Kleine Glücksbringer

Ich bin keine Freundin von Esoterik. Noch weniger, seitdem ich neun Jahre lang mit einem Kollegen ein Büro teilen musste, der zwar von sich selber behauptete, Esoterik nicht zu mögen, da er ja ein guter Christ sei, sich aber erstaunlicherweise auf jeden neuen Mist vom Esoterikmarkt stürzte. Ganz schlimm, als er mit seinem ebenso weisen Busenfreund einst über Quantenphysik fachsimpelte (die Betonung liegt hier auf „simpel“), denn die wurde auch von der Esoterikfront annektiert, wobei ich davon ausgehe, dass kein Mitglied dieser Fraktion auch nur ansatzweise in der Lage ist, zu begreifen, worum es dabei wirklich geht. Ich begreife es zwar auch nicht, aber selbst ich war in der Lage, zu erkennen, dass das, was die beiden Herren der Schöpfung da fabulierten, kompletter Unsinn war. Offenbar habe sogar ich zumindest in Ansätzen mehr Ahnung von der Thematik – und das will was heißen! Zumindest habe ich Respekt vor Quantenphysik und Wissenschaft generell. 😉

Dennoch habe auch ich eine kleine Schwäche, und das gebe ich auch zu. Eine völlig unwissenschaftliche. Ich bin nämlich abergläubisch. Nicht über Gebühr, und ich wechsle nicht die Straßenseite, renne davon oder fange zu hyperventilieren an, wenn eine schwarze Katze meinen Weg zu kreuzen droht. Im Gegenteil. Ich mag Katzen, ich mag Tiere generell. Unter Leitern gehe ich zwar nicht hindurch, was allerdings eher darin begründet liegt, dass möglicherweise jemand darauf steht, der etwas fallenlassen könnte – und ich will nicht unbedingt ein Loch im Kopf oder einen zur Gänze eingeschlagenen Schädel haben.

Dennoch kann ich mich manchmal nicht gegen leichte Anfälle von Aberglauben wehren. 😉 So habe ich kürzlich dem Kollegen Chuck einen Kaffeebecher weggenommen, der meinem Ex Dirk, dem Brachialjuristen, gehört hatte und noch bei uns in der Teeküche im Schrank gewesen war. Ich konnte, ehrlich gesagt, nicht ertragen, zu sehen, wie jemand, der nett ist, daraus trank. Am Ende würde Dirks bisweilen arschige Art abfärben, und Chuck wollte unbedingt diese Tasse haben, warum auch immer, denn sie war obendrein potthässlich und kackbraun. Ich habe ihm dann eine andere Tasse mitgebracht, kitschig zwar, aber wenigstens in einer vernünftigen Farbe (blau). Die Ex-Tasse des Ex habe ich schließlich mit Schmackes in den Mülleimer geworfen.

Ich gebe zu, das ist schon ein wenig mit Aberglauben verbunden. 😉 Vielleicht sogar ein winziges bisschen neurotisch. Aber es gibt Schlimmeres. 😉

Immerhin ist positiv anzumerken, dass ich nicht nur negative „Zeichen“ sehe. 😉 Das zeigte sich einmal anno 2012, genauer: am 14. August 2012 – ich habe es nie vergessen, denn es war schon ein wenig außergewöhnlich, was da passierte. Nichts Sensationelles, aber doch ungewöhnlich.

Ich hatte gerade Urlaub, war am Vortag aus Dresden zurückgekehrt, wo ich meine Schwester Stephanie und meinen Schwager besucht hatte. Es war eigentlich eher eine Flucht gewesen, denn nur knapp drei Tage vor meinem Geburtstag Anfang August hatte der oben genannte Ex mir verklickert, dass er leider meinen Geburtstag nicht mit mir feiern könne, da es da „jemand anderen“ gäbe. Mit der Information hatte er sich – wohl aus Feigheit – einen halben Monat Zeit gelassen, bis es nicht mehr anders ging. Gut, ich habe dann auch nicht mehr gefeiert, sondern den Tag in einer Stimmung verbracht, die an Hoffnungslosigkeit grenzte. (Wenn ich heute darüber nachdenke, würde ich mir am liebsten höchstselbst den Hintern versohlen – verschwendete Energie.)

