„Wackeldackel“ oder: Ich habe überlebt! :-)

Ich weiß, für diejenigen unter euch, die jahrein, jahraus täglich Auto fahren, mag es sehr befremdlich wirken, wenn jemand gesteht, ein echter Schisshase zu sein, was Autofahren anbelangt. Noch befremdlicher, wenn jemand in meinem Alter gesteht, noch nie ein eigenes Auto besessen zu haben. Es hatte aber zunächst damit zu tun, dass ich lange Zeit kein Auto brauchte und nie wirklich gern gefahren bin, wovon ich ja bereits berichtet hatte.

Ich fasse zum Jahreswechsel normalerweise nie gute Vorsätze, weil ich weiß, dass die – wie Namen – Schall und Rauch sind, meist zumindest. Diesmal war es anders – meine unbequeme Mobilitätssituation ging mir mehr und mehr auf die Nerven, die Situation in Bussen und Bahnen wird auch nicht besser, und es nagte seit vielen Jahren an mir, dass ich wirklich Schiss vor dem Fahren hatte. (Und habe.) Wann immer mich jemand mitnahm, dachte ich mir: „Ali, du bist eine feige Sau!“ Sorry, aber das dachte ich ganz genau so, und ich schreibe immer, wie mir der Schnabel gewachsen ist. (Leider spreche ich auch oft so. 😉 ) Da war ein Makel. Zwar nicht nur einer an mir, aber der hier störte wirklich ganz besonders, denn diesen Makel hätte man leichter abstellen können als manch anderen. Allein – es fehlte der Mut.

Und so beschloss ich zum Jahresende, dass es nun wirklich reiche. Seit elf Jahren war ich gar nicht mehr Auto gefahren. Eine Schnapszahl, die doch zu irgendetwas gut sein musste, und wenn es nur darum ginge, sie zu begrenzen.

Da ich aber eine gewisse Restsicherheit benötige, beschloss ich, Auffrischfahrstunden in einer Fahrschule zu machen, statt – wie man mir wiederholt anbot – mit Bekannten oder Verwandten in deren Autos zu üben, während sie danebensitzen würden. Mir war lieber, mit jemandem zu fahren, der zur Not wirklich eingreifen könnte, zumindest für den Wiedereinstieg. Mit jemandem, der ein echter Profi darin ist.

Heute war der große Tag. Ich hatte nachts sehr schlecht geschlafen und war bei der Arbeit einem Nervenbündel sehr nahe. Um kurz nach 16 h stieg ich in den Bus und fuhr nach Buer, wo ich noch zur Sparkasse musste – das Honorar für die Fahrlehrerin musste ja auch noch am Automaten gezogen werden, denn ich hatte zu wenig Bargeld bei mir.

Um kurz vor halb fünf saß ich in der Straßenbahn, die mich in den Stadtteil bringen sollte, der den schönen Namen Bismarck trägt und um den ich sonst einen großen Bogen mache. 😉 Aber dort war die meinem Wohn-Stadtteil nähergelegene Filiale der Fahrschule, bei der ich mich angemeldet hatte. Hätte man mir vor einem halben Jahr erzählt, ich würde je an der Haltestelle Trinenkamp die Straßenbahn verlassen, hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt. Die Gegend dort ist nicht die angenehmste. 😉

Ich stieg aus und eilte Richtung Bismarckstraße. Zunächst ging ich in die falsche Richtung – ich gehöre zu den Menschen, die sogar als Fußgänger ein Navi gut brauchen könnten. Zum Glück stellte ich meinen Irrtum schnell fest und drehte um. Ebenso schnell fand ich die Fahrschule, aber ich wollte lieber noch ein bis zwei Zigaretten rauchen, bevor ich die heiligen Hallen beträte. 😉

Als ich dies schließlich tat, hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit der Büroangestellten, in dessen Verlauf diese sicherlich die arme Fahrlehrerin bedauerte, da ich, wenn ich aufgeregt bin, zu Logorrhoe tendiere und viel und schnell rede. Noch mehr, noch schneller als sonst. 😉

