„Bassd scho!“

Aus meinem „Osterurlaub“ habe ich eine neue Bürotasse mitgebracht. Aus einer Serie, die ich bis dato noch nicht kannte, und das wahrscheinlich deswegen, weil es sie nur in Franken gibt. „Ein Herz für Franken“ heißt sie. Nicht die Bürotasse, die Serie. 😉

Die Tasse an sich ist schlicht, ein normaler Kaffee- oder Teebecher in Weiß mit Henkel, aber es gab vier verschiedene Designs. Einmal auf gelbem Grund die Aufschrift „Schnarrchzabbfm“. Nix für mich, und ich mag auch Gelb nicht sonderlich. Dann in Blau: „Mei Dässla“. Zu zahm. In Rot war das Ganze schon besser: „Allmächd!“ (Ein Ausruf der Überraschung, sowohl bei positiver, wie negativer Überraschung, aber auch Empörung verwendet.) Und auf grünem Hintergrund dann: „Bassd scho!“ Ich schwankte sehr zwischen dem roten „Allmächd!“ und dem grünen „Bassd scho!“ Aber da ich gerade ohnehin mal wieder beschlossen habe, viiiel gelassener zu werden und ja sowieso schon viel fluche, entschied ich mich für das grüne „Bassd scho!“. Grün wirkt ja auch sehr beruhigend, und ich mag diese Farbe durchaus. Nicht ganz so sehr wie Blau, aber es gibt viele schöne Grüntöne.

Gestern früh hatte ich einen Termin bei meinem Hautarzt. Ich beschloss, mit dem ÖPNV hinzufahren, da es um des Arztes Praxis herum einem Sechser im Lotto gleichkommt, einen Parkplatz zu finden. Mit hängender Zunge kam ich um Punkt 08:45 h dort an – für diese Uhrzeit hatte ich einen Termin. Aber es sah so aus, als würde ich mich auf eine längere Wartezeit gefasst machen müssen, da in dieser Praxis, in der es neben dem namensgebenden Arzt noch einige andere angestellte Ärzte gibt, gestern nur eine einzige Ärztin Dienst tat, da der Rest im Urlaub war oder durch Krankheits- und private Gründe nicht arbeiten konnte. Und ich saß und wartete.

Dann rief man mich auf und brachte mich in einen Untersuchungsraum. Dort saß und wartete ich erneut. Ich hasse Warten! Aber ich war ja nicht ohne Grund in der Praxis, und so wartete ich weiterhin …

Dann kam die Ärztin. Und ich erklärte ihr den Grund – eigentlich waren es drei Gründe – meines Besuchs. Die ersten beiden Gründe waren relativ rasch abgearbeitet, und am zehnten Oktober habe ich einen Termin zum Lasern – ein eher kosmetisches Problem unter meinem linken Auge. Ein Rezept war auch schnell ausgestellt, und dann zeigte ich der Ärztin meinen rechten kleinen Finger, an dem sich etwas gebildet hatte, das alles Mögliche hätte sein können. Da wollte ich doch lieber einen Fachmann oder eine Fachfrau draufblicken lassen. Sie sah sich das Ganze sehr intensiv an und meinte dann: „Keine Sorge, ist harmlos. Mache ich Ihnen gleich weg.“ Da wollte ich eigentlich sagen: „Aber nein, wenn es harmlos ist, müssen Sie da gar nichts machen – so schlimm ist es nicht!“ Aber da war sie schon aus dem Raum geeilt und kehrte fünf Minuten später mit einem steril verpackten Instrument zurück, das eigentlich ganz harmlos aussah, wie ein Kugelschreiber. Aber es war eine Kürette, ein Instrument zum Abtragen und Ausschaben von Gewebe … Und sie erklärte mir das Instrument, das eine scharfe und eine stumpfe Seite hat. „Gebe ich Ihnen gleich mit,“, sagte sie in ihrem reizenden Akzent, „aber benutzen Sie bitte erst einmal die stumpfe Seite.“ („Und dann tauchen Sie den Stumpf in siedendes Öl,“, fügte ich in Gedanken hinzu. Niemals würde ich dieses Ding selber benutzen, weder mit der stumpfen, noch mit der scharfen Seite!) „Ich benutze natürlich die scharfe Seite.“ So ihre Worte, und dann griff sie nach meinem unschuldigen kleinen Finger! Ich wollte erst noch protestieren, aber dann fiel mir die Bürotasse in meiner Tasche ein, und ich dachte mir: „Bassd scho!“ 😉 Und geduldig ertrug ich die nicht ganz so angenehme Prozedur und auch die Worte der Ärztin: „Mache ich Ihnen kleine Verband drum – blutet manchmal heftig nach.“ Super. Bassd scho. (Es hat übrigens wirklich etwas heftiger nachgeblutet, und es tat auch danach noch den ganzen Tag ziemlich eklig weh.)

Ich fuhr mit dem ÖPNV zur Arbeit und kam dort erst um zwanzig vor 11 an. Auch gut. Je kürzer der Arbeitstag, desto besser, und ich hatte ja eine Bescheinigung vom Arzt. 😉 Bassd scho.

Dann erklärte mir mein Chef, es tue ihm leid, aber die sowohl Janine als auch mir angekündigte Zulage würde wohl auch im April nicht kommen – der Antrag hänge in der Verwaltung fest. (Wo auch sonst?) Ich lächelte resigniert und hielt ihm meine Bürotasse entgegen: „Bassd scho!“ Mein Chef fragte, was für eine Sprache das sei. Ich zog die Augenbrauen hoch und überlegte, ob ich überhaupt antworten solle. Dann sagte ich resigniert: „Deutsch.“

Es geschahen noch mehrere Dinge, die mich dazu brachten, einfach nur die Bürotasse hochzuhalten und den Verursachern des Grauens die Aufschrift zu lesen zu geben. Ungemein praktisch. Janine meinte: „Ich brauche auch so eine Tasse!“ – „Ja, hätte ich das geahnt, hätte ich dir eine mitgebracht. Ich ärgere mich schon, nicht zwei gekauft zu haben: ‚Allmächd!‘ und ‚Bassd scho!‘!“ – „Würden beide perfekt in unser Büro passen, und wir müssten gar nichts mehr sagen, sondern könnten nur beide Tassen im Wechsel hochhalten und den entsprechenden Leuten die Aufschrift zeigen!“ – „Wenn ich es recht überlege, würde die gelbgrundige Tasse auch passen.“ Janine fragte, was darauf zu lesen sei, und ich meinte: „Schnarrchzabbfm.“ Sie lachte und meinte: „Nachdem unsere Zulage so lange braucht, wäre die Tasse wirklich hervorragend geeignet, wenn uns wieder einmal jemand sagt, ein wichtiger Vorgang dauere länger.“ Genau. 😉

Heute musste ich nach der Arbeit nach D. zu meinem Elternhaus, denn ich habe meinen Eltern, die für Wochen in Bamberg weilen, zugesagt, nach dem Rechten (und Linken) zu sehen. Ich fuhr über Hassel mit der reizenden Slalomstrecke. 😉 (Ich bin übrigens hervorragend im Kurvenfahren. 😉 )

Ich fuhr erstaunlicherweise voller Freude! 😉 Regte mich kaum über drängelnde Idioten hinter mir auf. Auf der Straße gen D., wo man 70 fahren darf, fuhr ich schneller, als erlaubt (hoffentlich war da kein Blitzer!), sang laut mit, denn ich hatte eine CD an. Fahren macht manchmal wirklich Spaß! Und so kam ich in D. an, wo ich in meinem Überschwang fast falsch abgebogen wäre, es zum Glück aber noch rechtzeitig bemerkte, links blinkte und einen sehr knappen Spurwechsel vornahm, als ich sah, der Mercedes schräg hinter mir würde mich hineinlassen. Bassd scho.

Dann musste ich rechts abbiegen und war wohl einem Herrn aus Dinslaken, der mit einem Audi unterwegs war, zu langsam, dabei fuhr ich schon etwas schneller, als die Polizei erlaubte. Und auf relativ kurzer Strecke überholte er mich. Ohne Blinker scherte er dann sehr knapp vor mir wieder ein. Idiot! Und ich wollte mich gerade aufregen – was hatte der Idiot dadurch gewonnen? Dass er vor statt hinter mir an der nächsten roten Ampel stand? Aber dann dachte ich: „Bassd scho! Nicht aufregen.“ Das Einzige, was mich ärgerte, war die Tatsache, dass solch ein Depp sich einen Audi leisten konnte, aber nicht einmal wusste, dass das schicke Fahrzeug über Blinker rechts und links verfügt.

Bei meinen Eltern rasch alles gemacht, was zu machen war, fuhr ich zurück, beschloss aber, noch zu tanken. An einer „Westfalen“-Tankstelle, und ich fuhr gekonnt auf die rechte Seite einer Zapfsäule, tankte so, als hätte ich nie etwas anderes getan, und eilte dann zur Bezahlung. Da fiel mir auf, dass ich etwas vergessen hatte: die Nummer meiner Zapfsäule. Noch bevor ich: „Mist!“ rufen konnte, strahlte mich der Mann an, der neben der Kassiererin hinter dem Tresen stand, und rief: „Ah! Sie haben etwas vergessen, nicht wahr?“ – „Ääh, ja …“ – „Sieht man gleich an Ihrem Blick – Sie haben ja unglaublich schöne, große Augen, vor allem, wenn Sie erschrecken. Es ist die Nummer 5, an der Sie getankt haben.“ Ich grinste und bedankte mich, ärgerte mich auch gar nicht mehr über meine Vergesslichkeit. Bassd scho.

Als ich weiterfuhr, ordnete ich mich einmal mehr falsch ein und landete auf der B225, statt der B224. Aber – „Bassd scho!“ – ich regte mich gar nicht auf, sondern dachte: „Wie neulich. Musst du dir wirklich mal merken. Aber so kannst du mal wieder einen U-Turn üben.“ Man muss das alles pragmatisch sehen. 😉 Und ich fuhr die Marler statt der Bochumer Straße entlang, bis ich die Straße erreichte, wo man ohne viel Hantier und Gegenverkehr rechts abbiegen, dann einen formvollendeten U-Turn und gen D. zurückfahren kann, um dann richtig auf die B224 abzubiegen. So lernt man sein Auto kennen, und der kleine Scotty hat einen wunderbaren Wendekreis. 😉

Ich bog dann richtig ab und beschloss, noch einzukaufen, denn ich hatte schon mehrfach gesehen, dass sich ein sehr großer REWE-Markt dort an der B224 befindet. Fast hätte man es als „routiniert“ bezeichnen können, wie ich da auf den Parkplatz fuhr! Als führe ich seit -zig Jahren ohne Unterlass! 😉 Und zum Glück waren viele Parkboxen frei. Zumindest sah es von weitem so aus.

Als ich näher herankam, sah ich, dass eine ziemlich große Anzahl der Plätze Behindertenparkplätze waren. Und richtig schöne Parkplätze waren zu „Mutter-und-Kind“-Parkplätzen gewidmet. Aber ich fand dennoch einen guten Platz zwischen zwei Autos, und ich parkte, wie es meine Art ist, relativ schwungvoll, aber sicher und gerade ein. Dann eilte ich gen REWE.

Was für eine Auswahl! Der REWE-Markt in meiner Nähe ist ein einziger Witz dagegen. Allerdings hatten sie in der Getränkeabteilung nur große Krombacher-Kisten, keine „Krombacher Elf“, die ich ansonsten gekauft hätte. Nur den kleinen Kasten mit 11 Flaschen Veltins. Aber ich mag kein Veltins. Aber ein Sixpack „Astra“ hatten sie. Eigentlich ein grauenhaftes Bier, aber gewissermaßen Kult – St.-Pauli-Bier, das ich in Hamburg durchaus schätzen gelernt habe. 😉 Das einzig noch vorhandene Sixpack war meins. 😉 Dann noch Mineralwasser in größeren Mengen als sonst – ich war ja mit dem Auto da. 😉 Sonst musste ich immer alles mühsam schleppen und öfter als andere Menschen einkaufen gehen.

Die Obst- und Gemüseabteilung haute mich fast um, und ich musste mich bremsen und habe nun nur Süßkartoffeln, besonders schöne Auberginen, eine Auswahl an Chilischoten und zweieinhalb Kilogramm festkochende Kartoffeln gekauft. Eine Packung Waschpulver, Quark in größeren Mengen und noch so viele Kleinigkeiten, die „mein“ REWE gar nicht hat, wanderten in meinen Einkaufswagen, und ich fragte mich, ob es nun ein Vor- oder ein Nachteil sei, ein Auto zu haben. Denn wenn der Transport so viel bequemer ist: Tendiert man nicht dazu, erheblich mehr und andere Dinge zu kaufen als sonst, da man alles selber schleppen musste? 😉 Aber ich hielt mich nicht lange damit auf: Bassd scho!

An der Kasse saß ein junger Mann, der zuvor zwar freundlich, aber nicht überschwenglich auf seine Kundschaft reagiert hatte. Offenbar strahlte ich etwas anderes aus, denn er strahlte mich an und rief: „Ja, guten Tag! Hatten Sie einen angenehmen Aufenthalt hier?“ Ich starrte ihn an. Er hätte mein Sohn sein können. Und ich hatte heute nicht meinen besten Tag, überdies einen „bad hair day“. Und dann so etwas! Ich fing zu grinsen an und meinte: „Danke, ich werde öfter zum Einkaufen kommen.“ Und ich wurde daraufhin noch viel strahlender bedient. Und abkassiert. Und der junge Mann rief: „Hoffentlich bis bald!“ Ich scheine mich verändert zu haben, seit ich wieder Auto fahre … 😉 Vielleicht liegt es aber einfach auch an meiner „Bassd scho!“-Haltung. 😉

Und in deren Einfluss parkte ich auch aus, obwohl mir eine Frau fast in den Wagen rannte. Sie entschuldigte sich, ich winkte verzeihend. 😉 Dann fuhr ich zurück nach GE, regte mich gar nicht auf, als mich ein dämlicher BMW-Fahrer schnitt. Passte doch alles. 😉 Und ich habe eine wunderbar funktionierende Bremse. 😉

In meiner Straße erwischte ich dann sogar den einzigen noch freien Parkplatz vor dem Haus und parallel zum Bordstein. Ich parkte ein, als hätte ich nie in meinem Leben etwas anderes gemacht, öffnete erstmalig in meinem Leben lässig einen Kofferraum, um meine Einkäufe zu entnehmen, schloss leger den Wagen ab und ging ebenso leger auf meine Haustür zu und nach Hause.

Oben in meiner Wohnung angekommen, hielt ich einen kleinen Moment inne und dachte: „Hätte dir das jemand vor vier Monaten erzählt, hättest du ihn ausgelacht und ihm einen Vogel gezeigt.“ Darauf erst einmal einen Schluck Mineralwasser! Und ich öffnete eine der Flaschen, die ich gekauft hatte. Wuuusch! machte es, und eine Wasserfontäne entströmte der Flasche, die ich so spontan geöffnet hatte. Vielleicht hätte ich sie erst einmal ruhen lassen sollen, denn durch meine nicht unbedingt schwung- und peplose Fahrt war sie wohl etwas in Unruhe geraten. Aber als ich den Küchenfußboden aufwischte, dachte ich nur: „Bassd scho! Passt zum doofen Tag, aber ‚bassd scho‘!“ 😉

Und ich rate euch: Merkt euch diesen Spruch! Damit geht alles gleich viel leichter. Ist wie ein Mantra. 😉

Ned g’schimbfd is g’lobd g’nuch

Das ist ein Satz in fränkischem Dialekt. Ich muss immer lachen, wenn ich ihn höre, denn er verkörpert das fränkische Wesen so gut wie kaum ein anderer. „Nicht geschimpft ist genug gelobt.“ Und genauso bin ich von meiner Mutter erzogen worden. Sie ist ein sehr liebevoller Mensch, und ich sage immer, dass ich keine bessere Mutter hätte haben können. Aber sie wirkt etwas „herb“ und manchmal etwas sperrig. Genauso wie ich. Wir haben es nicht so mit ewigen Liebesschwüren, Herumgetätschel und: „Schatz, das hast du aber schön gemacht – ich bin so stolz auf dich!“ Wir denken und empfinden das – möglicherweise sogar exklusiver als Menschen, die inflationär mit solchen Dingen umgehen und diese ebenso inflationär kommunizieren. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, wie ich so fühle und empfinde. Und beim Wein neulich meinte meine Mutter das Gleiche. Ich hatte kürzlich extra für sie einen Beitrag hier geschrieben, und da hatte drin gestanden, dass ich meine Mutter sehr liebte, was auch der Fall ist. Sie rang nach Worten, als sie sich bei mir bedankte, tat sich gewohnt schwer und meinte: „Einer der ersten Sätze, Ali, der war besonders schön.“ Ich wusste, was sie meinte und zitierte aus dem Gedächtnis. „Meinst du den?“ – „Ja. Darüber habe ich mich besonders gefreut. Das wusste ich gar nicht.“ – „Das wusstest du nicht?“ – „Nein.“ Kein Wunder – wir tun uns ja beide schwer, Zuneigung zu verbalisieren. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest. Sie drückte genauso fest zurück. Man steht sich mit dieser Art manchmal selber im Wege.

Die fränkische Art ist einfach, gelassen, ruhig und bescheiden. Franken sind eher Tiefstapler. Das mag ich so an ihnen. Ich habe – ungelogen – niemals einen fränkischen Aufschneider erlebt. Es wird sie wohl auch geben, aber in all den Jahren, die ich mit Franken vertraut bin, habe ich nie einen solchen erlebt. Kein lautes Getöse, wie ich es im Rheinland öfter erlebte, aber auch hier, wo ich lebe. Ich praktiziere das Getöse bisweilen selber. Komischerweise nie, wenn ich in Franken bin. Es passt dort nicht hin, und ich fühle mich dort wohl – wozu dann herumtosen? 😉 Bin ich in Franken, bin ich zwar immer noch lebhaft, aber doch in gewisser Weise ruhiger. Ich weiß die Lebensart dort zu schätzen, das eher bodenständige Reden, nicht herunterspielend, um sich interessant zu machen, sondern, weil man einfach bodenständig ist. Die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sind manchmal dabei auch sehr direkt. Aber nie wirklich böse.

In Gaststätten kommt man besonders schnell mit Franken in Kontakt, denn dort ist es nicht üblich, dass jede Gruppe einen eigenen Tisch hat. Wenn alle Tische besetzt sind, und da kommt noch eine Gruppe, setzt die sich – nach der Frage, ob es recht sei – zu einer anderen Gruppe dazu, und meist wird es dann ein lustiger und fröhlicher Aufenthalt. Kenne ich von hier nicht in diesem Maße. Aus Aachen auch nicht – höchstens, wenn man es mit Touristen zu tun hat. (Ich sage ja immer, dass Aachen gut daran tue, Universitätsstadt zu sein, denn die Öcher an sich sind nicht nur aus meiner Sicht eher „komisch“ und bleiben nicht selten unter sich. Kein Wunder. 😉 )

Eine Kollegin von mir hier meinte mal abfällig: „Franken sind falsch.“ Ich stand daneben und wusste, sie wusste, meine Mutter ist Fränkin. Seit diesem Spruch ist die Kollegin, die ich vorher wirklich mochte, nicht mehr ganz so weit oben auf meiner Beliebtheitsskala, zumal sie noch darauf beharrte, als ich fragte, wie sie denn darauf komme, dass alle Franken falsch seien. „Mein Mann sagt das auch,“, kam als erschöpfende und total überzeugende Erklärung, denn der habe mal mit Franken beruflich zu tun gehabt, und die seien falsch gewesen. Klar, und weil der möglicherweise mit einigen Deppen zu tun hatte, wie es sie überall gibt, sollten nun Franken per se alle falsch und blöd sein. Ich fand die Aussage etwas daneben und ein wenig töricht, noch dazu von jemandem geäußert, der hier aus der Region stammt, wo sich viele Leute darüber echauffieren, sie würden immer als Klischee dargestellt. 😉 Da ich in gewisser Weise eine Schnittmenge verkörpere, eine Hälfte Ruhrgebiet, die andere Hälfte fränkisch geprägt, ärgere ich mich auch über dieses Klischee, aber eben auch über andere. Sie beharrte stur darauf, recht zu haben, ich sagte, durch Franken, aber auch meinen westfälischen Vater und jahrelange Erfahrung geschult, lieber nichts mehr, obwohl bereits meine Schläfenadern pochten, ein Zeichen dafür, dass ich innerlich ziemlich verärgert bin. Und die Kollegin hatte gleich zwei Personen vor den Kopf gestoßen, denn Kollege Michael stand neben mir, dessen Vater aus Franken stammt. Das wusste die Kollegin wohl nicht. Michael blieb total cool, aber hinterher, als ich mit ihm sprach, schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und meinte: „Was haben die denn gegen Franken? Ich habe noch nie einen falschen Franken kennengelernt, und ich kenne mich da aus. Mein Vater kommt aus Hof, und ich habe meine halbe Kindheit dort verbracht! Ich glaube, ich sollte mal wieder nach Franken fahren – dort ist alles so viel entspannter.“ Ich pflichtete ihm bei, und dann grinsten wir und waren uns einig, dass Vorurteile generell doof seien. 😉 (Dabei kann ich hervorragend Vorurteile äußern. Das aber nur, wenn ich provozieren will. Ich stehe nicht wirklich hinter meiner jeweiligen Aussage, aber ich freue mich immer diebisch, wenn dann eine Diskussion entsteht. Es ist doch schön, wenn diskutiert und miteinander geredet wird. Oder? 😉 )

Was mich beim diesmaligen Besuch in Franken etwas nachdenklich stimmte, war die Tatsache, dass sich Hochdeutsch dort immer mehr ausbreitet. Nichts gegen Hochdeutsch, aber es ist doch eher ein artifizielles Sprachprodukt. Dialekte sind viel natürlicher. Der fränkische klingt vielleicht nicht immer schön oder ästhetisch, aber er gehört dorthin, und ich vermisse ihn sehr, denn er ist dort immer seltener anzutreffen. Meine Mutter vermisst ihn auch, der wohl immer das Herz blutet, wenn sie in ein Geschäft geht und dort mit: „Guten Tag!“ begrüßt wird, statt mit: „Grrrüß Gott“, was sie von klein auf so kennt. (Und das ist – anders, als manch frömmelnder Mensch sich hier vorstellt – eine Grußformel und kein Glaubensbekenntnis.) Erfreulich aber, dass mein urwestfälischer Vater, stur, wie man Westfalen nachsagt, und das durchaus nicht immer zu Unrecht, dort niemals anders als mit „Grüß Gott!“ grüßt. Er hat sich integriert. Neulich wurde er sogar dabei ertappt, dass er – für ihn ein immenses Zugeständnis, da er Süßwasserfische gar nicht so mag – im Restaurant Karpfen aß! 😉 Erstmalig höchst freiwillig und selbst so bestellt! 😉 Und er sagte hinterher ganz freiwillig: „Das hat sehr gut geschmeckt!“ Mein Vater mutiert mehr und mehr zum Franken – und das ist auch gut so. Finde ich.

Ich werde meine Stellensuche jedenfalls auch auf das Bundesland Bayern ausweiten. Ich fühle mich dort wohler. Zumindest in Nord- und Ostbayern. Oberbayern muss auch nicht unbedingt sein. 😉

Meine Mutter, die mich von Babyzeiten an gemäß dem oben genannten Spruch und Titel und sehr fränkisch erzogen hat, meinte: „Den Schbrrruch hob i bis vor kurrrzem fei goa ned g’kennd!“ Ich gab zurück: „Obba fei gonsegwend umg’sedsd.“ (Denn nach einem Tag in Bamberg oder Bamberch, wie es dort heißt, falle ich „audomadisch“ auch ins Fränkische, noch dazu, da meine Mutter das dort „schbrrrichd“.) Und dann lachten wir schallend, was aber auch am Wein gelegen haben kann. 😉

Wenn ihr mal ein sehr persönliches Gespräch mit jemandem führen möchtet, empfehle ich euch dazu: „Randersackerer Ewig Leben“ vom Weingut „Schmitts Kinder“. Wunderbarer Weißwein, sehr wohlschmeckend, und er löst binnen kurzem die Zunge, und ihr tut euch viel leichter, Persönliches zu äußern. Mein Tipp nur: Bestellt eine große Flasche Wasser dazu, und kurz bevor die leer ist, bestellt eine nach, denn ansonsten graut es euch vor dem Gefühl, tatsächlich ewig zu leben, da ihr unter dem Genuss des puren Weißweins ohne Wasser gegebenenfalls Aussetzer erleiden könntet, unter denen ihr ewig leiden könntet. 😉 Man sagt zwar: „Frankenwein ist Krankenwein“, weil die meisten Frankenweine früher staubtrocken waren und angeblich den Magen nicht so belasteten, aber dafür hat der Gemeine Silvaner dieser Art eine Wirkung auf den Kopf, die nicht zu vernachlässigen ist. 😉 Immer Wasser dazu bestellen und das, bitte, nicht mit dem Wein mischen, also keine Schorle daraus machen. Parallel zum puren Wein pures Wasser trinken. So geht es am besten. 🙂

Vertraut mir. Ich weiß genau, wovon ich spreche. 😉

„Nur Fliegen ist schöner!“ Stimmt auch – wenn man endlich an Bord ist … ;-)

Karfreitag bin ich gegen Mitternacht ins Bett gegangen. Wenn ich es recht überlege, war es eigentlich schon nach Mitternacht. Fast gegen 1 Uhr nachts. Ich hatte noch so viel zu tun gehabt, denn am Samstag bin ich ja in meine zweite Heimat gereist. Morgens um 08:50 Uhr sollte mein Flieger in Düsseldorf starten. Tat er auch. Sogar mit mir an Bord, aber ich hätte es fast vergeigt. Unter anderem deswegen, weil ich erst so spät ins Bett gegangen war. 😉

Gegen 04:30 h schleppte ich mich aus dem Bett und ins Bad – ich hatte mich mal wieder zu sehr auf die, wie ich immer glaube, eigens für mich erfundene Snooze-Funktion meines Handys verlassen, war aber zum Glück immerhin eine halbe Stunde nach dem eingestellten Weckzeitpunkt zu mir gekommen und dann mehr oder minder schwungvoll aus dem Bett geschlurft. Ab ins Bad, duschen, Kontaktlinsen einsetzen, Haare föhnen und in Form bringen, Make-up. Restliche benötigte Dinge in den Trolley werfen, denselben schließen. Fenster zu, Heizung aus, und ab ging es. Draußen Scotty noch einmal getätschelt. (Nein, nicht wirklich, aber zumindest habe ich ihm einen liebevollen Abschiedsblick zugeworfen, als ich mit meinem Trolley davonbretterte, denn die Zeit war knapp, und der SEV-Bus war sicherlich pünktlich.)