Der 14. August war ein recht warmer, sonniger Tag – das weiß ich noch. Ich hatte noch eine Woche Urlaub, dennoch aber an diesem Tage einen dienstlichen Termin an der TU in der Nachbarstadt, wo ich als Dozentin tätig war. Mein Fachbereichsleiter und ich wollten mein Seminarprogramm für das kommende Wintersemester besprechen. Als er gehört hatte, dass ich Urlaub hätte, wollte er den Termin verschieben, aber ich meinte, es sei kein Problem. Besser, ich beschäftigte mich sinnvoll. 😉

Mühsam – ich bin kein Morgenmensch – quälte ich mich aus dem Bett. Ich hatte Kopfschmerzen und wollte nur eines: unter die Dusche.

Ich schleppte mich Richtung Bad, und das ohne Kontaktlinsen oder Brille – ich bin leider kurzsichtig. Und so sah ich alles nur verschwommen. Doch als ich an meinem türlosen Wohnzimmer vorbeikam, fiel mir etwas auf. Zunächst hauptsächlich akustisch. Meine beiden inzwischen verstorbenen Wellensittiche, Julius und Jakobine, kreischten laut und flatterten aufgeregt im Käfig auf und ab. Abgesehen davon war es ohnedies recht laut, und ich dachte: „Die Schwalben hört man heute aber besonders intensiv.“ Denn unter dem Dachvorsprung, der sich über meinen beiden Wohnzimmerfenstern befand, waren in einer Reihe diverse Schwalbennester, die jedes Jahr von neuem von Mehlschwalben zum Brüten und zur Aufzucht ihrer Jungen genutzt wurden. Ich mochte die Schwalben, auch wenn sie meine Außenfensterbänke vollkackten und ich die Bescherung dann immer entfernen musste. Aber es sind sympathische Vögel, finde ich, und ich bewundere immer wieder ihre Flugkünste. Niedlich war es, wenn die Jungen flügge wurden und zunächst noch etwas ungelenk durch die Gegend taumelten, aber sehr schnell ihre Flugfähigkeiten perfektionierten. Auch zuvor waren sie schon niedlich gewesen, denn manchmal beugte ich mich weiter aus dem Fenster und drehte mich dann um, um einen Blick auf die Schwalbennester zu werfen – und dann sah ich die Schwälbchen immer zu zweit oder zu dritt nebeneinandergedrängt aus dem Einflugloch ihrer Nester blicken. Wirklich süß, und sie wirkten auch gar nicht schüchtern.

Nun, an jenem Tage schien es bei den Vögeln besonders hoch herzugehen – die Lautstärke war außergewöhnlich intensiv. Doch da! Was war denn das da im Wohnzimmer? Da hatte sich doch etwas bewegt, und das, wie es schien, durch die Luft! Ich rieb mir die kurzsichtigen Augen und starrte genauer hin: Da sauste etwas Schwarzweißes um die Wohnzimmerlampe, dabei ein lautes, zirpendes Geräusch absondernd! Ich holte lieber meine Brille …

Als ich – zu den Sehenden zurückgekehrt – ins Wohnzimmer trat, flatterte da ein kleines, schwarzweißes Ding vor dem rechten Wohnzimmerfenster auf und ab. Es wollte wohl hinaus. Eine kleine Schwalbe!

Wie war sie hereingekommen? Beide Fenster waren lediglich gekippt, bei einem das Rollo ganz, bei dem anderen zur Hälfte hinuntergelassen. Sie hatte sich wohl oben durch den schmalen Spalt des gekippten Fensters gezwängt und schrie nun nach Eltern und Geschwistern. Meine Sittiche unterstützten sie dabei – leider nicht ganz so dezent zirpend wie die Schwalbe. Meine Kopfschmerzen intensivierten sich sogleich.

