Ich habe es tatsächlich getan

Morgen in einer Woche ist es soweit. Und mir zittern jetzt schon die Knie, wenn ich daran denke. Aber ich habe es tatsächlich getan: Ich habe mich fest angemeldet.

Es ist nichts Außergewöhnliches, was ich in einer Woche tun werde. Für euch sicherlich nicht. Für mich schon. Denn ich habe mich lange Zeit schlichtweg geweigert oder – sagen wir es etwas netter – mich davor gedrückt, es zu tun, bin lieber mit Bussen und Bahnen gefahren, als mich hinter das Steuer eines Autos zu setzen, obwohl ich einst die theoretische Fahrprüfung mit null Fehlern und die praktische mit Schwung und Bravour bestanden habe. Wirkt albern, nicht wahr?

Aber ich bin nie gerne Auto gefahren. Nie. Ärgerlich, da mir Unabhängigkeit über alles geht.

Lange Zeit wusste ich nicht, warum mich immer Beklommenheit überfiel, setzte ich mich vorne links in ein Auto. Jahrelang ahnungslos gewesen, bin ich immer nur sehr ungern gefahren, jedes Mal froh, wenn ich mein Ziel erreicht hatte und aussteigen konnte. Schon mit 18 Jahren war das so – ich war völlig anders als meine Freunde und Bekannten, die den Tag herbeisehnten, an dem sie endlich selber fahren durften, ohne Fahrlehrer. Gerne hätte ich ähnlich empfunden, aber da war irgendetwas, das mich davon abhielt, und ich dachte mir immer: „Naja, Ali, du bist halt nicht normal.“ Und voller Neid und Kummer sah ich, wie alle anderen sich lachend und voller Freude, endlich fahren zu dürfen, hinters Lenkrad setzten. Es nagte sehr an mir, und ich verfluchte mich selber.

Wann immer ich fahren musste, weil es nicht anders ging, war ich schon vorher nervös. Setzte ich mich hinters Lenkrad, befand ich mich in einer emotionalen Mischsituation: Nervosität, Angst, aber auch ein Gefühl positiver Spannung, ein Kribbeln, waren da. „Hey, du hast es in der Hand! Aufregend, nicht wahr? Du kannst fahren, wohin du willst.“ Leider überwog nie diese kribbelnde Neugier, das Gefühl von Unabhängigkeit. Und so blieb alles, wie es war: Ali hatte Angst vor dem Fahren.

Als ich 2004 bei meinem jetzigen Arbeitgeber anfing, war ich zunächst darauf angewiesen, Auto zu fahren. Ich hatte meinen Erstwohnsitz noch im Rheinland, meine Wohnung – man weiß ja nie, ob man die Probezeit beim neuen Arbeitgeber übersteht -, aber meine Arbeitsstätte befand sich in dieser Ruhrgebietsstadt, die meine Heimatstadt ist, und unter der Woche wohnte ich bei meinen Eltern, die etwa 20 Kilometer entfernt von meinem Arbeitgeber wohnen. Die Busverbindung nicht zufriedenstellend, war ich nun angewiesen auf das Auto meiner Mutter. In bereits erwähnter Mischstimmung fuhr ich jeden Morgen los …

Bis zu jenem Morgen. Es war im Spätherbst, und es war noch dunkel, als ich losfuhr, aus der Siedlung heraus, in der meine Eltern leben. Ich erreichte die Ampel, an der ich rechts abbiegen musste. Sie war grün, und ich gab Gas. Da schoss plötzlich von rechts etwas heran – ein kleiner Junge auf einem Fahrrad, der wohl auf dem Weg zur Schule war. Mir direkt vors Auto, und ich machte eine Vollbremsung, kam nur wenige Zentimeter vor dem Kind zum Stehen, das wie ein geblendetes Reh ebenfalls stehenblieb. Nach der ersten Schrecksekunde machte ich das Warnblinklicht an – daran dachte ich sogar! – und stieg aus, stürzte zu dem Kleinen hin: „Ist alles in Ordnung mit dir?“ – „Ja, alles okay. Entschuldigen Sie, bitte!“ stotterte der Kleine und sah mich etwas schüchtern an. Ich sagte: „Ist schon in Ordnung, Hauptsache, dir ist nichts passiert. Es ist wirklich alles okay?“ – „Ja,“, sagte der kleine Fratz, und ich meinte: „Dann mal schnell in die Schule – aber nicht ganz so rasant.“ Ich klang ziemlich locker. Aber der Schreck steckte mir in den Gliedern. Wie sehr, stellte sich erst etwa 50 Meter weiter heraus.

