„Follow the Yellow Brick Road“

Mein Leben ist nicht immer in geraden Bahnen verlaufen, wobei „nicht immer“ noch geschönt ist. Ich bin den Umgang mit Serpentinen gewohnt, mit Umwegen, unwegsamem Gelände und Hindernissen. Und mit Zitronen, wobei ich gerade dabei bin, zu lernen, Limonade daraus zu machen. Ein hartes Brot. 😉

Gestern in der Küche traf ich auf meinen Kollegen Chuck. Eigentlich heißt er ganz anders, hat einen wirklich schönen Namen, schlug mir aber im Scherz vor, ihn „Chuck“ zu nennen, sollte er je in einer meiner Einlassungen hier vorkommen – sicher unter anderem, weil der Name nur eine Silbe hat, sein realer aber gleich vier, so viele, wie mein Vor- und Nachname zusammen. Das Gefühl für Namen ist ja ganz individuell. Ich mag meinen richtigen Namen nicht – euch ist ja klar, dass ich nicht auf den Namen „Ali“ getauft wurde, nicht wahr? -, und bei Chuck scheint das ähnlich zu sein.

Doch ich hatte nicht vor, über Namen zu sprechen, obwohl das sicherlich ein tolles Thema wäre. Aber dann würde ich gegebenenfalls meinen vollen Vornamen nennen müssen, und das möchte ich aus verschiedenen Gründen nicht.

Chuck wird uns demnächst verlassen und eine andere Richtung einschlagen. Ich finde das sehr, sehr schade, da er ein Lichtblick an diesem tristen Arbeitsplatz war, der den Arbeitsalltag erhellte, denn er hat viel Humor, ist meist beneidenswert gelassen, und man kann prima mit ihm herumfrotzeln. Nicht immer, aber meist. Leider übertreibe ich es dabei bisweilen, so dass man manchmal nicht mehr weiß, was ich nun eigentlich ernst meine, aber das hatten wir ja schon … 😉 (By the way: Ich meine durchaus oft Dinge ernst.)

Er erzählte von seinen neuen Jobaussichten und sah nicht sonderlich zuversichtlich drein. „Wann immer ich zwei Auswahlmöglichkeiten habe, entscheide ich mich stets für die falsche – das zieht sich durch mein ganzes Leben. Wenn ich links abbiege, solltest du dringend rechts abbiegen – denn das ist dann der richtige Weg.“ Er sah ziemlich zweifelnd drein, wollte das Ganze noch etwas ausführen, aber ich winkte fatalistisch grinsend ab. Nicht, dass ich nicht gerne zuhörte, wenn er etwas erzählt, aber mir das zu erklären, wäre nun wirklich redundant gewesen, denn manchmal glaube ich, ich sei die Erfinderin des „gezielten Griffs ins Klo“, wie man so schön sagt. Kurz: Ich bin da genauso. Mit Verve und Begeisterung stürze ich mich immer wieder in die falsche Richtung und damit nicht selten ins Chaos.

Dabei stürze ich mich durchaus nicht immer auf das, was besonders attraktiv erscheint – diese Phase habe ich schon länger hinter mir gelassen. Nein, manchmal wähle ich die weniger spektakulär wirkende Möglichkeit, und dies im Glauben und der Hoffnung, dass das Unspektakuläre weniger Risiken berge. Das ist natürlich kompletter Unsinn, und nicht selten steht man dann genauso im zu kurzen Hemd da, nur mit einer obendrein noch langweiligen Lösung, die in Wirklichkeit keine ist.

Das fängt bereits im Restaurant bei der Speisekarte an, und dabei ist völlig egal, wie viele Positionen diese enthält. Es beginnt damit, dass ich mich schwertue, mich zu entscheiden, und dann entscheide ich mich meist für das, was dann doch nicht so toll ist, und ich stelle fest, dass ich statt des Wolfsbarschs doch lieber das Rinderfilet genommen hätte. Beim Essengehen ist das noch nicht so gravierend, wenn auch ärgerlich, aber das Phänomen macht auch vor anderen Aspekten nicht halt. Weder beruflichen, noch privaten. Ich weiß, ich bin da kein Einzelfall, aber ich kenne nur wenige Menschen, die so virtuos falsche Entscheidungen treffen wie ich. 😉

Speziell im privaten Bereich hat sich diese Tendenz schon öfter gezeigt. 😉 Nicht selten hatte es damit zu tun, dass ich offenbar ein Faible für Spinner und Underdogs habe. Das ist gar nicht böse gemeint – es gibt so liebenswerte Spinner! 🙂 Und manchmal entpuppen sie sich auch erst im Laufe näherer Bekanntschaft als solche. Und ich habe ja selber hinreichend Macken. 😉 Darunter ganz offenbar ein sehr treffsicheres Näschen für Spinnertum.