Mit dem RE3 nach Düsseldorf zum Flughafen gefahren, bekam ich sogar sofort Anschluss mit dem „SkyTrain“, der den Flughafen-Bahnhof mit diversen Parkhäusern und den Terminals A, B und C verbindet. Schwungvoll stieg ich aus und begab mich mindestens ebenso schwungvoll ins Terminal B, wo sich die Check-in-Schalter der Airline befinden, mit der ich bis dato – künftig nur noch im Notfall – geflogen bin. Aber was war das? Menschenmassen mäanderten vor den Schaltern! Und das Ende der Schlange reichte fast bis auf die Straße des den Schaltern nächstgelegenen Ausgangs! Was für Idioten fliegen eigentlich über Ostern? Ooops! Ich wollte ja selber über Ostern… aber lassen wir das! 😉

Was ist eigentlich nervender? Menschen, die das Verteilersystem – denn inzwischen mühten sich „airberlin“-Mitarbeiterinnen, die Passagiere in spe, die ganz vorne standen, möglichst ökonomisch den Schaltern zuzuweisen – nicht begreifen, oder Menschen, die sich darüber beklagen, dass alle anderen doof seien und das Verteilersystem nicht begreifen, während sie selber, die es viiiel besser könnten, noch ganz hinten stehen? Ich bin mir nicht sicher. Mir ging die zweite Gruppe allerdings dann doch mehr auf die Schleppe, da ich direkt vor solchen Leuten stand. Fast glaubte ich, Kollegin Brigitte stünde hinter mir, aber ganz so schlimm war es dann doch nicht … 😉

Endlich hatte ich meine Bordkarte, und dann musste ich erst einmal raus, eine rauchen gegen den ganzen Stress. 😉 Doch recht schnell begab ich mich zum Security Check, denn man weiß ja nie, wie lange das dort dauert, nicht wahr? 😉

Seit einiger Zeit gibt es in Düsseldorf Bodyscanner, und mit den recht rigiden Handgepäck-Verordnungen beim Fliegen bin ich vertraut. Als ich – ich dachte, ich träumte! – von einem freundlichen (!) Mitarbeiter von „Krämer Security“ begrüßt wurde, nachdem ich meine Habseligkeiten in eine der Kunststoffboxen gepackt hatte, die durch die Durchleuchtungsanlage geschickt werden, war ich erst einmal baff! Ein freundlicher Security-Bediensteter in Düsseldorf! Sensation! Ich bin schon so oft dort abgeflogen, aber er war der allererste freundliche Security-Mitarbeiter. Wahrscheinlich war er neu und kannte die Gepflogenheiten seines Arbeitgebers noch nicht … 😉 Freundlich winkte er mich in den Scanner, und freundlich stellte ich meine in schwarzen Stiefeletten steckenden Füße auf die beiden mit gelben Sohlenabdrücken gekennzeichneten Markierungen in dem Scanner, hob dann auch meine Arme, wie dort durch Piktogramme angezeigt. Und schon wurde ich gescannt. Der Bedienstete hinter dem Scanner sah mich an, als dealte ich mit Heroin und zusätzlich mit Waffen, und ebenso freundlich schickte er mich zu einer Kollegin: „Zur Kollegin, zack-zack!“ Und die Kollegin war noch schlimmer. Blondierter Bürstenschnitt, ein Gesicht, das derart missgestimmt und unfreundlich aussah, dass es nur eine Mutter lieben kann, herrschte sie mich an: „Los! Hierher!“ (Mir war bis dato nicht bewusst gewesen, dass ich ein Hund sei. Aber man lernt ja gern dazu.) Ich lächelte noch immer freundlich, sie wies mir in ihrem „cubicle“ einen Sitzplatz zu: „Hinsetzen!“ Und dann: „Schuhe ausziehen!“ Ich war, ehrlich gestanden, völlig perplex. Ich fliege zwar nicht dauernd, aber in regelmäßigen Abständen, doch so finster war ich noch nie behandelt worden. Gut, Brüssel ist gerade geschehen. Aber trotzdem! Ich bin eine kleine, blonde Frau über 40, die freundlich lächelte. Um mich herum viele Menschen, die erheblich weniger harmlos aussahen – aber die durften unbehelligt ihrer Wege gehen! 😉 Ich sagte mir: „Ali, es ist notwendig und gut, dass so streng kontrolliert wird … Aber wieso ausgerechnet du? Und überhaupt …“ – „Schuhe aus! Aber zackig!“ dröhnte es an mein Ohr, und da war ich dann doch ein bisschen angepisst. Was erwarteten die in den Schuhen? Handgranaten? 😉 Zornig zerrte ich die Reißverschlüsse meiner Stiefeletten auf, zog die Schuhe aus, und die militante Security-Trulla rannte damit zur Durchleuchtungsanlage. Irgendwann kehrte sie zurück, knallte mir die Schuhe vor die Füße und sagte kein Wort. Ich zog die Schuhe wieder an, stand auf und rauschte wortlos an der Krämer-Tante vorbei. Ich sah die Kunststoffbox mit meinen anderen Sachen: Mantel, Schal, Tasche, Bordkarte! Als ich ankam, stand eine andere Security-Dame daneben, in der Hand einen schleimig-klebrigen Teststreifen, mit dem sie über meine Tasche und den Mantel fuhr. „Iih!“ dachte ich, und sie meinte: „Wenn wir da auch nichts gefunden haben, können Sie in drei Sekunden gehen!“ Ja, was wollten die denn da finden? Schmauchspuren? Spuren von C4? Wofür hielten die mich? Ich bin ein braves Mädchen! Und man erklärte mir nichts – sowas mag ich nicht. Aber immerhin – surprise, surprise! – fand man auch nichts. Ich schnappte meine Sachen und raste zum Gate, denn durch die lange Wartezeit beim Check-in war ich inzwischen knapp in der Zeit.

Doch am Boarding-Schalter herrschte Konfusion, und schließlich mussten wir uns zu einem ganz anderen Gate begeben, denn der Treppenaufgang von Gate 26 war durch andere Fluggäste besetzt – was auch immer das bedeuten mochte. Ich wollte es lieber gar nicht so genau wissen. Mit Verspätung saßen schließlich alle, die es etwas anging, im Flieger nach Nürnberg, und der Flieger war zum Glück vergleichsweise unterbucht, so dass der Platz neben mir leer war. Hinter mir allerdings saß eine junge Mutter mit einem sehr süßen, kleinen Mädchen, etwa ein knappes Jahr alt. Das Baby war total nett, die Mutter nervend, da sie dauernd an dem fröhlichen, kleinen Ding herumbosselte und fragte: „Ist alles in Ordnung, Schatz? Geht es dir gut?“ Solche Fragen können – im Übermaße, so wie hier, gestellt – durchaus dazu führen, dass es einem irgendwann nicht mehr so gut geht, da man sich fragt, warum zum Teufel man das dauernd gefragt werde. 😉 Aber das Baby war noch zu klein dazu, winkte fröhlich mit einem Stück Papier und freute sich gar, als die Triebwerke angelassen wurden! 😉

Kurz darauf rasten wir mit dröhnenden Turboprop-Triebwerken über die Startbahn. Endlich ging es los. Aufatmen war angesagt. Zuvor hatte der Pilot noch den Co-Piloten und sich selbst vorgestellt. Der Erste Offizier, der Co-Pilot, hieß Michael, der Kapitän Sebastian mit Vornamen. Gutes Omen. Ich kenne ausschließlich Michaels und Sebastiane, die zuverlässig wirken. (Bei den Sebastianen gibt es eine Ausnahme: den älteren Sohn meiner Kollegin L., dem ich vor Jahren Nachhilfe in Englisch gegeben habe. Selten habe ich einen derartigen Unsympathen erlebt, und wiederholt fragte ich mich, ob das wirklich der Sohn meiner Kollegin sei, deren Mann auch nett ist. Ebenso der Bruder des Nachhilfeschülers. Nun ja, Ausnahmen bestätigen die Regel, aber seitdem habe ich eine Aversion gegen die Verniedlichung „Basti“, denn der Unsympath wurde – all seiner unsympathischen Art zum Trotz – von seiner Mutter „Basti“ genannt. „Arschi“ hätte besser gepasst, fand ich.)

Als wir so vor uns hinrasten, fiel mir ein, dass ich erst kürzlich einen Artikel über Piloten gelesen hatte, in dem stand, dass sehr viele Piloten aufgrund ihres stressigen Berufs depressiv seien, was man aber in dem Job tunlichst nicht verlautbaren lassen dürfe … O Gott! Nach all dem Stress, wie ich ihn bei einem Abflug noch nie erlebt hatte, wäre auch das jetzt kein Wunder … Und spontan war mir danach: „Kopp hoch, Michi und Sebi!“ gen Cockpit zu rufen. Und: „Alles wird gut! Seid nicht traurig, dass ihr bis dato nur so eine poplige Dash 8 fliegen dürft! Sicher bekommt ihr mittelfristig auch die Lizenz für größere Maschinen mit echten Turbofans statt Propellern!“ Ich konnte mich aber gerade noch bremsen – ich hatte keine Lust darauf, mit Kabelbindern an meinem Sitz fixiert und nach der Landung der Polizei übergeben zu werden … 😉

In Nürnberg gelandet (die Mutter hinter mir zerdrückte einige Tränen und jubelte ihrem Kind, das noch kein Wort sprechen konnte, zu: „Ich bin so stolz auf dich, Schatz! Freust du dich auch?“ Dreimal …), vom Flughafen aus über den Hauptbahnhof nach Bamberg gefahren. Dort bei „Fuchs“ das erste „Bambercher Hörnla“ gekauft und auf dem Weg zur Wohnung meiner Eltern gegessen.

Die Eltern freuten sich, und ich blieb erst einmal bis 14 Uhr, denn erst ab da konnte ich im Hotel einchecken. Da ich todmüde war, habe ich mich im Hotel erst einmal aufs Ohr gehauen und bin erst gegen 18 Uhr wieder zu mir gekommen. Schnell unter die Dusche und fertiggemacht, denn um 20 Uhr war ich mit meinen Eltern in der „Bischofsmühle“, einem Weinlokal, verabredet. Sehr netter Abend mit viel „Randersackerer Ewig Leben“, einem Frankenwein aus dem Weingut „Schmitts Kinder“. (Seid grundsätzlich vorsichtig mit Frankenwein – der knallt heftig, wenn ihr es nicht gewohnt seid … 😉 ) Mit uns am Tisch eine besorgte Mutter eines sehr netten kleinen Mädchens, das stillvergnügt in einem Malbuch malte. Der zugehörige Vater war Schwede und strahlte mich immer etwas verstohlen an. Ich wirkte wohl irgendwie fröhlicher als seine Frau, die sich nur um das gemeinsame Kind kümmerte, und das in einer Weise, die mich an die Flugzeugmama erinnerte. Wirklich liebevoll, aber enervierend. Sorry. Dem Vater ging das offenbar auch auf die Schleppe, da er kaum Beachtung fand. Und als ich mit meiner Mutter frotzelte, was wir oft tun, sah er immer ganz verstohlen herüber und lächelte. Nun, immerhin – das gab ein wenig Auftrieb. In meinem Alter wird man nicht mehr ganz so oft angestrahlt. 😉

Am nächsten Tag Essen mit meinem Onkel. Mit ihm war ich schon als Kind immer zum Angeln gegangen, und bis heute behauptet er, meine Anwesenheit sei ein Garant dafür, Karpfen zu fangen. Flußkarpfen seien nicht so einfach zu ergattern, aber jedes Mal, wenn er „des Alila“ dabeigehabt hätte, sei er mit mindestens einem Karpfen heimgekehrt. „Ali, du moggst halt Karrpfen, gell? Und die Karrpfen mögen dich aa!“ meinte er, und da bestellte ich mir gleich einen kleinen halben Karpfen blau. Wollte ich ja eh essen, aber so freute sich mein Onkel auch noch. 😉 (Der „kleine“ halbe Karpfen, traditionell mit Salzkartoffeln, selbstgemachtem Sahnemeerrettich und zerlassener Butter war übrigens ein Mordstrumm – ich habe ihn nur mit Mühe aufessen können.)

Zwischendurch war ich noch in der Stadt gewesen. Erfreulicherweise hat mein Lieblingsantiquariat eine Sonderkonzession für die Osterfeiertage, und so kam ich doch zu meinen neuen Büchern. 😉

Heute dann Essen mit meinen Eltern. Schweinsbraten mit Kloß, Soß und Gemüs‘ war angesagt. „Gemüs‘“ heißt: „Wirsching“, hochdeutsch „Wirsing“, aber nicht so, wie hierzulande serviert, sondern püriert und so zubereitet, dass er einfach nur göttlich schmeckt, auch wenn es fies klingen mag: pürierter Wirsing! 😉 Ich bin von klein auf daran gewöhnt und liebe „Wirsching“ heiß und innig.

Nach dem Essen fuhren meine Eltern mich mitsamt schwerem Gepäck zum Bahnhof, und ich fuhr nach Nürnberg zum Flughafen. Dort stellte man fest, dass ich leider übersehen hatte, dass ich nur für den Hinflug die Mitnahme meines Trolleys bezahlt hatte. Ärgerlich, aber eigene Doofheit. Ich bezahlte mit Kreditkarte und wunderte mich noch, dass ich gar nichts unterschreiben musste …

Dann durch die Sicherheitskontrolle, und ich zog freiwillig meine Schuhe aus, noch bevor ich in den Scanner ging. Dennoch wurde ich erneut nach dem Scanner beiseite genommen und abgetastet, diesmal aber sehr freundlich, und das merkte ich auch – ich war ja in Franken und quasi „daheim“ – an: „Ssie ssan wenichstens frrreundlich, ned sso wie in Düsseldorf!“ frankophonierte ich mit der fränkischen Security-Dame. Die meinte nur: „Dees homma scho öfter k’hört, des die do in Düsseldorrf ned nett seien.“ Und zu ihrem Kollegen: „Thomas, hosst dees k’hört? Die Dame hadduns g’lobt! Ausdrrrügglich.“ Und sie strich mir freundlich über die Schulter und meinte: „Dees is fei sselden! Die meisten beschwer’n sich, wir sei’n zu forrrmaal. Und da kimmat Ssie – dees freut uns werrglich!“ Na, das war doch schön. 😉

Dann kaufte ich noch ein Parfum im Duty-free-Shop, aber damit war eh zu rechnen. Von Guerlain. Und dann ging ich eine rauchen. Nervend, ewig diese Aufrufe hinsichtlich Personen, die sich „schnellstmöglich“ am ihnen zugehörigen Schalter melden sollten. Und ich überlegte, wie man sich wohl fühlen würde, wenn da der eigene Name genannt würde.

Zehn Minuten später rannte ich mit hängender Zunge zum Gate A13. Warum? Nun, es hatte einen Aufruf gegeben: „Die Passagierin Frau Ali B., gebucht auf den Flug AB67…: Kommen Sie bitte umgehend zum Schalter an Gate 13! Die Passagierin Frau Ali B., gebucht auf den Flug …“ Scheiße! Was war jetzt wieder passiert? War etwas mit meinen Eltern? Herzinfarkt? Schlaganfall? Haus in Flammen? Da der Akku meines Smartphones leer war und ich in der Hektik versäumt hatte, das Ladekabel mitzunehmen, hätte alles sein können. Doch nein! Als ich eintraf, hielt man mir meinen Gepäck-Zusatzbeleg hin, den ich noch unterschreiben musste … Immerhin. Nichts wirklich Schlimmes.

Der Flug ging auch gut, wenn auch das einzige Kind, das auf diesen gebucht war, just hinter wem saß? Na, wohl klar, oder? 😉 Ich blickte geduldig darüber hinweg, dass es dauernd gegen meine Lehne trat und lauter kreischte, als Jerichos Trompeten je in der Lage wären, zu tönen. Ich gebe zu, anfangs hätte ich den etwa sechs- oder siebenjährigen Jungen eigenhändig erwürgen können. Aber im Landeanflug auf Düsseldorf wurde er ganz stumm. Warum? Nun, wir flogen in ein Szenario, das so schön war, dass es mir fast den Atem verschlug. Erstmalig hatte ich ein solch schönes Szenario auf einem anderen Flug erlebt: Als die Sonne aufging, auf meinem ersten Flug von den Vereinigten Staaten nach Brüssel. Der Flug war partiell grauenhaft gewesen, und wir waren in etwas geraten, das sich „clear air turbulence“ nennt und landläufig als „Luftloch“ bezeichnet wird. Nur fühlte es sich an, als stürze der Flieger im freien Fall, und es dauerte ewig. Um mich herum schrien, weinten und beteten Menschen. Und dann kam der Flieger doch wieder unter Kontrolle – wir hatten, so zumindest das Gefühl der Passagiere – knapp überlebt. 😉 Und als wir dann Stunden später den Sonnenaufgang miterlebten, hatte zumindest ich die Tränen in den Augen stehen. So etwas Schönes hatte ich zuvor nie gesehen, es war wirklich beeindruckend.

Das Erlebnis heute war ähnlich beeindruckend. Denn im Landeanflug gerieten wir in ein Gewitter. Vor uns verschiedene Wolkenschichten, die Wolken imposant, Riesenformationen, teils bizarr aussehend. Dahinter der Himmel, orangerot, als brenne er. Dazwischen wieder Wolken, aus denen es offenbar regnete. Es erinnerte mich irgendwie an ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Und dann die Blitze! So etwas habe ich aus nächster Nähe noch nie gesehen – ich saß atemlos auf meinem Platz 7F und starrte aus dem Fenster. Vertikale Blitze, horizontale Blitze, und das in einer Intensität und Helligkeit, die man vom Boden aus so nicht sieht. Meine Sitznachbarin meinte nur zu mir: „Das ist irre! Das ist total irre! Haben Sie so etwas schon mal gesehen?“ – „Nicht so, und nicht aus der Nähe. Das ist wirklich irre, und es wirkt so surreal.“ Gebannt starrten wir das Naturereignis an, und der Knabe auf dem Platz hinter mir schwieg erstmalig … 😉 Auch trat er nicht gegen meine Lehne. Welch Wohltat trotz der sehr, sehr heftigen Turbulenzen, in die wir gerieten. 😉 Aber ich mag ja Turbulenzen und sage immer: „Ohne Turbulenzen ist Fliegen langweilig – da kann ich ja gleich mit der Straßenbahn fahren.“

Gelandet sind wir dann ganz normal, mein Trolley war als drittes Gepäckstück auf dem Gepäckband, und so erreichte ich noch den Zug um 20:13 h, zumal der „SkyTrain“ gerade einfuhr, als ich mitsamt Gepäck gerade die Rolltreppe hochkam. Da konnte ich doch unmöglich noch ein Ticket dafür ziehen und musste schwarzfahren.

Verratet mich nicht! 😉 Ich hatte heute genug Stress. 😉 „Nur Fliegen ist schöner“ heißt es so oft. Das stimmt. Wenn man dann endlich in der Luft ist … 😉

On handling cats

Manchmal ergibt sich aus einem Thema ein weiteres – „von Hölzken auf Stöcksken kommen“ nennt man das hier, wo ich lebe.

Und kürzlich erwähnte ich meine ehemalige Katze Sally, ein wirklich reizendes Tier, das ich als Notfall aufgenommen hatte. Nur vorübergehend, leider, denn sie war wirklich süß. Aber sie hat ein gutes Zuhause gefunden, wo man sich den ganzen Tag um sie kümmern und sie hätscheln konnte, was mir nicht möglich gewesen war. Und da waren auch „Gleichgesinnte“ – andere Thaikatzen, wie man den alten Typ Siamkatze heutzutage nennt. Quasi Seelenverwandte, allesamt feinfühlig. Bei mir hatte Sally es mit einer sehr selbstbewussten und eigenwilligen Hauskatze, Nellie, einer Europäisch Kurzhaar, zu tun, die das sensible Thai-Tier dominierte, worunter es bisweilen litt. Das war ein nicht haltbarer Zustand gewesen, aber ich weinte, als ich die kleine Sally abgeben musste.

Am ersten Abend hatte sie sich unter einem Heizkörper versteckt und mir und dem Rest der Welt die Kehrseite zugewandt, ganz unter dem Motto, das auch Kleinkinder bisweilen verfolgen: „Wenn ich die alle nicht sehe, sehen die mich auch nicht.“ Ich ließ sie in Ruhe, ich weiß, wie es ist, wenn man fremd und unglücklich ist. Sie war abgegeben worden, nach Jahren von ihren Vorbesitzern im Stich gelassen worden. Für eine Siam- oder Thaikatze grauenhaft, da sie – anders, als andere Katzen – sehr personenbezogen sind, weniger ortsgebunden als andere Katzen. Darin, so erzählte mir die Tierärztin, bei der ich wenige Tage später mit Sally aufschlug, ähnelten sie mehr Hunden. Und so litt die arme, kleine Katze unter der Trennung von denen, die sie so schmählich im Stich gelassen hatten. (Umso schlimmer, dass sie bei mir auch nur vorübergehend sein konnte. Mein Trost war, dass sie danach wirklich ein festes Zuhause hatte, wo sie sich auch wohlfühlte.)

Sie kam den ganzen Abend nicht unter dem Heizkörper hervor. Ich hatte ihr etwas zu fressen und zu trinken hingestellt, was ich gegen Nellie noch verteidigen musste. Es fing schon gut an …

Irgendwann ging ich ins Bett, und auch Nellie hatte sich zurückgezogen. Und da ging es los, kaum, dass das Licht ausgegangen war. Ich hörte jemanden unruhig durch die Wohnung irren. Zunächst leise, aber dann ging es los: Wehgeschrei und lautes Klagen waren zu hören. Es zerriss mir fast das Herz – die arme Kleine war so rastlos und unglücklich! Dabei kann man nur schwerlich ruhig im Bett liegenbleiben. An Schlaf war eh nicht zu denken, denn das Klagen einer Siamkatze ist wirklich furchtbar. Furchtbar laut. Ich stand wieder auf und eilte zu dem kleinen Klageweib. Mit ruhigen, freundlichen Worten sprach ich leise auf die Katze ein, die – eng an den Boden gedrückt – ruhelos durch die Wohnung irrte. Ich beschloss, mich im Wohnzimmer in einen Sessel zu setzen und etwas Musik zu hören. Leise, natürlich, denn das Tier musste nicht noch zusätzlich verschreckt werden. Und so hörte ich Eric Clapton. Bei „Lay down, Sally“ kam das kleine Klageweib in meine Nähe, und dann kam es zu mir und sprang auf meinen Schoß! Mit allem hatte ich gerechnet, damit nicht. Und ich sang leise und beruhigend mit, während die kleine Katze sich in meine Arme drückte und leise schnurrte. Da sie einen total bescheuerten Namen hatte, auf den sie laut Aussage der Vorbesitzer eh nicht hörte, bekam sie von mir in dieser Minute einen neuen: Sally. Passte auch zu „Nellie“ (wenngleich es das einzige war, in dem die beiden zusammenpassten).

Fortan war Sally stets in meiner Nähe. Nachts schlich sie immer ins Schlafzimmer, und wurde ich morgens wach, lag stets etwas Pelziges neben meinem linken Bein unter der Bettdecke. Wurde sie dann wach, streckte sie sich erst einmal ausgiebig, und dabei spießte sie mir ihre Krallen ins linke Bein … Aaah! Jeden Morgen dasselbe. Wer danach nicht hellwach ist, ist mit großer Wahrscheinlichkeit tot. 😉

Nellie passte das alles gar nicht. Sally lag abends immer auf meinem Schoß, wenn ich fernsah. Nellie schlich dann immer um uns herum, mit böser Miene. Ihr Blick ein einziger Vorwurf. Einmal setzte ich Sally neben mir auf der Couch ab, stand auf und ging zu Nellie. „Du darfst dich doch auch auf meinen Schoß setzen, aber das willst du ja nie,“, sagte ich zu ihr und streckte meine Hand aus, um sie zu streicheln. Ein Fehler. Denn mit Vorwurf im Blick holte sie blitzschnell aus und verpasste mir eine tiefe Schramme an der Hand. „Siehst du, du bist aber auch eine Kratzbürste!“ sagte ich zu ihr. „Aber ich mag dich trotzdem, und das weißt du auch ganz genau.“ Nellie starrte mich eigensinnig an. Meine Mutter meinte angesichts ihres manchmal etwas sperrigen Wesens mehrfach: „Wie der Herr, so ’s Gescherr.“ Na, danke auch! 😉

Nellie kam immer morgens beim ersten Lichtstrahl zu mir – sehr, sehr angenehm im Hochsommer, wenn es so früh hell wird -, sprang ins Bett, setzte sich neben mein rechtes Ohr und plärrte unentwegt laut: „Miau!“ hinein. Das mir! Ich bin ja bekanntermaßen kein Morgenmensch … Reagierte ich nicht wie gewünscht, fing sie an, an meinen Haaren zu zupfen. Enervierend hoch drei, und meist erhob ich mich dann mit halbgeschlossenen Augen, ging in die Küche und öffnete eine Dose Katzenfutter. Meist irgendeine Sorte mit Fisch. Riecht morgens um 5, halb 6 besonders streng, aber Nellie drehte immer halb durch vor Glück. 😉 Sie lief in Achten um meine Füße, brachte mich nicht selten fast zu Fall, und die Gefahr war erst dann vorüber, wenn ich den Futternapf vor ihr abgestellt hatte. Sie war abgelenkt, und ich konnte unbemerkt wieder ins Bett verschwinden. Ah, wunderbar – schlafen!

„Miau!“ dröhnte es rechts neben meinem Ohr. Was denn nun schon wieder? Hatte ich kein Recht darauf, zu dieser unsäglich frühen Stunde einfach das zu tun, was jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand tun möchte? Offenbar nicht, denn nun wollte Nellie bespaßt und beschmust werden. Ich kraulte sie und spielte mit ihr, und das in der Hoffnung, bald wieder meine Ruhe zu haben und einfach schlafen zu können. Nellie würde sich binnen kurzer Zeit auch wieder zurückziehen, und dann … Doch da! Aus war es mit meiner Hoffnung, denn Nellie hatte Sally unter der Bettdecke entdeckt! Vor Wut kreischend, fauchend und spuckend drosch sie auf ihre Widersacherin ein, die sich ihrerseits mit Zähnen und Krallen zur Wehr setzte. Und ich mittendrin! Zwischen zwei kreischenden und dreschenden Furien, die ohne Rücksicht auf Verluste verbissen-brutal gegeneinander kämpften. Und ich schwöre, die Verluste waren allesamt auf meiner Seite! 😉 Denn noch heute künden zwei kleine Narben an meinem linken Oberschenkel von lange vergangenen Scharmützeln um die Vormachtstellung und meine Gunst … 😉 Das waren richtig tiefe Kratzer gewesen. So wünscht man sich einen Sonntagmorgen …

Das Verletzungsrisiko, das von Katzen ausgeht, ist besonders groß, wenn ein Tierarztbesuch ansteht und unvermeidlich ist. Habt ihr schon einmal versucht, eine Katze in ihre Transportbox zu setzen? Ich gebe euch den guten Rat: Zieht euch Gartenhandschuhe an! Und tragt Oberteile mit langen Ärmeln und auf keinen Fall kurze Hosen oder Röcke! Am besten ältere Klamotten, an denen euer Herz nicht so hängt. Optimal wäre ein Schutzanzug, ähnlich denen, die die Kollegen im Institut für Gießereikunde immer trugen, die mit Magnesium arbeiteten und Gussproben machten. Die sahen immer aus, als wollten sie eine Weltraummission antreten. Ist bei Magnesium aber unumgänglich. Und so etwas wäre für die Verbringung von Katzen in Transportboxen auch angemessen. 😉

Wie oft habe ich daran teilhaben dürfen, an diesem Vorgang, den man gerne hinter sich hat. Auch bei Bekannten hatte ich mehrfach aktiv mitgewirkt, wenn deren Samtpfoten (ha! „Samtpfoten“!) transportfähig gemacht und verpackt werden mussten. Man muss sehr schnell sein und sehr, sehr konsequent. Und unerschrocken. Für sehr schmerzempfindliche Menschen absolut nicht zu empfehlen. Meist sitzt das Tier dann fauchend und schimpfend in der Box, während man selber mit Wasserstoffperoxid oder anderen Wunddesinfektionsmitteln und Verbandmaterial die zahlreichen Scharten an Händen und Armen behandelt, ebenfalls schimpfend. Und nicht selten muss man danach auch die Wohnung wieder aufräumen, denn aus dem Regal herausgerissene Bücher, zerbrochene Tassen und weitere Objekte dieser Art liegen wildverstreut herum und legen Zeugnis ab von einer wilden Flucht in Regale, über Tische und Stühle. 😉

Beim Tierarzt selber habe ich verschiedene Varianten mit Nellie und Sally erlebt. Nellie saß laut schimpfend in der Transportbox, während wir im Wartezimmer warteten. Jeder vorbeilaufende Hund wurde angefaucht und mit den Pfoten bedroht – am liebsten hätte Nellie sie alle zerfleischt. Hätte man sie nur gelassen! 😉 Im Behandlungszimmer quoll sie dann voller Zorn aus ihrem Behältnis, drohte erneut mit den Pfoten und musste gebändigt werden. Ich glaube, die Tierärztin war immer sehr froh, wenn Nellies Behandlung beendet war und sie wieder in ihrem Hochsicherheitsgefängnis saß. 😉

Sally hingegen hatte zwar im Bus auf dem Weg zur Praxis laut geklagt, verstummte aber völlig, sobald wir die Schwelle zur Tierarztpraxis überschritten hatten. Ich nahm im Wartezimmer Platz, stellte den Transportbehälter vor meine Füße. Vorsichtig blickte ich hinein: Ein Paar großer, blauer Augen starrte mich an. Ein gewisser Vorwurf war darin zu erkennen. Doch da! Da kam jemand mit einem großen Hund an der Leine ins Wartezimmer. Der Hund war sehr nervös und stürzte ungebremst auf meine Transportbox zu. Arme Sally! Sie erstarrte komplett und lag danach in der Box, als sei sie eine Statue. Total starr – atmete sie überhaupt noch?

„Nun ja,“, dachte ich, „es hat einen Vorteil. Sie wird sich ganz ruhig aus ihrer Box nehmen lassen, anders als Nellie.“ Aber ich hatte mich geirrt. Sally erwachte wieder zum Leben, als die Tierarzthelferin die Transportbox öffnete und nach ihr griff. Man kann nicht sagen, dass sie um sich schlug oder sonstwie aggressiv geworden wäre. Nein. Ihr Verhalten erinnerte mich eher an Cartoons. Denn sie spreizte alle vier Beine ab und krallte sich von innen an ihrem Transportbehälter fest. Sie wusste genau, dass man sie so nicht herausnehmen konnte! Verbissen und zäh ihre Ehre verteidigend, nicht aggressiv. Sowohl Helferin, als auch Tierärztin mussten lachen. „Das ist ja eine süße Kleine!“ rief die Ärztin, und zu dritt lösten wir behutsam Sallys kleine Krallen von der Transportbox. Leise klagend ließ sie sich dann untersuchen. Und als man sie in den Transportbehälter zurücksetzte, drehte sie uns allen ihre Rückseite zu. Eindeutig gekränkt ob der erniedrigenden Behandlung. Sogar ein Fieberthermometer hatte man ihr in die Kehrseite gesteckt! Mit entsetzter Miene hatte sich die arme Katze danach umgedreht. Demütigend.

