraße, wo Jeannette wohnt. Ich musste brav einparken, sie rannte los und in ihre Wohnung, den Terminkalender zu suchen, nachdem wir beide den gesamten Wagen gefilzt hatten. Unverrichteter Dinge kehrte sie zurück und meinte: „Scheiße, Ali – ich weiß nicht, wohin wir fahren müssen! Steht alles in meinem Kalender!“ Mir lag die Frage auf der Zunge, warum sie nicht ihr Smartphone als Kalender benutze, aber ich schluckte sie schnell herunter – ich nutze mein Smartphone auch nicht so, ich gebe es zu. Da bin ich altmodisch. Erneut filzten wir den gesamten Wagen. Dann rannte sie noch einmal in die Wohnung. Ich fand das sehr sympathisch und liebenswert – ich freue mich immer, wenn es anderen ähnlich geht wie mir und ich quasi auf „Seelenverwandte“ treffe, Leute, die irgendwie immer in Eile sind.

Als Jeannette zurückkam, hielt sie einen in Leder gebundenen Papier-Terminkalender in Schwarz in der Hand. Und wirkte gleich viel entspannter. Erstaunlich für mich: Ich war total entspannt, seitdem Unsicherheit des Kalenders wegen geherrscht hatte. 😉 Jeannette rief: „Du glaubst nicht, wo ich den Kalender gefunden habe!“ – „Wo?“ – „Unter der Bettdecke, am Fußende!“ – „Glaube ich sofort. Ich finde manchmal Dinge an den unmöglichsten Stellen wieder. Ich habe mal mein schnurloses Telefon im Kühlschrank wiedergefunden. Und einmal habe ich meine Brille gesucht.“ – „Und du hattest sie in den Haaren, also hochgeschoben.“ – „Nee. Schlimmer. Ich trug sie auf der Nase. Also keine Sorge – wenn jemand das versteht, dann ich.“

Jeannette rief die Fahrschülerin an, die um 12 h ihre Fahrstunde beginnen sollte – inzwischen war es nach 11:30 h, und wir standen noch in unser beider Heimatstadtteil. Nach Schrotthausen sollte es gehen, und ich muss gestehen, dass ich diesen Stadtteil bewusst noch nie besucht habe, obwohl meine Ursprünge in dieser Stadt hier liegen. Als wir beide brav angeschnallt wieder im Auto saßen, ließ ich den Motor an und blinkte links. Ich musste warten, da ein Mercedes sich relativ langsam die Straße entlang zu quälen schien. Da ich bekanntermaßen nicht die Geduldigste, vielmehr die Erfinderin des Gemeinen Fluchens bin, lag mir bereits etwas auf der Zunge, aber es war wohl Intuition, die mich das Ganze hinunterschlucken ließ, denn Jeannette rief, nachdem der Wagen an uns vorbei war: „Ach! Das ist mein Opa!“ Huch! Wie gut, dass ich die Klappe gehalten hatte … 😉

Dann ging es gen Schrotthausen, ich nahm mehrfach eigenständig in einer zweispurigen 70 km/h-Zone Spurwechsel vor, so dass Jeannette rief: „Du bist mir ja eine komplett widersprüchliche Person! Erzählst mir, stadtinterne Spurwechsel bei relativ hoher Geschwindigkeit seien für dich das Grauen, und dann machst du das mal einfach eben so, wenn ich das gar nicht angeordnet habe, dir das aber sinnvoll erscheint, und das zu Recht! Vergiss nur nie den Schulterblick! Ansonsten aber: Chapeau, Ali!“ Ich freute mich.

So sehr, dass ich in Schrotthausen in einer „Tempo-10-Zone“ knapp 30 km/h fuhr … Zum Glück wies Jeannette mich rasch darauf hin und meinte dann: „Gleich wird es anstrengend.“ – „Wieso?“ – „Nun, die Fahrschülerin, die wir abholen, ist eine Nette, aber sie ist auch etwas langsam. Ich habe Mühe damit, für dich wird es unerträglich werden, weil du ja immer ziemlich schnell bist, und das nicht nur im Fahren.“ Ich freute mich noch mehr. So viele nette Komplimente an einem Tag – ein so kleiner Mensch wie ich hält das kaum aus! 😉

Der Dämpfer kam dann rasch, denn ich sollte „Walpurga“, den reizenden, kleinen Audi-Panzer, zwischen zwei bemerkenswert großen Fahrzeugen, genauer: SUVs, parken. Mir brach der Schweiß aus: enge Fahrbahn, zu deren Rechten wie Linken Autos parken, die Parklücke nicht sonderlich geräumig, während „Walpurga“ gefühlt sogleich zum Sattelschlepper nebst Auflieger mutierte … Nun, ich habe es geschafft. Nicht so schön, wie es hätte gehen können, aber wir standen fast gerade in der Parklücke, als die Fahrschülerin, ein Wesen mit grau-rosa Haaren und einem rosa Pullover, den Fahrersitz einnahm. Sie war mir nicht unsympathisch, aber ein wenig … fremd. Nein, sie war wirklich nett und höflich, aber sehr, sehr langsam. Sie brauchte eine Viertelstunde, aus der Parklücke herauszukommen, weil sie erst dreimal überlegen musste, welche Schaltstufe sie einlegen müsse, um vorwärts loszufahren. Und bis sie sich entschieden hatte, den linken Blinker zu setzen, verging auch noch einmal eine gewisse Zeit. Irgendwie tat sie mir leid, sie war wirklich nett, wirkte aber zeitweilig wie ein Wesen aus einer anderen Welt oder – noch schlimmer – eine Untote. Vielleicht lag es auch an der Haarfarbe, ich weiß es nicht. Jedenfalls fuhr sie wie unter Drogen, und es war keineswegs ihre erste Fahrstunde. Bei mir hatte nicht einmal in meiner allerersten Fahrstunde im Alter von 17 Jahren der Fahrlehrer so oft ins Lenkrad greifen müssen – nur einmal. Danach nie wieder. Aber mir steht es nicht zu, mich über jemanden lustigzumachen, der ein Fahrproblem hat – irgendwie tat sie mir auch leid, und ich hoffe, sie schafft ihren Führerschein.