Einen der größten Fehler meines Lebens habe ich schon in den Neunzigern begangen, als sich simultan zwei Männer sehr für mich interessierten. Ich war hin- und hergerissen. Das einzige, was sie gemeinsam hatten, war ihr Studiengang – beide studierten Maschinenbau, waren aber glücklicherweise keine Klischee-Maschbauer – und ihre Haar- und Augenfarbe. Und sie waren etwa gleich groß, knapp 1,80 m. Ansonsten so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der eine eine schillernde und illustre Persönlichkeit, sehr temperamentvoll, charmant und extravertiert, ein echter Spinner; der andere eher introvertiert, ein ruhiger Sarkastiker, sehr relaxt und vernünftig, aber kein Langweiler. Echtes Schwiegersohn-Potential.

Und was macht Ali? Na, klar! Stürzt sich auf die schillernde Gestalt! 😉 Gut, es war in der Zeit, die diese Beziehung dauerte, nicht langweilig, aber Richie war ein wenig zu neurotisch, ein wenig zu verrückt, ein wenig zu unsicher. Außerdem waren noch -zig andere Frauen hinter ihm her, von denen eine mir sogar mal frech ins Gesicht sagte, sie habe die älteren Rechte. Ich konterte, wie ihr Menschenbild eigentlich gestaltet sei, dass sie diesbezüglich mit Recht und Anspruch argumentiere? Und offenbar habe sich Richie trotz ihrer „älteren Rechte“ trotz einer gemeinsam verbrachten Nacht („Wir waren beide angeschickert,“, gab Annette noch albern kichernd zu – hätte ich an ihrer Stelle nie getan) wohl nicht dazu entschieden, eine Beziehung mit ihr einzugehen. Da guckte sie etwas dumm, und ich ließ sie stehen. Aber sie war ja nicht die Einzige … Ich wurde gleich von mehreren Frauen gehasst. 😉 Stets in Verteidigungsstellung zu sein, ist auf Dauer sehr anstrengend. Es gibt da diesen 60er-Jahre-US-Oldie: „If you wanna be happy for the rest of your life never make a pretty woman your wife“. Gilt nicht nur in Bezug auf Frauen … 😉

Pit hätte erheblich besser zu mir gepasst, und mein bester Freund meinte mal: “Aber er war dir wohl zu normal. Du bist ja eindeutig auf Spinner programmiert.“ Ja, danke auch! 😉 Auch noch mit der Nase in die Bescherung drücken, die man angerichtet hat, denn Pit brach den Kontakt zu mir ab, weil er, wie er sagte, das Ganze nicht mitansehen könne. Und erstaunlicherweise bin ich ihm dann tatsächlich ganze drei Jahre nicht einmal begegnet – dabei ist Aachen gar nicht so groß.

Wiedergetroffen habe ich ihn auf der Housewarming-Party meiner Freundin Sonja. Die hatte ihn, obwohl auch sie drei Jahre keinen Kontakt zu ihm gehabt hatte, spontan angerufen und eingeladen, was sie mir nach vollbrachter Tat dann am Telefon erzählte, etwas kleinlaut. Er hatte nämlich gefragt, ob ich auch käme, und wenn ja, in welcher Konstellation. Als Sonja sagte, ich käme allein, da gerade Single, sagte er zu. Ich war „begeistert“! Mir war immer noch extrem peinlich, Pit so blöd abserviert zu haben, aber Sonja meinte, das müsse mir doch keine Sorgen bereiten. Ich ging dann trotzdem mit Bauchschmerzen hin. Ich bin in so etwas einfach nicht gut. Ich bin in so etwas sogar ganz miserabel. 😉

Es endete damit, dass Pit und ich um kurz nach Mitternacht gingen. Das heißt, erst ging ich – ich fühlte mich auf der Party absolut nicht wohl. Da war Pit gerade auf der Toilette, und ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf. Wie dämlich ich damals war, aber ich war ja noch jung. 😉 (Allerdings bin ich jetzt älter, in mancher Hinsicht aber immer noch dämlich. 😉 ) Pit wollte dann aber wohl auch nicht länger bleiben, und er holte mich, die ich – nachts – zu Fuß durch eine recht sinistre Gegend ging, ein, schimpfte etwas, dass ich doch nicht nachts allein … Ich zickte herum, ob ich denn nicht einmal alleine durch die Stadt gehen könne, und er meinte: „Nicht um diese Uhrzeit, und nicht, wenn ich das verhindern kann.“ Wir stritten von der oberen Franzstraße bis Mitte Franzstraße, und er meinte, ich hätte einen Dickkopf, aber ich sei ja immer schon eigenwillig gewesen. („Widerspenstig“ trifft es in der Hinsicht eher – liegt wohl daran, dass ich mich nicht bevormunden lassen möchte, aber man kann es auch übertreiben … 😉 )