Zu Hause verschwand sie zunächst. Sie hatte ihr Gesicht verloren – eins der schlimmsten Dinge für eine Katze. (Ich weiß das, ich bin Sternzeichen Löwe … 😉 ) Aber zum Glück besann sie sich relativ schnell wieder und lag dann beim Fernsehen wieder auf meinem Schoß, leise schnurrend und mir ab und an über die Hand leckend.

Sie mochte mich, daran bestand kein Zweifel. Ich mochte sie auch. So sehr, dass ich ihr eines Tages sogar das Fliegen beibrachte. Das aber eher unfreiwillig. Was war passiert?

Es war ein Sonntagmorgen, und ich war am Samstagabend auf einer Party gewesen. Es war ein langer Abend gewesen. 😉 Aber ich konnte ja ausschlafen. Doch irgendwann wurde ich langsam wach. Etwas stimmte nicht. Ich bekam kaum Luft, wie ich mit noch geschlossenen Augen feststellte. „Zuviel geraucht,“, dachte ich – aber dass das gleich solche Auswirkungen haben würde … Und was war das für ein komisches, brummendes Geräusch? Ich fühlte mich sehr, sehr schlecht, hatte einen offenbar ziemlich heftigen Kater. Ich öffnete mühsam die Augen – und schrie los! Denn meine grünen Augen hatten in ein Paar blauer Augen gestarrt, das sich nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt befunden hatte. Hatte, denn ich hatte mich schwungvoll aufgesetzt und das Wesen, das da auf meiner Brust gelegen hatte, laut und panisch schreiend aus dem Bett befördert, quasi fliegend. Tolle Art, geweckt zu werden – Superidee! 😉

Arme Sally! Sie hatte es doch nur gut gemeint, wollte wohl in meiner Nähe sein und hatte sich auf meine Brust gelegt, sanft schnurrend. Ich hatte die unangenehmen Nebenwirkungen auf einen Kater geschoben – dabei war es eine Katze! Und die hatte ich so schmählich aus dem Bett geworfen, wenn auch nicht mit Absicht. Armes Tier. Zum Glück war sie mir nicht lange böse. 😉

Katzen sind ganz reizende Tiere. Kommt man mit Einkäufen nach Hause, miauen sie schon liebreizend hinter der Wohnungstür, und dann begrüßen sie einen inbrünstig, während man die Einkaufstüten abstellt. Rührend, die kleinen Kerlchen! Doch dann muss man feststellen, dass das eigentliche Objekt des Interesses keineswegs man selber ist, denn sobald die Einkaufstüten auf dem Boden stehen, wird man sang- und klanglos stehengelassen, und die kleinen Köpfe verschwinden neugierig in den Tüten. Es könnte ja Kochschinken darin sein! 😉 Daran muss man sich gewöhnen. 😉

Auch an Kratzspuren, dort, wo sie ihre Krallen wetzen. Meine beiden waren so rücksichtsvoll, das an Stellen zu machen, wo man es nicht so sah. (Netterweise benutzten sie die Tischböcke, auf denen meine Schreibtischplatte lag – ganz oben an den Tischböcken, dicht unter der Tischplatte, waren zahlreiche Scharten.) Es sei denn, man warf sich auf den Bauch. Aber wer macht das schon?

Ein wenig lästig ist es, wenn man am PC sitzt und die Katze gebannt neben dem Monitor kauert und jedes Mal, wenn sich darauf etwas bewegt, gegen den Bildschirm springt und mit den Pfoten nach dem vermeintlichen Lebewesen, das sich da bewegt, schlägt. Das kann ein bisschen nerven. 😉 Auch brauchen sie meist ganz dringend Zuwendung, wenn man gerade am PC sitzt und schreibt. Dauernd latschen sie über die Tastatur, auf der man zu tippen versucht, drücken schnurrend ihre Köpfchen gegen den eigenen Kopf und – stören.

„On handling cats“ schrieb ich. Aber das ist eigentlich falsch. Es müsste heißen: „On being handled by cats“ – „Wie man von Katzen gehandhabt wird“, nicht, wie man sie handhabt. Ich denke, das beschreibt es am besten. 😉

Aber wer könnte ihnen böse sein? Sie sind nun einmal so. Ich konnte jedenfalls nie böse sein – dazu waren sie zu charmant und liebenswert, eindeutig positiv. Und sie beide zusammengenommen waren irgendwie wie meine beiden Seiten, denn jeder Mensch hat ja bekanntermaßen mehrere Seiten oder Nuancen, Facetten. Nellie repräsentierte meine eher vordergründige Seite: lauter, dreister, eher haudegenmäßig wirkend, ein Frotzelkopp und auf ihre Rechte pochend. Manche Menschen halten mich daher für unsensibel. Meine andere Seite, die man nur kennenlernt, wenn man mich genauer beobachtet, wurde durch Sally verkörpert: durchaus sehr sensibel. Vorsichtig darin, wem sie ihr Vertrauen schenkte. Offenbar hatte sie mich aber sehr schnell durchschaut, da sie so schnell zu mir Vertrauen fasste. Mir tut es heute noch weh, dass ich sie nicht behalten konnte. Als hätte ich sie verraten. 🙁

Aber wenn ihr einen angenehmen tierischen Hausgenossen sucht, ist eine Katze nicht verkehrt. Wenn ihr eine ruhige Katze wollt, die nicht viel „spricht“, solltet ihr allerdings keine Siam- oder Thaikatze nehmen, denn die sind sehr, sehr „redselig“. 😉 Nicht jeder mag das … 😉

Nein! „Scotty“ hat eine Macke!

Nein, ich meine nicht die Macke, die ich bereits beschrieben habe: dass Scotty, mein silberfarbener Toyota Auris, ein recht eigenwilliges Wesen zu haben scheint und gerne mal zickt (dafür funktioniert das Radio nebst CD-Player wunderbar …). Keine Macke im übertragenen Sinne. Er hat eine richtige, seine erste – und ich habe sie nicht verursacht.

Ich kann von mir nicht behaupten, eine Ordnungsfanatikerin oder gar Pedantin zu sein. Zwar hat mein Ex Giacomo vier Jahre lang versucht, mir seinen ihm eigenen Ordnungswahn und seine Pedanterie anzuerziehen, und doch scheiterte er auf ganzer Linie. Bei mir biss er auf Granit. Pedanterie kann ich nicht leiden, und meinem Wesen ist es nicht eigen, dauernd alles abgezirkelt an seinen Platz zu legen, in exakt abgemessenem Abstand, auf dass es „hübsch ordentlich“ sei. Ich gebe zwar zu, dass das durchaus Vorteile hat, da man auf Anhieb alles wiederfindet, was man bisweilen so sucht, aber ich bin da eben etwas anders. Tausendmal rechnete Giacomo, der einst Mathematik und Informatik studiert hatte, mir minutiös vor, wieviel Zeit ich einsparen könne, würde ich auch alles im dafür bestimmten Behälter, am eigens bestimmten Ort in millimetergenauen Abständen und nach einem gewissen System einordnen – er arbeitete damals als Programmierer -, aber ich nannte das unkreativ, phantasie- und geistlos und behauptete, lieber suchte ich bisweilen, gern auch länger, bevor ich mir solch ein Ordnungswahnsystem eigen machte. Und die Zeitersparnis sei es nicht wert, wenn ich, mich an das Wahnsystem gewöhnen müssend, irgendwann selber dem Wahnsinn anheimfiele und unter Haarausfall litte, da ich dauernd entnervt an meinen Haaren risse, weil mich Pedanterie schlichtweg total porös macht und ich dann mit diversen Übersprunghandlungen reagiere (Reißen an den Haaren, Fluchen etc.).

Ich finde im Grunde auch immer alles wieder, was ich suche, nur dauert es manchmal ein wenig länger. Aber die Suche hat so viele wundervolle Überraschungen in petto! Denn manchmal finde ich Dinge wieder, die ich lange verloren wähnte! 😉 Und das ist dann so, als habe man diese Dinge gerade eben neu geschenkt bekommen – unbezahlbar. 😉

Dabei hat auch bei mir alles seinen Platz. Nur wechseln bisweilen die Plätze. 😉 Und da ich stets in Gedanken und zuweilen etwas hektisch bin, merke ich mir die neuen Plätze eben nicht immer.

Was ich aber gar nicht leiden kann, sind Schäden an Dingen, an denen mein Herz hängt …

Heute früh schleppte ich mich gegen 6:45 h aus dem Haus. Seit ich Scotty mein eigen nenne, bin ich immer sehr früh bei der Arbeit. Ich will mich nicht um einen Parkplatz streiten müssen, nur, weil ich so spät bei der Arbeit eintreffe, dass bereits fast alle besetzt sind. Und ich bin noch etwas vorsichtig beim Fahren. Speziell beim Ein- und Ausparken. Außerdem habe ich eine horrende Summe an Minusstunden … 😉

Ich hatte etwas weiter vorne in der Straße geparkt, in einer Parkbox und im 90-Grad-Winkel zur Straße. Zur sehr engen Straße, an deren Seite auch Autos parken. Als ich den Wagen gestern schwungvoll, aber sehr gerade eingeparkt hatte, hatte schräg hinter mir auf der anderen Seite der – wirklich sehr schmalen – Straße ein Transporter gestanden, was ich bereits mit etwas Sorge betrachtet hatte, zumal hinter ihm noch Platz war. Hoffentlich würde niemand noch hinter ihm parken …

Aber als ich heute früh bei meinem Auto ankam, sah ich zu meinem Entsetzen, dass nicht nur meine Nachbarn zur Rechten, wie zur Linken gewechselt hatten. Die von gestern hatten in gebührendem Abstand gestanden. Die neuen Nachbarn, ein BMW und ein Opel, aber schienen meinen kleinen Scotty wohl so sehr zu mögen, dass sie sich quasi an ihn schmiegten. Aber es kam noch schlimmer: Hinter dem Transporter, den ich eingangs erwähnte, stand ein weiterer Transporter! Groß und breit und die ohnehin schon sehr enge Straße hinter mir noch weiter verschmälernd. Es war auch für versiertere Fahrer als mich eine wirklich ziemlich enge Situation.

Vorsichtig öffnete ich meine Fahrertür, ganz, ganz vorsichtig, da der linke Nachbar so dicht danebenstand. Der rechte, der Opel, noch dichter. Ich hoffte, dass ich trotz der Enge auf normalem Wege würde einsteigen können – ansonsten hätte ich den Weg über den Kofferraum nehmen müssen. 😉 Und wer macht das schon gern? 😉 Ich habe zwar einen Fünftürer, aber die hinteren Türen waren nicht weiter zu öffnen als die vorderen … Hätte ich mir die linke hintere Tür da nur mal angesehen! Aber es war noch früh am Tage …

Wie ein Schlangenmensch schlängelte ich mich hinters Lenkrad und warf meine Tasche auf den Rücksitz. Schnallte mich an, trat aufs Bremspedal und ließ den Motor an. Eric Clapton fing sofort an, seine Meinung kundzutun und sang „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Ich liebe dieses Lied, aber es erschien mir in meiner derzeitigen Situation irgendwie unpassend. 😉 Dann in den Rückwärtsgang geschaltet und vorsichtig zurückgesetzt, wobei ich das Lenkrad nach rechts einschlug. Ein mit „Knockin‘ on Heaven’s Door“ wenig harmonierendes Geräusch ließ mich aufmerken – ein Piepsen. Stimmt! Scotty hat ja eine Ein- bzw. Ausparkhilfe serienmäßig! Zumindest hinten. Vorn nicht. Und die fing erstaunlich schnell zu piepsen an – kein schönes Geräusch morgens um 6:49 h. Zumal sie immer intensiver und lauter wurde. Ich bremste, stellte den formschönen Wählhebel auf „Vorwärts“ und fuhr in die Ausgangsposition, dabei so weit nach links einschlagend, wie es vertretbar war. Dann wieder auf „Reverse“, rechts eingeschlagen, erneut zurückgesetzt. Piep-piep-piep – wir haben uns alle lieb! Ich fluchte ein bisschen, fuhr wieder vorwärts, dabei so einschlagend, dass ich in einem günstigeren Winkel ausparken konnte. Wie ich hoffte. Allerdings schwebte vor meinem geistigen Auge ein Bild von einem Kran, der meinen kleinen Scotty aus der Parklücke hob … 😉 Außerdem projizierte mein geistiges Auge meinen Kollegen Michael und den Ex-Kollegen Chuck, wie sie beide gesagt hatten: „Ali, kauf dir doch einen Smart – da hast du nie Probleme mit einem Parkplatz.“ Und Chuck hatte noch gesagt: „Oder einen Mini. Der passt zu dir.“ Und ich erinnerte mich, wie ich verächtlich gesagt hatte: „Ich will ein Auto und kein Spielzeug!“ (Obwohl der Mini zu meinen Lieblingsautos zählt … 😉 )  Jaja, Hochmut kommt vor dem Fall … Ich habe dieses Sprichwort schon immer gehasst. Aber es ist eindeutig etwas Wahres dran. 😉

Alternativ war ich kurz davor, den Wagen einfach wieder in seine Parkposition zu bringen, abzuschließen und zur Straßenbahn zu gehen. 😉 Aber wer wäre ich denn, wenn ich feige einfach die Flinte ins Korn werfen würde! Mit wenig schönen Gedanken, den Transporter-Besitzer betreffend, ich gebe es zu, rangierte ich mit Todesverachtung erneut – und es klappte. War aber wirklich eine Sache von wenigen Zentimetern. Immerhin „schrie“ die Ausparkhilfe nicht so penetrant, und ich atmete auf, als ich so auf der Straße stand, dass ich losfahren konnte.

Immerhin war ich nun richtig wach, und ich sang laut mit Eric Clapton mit: „Lay down, Sally and rest you in my arms / Don’t you think you want someone to talk to? / Lay down, Sally, no need to leave so soon / I’ve been trying all night long just to talk to you.”

(Ich mag auch dieses Lied. Es ist dafür verantwortlich, dass eine der beiden Katzen, die ich in den 90ern in Aachen gehabt hatte, eine Thaikatze, ein echter Notfall, den Namen „Sally“ von mir bekam, da sie in der ersten Nacht bei mir so unruhig gewesen war, dass ich schon fast verzweifelte, weil sie so laut und ebenfalls verzweifelt schrie. An Schlaf nicht zu denken, und so stand ich wieder auf, versuchte, das Tier zu beruhigen und schaffte es mit Hilfe von Eric Claptons „Lay down, Sally“. Da kam die kleine Verzweifelte zu mir, schmiegte sich in meine Arme und fing sachte zu schnurren an, während ich das Lied leise mitsang. Schon hatte das treue Tier seinen Namen und ich eine Katze, die wie Pech an mir klebte. Eine echte Seele von Tier, und mir tut es heute noch weh, dass ich sie nicht behalten konnte, obwohl ich es gerne wollte. 🙁 )

Problemlos zur Arbeit gekommen, obwohl ich mich immer wieder frage, warum um alles in der Welt andere Autofahrer wie wild drängeln müssen, obwohl die Höchstgeschwindigkeit 50 ist und auf der Strecke ein Blitzer! Sorry, aber da fahre ich nicht schneller. Sonst gern. Aber wenn ich weiß, dass da ein Blitzer steht, sollen sie mich auf der zweispurigen Straße gern überholen – ich bleibe bei 50. 😉 So wurde dann auch ein Fahrer, der mich ungeduldig überholt hatte, geblitzt. Selber schuld. Ich fahre auch gern schneller, aber doch nicht da, wo ich weiß, dass ich mit einiger Wahrscheinlichkeit geblitzt werde. Oder? 😉

Bei meinem Arbeitgeber parkte ich auf dem Parkplatz, schloss den Wagen ab und strebte meiner anspruchsvollen Arbeit zu. 😉 Um 7:10 h habe ich mich eingestempelt.

Um 16:40 h habe ich mich ausgestempelt und bin nach Hause gefahren. Vor dem Haus parallel zum Bordstein ein prächtiger Parkplatz – sofort okkupiert! 😉 Als ich ausstieg und die linke hintere Tür öffnete, um meine Tasche vom Rücksitz zu klauben, sah ich dann, dass die linke, hintere Tür beschädigt war! Mir blutete das Herz! Ich war das nicht gewesen – ich denke, mir hat einer eine Tür in meine Seite gehauen. Ich bin immer sehr, sehr vorsichtig beim Öffnen der Türen, gehe mit Autos ohnehin um wie mit rohen Eiern. Und nun blutete mir wirklich fast das Herz, als ich sah, was passiert war. Es ist ein geringer Schaden, aber es ärgert mich. Wahrscheinlich war da jemand, der noch wurschtiger ist als ich und der einfach seine Tür trotz geringen Abstands aufgerissen hat, ungeachtet der Tatsache, dass andere Leute vielleicht weniger wurschtig mit ihrem Eigentum umgehen. Da bin ich nämlich tatsächlich heikel. Bücher und Musikinstrumente würde ich nie verleihen. Bücher nicht mehr, zu viele schlechte Erfahrungen. Musikinstrumente per se nicht. Und bei Autos bin ich offenbar ähnlich heikel. 😉

Nun ja.  Es ist hier auf der Straße so eng, dass damit zu rechnen war. Immerhin bin ich nicht diejenige, die verantwortlich ist. Aber ein bisschen weh tut es schon. Ich fange an, Menschen, meist Männer, mehr zu verstehen, die die Krise kriegen, wenn jemand ihrem liebsten Kind, dem Auto, zu nahe getreten ist. Irre. Ich lerne mich ganz neu kennen. 😉

Mein herkömmlicher „Carrier“ hat eine Kundin verloren

Da ich Zugfahren hasse, bin ich bis dato in meine „Heimat No. 2“ immer geflogen. Ergo gen Nürnberg. Die Airline, mit der ich flog, gehörte und gehört eher dem Billigsektor an und ist nach der Bundeshauptstadt benannt. Bis auf einige Petitessen war ich bis dato immer einigermaßen zufrieden. Sie war auf alle Fälle günstiger und schneller als die Deutsche Bahn AG, und ich reise meist eher kurzfristig gen Bayern bzw. Franken. Kurzentschlossen und nur für kurze Zeit. Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, hier falle mir die Decke auf den Kopf. Wenn ich mal weg muss. Da muss der Wechsel schnell sein, und lange Zugfahrten eignen sich da nicht. Ein kurzes Eintauchen in eine eher unbeschwerte Mentalität muss her – was bietet sich da mehr an als Fliegen? 😉 (Ja, ich weiß, auch in Franken gibt es Beschwerliches, denn da leben auch Menschen – aber für einen Tapetenwechsel ist Franken einfach nur mehr als geeignet. Schon der Küche wegen. 😉 )

Ich buchte also letzte Woche sehr kurzentschlossen ein Hotel in Bamberg. Für zwei Nächte über Ostern. Meine Eltern haben zwar eine Wohnung dort, und sie hätten mich auch aufgenommen, aber zwei, drei Nächte auf der Couch? Hmmm … Und meine Eltern wollen auch ihre Ruhe. Und ich bin gerne unabhängig.

Ich wurde fündig im Hotel „Central“, unweit der Wohnung meiner Eltern mitten in der Stadt. Als die Unterkunft gesichert war, suchte ich nach einem Flug gen Nürnberg. Wurde fündig und buchte. Da ich die Airline kannte, machte ich den Fehler, nicht das Kleingedruckte zu lesen. Denn offenbar hat sich einiges geändert, wie ich nach erfolgter Buchung dann feststellte. Inklusive nur ein vergleichsweise kleines Handgepäckstück. Stornierung des Fluges aber nur gegen Geld. Da ich – ich gebe es zu – nicht in der Lage bin, drei Tage mit kleinem Handgepäck von maximal 6 kg Gewicht zu verbringen, musste ich heute für 15,- Euro meinen kleinen Trolley nachbuchen. Schon die Sitzplatzreservierung hatte hin und rück mit 30,- Euro unverschämt zu Buche geschlagen. Aber ich habe gern einen festen Sitzplatz und lasse mich ungern plazieren. Eine meiner Eigenheiten. Aber die Reservierung war auch ganz plötzlich unverschämt teurer geworden, was ich zähneknirschend akzeptierte. Nun aber auch noch dieser Gepäck-Aufpreis – das war frech!

Ich kenne mich. Ich habe in Bamberg einige Präferenzen, Geschäfte betreffend. Zum Beispiel wäre da mein Lieblings-Antiquariat, kurz hinter dem Alten Rathaus gelegen, das mitten in der Regnitz steht. Jedes Mal gehe ich an diesen magischen Ort, der wie eine uralte Bibliothek wirkt: Knarrende Dielen mit abgetretenen Teppichen, überall Stufen, Schwellen und Stolperfallen, mannshohe Bücherregale, echte Schätze darin. Nicht allenthalben, aber oft entdeckt man Spannendes, das man, wenn erschwinglich, unmöglich dort stehenlassen kann. 😉 Ich komme aus Bamberg immer mit diversen Büchern zurück. Das Antiquariat ist stets wie eine Wundertüte, eine Überraschung, und dem konnte ich als Kind schon nicht widerstehen. Und ich bin ein Bücherwurm. 😉 Und habe ein Faible für Antiquariate. Die alten Bücher sind viel spannender als neue. Wer mag darin gelesen haben? Was für Schicksale verstecken sich dahinter?

Es gibt diverse Antiquariate in Bamberg. Eines – nicht weit von meinem Favoriten entfernt – hat mich schon als Kleinkind mit außergewöhnlichen Büchern versorgt: das Antiquariat „Murr“ an der Unteren Brücke. Da war eine sehr gute Freundin meiner Oma werktätig, die Tochter des Firmengründers, deren Bruder das Antiquariat übernommen hatte. Tante Beate brachte Stephanie und mir immer wieder Bücher mit. Als wir klein waren, waren es Kinderbücher, die nicht jeder hatte. Je älter wir wurden, desto anspruchsvoller das Programm. Mit 14 bekam ich ein Buch von Tante Beate, das mich faszinierte, obwohl es nicht dem entsprach, was man mit 14 so liest. Ich hatte auch erst einige Anfangsschwierigkeiten, aber dann las ich es in einem durch, damals im Sommer im „Neptun“, dem Freibad und Schwimmverein, in dem Oma Mitglied war und man nicht nur schwamm, sondern auch so etwas wie eine gewisse Bräune erwarb. Ich vor allem Sommersprossen. 😉 Es war von Selma Lagerlöf. Und es war nicht „Nils Holgersson“. 🙂 „Eine Herrenhofsage“ hieß es, und es steht noch heute in einem meiner Bücherregale. Ebenso der Band „Schwedische Märchen“, auch ein Geschenk Tante Beates einige Jahre zuvor. Im Grunde war Tante Beate „schuld“ an meiner Vorliebe für Skandinavien und – weitestgehend – auch Literatur. Das war zwar in meiner Familie auch wichtig, aber Tante Beate leistete dem Ganzen entscheidenden Vorschub. 😉

Dennoch suche ich meist das andere große Antiquariat auf, denn „Murr“ ist vor allem auf alte Kupferstiche spezialisiert. Und da komme ich eben meist mit einer Vielzahl Büchern wieder heraus – unmöglich mit nur kleinem Handgepäck! 😉

Und dann soll ich meiner Kollegin Janine eine Flasche „AEcht Schlenkerla Rauchbier“ mitbringen. Eine Halbliter-Glasflasche mit Inhalt. Geht nur in einem Trolley. Außerdem plane ich, für mich neben Büchern auch noch anderes mitzubringen: Gelbwurst, zum Beispiel. Gibt es hier nicht, ist seit Kleinkindzeiten meine Lieblingswurst. Oder „a Virddala“, ein Viertel dieses wundervollen Bauernbrots, wie es in den kleinen Bauerndörfern um Bamberg herum gebacken wird. Ich hasse ja normalerweise Kümmel als Gewürz. Es ist komplett inkonsequent, aber in diesen annähernd wagenradgroßen, runden Bauernbroten mag ich ihn. Es kommt wohl – wie so oft – auf den Kontext an. 😉

Ein weiteres echtes Bamberger Produkt, das ich sehr liebe, kann ich nicht mitbringen, denn das kann man nur frisch essen: „a echt’s Bambercher Hörnla“, ein Hörnchen aus Plunderteig mit viel Butter, einem Croissant ähnlich, nur viel besser. Ich habe schon sehr gute Croissants in Frankreich gegessen, aber keines kam an ein „Bambercher Hörnla“ heran – das muss man selber probieren. 🙂 Das erste „Hörnla“ kaufe ich mir immer, wenn ich in Bamberg am Bahnhof ankomme, von Nürnberg kommend, wo ich mit dem Flieger gelandet bin. Das kann man nicht „exportieren“, da es nur frisch schmeckt.

Wie auch immer: Ich brauche meinen Trolley, und ich bin richtig sauer, dass ich dafür 15,- Euro Aufpreis zahlen muss, seit neuestem. Frechheit! Und weiß der Henker, was meine Mutter mir wieder alles mitgibt. Sie weiß um meine kulinarischen Vorlieben, da ich diesbezüglich eindeutig süddeutsch geprägt bin. Beim letzten Mal reiste ich mit einer eingeschweißten Portion „Blaue Zipfel“ zurück: fränkischen Bratwürsten, in einem Sud aus Essig, Wein, Karotten, Zwiebeln und Wacholderbeeren eingelegt, die ich zu Hause nur noch erwärmen musste. Hatte ich schon mehrfach selber zubereitet, was aber erheblich aufwendiger war. Klingt nach einem komischen Gericht, nicht wahr? Schmeckt aber hervorragend. Solltet ihr je auf die Idee kommen, das Ganze mal zu probieren: Haltet nie beim Garvorgang eure Nase über den Topf! Der stechende Sud wird euch die Tränen in die Augen und die Nase treiben. 😉 Aber es schmeckt hervorragend, was sogar mein Ex Giacomo sehr überrascht meinte, der zunächst sehr skeptisch zugesehen hatte, was ich da anfertigte und sich über den intensiven Essig-Wein-Geruch in seiner Wohnung beschwerte. 😉

Eine Sache, die mir hier sehr fehlt, kann ich auch nicht mitbringen: Karpfen. Ich bin ein eingeschworener Karpfen-Fan, aber den kann ich nur essen, wenn ich in Franken bin. Hier grenzt es an Hohe Kunst, einen akzeptablen Karpfen zu bekommen. Aber so weiß ich wenigstens, was ich am Ostersonntag essen werde: Karpfen blau. 😉 Und wieder werde ich mit den zahllosen widerspenstigen Gräten kämpfen, die solch ein Fisch enthält. Egal – das ist es wert. 🙂

Vielleicht bringe ich auch noch einen Bocksbeutel mit. Frankenwein. In jedem Falle brauche ich meinen Trolley, und ich habe einen ziemlichen Hals auf die Airline, die seit neuestem eine Gebühr für normales Gepäck erhebt. Und ich habe beschlossen, mit denen nie wieder zu fliegen. Vielleicht ein Ansporn, mich mit „Scotty“ doch mal auf die Autobahn zu begeben. Natürlich nur im Sport-Modus, mit dem es sich viel komfortabler fährt. 😉

Aber erst einmal fliege ich am Samstag um zehn vor 9 morgens von Düsseldorf Richtung Nürnberg. Und ich weiß schon jetzt, dass ich auf dem Rückflug in Nürnberg den Duty-free-Shop aufsuchen werde … Hoffentlich hat der nicht wieder Inventur … Das wäre nicht auszudenken. 😉

Am Donnerstag werde ich mir abends das typische Bamberger Gründonnerstags-Essen machen: Spiegelei mit Salzkartoffeln und Spinat. Als Kind gehasst, heute geliebt – so ändert sich der Geschmack. Und die Bundeshauptstadt-Airline kann mich dann auch mal – ich freue mich jedenfalls auf Bamberg! 🙂

Hilfe, mein Auto erzieht mich! ;-)

Es gibt einige Dinge, die ich wirklich auf den Tod nicht leiden kann. So, zum Beispiel, wenn andere Leute mich erziehen wollen, weil ihnen meine Meinung oder meine Lebenseinstellung nicht passt und sie die ihre für das Maß aller Dinge halten. Dass ich Eigenschaften habe, die nicht jedem gefallen – mir oft ja selber nicht -, leugne ich gar nicht. Aber solche Eigenschaften haben andere auch. Das ist nun einmal so, und wenn ich mich wirklich über alles aufregen würde, hätte ich dauerhaft zu hohen Blutdruck. Ich rege mich ohnehin schon viel zu oft auf, meistens aber nicht grundlos. 😉

Nun gibt es aber seit gestern jemanden in meinem Leben, der es ebenfalls zu seiner Aufgabe gemacht zu haben scheint, mich zu erziehen. Und – großer Mist – dem kann ich noch nicht einmal erklären, dass er das, bitte, lassen solle. Ich könnte schon, aber ich fürchte, genauso gut könnte ich versuchen, einen Pudding an die Wand zu tackern. Denn bei meinem neuen Erzieher handelt es sich um Scotty. Mein Auto, das sich seit gestern in meinem Besitz befindet und harmlos aussehend unten auf der Straße vor dem Haus parkt, wo ich ihn heute abgestellt habe, nachdem ich aus D. zurückgekehrt war, wo ich mein Handy bei meinen Eltern abgeholt habe, das ich in ihrem Auto verloren hatte.

