Janine und ich lassen Fotos machen

Heute war mal wieder einer jener Tage, die ganz harmlos beginnen, sich dann aber als komplett schräg entpuppen.

Ich hatte Janine, meiner Bürogenossin, schon gestern gesagt, dass ich heute später kommen würde. Ich musste zum Fotografen, um biometrische Passbilder machen zu lassen – Bilder, die ohnehin jegliche Ästhetik missen lassen. Und ich gehe in etwa so gern zum Fotografen, wie andere Leute sich einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt unterziehen. Ich lasse mich einfach nicht gern fotografieren – ich hasse das. Ich sehe auf gestellten Fotos generell irgendwie verstört, entstellt oder sonstwie merkwürdig aus. Auf manchen Fotos fehlt nur noch, dass ich ein Schild mit einer Registriernummer vor mich halte – das Verbrecherfoto wäre perfekt! Schlimmstenfalls erscheine ich mit geschlossenen Augen, weil ich mal wieder in dem Moment, da der Auslöser betätigt wurde, blinzeln musste. Ein Erbstück meiner Mutter. Ich kenne keinen Menschen, der beim Fotografen bei der eigentlich doch ganz alltäglichen Anfertigung von Passfotos so oft neu fotografiert werden musste, wie meine Mutter. Wahrscheinlich wurde just ihretwegen die Digitalfotografie erfunden. 😉 Und ich bin in ihre Fußstapfen getreten.

Sitze ich beim Fotografen auf dem Hocker, überfällt mich Unruhe – ich sitze auf dem Präsentierteller. Eine Kamera ist nicht nur zufällig, sondern mit voller Absicht auf mich gerichtet – der blanke Horror! Erstaunlich, denn ich habe gar kein Problem damit, vor großen Menschengruppen zu sprechen – ich musste einmal vor 200 Studenten sprechen, die völlig außer Rand und Band waren. Sie hörten mir alsbald ganz ruhig zu. Ich war nicht eine Sekunde nervös. Aber sobald eine Kamera dazukommt, bin ich ein Nervenbündel, fahre mir dauernd durch die Haare, blicke in die Gegend wie ein Paranoiker und habe dauernd meine Hände im Gesicht.

Ein mir gut bekannter Fotograf, unter anderem Industrie- und Werbefotograf, der mich einmal bat, als Handmodell zur Verfügung zu stehen, weil ich seiner Ansicht nach „so schöne, kleine, wohlproportionierte Hände“ mein eigen nenne, stellte fest, dass ich sogar bei diesen Aufnahmen, die doch nur meine Hände betrafen, zusammenzuckte, wenn er den Auslöser betätigte. Er fragte, woran das liege, und ich sagte, ich ließe mich nicht gern fotografieren. Ich sei mir meiner selbst zu bewusst. Daraufhin sagte er kurz: „Hier hilft nur eines!“ Und er machte Fotos von meinem Gesicht, nicht nur von meinen Händen. Es war furchtbar, zumindest zunächst. Aber Bernhard ließ nicht locker und meinte: „Du scheinst dir deiner selbst eben nicht bewusst zu sein! Sieh doch nur, wie schön du lächeln kannst! Und jetzt noch einmal mit Zähnen!“ Er schaffte es, wirklich schöne Fotos von mir zu machen – aber er lenkte mich auch ab, erzählte mir von Büchern, die er gelesen habe, von seinen Kindern, was die wieder angestellt hätten. Ich kannte beide Kinder, und ich lachte häufig. Wirklich schöne Fotos – leider hat er sie behalten, und ich habe vergessen, Abzüge zu bestellen. Ich war so froh, als die Sitzung beendet war! 😉

Kurz: Es bedarf eines Fotografen, der mich ablenkt. Das hat heute auch die Fotografin geschafft, die stinknormale Passfotos von mir machen musste. Biometrische eben auch noch, auf denen man aussieht, als wäre man auf direktem Wege der Verbrecherkartei entsprungen. Schlimm: Man muss frontal in die Kamera blicken, und ich habe doch eher ein slawisch-rundes Gesicht. Auch hatte ich letzte Nacht nicht gut geschlafen – Tränensäcke! Die Fotografin sprach nach meinen Bedenken beruhigend auf mich ein, und so sind die Fotos zwar für meine Begriffe erschreckend, aber doch besser geworden als die letzten dieser Art. Und ich hatte noch ein sehr nettes Gespräch mit der Fotografin, nach dem sie zu mir sagte: „Irgendwie muss jemand Sie mir als erste Kundin geschickt haben! Der Tag fing heute so mies für mich an – und dann kommt gleich zu Anfang eine Kundin wie Sie. Sie haben mir gerade den Tag gerettet! Können Sie nicht öfter kommen?“ Ich bedauerte, ich brauchte nicht so oft solche Fotos, aber ich wünschte ihr alles Gute.