Ich holte ein altes Küchenhandtuch, ging zum Fenster, vor dem das aufgeregt zirpende Tierchen auf und ab flog und immer wieder gegen die Scheibe stieß. Mit etwas höherer Stimme redete ich sanft auf das hektische Tier ein: „Ganz ruhig, armes Kerlchen. Warte, ich lasse dich hinaus!“ Und vorsichtig schloss ich das Fenster erst, um es dann ganz zu öffnen. Die kleine Schwalbe schoss blitzschnell ins Freie und kreischte draußen in den höchsten Tönen. Wahrscheinlich berichtete sie Eltern, Geschwistern, Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen von ihrem großen Abenteuer! Ich musste lächeln, und dann schloss ich das Fenster lieber ganz. Das linke Fenster war noch gekippt, aber irgendwie musste ja Luft herein.

Nachdem ich ein paar Schwalbenhaufen weggewischt hatte, ging ich endlich unter die Dusche …

Danach ging es mir doch gleich viel besser. Ich ging am Wohnzimmer vorbei und nahm grinsend wahr, dass die Schwalben noch immer ganz aufgeregt waren – das Geschrei war noch immer sehr laut. Doch da! Was war das? Aus dem Augenwinkel sah ich etwas durch das Wohnzimmer sausen …

Ich sah genauer hin: Eine kleine Schwalbe schoss in einer eleganten Linkskurve durch das Zimmer! Aber … ich hatte sie doch in die Freiheit entlassen! Und es war nur eine Schwalbe im Wohnzimmer gewesen – zwei wären mir aufgefallen. Wie war das möglich? Sollte sie sich wider besseres Wissen durch den Spalt im noch gekippten linken Fenster gezwängt haben, zurückgekehrt sein? Innerhalb so kurzer Zeit? Offenbar war dem so, und ich war sprachlos. Entweder gefiel es dem Tierchen in meiner Wohnung, oder es war nicht ganz so helle …

Die Zeit drängte, ich musste mich für meinen Termin fertigmachen. Und so versuchte ich erneut, das Tier an die Luft zu setzen. Doch diesmal war das nicht so leicht. Genauer: Es war unmöglich. Immer, wenn ich das Fenster öffnete, flog das Schwälbchen weit weg, war im wahrsten Sinne weg vom Fenster. Als wollte es nicht nach draußen. War da etwas Schlimmes? Streit? Häusliche Gewalt? Schwalbenmobbing? Man weiß ja nie …

Schnell wurde mir klar, dass ich das Tier wohl in der nächsten Zeit nicht loswerden würde. Alleinlassen wollte ich es auch nicht, denn es flog überall hin und klinkte in hoher Frequenz Haufen aus! Ich wollte es auf keinen Fall unbeaufsichtigt in meiner Wohnung lassen. Und so griff ich zum Telefon und rief an der TU in der Nachbarstadt an. Mir war nicht ganz wohl, denn mir war klar, wie es klingen würde, wenn ich sagte: „Ich kann nicht kommen. Ich habe eine Schwalbe in der Wohnung.“ Ich hatte schon einmal einen Termin absagen müssen, als ich – bereits unterwegs – in einer überfüllten Straßenbahn, in der auch zwei Schulklassen mitfuhren, bei einer Vollbremsung einen der Schüler quasi ins Gesicht bekommen hatte, der sich schlauerweise nicht festgehalten hatte und mit voller Wucht auf mich gestürzt war, genauer: auf meine empfindliche Nase. Ich hatte dabei eine Kontaktlinse verloren und heftiges Nasenbluten. (Der zuständige Lehrer wollte sich davon übrigens nichts annehmen – ein weiterer Minuspunkt auf meiner Lehrer-Beliebtheitsskala … Und ich war so geschockt, dass ich nichts weiter unternahm und lieber stante pede nach Hause fuhr – hinterher habe ich mich geärgert.) Schon das war mir unangenehm gewesen. Und nun dieses!

Die Sekretärin des Sprachenzentrums aber hatte Verständnis, als ich kleinlaut den Grund meines Fernbleibens mitteilte, und sie sagte: „Frau B., keine Sorge – ich kann die Schwalbe selber deutlich schreien hören. Ich würde an Ihrer Stelle auch nicht kommen.“ Na, immerhin!