Ich war sicherheitshalber bereits um kurz vor 8 losgefahren, denn ich bin noch nicht allzusehr mit Scottys teils interessanten Eigenschaften vertraut, die sich größtenteils daraus ergeben, dass er über keine gängige Wandlerautomatik oder ein Doppelkupplungsgetriebe, sondern ein MMT-Getriebe verfügt, einen mehr oder weniger tollen Kompromiss zwischen Automatik und Schaltgetriebe. Sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man das Fahren mit einer Wandlerautomatik gewohnt ist. Die funktioniert stufenlos, schaltet ganz sanft. Scottys MMT-Getriebe habe ich noch nicht ganz durchschaut, da es teilweise etwas inkonsequent wirkt, bisweilen sogar fast unberechenbar, da die Automatik – ich berichtete – beim Anfahren nicht selten zu überlegen scheint, was sie nun als Nächstes tun solle. Ich würde ja vorschlagen, ganz einfach zu schalten, aber die Automatik scheint diesbezüglich recht launisch, zickig und nicht immer meiner Meinung zu sein. Aber wie ich neulich zu meinem Ex-Kollegen Chuck meinte: „Jeder bekommt das Auto, das zu ihm passt.“ Dabei hatte ich heftig gegrinst. Ich hatte es nicht böse gemeint – er hatte nur sehr amüsant über seinen Wagen berichtet, der bisweilen offenbar auch ein etwas „eigenes“ Verhalten an den Tag zu legen schien. Ich hatte sogar gesagt: „Dein Auto scheint auch ein Spinner zu sein.“ Aber auch das hatte ich nicht böse gemeint – im Gegenteil. 😉

Nun muss ich feststellen, dass sich mein eigener frotzeliger Spruch gegen mich gewandt hat! Denn auch ich scheine das Auto bekommen zu haben, das zu mir passt: einen etwas launischen, bisweilen zickigen Zweifler, der zwar manchmal ganz brav das macht, was er soll, im nächsten Moment und bei gleicher Behandlungsweise aber spontan beschließt, sich ganz anders zu verhalten! Ich stelle einige Parallelen zu meinem Wesen fest, und ich entschuldige mich hiermit beim Ex-Kollegen für meinen Spruch. 😉 Wie heißt es so schön? „Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort, für größere lässt er sich etwas mehr Zeit.“ Ich glaube zwar nicht an Gott, aber das Prinzip scheint zu stimmen.

Ich tat also gut daran, etwas zu tun, was mir sonst an einem Sonntagmorgen niemals in den Sinn käme. Ich stand um 7 Uhr auf, machte mich fertig und saß um kurz vor 8 bereits an Bord des zickigen Zweiflers, der von außen so brav und harmlos aussieht. 😉 Er sprang auch ganz willig an, ich setzte etwas zurück, linken Blinker setzen, und schon ging es los. Von gestern gewarnt, trat ich nur sachte aufs Gaspedal, Scotty schaltete brav und fuhr mit einem sanften Brummen los. Sehr schön. Am Ende der Straße blinkte ich rechts und bog ab, etwa zweihundert Meter später erneut rechts. Und ich fuhr auf einen Kreisverkehr zu. Schnell den Fuß vom Gas und verzögern – könnte ja einer von links kommen. Fuß vom Gas brachte nicht viel Verzögerung, und ich musste leicht bremsen, zumal da wirklich ein Auto von links kam. Dann schnell in den Kreisel – ich gab Gas, doch nur sachte, denn ich war ja vorgewarnt. Aber Scotty schien etwas nicht zu gefallen, denn er schaltete spontan und beschleunigte in einer Weise, mit der ich nicht gerechnet hatte. Zum Glück bin ich schon wieder relativ geübt, und so gab es kein Problem, abgesehen von meiner grenzenlosen Überraschung. Ich hatte genauso sachte Gas gegeben wie beim Losfahren vor meinem Haus. Was wollte mir der Wagen mitteilen? Und das mir mit meinem „Bleifuß“, den Jeannette mir attestiert hatte, woraufhin ich konterte, ich hätte eindeutig „westfälische Knochen“, aber nur im rechten Fuß. Ergo schwere Knochen – darin liege meine Tendenz begründet, immer etwas schneller zu fahren. 😉 Jeannette hatte gelacht. Bei Scotty muss ich echt aufpassen – der ist nur etwas für ganz besonders sanfte Gemüter. 😉

Ich fuhr durch Buer, fuhr Slalom durch Hassel mit dieser „genialen“ Straßenführung, und ich fuhr die zulässige Höchstgeschwindigkeit: 50 km/h. Auf meiner hinteren Stoßstange ein Mini aus Bochum, der unbedingt schneller fahren wollte. Sollte er. Ich nicht, denn ich weiß genau, dass ich diejenige wäre, die geblitzt würde. Ich bin so ein Mensch – ich ziehe so etwas an, ich weiß nicht, warum das so ist. Alle verhalten sich wider die Vorschrift – wer wird erwischt? Ali. 😉 Und wieso sollte ich mich bei dieser Slalomstrecke zu höherer Geschwindigkeit nötigen lassen? Wieso sollte ich das auf jedweder Strecke tun? Der Bochumer Mini-Fahrer war wohl erleichtert, als ich mich schließlich links einordnete – er selber raste wie ein Bekloppter geradeaus weiter. (Zur Strafe hat der VfL heute verloren … ;-))

Und ich bog ab und fuhr mit 70, 80 km/h gen D., wo ich dann zur Überraschung meiner Eltern um halb 9 eintraf. So früh hatten die mit mir nicht gerechnet. 😉 Ich habe dann mit ihnen gefrühstückt, blieb aber nicht lange, da die beiden heute für zwei Monate nach Franken fahren wollten und etwas in Eile waren. Und ich wollte auch zurück.

Ich fuhr los und musste feststellen, dass Scotty erneut wiederholt völlig widersprüchlich agierte. Was wollte er mir damit sagen? „Ich habe einen eigenen Willen und bin eine Zicke – gewöhn dich möglichst schnell dran, Tussi!“ So kam es mir vor. Zog er bisweilen beim Anfahren nicht sofort und trat ich das Gaspedal dann nur ganz sachte etwas mehr durch, schaltete er hektisch und schoss – nicht immer, nur manchmal, wenn ihm danach war – los. Besonders schön beim Abbiegen. 😉 Zum Glück kann ich sehr schnell lenken, und die Lenkung ist bei Scotty wirklich prima. Das ist auch gut so. 😉 Ich glaube, er fährt einfach nicht gerne an. 😉 Ist bei mir ja ähnlich – ich komme morgens auch nur schlecht in die Puschen. Vielleicht sollte ich Scotty mal einen Kaffee anbieten? Bei mir hilft das. 😉

Ist er einmal in Fahrt, schaltet er wie eine Eins. Er scheint gerne schnell zu fahren – zumindest würde ich das jetzt einfach mal so interpretieren.

Zurück durch Hassel, wieder Slalom. In Buer nahm ich mehr oder minder freiwillig mehrere Spurwechsel vor – das, was ich besonders gern mache. Ich fuhr über den Nordring nach Hause. An zwei roten Ampeln fing Scotty wieder mit seinem Gezicke an, ich begann zu fluchen. Durchaus heftig. Seitdem lief er brav wie ein Lämmchen.

Er scheint mich wirklich erziehen zu wollen. Ich frage mich nur: wozu? Denn er ist selber ein wenig inkonsequent in seinen Handlungen. Was also soll ich lernen? Ich gehe davon aus: Toleranz und Akzeptanz. 😉

Aber gegen Ende der Fahrt, als ich den Wagen wieder vor dem Haus parkte, war mir zumindest klar, was ich tun müsse, wenn ich beschleunigen will: ganz sachte Gas geben, dann den Fuß ganz leicht vom Gas und dann ebenso sachte wieder Gas geben – dann nämlich tut er das, was von ihm erwartet wird. Meist.

Morgen ist mein Urlaub zu Ende, und ich muss wieder zur Arbeit. Ich glaube, ich stehe schon um 6 Uhr auf und fahre dann sehr früh zur Arbeit. Sicher ist sicher. Und ich werde morgen mal den „Sport-Modus“ ausprobieren – angeblich fahre der Wagen dann, wie ich in verschiedenen Internetforen erfuhr, die Gänge mehr aus. Führt zwar zu höherem Verbrauch, aber – so die einhellige Meinung in den Foren – das sei nicht wirklich exorbitant. Aber es erhöhe den Komfort. Wird morgen sofort ausprobiert. 😉

Es wird sicherlich ein Weilchen dauern, bis ich mich an die Capricen des kleinen Scotty gewöhnt habe, dessen Namen ich nicht besser hätte wählen können (siehe gestriger Beitrag – da ist es erläutert).

Aber an mich muss man sich auch erst einmal gewöhnen. 😉 Und so hat mich mein „fieser“ Spruch von neulich eingeholt. Auch ich habe das Auto, das zu mir passt: einen zickigen Zweifler. Und ein Spinner ist er auch. 😉

„Scotty“ ist da! Und mein Handy auch wieder … ;-)

Ich muss es leider gestehen: Letzte Nacht habe ich ein wenig unruhig geschlafen. Wenn ich denn schlief. Ich war doch etwas nervös wegen der Abholung meines Autos. Ihr werdet das sicherlich nicht so ganz verstehen, aber – ich muss es wiederholen – für mich ist es wirklich etwas Besonderes, nach so langer Zeit, in der ich mich mit allen vier Extremitäten gegen das Fahren sträubte, selber zu fahren. Noch dazu mit einem eigenen Auto, das meiner in Recklinghausen harrte.

Meine Eltern hatten sich netterweise bereiterklärt, mich dorthin zu bringen, und ich bat meinen Vater, auf der Rückfahrt mit mir zu fahren. Natürlich auf dem Beifahrersitz – fahren wollte ich schon selber. Und so wurde ich gegen 11:15 h abgeholt, und wir fuhren nach RE.

Dort wartete bereits der Autoverkäufer, und ich sah mit einem Blick auch meinen Wagen. Schick sah er aus mit den neuen Nummernschildern, zugelassen und alles fix und fertig. Allerdings parkte er in einer sehr ungünstigen Position auf dem sehr, sehr engen und vollgestellten Hof, und ich betrachtete das Ganze mit Argwohn, bereits darüber sinnierend, dass ich da ja wohl ziemlich rangieren und dann erst einmal „ausholen“ müsse, um aus der Parklücke zu kommen, ohne gleich mehrere andere Fahrzeuge und – ganz schlimm – mein eigenes zu demolieren. Nicht gleich am ersten Tag, bitte. Am besten gar nicht, aber erst recht nicht am ersten Tag …

Herr F., der Verkäufer, freute sich, uns zu sehen, und er erteilte mir erst einmal eine kleine Einweisung. Okay, Blinker, Lichthupe waren am gewohnten Platz am linken Hebel, und – im Gegensatz zu Herrn F. – ich entdeckte auch relativ schnell, wo man Nebelscheinwerfer und -schlussleuchte aktivieren kann, wenn es einmal nötig sein sollte. Ha! Von wegen: „Frauen und Technik“! 😉 Rechter Hebel, wie gewohnt: Scheibenwischer vorn und hinten. Wo man Stand- und Abblendlicht, auch wichtig, einschaltet, entdeckte ich auch sofort. Links vom Fahrersitz am Boden dann der Schalter für den Tankverschluss. Links vorne unten – da, wo ich es auch „gewohnt“ war, der Griff zum Öffnen der Motorhaube. Die Schalter für die elektrischen Fensterheber seitlich innen an der Fahrertür. Und dann noch – vor dem linken Knie quasi – die Regler für die Einstellung der beiden Außenspiegel. Ging doch alles! 😉

Ein Blick unter die Motorhaube, den wir schon bei der Erstbesichtigung getätigt hatten, zeigte dann auch, dass der Wagen in der Tat gerade im Zuge des Kaufs und des Kundenservice frisch über den TÜV gegangen war – sehr schön. Und erfreulicherweise war auch ein Ölwechsel vorgenommen worden. Prima – der Heimfahrt stand fast nichts mehr im Wege. Aber da erklärte Herr F. mir noch die Getriebeautomatik. Denn die ist – anders als beim Audi und dem Wagen meiner Eltern – kein gängiges Automatikgetriebe, sondern eher eine Art Fake, denn es handelt sich um ein automatisiertes Schaltgetriebe. Mir wurscht, Hauptsache, ich kleine Hektikerin muss nicht selber schalten. 😉 Ich kann es zwar, aber ich mag es nicht, auch wenn ich nach meiner Fahrprüfung ausschließlich Schaltwagen gefahren hatte. Ich gehöre zu den Menschen, die – einmal mit einer Automatisierung gefahren – keinen Lustgewinn daraus ziehen, mit einem Schaltknüppel herumzuhantieren, selbst wenn in Übung. Ich will von A nach B und keine Wissenschaft daraus machen. 😉

Wie gesagt: Der Heimfahrt stand – fast – nichts mehr im Wege. Bis auf das Ausparken. Aber ich bin nicht auf den Mund gefallen und genierte mich keineswegs, Herrn F. zu bitten, mir das Auto auszuparken. Das tat er auch, nachdem ich Sitz, Spiegel und Lenkrad auf meine anatomischen Gegebenheiten eingestellt hatte. Zum Abschied drückte er meinen Eltern die Hand. Mich riss er gar in seine Arme, drückte mich begeistert und wünschte mir „allzeit gute Fahrt“. Huch! Was hatte ich getan, dass ich diese Sonderbehandlung verdiente? 😉

Schnell stiegen mein Vater und ich in den Wagen, während meine Mutter ihren Wagen holte. Wir mussten auf sie warten, da sie hinter uns herfahren wollte. Mehr oder minder geduldig wartete ich an der Ausfahrt des Autohauses, bis ich sie angefahren kommen sah. Dann blinkte ich links, tastete mich vor, und da war auch gerade sowohl rechts als auch links alles frei, und ich nahm den Fuß von der Bremse, gab Gas und bog vor meiner Mutter, die mich sinnvoller- und netterweise vorließ, auf diese recht enge, hässliche und recht starkbefahrene Straße ab. Baustellen, verengte Fahrspur – natürlich auf meiner Seite … Als hätte es jemand extra für mich als kleine Übung bestellt! 😉

Es war nach „Walpurga“ mit ihrer schönen, stufenlos agierenden Automatik eine kleine Umstellung, mit dieser MultiMode-Automatik zu fahren. Man gibt Gas, und die Automatik scheint zu überlegen, was nun zu tun sei. Erst einmal scheint wenig zu geschehen, und man fragt sich: „Ziehen wir heute noch einmal?“ Und just in diesem Moment des Zweifels beschließt die Automatik dann: „Jetzt!“ Und dann zieht der Wagen. Und wie! 😉 Beim Anfahren hatte ich mich nämlich gefragt, wo sich die 124 PS wohl versteckt hätten – nun wusste ich es. Hui! 😉 Mein armer Vater griff hektisch nach dem Haltegriff rechts seitlich über seinem Kopf, ich nahm lieber den Fuß etwas vom Gas. Und dann musste ich ohnehin bremsen, denn die nächste Ampel war rot. „Hast du etwa Angst?“ fragte ich meinen Vater, der tapfer meinte: „Aber nein!“ Um ihn abzulenken, pries ich das Lenkrad, das total gut in den Händen liege!

Wir mussten durch das Zentrum von RE, und da war heute eine Menge los. Ich fuhr tapfer, es blieb mir ja auch nichts anderes übrig. Wann immer ich anfuhr und dann beschleunigte, legte die Automatik ihre kleine Meditationsphase ein, um dann plötzlich zu schalten. Gewöhnungsbedürftig, aber ich hatte mich vorher schon im Internet schlau gemacht und wusste, dass das so ganz normal für dieses automatisierte Getriebe sei. „Heute schon genickt?“ fragte ich meinen Papa beim nächsten Anfahren und Beschleunigen und meinte: „Eigentlich klasse. Man muss nicht selber schalten, hat aber bisweilen dieses Schaltwagen-Gefühl. Ich muss mich noch etwas dran gewöhnen, aber sonst und alles in allem fährt er sich angenehm.“

Papa hatte gesagt, wir brauchten das Navi gar nicht – er kenne den Weg genau. Ich glaubte ihm, weil mein Vater ein sehr gründlicher Mensch ist. Er ist aber inzwischen auch schon etwas älter. Und so begab es sich, dass ich heute die krasseste Übungsstunde überhaupt hatte! 😉 Mein Vater sagte mir nämlich erst, wenn es schon fast zu spät war: „Da vorne müssen wir links abbiegen!“ – „Was? Wie? Da muss ich doch auf die andere Spur! Warum sagst du mir das denn nicht eher?!?“ Und ich setzte den linken Blinker, blickte in alle notwendigen Spiegel, vergaß auch den Schulterblick nicht, und netterweise ließen mich auch alle, die bereits auf der richtigen Spur waren, einscheren.

Nach dem dritten Mal hatte ich den kalten Schweiß auf der Stirn stehen … Würde ich wirklich unbeschadet nach GE kommen? Irgendwann verloren wir auch noch meine Mutter … 😉 Und fuhren in die völlig falsche Richtung, denn mein Vater hatte irgendwann gesagt: „Oh! Da hätten wir gerade links abbiegen müssen …“ – „Super, Papa! Wie war das noch: ‚Keine Sorge, ich kenne den Weg wie meine Westentasche‘?“ – „Kein Problem, Alilein! Einfach links einordnen, und dann fährst du, wenn die Ampel grün ist, ganz einfach eine Haarnadelkurve. Es muss nur recht schnell gehen.“ Ich gebe zu, U-Turns sind kein Problem für mich, aber ich hatte mir meine Heimfahrt doch etwas weniger hektisch vorgestellt, und so meinte ich zu meinem Vater: „Jeannette meinte, ich müsse entschleunigt werden – und nun praktiziere ich hier Kamikaze!“ Mein Vater entgegnete knochentrocken: „Kamikaze sollte für ein japanisches Auto ja kein Problem sein.“ Toll. Nur bin ich keine Japanerin … 😉

Die Ampel wurde grün, ich gab Gas, fuhr ein Stück vor und schlug das Lenkrad im Rollen bis zum Anschlag links ein, und das so schnell, wie möglich. Die Reifen quietschten ein wenig, aber im Handumdrehen war ich auf der richtigen Seite und der richtigen Spur. Papa meinte: „Der hat aber einen schönen Wendekreis“, während mir der kalte Schweiß fast in die Augen rann. Als Kontaktlinsenträgerin nicht ganz so angenehm. 😉 Tapfer fuhr ich weiter und bog dann bei der nächsten Möglichkeit rechts ab. Aber was für eine Scheiß-Kurve! Kam mir fast spitzwinklig vor – das Adrenalin hatte gar keine Chance, abgebaut zu werden. 😉 Zwischendurch rief meine Mutter an – wo wir denn eigentlich seien!

Irgendwann trafen wir einander wieder und fuhren dann Richtung GE. Und das zügig. Tempo 80 war auf einem großen Stück als Höchstgeschwindigkeit vorgesehen – ich fuhr 100. Zum Glück fiel es mir auf, und – noch mehr Glück! – es war kein Blitzer an der Strecke. Jeannette hätte mir beide Ohren abgerissen, mein Vater sagte kein Wort. Offenbar entstamme ich einer ganzen Dynastie von Rasern … 😉 Nein, nicht wirklich, aber zumindest meine Mutter, meine Schwester und ich fahren ziemlich „dynamisch“.

Endlich waren wir in meiner Straße angekommen, und ich parkte den Wagen ein. Zum Glück gab es noch einige freie Plätze. Da meinte mein Vater: „So, Ali – Mama und ich wollten dich gern noch nach Schloss Berge einladen, zum Kaffeetrinken.“ Das war ja lieb – eigentlich hätte ich sie einladen müssen, und das sagte ich auch, aber mein Vater meinte, nein, sie würden mich gern einladen – keine Widerrede.

Muttern parkte weiter vorn parallel zum Bordstein, kurz vor dem Haus, in dem ich wohne. Aha! Sie blockierte einen Parkplatz für mich, die hier bisweilen Mangelware sind. 😉 Ich hingegen parkte wieder aus, mein Vater setzte sich nach hinten, meine Mutter nahm auf dem Beifahrersitz Platz, und dann fuhren wir, weil es mir sinnvoll erschien, testhalber den Weg zu meiner Arbeitsstelle. Auf dem Rückweg bzw. dem Weg nach Schloss Berge beschloss ich, noch zu tanken. Kein Problem, am Nordring liegt ja in Fahrtrichtung eine Avia-Tankstelle, in deren Einfahrt ich auch abbog. Es ging leicht bergauf, und ich – an die stufenlose und echte Automatik des Fahrschul-Audis gewöhnt – gab Gas. Hui! Der Wagen bockte, der Motor heulte auf, und ich hatte binnen diesem Sekundenbruchteil gelernt, dass man das mit ihm nicht machen könne. Er erinnerte mich an ein Schulpferd, das ich früher mehr mit Hängen und Würgen geritten hatte … Doch dazu später.

Schnell vollgetankt, ging es problemlos mit dem Wagen weiter nach Schloss Berge. Dort gab es Kaffee und sehr leckere Himbeer-Joghurt-Torte. Anschließend fuhr ich meine Eltern zu ihrem Auto, und praktischerweise konnte ich den freiwerdenden Parkplatz sogleich übernehmen, nachdem ich mich von meinen Eltern verabschiedet hatte. Dann sah ich, dass vor dem vor mir parkenden Wagen noch eine Lücke war, und ich parkte dann lieber dort, näher an meinem Haus. Ich musste mehrfach rangieren, bis der Wagen so in der Lücke stand, wie ich es wollte. Aber es klappte.

Zu Hause angekommen, wollte ich Jeannette eine Nachricht per WhatsApp schicken, dass alles gutgegangen sei. 😉 Sie hatte gestern gemeint: „Alles wird prima laufen, Ali. Du musst dir keinen Kopp machen. Schick mir doch eine Nachricht über WhatsApp, wenn du deinen kleinen Silberpfeil ganz souverän nach Hause gefahren hast.“ Das wollte ich tun. Und ich suchte mein Handy. Ich fand es nicht in meiner Tasche. Ich rief es mit meinem Festnetztelefon an. Ich hörte … nichts. Mir wurde siedend heiß. Ich hatte mein Handy verloren! Auto gewonnen, Handy verloren – wie gewonnen, so zerronnen …

Schnell zu meinem Auto gerannt und dort alles abgesucht. Auf der Rückbank, wo meine Tasche, offen, gestanden hatte, lag es nicht. Im Fußraum auch nicht. Großer Mist! So ein Smartphone verliert man nicht gern. Ich rief meine Eltern an und fragte, ob sie mal in ihrem Auto nachsehen könnten. Die Begeisterung meiner Mutter hielt sich in Grenzen, aber sie sah nach. Und wurde fündig! Es war mir wohl aus der Tasche gerutscht und – so typisch für mich! – in eine schmale Ritze im Rücksitzpolster gerutscht, von wo es in den Kofferraum weitergerutscht war. Zum Glück hat meine Mutter es gefunden. Und nun werde ich wohl morgen nach D. fahren müssen. Aber ich wollte morgen ohnehin ein bisschen fahren – ich muss mich an den „kleinen Silberpfeil“ und seine Besonderheiten ja gewöhnen.

Einen Namen hat er auch schon. Ich habe ihn Scotty getauft, da er mich – siehe oben – an ein ziemlich eigenwilliges Schulpferd dieses Namens aus meiner Zeit als Reitschülerin erinnert. Der echte Scotty – ein Schimmel, natürlich! – biss und schlug, wenn man ihn falsch anpackte. (Mich hat er nie gebissen, hat nie nach mir geschlagen, weil ich großen Respekt vor ihm hatte und freundlich mit ihm umging. Ein wenig schüchtern war ich eher, und das honorierte er, indem er mich aufmunternd anstupste und alles in allem sehr freundlich und lieb mit mir umging.) Beim Reiten überlegte er jedoch stets dreimal, ob er die Schenkel-, Zügel- und Gewichtshilfen auch tatsächlich akzeptieren solle, wenn man noch nicht so in Übung war. Kam er dann zu dem Schluss, dass ihm kein Stein aus der Krone falle und er der kleinen Ali da auf seinem Rücken doch mal eine zünftige Lehrstunde erteilen müsse, raste er los! 😉 Ich sehe gewisse Parallelen zu meinem Auto. 😉 Und somit heißt der „kleine Silberpfeil“ nun Scotty. 🙂

Ich bin gespannt, wie es weitergeht … Hoffentlich nur angenehm! 😉

Mein neuer Freund heißt Yannick

Seit heute habe ich einen neuen Freund. Schon vor einigen Tagen hatte ich mit ihm geliebäugelt und dann auch nicht lange gefackelt. Manche Dinge sind einfach unausweichlich. Und heute – nach einer weiteren Auffrisch-Fahrstunde, der letzten vor morgen, da ich mein eigenes Vehikel abhole (weiche Knie schon jetzt …) – habe ich ihn dann mit nach Hause genommen … 😉

Um 9 Uhr holte Jeannette mich von zu Hause ab. Und sie hatte noch eine weitere Fahrlehrerin dabei. Super! Ich liebe es, viel Publikum zu haben! Speziell beim Fahren … 😉 Aber Maria war sehr, sehr nett. Und dennoch verunsicherte sie mich ein wenig. Gleich zwei Augenpaare, die jede kleine Unsicherheit registrieren würden. Und je mehr Publikum, desto mehr Verunsicherung.

Prompt vergaß ich, das Lenkrad auf meine Größe und Armlänge einzustellen. Jeannette ist viel größer als ich, hat auch längere Arme. Gut, das ist jetzt keine allzu große Kunst, da ich wirklich im Vergleich relativ kurz geraten bin, wobei ich allerdings eher die Formulierung „klein und handlich“ bevorzuge. 😉 Alles andere hatte ich vorbildlich justiert. Das Lenkrad hatte ich wirklich glatt vergessen, aber es fiel mir sofort auf, als ich losfuhr. 😉 Aber ich konnte zunächst nicht halten – sehr ungünstige Straßenführung. Obwohl ich ja sagen muss, dass ich doch relativ lange Arme mein eigen nenne. Es kommt wohl vom Schleppen schwerer Einkaufstüten mangels Auto. 😉 Ich hoffte darauf, dass ich in keinen Auffahrunfall verwickelt werden würde, denn Jeannette hatte mehrfach nicht nur mir, sondern auch einigen Fahrschülern erklärt, dass bei einem falsch eingestellten Lenkrad in dem Falle gleich ganz viele Knochen brechen könnten. Keine schöne Aussicht.

Sie ließ mich ein Weilchen so fahren, dann meinte sie auf typische Jeannette-Art: „Ali, ist dir eigentlich schon etwas aufgefallen, wenn du ansonsten so gelassen dahinfährst? Etwas, das sonst anders war? Abgesehen von Maria.“ – „Ääh, ja … Ich habe vergessen, das Lenkrad einzustellen.“ – „Is‘ nich‘ bequem, ne?“ – „Nein. Aber ich bin überrascht, was für lange Arme ich habe,“, frotzelte ich. Jeannette und Maria lachten, aber Jeannette ließ mich doch gleich rechts heranfahren und meinte zu Maria: „Da sagt sie, sie habe lange Arme und beugt sich doch nach vorn. So lang sind deine Arme nicht, Ali. Also: ändern!“ Ich löste die Arretierung und zog das Lenkrad ganz heraus, bevor ich es wieder fixierte. Jeannette grinste, und ich durfte weiterfahren. Eindeutig angenehmer. Manchmal frage ich mich wirklich, wo ich meinen Kopf gelassen habe. 😉

Spurwechsel hin, Spurwechsel her – ich hatte den Eindruck, ich führe heute wie der erste Mensch. Und der fuhr sicherlich weniger hektisch als ich. Und besser, denn wenn ich hektisch bin, fahre ich nicht so gut, wie ich es eigentlich könnte. Ich hörte Jeannette immer nur sagen: „Spiegel, Ali, du hast drei Spiegel – nicht vergessen. Gewöhne dir an, ganz oft hineinzublicken, auch wenn es dir übertrieben erscheinen mag.“ Und dann grinste sie und meinte: „Und du siehst dich ja gar nicht selber darin, falls es das ist, was dich abschrecken sollte.“ Maria rief von hinten: „Also wirklich! Das ist ja wohl sowohl frech, als auch völlig ungerechtfertigt.“ Jeannette grinste. Ich grinste auch und meinte: „Ja, wirklich, Jeannette! Eine Frechheit! Jetzt bin ich echt sauer, und wenn ich sauer bin, fahre ich gleich erheblich souveräner.“ Jeannette lachte und meinte: „Daher auch meine Aussage, die natürlich nicht ernstgemeint war. Du fährst aber wirklich gleich viel selbstsicherer, wenn du dich über irgendetwas geärgert hast. Ganz unter dem Motto: ‚So! Dir zeige ich es jetzt mal!‘“ – „Gute Menschenkennerin. Und ich bin in Wirklichkeit gar nicht sauer.“ – „Weiß ich doch!“ Maria meinte von hinten: „Ihr beide seid irgendwie schräg.“ – „Ja, das ist doch nett!“ rief Jeannette und meinte gleich: „Ali macht in Linkskurven auch gerne groß, wenn sie dran denkt, nur, dass du Bescheid weißt!“ – „Ach, du warst das?“ rief Maria von hinten und lachte. – „Ja, ich war das,“, meinte ich, „und offenbar habe ich damit…“ – „… für ein inzwischen geflügeltes Wort gesorgt!“ meinte Jeannette lachend. Toll! Meine Aussprüche sind leider nicht so poetisch wie die anderer Menschen, gar Dichter. Ich tendiere immer ein wenig zum Prosaischen.