Dann fuhr ich zur Arbeit. Meine Kollegin Janine rotierte bereits, und sie telefonierte gerade, als ich das Büro betrat, nachdem ich beim Aussteigen aus dem Bus mit dem „In-ear“-Headset meines Smartphones fast hängengeblieben wäre und der Busfahrer zu mir gemeint hatte: „Junge Frau, Vorsicht! Wenn Sie hier hängenbleiben, müssen Sie den ganzen Tag mit mir fahren!“ Und, nachdem er mich genauer betrachtet hatte, meinte: „Aber das wäre ja eine durchaus nette Aussicht!“ – „Ganz sicher!“ gab ich mit reizendem Strahlen zurück und stopfte mir den rechten Teil des „In-ear“-Headsets schnell ins rechte Ohr, nickte ihm freundlich zu und verließ den Bus.

Nachdem Janine aufgelegt hatte, wünschten wir einander einen guten Morgen, und dann legte sie los. Mein Chef sei krank, habe sich krankgemeldet. Ich müsse ihn bei einer routinemäßig stattfindenden Veranstaltung abmelden. Der Tag sei scheiße und sie bereits völlig „auf“ und wolle nach Hause. Und das um Schlag 10. Im Grunde ein stinknormaler Arbeitstag in unserem Büro. Zwei Kolleginnen, die sich über alles und jedes aufregen können – es liegt am Job, in dem viel zu oft wirkliche Ungeheuerlichkeiten geschehen.

Ich meldete meinen Chef ab und drehte mich dann zu Janine um: „Was ist sonst passiert?“ Janine sah mich an und meinte nur: „Komm, es ist gerade ruhig – lass uns eine rauchen gehen.“ Klar, warum nicht?

In der kurzen Pause erinnerte sie mich daran, dass meine Ex-Chefin ja nun, da mein Chef abwesend sei, die Vertretung übernehme. Das hatte ich erfolgreich verdrängt. Ich war so froh gewesen, als mein neuer Chef sein Amt antrat! 😉 Der hat mich auch noch nie wirklich enttäuscht.

„Sonst noch etwas Unangenehmes?“ fragte ich, indem ich mir die zweite Zigarette anzündete. „Nein, nichts Schlimmeres als das,“, bekam ich zur Antwort.

Der Tag nahm seinen Lauf und war derart absurd, wie ich morgens im Traum nicht geahnt hatte. Irgendwann bot ich Janine zur Abwechslung mal „etwas Gesundes“ an, das ich wohl selber aus „politisch korrekten“ Gründen und als Gegenstück zu unserer sonstigen Schokoladen-Weingummi-Keks-Diät gekauft hatte: getrocknete Ananasstücke, in der Art von Backpflaumen. Aaah, das schmeckte richtig gut, und im Bewusstsein, dass das gesünder sei als die oben genannte Diät, schmeckte es gleich noch besser, war auch nicht so süß, sondern eher säuerlich, und wer mich kennt, weiß, dass ich saure Dinge wirklich mag.

Nachdem ich kurz darauf zweimal in Eile zur Toilette geeiert war, nahmen wir Abstand von den gedörrten Ananasfragmenten. Die Dinger wirkten besser als Backpflaumen oder sonstige Abführmittel …

Als ich zum dritten Mal von der Toilette zurückkehrte, bot sich mir im Büro folgendes Szenario: Meine Ex-Chefin und Vertreterin meines jetzigen Chefs machte sich in dessen Büro wichtig, gab gerade Janine Anweisungen, die mir unglücklich entgegenblickte, als wollte sie sagen: „Ich kann nichts dafür!“ Ich lächelte freundlich, griff zur Tüte mit der Dörr-Ananas und ging auf meine Ex-Chefin zu, die sehr gern zugreift, wenn sie es selber nicht bezahlen muss, und meinte mit einer Stimme, die so liebreizend klang, als käme sie aus einer anderen Welt: „Frau de Groot – mögen Sie getrocknete Ananas? Ist total gesund – greifen Sie zu!“ Und sie griff zu! Sogar dreimal. Janine hatte bereits beim ersten Griff Frau de Groots den Raum verlassen müssen, während ich mit eisern liebreizendem Lächeln die Ananas des Grauens feilbot.

Danach wandte sich Frau de Groot zum Gehen, drohte aber einen weiteren Besuch in unserem Büro an. Wir haben sie danach nicht mehr gesehen. Sie hatte richtig viele Ananasstücke gegessen.

Nachdem noch weitere Absurditäten ihren Lauf genommen hatten, meinte Janine zu mir: „Wenn das so weitergeht, hänge ich mich auf!“ – „Häng dich neben mich,“, gab ich zurück und fragte, warum sie eigentlich den ganzen Tag schon so angenervt sei. Da meinte sie: „Der Tag fing schon richtig bescheiden an. Auf dem Weg zur Arbeit bin ich geblitzt worden! Und dann noch der ganze Rest!“

Ich grinste und meinte: „Wir haben noch mehr gemeinsam, als ich ohnehin bisher annahm.“ – „Wie meinst du das?“ – „Naja – ich habe heute Fotos machen lassen. Du offenbar auch. Und unser beider Foto sieht unvorteilhaft aus! Nur dürfte deins ein klein wenig teurer sein als meins.“

Da musste Janine lachen. Und das war dann doch ein netter Abschluss eines ansonsten völlig durchgeknallten Tages. 😉