Ich stieg wieder ein, deaktivierte die Warnblinkanlage und fuhr los. Was dann passierte, kommt mir noch heute vor wie ein schlechter Psychofilm der Couleur von Hitchcocks „Marnie“. Tiefenpsychologie für Lieschen Müller. Also nix mit „Tiefe“, sondern an Seichtigkeit nicht zu überbieten – echte Küchenpsychologie. Aber es war tatsächlich so, dass ich nur etwa 50 Meter weiter auf der Straße plötzlich zu zittern begann. Da man dort schlecht anhalten konnte, fuhr ich zitternd noch weiter, über die nächste Kreuzung; dann fuhr ich rechts heran. Meine Hände zitterten wie Espenlaub, und mir standen Tränen in den Augen. Klingt absolut bescheuert, hatte aber seinen Grund. Denn just 50 Meter hinter der Stelle, an der der kleine Junge mir vors Auto gefahren war, war viele Jahre zuvor eine Freundin von mir schwer verunglückt und zwei Tage später an den Folgen gestorben. Ich hatte zum Glück wenigstens den Unfall selber nicht mitansehen müssen, war aber kurz darauf an der Unfallstelle vorbeigekommen. Da war Kathi schon mit dem Rettungshubschrauber „Christoph 8“ unterwegs, den ich sogar noch hatte abheben sehen. An der Unfallstelle sah ich einen Rettungswagen, einen Notarztwagen, einen Streifenwagen, weinende Kinder und fassungslose Erwachsene stehen, einen grünen Sportwagen mit eingedellter Motorhaube und Weseler Kennzeichen. Zwei Polizisten, die behutsam versuchten, einer Frau, der Fahrerin des Sportwagens wohl, Fragen zu stellen. Aber sie war nicht in der Lage, die Fragen zu beantworten. Nie zuvor hatte ich einen Erwachsenen so gesehen: Die Frau weinte und zitterte, als sei sie komplett ausgekühlt, hatte sich nicht unter Kontrolle, stand unter Schock. Sie bekam vom Notarzt dann eine Beruhigungsspritze. All das sah ich, wusste aber noch nicht, wer da verunglückt war. Bis mein Blick auf die Straße fiel: Zwischen Rettungs- und Notarztwagen lag da etwas. Es war Kathis Tornister. Der war so besonders, den hatte kein anderes Kind: Rot mit weißen Tupfen war er, ein echtes Unikat und von vielen Mädchen neidvoll angestarrt. Jetzt lag er da auf der Straße, verwaist, wie ein Fremdkörper auf dem Asphalt, mit durchgerissenen Tragriemen, und ich war geschockt, weil mir mit einem Schlag klar war, was hier passiert war, denn der Tornister gehörte doch auf Kathis Rücken, nicht auf die Straße – das hätte sie nie zugelassen. Und obwohl ich nie gut in Physik war oder werden sollte, war mir irgendwie und eher intuitiv klar, dass es richtig schlimm war, als ich sah, dass die Riemen mittig durchgerissen waren, nicht da, wo sie am schwächsten waren, nämlich da, wo sie am Tornister befestigt waren. Ich war fassungslos: Ich war doch für den Nachmittag mit Kathi und einer anderen Freundin verabredet gewesen, zusammen zu spielen. Schlagartig und im Alter von sieben Jahren habe ich wohl irgendwie begriffen, dass man im Grunde nichts planen kann. Man kann das als Vorteil sehen, nur ist der Hintergrund für diese „Weisheit“ ein sehr schlimmer und schmerzlicher gewesen. Ich hätte das lieber anders gelernt, zumal Kathi zwei Tage später in der Unfallklinik starb. Unvergessen.

Das alles tauchte vor meinen Augen wieder auf, als ich da mit laufendem Motor am Straßenrand stand. Vor allem die weinende und zitternde Frau. Sie war nicht alleinverantwortlich oder schuld gewesen, sie hatte nur eine Teilschuld, da sie etwas zu schnell unterwegs gewesen war. Aber Kathi war einfach auf die Straße gelaufen, um den Weg zu ihrem Elternhaus abzukürzen. Rational war alles klar, nur muss sich damals der Anblick der weinenden und zitternden Frau derart in meinem Unterbewusstsein eingenistet haben, dass ich eine echte Abneigung gegen das Autofahren entwickelt habe. Es gibt keinen anderen Grund. Und meine Mutter hatte noch gesagt: „Die arme Frau tut mir leid. Die wird doch ihres Lebens nicht mehr froh.“

Als ich da am Straßenrand stand, war ich erst versucht, den Wagen da stehenzulassen und mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Zum Glück bin ich bisweilen recht pragmatisch, und ich dachte: „Der Wagen wird abgeschleppt werden, und das kostet dann richtig Asche. Kopp hoch, fahr einfach weiter. Es wird schon gehen.“ Es ging, aber ich zitterte immer noch, als ich den Wagen auf dem Angestelltenparkplatz geparkt hatte. Und den ganzen Tag über graute mir vor der Heimfahrt.

Danach bin ich – bis jetzt – nie wieder Auto gefahren. Aber das wird sich bald ändern. Denn nächste Woche habe ich eine Fahrstunde. Eine Auffrisch-Fahrstunde, da es mir lieber ist, meine Fähigkeiten mit jemandem an der Seite, der zur Not auch eingreifen kann, aufzufrischen. Technisch ist es kein Problem, und wenn ich in Übung bin, fahre ich eher dynamisch, als schnarchnasig. 😉

Warum ich mich dazu entschieden habe? Nun, es nagte all die Jahre an mir, nicht Auto zu fahren, wie jeder normale Mensch das macht. Und es kommt noch etwas hinzu. Ich hasse es, von Bussen und Bahnen abhängig zu sein, und gerade hier – in meiner Heimatstadt – ist es nicht sonderlich angenehm, mit diesen fahren zu müssen. Tagsüber geht es noch so gerade, aber wenn ich abends von der Arbeit nach Hause fahre, überkommt mich immer wieder das Gefühl, dass da Leute unterwegs seien, denen eine weitgehend geschlossene Institution erstmalig Ausgang gewährt. Ich drücke es mal so aus. 😉 Und nachdem ich neulich in der Straßenbahn angeschrien wurde: „Ey, blöde Schlampe, geh auf Seite!“, und das in wirklich aggressiver Weise und mit einem Anrempler versehen, obwohl nur ein höfliches: „Dürfte ich, bitte, mal durch?“ nötig gewesen wäre, scheint mir Autofahren doch das geringere Übel zu sein. 😉

Oder?

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