Ich schaffte es, in der Innenstadt dreimal im Kreis zu fahren, da ich mich dreimal falsch einordnete und jedes Mal erneut dieselbe öde Strecke fahren musste. Jeannette hatte aber auch nichts gesagt – sie hatte wohl darauf vertraut, dass ich selber … Nun ja … Beim letzten Mal ordnete ich mich gleich links ein, und endlich konnte es vernünftig weitergehen. Ich meinte zu Jeannette: „Wenn du mich irgendwann mit meinem Auto irgendwo verzweifelt und unfreiwillig kreisen sehen solltest: Hol mich bitte aus dem Teufelskreis heraus!“ Sie lachte und meinte: „Ist doch nicht schlimm! Du hast es ja dann richtig gemacht. Aber falls es soweit kommen sollte: Woran erkenne ich dich genau? Ich weiß zwar, welchen Wagen du gekauft hast, aber davon fahren ja noch mehr herum. Wie ist denn dein Kennzeichen?“ – „GE-AB […]“

Kaum hatte ich es ausgesprochen, lachte Jeannette auch schon los! „‘GE-AB‘ – das passt zu dir!“ – „Ja, klar, das sind meine Initialen!“ – „Nee, nicht nur deshalb! ‚Geh ab!‘ So klingt das, wenn man es ausliest – und das passt zu dir, denn du gehst ja beim Fahren auch immer ab, fährst gerne schneller. Sehr schön, Ali!“ Na, wunderbar! 😉

Zum Schluss sollte ich dann noch parallel zum Bordstein einparken. Mitten in der Innenstadt, wo heute offenbar die Leerung der Hausmülltonnen stattfinden sollte. Jedenfalls stand, die nicht allzu große Parklücke zusätzlich verengend, ein solches Objekt dicht am Bordstein. Aber wer wäre ich denn, wenn ich das nicht schaffen würde? 😉 Routiniert hielt ich neben dem Wagen, der vor der Parklücke stand, stellte den Wählhebel auf „R“, „reverse“, und schlug dann das Lenkrad um 360 Grad nach rechts ein. Dann nahm ich den Fuß vom Bremspedal, aber nur ganz sachte, und ebenso sachte ließ ich Walpurga zurückrollen, wobei ich mich umdrehte und aufmerksam in sehr schnellem Wechsel durchs rechte, hintere Seitenfenster und die Heckscheibe blickte. Dann, als alles passte und ich den Bordstein nur ganz leicht touchiert hatte (stand nicht auf meinem Plan), schlug ich nach links ein, dabei noch immer ganz, ganz sachte rollend, bis der Wagen sich gerade ausgerichtet hatte. Dann schnell Lenkrad auf Normalstellung, ein Stückchen vor, und dann noch ein winziges bisschen zurückgesetzt, bis ich wirklich ganz gerade in der Lücke stand. Die Mülltonne war von mir gänzlich unberührt geblieben.

Jeannette nickte anerkennend und meinte: „Wow! Bis auf die kleine, aber sachte Berührung des Bordsteins hast du das wirklich super gemacht.“ Ich verriet ihr nicht, dass das schon früher in der Fahrschule vor meiner Führerscheinprüfung meine absolute „Renommierdisziplin“ gewesen war. 😉

Dann stieg die Fahrschülerin ein, die in Nähe der Mülltonne gewartet hatte, und während der weiteren Fahrt stellte ich mit Bewunderung fest, dass sie stets ganz diszipliniert in sämtliche Spiegel blickte. Werde ich mir auch wieder ganz streng angewöhnen. 🙂

„Wohin sollen wir dich bringen, Ali?“ fragte Jeannette, und ich meinte: „Zur Borgswiese. Da wartet mein neuer Freund.“ – „Echt? Cool! Wo denn da genau?“ – „Packstation.“ – „An der Packstation?“ – „In der Packstation.“ – „In der Packstation?“ – „Ja.“

Jeannette staunte, bis ich ihr erklärte, mein neuer Freund sei ein Navi. Genauer: ein „TomTom Start 25M“. Ich bin da auch ganz ehrlich: Mein Orientierungssinn ist drastisch unterentwickelt. Da ist mir so ein Navi durchaus lieb.

Ich dachte, Jeannette würde lachen, aber sie meinte: „Gut so. Und ich rate dir zu Yannick.“ – „Yannick? Wie meinen?“ – „Naja, du kannst zwischen mehreren Stimmen wählen, die dir die Anweisungen geben. Bei mir sind es drei: Yannick, Lisa und Werner. Ich finde, Yannick klingt am angenehmsten und sympathischsten.“

Ich holte mein Paket ab und eilte damit nach Hause. Nach dem Auspacken, Anschließen an meinen Rechner und Initialisieren des Geräts probierte ich alle drei Stimmen aus. Und auch ich habe mich für Yannick entschieden. Lisa geht gar nicht. Klingt wie eine Streberin und Musterschülerin, und ich wette, wenn man einmal nicht ihren Anweisungen gefolgt ist, passiert das, was mir bei diversen Navis als Beifahrerin schon aufgefallen ist: Gerade weibliche Stimmen klingen bei Nichtachtung ihrer Anweisungen von Mal zu Mal unterschwellig genervter, wenn sie einem erklären: „Bei der nächsten Möglichkeit wenden und der B Soundsoviel folgen.“ Beim nächsten Mal klingt das Ganze schon erheblich gereizter, und folgt man dann zum dritten Mal mit Gründen der Anweisung nicht, klingt fast so etwas wie Aggression aus der Stimme heraus. Mich hätte als Beifahrerin jedenfalls in manchem Falle nicht gewundert, hätte die weibliche Navi-Stimme bei der dritten Fehlleistung gekreischt: „Verdammte Scheiße! Jetzt bieg gefälligst rechts ab, wenn ich es dir sage, Arschloch!“ Verzeihung. Ich weiß natürlich, dass das Unsinn und eine rein subjektive Wahrnehmung ist. Allerdings nicht nur meine – völlig unabhängig von mir merkten das auch schon andere Leute an. 😉

Lisa fiel also flach, und Werner wirkte auf mich wie eine Schnarchnase. Yannick hat das Rennen gemacht. 😉

Gerade probiere ich ihn aus. Er erklärt mir gerade die Route von GE nach AC. 😉 Wunderbar, wie er – für ganz besonders Begriffsstutzige – gleichbleibend freundlich ganz oft: „Nehmen Sie die Ausfahrt! Nehmen Sie die Ausfahrt!!!“ sagt. Oder: „Bleiben Sie links! Bleiben Sie links!!“ Ja, aber klar bleibe ich links. 😉 Gefällt mir. Fast kommt es mir vor, als kenne Yannick mich! 😉

Ich habe übrigens zwar nicht alle, aber recht viele Warntöne – Blitzer, Schulen – eingestellt. Besser ist das. 😉 Man bleibt auf alle Fälle wach. 😉

Und drückt mir bitte die Daumen – morgen muss ich mein Auto abholen …

A lone voice in the wilderness

Es gibt Themen, da ist man ganz allein, die einzige Verteidigerin, der einzige Verteidiger auf weiter Flur. Das ist nicht immer einfach – je nach Thema.

Ich bin ja – bisweilen: leider – ein relativ impulsiver Mensch, aber im Grunde rege ich mich in den allermeisten Fällen über stumpfe Ignoranz auf, über Menschen, die wie die Blinden von der Farbe reden, sich gar nicht für ihre Mitmenschen interessieren, aber schlau daherreden und glauben, sie könnten Menschen belehren, deren Situation sie nicht im Mindesten beurteilen können.

Und mich ärgern Vorurteile.

Ich bin anerkannte England-Liebhaberin. Nicht nur England – ich liebe ganz Großbritannien, und ich liebe Irland. (Nicht umsonst befindet sich hier in meinem Header ein Foto aus meinem Irland-Urlaub anno 2014 – alles grün. 😉 Sehr beruhigend. 😉 ) Ich mag aber auch Amerika. In Australien war ich leider noch nie, auch nicht in Neuseeland – ein Traum von mir. 🙂

Man muss nicht alles mögen, das ist mir auch klar. Man muss auch nicht alles kennen. Aber man sollte doch kennen, was man als „unzumutbar“ bezeichnet, als „ekelhaft“ oder „nicht hinnehmbar“. Lästern will gelernt sein. Ich vertrete ja die Ansicht, dass man sich mit den Objekten, die man so belästert, zumindest einmal aus der Nähe befasst haben sollte.

Und doch stelle ich immer wieder fest, dass es Menschen gibt, die sich beispielsweise über Gläubige ganz pauschal lustig machen, ohne selber je mit Religion in Berührung gekommen zu sein. Ich respektiere echte Gläubige, solange sie mich, nichtgläubig, aber früher zumindest auf dem Papier katholisch gewesen, in Frieden und nichtgläubig leben lassen, ohne mir dauernd zu erklären, wie sinnentleert mein Dasein doch wäre. Mich nervt sehr, wenn mich Frömmler und Naivgläubige zu missionieren trachten, im naiven Glauben [!], ich hätte keine Ahnung. Himmel! Ich musste in der Grundschule und auf dem Gymnasium gezwungenermaßen in den Religionsunterricht, ich habe die Kommunion erteilt bekommen, ebenso wurde ich gefirmt, und ich kenne mich durchaus aus. Kein Wunder, wenn man darüber den Glauben wirklich gänzlich verliert, wenn man so tickt wie ich. 😉 Mich nerven aber eben auch diejenigen, die von Hause aus Atheisten sind und sich doof und pauschal über alle Gläubigen erheben, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung von der Materie zu haben. Ich bin der Meinung, dass man nur das wirklich fundiert ablehnen könne, was man auch quasi „studiert“ und betrachtet habe.

Doch weg von Religion – ein finsteres Thema aus meiner Sicht. Das ist ja nun auch wirklich nicht das einzige Thema, auf das das, was ich gerade schrieb, zutrifft. Es geht viel einfacher, und damit zurück zu Großbritannien, Irland und Amerika.

Wie oft habe ich es schon erlebt, dass Leute mir voller Überzeugung erklärten, die englische Küche sei ja wohl das kalte Grauen! Ja, ich gebe zu, bevor ich erstmalig in England gewesen war, hatte auch ich diese Meinung vollmundig vertreten, kam mir auch gar nicht komisch dabei vor – das sagten doch alle! 😉 Und was alle sagen, muss ja wohl stimmen, oder? (Gleiches gilt übrigens für die irische Küche.)

Ich reiste immer öfter nach England, auch nach Irland. Und ich stellte fest, der vielfach als Standardbeispiel für die grässlichen Abgründe der englischen Küche geschmähte Lammbraten mit Minzsauce schmeckt richtig gut! (Ich muss allerdings dazusagen, ich esse gern Lammfleisch, auch wenn ich mir manchmal wie ein Schwein vorkomme, wenn ich mir kleine, wollige Lämmchen vorstelle, die fröhlich neben ihrer Mama über die Weide springen könnten … Wäre da nicht jemand wie ich, der gerne Lamm isst … Aber bei der Denkweise dürfte man wirklich gar kein Fleisch mehr essen, und wenn ich welches kaufe, achte ich wenigstens darauf, dass es aus vernünftiger Haltung stammt. Ja, ich weiß – lahmarschiges Argument, und ich gerate schon wieder an Grenzen. Ich gestehe, ich esse gern Fleisch. Aber zumindest tue ich es nur selten.) Der etwas herbe Geschmack des Lammfleischs harmoniert wunderbar mit dem herben Geschmack der Minze. Minze passt zu Lamm ebenso wie Rosmarin oder Thymian. Alles etwas kräftigere Kräuter, die man mit Bedacht verwenden muss.

Dann immer wieder genannt: Porridge! Ich habe noch nie Porridge in England oder Irland zum Frühstück vorgesetzt bekommen, mir das Ganze nach einem englischen Rezept aber selber mal zubereitet. Und es schmeckte! Diejenigen, die morgens Müesli in sich hineinschaufeln, sollten sich zurückhalten, wenn es um die Schmähung von Porridge geht. 😉

Auch sehr beliebt bei den „Hatern“ der britischen Küche: „Haggis“, gefüllter Schafsmagen und aus Schottland stammend. So etwas gebe es ja nur „auf der Insel“, habe ich schon oft hören müssen. Ich verweise dann immer leise grinsend auf das Lieblingsgericht Helmut Kohls: „Pfälzer Saumagen“. Bis auf wenige differierende Bestandteile und die Tatsache, dass diese in den Magen eines Schweins, statt eines Schafs gestopft und dann in diesem gegart werden, unterscheiden sich beide Gerichte gar nicht so sehr voneinander. 😉

Ich besitze vier oder fünf britische Kochbücher. Ich gebe zu, es gibt darin Rezepte, die mir auch recht unattraktiv erscheinen, aber es gibt auch einige, die ich schon nachgekocht habe und die gar nicht übel waren. Im Gegenteil.

Richtig interessant wird es immer dann, wenn mal wieder jemand lautstark verkündet, wie schrecklich die britische Küche doch sei und ich frage: „Selber schon mal gegessen?“ – „Äh, nö.“ – „Wieso dann das Urteil?“ – „Das sagen doch alle.“ – „Ja, und weil alle das sagen, muss es ja stimmen. Das ist in etwa so, wie wenn man über dich sagen würde, dass du stinkst, obwohl du es gar nicht tust. Zwar hat niemand an dir gerochen, aber alle glauben es und ziehen schon die Nase kraus, wenn sie dich nur sehen.“ Hilft meist und ist ein sehr plastisches Beispiel, wenn es darum geht, für etwas mehr Objektivität zu sorgen. (Man merkt, ich habe lange mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gearbeitet – das werde ich wohl nicht mehr los. 😉 Aber auch ohne das: Ich finde Vorurteile einfach inakzeptabel.)

Die amerikanische Küche ist auch immer sehr vorurteilsbehaftet, denn nicht wenige Menschen glauben, in Amerika gebe es nur Hamburger, Cheeseburger und Hotdogs. Dabei gibt es da so viele unterschiedliche Strömungen, was auch ganz natürlich ist, wenn man bedenkt, durch wie viele Einwanderer die „amerikanische Küche“, die es so als Einheit gar nicht gibt, beeinflusst wurde. Es gibt einige „Hauptströmungen“, von der „New England cuisine“, die als „hearty“, deftig, gilt, der auch der bekannte „apple pie“ entsprungen ist, ebenso wie „baked beans“, über die Southern cuisine, inklusive Cajun und Creole; und natürlich Soul Food, die afroamerikanisch geprägte Richtung, in der neben vielen anderen typischen Zutaten wie Okras viel Mais und Maismehl verwendet wird. Wer Spareribs und Chicken Wings liebt, liebt Soul Food. 🙂 Dann noch Tex-Mex und die kalifornische Küche, die sich mediterraner und asiatischer Einflüsse bedient und bei nicht wenigen figurbewussten Europäern die größte Akzeptanz erfährt.

Als ich das erste Mal in Amerika war, war ich auch ziemlich vorurteilsbehaftet. 😉 Dann kam ich nach Seattle, und die Küche, die ich dort kennenlernte, war ein Gemisch aus verschiedenen Einflüssen. Aber ich war dort genau richtig gelandet, denn es gab dort sehr viel Meeresgetier. 😉 Hummer, Lachs und anderer Fisch bis zum Abwinken und in jedweder Darreichungsform, Krebse, Muscheln – ein Traum! 🙂 Aber auch Steaks, gegrillte Maiskolben mit Butter, Pfeffer und Salz. Coleslaw, turkey, apple pie, roast pork – wunderbar. 🙂

Ganz hervorragend, als ich mit Tante Karen eine clam chowder zubereitete, mit viel Gelächter und Bier. Gut, das Bier wollen wir besser nicht diskutieren, aber die Zubereitung der Muschelsuppe machte viel Spaß.

Gestreikt habe ich nur, als man mich in Seattle in eine Bäckerei brachte, in der man mir „sourdough bread“ als „amerikanische Spezialität“ verkaufen wollte – das gäbe es sonst nirgendwo auf der Welt. Da musste ich widersprechen, indem ich meinte, ich äße in Deutschland jeden Tag Sauerteigbrot. Ich Spielverderberin! 😉 Auch wollte man mir einreden, Bratwurst sei eine ureigene amerikanische Erfindung. Ich meinte lachend: „That’s why it’s called ‘bratwurst‘, a typical English word, like ‘kindergarten’.“ Meine Verwandten stutzten – dann lachten sie. 🙂 Und dann wollten sie mir etwas Gutes, denn sie brachten einmal vom Einkaufen Bier mit, das sie mir als „typical German“ ankündigten – das müsse ich auch kennen. Ich fragte: „What kind of beer is it?“ – „It’s called Low-wow!“ – “Low-wow?” – “Yeah, you ought to know it – it’s German!” Ich staunte, ich kannte kein “Low-wow”. Dann führten sie mir das Dosenbier vor: Es handelte sich um “Löwenbräu”. 😉 Ich lachte und freute mich – das war richtig nett. 🙂 Ich glaube, ihnen war gar nicht klar, dass ich gar nicht aus Bayern stammte … Alle anderen Verwandten, die zu Besuch gewesen waren, kamen aus Bayern. Nur ich nicht. Doch ich fand es total nett, mir ein deutsches Bier mitzubringen.

Aber mir war es eigentlich lieber, ich lernte dort echte amerikanische Gerichte kennen. Ich habe dort übrigens den besten Hamburger gegessen, dem ich je begegnet bin – aber auch handgemacht und nicht von McDoof oder sonst einer Kette. Und echte „homemade“ Tacos.

Mit meinen Studis an der Uni musste ich ja in meinen Seminaren auch „Landeskunde“ machen, und als Einstieg bot sich da immer die britische und amerikanische Küche an. Das hat richtig viel Spaß gemacht, und zum Ende des Semesters machten wir immer ein „international dinner“, auf meinem Mist gewachsen, wo jeder Studi ein für seine Region typisches Gericht mitbringen musste. Ich brachte auch mit, und meist waren es amerikanische Gerichte, denn dank meiner Verwandten und zahlreicher Kochbücher verfüge ich über zahlreiche amerikanische Rezepte. 😉

Landeskunde kann richtig Spaß machen, wenn man sie über das Thema „Essen“ anpackt. Und es werden gleich ganz viele Vorurteile abgebaut. 😉

Manches entpuppt sich unerwartet als Glück

Manchmal nimmt das Leben unerwartete Wendungen – Wendungen, die einem bisweilen wie der schlimmste Tiefschlag überhaupt vorkommen. Mein Tipp: Lasst euch darauf ein – oft bleibt einem eh nichts anderes übrig. Nicht aufgeben. Nicht hinschmeißen, auch wenn einem danach ist. Es hat zwar lange gedauert, bis ich das nicht nur begriffen, sondern auch umgesetzt habe, aber es ist wirklich ganz wichtig.

Das ist wie beim Reiten. Klar stürzt man bisweilen, aber man muss immer wieder aufsitzen. Sonst setzt man sich nie wieder auf ein Pferd. Das habe ich auch realisiert. Jahre, nachdem ich das Reiten aufgegeben hatte, weil ich einen ziemlich heftigen Sturz beim Springen erlebt hatte, in dessen Verlauf ich, die ich sonst eigentlich recht einsichtig bin, unter heftiger Gegenwehr meinerseits – ich stand wohl unter Schock – vom Reitlehrer zum Pferd gezerrt und in den Sattel gewuchtet werden musste. „Es ist zu deinem eigenen Besten, Ali – du steigst sonst nie wieder auf ein Pferd!“ Vollkommen klar. War es mir dann auch, nachdem ich mich danach über ein Jahrzehnt nicht mehr auf ein Pferd gesetzt hatte und erst im Urlaub einen neuen Versuch startete. Knoten geplatzt, aber trotzdem habe ich nicht wieder angefangen, regelmäßig zum Reiten zu gehen. Da bleibt etwas zurück. Aber immerhin hatte ich mich überwunden. Heiner, der Reitlehrer, hatte wohl doch Recht gehabt. 😉

Ähnlich erging es mir im Studium. Ich hatte eigentlich in moderner englischer Sprachwissenschaft meine Magisterarbeit schreiben wollen, hatte in allen Seminaren sehr gute Noten gehabt. Der Prof nannte mich „eine sehr gute Studentin“. Das war eine echte Auszeichnung, denn der Prof war total arrogant, und wenn er lobte, kam das einer Erhebung in den Adelsstand oder einer Heiligsprechung gleich. Und das mir, Ali mit dem Mut zur Lücke. Lücken-Ali machte aber einen Fehler: Sie engagierte sich hochschulpolitisch, und das fiel in eine hochschulpolitisch brisante Ära. Der Prof war nicht nur arrogant, sondern vertrat die Gegenseite. Schlau gemacht, Ali. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich Dozenten gebe, die nach dem Nasenfaktor vorgehen. Lebten wir denn nicht in einer Demokratie? So gutgläubig-naiv war ich damals.

Prof. Besser hatte mich wohl für eine eher konservative Studentin gehalten, was ihm als reaktionärem Menschen – als der er sich herausstellte – gefiel. Nun zeigte ich mich eher links, wenn auch liberal. Wie gesagt, wir hatten damals eine recht brisante Phase mit viel Öffentlichkeit, und da bekam ich schließlich die Quittung, als ich mit meinem Magisterarbeit-Konzept in seine Sprechstunde ging. Er war wie ausgewechselt, behandelte mich kalt und sagte, als ich in einem Punkt um einen Rat bat (Ratschläge hatte er bis dato immer bereitwillig gegeben), davon ausgehend, dass er mir sicherlich einen wertvollen Impuls geben werde: „Sehen Sie, Frau B., das kommt dabei heraus, wenn man sich hochschulpolitisch und fragwürdig engagiert. So etwas [!] wie Sie betreue ich nicht. Mir gefällt Ihre politische Einstellung nicht, ich gehe ohnehin bald nach Bonn und kann mir aussuchen, wen ich betreue.“ Und das, nachdem er mich immer als „sehr gute Studentin“ gelobt hatte – es war wie ein Schlag vor den Kopf, ein Schlag in den Magen. „Fragwürdig engagiert“! Ich engagierte mich nicht fragwürdig – es ging um eine durchaus vernünftige Sache … Aber es war klar, dass ich nun mein Konzept nehmen und gehen konnte bzw. musste. Ich nahm meine Sachen, sagte leise: „Einen schönen Tag noch.“ Prof. Besser würdigte mich keines Blickes mehr.

Ich taumelte förmlich aus seinem Büro und aus dem Anglistik-Institut – wie in Trance. Der einzige Gedanke, dessen ich fähig war, war: „Alles umsonst … Alles umsonst …“ Ich fühlte mich, als hätte man die Luft aus mir herausgelassen. Was macht man da? Am besten irgendetwas ganz Profanes, Alltägliches. Ich ging zur Post, um mein neues Telefonbuch abzuholen. Eine sehr gute Entscheidung, denn in der Post traf ich Sonja, eine Freundin, mit der ich zusammen Abi gemacht hatte und die das Gleiche studierte wie ich, nur noch nicht so weit gediehen war wie ich. Andererseits: Wie weit war ich denn? Bei mir war ja alles umsonst …

Sonja meinte: „Wie siehst du denn aus? Hast du ein Gespenst gesehen?“ – „So ähnlich …“ Und ich berichtete, was mir passiert sei. Sonja, die stets ein gewisses Rivalentum gepflegt hatte, war sicherlich nicht ganz so traurig über meinen K.O., aber sie erwies sich dennoch großmütig als gute Ratgeberin: „Das darfst du dir nicht gefallen lassen!“ – „Bei Prof. Besser bekomme ich keinen Fuß mehr auf die Erde!“ – „Den solltest du auch vergessen – so ein Blödmann! Geh zu Prof. Weinberg – der betreut dich sicher gern.“ – „Aber der macht historische Sprachwissenschaft,“, klagte ich, „und ich wollte doch …“ – „Geh zu ihm, sag, was dir passiert ist. Historische Sprachwissenschaft ist doch auch okay. Und du hast doch soviel moderne Sprachwissenschaft gemacht und kannst dich doch privat damit beschäftigen. Ich weiß, das ist dein Steckenpferd, aber der Prof. stellt sich doof an – den kannste vergessen! Du gehst jetzt nach Hause und machst gleich einen Termin bei Prof. Weinberg! Und morgen treffen wir uns und trinken einen Kaffee. Okay? Und Kopp hoch …“ – „… auch wenn der Hals dreckig is‘,“ komplettierte ich den Spruch.

Ein Glück – Sonja hatte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich ging nicht nach Hause, sondern schnurstracks zurück ins Institut, und dort ergatterte ich gleich für den nächsten Tag einen Termin bei Prof. Weinberg.

Der Termin war Balsam auf meine geschundene Seele! Ich schilderte, was mir mit Prof. Besser passiert sei, und Prof. Weinberg schnaubte empört und meinte: „Das ist eine Unverschämtheit! Frau B., ich kenne Sie ja schließlich auch, und ich habe Sie stets als sehr engagierte und ebenso gute Studentin erlebt. Eine Frechheit vom Kollegen! Aber ich sage Ihnen etwas: Der ist total abgehoben, seit er den Ruf nach Bonn bekommen hat. Seitdem behandelt er die Studenten mit einer gewissen Willkür – das ist hier im Institut schon bekannt. An Ihnen liegt es nicht. Auch nicht an Ihrer politischen Einstellung. Der hat einfach keine Lust mehr hier und hat in der letzten Zeit schon diverse Betreuungen abgesagt. Besser: hingeschmissen. Und ich sage Ihnen noch etwas – aber im Vertrauen: Keiner seiner Kollegen kann besonders gut mit ihm. Aber das bleibt bitte unter uns.“ Ich nickte. „Papa Weinberg“, wie wir den Prof immer nannten, weil er so väterlich war (bei schludrigen und desinteressierten Studis aber auch ganz anders konnte), hätte ich niemals verraten.

Und er meinte fast etwas verlegen: „Ich weiß, Sie hätten lieber in moderner Sprachwissenschaft Ihre Magisterarbeit geschrieben. Aber ich verspreche Ihnen, wir finden auch in meinem Bereich ein ganz besonders schönes und interessantes Thema für Sie. Lassen Sie uns doch gleich einmal überlegen … Sie haben bei mir Mittel- und Frühneuenglisch gemacht. Welche Ära interessiert Sie mehr?“ – „Frühneuenglisch wäre gar nicht schlecht.“ – „Dann schauen wir doch mal …“ meinte Prof. Weinberg mit seinem reizenden, leicht bairisch gefärbten Akzent, denn er kam aus Süddeutschland.

Als ich die Sprechstunde verließ, hatte ich ein wirklich schönes Thema. Und ich ging nicht nur mit dem Thema, sondern einem Buch aus Prof. Weinbergs Bestand, der Habilitationsschrift eines seiner ehemaligen Studenten. Vorne stand sogar eine sehr respektvolle persönliche Widmung drin, und Prof. Weinberg hatte es selber noch gar nicht gelesen, nur überflogen, aber er meinte: „Der Student war sehr, sehr gut – einer meiner besten. Das Buch wird Ihnen eine Hilfe sein.“ – „Aber Sie haben es doch selber noch gar nicht gelesen.“ – „Ich habe ja noch genug Zeit dazu, Frau B.“ – „Naja, da ist noch ein Problem, Herr Prof. Weinberg.“ – „Was denn, Frau B.?“ – „Naja, ich bin Raucherin. Und das Buch würde bei mir ratz-fatz nach Rauch riechen. Sie sind Nichtraucher.“ Prof. Weinberg lachte und meinte: „Wissen Sie, wir haben alle unsere kleinen Laster. Es stört mich überhaupt nicht, wenn das Buch nach Rauch riecht. Bitte nehmen Sie es – ich gebe es Ihnen gern. Und nun kommen Sie mal mit in die Bibliothek. Ich zeige Ihnen da noch ein paar Werke, die Ihnen auch dienlich sein könnten.“ – „Nein, das müssen Sie nicht! Die Bibliothek ist quasi mein zweites Wohnzimmer – ich finde mich schon zurecht.“ – „Vertrauen Sie mir, die Werke sind eher Geheimtipps.“ Nun gut.

