„Turn and face the strange“

Könnte ein Motto von mir sein, ist aber von David Bowie, aus einem meiner Lieblingssongs von ihm: “Changes”. Keinen seiner Songs habe ich je so inbrünstig mitgesungen wie diesen, mal abgesehen von „Absolute Beginners“. 😉

Der Tag heute fing schon bescheiden an. Verschlafen. Dann Straßenbahn auch noch zu spät, und zu allem Überfluss der Anschlussbus auch noch. Immerhin bin ich einigermaßen pragmatisch, und so dachte ich hinsichtlich des Busses: „Ein Vorteil daran, dass er verspätet ist, ist, dass ich ihn nun wenigstens noch erwische.“ Aber einen Tick eher hätte er doch kommen können … 😉 Zum Glück ist Janine, meine Kollegin, sehr kollegial.

Endlich hatte ich unser Zweierbüro erreicht, wo Kollege Frederik stand, aus dem Urlaub zurück, und mir ein frohes Neues Jahr wünschte. Ich konfrontierte ihn mit der scheußlichen Tatsache, dass er soeben einen gesellschaftlichen Fauxpas begangen habe – am 11. Januar ein frohes Neues Jahr zu wünschen! Was würde der arme Freiherr Knigge dazu sagen? Frederik starrte mich an, als käme ich geradewegs vom Mars. „Was ist denn mit dir los? Meinst du das etwa ernst? Ich wünsche zur Not auch Mitte, Ende Januar noch ein gutes Neues Jahr, wenn ich die Person vorher noch nicht gesehen habe!“ Ich strengte mich sehr an, ernst zu bleiben. Wie so oft gelang es mir nicht, und Frederik meinte: „Jetzt bin ich beruhigt. Ich dachte schon, du meintest das ernst! Ich dachte schon, du wärest über Weihnachten und Neujahr total spießig und uncool geworden!“ Kollege Frederik hält tapfer an der Vorstellung fest, ich sei irgendwie unspießig und cool. 😉 In diverser Hinsicht mag ich das zwar sein, aber es gibt immer kleine Ausrutscher. 😉 Hier konnte ich ihn aber beruhigen, und ebenso ging er dann auch.

Nun war es aber Zeit für einen Kaffee, und ich schnappte meinen schönen RWTH-Aachen-Fakultäts-Kaffeebecher (mit dem Motiv der sogenannten „PhilFak“, an der ich studiert habe) und eilte Richtung Teeküche. Da ließ ein markerschütternder Schrei von Janine mich zur Salzsäule erstarren, und fast hätte ich meinen schönen Kaffeebecher fallengelassen! Sie schrie: „Nein! Das kann doch nicht wahr sein!“ Ich schrie über die Schulter zurück: „Was ist denn los?“

Und dann das … Sie schrie: „David Bowie ist tot! Das ist ja furchtbar!“ Da wäre mein Kaffeebecher zum zweiten Male fast hinuntergefallen. „Was?!? Nein!“ schrie ich, ungläubig und entsetzt. Doch nicht David Bowie!

Nun ist es nicht so, dass ich von David Bowie angenommen hätte, er sei unsterblich, so als Mensch, aber es schockierte mich in etwa so, als wäre ein Verwandter oder Freund von mir gestorben, den ich wirklich sehr mochte.

Ehrlich gestanden, hat David Bowie mich länger durch mein Leben begleitet als Gott. Ich war nie ein ausgesprochener Fan von ihm, liebte – und liebe – aber viele Songs von ihm, und er imponierte mir irgendwie als Mensch. In jedem Falle gehörte er irgendwie untrennbar zu meinem Leben, denn ich bin quasi mit ihm großgeworden. (Nicht sehr groß, zugegeben. 😉 ) Wie oft hatte ich zu seiner Musik getanzt, mich verliebt, hatte mich seine Musik unter anderem bei Liebeskummer getröstet oder zumindest etwas beruhigt. In letzterem Falle ging nur speziell ein Lied nicht: das oben genannte „Absolute Beginners“ – das ging nur zu Beginn einer Romanze oder Beziehung. 🙂

Und nun das! Erstaunt war ich, dass Janine, die einige Jahre jünger als ich ist, genauso geschockt war wie ich. Sie meinte: „Das zieht mich jetzt total ‚runter! Der war doch immer da!“

Ich lächelte etwas bedrückt und meinte: „Genau. Der war immer da.“ Auch dann, wenn alles andere um einen herum zusammenbrach und in Trümmern lag. Zwar nicht er selber, und nicht ganz unwahrscheinlich, dass ich mich mit ihm gar nicht verstanden hätte, aber das war auch nicht das, was half. Es war die Musik, und es war die Tatsache, dass er einfach immer dafür sorgen würde, dass jeder von uns immer eine neue individuelle Hymne bekommen würde, die einfach immer passte, zu jeder Gelegenheit. Meine Bestellung für sein letztes Album läuft. 🙂

Und da sagen die Leute immer, dass die „Einschläge“ immer näherkämen, womit sie Todesfälle ihnen oder allgemein bekannter Personen meinen. Es sind keine Einschläge. Es ist das Gegenteil und nichts, was von oben kommt. Es ist der Boden, der schwindet. Der Boden, auf dem man so selbstgefällig einherschreitet. Zu meinem gehörte unter anderem die Gewissheit, dass, egal, was passiere, einige Dinge immer blieben: die GEZ-Gebühren, das „Wort zum Sonntag“, die Diätenerhöhung von Politikern. Und David Bowie als Gegenpol zu all dem. Der war doch immer da, seine Musik. Seit ich lebe. Auch vorher schon, aber mir von klein auf vertraut.

Ich muss mich wohl irgendwann an den Gedanken gewöhnen, dass immer mehr Dinge wegbrechen, die mir vertraut waren – für mich nicht einfach. Immerhin verleiht es mir die Gabe, meine Eltern etwas besser zu verstehen, denen das wohl dauernd so gehen muss. Wenn das nichts ist! 🙂

Und jetzt höre ich mir „Changes“ ganz laut an – und danach „Days“. 🙂

R.I.P., David.
„Time may change me, but I can’t trace time.“

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