Dennoch war ich froh, als ich in Bismarck vor der Fahrschule abgesetzt wurde, zumal ich die letzten beiden Stunden noch bezahlen musste. Von da aus ging ich zu Fuß in Richtung meines Stadtteils, Richtung Friseur, denn meine Haare mussten dringend gesträhnt und geschnitten werden.

Beim Friseur war es lustig, obwohl es lange dauerte. Meine Friseurin Tonja bearbeitete gerade die Haare einer älteren Dame, die offenbar auf Flammendrot steht, zusammen mit einer Dauerwelle. Nicht so mein Fall. Da die Inhaberin des Salons auch noch beschäftigt war, nahm ich auf einem Stuhl im Wartebereich Platz. Nicht etwa auf der Ledercouch, denn ich wusste, dass das Sammys Revier ist. (Nein, eher, weil die Couch mir zu niedrig ist und man darauf quasi versinkt.) Sammy ist ein kleiner Mischlingshund, der einem Mieter aus dem Haus gehört, in dem auch der Friseursalon liegt, der das Hündchen, wenn er Termine hat, im Salon abgibt, wo es sich auch recht heimisch fühlt. Die Couch im Wartebereich, zum Beispiel, „gehört“ dem kleinen Sammy. Nicht, dass er böse oder beißen würde, setzt sich jemand darauf, aber er kommt immer an, strengen Blickes, wenn jemand etwa eine Tasche oder sonst etwas darauf abstellt. Er ruft sich eben in Erinnerung. 😉 Netter, kleiner Kerl.

Während ich auf dem Stuhl saß, kam Sammy an, musterte mich lange und entschloss sich, als ich ihn beim Namen rief, näher zu rücken, so dass ich ihn sogar streicheln und kraulen konnte. Offenbar befindet sich Sammy gerade im Fellwechsel … 😉

Endlich kam ich dran und musste mitanhören, was ich schon auf meinem Wartebereich-Sitzplatz hatte anhören müssen: Die flammendrot Dauergewellte erzählte schon zum dritten Mal, sie habe ein Kraftwerk im Keller! Ich hatte das bereits vom vorherigen Sitzplatz aus mit Staunen zur Kenntnis genommen, nun aber saß ich direkt neben ihr und sah im Spiegel vor mir mehrfach Tonjas Augen auf mich gerichtet. Sie sah mich an mit diesem Blick, der verheißt: „Hole mich, bitte, irgendjemand sofort aus dieser Situation heraus!“ Oder: „Verstehst du mich wenigstens?“ Ich blickte zurück und kniff ihr ein Auge zu. Dann lachten wir beide. Das Lachen verging uns beiden, als die Rotgeflammte zu Tonja sagte: „Könnten Sie mir bitte diesen Haarlack aufsprühen, der so bombenfest hält? Dann muss ich nämlich meine Haare nicht kämmen. Die halten dann mindestens 3 Tage lang! Und ich muss sie 14 Tage lang nicht waschen! Irre, nicht wahr?“

Sofort machte sich Juckreiz auf meinem Kopf breit, und während ich dies hier schreibe, geschieht das erneut. 14 Tage lang die Haare nicht waschen? Uuuh!

Durch den Spiegel beobachtete ich fasziniert, wie Tonja ihre Fingerspitzen anstarrte, mit denen sie zuvor noch in der Dame Haupthaar herumgezupft hatte, und ich bewunderte sie, als sie mit ungewohnt schwacher Stimme sagte: „Also, das funktioniert bei mir nicht.“ Danach sagte sie erst einmal gar nichts mehr – so kenne ich Tonja gar nicht.

Mir fiel dann auch wieder ein, dass die Rotgefärbte beim Ausspülen der drastischen Coloration noch gesagt hatte: „Au ja, Sie waschen meine Haare wenigstens vernünftig – da merkt man wenigstens, dass die Kopfhaut richtig sauber wird. Die jungen Hühner heutzutage können das ja gar nicht mehr!“ Als mir dieser Gedanke in den Kopf schoss, trafen Tonjas und meine Blicke einander erneut, und wir lachten wieder simultan völlig enthemmt los, während die Rotflammende erneut das Augenmerk auf ihr „Kraftwerk im Keller“ richtete. Das war dann der Moment, da ich erstmalig danach fragte, wo sich die Kundentoilette befände. Immerhin bin ich nun seit sieben Jahren Kundin dort und war doch zuvor nie auf der Toilette gewesen … Es war albern, aber nett. 🙂

Nachdem man mir dann meine Bicolor-Strähnchen appliziert und meine Haare auf eine vernünftige Länge und in eine vernünftige Form gebracht hatte, frotzelten wir noch ein wenig herum, und ich erfuhr, dass die Inhaberin des Salons Sternzeichen Krebs, Tonja, mit der ich mich sehr gut verstehe, Sternzeichen Schütze sei. Ein Grund mehr, hinzugehen. 😉

Nachdem ich noch einkaufen war, kehrte ich um kurz nach fünf nach Hause zurück. Wenig geschafft, aber alles in allem einen netten Tag gehabt. Und das, obwohl ich kein Kraftwerk im Keller habe … 😉