Ich war überwältigt und gerührt. Da kommt eine kleine Studentin an, die ziemlich gedemütigt wurde, und da wird sie so gut und engagiert behandelt! Ich hätte vor Rührung fast geheult. Ich sagte ja, ich habe etwas dichter am Wasser gebaut als der Durchschnitt … 😉

Professor Weinberg war als Betreuer das Beste, was mir je hätte passieren können, und mein Thema begeisterte mich sehr. Mein Betreuer hatte immer ein offenes Ohr, wenn ich Rückfragen hatte, und so nahm das Ganze ein sehr gutes Ende. Dabei hatte ich ganz zuerst wirklich alles hinschmeißen wollen. Und dann so etwas – völlig unerwartet. Manchmal muss man zu mehr Offenheit offenbar gezwungen werden. 🙂

Nachdem die Magisterarbeit ein so gutes Ende genommen hatte, klappte auch das schriftliche Examen gut – drei Klausuren, eine vier, die anderen beiden drei Stunden lang. Im Hauptfach schrieb ich schließlich über das Thema: „Die Entwicklung der Langvokale vom Altenglischen bis zum modernen Englisch.“ Spannend, nicht wahr? 😉

Und meine mündliche Prüfung war sogar richtig schön! 🙂 Im Hauptfach dauerte sie eine, in den beiden Nebenfächern je eine halbe Stunde. Die meisten Studis machten ihre Prüfungen an unterschiedlichen Tagen, ich aber entschloss mich zu einer sogenannten „Kollegialprüfung“. Die dauerte insgesamt zwei Stunden und umfasste alle drei Prüfungsfächer in Folge. Anstrengend, aber ich kenne mich und dachte: „Lieber einmal aufregen als dreimal.“ Weiterer Nachteil: Man musste alle nur denkbaren Inhalte aller drei Magisterfächer an einem Termin abrufbar beherrschen. Aber es war eine richtig schöne Prüfung mit einer angenehmen und schönen Atmosphäre. Hätte ich vorher auch nicht gedacht. Und so ging alles gut aus. 🙂

Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, hätte ich bei Prof. Besser „magistriert“ … Denn ich erfuhr später, dass einige der von ihm Betreuten ziemlich frustrierende Erfahrungen hatten machen müssen. Zwei hatten für ihre Magisterarbeiten eine Fünf bekommen, weil deren Konzepte angeblich Mist gewesen seien, die Prof. Besser bis dahin immer als „gut und wohldurchdacht“ bezeichnet hatte. Der jeweilige Co-Prüfer hatte eine bessere Note gegeben, aber das riss das Ganze nicht mehr heraus, und die Kommilitonen mussten je eine ganz neue Arbeit schreiben. Inklusive Recherche und 6 Monaten für das Schreiben der Arbeit etwa ein Jahr für die Katz! Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle die Nerven dazu gehabt hätte.

Als ich im letzten August meine Tätigkeit an der Uni aufgeben musste, weil ich eine sonst noch kleinere Rente bekommen würde, war ich völlig aufgelöst, denn ich arbeitete sehr, sehr gern als Dozentin. Aber es war freiberuflich, und da zahlt man ja nirgendwo vorsorgetechnisch ein. Ich war ganz fertig und einmal mehr am Boden zerstört, aber in den letzten Tagen habe ich mir gedacht: „Hmm, vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht.“ Warum? Nicht wegen der Uni, an der ich gearbeitet habe, mit netten Kolleginnen und Kollegen und einer sehr, sehr netten Chefin. Aber wenn ich sehe, was für Abiturienten man da teilweise als Klientel bekommt … 😉 Die meisten sind okay gewesen, teils sehr, sehr nett. Aber es gibt auch unglaubliche Knallchargen, und manchmal hatte ich den Eindruck, die nähmen allmählich überhand. Und nachdem ich in „Deutschlands größter Regionalzeitung“, der Zeitung mit drei Buchstaben, in den letzten Tagen immer wieder über einen „Abikrieg“ in Köln, „Mottowochen“ anlässlich des bevorstehenden Abis, in dem immer mehr Einser-Absolventen produziert werden, die dann aber erschreckende Bildungslücken aufweisen, war ich doch irgendwie ein bisschen erleichtert, mich mit solchen „Koryphäen“ nicht mehr herumschlagen zu müssen, die sich noch vor dem eigentlichen Abi wie die Könige fühlen, sich gegenseitig im Zuge rivalisierender Schulen die Köppe einschlagen, jegliches Maß und Ziel verloren oder nie besessen haben und sich wie die letzten Asis aufführen. Nein, danke. Und ich muss auch nicht immer mit der Deutschen Bahn AG fahren – ein weiterer Vorteil. 😉

Mein Professor Weinberg ist übrigens immer mein Vorbild in meiner Dozententätigkeit gewesen. Stets hilfsbereit, wenn die Studis engagiert waren, freundlich, aber auch energisch. Vor allem bei denen, die sich aufführten wie die Könige. 😉

Als ich vor knapp drei Jahren las, dass Prof. Weinberg gestorben sei, liefen mir tatsächlich ein paar Tränen übers Gesicht. Ein sehr guter Lehrmeister war er gewesen. Und als ich das nächste Mal in Aachen war, bin ich in ein Blumengeschäft gegangen, habe ein kleines Blumengesteck binden lassen und bin zu seinem Grab gegangen – mir war danach, mich noch posthum zu bedanken. 🙂

Wenn euch mal ein Tiefschlag passiert: Denkt an meine Worte. „Never give up! Never surrender!“ 😉

Professor Weinberg hat sein Buch damals übrigens in tadellosem Zustand und nicht nach Rauch riechend zurückbekommen. 🙂 Ich hatte es durchaus benutzt, aber sehr, sehr behutsam, und nach Benutzung hatte ich es immer wieder in eine saubere Plastikfolie gewickelt, in eine saubere Plastiktüte gesteckt und das ganze Paket in meiner Küche in den Küchenschrank aus Naturholz gepackt. Ich kochte damals noch nicht, rauchte auch nur im Wohnzimmer, und im Küchenschrank war es gut geschützt. Ich gebe zu, es klingt etwas schräg, aber ich wollte auf keinen Fall, dass diesem Buch etwas passierte. Und als ich es dann zurückgab, erinnerte sich Prof. Weinberg an meine Worte und schnupperte an dem Buch. Dann lachte er und fragte: „Haben Sie sich das Rauchen abgewöhnt, Frau B.?“ – „Nein.“ – „Das Buch riecht sehr angenehm nach Holz.“ Ich erklärte ihm dann, wie es dazu käme, und da lachte er und meinte: „Sehen Sie, eines der Dinge, die ich so an Ihnen schätze. Sie haben Respekt, obwohl es mich wirklich nicht gestört hätte, wenn das Buch nach Rauch gerochen hätte.“ – „Mich aber. Das ist Ihr Buch, nicht meines. Und Sie hatten es ja noch nicht einmal gelesen.“ Da kniff er mir ein Auge zu und meinte zu meiner Verblüffung: „Das ist der Unterschied zwischen Nutella und ‚irgendeiner Nuss-Nougatcreme‘.“ Und er grinste spitzbübisch und zwinkerte mir erneut zu. Ich gestehe, ich brauchte einige Sekunden, zu verstehen, was er meinte. Dann musste ich auch lachen und bedankte mich. Solche Dozenten braucht man, mit Herz und einem gesunden Menschenverstand. 🙂

Manche Dinge ändern sich nie: Ali nachdenklich

Als Kind glaubte ich immer, alles werde schlagartig besser, wenn ich groß wäre. Ich denke, ich bin da nicht die Einzige, die diesem – wie sich herausstellte – Irrtum aufgesessen ist. 😉 Das Einzige, was sich ändert, sind die Relationen. Und auch die nicht immer drastisch.

Als ich meinen von mir sehr geliebten, kleinen Hausgenossen Muffin, mein – ich gebe es zu, leider nicht artgerecht gehaltenes, weshalb mir auch keine Kleintiere mehr ins Haus kommen – schwarz-weißes Zwergkaninchen, eines sonnigen Morgens Anfang März 2013 einschläfern lassen musste, da er unter Altersschwäche litt, am Abend zuvor obendrein noch eine Art Anfall erlitten hatte und ab da weder fressen, noch trinken wollte, war ich am Boden zerstört. Der kleine Muffin war ein lieber, kleiner Kerl, der hinter mir her hoppelte, wie ein Hündchen hinter einem her läuft, mich sogar gegen meinen Ex-Freund „verteidigte“, den er nicht mochte, da er ihn als Konkurrenz sah und ihm mehrfach mit Schmackes in den großen Zeh biss – sehr erheiternd, der winzige, kleine Kerl gegen meinen 1,93 m langen Ex (passte schon von daher nicht zu mir … 😉 ), der jedes Mal schmerzgepeinigt schrie, wenn Muffin ihm mit Verachtung in der Miene und Nachdruck die vier kleinen Nagezähne in den Zeh rammte (das tut wirklich richtig weh!) und danach triumphierend mit frecher Miene vor ihm saß, als wollte er sagen: „Na? Noch Fragen, Meister?“ Und da Kaninchen nicht halb so „schlicht“ sind, wie nicht wenige Menschen glauben, habe ich dann immer ein wenig geschimpft. Je länger die Beziehung dauerte, desto „halbherziger“, ich gebe es zu. 😉 Muffin sah mich dann immer mit großen Augen an und tat, als hörte er mir zu. Kaum setzte ich mich dann auf die Couch neben meinen Ex, sprang er auf meinen Schoß, wo er sich ausbreitete, den Ex dabei nicht aus den Augen – das linke blau, das rechte braun – lassend. Ein wirklich nettes Tier. 🙂

Nun aber war er sehr alt geworden, über 10 Jahre hatte er mich begleitet, denn ich hatte ihn als winziges Häschen bekommen, und jetzt das. Ich wollte es kaum wahrhaben. Abends saß ich, noch immer in der Hoffnung, der Zustand werde sich wieder bessern, auf der Couch, hielt den kleinen Kerl wie ein Baby auf dem Arm, und Tränen tropften in sein Fell. Da raffte sich das Kerlchen noch einmal auf, nahm alle Kraft zusammen, die er noch hatte, richtete sich etwas auf und leckte mir über die Hand. Das tat er immer, wenn er merkte, dass ich nervös oder traurig war. Die Folge hier: eine wahre Tränenflut, die über den kleinen Fratz hereinbrach und ihn zu allem anderen auch noch durchnässte. Ich gebe zu, ich habe nachts so gut wie gar nicht geschlafen, bin nicht einmal ins Bett gegangen, sondern habe mich auf die Couch gelegt, um in seiner Nähe zu sein.

Am anderen Morgen genügte ein Blick auf Muffin: Es war nicht besser, keineswegs. Da war dann alles klar. Spätabends zuvor hatte ich Kollegin Lydia bereits eine Mail geschickt und mitgeteilt, es könne sein, dass ich später zur Arbeit kommen werde – möglicherweise müsse ich noch zum Tierarzt. Und so kam es dann auch. Ich machte mich schnell fertig, rief Lydia sicherheitshalber an, die ihr Mitgefühl äußerte und mich etwas zu trösten versuchte. Sie wisse, wie das sei, sagte sie. Ihr Kaninchen, Happy, das beim selben Tierarzt wie meines Patient gewesen war, war im unglaublichen Alter von knapp 13 Jahren gestorben, und das hatte Lydia damals ebenfalls unter Tränen erzählt.

Dann packte ich Muffin zum letzten Mal in seine Transportbox. Es war furchtbar! Er hatte sich immer problemlos hineinsetzen lassen, wenn auch nicht gern, weil er wusste, was das bedeutete. Aber an jenem Tag aktivierte er auch noch die allerletzten Kräfte, schlug mit den Hinterläufen nach mir, wehrte sich wie ein Wahnsinniger. „Mach es mir doch nicht noch schwerer,“, weinte ich – es war schrecklich. Und dann verließ ich das Haus mit der Transportbox. Zum Glück kam die Straßenbahn sehr schnell.

Und zum Glück kam ich auch relativ schnell dran. Der Tierarzt, der Muffin seit Jahren kannte, öffnete die Transportbox, warf nur einen Blick hinein und meinte: „Es tut mir leid, Frau B., aber da kann ich nichts mehr machen.“ – „Ich weiß,“, stammelte ich, und der Tierarzt tat, was zu tun war. Er hatte gefragt, ob ich hinausgehen wolle, aber ich sagte: „Auf gar keinen Fall. Ich habe mir immer geschworen, wenn ich ein Tier hatte, dass ich nach Möglichkeit bis zum Ende dabeibleibe. Das bin ich dem Tier schuldig. Und er ist ein besonders treuer, kleiner Geselle – den kann und will ich doch erst recht nicht im Stich lassen. Da könnte ich mich selber doch im Spiegel nicht mehr ansehen.“ Der Tierarzt meinte: „Ich wünschte, mehr Menschen hätten Ihre Einstellung.“ Dann gab er dem kleinen Kerl die finale Spritze, ein Narkotikum in Überdosierung, und legte ihn ganz behutsam in die Transportbox zurück. „Streicheln Sie ihn, damit er merkt, dass er nicht alleine ist,“, meinte der Veterinär, aber das musste er mir gar nicht sagen. Ich stand da mit Tränen in den Augen und streichelte hilflos an dem kleinen Kerl herum, der da so still lag, die Augen starr gen Decke gerichtet. Als der Tierarzt ihn dann zum zweiten Mal mit dem Stethoskop abhorchte, sagte er: „So, Frau B., er hat es geschafft. Das Herz schlägt nicht mehr. Ich weiß, das kann Sie jetzt nicht trösten, aber mit der Zeit vielleicht: Er war das zweitälteste unter den vielen Zwergkaninchen, die ich in meiner 25-jährigen Tätigkeit als Patienten hatte [das älteste war Lydias Happy gewesen], und das will viel heißen. Er wäre nicht so alt geworden, hätte er sich bei Ihnen nicht wohlgefühlt. Vielleicht hilft Ihnen das ein bisschen – er hing offenbar sehr an Ihnen. Und ihn einschläfern zu lassen, war ein letzter Akt der Freundschaft – so sollten Sie das sehen, denn er muss sich nicht mehr quälen.“ – „Danke,“, sagte ich mit erstickter Stimme. Dann wurde Muffin weggebracht, ich nahm die Transportbox und bezahlte die Gebühr. Auf der Straße klingelte mein Handy. Meine Mutter war dran. Sie wusste, wohin ich vor der Arbeit gemusst hatte, und sie wollte gern wissen, wie es ausgegangen sei. Sie ist sehr tierlieb, hatte den kleinen Muffin öfter in Pflege gehabt und mochte ihn auch. Ich erklärte ihr, er lebe nicht mehr, brach in Tränen aus und schluchzte, während meine Mutter auch mit ziemlich belegter Stimme meinte: „Es geht ihm jetzt besser, Ali.“ – „Ja, ich weiß, er muss nicht mehr leiden.“ (Meine Mutter erzählte mir hinterher, mein Vater habe bei der Nachricht, der kleine Kerl, den meine ganze Familie mochte, sei tot, den Raum verlassen und sei erst einige Zeit später mit leicht geröteten Augen wieder zurückgekommen.) Ich war froh, dass niemand zu mir sagte: „Ach, ist doch nur ein Kaninchen gewesen!“ Der hätte sich auch etwas anhören können.

Lange Vorgeschichte. Bei solchen Dingen hatte ich als Kind immer geglaubt, es werde leichter mit den Jahren. Aber nichts da – es war genauso schlimm wie damals, als ich ein Kind gewesen war und ein Tier von mir starb. Dauernd musste ich weinen, nachts kam ich kaum in den Schlaf. Es wird nicht leichter.

Kummer ist nie „leichter“ zu ertragen. Der Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem ist nur, dass man als Erwachsener manche Dinge vielleicht etwas rationaler sieht. Das Gefühl ist aber dasselbe. Ganz schlimm: Liebeskummer. Der wird ganz gewiss mit den Jahren nicht leichter, eher schlimmer – schon so oft mitgemacht …

Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass ich in der letzten Zeit recht viele Abschiede mitmachen musste, die mir ohnehin furchtbar schwerfallen, ebenso, dass sich – anders, als gehofft – beruflich bis dato auch keine befriedigende Perspektive bietet, dass ich derzeit ein wenig nachdenklich-melancholisch bin. Ich hoffe, das gibt sich mit der Zeit wieder. 🙂 Vielleicht sollte ich in der nächsten Zeit ganz viel mit meinem neuen Auto fahren, denn Autofahren lenkt mich allein schon der Adrenalinschübe wegen, die ich bisweilen dabei „erleide“, ab. 😉 Und ich werde sicherlich in der nächsten Zeit – wie auch in der letzten – hier einiges posten. Ja, ich weiß, Drohungen sind nicht nett, aber ihr müsst es ja nicht lesen. 😉

Übrigens – es ändern sich auch ganz andere Dinge nie … Ich habe mir gerade ein Navi bestellt, denn auch an meinem mangelnden Orientierungssinn hat sich in all den Jahren rein gar nichts geändert. Und da ist so ein Navi sicherlich die beste Lösung. Schön wäre es, wenn es für andere Dinge auch eine so einfache Lösung gäbe. 😉

In diesem Sinne: Gehabt euch wohl – und habt wenig Kummer! 🙂

Nichts ist unmöglich … Oder: „Ich mache gleich groß.“

Heute war ein richtig aufregender Tag! Ich bin vorhin nach Hause zurückgekehrt, und alles ist anders als zuvor – ich kann es immer noch nicht fassen. Ich habe einen echten „Aufriss“ getätigt. 😉 Würde meine Kollegin Janine, mit der ich heute telefonierte, sagen.

Alles begann zunächst damit, dass die liebe Jeannette mich mitsamt „Walpurga“, „meinem“ inzwischen ins Herz geschlossenen neuen Fahrschul-Audi, um 10:30 h zu Hause abholte. Es ist erstaunlich, wie schnell ich immer abfahrbereit bin, wenn sie mich vor meiner Haustür abholt. 😉 Die Nachbarn – ihr versteht …

Da heute aber Montag ist und ich kein Morgenmensch bin, fuhr ich – zumindest meiner Empfindung nach – zunächst wie der letzte Henker. Zu schnell, zu hibbelig. Aber nach 10 Minuten hatte ich nicht nur den Wagen im Griff, sondern weitestgehend auch mich. Nur nicht meine Worte, wie sich alsbald herausstellen sollte …

Denn Jeannette hatte sich heute in den Kopf gesetzt, besonders oft links abbiegen zu wollen. Ich gebe zu, ich tendiere dazu, Linkskurven nicht selten ein klein wenig zu schneiden – eine absolut blöde und ärgerliche Unsitte. Immer wieder höre ich Jeannettes stets ruhig bleibende Stimme: „Ali, schön groß fahren, die Kurve!“ (Ich bewundere Jeannette! Ich an ihrer Stelle hätte schon längst geschnaubt: „Wie oft muss ich das jetzt eigentlich noch sagen? Hä? Hä?!?“ 😉 Naja, vielleicht nicht ganz so drastisch. Denken würde ich es aber ganz bestimmt! Und das sicher noch viel drastischer. 😉 )

Erneut bekam ich die Anweisung: „Und an der nächsten Möglichkeit biegen wir links ab.“ – „Och, Jeannette! Warum denn immer links?“ – „Magst du das etwa nicht?“ – „Nicht andauernd, und dann sagst du auch noch immer: ‚Ali, schön groß fahren!‘“ – „Alles klar, dann weiß ich ja jetzt Bescheid.“ – „Ich wette, jetzt lässt du mich noch viel öfter links abbiegen!“ – „Nicht ganz unwahrscheinlich. Man mokiert sich meist über Dinge, die man nicht mag, weil sie nicht ganz so gut laufen wie andere, nicht wahr?“ Wir lachten beide.

Und tatsächlich! Bei der nächsten Möglichkeit hieß es wieder: „Und wir biegen links ab!“ Ich, die ich es immer besonders gut und dem „Auftraggeber“ recht machen will, meinte: „Alles klar! Ich weiß, und ich mache auch gleich groß! Auch für dich, damit du siehst, dass ich das wirklich kann!“

Und da schoss mir auch schon durch den Kopf, was ich da gesagt hatte, zumal Jeannette losprustete und sich kaum noch einkriegte. „Sollen wir lieber rechts ranfahren, Ali, und du suchst dir ein stilles Plätzchen?“ rief sie und lachte erneut los.

Gerne hätte ich meine beiden Hände vors Gesicht geschlagen, aber das ist beim Autofahren eher ungünstig und wenig zielführend. 😉 So wurde ich nur ein bisschen rot und meinte: „Mist! So hatte ich das eigentlich gar nicht sagen wollen …“ Dann platzte ich selber heraus – ich kann auch über mich selber lachen. Zum Glück. 🙂

Jeannette sah auf ihre Uhr und meinte: „Es ist jetzt 10:53 h, der Tag ist noch nicht alt, aber du hast bereits das Zitat des Tages gebracht! Hut ab, Ali! Darf ich das bei Facebook posten?“ Ich grinste schief und meinte: „Solange du nicht meinen Namen erwähnst, gern.“ – „Nein, das würde ich nie tun! Aber so ein schönes Zitat! Hatte ich schon lange nicht mehr.“ Ich konnte sie verstehen. Ich auch nicht. 😉

Und sofort nahm sie ihr Handy und postete das „Zitat des Tages“ unter dem Fahrschul-Account. Den werde ich natürlich gleich noch heimsuchen und als Antwort dazuschreiben: „Also wirklich! Wer sagt denn so etwas Dummes?“ 😉

Leider mussten wir danach immer wieder lachen, wenn ich Gefahr lief, eine Linkskurve zu schneiden, zumal Jeannette immer wieder sagte: „Versuch am besten, groß zu machen, Ali – dann kommt der Rest von ganz allein!“ Darunter musste dann auch die arme Fahrschülerin leiden, die wir in Bismarck hinter einer Litfaßsäule auflasen, wo sie wartend gestanden hatte. Die Fahrschülerin war allerdings Polin und verstand erst gar nicht, warum wir immer wie angestochen lachten, wenn Jeannette ihr, die sie auch gerne Linkskurven schnitt, sagte: „Hier bitte groß machen!“ Jedes Mal lachten Jeannette und ich albern los, und mir tat die arme Fahrschülerin schon leid: „Jeannette, du musst erklären, warum wir immer lachen!“ Jeannette erklärte, was man unter „groß machen“ auch verstehe. Die Fahrschülerin überlegte, dann ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und sie meinte: „Jätzt värrrstähe iccchhh: Ihhrrr maaiiint Kacken!“

Na, also! So funktioniert Völkerverständigung! 😉

Vor der Fahrschule wurde ich abgesetzt – ich musste auch ganz schnell weiter. Denn meine beiden „Gläubiger“, liebevoller und treffender „Eltern“ genannt, die mir – wie immer sehr, sehr großzügig – einen Kredit zur Anschaffung eines Autos gewährt haben, zumal sie sich wohl auch freuen, dass ich nach all den Jahren einigermaßen freiwillig beschlossen habe, zum motorisierten Teil der Bevölkerung zu gehören, hatten ein Angebot aufgetan, und das wollten wir heute besichtigen. In Recklinghausen. Und so fuhr ich mit Tram und Bus zum Wohnort meiner Eltern, bekam dort sogar ein Mittagessen, und dann fuhren wir los.

Endlich angekommen, parkte meine Mutter auf dem Parkplatz des Autohauses, und da sah ich ihn schon stehen, den kleinen, netten Kerl, der nun – ich kann es kaum glauben! – mir gehört. 🙂 Ich hatte am Freitag noch mit dem Autoverkäufer telefoniert und den Termin heute ausgemacht. Der Autoverkäufer ein echter Pottmensch – wir verstanden einander auf Anhieb.

Als meine Eltern und ich heute das Autohaus betraten, wurden wir gleich quasi in die hinterletzte Ecke verwiesen. Dort harrte der Verkäufer unserer bereits, begrüßte mich gleich, als kennten wir einander von diversen Skatabenden, mit: „Da isse ja, die Ali!“ Meine Eltern wirkten etwas irritiert, aber ich lachte und meinte: „Ja, da isse! Mit ihren Eltern.“ Und ich stellte meine Eltern vor, aber nicht als „Kathrin“ und „Karl-Heinz“, sondern ganz brav als „Frau und Herr B.“. Ich fühlte mich, als wäre ich gerade 18 geworden – unbezahlbar. 😉 Herr F., der Verkäufer, duzte uns im Ruhrgebiets-Modus. Erstaunlich, dass meine fränkische Mutter weniger Probleme damit hatte als mein aus dem Ruhrgebiet stammender Vater. 😉 Ich fand es okay – ich kann damit umgehen und fand es eigentlich ganz nett. Mein Vater grinste dann auch irgendwann. Allerdings erst, nachdem wir das Auto besichtigt hatten. 😉

Der nette, kleine Kerl war sehr, sehr gut gepflegt. Er sei silbermetallic, hatte es geheißen, und meine Fußnägel hatten sich schon ein bisschen gerollt. Silber ist für mich die absolute Spießerfarbe. Aber das Silber hier ist eher bläulich und sieht gar nicht schlecht aus, auch nicht „körnig“ in der Struktur. Mein Vater sah sich den Motor an, den ganzen Wagen, mit kritischem Blick. Meine Mutter drückte den Verkäufer, dessen Vorfahren sicherlich vor Äonen Pferde verkauft haben, nicht ganz so sehr im Preis, wie sie es gehofft hatte – aber sie war sehr hartnäckig, während ich fragte: „Es ist aber kein Unfallwagen?“ Nein, um Himmels willen! Mir lag auf der Zunge, zu sagen: „Noch nicht.“ Aber wir wollen ja nicht das Schlimmste denken. 😉

Ich denke, die Macken, die dieser Wagen wie jeder andere sicherlich auch hat, werden sich ohnehin erst unter dauernder Nutzung herausstellen. Wir haben ihn jedenfalls gekauft, und ich hoffe, wir haben nichts falsch gemacht. Aber eine Garantie gibt es ja nie, obwohl es eine Garantie vom Händler gibt.

Jeannette hat mir angeboten, mit mir und meinem Wagen noch eine Übungsstunde zu machen. Ich meinte nur: „Bring dann schon einmal ein zweites Paar Pedale mit!“ Jeannette lachte und meinte: „Du schätzst dich dauernd viel zu niedrig ein – du kannst doch fahren! Aber ich fahre gern mit dir mit.“

Am Samstag hole ich den Wagen ab. Mir zittern jetzt schon die Knie. Aber ich denke, es wird schon werden. 🙂 Gratuliert mir! Ich habe mich überwunden, und doch täte ein wenig Zuspruch durchaus gut. 😉

Namensvorschläge für den Wagen werden gern entgegengenommen. Ich glaube, der Wagen ist männlich. 😉 Und es sollte ein englischer Vorschlag sein. 😉

Ich bin völlig überwältigt – nach all den Jahren ein eigenes Auto! Spätestens am Samstag hört bzw. lest ihr mehr … 😉

Nichts ist unmöglich: Toyota! Genauer: Toyota Auris. Oder eben „Aufriss“, wie meine Kollegin Janine heute sagte. 😉

Manchmal ist es gut, dass es WhatsApp gibt. Habe gleich diversen Leuten ein Foto vom „Kleinen“ geschickt. Und fast alle haben reagiert und mir gratuliert – das fand ich richtig nett, und ich habe mich sehr über den Zuspruch gefreut. Vielen Dank! 🙂

Mama und Papa – ich danke Euch beiden sehr, und ich hoffe, ich fahre den Wagen nicht gleich in Klump! 🙂

Hintergrundrauschen

Neulich telefonierte ich mit meiner Mutter. Wir tun das öfter, meistens aber nicht so lange wie an jenem Mittwoch, als wir fast zwei Stunden sprachen, und das ganz ohne zu streiten. 😉

Ich liebe meine Mutter sehr, und wir sind mentalitätstechnisch ziemlich dicht beieinander, was bedeutet: nicht mit übermäßig viel Geduld gesegnet, sarkastisch bis zur Bruchlandung, direkt, dass es direkter nicht geht, Ecken und Kanten, wohin man blickt. Daher kriegen wir einander auch bisweilen „anne Köppe“. Aber beide sehr sensibel und liebevoll – das kann man doch aber nicht unbedingt immer so zeigen. 😉 Muttern hat mir – unter anderem – eine recht ausgeprägte Ordnungsliebe und ein unschlagbares und unbestechliches Verhandlungsgeschick voraus, ich ihr sicherlich ein gewisses Talent, anderen Leuten – und das ausnahmsweise mit viel Geduld – etwas beizubringen, und das durchaus erfolgreich. Ansonsten beide – wie mein Ex Richie das immer nannte – total „straight“. Dabei sind wir doch beide recht kompromissfähig, trotz aller „straightness“. Das war auch immer unerlässlich.