Ich verbrachte einen sehr, sehr langen Tag in der Wohnung, an die ich quasi gefesselt war. Immerhin nutzte ich ihn, um schon einmal ein paar Recherchen für meine neuen Seminare zu tätigen, saß an meinem PC am Schreibtisch. Schwälbchen saß auch: auf meinem Bücherregal, von wo es mich keck ansah und mir ab und zu etwas entgegenzirpte, wobei es das Köpfchen schieflegte. Wurde ihm langweilig, und war ihm nicht genug Stimmung in der Bude, sauste es laut kreischend durch das Wohnzimmer, einmal in einer so scharfen und steilen Rechtskurve am Käfig meines leider auch schon verstorbenen Zwergkaninchens Muffin vorbei, dass der kleine Kerl vor Schreck mit allen Vieren gleichzeitig zurücksprang und in sein Schlafhäuschen floh, wo er seinem Unmut Ausdruck verlieh, indem er heftig mit den Hinterläufen auf den Boden klopfte. Er wollte mich vor dem komischen Ding da draußen warnen. Aber was sollte ich tun? Mir war ja auch klar, dass der kleine Kerl, der in seinem Äußeren an einen evangelischen Pfarrer erinnerte, nicht so recht zu uns passte. Nur: Er wollte nicht gehen!

Meist saß er jedoch auf dem Bücherregal, drehte sich mehrfach – das fand ich sehr nett, weil ich es so wenigstens sah – um 180 Grad, um vom Regal bemerkenswert riesige Haufen auf den Fußboden davor fallenzulassen und blickte zu mir herüber. Er erinnerte mich in seiner Pose an eine meiner Lieblingsballaden von Edgar Allan Poe: „The Raven“. Dort kommt ein Rabe gegen Mitternacht in das Wohnzimmer des unter Liebeskummer leidenden Protagonisten, setzt sich auf die Büste der Pallas Athene und wirkt alles in allem sehr prophetisch und damit unheimlich. Nun, bei mir hatte es nicht einmal für einen Raben gereicht … 😉

Im Laufe des Tages kam das Schwälbchen immer näher an mich heran, bis es dann am späten Nachmittag vor mir auf dem Schreibtisch saß und mich von dort keck anblickte, als wollte es mir etwas mitteilen. Wahrscheinlich, dass es Hunger hatte. Aber ich hatte nichts Schwalbengerechtes im Haus, hatte ihm nur ein Schälchen mit Wasser hinstellen können, aus dem es dann und wann auch trank. Meine Wellensittiche beäugte es übrigens mit Argwohn und latenter Abneigung … Albern bunte und plumpe Konkurrenz … Clowns!

Am frühen Abend erst gelang es mir, den kleinen pastoral wirkenden Gesellen wieder nach draußen zu entlassen. Offenbar hatte das Heimweh ihn übermannt, und er setzte sich auf die Fensterbank und sah sehnsüchtig nach draußen. Von der Herumfliegerei und Mangelernährung war er jedoch wohl ziemlich erschöpft, und als ich das Fenster öffnete, sah er mich nur müde an, als sei er zu schwach, selber hinauszuklettern. Ich hielt dem kleinen Fratz meine Hand vor den Bauch, und er kletterte tatsächlich hinauf! 🙂 Vorsichtig setzte ich ihn auf die Außenfensterbank, und ganz leise und behutsam schloss ich das Fenster. Zur Gänze. Kein Risiko mehr.

Ich war noch immer sehr verwundert ob dieses Ereignisses – wirklich ungewöhnlich. Dann fiel mir etwas Schönes ein: Schwalben gelten als Glücksbringer! Und Glück konnte ich wirklich brauchen. Nun ja, ich gebe zu, etwas Exorbitantes ist nicht eingetreten, aber wer weiß, was mir vielleicht auf der Fahrt zur TU passiert wäre, die ich ja nun nicht hatte antreten können? Vielleicht wäre wieder jemand in der Straßenbahn auf mich gestürzt, oder man hätte mir mein Portemonnaie gestohlen … Fragen über Fragen, abergläubische Fragen.

Es hat sich danach übrigens nie wieder eine Schwalbe in meine Wohnung verirrt. Aber an meinen kleinen Freund hätte eh keine zweite herangereicht. 🙂

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