Die Fahrlehrerin, die mir empfohlen worden war und mit der ich bereits einmal telefoniert hatte, verspätete sich, was kein Problem für mich war. Nur wurde es draußen peu à peu immer dunkler. Egal – zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Aktiver statt passiver Erstkontakt mit KFZ seit vielen Jahren, und das im Dunkeln, vielleicht war es besser so. 😉

Und ich wusste zumindest, mit was für einem Fahrzeug ich fahren würde: einem Audi A3. Ich hatte am Telefon noch zur Fahrlehrerin gesagt: „Au, super – einen Audi habe ich noch nie gefahren, wollte das aber immer schon einmal!“ (Aus unerfindlichen Gründen habe ich seit sehr vielen Jahren ein Faible für Audi – nehmt es hin, denn über Geschmack lässt sich nicht streiten. Oder doch? 😉 ) Die Fahrlehrerin, die sehr nett ist, hatte gemeint: „Na, sehen Sie! Da bekommen Sie zu Ihrem Mut noch eine Belohnung dazu!“

Nun muss ich gestehen, dass sämtliche A3, die mir je besonders ins Auge gefallen waren, allesamt über ein Fließheck verfügten. Und fast alle Autos, die ich je gefahren habe, hatten ein Fließheck, waren wunderbar übersichtlich und relativ kurz. Bis auf das „Schiff“ meines Ex-Freundes Freddy, ein potthässlicher 70er/80er Opel Rekord. (By the way: Ein Opel käme mir nie ins Haus – höchstens geschenkt … 😉 ) Ehrlich gesagt: Ich staune noch heute, dass ich mit dem wiederholt gefahren bin, aber das habe ich tatsächlich gemacht, sogar innerhalb Aachens, kam mir allerdings immer vor wie eine Laus auf dem Rücken eines Elefanten.

Als die Fahrlehrerin eintraf und mich aus den Geschäfts- und Unterrichtsräumen der Fahrschule abholte, war ich sehr nervös. Sie wirkte aber sehr beruhigend auf mich – nichts schien sie umhauen zu können, als ich ihr erzählte, ich sei ein Schisshase. Sie meinte nur: „Keine Angst – das kriegen wir hin!“ (Ich sagte lieber nicht, dass bei mir Zweifel bestünden.)

Dann bogen wir um die Ecke, wo der Fahrschulwagen stand, und ich prallte zurück! Was da stand, war erheblich „umfangreicher“ als sämtliche Fließheck-A3, die ich immer so schön gefunden hatte. Denn dieser A3 hatte ein Stufenheck und wirkte damit erheblich wuchtiger! Und natürlich war er um einiges länger. Und das mir mit meiner Fahrphobie! 😉

Ich glaube, mein Zeigefinger zitterte ein wenig, als ich mit diesem auf den Wagen deutete und meinte: „Das ist der Wagen, mit dem ich gleich fahren soll?“ – „Ja!“ rief die Fahrlehrerin fröhlich. „Gibt es etwas auszusetzen? Sie sagten doch, Sie mögen Audi!“ – „Ääh, ja.“ Ich beschloss, die Gegebenheiten einfach hinzunehmen, statt vorzugeben, dass ich doch leider einen ganz wichtigen Zahnarzttermin vergessen hätte, weswegen ich nun auch ganz schnell – mit der Straßenbahn – weg müsse. 😉

Und ich riss mich zusammen und warf schwungvoll meine Tasche auf den Rücksitz, zerrte aber schnell noch meine Lesebrille heraus, die ich so auf die Nase setzte, dass ich bequem darüber hinwegblicken konnte, aber auch die Bedienelemente klar sehen konnte. Nah- und Fernsicht also hervorragend gegeben. 😉

Und dann – bloß keine Feigheit vor dem Feind – warf ich mich schwungvoll auf den Fahrersitz, der erschreckend weit nach hinten gefahren war. Offenbar war der vorherige Fahrschüler ein Riese gewesen. Dann sah ich mich etwas im Wagen um …

Ach, du Scheiße!