Meine Schwester, Stephanie, meinte einmal in meiner Anwesenheit auf die Frage eines Freundes, wie sie ihre Familie definieren würde: „Meine Familie besteht aus zwei unermüdlichen Optimisten und zwei sarkastischen Melancholikern.“ Ich grinste. Der Freund fragte: „Und wer ist wer?“ Ich antwortete, noch bevor Stephanie den Mund öffnen konnte: „Manchmal wird man zum sarkastischen Melancholiker, wenn man es mit zwei unermüdlichen Optimisten zu tun hat.“ – „Aha!“ rief der Freund, ein echter Blitzmerker: „Du bist also einer der sarkastischen Melancholiker! Wer ist der zweite? Stephanie ist es nicht! Lass mich raten: euer Vater!“ Ich lachte nur und meinte: „Gewiss nicht.“ – „Also die Mutter.“ – „Nun, bleibt bei einer vierköpfigen Familie sonst noch jemand übrig?“ – „Äääh, nee.“ – „Also.“ – „Und warum seid ihr so?“ – „Unter anderem sicher deshalb, weil es bisweilen anstrengend ist, mit zwei unermüdlichen und unheilbaren Optimisten zu tun zu haben.“ – „Du bist aber negativ.“ – „Nein. Ich bin realistisch.“

Nichts gegen unermüdliche Optimisten. Die sind nett. Ich mag sie. Ich verstehe sie nur nicht immer. Eigentlich nie so richtig. Ich bin keine permanente Schwarzseherin, eher vorsichtig. Überbordende Euphorie und gesteigerter Optimismus erzeugen bei mir Skepsis. Sehen die denn gar nicht, was um sie herum alles passiert? Nein, ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. VTer finde ich lächerlich. Ich bin einfach nur vorsichtig und zurückhaltend, wenn ich Dinge zunächst einfach beobachte. Wenn ich dann Ungeheuerliches entdecke, kann ich auch drastisch werden. Aber erst einmal genau ansehen. Mit der Einstellung kann man kein echter Optimist sein, ich gebe es zu. 😉

Meine Mutter ist ähnlich. Sieht sich Dinge genau an, bevor sie etwas sagt. Wenn die Dinge ihr – und das zu Recht – missfallen, kann auch sie drastisch werden – das hat sie wohl an mich vererbt. Da dann auch kompromisslos. Eigentlich sind meine Mutter und ich ziemlich cool, da wir uns in unser beider Leben trotz unserer bisweilen drastischen Art auf so viele Kompromisse eingelassen haben. 😉 Manchmal, ja, da bricht es natürlich aus uns heraus … 😉

Denn als ich am vergangenen Mittwoch mit Mama telefonierte – ein schönes Telefonat, übrigens -, rief sie plötzlich: „Nein! Was macht der denn da draußen?“ – „Wer?“ – „Dein Vater!“ – „Wieso? Was macht er denn?“ – „Er gräbt gerade den falschen Strauch aus! Warte, ich komme gleich wieder!“

Im Hintergrund hörte ich, wie Mama Papa erklärte, er grabe den falschen Strauch aus. Der daneben sei gemeint gewesen. Ehrlich gestanden, ich war froh, dass ich nur Zaungast war. Sie klang ziemlich energisch. Nicht böse, aber energisch. 😉

Sie kam zurück, und ich meinte: „Der arme Papa. Da gräbt er schon den Strauch aus, und du schimpfst mit ihm!“ – „Ali! Ich habe ihm mindestens dreimal gesagt, was zu tun sei! Und er sagt: ‚Ja, alles klar‘ – und dann so etwas! Er hört gar nicht zu!“

Ich lachte, ging aber in mich. Sie hatte recht. Er hört wirklich nicht zu.

Früher dachte ich immer, es läge daran, dass er stets so beschäftigt sei, überarbeitet, mit den Gedanken woanders. Es hat ganz, ganz lange gedauert, und mir ist das noch gar nicht so lange klar: Er hört gar nicht hin! Keine Ahnung, ob das Absicht ist. Ich glaube das nicht einmal. Aber das Ergebnis ist dasselbe: Man erzählt etwas, und dann stellt sich heraus, es kam gar nicht an.

Richtig bitter ist das, wenn es um eine Sache geht, die einem selber fast das Herz bricht. Man geht hin, erzählt, was einem schwerfällt, und er sitzt da, hört sich alles an. Stellt man eine entsprechende Rückfrage, stellt man – nicht immer, aber manchmal – fest, dass er offenbar irgendwann abgeschweift ist. Ich weiß, er macht es nicht mit Absicht, aber unschön ist es doch.

Und seitdem ich das weiß, ziehe ich den Hut vor meiner Mutter, verstehe sie auch besser. 🙂

Sie meinte am Telefon nur: „Es ist halt alles nicht so einfach, Ali.“ – „Mit uns auch nicht, Mama.“ – „Weiß ich, Ali, habe ich alles schon einkalkuliert.“ – „Wir sind manchmal sehr direkt.“ – „Aber zumindest weiß man, woran man mit uns ist.“ – „Auch nicht immer.“ – „Aber nicht ganz so.“ – „Das stimmt.“

Ich meinte dann, manchmal beneidete ich Papa um seine Gabe. Einfach nichts mitbekommen. Ich höre leider immer alles. Ich höre sogar manchmal das Gras wachsen. Und dann meinte ich zu meiner Mutter: „Mama, wahrscheinlich ist all das, was Stephanie, du und ich zu Papa sagen, für ihn so eine Art Hintergrundrauschen. Wie so ein Klangteppich. Man hört ein Rauschen, nimmt aber nicht wahr, was da im Einzelnen gesagt wird.“ – „Hintergrundrauschen. Ja. Super. Kein Wunder, wenn man aneinander vorbeiredet und dann falsche Sträucher ausgegraben werden!“ – „Wenn es nur das ist! Papa besteht heute noch darauf, dass ich doch dankbar sei, dass ich Klavierunterricht hatte, obwohl ich ihm immer wieder sagte, dass ich den gar nicht wolle. Wenn Instrument, dann Querflöte!“ – „Das hat er wohl auch gar nicht gehört. Ich kann mich gut erinnern. Aber du liegst falsch: Was Stephanie sagt, hört er wohl besser.“ – „Wie meinst du das?“ – „Nun, wenn du anrufst und mit ihm sprichst, frage ich ihn danach öfter: ‚Was hat Ali denn erzählt?‘ Dann kommt oft so etwas wie: ‚Nun, sie erzählt ja bisweilen sehr viel – so im Einzelnen weiß ich das gar nicht mehr. Aber ich soll dich schön grüßen.‘“

Super! Ich zerfasere mir die Zunge, erzähle ihm Dinge, die auch ihn interessieren könnten, Dinge, die nicht ganz so alltäglich oder redundant sind, die mir viel bedeuten oder gar wehtun – und dann kommt dabei heraus: „Aber ich soll dich schön grüßen“! Das schmerzt schon ein wenig. Zumal er immer ganz interessiert: „Ah, ja“ oder Vergleichbares sagt, so am Telefon. Ich äußerte dies gegenüber meiner Mutter. Mama meinte: „Tröste dich – bei mir ist es genauso. Ich bin mir sicher, er meint es nicht böse. Ich glaube, er versteht uns einfach nicht … Nein! Was macht er denn jetzt? Jetzt mäht er den Rasen! Dabei hatte ich gesagt, dass ich das morgen mache! Morgen, weil es heute schon zu spät sei! Aaah!“

Ich ziehe den Hut vor Mama. Ich weiß nicht, wie ich damit dauerhaft zurechtkäme. Als sie aus dem Garten zurückkam und der Motor des Rasenmähers verstummt war, meinte ich zu ihr: „Mama, ich verstehe dich. Ich denke manchmal, wir beide könnten direkt danebenstehen, während Papa dich und mich beschreibt, und wir würden uns fragen, von welch uns fremden Personen er da gerade spreche, denn er würde uns so beschreiben, wie wir gar nicht sind, er uns aber offenbar sieht oder sehen will. Wir würden uns selber nicht wiedererkennen.“ – „Ich glaube das auch. Was deinem Vater fremd ist, versteht er gar nicht. Er ist halt sehr geradlinig. Stephanie ist ihm wesentlich näher – die beiden verstehen einander besser.“ – „He – wir sind auch geradlinig!“ – „Ja, aber anders.“

Ich stehe hier nun und frage mich: Ist mein Vater ein besonders eigenwilliges Wesen? Das würde mir noch einleuchten. Das Gegenteil dessen tun, wessen man beauftragt wurde. Das würde ich verstehen. Das ist aber eigentlich gar nicht die Art meines Vaters. Eher meine. Vielleicht nicht immer genau das Gegenteil, aber zumindest anders, als verlangt, wenn man Protest einlegen will. Das ist meine Art. Nicht die meines Vaters. Offenbar hört er wirklich nicht hin, wenn auch nicht mit Absicht. Aber er ist einer der liebsten Menschen, die ich kenne. 🙂

Beim nächsten Telefonat mit ihm werde ich einfach im Telegrammstil mit ihm sprechen, auf dass kein Hintergrundrauschen entstehe. 😉

Für Mama. Wir sind halt alle ziemlich unterschiedlich, und das ist auch gut so. 😉

Wie ich zu „Ali“ wurde

Die meisten Leute, die mich kennen, nennen mich bei dem Namen, unter dem ich drei Tage nach meiner Geburt, von meinem Vater veranlasst, in einem Essener Standesamt registriert wurde. Ehrlich gestanden, ich stehe nicht so auf meinen Namen, der zwar eine schöne Bedeutung, aber einen dumpfen Klang hat. Nun gut, die Meinungen darüber sind geteilt, aber ich wäre ganz froh gewesen, hätte es wenigstens zu einem Zweitnamen gereicht. Das aber wollte mein Vater nicht. Andererseits muss man das pragmatisch sehen: Wer weiß, was ihm hinsichtlich eines Zweitnamens noch so in den Sinn gekommen wäre … 😉

Jahrelang haderte ich mit meinem schrecklichen Schicksal, musste mir die dümmsten Kommentare zu meinem Namen anhören, die – natürlich – ganz ungefragt und ebenso unerbeten auf mich einprasselten. Ich glaube, es gibt zu meinem Namen keinen blöden Spruch, den ich noch nicht gehört habe. Als Kind war es furchtbar, inzwischen habe ich mich mit dem Namen arrangiert. Man muss auch das ganz pragmatisch sehen, denn: Was blieb mir auch anderes übrig? 😉

Doch alles änderte sich, als ich vor etwas über 20 Jahren in die Vereinigten Staaten reiste, um Verwandte zu besuchen. Verwandte meiner Mutter, die an der Nordwestküste der USA in und um Seattle leben. Seitdem bin ich Seattle-Fan.

Ich kam dort standesgemäß in einer Boeing 747 nach -zig Stunden Flug an (standesgemäß, da Boeing ja ursprünglich in Seattle beheimatet ist), war über London-Heathrow geflogen und hatte, obwohl ich ja schon den ganzen Tag hinter mir hatte, dennoch noch so viele Stunden Tag vor mir. Klar bei einer Zeitverschiebung von neun Stunden. Ich war sehr früh aufgestanden, und als ich in Seattle landete, war es dort etwa 13:30 h. Gegen 15:00 h hatte ich den ganzen „immigration“-Stress hinter mir, meinen Koffer glücklich wiedergefunden und meine Großtante nebst Großonkel, die ich das letzte Mal gesehen hatte, als ich etwa zweieinhalb Jahre alt war, gleich erkannt, die gekommen waren, mich abzuholen. Im Auto auf der Heimfahrt schlief ich dann erst einmal ein. Reizender Besuch: Wird freundlich in Empfang genommen und pennt zum Dank ein … 😉 Aber ich war wirklich zum Umfallen müde.

Zu Hause angekommen, traf gerade mein mir bis dato völlig unbekannter Cousin Jason ein, der mich offenbar gleich besichtigen wollte. Zusammen mit seinem drei Monate alten Dobermann-Schäferhund-Rottweiler-Welpen „Mickey“, die mich gleich begeistert begrüßte, während ich auf Deutsch freundliche Koseworte in ihre Ohren brabbelte – mit allen anderen redete ich englisch. Man stellte mich Jason vor, der mich lieber erst gar nicht mit Namen anredete – er hatte etwas merkwürdig dreingeblickt, als man ihm meinen Namen nannte, hatte nur gesagt, dass er sicherlich Schwierigkeiten haben werde, sich diesen zu merken. Ich konnte es ihm nicht verdenken – Amerikaner können mit meinem Namen wirklich nichts anfangen. Darin unterscheiden sie sich in keiner Weise von Franzosen, Belgiern, Engländern, Italienern etc. Lediglich in Schweden und Finnland gab es keinerlei Probleme. 😉

Nach dem Flugzeugfraß bei British Airways war ich sehr dankbar für die flank steaks, die extra zu meiner Begrüßung zubereitet wurden – ich liebe Steaks sowieso, und dann extra für mich nach einem langen Flug mit undefinierbarem Essen, das war schon sehr nett! 🙂

Später traf noch meine Tante Linda ein, die problemlos meinen Namen beherrschte, der allerdings in englischer Aussprache noch blöder klingt als in der deutschen. Nun, damit musste ich offenbar leben. 😉 Ich bin ja Kummer gewohnt. 😉

Gegen 20:00 h Ortszeit schlief ich dann am Tisch fast ein und war froh, als ich ins Bett gehen konnte.

Am nächsten Tag brachen noch andere Verwandte und Bekannte über das Haus meiner Großtante Lilibet und meines Großonkels Dick herein – du meine Güte, ich schien eine besondere Attraktion zu sein. Ich fühlte mich beinahe etwas exotisch, dabei waren die Leute dort Deutsche durchaus gewohnt. Großtante Lilibet ist eine Schwester meiner Oma und damit ursprünglich Deutsche, und ihre zahlreichen Verwandten aus Deutschland besuchen sie durchaus gern und öfter einmal.

Meine Tante Karen war auch im Empfangskomitee. Ich mochte sie auf Anhieb, obwohl sie mich erst mit „Arlene“ und dann mit „Annette“ anredete, aber auf sehr liebenswerte Weise sagte, sie sei nicht in der Lage, meinen Namen zu behalten, was aber an ihr läge. „It starts with an A – that’s all I can remember. I’m so sorry.” Ich sagte ihr, das sei gar kein Problem, aber sie erwiderte, doch, das sei eins, denn wie solle sie mich denn nun anreden? Sie könne mich doch nicht einfach „A“ nennen. In der Tat – das hätte unhöflich gewirkt. Mit „Ey“ angeredet zu werden, ist sicherlich nicht sonderlich nett. 😉

Plötzlich rief sie: „Would you mind if I called you ‚Ali‘?“ Hm, mit „Ali“ verbindet man hier in Deutschland nicht unbedingt Frauen, aber ich mag den Klang, und in Amerika ist „Ali“ durchaus auch verbreitet. Ich grinste und meinte, ich hätte rein gar nichts dagegen. Und sie rief: „Like Ali MacGraw!“ Ali MacGraw ist eine amerikanische Schauspielerin, die in den 60ern und 70ern besonders populär war. „Because you are such a spitting image of her!“ Und Karen lachte sich schlapp, ich mich desgleichen, denn die Ähnlichkeit zwischen Ali MacGraw und mir könnte kaum geringer sein, da diese Schauspielerin, zumindest früher, rabenschwarze Haare hatte, einen dunkleren Teint – und braune Augen obendrein. Ich bin blond, habe Sommersprossen, die sich im Sommer – daher der Name – ganz reizend vermehren, und von braunen Augen bin ich relativ weit entfernt. Meine sind weitestgehend grün.

Schon war mein neuer Name aus der Taufe gehoben. Und der war wirklich sehr praktisch, wie ich gleich am folgenden Abend feststellen musste, als ich mit Tante Linda auf ein, zwei Bier in eine Kneipe ging. Wir saßen, da alle Tische besetzt waren, an der Bar und unterhielten uns. Links neben mir zwei jüngere Typen, die mich – wahrscheinlich wirkte ich so exotisch 😉 – die ganze Zeit ansahen, wie ich aus dem Augenwinkel bemerkte. Als Linda kurz abgelenkt war, sprach mich der direkt neben mir Sitzende an und fragte nach meinem Namen. Noch nicht ganz an meinen neuen Namen gewöhnt, nannte ich ihm meinen herkömmlichen. Daraufhin starrte mich der Typ ganz entgeistert an, während sein Kumpel ihn von links ungeduldig fragte: „So what did she say?“ Der Typ neben mir drehte sich zu ihm um, und ich hörte, wie er mit unsicherer Stimme zu ihm sagte: „Well, I think she was just kidding …“ Nein, mein Lieber, ich habe dich keineswegs verarscht – ich heiße wirklich so! 😉 In echt! 😉 Hätte ich mal gleich gesagt, mein Name sei Ali, denn nun trauten die beiden recht netten Jungs sich nicht mehr, mich erneut anzusprechen, sahen mich nur immer wieder verstohlen und mit verunsicherten Mienen von der Seite an. Danke, Papa – so kann Völkerverständigung und die Anbahnung von Kontakten natürlich nicht ganz so gut funktionieren … 😉

Ich hingegen gewöhnte mich von Tag zu Tag mehr an Ali, wie mich fünfzig Prozent der Leute dort nannten. Die andere Hälfte nannte mich bei meinem Taufnamen, Tante Lilibet sprach ihn als Einzige richtig aus. 😉 Allerdings hörte ich auch auf honey, darling, sweetheart oder cutie. Letzteres meist von Männern verwendet.

Cousin Jason, Tante Karens Sohn, hat es bis zum Ende meines Aufenthalts aber tatsächlich geschafft, meinen richtigen Namen zu verwenden. Er war sehr, sehr stolz, und als ich wieder abreiste, konnte er ihn sogar deutsch aussprechen. 😉

Ali habe ich aber beibehalten, weil ich es mag. Und es gibt auch hier in Deutschland Menschen, die sich mit meinem richtigen Namen schwertun. Da sage ich dann durchaus ab und an: „Nenn mich einfach Ali.“

Meinem Vater hat diese „Verunstaltung“ übrigens gar nicht gefallen. Aber selber schuld: Was gibt er mir auch einen Namen, der speziell im Ausland auf fragend hochgezogene Augenbrauen stößt? Wie gesagt: Nur in Schweden und Finnland nicht. Aber mal im Ernst: Habt ihr euch mal angehört, wie Schwedisch und Finnisch klingen? 😉

Kein typischer Urlaubs-Freitag – aber schön

Gestern Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Ich wurde von diversen Alpträumen heimgesucht. In einem war ich Beifahrerin in einem Auto, in dem der Fahrer auf der Autobahn plötzlich und ohne rational erkennbare Umstände in tiefe Bewusstlosigkeit fiel und ich vom Beifahrersitz aus den Karren zwar nicht im wörtlichen Sinne aus dem Dreck ziehen, aber von der Überholspur letzten Endes auf den Standstreifen bringen musste. Im Traum dachte ich sogar an die Warnblinkanlage … Derlei Träume kannte ich schon, hatte diese aber zuletzt gehabt, als ich etwa sieben oder acht Jahre alt gewesen war. Sie fielen in die Zeit, in der Kathi verunglückt war, meine Spielfreundin, die einen letztendlich tödlichen Autounfall gehabt hatte. Meine Träume gingen aber immer gut aus, und doch war die Stimmung im Traum echt bedrohlich. Dieser hier auch, aber in der Nacht vor einer Stunde „Driving class for refreshers“ ist das nicht so angenehm und wirkt zutiefst symbolträchtig.

Um 11:15 h wollte Jeannette mich abholen, und das von zu Hause aus. Da meine Nachbarn ziemlich neugierig sind, was ich per se nicht so mag, pries ich den Umstand, dass bei mir vor dem Haus die Parkplätze parallel zum Bürgersteig zum Glück ja dauernd besetzt sind – wer dringend einen braucht, findet dort nur selten einen Parkplatz.

Als ich gegen 11:10 h aus dem Fenster blickte, waren sämtliche Parkplätze frei … Natürlich. Und unser selbsternannter Hausvorsteher, dem ich neulich noch erzählt hatte, ich würde mir ein Auto anschaffen, und, ja, selbstverständlich hätte ich einen Führerschein, war – obwohl er tagsüber oft unterwegs ist – natürlich noch zu Hause. 😉 Was würde er nun denken, wenn ich von einem Fahrschulwagen abgeholt werden würde? Wahrscheinlich, dass mir der Führerschein irgendwelcher Delikte wegen entzogen wurde und ich nun strafhalber eine Nachschulung machen müsse. Dass es dazu unter anderem meiner Fahrunwilligkeit wegen gar nicht hatte kommen können, weiß er ja nicht. 😉

Zum Glück fühlte ich mich nach der stressigen Nacht so in der Wurst, dass ich schließlich selber auf die Idee kam, dass es schnurzpiepegal sei, was der Nachbar sich so denke. 😉 Ein Vorteil. Nur: Wie würde ich vor dem Hintergrund der Übernächtigung fahren?

Um 11:14 h stand ich auf der Straße, nicht direkt vor meinem Haus, ich gebe es zu. Man weiß nie, was passiert, und der Teufel ist ein Eichhörnchen. Lieber vor der Hausnummer 14 starten statt vor der 16. Da kam Jeannette auch schon, hielt vor mir, und das bewundernswert parallel und dicht zum Bordstein. Als sie ausstieg, fiel mir erstmalig auf, wie viel größer sie als ich ist. Mein erster Gedanke: „Scheiße, alles neu einstellen, Sitz, Lenkrad, Spiegel sowieso …“ Erschreckend, wie ich mit der Materie „Fahrschulwagen“ schon verwachsen bin. 😉

Dann ging alles sehr schnell, auch das Justieren der genannten Objekte. Erstaunlich, wie viele Leute auf einmal die Straße entlanggingen. Einige drehten sich nach dem Wagen um, da das Corporate Design auffällt neben all den mattblau-metallic-lackierten Karossen, erstaunlich oft Opel und Ford. Ein Vater, der – wie die meisten Männer – den Kinderwagen mit seinem Sprössling nicht frontal, sondern mehr von der Seite schob, als handelte es sich bei dem Gefährt um einen Beiwagen – ist Männern das eigentlich peinlich, einen Kinderwagen zu schieben? -, glotzte besonders auffallend, und am liebsten hätte ich das Seitenfenster hinuntergelassen und hinausgerufen: „Hey, nicht glotzen! Schieb dein Kind lieber so, wie es sich gehört, um Unfälle zu vermeiden!“ Was mich daran hinderte, war unter anderem, dass ich auf die Schnelle den Knopf für die elektrischen Fensterheber nicht fand … 😉

Erheblich schneller als sonst ging es los. Und es war die netteste Übungsstunde, die ich je hatte, denn kaum war ich aus „meiner“ Straße hinaus und auf die Oststraße abgebogen, schrie Jeannette, die schon zuvor hektisch nach irgendetwas gesucht hatte: „Scheiße! Ich finde meinen Terminkalender nicht!“ – „Was jetzt?“ schrie ich zurück. „Wir nehmen die nächste rechts!“ – „Ach, die Frankampstraße! Da habe ich als kleines Kind gewohnt.“ Und schon fuhren wir die Straße entlang, ich passierte einen Kreisverkehr – ich liebe Kreisverkehre! – und erreichten schließlich die Parallelstraße, wo Jeannette wohnt. Ich musste brav einparken, sie rannte los und in ihre Wohnung, den Terminkalender zu suchen, nachdem wir beide den gesamten Wagen gefilzt hatten. Unverrichteter Dinge kehrte sie zurück und meinte: „Scheiße, Ali – ich weiß nicht, wohin wir fahren müssen! Steht alles in meinem Kalender!“ Mir lag die Frage auf der Zunge, warum sie nicht ihr Smartphone als Kalender benutze, aber ich schluckte sie schnell herunter – ich nutze mein Smartphone auch nicht so, ich gebe es zu. Da bin ich altmodisch. Erneut filzten wir den gesamten Wagen. Dann rannte sie noch einmal in die Wohnung. Ich fand das sehr sympathisch und liebenswert – ich freue mich immer, wenn es anderen ähnlich geht wie mir und ich quasi auf „Seelenverwandte“ treffe, Leute, die irgendwie immer in Eile sind.

Als Jeannette zurückkam, hielt sie einen in Leder gebundenen Papier-Terminkalender in Schwarz in der Hand. Und wirkte gleich viel entspannter. Erstaunlich für mich: Ich war total entspannt, seitdem Unsicherheit des Kalenders wegen geherrscht hatte. 😉 Jeannette rief: „Du glaubst nicht, wo ich den Kalender gefunden habe!“ – „Wo?“ – „Unter der Bettdecke, am Fußende!“ – „Glaube ich sofort. Ich finde manchmal Dinge an den unmöglichsten Stellen wieder. Ich habe mal mein schnurloses Telefon im Kühlschrank wiedergefunden. Und einmal habe ich meine Brille gesucht.“ – „Und du hattest sie in den Haaren, also hochgeschoben.“ – „Nee. Schlimmer. Ich trug sie auf der Nase. Also keine Sorge – wenn jemand das versteht, dann ich.“

Jeannette rief die Fahrschülerin an, die um 12 h ihre Fahrstunde beginnen sollte – inzwischen war es nach 11:30 h, und wir standen noch in unser beider Heimatstadtteil. Nach Schrotthausen sollte es gehen, und ich muss gestehen, dass ich diesen Stadtteil bewusst noch nie besucht habe, obwohl meine Ursprünge in dieser Stadt hier liegen. Als wir beide brav angeschnallt wieder im Auto saßen, ließ ich den Motor an und blinkte links. Ich musste warten, da ein Mercedes sich relativ langsam die Straße entlang zu quälen schien. Da ich bekanntermaßen nicht die Geduldigste, vielmehr die Erfinderin des Gemeinen Fluchens bin, lag mir bereits etwas auf der Zunge, aber es war wohl Intuition, die mich das Ganze hinunterschlucken ließ, denn Jeannette rief, nachdem der Wagen an uns vorbei war: „Ach! Das ist mein Opa!“ Huch! Wie gut, dass ich die Klappe gehalten hatte … 😉

Dann ging es gen Schrotthausen, ich nahm mehrfach eigenständig in einer zweispurigen 70 km/h-Zone Spurwechsel vor, so dass Jeannette rief: „Du bist mir ja eine komplett widersprüchliche Person! Erzählst mir, stadtinterne Spurwechsel bei relativ hoher Geschwindigkeit seien für dich das Grauen, und dann machst du das mal einfach eben so, wenn ich das gar nicht angeordnet habe, dir das aber sinnvoll erscheint, und das zu Recht! Vergiss nur nie den Schulterblick! Ansonsten aber: Chapeau, Ali!“ Ich freute mich.

So sehr, dass ich in Schrotthausen in einer „Tempo-10-Zone“ knapp 30 km/h fuhr … Zum Glück wies Jeannette mich rasch darauf hin und meinte dann: „Gleich wird es anstrengend.“ – „Wieso?“ – „Nun, die Fahrschülerin, die wir abholen, ist eine Nette, aber sie ist auch etwas langsam. Ich habe Mühe damit, für dich wird es unerträglich werden, weil du ja immer ziemlich schnell bist, und das nicht nur im Fahren.“ Ich freute mich noch mehr. So viele nette Komplimente an einem Tag – ein so kleiner Mensch wie ich hält das kaum aus! 😉

Der Dämpfer kam dann rasch, denn ich sollte „Walpurga“, den reizenden, kleinen Audi-Panzer, zwischen zwei bemerkenswert großen Fahrzeugen, genauer: SUVs, parken. Mir brach der Schweiß aus: enge Fahrbahn, zu deren Rechten wie Linken Autos parken, die Parklücke nicht sonderlich geräumig, während „Walpurga“ gefühlt sogleich zum Sattelschlepper nebst Auflieger mutierte … Nun, ich habe es geschafft. Nicht so schön, wie es hätte gehen können, aber wir standen fast gerade in der Parklücke, als die Fahrschülerin, ein Wesen mit grau-rosa Haaren und einem rosa Pullover, den Fahrersitz einnahm. Sie war mir nicht unsympathisch, aber ein wenig … fremd. Nein, sie war wirklich nett und höflich, aber sehr, sehr langsam. Sie brauchte eine Viertelstunde, aus der Parklücke herauszukommen, weil sie erst dreimal überlegen musste, welche Schaltstufe sie einlegen müsse, um vorwärts loszufahren. Und bis sie sich entschieden hatte, den linken Blinker zu setzen, verging auch noch einmal eine gewisse Zeit. Irgendwie tat sie mir leid, sie war wirklich nett, wirkte aber zeitweilig wie ein Wesen aus einer anderen Welt oder – noch schlimmer – eine Untote. Vielleicht lag es auch an der Haarfarbe, ich weiß es nicht. Jedenfalls fuhr sie wie unter Drogen, und es war keineswegs ihre erste Fahrstunde. Bei mir hatte nicht einmal in meiner allerersten Fahrstunde im Alter von 17 Jahren der Fahrlehrer so oft ins Lenkrad greifen müssen – nur einmal. Danach nie wieder. Aber mir steht es nicht zu, mich über jemanden lustigzumachen, der ein Fahrproblem hat – irgendwie tat sie mir auch leid, und ich hoffe, sie schafft ihren Führerschein.