Nach Beilegung des Streits beschlossen wir, bei ihm noch ein Glas Wein zu trinken. Den Wein haben wir dann auch getrunken, nachdem Pit mir einen kalten Umschlag um den rechten Knöchel gewickelt hatte und wir uns ganz allmählich von unserem Schock erholten. Wir waren nämlich auf dem Heimweg fast noch zu Tode gefahren worden, von einem sturztrunkenen Autofahrer, der uns – wir hatten Grün – an der Hauptpost fast erwischt hätte. Pit schubste mich aus der „Schusslinie“, und ich landete Meter weiter hinten sehr unsanft auf der Straße und ruinierte meinen rechten Knöchel. Aber besser ein hypersensibler Knöchel, als tot. Pit hatte sich nur durch einen gezielten Sprung auf die Motorhaube retten können und, wie er meinte, um den Fahrer daran zu hindern, mich weiter hinten noch zu überfahren. So etwas hatte noch nie jemand für mich gemacht!

Tja, eigentlich hätte ja nun alles doch noch ganz anders werden können. 😉 Aber ich tat mich mit der Entscheidung mal wieder sehr schwer … Und so blieb es beim Status quo. Erst später wurde mir klar, dass ich einen immensen Fehler begangen hatte – aber da war es zu spät. Das hat mich noch eine Weile verfolgt, und zur „Strafe“ kam ich dann mit Giacomo zusammen, einer echten „drama queen“. 😉 Sympathisch, und er zählt weiterhin zu meinen Freunden, aber er ist das Gegenteil von „relaxt“, sondern ein Hektiker reinsten Weihwassers. Immerhin passt er in die Spinner-Kategorie, aber selbst mir war dieses Ausmaß zu krass. 😉

So kann es gehen, wenn man offenbar prädestiniert für „Fehlgriffe“ ist. 😉 Wobei ich damit nicht den Menschen an sich meine – nur die Konstellation.

Auch bei Einkäufen greife ich öfter daneben. Neulich habe ich ein Duschgel gekauft, das vorgibt, nach Vanille und Pistazie zu duften. Bereits bei der Erstbenutzung war ich irritiert, und mir wurde sehr schnell klar, dass ich da wohl einen klassischen Fehlkauf getätigt hatte, denn der künstliche Vanille- und Pistazienduft erinnerte mich in seiner Art an den unangenehmen Geruch, den Hunde- und Katzenflohhalsbänder verströmen. Oder an Mottenkugeln. Pfui Teufel! Wer will sich schon mit einem Duschgel waschen, das wie ein Flohhalsband oder Mottenkugeln riecht? Auch hier die Konstellation unpassend.

Mein Fazit: Für mich müsste es Wegweiser geben, jemand müsste mir sagen: „Follow the yellow brick road,“, damit ich den richtigen Weg einschlage. Besser noch wäre, man drehte mich in die richtige Richtung und gäbe mir einen Schubs, damit ich auch wirklich loslaufe. 😉

Was ich zu Chuck übrigens nicht sagte, mir aber durch den Kopf ging, als er sein plastisches Linksabbiegebeispiel brachte, war, dass sich die Gelegenheit, dass ich hinter ihm in die Verlegenheit, abzubiegen, käme, wohl nicht ergäbe. Stattdessen würde er sicherlich, wäre er falsch abgebogen, etwa hundert Meter vor sich jemanden sehen, der mir sehr ähnlich sähe. Und wenn er die Person dann eingeholt hätte, würde er feststellen, dass ich es sei – voller Begeisterung ebenfalls auf dem völlig falschen Weg unterwegs, in Vorfreude auf tolle, neue Erfahrungen. 😉 Ich bin irgendwie einfach so – auch ich biege oft, und das aufgrund meiner ganz eigenen Entscheidung, falsch ab.

In diesem Sinne: Grämt euch nicht zu sehr, wenn auch ihr gerne mal „ins Klo greift“ – ihr seid nicht allein. Es gibt da draußen ein paar Menschen, denen es genauso geht. Außerdem weiß keiner, ob es beim Abbiegen in die andere Richtung nicht noch viel schlimmer gekommen wäre – das sagt einem ja keiner. 😉 Versucht, das Ganze nach Möglichkeit mit Galgenhumor zu sehen, sofern es nicht an die Substanz geht – der muss ja auch seine Daseinsberechtigung haben. 😉

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