Da ich so lange nicht selber gefahren war, war die weitgehende Computerisierung von Autos zwar nicht unbemerkt an mir vorbeigegangen, nur hatte ich nie als Fahrerin mit derlei Gegebenheiten Kontakt gehabt und diese daher zwar bisweilen bestaunt, aber eher als Zaungast. Handbremse – wo war die Handbremse? Ach, diese kleine Klappe da! Hatte ich schon mehrfach bestaunt, aber vor der Zeit meiner persönlichen Weiterentwicklung in puncto Autofahren, da ich dieses kleine Ding nicht selber betätigen musste. Wie zum Henker ging man damit um?!?

Aber erst musste ich meinen Sitz einstellen, dann das Lenkrad. Geiles Lenkrad, übrigens, und als alles auf meine geringe Körpergröße justiert war, musste ich sämtliche Spiegel einstellen. Der Innenspiegel war kein Problem. Die beiden Außenspiegel schon eher, und ich verfluchte meine Unfähigkeit, sofort und auf Kommando alles problemlos handhaben zu können. Ich fühlte mich in doppelter Hinsicht zu doof zum Fahren. 😉

Dann ging es los. Ich hatte nach 11 Jahren Komplettabstinenz auch das letzte Fitzelchen Fahrgefühl und Gespür für ein Auto fast verloren. Und dann mit dieser – für meine Begriffe und im Vergleich zu den vorherigen Gegebenheiten – Wuchtbrumme losfahren! Und wir befanden uns in einer Sackgasse … Es kam mir irgendwie symbolhaft für mein Leben vor, aber meine Fahrlehrerin meinte nur: „Sie fahren jetzt bis zu den beiden Pollern, und dann wenden Sie.“ Ja! Klar! Mache ich doch! Mache ich doch jeden Tag mindestens dreißigmal! 😉

Ich warf einen prüfenden Blick auf den Schalthebel, aber meine Lehrerin meinte grinsend: „Nicht ohne Grund haben wir eine Socke drübergezogen, denn Sie gucken da bitte nicht drauf, sondern schalten nach Gefühl.“ Ah, ja. Ein Sechsganggetriebe, wie sie mir zumindest verriet, und ich schaltete erstaunlich schnell treffsicher in den Rückwärtsgang, als ich die Poller erreicht und gebremst hatte. „Geht doch!“ freute sich meine Fahrlehrerin, monierte jedoch, dass ich zunächst das Gaspedal nicht malträtieren solle. Ich solle zunächst nur mit der Kupplung arbeiten. Ja, klar – bei Fahrschulwagen ist das Standgas so hoch eingestellt, dass man das Gaspedal bei solchen Manövern fast nicht braucht. 😉

Fast nur mit Hilfe der Kupplung manövrierte ich den Wagen erstaunlich schnell in die richtige Richtung. Erneute Freude bei meiner Fahrlehrerin. Bei mir übrigens auch. „So. Wir fahren jetzt erst einmal aus dieser Straße heraus und biegen bei der nächsten Möglichkeit rechts ab!“ Ich folgte, wie mir vorgegeben, und rasch befanden wir uns auf einer der Hauptstraßen in Bismarck.

Überall verengte Fahrspuren, da viele Baustellen. Meine Fahrlehrerin, von mir schon vorab darauf aufmerksam gemacht, dass ich einen gewissen „Rechtsdrall, aber ganz und gar nicht politisch“ mein eigen nenne, wies immer wieder geduldig darauf hin, dass ich mehr in der Mitte fahren und in den linken Außenspiegel blicken solle – da sei noch viel Platz bis zur Mittellinie. Auch solle ich offensiver fahren.

Ich fuhr dann offensiv, als ich wieder etwas mehr Gefühl fürs Fahren hatte. Nur leider fahre ich, wenn ich offensiv fahre, bisweilen etwas schneller. 😉 Wiederholt tönte die Stimme meiner Fahrlehrerin an mein Ohr: „Frau B. – piano! Wir sind nicht auf der Flucht!“ Nicht? 😉 Außerdem fuhr sich die „Wuchtbrumme“ ziemlich angenehm, und das Lenkrad hätte ich nach der Stunde am liebsten mitgenommen! 😉

„Beim Abbiegen die Kurven nicht zu eng nehmen. Ach, aber, Sie kriegen das schon hin! Fahren Sie weiter geradeaus, ich muss da eben mal drangehen!“ meinte meine Fahrlehrerin, deren Handy klingelte. Großer Gott! Sie telefonierte, während ich vor mich hin fuhr! Mir war zwar klar, dass sie dennoch ein sehr genaues Auge auf mich und die Füße in Reichweite ihrer Pedale hatte, aber ich dachte mir: „Weiß sie, mit was für einer Fahrphobikerin sie unterwegs ist?“ 😉 Und ich heizte durch Schalke und das Industriegebiet, das schon zu meinem Einzugsbereich, Erle, gehört.

