Ein Hoch auf technische Errungenschaften! Oder?

Ich gebe zu, ich habe mich schon mit meinem ersten Handy schwergetan – und das war zu Zeiten, da die einzige Funktion außer Telefonieren, der Weck- und anderen vorsintflutlichen Funktionen nur zaghafte SMS waren. Ich musste mir allerdings wider meinen Willen ein solches Gerät anschaffen, da es beziehungstechnische Gründe dafür gab, über die ich ungern spreche. Dinge, die ich immer abgelehnt hatte, denn einer meiner ehernen Grundsätze früher war, niemals etwas mit verheirateten Männern anzufangen. Und doch ist es passiert – manche Dinge lassen sich schwer ausschließen. Das zumindest habe ich gelernt. Auch, dass der Grundsatz an sich sehr, sehr richtig ist … 😉 Und noch eines: Auch wenn die Ehe wirklich schon kaputt ist – die Ehefrau hat dennoch das Sagen. Erst recht, wenn ein Kind involviert ist. Das Kind mochte mich von klein auf, und vor zwei Jahren habe ich nach all den Jahren, die ich von seinem Vater glücklich getrennt bin, mit ihm seinen 17. Geburtstag gefeiert. In einem alten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der nun dem AZ, dem Autonomen Zentrum in Aachen gehörte. Das allein schon der Witz in Tüten! Ich im Autonomen Zentrum! 😉 Meine stark linksgerichtete Zeit hatte ich spätestens ab dem Studium an den Nagel gehängt. Und so stark, wie die da linksgerichtet waren, eher schon vor dem 18. Lebensjahr. Ich will mich keineswegs darüber lustig machen, aber irgendwie kam mir das alles sehr bekannt vor – wie einer unter so vielen Entwicklungsschritten. 😉

Lina musste irgendwann simultan mit mir zur Toilette, und fast entschuldigend meinte sie zu mir: „Das ist hier alles ziemlich schlimm. Das ist nicht das, was du wahrscheinlich gewohnt bist.“ Ich sah mich einem kargen, grauen und traurigen Toilettenraum mit mehreren Kabinen ausgesetzt, an dessen Decke eine trübe Funzel vor sich hin glomm, auf dem Boden stand partiell Wasser- zumindest verlieh ich meiner Hoffnung Ausdruck, es handle sich nur um Wasser -, und es gab viele abgesprungene Fliesen an der Wand und auf dem Boden. Es war in der Tat recht unschön, aber ich bin nicht aus Zucker. Und ich musste lachen. Die kleine Lina, die ich seit ihrem knapp zweiten Lebensjahr kannte, wusste ja nicht, was man zu meiner Zeit als Studentin als völlig normal, wenn auch nicht schön, akzeptierte. Da war solch ein WC doch völlig in Ordnung, auch wenn ich das heute nicht mehr haben müsste. Jedenfalls nicht jeden Tag. Und so meinte ich zu ihr: „Linalein, ich möchte hier nur eines: pinkeln. Nicht mehr. Und dafür ist das doch völlig okay. Und es erinnert mich an meine Studentenzeit. Also – keine Sorge!“

Als ich aus der Toilette kam, strahlte sie mich an und meinte: „Du bist echt cool! Papa hätte dich heiraten sollen, nicht Sylvana! Die hätte total herumgezickt, wenn sie das Klo hier gesehen hätte!“ Ach, sie kam Jahre zu spät! 😉 Und so meinte ich nur cool: „Nein. Wenn das passiert wäre, wäre dein Vater tot und ich im Knast.“ Da sah sie mich mit großen Augen an. Dann lachte sie schallend und schlug mir auf die Schulter. Ich wusste schon, dass sie mich verstehen würde, als sie noch ganz klein war. 😉

Das zum Beginn meiner „Technologisierung“. Ich habe mich immer gesträubt. Nicht, weil ich zu doof für den jeweils nächsthöheren Level wäre, das nun wirklich nicht. Aber irgendwie schwante mir stets Böses, wann immer irgendeine „total tolle“ Neuerung auf den Markt kam. Mir war klar, dass die stets angepriesenen Vorteile einen ganzen Arsch voll Nachteilen mit sich bringen würden.

Es fing damit an, dass ich an meinen Nägeln zu knabbern begann, wenn ich nicht fünf Minuten nach Absenden einer Kurznachricht eine Antwort bekam. Was war da? Was war passiert? Warum antwortete der nicht? O Gott – was war passiert?

Ich muss zugeben, ich war nicht immer so alarmiert. Der Anfang war sogar ziemlich plausibel. Ich hatte eine SMS abgeschickt, eine in einer Folge diverser solcher. Und auf diese besonders liebevolle solche war keine Antwort mehr erfolgt. Am späten Abend. Und ich hatte danach die ganze Nacht kein Auge zugetan. Was hatte ich angestellt?

An den Folgetag erinnere ich mich höchst ungern. Selten war ich ein solches Nervenbündel bei der Arbeit gewesen. Den ganzen Tag keine Nachricht, und ich wusste nicht, was passiert war. Hatte ich etwas falsch gemacht? Wenn ja, was?