Dennoch war ich froh, als ich in Bismarck vor der Fahrschule abgesetzt wurde, zumal ich die letzten beiden Stunden noch bezahlen musste. Von da aus ging ich zu Fuß in Richtung meines Stadtteils, Richtung Friseur, denn meine Haare mussten dringend gesträhnt und geschnitten werden.

Beim Friseur war es lustig, obwohl es lange dauerte. Meine Friseurin Tonja bearbeitete gerade die Haare einer älteren Dame, die offenbar auf Flammendrot steht, zusammen mit einer Dauerwelle. Nicht so mein Fall. Da die Inhaberin des Salons auch noch beschäftigt war, nahm ich auf einem Stuhl im Wartebereich Platz. Nicht etwa auf der Ledercouch, denn ich wusste, dass das Sammys Revier ist. (Nein, eher, weil die Couch mir zu niedrig ist und man darauf quasi versinkt.) Sammy ist ein kleiner Mischlingshund, der einem Mieter aus dem Haus gehört, in dem auch der Friseursalon liegt, der das Hündchen, wenn er Termine hat, im Salon abgibt, wo es sich auch recht heimisch fühlt. Die Couch im Wartebereich, zum Beispiel, „gehört“ dem kleinen Sammy. Nicht, dass er böse oder beißen würde, setzt sich jemand darauf, aber er kommt immer an, strengen Blickes, wenn jemand etwa eine Tasche oder sonst etwas darauf abstellt. Er ruft sich eben in Erinnerung. 😉 Netter, kleiner Kerl.

Während ich auf dem Stuhl saß, kam Sammy an, musterte mich lange und entschloss sich, als ich ihn beim Namen rief, näher zu rücken, so dass ich ihn sogar streicheln und kraulen konnte. Offenbar befindet sich Sammy gerade im Fellwechsel … 😉

Endlich kam ich dran und musste mitanhören, was ich schon auf meinem Wartebereich-Sitzplatz hatte anhören müssen: Die flammendrot Dauergewellte erzählte schon zum dritten Mal, sie habe ein Kraftwerk im Keller! Ich hatte das bereits vom vorherigen Sitzplatz aus mit Staunen zur Kenntnis genommen, nun aber saß ich direkt neben ihr und sah im Spiegel vor mir mehrfach Tonjas Augen auf mich gerichtet. Sie sah mich an mit diesem Blick, der verheißt: „Hole mich, bitte, irgendjemand sofort aus dieser Situation heraus!“ Oder: „Verstehst du mich wenigstens?“ Ich blickte zurück und kniff ihr ein Auge zu. Dann lachten wir beide. Das Lachen verging uns beiden, als die Rotgeflammte zu Tonja sagte: „Könnten Sie mir bitte diesen Haarlack aufsprühen, der so bombenfest hält? Dann muss ich nämlich meine Haare nicht kämmen. Die halten dann mindestens 3 Tage lang! Und ich muss sie 14 Tage lang nicht waschen! Irre, nicht wahr?“

Sofort machte sich Juckreiz auf meinem Kopf breit, und während ich dies hier schreibe, geschieht das erneut. 14 Tage lang die Haare nicht waschen? Uuuh!

Durch den Spiegel beobachtete ich fasziniert, wie Tonja ihre Fingerspitzen anstarrte, mit denen sie zuvor noch in der Dame Haupthaar herumgezupft hatte, und ich bewunderte sie, als sie mit ungewohnt schwacher Stimme sagte: „Also, das funktioniert bei mir nicht.“ Danach sagte sie erst einmal gar nichts mehr – so kenne ich Tonja gar nicht.

Mir fiel dann auch wieder ein, dass die Rotgefärbte beim Ausspülen der drastischen Coloration noch gesagt hatte: „Au ja, Sie waschen meine Haare wenigstens vernünftig – da merkt man wenigstens, dass die Kopfhaut richtig sauber wird. Die jungen Hühner heutzutage können das ja gar nicht mehr!“ Als mir dieser Gedanke in den Kopf schoss, trafen Tonjas und meine Blicke einander erneut, und wir lachten wieder simultan völlig enthemmt los, während die Rotflammende erneut das Augenmerk auf ihr „Kraftwerk im Keller“ richtete. Das war dann der Moment, da ich erstmalig danach fragte, wo sich die Kundentoilette befände. Immerhin bin ich nun seit sieben Jahren Kundin dort und war doch zuvor nie auf der Toilette gewesen … Es war albern, aber nett. 🙂

Nachdem man mir dann meine Bicolor-Strähnchen appliziert und meine Haare auf eine vernünftige Länge und in eine vernünftige Form gebracht hatte, frotzelten wir noch ein wenig herum, und ich erfuhr, dass die Inhaberin des Salons Sternzeichen Krebs, Tonja, mit der ich mich sehr gut verstehe, Sternzeichen Schütze sei. Ein Grund mehr, hinzugehen. 😉

Nachdem ich noch einkaufen war, kehrte ich um kurz nach fünf nach Hause zurück. Wenig geschafft, aber alles in allem einen netten Tag gehabt. Und das, obwohl ich kein Kraftwerk im Keller habe … 😉

Farewell, Matt! Welcome, Walpurga! ;-)

Heute, mitten in meinem Urlaub, fand Übungsstunde No. 5 statt, und wenn ich weiterhin so fahre, wie es mir heute vorkam, brauche ich sicherlich noch die eine oder andere … aber lassen wir das. 😉 (Jeannette meinte, ich solle keinen Unsinn reden – ich würde mich viel zu schlecht einschätzen, und es sei doch alles in Ordnung. So können Selbst- und Fremdeinschätzung auseinanderklaffen. 😉 )

Ich fuhr gegen 14 Uhr gen Bismarck, da Jeannette mich gebeten hatte, zur Fahrschule zu kommen. Kein Problem, und ich war pünktlich. Die Fahrschule geschlossen und unbesetzt, da die Bürozeit am Mittwoch erst ab 16:30 Uhr beginnt. Die Sonne schien, und dazu wehte ein heftiger Wind. Weit und breit keine Spur von „meinem“ kleinen Matt. Doch da! Da nahte ein brillantschwarzes Auto mit einem grünen und einem blauen Streifen, die beide vom Heck übers Dach bis auf die Motorhaube des Wagens reichten – das Corporate Design der Fahrschule. Aber Matty sah irgendwie anders aus …

Der Wagen hier wirkte breiter, massiver und tiefer. Hatte ich etwas an den Augen? Hätte ich meine Kontaktlinsen mal wieder wechseln sollen? (Ich trage torische Monatslinsen. ;-)) Vorn am Kühlergrill prangte nicht das miteinander verschmolzene V und W, sondern vier nebeneinanderliegende und miteinander verbundene Ringe … Es war nicht Matt! Es war … ein Audi!

Normalerweise hätte ich laut: „Hurra!“ geschrien, denn – ich erwähnte es bereits das eine oder andere Mal – ich bin seit etwa meinem fünfzehnten Lebensjahr ein heimlicher Audi-Fan. Kein Wunder, wenn in der Familie stets Ford gefahren wird … 😉 Meine Mutter, aus dem Bundesland Bayern stammend, hielt meist mit BMW, aber – auch diese Fahrzeuge kommen immerhin aus Süddeutschland – auch mit Mercedes, ich mehr mit Audi. Keine von uns mag Ford, und so darbten wir all die Jahre gemeinsam, die ich, ab meinem achtzehnten Lebensjahr dann auch im Besitz des Führerscheins, bei meinen Eltern lebte. (Aus dem weißen Automatik-Fiesta, einem Angebot, das ich kürzlich erwähnte, ist nichts geworden – vielleicht wird es ja doch kein Ford. Es besteht eine gewisse Resthoffnung. ;-))

Heute sah ich es mit ein wenig Besorgnis, denn heute war nicht mein allerbester Tag, und der frag- und zweifellos schicke Audi wirkte irgendwie erheblich breiter als Matt. Erheblich massiver. Und so stand ich mit einem etwas unsicheren Lächeln am Straßenrand, als die Fahrschülerin sich abmühte, den Wagen parallel zur Bordsteinkante auszurichten. Endlich war Jeannette zufrieden, und dann richtete sie noch einige Worte an die Fahrschülerin, gestikulierte lebhaft, worauf mein Lächeln sicherlich noch drei Grad unsicherer wurde. Ich ziehe mir bisweilen Schuhe an, die gar nicht mir gehören oder passen, und Jeannettes lebhaftes Gestikulieren und ihre energische Art, mit der Fahrschülerin zu sprechen, erzeugte etwas in mir, das mich stark verunsicherte. Neuer Wagen, energisch sprechende und gestikulierende Fahrlehrerin – was würde mir erst blühen? 😉

Endlich stieg die Fahrschülerin aus, rief ein etwas schüchternes Hallo, Jeannette stieg auch aus, grinste mich an und meinte: „Na, dann mal los!“ Ich grinste ebenfalls und meinte: „Das ist nicht Matt!“ – „Prima beobachtet, Ali! Das ist nicht Matt. Du magst doch Audi.“ – „Aber der hier ist viel breiter.“ – „Keine Feigheit vor dem Feind! Einsteigen!“ Jeannette hat genau erfasst, wie man mit mir umgehen muss, wenn ich von Unsicherheit ergriffen bin. 😉 Kein langes Lamentieren, sondern Kommandieren! 😉 Nicht immer, aber in gewissen Situationen hilft das, hilft auch mir. Da ich das weiß, gehe ich umgekehrt auch mit anderen Menschen so um, wenn sie verunsichert sind und ich abschätzen kann, dass sie das vertragen.

Ich warf meine Tasche auf den Rücksitz und schwang mich hinters Steuer, während Jeannette stolz erklärte: „Das ist ein A3 Sportback!“ Ich parierte: „So, wie mein bisheriger Tag verlaufen ist und ich mich heute fühle, wäre ein ‚Hunchback‘ für mich eher geeignet. Aber wer weiß? Vielleicht kriege ich das ja hin …“ Jeannette sah mich an und meinte: „Du bist doch die Expertin für Englisch – was ist ein ‚Hunchback‘?“ – „Das heißt ‚Buckel‘, ‚Buckliger‘ oder auch ‚Buckelwal‘.“ Da lachte sie schallend los und meinte: „Humortechnisch ist ja schon mal alles auf einer Wellenlänge. Aber ich verbiete dir, einen Buckelwal aus dem Wagen zu machen – und das wirst du auch nicht tun, das weiß ich. Los jetzt!“ Und ich schnallte mich an, justierte die Spiegel, das Lenkrad passte, der Sitz nicht ganz. Ich gebe zu, ich feige Socke gab mir mit der Justierung besonders viel Mühe – ich hatte etwas Schiss, mit diesem mir schon wieder völlig neuen Wagen loszufahren, der so viel breiter als Matt wirkte, mit dem ich wunderbar herumrangiert hatte.

Als ich den Motor startete, stand auf der Kilometeranzeige auf dem Tacho: „801 km“. Ich sah Jeannette an und meinte: „Der ist ja wirklich flammneu!“ – „Ja, und?“ – „Und damit soll ich fahren?“ Es erschien mir fast wie ein Sakrileg. Der arme Kleine! (Obwohl er mir gar nicht so klein vorkam … 😉 ) Sollten nicht erst einmal Leute damit fahren, die wirklich in Übung sind und so richtig gut fahren können? (Diese Einstellung kommt wohl von meinem Vater, dem seine Autos stets heilig waren und sind – das habe ich von klein auf so vermittelt bekommen. Kein Wunder, dass mir ein bisschen die Düse ging, als ich sah, wie neu der Fahrschulwagen war. Wer wusste schon, wie er aussehen würde, wenn ich mit der Stunde fertig war!)

Jeannette lachte nur und meinte: „Ali, erstens ist das ein Fahrschulwagen, zweitens bist du durchaus in der Lage, damit zu fahren, und das weißt du auch. Also los jetzt! Keine Zeit schinden!“ Ich löste die Feststellbremse, das gleiche Modell wie in „Fluffy“, dem A3-Schaltwagen mit Stufenheck, denn auch der neue Automatikwagen ist auf neuestem Stand der Technik – anders als Matt, der eine „richtige“ Handbremse gehabt hatte.

Und dann sollte ich wenden, denn irgendwie mussten wir ja aus dieser mir schon bekannten Sackgasse heraus. Ich wollte eigentlich bis zu den Grenzpollern fahren, durfte aber nur ein kurzes Stückchen vorwärts und musste dann rückwärts in eine Einfahrt fahren, die mir unglaublich schmal vorkam und ebenfalls durch sehr massive Poller begrenzt war. Der Sportback ist recht schick, aber ich hatte etwas Mühe, da ich relativ klein bin, alles wirklich bis ins Letzte zu überblicken. Es gelang dann aber recht gut, und ich wendete, da ich etwas ungeschickt angesetzt hatte, in drei Zügen. Dabei war mir bereits aufgefallen, dass der Wagen etwas träger reagiert als Matt. Nahm ich den Fuß von der Bremse, die ich gar nicht so weit durchtreten konnte wie beim Golf 6, geschah erst einmal gar nichts. Mit einer Trägheit, die ich von mir morgens nach dem Aufstehen kenne, setzte sich der Wagen dann in Bewegung. Was macht man, wenn sich nichts tut? Man tritt aufs Gaspedal! Ganz einfach! 😉 Jeannette lachte und meinte: „Ja, sie reagiert da etwas langsamer als Matt, aber bitte nimm den Fuß vom Gas, tritt das Pedal zumindest nicht so durch – wir sind doch nicht auf der Flucht!“ – „Sie reagiert langsamer?“ fragte ich und meinte: „Also hat der Wagen schon einen Namen!“ – „Ja. Walpurga.“ – „Walpurga?“ – „Ja, ich finde, das passt zu dem Wagen. Ist halt eine Hexe.“ Ich starrte Jeannette von der Seite an, dann fing ich zu lachen an. Wie man diesem Wagen einen so biederen Namen geben konnte, erschloss sich mir nicht – erst, als ich zu Hause war und den Namen aus Interesse googelte: Es handelt sich um einen althochdeutschen Namen, der soviel wie „wehrhafte Burg“ bedeutet. Das passt! Der Wagen kam mir im Vergleich zu Matt auch vor wie eine Festung oder ein Panzer. 😉

Nach der Sackgasse bogen wir – wie üblich – nach rechts ab. Irgendwie hatte ich beim Beschleunigen den Eindruck, „Walpurga“ besitze mehr Gänge als Matt, da die Automatik viel schneller höher schaltete. Mir gar nicht unrecht. 😉 Wir fuhren bis zu einer roten Ampel, wo ich halten musste. Und da rief ich: „Huch! Was habe ich falsch gemacht?“ Denn der Motor schien ausgegangen zu sein! Ich Greenhorn! 😉 Denn Jeannette meinte: „Okay, das hätte ich dir sagen sollen: Der hat eine Start-Stopp-Automatik.“ Aha. Sorry, aber sowas hatte Matt nicht gehabt, der Verschwender und Geldverbrenner, und auch hier war ich wohl nicht auf der Höhe der Zeit. Aber man gewöhnt sich schnell daran, dass an jeder roten Ampel der Motor ausgeht. Man muss nur den Fuß von der Bremse nehmen – dann geht er wieder an. 😉

Unterwegs nach Feldmark, wo die Fahrschülerin wohnte, „stritten“ Jeannette und ich darüber, dass „Walpurga“ ja wohl um einiges breiter als „Matt“ sei. Sie ließ sich daraufhin von einem Kollegen die Maße beider Wagen per WhatsApp schicken. Beide in etwa gleich – das konnte doch nicht sein! 😉 Sie meinte: „Es ist wohl eine optische Täuschung, denn der Audi ist niedriger als der Golf und hat einen ganz anderen Querschnitt. Du kannst also genauso schwungvoll mit dem hier fahren wie mit Matt. Keine Ausreden mehr!“ – „Nee, ich dachte wirklich …“ – „Ja, ich wollte dir auch nur sagen, du kannst mit Walpurga genauso nett fahren, wie du mit Matt gefahren bist. Der kommt übrigens weg.“ – „Oooch!“ – „Ja, tut mir auch ein bisschen leid, aber er ist schon sieben Jahre alt. Wir halten die Automatikwagen immer länger als die Schaltwagen. Schaltwagen wechseln wir nach zwei Jahren aus. Aber jetzt mal ehrlich: Gefällt dir Walpurga etwa nicht?“ – „Doch, schon, aber sie reagiert bisweilen träger als Matt.“ – „Ja, dass dir das nicht gefällt, ist klar!“ Jeannette lachte erneut heftig und meinte: „Trägheit scheint nicht so deins zu sein!“ Ich grinste sibyllinisch: Jeannette hat mich noch nie auf der Couch herumlümmeln sehen. 😉 Ich bin offenbar ein sehr widersprüchlicher Mensch. Oder sagen wir es so: Ich tendiere zu Extremen. 😉

Wir fuhren durch Schalke, es durfte 70 km/h gefahren werden, was meinem Vorwärtsdrang sehr entgegenkam. Da meinte Jeannette plötzlich: „Und an der zweiten Ampel biegen wir links ab!“ Hieß soviel wie Spurwechsel – eine meiner größten Schwächen, denn ich bin nicht nur ein Gewohnheitstier, sondern bei Spurwechseln bisweilen etwas zu zögerlich und zaghaft. Ich setzte den linken Blinker, ein 7,5-Tonner rauschte links an mir vorbei, da rief Jeannette auch schon: „Warum wirst du jetzt langsamer? Fahren! Los, fahren! Geschwindigkeit halten! Du bist doch sonst, wie ich dich kennengelernt habe, ein sehr energischer Mensch! Also auch hier – gib Gas, sonst lassen die dich nicht rein!“ Ich gab Gas, blickte in sämtliche Spiegel und über meine linke Schulter – tatsächlich ließ der VW links mir eine Lücke, in die ich schwungvoll hineinrauschte. Geschafft!

Da Jeannette eine sehr gute Fahrlehrerin ist, musste ich das Ganze dann noch einmal wiederholen. Ich fürchte, wir werden das auch noch in der nächsten Stunde machen, und ich freue mich schon jetzt … 😉 Ich sagte ja, ich sei bisweilen schüchtern. 😉 Scheiß-Spurwechsel! Mit knapp 70 Stundenkilometern, der höchsten Geschwindigkeit, die ich seit 11 Jahren gefahren bin! 😉 Ja, ich weiß, ihr, die ihr jahrein, jahraus täglich fahrt, gar noch Autobahn, werdet darüber lachen, aber für mich Schisshasen bedeutet das wirklich immense Überwindung. 🙂

Ich weiß jetzt schon, wie die Übungsstunde am kommenden Freitag aussehen wird: Spurwechsel bis zum Erbrechen, und das mit Walpurga, der wehrhaften Burg, die an jeder roten Ampel in vorauseilendem Gehorsam, den ich per se nicht leiden kann, den Motor ausschaltet, träger als ein nasser Schwamm reagiert, wenn man nur den Fuß von der Bremse nimmt und spontanes Losrollen erwartet, wie man das im Allgemeinen von Automatikwagen kennt. Walpurga ist anders, und mir ist auch klar, warum Jeannette sie offenbar gleich als „weiblich“ einstufte und ihr einen weiblichen Namen gab.

Wir müssen uns offenbar noch ein wenig aneinander gewöhnen, zumal Walpurga auch erheblich schicker daherkommt als ich. 😉

Gegen Ende der Stunde, als ich Walpurga einparkte, ging ich in Sack und Asche – mir kam die heutige Stunde wirklich grauenhaft vor. Aber Jeannette meinte: „Ali, du scheinst eine völlig falsche Selbstwahrnehmung zu haben! Ich fand es gut!“ – „Ja, aber …“ – „‘Ja, aber‘ will ich nicht hören, es lief doch alles gut!“ – „[…] Spurwechsel […]!“ – „Keine Sorge, üben wir noch ein paarmal, und dann sitzt das!“

Das hoffe ich doch, und ich hoffe auch, mein loses Mundwerk beim Fahren etwas unter Kontrolle zu bringen, denn mir ist selber aufgefallen, dass ich beim Fahren besonders viel fluche, was ich ohnehin schon oft tue. Mir scheint, ich habe das Fluchen erfunden … 😉

Welcome, Walpurga! Farewell, Matt! Ich werde dich vermissen, obwohl wir nur zweimal das Vergnügen hatten, du Energieverschwender! 😉

Über Regionalzeitungen – Oder: Bei uns in Schilda

Ich nehme an, die Geschichten der Schildbürger unter dem Titel: „Bei uns in Schilda“ sind euch bekannt. Falls nicht: Die Schildbürger, die Bewohner Schildas, sind im Allgemeinen dafür bekannt, ziemlich schräge und nicht eben durch Intelligenz begründete Dinge getan zu haben. Zum Beispiel bauten sie ein dreieckiges Rathaus – ganz ohne Fenster! Erst nach Fertigstellung stellten sie fest – quelle surprise! -, dass es drinnen zappenduster war. Eine Lösung musste her. Und da bot sich doch an, das Dach wieder abzudecken! Nun war es zwar hell oder wenigstens heller, aber es regnete und schneite hinein. Irgendwie nicht so ganz die optimale Lösung. Aber die Schildbürger waren ganz erfinderisch, und so versuchte man, das Licht in Säcken, Körben und sonstigen Behältern ins Rathaus zu tragen. Es kam, wie es kommen musste: Auch diese geistsprühende Aktion zum Scheitern verurteilt. Wie auch die vielen anderen Aktionen derer zu Schilda. 😉

Als Kind fand ich die Schilda-Schilderungen recht amüsant und lachte darüber. Es war klar, dass es so etwas ja gar nicht geben könne. So blöd konnte doch keiner sein! Das lag ja wohl auf der Hand.

Doch inzwischen bin ich eines Besseren belehrt worden. Vor allem, seit ich täglich die Online-Ausgabe einer hier sehr verbreiteten Regionalzeitung mit drei Buchstaben lese, die als „Deutschlands größte Regionalzeitung“ für sich wirbt. Mir von klein auf vertraut, wenn auch meine Eltern sie irgendwann abbestellten und lieber die „Emscher-Nachrichten“ abonnierten. Seitdem ich die Online-Ausgabe von „Deutschlands größter Regionalzeitung“ lese, kann ich sie etwas besser verstehen. Obwohl die „Emscher-Nachrichten“ auch nicht wirklich besser sind. 😉

Andererseits möchte ich nicht meckern, denn die Lektüre verheißt neben mehr oder minder politisch gefärbter Information auch viel Amüsement. Man erführe ja sonst gar nicht, was für scheußliche Dinge sich in direkter Nachbarschaft abspielen – und damit meine ich an dieser Stelle nicht Mord und Totschlag. Das gibt es auch in dieser Zeitung, die inzwischen schon zaghaft davon berichtet, dass es durchaus so etwas Ähnliches wie „No-Go-Areas“ hier im Pott gebe – erst kürzlich las ich einen Artikel über Ückendorf, einen südlich gelegenen Stadtteil meiner Stadt, der schon seit geraumer Zeit „das Viertel der fliegenden Messer“ genannt wurde, aber eher unter der Hand. Wer es laut sagte, wurde gleich in eine bestimmte Ecke gerückt. Inzwischen macht sich sogar oben genannte Zeitung leise Sorgen.

Aber das meine ich gar nicht. Nein, ich staune vielmehr immer wieder darüber, was sonst so alles in dieser Zeitung steht. Erst kürzlich musste ich lesen, dass in Schalke ein Mann von der Feuerwehr gerettet werden musste, der kopfüber in einem Altkleider-Container stak. Es war sogar ein Foto vorhanden: Man sah die Beine des in der Altkleider-Containerfalle Gefangenen wie Streichhölzer in die Luft ragen – es sah sehr albern aus, und ich versuchte, mir vorzustellen, wie man sich als kopfüber in einem Altkleider-Container Steckender, der von der Feuerwehr geborgen werden muss, wohl so fühle. Nicht gut, wie ich feststellte. 😉 Was um alles in der Welt hatte er da gesucht – wie war er in diese groteske Situation geraten? In der Zeitung stand, Alkohol habe keine Rolle gespielt. Ja, aber was denn sonst, wenn nicht Alkohol? 😉

Im weiteren Verlauf des Artikels wurde es aber noch schildaesker, denn bei der Bergung der hilflosen Person stellte sich heraus, dass sich noch ein weiterer Mann in dem Altkleider-Container befand: das eigentliche Opfer. Denn der, dessen Beine gen Himmel ragten, war derjenige gewesen, der dem Ursprungs-Opfer aus dem Container hatte heraushelfen wollen, dann aber selber kopflastig wurde … So kann es gehen. 😉

In meinem direkten Wohnumfeld wurde kürzlich eine große Cannabis-Plantage ausgehoben – Donnerwetter! Ich vermute, dass in der Zeit, da die Polizei die gefährliche Plantage entdeckte und mit viel Aktionismus den Betreiber bzw. Züchter festnahm, anderswo mindestens fünf Autos aufgebrochen wurden, mehrere Messerstechereien und versuchte Vergewaltigungen, zumindest Belästigungen stattfanden. Sorry, wenn ich so zynisch klinge, aber ihr wohnt nicht hier. Man kann es nur mit gesteigertem Sarkasmus sehen, und manchmal denkt man sich: „Wozu die Cannabis-Plantage ausheben und dieser Region noch das entziehen, was das alltägliche Leben einigermaßen erträglich macht?“ Nein, ich gehöre nicht zu den Konsumenten, aber ich habe sehr viel Verständnis. Ich war ja auch mal Studentin. Und ich lebte in Aachen. 😉

Nach dem Wochenende im letzten November, an dem dieses furchtbare Massaker in Paris stattgefunden hatte, stand in der Zeitung, an einem Gymnasium dieser Stadt hätten mehrere Jugendliche – und ich hoffe inständig, es waren keine Schüler des Gymnasiums! – den Schulhof gestürmt, und das mit täuschend echt aussehenden Waffen, die gebrüllt hätten, sie verträten den IS, und es gäbe jetzt ein Massaker. Wahnsinnig einfallsreich und komisch! Und diese Zeitung verharmloste das Ganze als „Dumme-Jungen-Streich“ … Hätte ich sie als Printausgabe abonniert, wäre spätestens das der Grund gewesen, das Abo zu kündigen.

Manchmal steht auch von der Rettung von Schwänen, Enten und Gänsen in der Zeitung – das erfreut mein Herz. 🙂 Oder von Schäferhundwelpen, die im Garten ihrer Halter ihren Kopf in dort herumliegende, kitschige Deko-Amphoren gesteckt haben und nun darin gefangen sind. Zum Glück gibt es die Feuerwehr, und der Artikel war richtig süß. Ich bin mir sicher, der kleine Schäferhund werde seinen Kopf nie wieder in einen krugähnlichen Behälter stecken. Und süß sah der kleine Wicht aus, denn auch da gab es ein Foto. Nein, zwei. Vorher, mit dem Kopf in der Deko-Amphore. Sehr kopflastig der kleine Körper mit den vier kleinen Pfoten und dieser Amphore als Kopf … 😉 Und nachher, als er glücklich befreit worden war, was mich aufatmen ließ.

Heute las ich wieder etwas, das mich aufmunterte, denn der Artikel war etwas für die Kategorie „Kurioses“, die in der Online-Ausgabe der Zeitung gepflegt wird und die ich speziell an schlechteren Tagen gerne lese. 😉

Diesmal sogar überregional, denn die Nachricht kam aus Bonn. „Trickbetrüger verkaufen in Bonn Smartphones aus Stein“ hieß sie. Und was da berichtet wurde, ließ mich laut lachen. Ein junger Mann hatte abends in einem Gewerbegebiet zwei ihm gänzlich Unbekannten zwei Smartphones „der neuesten Generation“ abgekauft, die ihn nur schlappe 400,- Euro gekostet haben. Man hatte ihm zwei neuwertige Smartphones gezeigt, und – Geiz ist geil! – er war dann sofort losgehechtet, das Geld abzuheben. Man händigte ihm dann im Tausch zwei „Smartphones“ aus, die in ledernen Etuis steckten. Erst nachdem die Verkäufer weg waren, stellte der Shopping-Fuchs fest, dass die beiden vermeintlichen Smartphones aus Stein und Attrappen waren … 😉

Ich gebe zu, Schadenfreude ist eine ganz fiese Sache, und ich mag sie eigentlich auch nicht. Aber es gibt Ausnahmen für mich, und das stets dann, wenn absolute Idiotie im Spiel war. Sorry, ich erscheine euch sicherlich fies, aber wie sagt man so schön? „Dummes Fleisch muss ab!“

Manchmal rettet diese: „Bei uns in Schilda“-Zeitung den Tag. Danke, Zeitung mit drei Buchstaben! 🙂 Irgendwie mag ich dich. Manchmal. Und morgen gehe ich nach meiner Übungs- und Auffrischfahrstunde in den nächsten Baumarkt. Steine kaufen. Das nächste Gewerbegebiet ist nicht weit entfernt. 😉