Immer wieder wies sie mich darauf hin, dass ich offenbar einen Bleifuß hätte. Und sie meinte: „Da Sie ja bereits den Führerschein haben, darf ich rein rechtlich eigentlich gar nicht eingreifen, bremsen oder sonstwas machen – das Fahrzeug unterliegt allein Ihrer Verantwortung. Denken Sie dran.“ Ab da achtete ich auf den Tacho, als handelte es sich um ein eigenes Kind. 😉

Irgendwann, die Gegend kam mir sehr bekannt vor, gebot sie mir, links abzubiegen. In eine Sackgasse. Unseren Ausgangspunkt. Ich bog ab und sollte dann parallel zum Bordstein in eine Lücke fahren. Da sie mich während der Fahrt darauf getrimmt hatte, durchaus größere Abstände zu halten, tat ich dies auch, wollte gerade aufatmend den Wagen definitiv parken, den Zündschlüssel abziehen und wem auch immer auf Knien danken, dass ich ohne Blessuren aus der Fahrstunde hervorgegangen sei, als sie meinte: „Sie sollten aber schon noch ein paar Meter zurücksetzen.“ Ich setzte zurück, aber es war inzwischen ziemlich dunkel, und hinter uns stand ein weiteres Auto. Sagt es nicht weiter, aber so richtig habe ich nach hinten die Abstände nicht schätzen können … 😉 Doch als sie ausstieg und nachsah, meinte sie: „Super, Frau B.! Und Sie sagten, Sie hätten kein Gespür bei so etwas!“ Offenbar habe ich das schon. Durch Sehen hatte ich das jedenfalls nicht so hübsch einschätzen können – dazu war es zu dunkel. 😉

Ich war fürs Erste heilfroh, als ich die Handbremse betätigen, den Motor deaktivieren und aussteigen durfte. 😉 Ich setzte mich nach hinten, denn der nächste Fahrschüler würde nach Erle fahren müssen, da meine Fahrlehrerin meinte, man könne mich bequem zu Hause absetzen. Armer Kerl – über die vergleichsweise schmale Cranger Straße, auf der die Straßenbahn fährt! 😉 Er erzählte, er habe inzwischen 20 Fahrstunden hinter sich, aber dafür fuhr er bemerkenswert langsam. So langsam, dass die Fahrlehrerin sich beschwerte. Und sie meinte: „Unglaublich! Da habe ich zwei Extreme im Auto! Der eine eiert nach 20 Fahrstunden daher wie eine schwangere Bergente auf Urlaub, die andere heizt durch die Gegend, als täte sie nichts anderes – nach 11 Jahren Abstinenz! Frau B. – Sie müssen viel ruhiger werden und sind mir noch zu hektisch, aber das ist ja auch kein Wunder nach der langen Zeit. Aber Sie haben das wirklich recht ordentlich gemacht.“ Ich atmete auf … 😉 „Und du“, wandte sie sich an den Fahrschüler, „solltest dir in puncto Geschwindigkeit etwas von Frau B. abschneiden! Wo sie zu schnell ist, bist du zu langsam! Aber – und das muss ich Frau B. zugute halten – du bist in Übung!“

Dann setzte man mich zu Hause ab. Und nächste Woche ist meine nächste Auffrischfahrstunde … Jetzt bin ich erst einmal erleichtert! 😉

Einen Spruch meiner Fahrlehrerin werde ich mir merken: „Frau B. – Sie müssen so eine Art Wackeldackel sein: Statt einmal lang zu gucken, werfen Sie künftig wiederholt kurze Blicke. Also so wie ein Wackeldackel!“ Ich wusste sofort, was sie meinte und bin jetzt schon auf nächste Woche gespannt … 😉

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