„Trümmerlottens Vermächtnis“: Warum ich einem Eichhörnchen ähnle …

Kürzlich berichtete ich, dass meine erste Auffrisch-Fahrstunde anstände. Sie hat nicht stattgefunden. Warum? Nicht aus Feigheit vor dem Feind – das ist eher selten meine Art. Nur drohte überfrierende Nässe, und da die Fahrstunde bereits im Dunkeln stattfinden sollte, ich ergo ohnehin schon in zweifacher Hinsicht ins kalte Wasser hätte springen müssen, dachte ich mir, das kalte Wasser müsse wenigstens nicht unbedingt gefroren sein. Ich sagte nicht über Gebühr kurzfristig ab, sondern einige Tage vorher, da draußen Schneeregen fiel und die Temperaturen sich knapp unter oder um den Gefrierpunkt befanden. Und – ich gebe es zu – ich gab an, ich sei erkrankt. Ich wollte die Fahrlehrerin nicht sofort schocken, indem ich zugab, ein KFZ-technisches „Panikgirl“ zu sein. Sie wird es früh genug merken.

Die neue „erste Auffrisch-Fahrstunde“ wird sich am 03. Februar zutragen. Zwischenzeitlich kam ich auch auf die Idee, mal ernsthaft nach meinem Führerschein Ausschau zu halten, der sich stets in meiner dunkelblauen Brieftasche befindet, die ich zum 18. Geburtstag geschenkt bekam. Nur: Wo war die Brieftasche?

Es ist heutzutage so, dass Brieftaschen völlig aus der Mode gekommen sind. Wer hat so etwas noch? Ich habe meine in den letzten Jahren nie bei mir getragen, hatte sie irgendwo gut verstaut. Darin: der Führerschein, den ich ja nie brauchte. Und wenn ich etwas „gut verstaue“, braucht man eine SOKO, hier: die SOKO „Brieftasche“, das Objekt wiederzufinden.

Ich behaupte ja stets, und das aufgrund meiner Vorliebe für Glitzerndes und Glänzendes, Elstern oder sonstige Raben- und Krähenvögel unter meinen Vorfahren zu haben. Inzwischen musste ich feststellen, dass – wohl von der anderen Seite der Verwandtschaft – auch Eichhörnchen unter meinen Ahnen gewesen sein müssen. Nicht etwa, weil ich so gelenkig sei – nein! Eher, weil Eichhörnchen wie aufgezogen dauernd Nüsse akribisch vergraben, sich deren Aufenthaltsort jedoch nicht merken können, weswegen der Gemeine Nussbaum bis heute nicht auf der Liste der bedrohten Arten steht und dies – den Eichhörnchen sei Dank! – auch nie tun wird.

Auch ich verstaue stets mit Sorgfalt. Nur: Brauche ich dann irgendwann spontan eines der so sorgfältig verstauten Dinge, stehe ich hilflos da und frage mich stets: „Wann und wo hatte ich das/den/die […] zuletzt in der Hand?“ Auch hier. Ich hatte ein spannendes Wochenende, in dessen Verlauf ich nicht nur meinen halben Kleiderschrank ausmistete, sondern auch zwei Paar Ohrringe, an die ich mich kaum noch erinnerte, wiederfand. Die Freude war groß.

Ich fand auch meine Brieftasche, die sorgfältig in meiner Kommode in der hinterletzten Ecke deponiert war, auf dass sie niemals verlorenginge. Und ich atmete auf! Endlich! Da war der Führerschein!

Doch nach genauerer Inspektion des dunkelblauen atavistischen Objekts stellte ich fest, dass ich nun immerhin den Aufenthaltsort meines Impfpasses eruiert hatte. Und sogar ein schmachtender Liebesbrief meines ersten Freundes war drin! Was fehlte, war mein Führerschein.

Ich durchforstete sämtliche Taschen, die ich mein eigen nenne – und das sind nicht wenige -, aber alles ohne Erfolg. Was hatte ich nur mit dem Führerschein gemacht, den ich dringend für die Auffrisch-Fahrstunde brauche?

Irgendwann war ich so „um“, dass ich mich an meinen Rechner setzte und lieber googelte: „Führerschein verloren – was nun?“

Ich erfuhr, dass ich einen neuen beantragen müsse, nebst vorläufigem Führerschein. Dazu sei ein biometrisches Lichtbild vonnöten (super – ich sehe auf diesen Bildern immer aus, als hätte ich gerade Vater und Mutter erschlagen …), des Weiteren mein Personalausweis, eine eidesstattliche Versicherung, von mir selber geschrieben, dass ich den Führerschein verloren habe. Und im Falle, der auch auf mich zutrifft, dass ich die Fahrerlaubnis anderswo als an meinem jetzigen Wohnort erworben habe, auch eine Karteikartenabschrift der ausstellenden Behörde.