Als ich am frühen Abend nach Hause kam, endlich die erlösende SMS auf meinem Handy, das ich den ganzen Tag in Reichweite liegen gehabt hatte!

Giacomo war am Abend zuvor kollabiert und mit Verdacht auf Lungenentzündung ins Aachener Uniklinikum eingeliefert worden! Fast erstickt, da er ja Asthmatiker war. Ich atmete zunächst auf. Dann dachte ich darüber nach, wie erschreckend meine Reaktion war. Ich war allen Ernstes erleichtert, weil das Fehlen einer Antwort nicht auf einen Fehler meinerseits zurückzuführen war, stattdessen am Beinahe-Ableben meines Freundes gelegen hatte. Ich war kurz davor, mein schickes Siemens-Handy wegzuwerfen. Wenn das solche Folgen hatte, wollte ich lieber darauf verzichten. Allerdings waren Handys damals noch sehr teuer … 😉

Leider blieb es nicht nur dabei – immer mehr technische Möglichkeiten taten sich auf. Und wie gesagt, die haben nicht nur Vorteile. Ich sträubte mich lange gegen ein Smartphone. Ich saß ohnehin schon oft viel zu lange am PC. Und nun würde ich auch noch pausenlos die Möglichkeit haben, auf einen Rechner zuzugreifen. Ich bin da sehr selbstkritisch, ich wusste, ich würde die Möglichkeit nutzen. Irgendwie macht man sich ja doch abhängig, und das ist etwas, das ich im Grunde nicht mag.

WhatsApp war dann einerseits ganz besonders klasse. Super – man konnte wunderbar chatten, auch unterwegs. Allerdings hatte es einen Nachteil. Als es in der Beziehung zu meinem letzten Ex bereits kriselte, wurden die neckischen Nachrichten weniger, und oft bekam ich nur lahme Reaktionen – er hätte viel zu tun und keine Zeit. Und dennoch war er immer erstaunlich lange online. Warum? Wollte ich das wirklich wissen? Ich verdrängte den Gedanken, aber wie wir alle wissen: Verdrängen ist niemals gut. Wann immer ich WhatsApp öffnete, war ich nervös, ganz egal, wem ich schrieb. Irgendwie landete ich – natürlich – auch wieder bei meinem damaligen Noch-nicht-Ex, und das machte mich dann noch nervöser. Nun ja, irgendwann habe ich ja erfahren, warum er so oft online war. 😉 Seitdem stehe ich WhatsApp eher gespalten gegenüber.

Auch mit anderen technisch fortschrittlichen Dingen holt man sich nicht nur den technischen Fortschritt ins Haus, sondern auch zusätzliche Fehlerquellen, deren Kauf – haben sie sich als echte Fehlerquelle entpuppt – man dann haareraufend verflucht. Ich erinnere mich an eine nicht wirklich billige Kaffeemaschine. Lief wunderbar. Zunächst. Dann: nur noch Fehler, der superteure Kaffee schmeckte nicht. Und nach erstaunlich kurzer Zeit gab das blöde Ding seinen Geist dann zur Gänze auf. Dabei gehe ich mit technischen Geräten wirklich alles andere als wurschtig um, da man mit solchen und auch anderen Dingen unbedingt nur mit Gefühl und nicht mit Gewalt umgehen darf. Ich hatte nach dem Kauf die Bedienungsanleitung genau studiert, um nicht gleich etwas kaputtzumachen. Und wie dankte mir das blöde Gerät das Ganze? Ich ließ es – es war noch Garantie drauf – reparieren. Aber auch danach hielt es nicht lange. Der Reparateur hatte mir bereits gesagt, ich sei nicht die Einzige mit dem Problem. Immerhin. Ich hatte schon gedacht, der Maschine passe meine Nase nicht. Oder ich hätte ein Montagsprodukt erwischt. Beides wohl nicht zutreffend. Zähneknirschend schrieb ich die Maschine ab. Inzwischen benutze ich eine „Bodum Original French Press“. So kann es gehen. Manch einer mag das als Rückschritt sehen, ich sehe es als Fortschritt. An dem Ding kann höchstens der Glaszylinder kaputtgehen. Und der Kaffee schmeckt mir persönlich besser.

Mit Staubsaugern habe ich auch interessante Erfahrungen gemacht. Je mehr Hightech, desto mehr Probleme. Inzwischen habe ich einen stinknormalen Staubsauger. War nicht teuer. Funktioniert hervorragend.

Ich bin gespannt, was für ein Auto ich bekommen werde – es steht ja noch nicht fest. Hoffentlich nicht mit zuviel modernem technischem Equipment, denn das führt nur zu nervösen Anfällen, auch Wutanfälle genannt, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es sollte. Und das braucht wirklich kein Mensch. 😉

Aber nun muss ich Schluss machen. Mein Smartphone hat mich gerade aufs Energischste darauf hingewiesen, dass ich mir heute anders, als geplant, nicht etwa einen faulen Lenz mache. „Mehr Sport!“ hat es mich vorhin angeherrscht, und sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich werde mich gleich also entweder aufs Fahrrad schwingen oder einen Gewaltmarsch absolvieren. Oder mein Smartphone aus dem Fenster werfen. Dabei verschaffe ich mir auch Bewegung. 😉

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