Flinken Fingers verfasste ich eine Mail an das Straßenverkehrsamt in Marl und erbat eine Abschrift, nachdem ich online einen Termin beim Straßenverkehrsamt hier an meinem Wohnort vereinbart hatte. Donnerstag um 08:30 h ist der Termin – ich bin jetzt schon gespannt, ob das wirklich zeitlich so klappt, wie versprochen. Immerhin verheißt das Straßenverkehrsamt hier am Ort auch, dass Schwangere bevorzugt drankämen. Bei meinem Glück schlagen am Donnerstagmorgen spontan zehn Schwangere im Straßenverkehrsamt auf … Wie auch seit Tagen just in meiner Straßenbahn morgens immer Kita-Gruppen in Warnwesten in die Stadt gekarrt werden, die vor allem durch die Erhöhung des ohnedies schon nicht geringen Geräuschpegels auffallen. Nichts gegen Kinder, die ich mag! Nur vielleicht nicht ganz so sehr morgens auf dem Weg zur Arbeit … 😉

Nachdem ich all dies erledigt hatte, atmete ich auf. Zum Glück rechtzeitig bei den Behörden gemeldet. Man weiß ja, wie langsam die arbeiten …

Umso überraschter war ich, als heute früh um 06:58 h mein Smartphone eine Mail registrierte: Das Straßenverkehrsamt in Marl hatte sich gemeldet! Und nicht nur das! Man schrieb, man werde sogleich eine Karteikartenabschrift ans Straßenverkehrsamt meines Wohnortes faxen! Ich war erschüttert und beschloss, nie wieder böse Worte über Beamte zu äußern, die Beamtenmikado spielen („Wer sich bewegt, hat verloren!“). Zumindest das Straßenverkehrsamt in Marl hat einen gut bei mir. Ich hoffe nur, das Straßenverkehrsamt hier wirft das Fax nicht weg, und das unter dem Motto: „Ali B.? Was soll der Mist – wer soll das sein?“ Denn ich habe ja erst am Donnerstag meinen Termin … 😉

Als ich meinem Chef heute sagte, ich käme am Donnerstag unbestimmt später, da ein Besuch beim Straßenverkehrsamt vonnöten sei, meinte der nur: „Nehmen Sie viel Geduld mit.“ Und dann meinte er: „Frau B., ich wollte Ihnen übrigens noch etwas sagen, und das schon länger: Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre gute Organisation.“ Ich starrte ihn an wie ein Auto und fragte, ob dies ernstgemeint sei. Er meinte: „Ja, sicher – Sie machen das klasse!“

Aha. War mir neu, dass ich so organisiert sei. Nicht umsonst habe ich den Termin am Donnerstag. Und ich wette, kaum, dass ich den Ersatzführerschein in meinen Händen halte und der neue Führerschein gedruckt wird, fällt mir der alte ganz sicher in die Hand. Und der lag dann an einer Stelle, an der ich dreimal täglich vorbeikomme … 😉

Zum Glück gibt es Vorschriften oder: „Mind the gap!“

Wie wir alle wissen, ist die Welt voller Gefahren und Unwägbarkeiten. Im Grunde schwebt man dauernd latent in Lebensgefahr, und viel zu wenige Menschen sind sich dieser Tatsache bewusst. Dabei wäre es sicherlich hilfreich, jede Minute des Lebens mit diesem Bild vor Augen zu verbringen und sich daraufhin in der Wohnung zu verbarrikadieren, um das Risiko eines Unglücks zu minimieren. Allerdings hilft auch das nicht sonderlich, nachdem bekannt ist, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren. Oder ein Flugzeug könnte auf das Haus stürzen, Einbrecher könnten einen ins Jenseits befördern oder die Fritteuse explodieren, während man gerade aus nostalgischen Gründen Pommes frites zubereitet, da man mal wieder Lust hat, eine Portion „frietjes speciaal“ zu essen, die man damals in der Studienzeit bei jedem Besuch des nahegelegenen Vaals oder Maastricht konsumierte (manchmal nicht nur das …). Oder eine Portion „fish and chips“, selber zubereitet und mit echtem englischen „malt vinegar“, weil der letzte Englandbesuch schon wieder viel zu lange zurückliegt. Und dann – bumm!

Nein. Eine derartige Denkweise ist nur eines: neurotisch. Wer will das schon sein? Auch wenn ich die Ansicht vertrete, dass ich nicht einen einzigen komplett nicht neurotischen Menschen kenne. In irgendeiner Weise hat im Grunde jeder Mensch, den ich bisher kennengelernt habe, irgendwo eine – oft sympathische – Macke. Ich nehme mich da gar nicht aus. 😉

Ich mag ja Spinner, wie ich bereits berichtete. Denen haftet auch immer ein gewisses neurotisches Element an. Neben ihnen fühlt man sich doch ein bisschen normaler, je nach Ausprägung des Spinnertums. Mein Ex-Freund Richie war der neurotischste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Bevor er etwas aß, roch er daran, auch wenn das Lebensmittel gerade frisch gekauft war. Fuhr er mit der Bahn, setzte er sich stets mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, und dies aus dem Grunde, als er sich so sicherer fühlte für den Fall, dass der Zug verunglücke, auf ein Hindernis pralle. Ich gab zu bedenken, dass ihm dies nicht viel bringe, wenn andere Fahrgäste oder Gepäckstücke dann auf ihn prallten. Aber er hielt an seinem Tick fest. Ging er eine Treppe hinauf, hielt er auf der vorletzten Stufe inne und wechselte auch schon einmal den Fuß, um nur ja nicht mit dem linken Fuß die oberste Stufe zu betreten. Er sei sich ganz sicher, dass dies nur zu Unglück führe. Zudem war er Schlafwandler – das kam noch erschwerend hinzu. Im Urlaub mussten wir einmal eine Kommode vor die Zimmertür rücken, damit er nicht etwa nachts nur in Unterhose durch das Hotel geisterte. So etwas kann andere Hotelgäste irritieren. Wir hätten allerdings auch noch den Kleiderschrank vor die Balkontür schieben sollen, denn als ich morgens wach wurde, fand ich mich allein im Bett. Richie war nirgendwo zu sehen. Aber die Kommode stand noch unverändert vor der Tür. Im Bad war Richie auch nicht, und dann sah ich Richtung Balkon, von wo ich zwischenzeitlich ein Klopfen vernommen hatte, und auch mein Name wurde gerufen. Da stand Richie und meinte: „Verdammt nochmal, ich habe schon vorhin gerufen, aber du hast nicht reagiert. Die Balkontür ist zugefallen und lässt sich von außen nicht öffnen.“ Kein Wunder, dass ich nicht reagiert hatte – ich hatte damals noch einen ziemlich festen Schlaf. Richie war wohl Richtung Balkon schlafgewandelt und hatte stundenlang auf diesem ausharren müssen. Fortan war mein Schlaf leichter, und öfter musste ich meinen Ex einfangen. So etwas kann vorkommen, und dagegen helfen auch Vorschriften nicht.

Zum Glück aber kann bei Dingen, die die Öffentlichkeit betreffen, eingegriffen werden und den ahnungslosen und dümmlichen Bürgern geholfen werden, damit sie nicht in ihr Unglück rennen. Dazu gibt es Politiker, die seit einigen Jahren immer mehr Freiheiten beschneiden, nein, Verzeihung, Vorsichtsmaßnahmen zum Schutze der unmündigen Wähl…, nein, Bürger auf den Weg bringen.

Dankbar müssen wir sein! Dankbar dafür, dass man uns dümmlich-unbedachte Menschen vor unserer eigenen Tumbheit beschützen möchte.

So zum Beispiel hinsichtlich einer der größten Gefahren unserer Zeit. Wir alle sind sicherlich darin einig, dass die größte Gefahr dieser Tage ganz speziell einer ist: der Paternoster. Das dürfte jedem Kind klar sein, dass nicht etwa andere Aspekte eine solch eklatante Gefahr darstellen, obwohl dieser Tage sich immer mehr Menschen – speziell in meiner Heimat, einem Ballungszentrum bzw. einer Metropolregion – nur bis an die Zähne bewaffnet und mit Pfefferspray, Schrillalarm, taktischen Taschenlampen oder gar Schreckschuss- und Gaspistolen bewehrt aus dem Haus trauen. Nein – das seien nur die kranken Auswüchse sogenannter „besorgter Bürger“, wie uns die Verantwortlichen weismachen wollen. Die müssen es wissen, leben sie doch weit entfernt von den Zuständen hier, die sie mit Verve verursacht haben.

Nein, nein, die größte Gefahr unserer Zeit ist der Paternoster. Zum Glück hat unsere Bundesarbeitsministerin, die nicht nur einst durch ihre Sangeskünste überzeugte, sondern auch immer wieder durch brillante Ideen, sich dieser Sache angenommen. Die noch existierenden Paternoster in öffentlichen Gebäuden mussten geschlossen werden, bis diejenigen, die sie täglich benutzen müssen und dies auch schon seit Jahren, Jahrzehnten tun, in der vorschriftsmäßigen Nutzung geschult waren. Wie gut, dass es Frau N. gibt!

Denn ich erinnere mich noch mit Schaudern an die vielen schrecklichen Paternoster-Unfälle mit Toten und Schwerverletzten. Auch habe ich Bilder vor Augen, wie zahllose verzweifelte Menschen vor Paternostern standen, weinend, zitternd und sich die Haare raufend, weil sie einfach nicht wussten, wie mit diesem gefährlichen Personenbeförderungsmittel umzugehen sei! Wie viele Unfälle gab es, weil niemand wusste, wie man ein- und aussteigt!

Als ich noch in Aachen lebte, hörte man täglich Martinshörner, und man sah Rettungswagen zum Verwaltungsgebäude am Hauptbahnhof rasen. „O nein, es ist der Paternoster!“ wusste man dann sofort, denn in dem Gebäude befand sich auch eines dieser brandgefährlichen Transportmittel. Annähernd täglich Schwerverletzte und Tote! Und warum? Weil Frau N. damals noch nicht präsent war und die Leute unbedarft-arglos allen Ernstes glaubten, ungeschult mit dem Paternoster fahren zu können! Frau N. – wir danken Ihnen! Wie viele Menschenleben haben Sie durch Ihre wohldurchdachte Aktion gerettet! Man sollte Ihnen das Bundesverdienstkreuz am Bande verleihen. 😉

Auch die Feuerwehr ist nun entlastet: Wie oft hatte diese Menschen nach tagelanger Fahrt im Kreise dehydriert und halbverhungert bergen müssen, weil sie zwar hatten einsteigen können, aber dann nicht wussten, wie man aussteigt … Gefangen im Paternoster!

Inzwischen fahren die temporär außer Betrieb genommenen Paternoster in öffentlichen Gebäuden wieder, wie ich heute in der Zeitung las. Allerdings müssen sämtliche Benutzer erst eine Litanei an Benutzungs- und Sicherheitsregeln lesen, bevor sie einen Fuß in den „Personen-Umlaufaufzug“ setzen dürfen. Offenbar hatte die Abfassung dieses wichtigen Regelwerks so viel Zeit in Anspruch genommen – das muss man verstehen, denn es geht um unser aller Sicherheit!

Endlich, endlich erfahre ich hier, dass ich nur ein- oder aussteigen darf, wenn sich Kabinen- und Etagenboden auf dem gleichen Niveau befinden! Somit entfällt das gefährliche Hinausspringen, wenn man schon auf dem Wege in die nächste Etage ist und sich ein Niveauunterschied von einem halben Meter oder mehr zwischen Kabine und Etage befindet – dauernd, ja, wirklich dauernd gab es schreckliche Unfälle, weil Leute nicht wussten, dass man nur dann aussteigen darf, wenn die Kabine auf derselben Höhe wie der Boden des anvisierten Stockwerkes ist!  (Woher hätte man das auch wissen sollen, wenn es einem keiner sagt?) Und erst beim Einsteigen, wenn nicht in die zahlreichen Risiken des Paternosterfahrens Eingewiesene noch in die Kabine hinaufspringen wollten! Oder hinunter. Denn sie konnten ja nicht wissen, dass man das gar nicht so macht! 😉 Wie viele Knochenfrakturen, Sehnenrisse oder Todesfälle hätten verhindert werden können, hätte man sich des Problems nur eher angenommen! Danke, liebe Frau N.! Immer wieder bewundere ich Ihre Weitsicht, die zur Lösung ganz echter Probleme, die schon so lange bestanden, führt. 🙂

Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die sich um unser aller Wohl bemühen. Man selber ist ja klein, hilf- und arglos und übersieht die Gefahren gar nicht, in denen man andauernd schwebt.

Und nächste Woche werde ich nach Essen fahren und dort im Deutschlandhaus Paternoster fahren, natürlich erst dann, wenn ich die Benutzungsvorgaben studiert habe. Eine echte Expedition – ich bin schon ganz aufgeregt … 😉

„Follow the Yellow Brick Road“

Mein Leben ist nicht immer in geraden Bahnen verlaufen, wobei „nicht immer“ noch geschönt ist. Ich bin den Umgang mit Serpentinen gewohnt, mit Umwegen, unwegsamem Gelände und Hindernissen. Und mit Zitronen, wobei ich gerade dabei bin, zu lernen, Limonade daraus zu machen. Ein hartes Brot. 😉

Gestern in der Küche traf ich auf meinen Kollegen Chuck. Eigentlich heißt er ganz anders, hat einen wirklich schönen Namen, schlug mir aber im Scherz vor, ihn „Chuck“ zu nennen, sollte er je in einer meiner Einlassungen hier vorkommen – sicher unter anderem, weil der Name nur eine Silbe hat, sein realer aber gleich vier, so viele, wie mein Vor- und Nachname zusammen. Das Gefühl für Namen ist ja ganz individuell. Ich mag meinen richtigen Namen nicht – euch ist ja klar, dass ich nicht auf den Namen „Ali“ getauft wurde, nicht wahr? -, und bei Chuck scheint das ähnlich zu sein.

Doch ich hatte nicht vor, über Namen zu sprechen, obwohl das sicherlich ein tolles Thema wäre. Aber dann würde ich gegebenenfalls meinen vollen Vornamen nennen müssen, und das möchte ich aus verschiedenen Gründen nicht.

Chuck wird uns demnächst verlassen und eine andere Richtung einschlagen. Ich finde das schade, da er ein Lichtblick an diesem tristen Arbeitsplatz war, der den Arbeitsalltag erhellte, denn er hat viel Humor, ist meist beneidenswert gelassen, und man kann prima mit ihm herumfrotzeln. Nicht immer, aber meist. Leider übertreibe ich es dabei bisweilen, so dass man manchmal nicht mehr weiß, was ich nun eigentlich ernst meine, aber das hatten wir ja schon … 😉 (By the way: Ich meine durchaus oft Dinge ernst.)

Er erzählte von seinen neuen Jobaussichten und sah nicht sonderlich zuversichtlich drein. „Wann immer ich zwei Auswahlmöglichkeiten habe, entscheide ich mich stets für die falsche – das zieht sich durch mein ganzes Leben. Wenn ich links abbiege, solltest du dringend rechts abbiegen – denn das ist dann der richtige Weg.“ Er sah ziemlich zweifelnd drein, wollte das Ganze noch etwas ausführen, aber ich winkte fatalistisch grinsend ab. Nicht, dass ich nicht gerne zuhörte, wenn er etwas erzählt, aber mir das zu erklären, wäre nun wirklich redundant gewesen, denn manchmal glaube ich, ich sei die Erfinderin des „gezielten Griffs ins Klo“, wie man so schön sagt. Kurz: Ich bin da genauso. Mit Verve und Begeisterung stürze ich mich immer wieder in die falsche Richtung und damit nicht selten ins Chaos.

Dabei stürze ich mich durchaus nicht immer auf das, was besonders attraktiv erscheint – diese Phase habe ich schon länger hinter mir gelassen. Nein, manchmal wähle ich die weniger spektakulär wirkende Möglichkeit, und dies im Glauben und der Hoffnung, dass das Unspektakuläre weniger Risiken berge. Das ist natürlich kompletter Unsinn, und nicht selten steht man dann genauso im zu kurzen Hemd da, nur mit einer obendrein noch langweiligen Lösung, die in Wirklichkeit keine ist.

Das fängt bereits im Restaurant bei der Speisekarte an, und dabei ist völlig egal, wie viele Positionen diese enthält. Es beginnt damit, dass ich mich schwertue, mich zu entscheiden, und dann entscheide ich mich meist für das, was dann doch nicht so toll ist, und ich stelle fest, dass ich statt des Wolfsbarschs doch lieber das Rinderfilet genommen hätte. Beim Essengehen ist das noch nicht so gravierend, wenn auch ärgerlich, aber das Phänomen macht auch vor anderen Aspekten nicht halt. Weder beruflichen, noch privaten. Ich weiß, ich bin da kein Einzelfall, aber ich kenne nur wenige Menschen, die so virtuos falsche Entscheidungen treffen wie ich. 😉

Speziell im privaten Bereich hat sich diese Tendenz schon öfter gezeigt. 😉 Nicht selten hatte es damit zu tun, dass ich offenbar ein Faible für Spinner und Underdogs habe. Das ist gar nicht böse gemeint – es gibt so liebenswerte Spinner! 🙂 Und manchmal entpuppen sie sich auch erst im Laufe näherer Bekanntschaft als solche. Und ich habe ja selber hinreichend Macken. 😉 Darunter ganz offenbar ein sehr treffsicheres Näschen für Spinnertum.

Einen der größten Fehler meines Lebens habe ich schon in den Neunzigern begangen, als sich simultan zwei Männer sehr für mich interessierten. Ich war hin- und hergerissen. Das einzige, was sie gemeinsam hatten, war ihr Studiengang – beide studierten Maschinenbau, waren aber glücklicherweise keine Klischee-Maschbauer – und ihre Haar- und Augenfarbe. Und sie waren etwa gleich groß, knapp 1,80 m. Ansonsten so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der eine eine schillernde und illustre Persönlichkeit, sehr temperamentvoll, charmant und extravertiert, ein echter Spinner; der andere eher introvertiert, ein ruhiger Sarkastiker, sehr relaxt und vernünftig, aber kein Langweiler. Echtes Schwiegersohn-Potential.

Und was macht Ali? Na, klar! Stürzt sich auf die schillernde Gestalt! 😉 Gut, es war in der Zeit, die diese Beziehung dauerte, nicht langweilig, aber Richie war ein wenig zu neurotisch, ein wenig zu verrückt, ein wenig zu unsicher. Außerdem waren noch -zig andere Frauen hinter ihm her, von denen eine mir sogar mal frech ins Gesicht sagte, sie habe die älteren Rechte. Ich konterte, wie ihr Menschenbild eigentlich gestaltet sei, dass sie diesbezüglich mit Recht und Anspruch argumentiere? Und offenbar habe sich Richie trotz ihrer „älteren Rechte“ trotz einer gemeinsam verbrachten Nacht („Wir waren beide angeschickert,“, gab Annette noch albern kichernd zu – hätte ich an ihrer Stelle nie getan) wohl nicht dazu entschieden, eine Beziehung mit ihr einzugehen. Da guckte sie etwas dumm, und ich ließ sie stehen. Aber sie war ja nicht die Einzige … Ich wurde gleich von mehreren Frauen gehasst. 😉 Stets in Verteidigungsstellung zu sein, ist auf Dauer sehr anstrengend. Es gibt da diesen 60er-Jahre-US-Oldie: „If you wanna be happy for the rest of your life never make a pretty woman your wife“. Gilt nicht nur in Bezug auf Frauen … 😉

Pit hätte erheblich besser zu mir gepasst, und mein bester Freund meinte mal: “Aber er war dir wohl zu normal. Du bist ja eindeutig auf Spinner programmiert.“ Ja, danke auch! 😉 Auch noch mit der Nase in die Bescherung drücken, die man angerichtet hat, denn Pit brach den Kontakt zu mir ab, weil er, wie er sagte, das Ganze nicht mitansehen könne. Und erstaunlicherweise bin ich ihm dann tatsächlich ganze drei Jahre nicht einmal begegnet – dabei ist Aachen gar nicht so groß.

Wiedergetroffen habe ich ihn auf der Housewarming-Party meiner Freundin Sonja. Die hatte ihn, obwohl auch sie drei Jahre keinen Kontakt zu ihm gehabt hatte, spontan angerufen und eingeladen, was sie mir nach vollbrachter Tat dann am Telefon erzählte, etwas kleinlaut. Er hatte nämlich gefragt, ob ich auch käme, und wenn ja, in welcher Konstellation. Als Sonja sagte, ich käme allein, da gerade Single, sagte er zu. Ich war „begeistert“! Mir war immer noch extrem peinlich, Pit so blöd abserviert zu haben, aber Sonja meinte, das müsse mir doch keine Sorgen bereiten. Ich ging dann trotzdem mit Bauchschmerzen hin. Ich bin in so etwas einfach nicht gut. Ich bin in so etwas sogar ganz miserabel. 😉

Es endete damit, dass Pit und ich um kurz nach Mitternacht gingen. Das heißt, erst ging ich – ich fühlte mich auf der Party absolut nicht wohl. Da war Pit gerade auf der Toilette, und ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf. Wie dämlich ich damals war, aber ich war ja noch jung. 😉 (Allerdings bin ich jetzt älter, in mancher Hinsicht aber immer noch dämlich. 😉 ) Pit wollte dann aber wohl auch nicht länger bleiben, und er holte mich, die ich – nachts – zu Fuß durch eine recht sinistre Gegend ging, ein, schimpfte etwas, dass ich doch nicht nachts allein … Ich zickte herum, ob ich denn nicht einmal alleine durch die Stadt gehen könne, und er meinte: „Nicht um diese Uhrzeit, und nicht, wenn ich das verhindern kann.“ Wir stritten von der oberen Franzstraße bis Mitte Franzstraße, und er meinte, ich hätte einen Dickkopf, aber ich sei ja immer schon eigenwillig gewesen. („Widerspenstig“ trifft es in der Hinsicht eher – liegt wohl daran, dass ich mich nicht bevormunden lassen möchte, aber man kann es auch übertreiben … 😉 )

Nach Beilegung des Streits beschlossen wir, bei ihm noch ein Glas Wein zu trinken. Den Wein haben wir dann auch getrunken, nachdem Pit mir einen kalten Umschlag um den rechten Knöchel gewickelt hatte und wir uns ganz allmählich von unserem Schock erholten. Wir waren nämlich auf dem Heimweg fast noch zu Tode gefahren worden, von einem sturztrunkenen Autofahrer, der uns – wir hatten Grün – an der Hauptpost fast erwischt hätte. Pit schubste mich aus der „Schusslinie“, und ich landete Meter weiter hinten sehr unsanft auf der Straße und ruinierte meinen rechten Knöchel. Aber besser ein hypersensibler Knöchel, als tot. Pit hatte sich nur durch einen gezielten Sprung auf die Motorhaube retten können und, wie er meinte, um den Fahrer daran zu hindern, mich weiter hinten noch zu überfahren. So etwas hatte noch nie jemand für mich gemacht!

Tja, eigentlich hätte ja nun alles doch noch ganz anders werden können. 😉 Aber ich tat mich mit der Entscheidung mal wieder sehr schwer … Und so blieb es beim Status quo. Erst später wurde mir klar, dass ich einen immensen Fehler begangen hatte – aber da war es zu spät. Das hat mich noch eine Weile verfolgt, und zur „Strafe“ kam ich dann mit Giacomo zusammen, einer echten „drama queen“. 😉 Sympathisch, und er zählt weiterhin zu meinen Freunden, aber er ist das Gegenteil von „relaxt“, sondern ein Hektiker reinsten Weihwassers. Immerhin passt er in die Spinner-Kategorie, aber selbst mir war dieses Ausmaß zu krass. 😉

So kann es gehen, wenn man offenbar prädestiniert für „Fehlgriffe“ ist. 😉 Wobei ich damit nicht den Menschen an sich meine – nur die Konstellation.

Auch bei Einkäufen greife ich öfter daneben. Neulich habe ich ein Duschgel gekauft, das vorgibt, nach Vanille und Pistazie zu duften. Bereits bei der Erstbenutzung war ich irritiert, und mir wurde sehr schnell klar, dass ich da wohl einen klassischen Fehlkauf getätigt hatte, denn der künstliche Vanille- und Pistazienduft erinnerte mich in seiner Art an den unangenehmen Geruch, den Hunde- und Katzenflohhalsbänder verströmen. Oder an Mottenkugeln. Pfui Teufel! Wer will sich schon mit einem Duschgel waschen, das wie ein Flohhalsband oder Mottenkugeln riecht? Auch hier die Konstellation unpassend.

Mein Fazit: Für mich müsste es Wegweiser geben, jemand müsste mir sagen: „Follow the yellow brick road,“, damit ich den richtigen Weg einschlage. Besser noch wäre, man drehte mich in die richtige Richtung und gäbe mir einen Schubs, damit ich auch wirklich loslaufe. 😉

Was ich zu Chuck übrigens nicht sagte, mir aber durch den Kopf ging, als er sein plastisches Linksabbiegebeispiel brachte, war, dass sich die Gelegenheit, dass ich hinter ihm in die Verlegenheit, abzubiegen, käme, wohl nicht ergäbe. Stattdessen würde er sicherlich, wäre er falsch abgebogen, etwa hundert Meter vor sich jemanden sehen, der mir sehr ähnlich sähe. Und wenn er die Person dann eingeholt hätte, würde er feststellen, dass ich es sei – voller Begeisterung ebenfalls auf dem völlig falschen Weg unterwegs, in Vorfreude auf tolle, neue Erfahrungen. 😉 Ich bin irgendwie einfach so – auch ich biege oft, und das aufgrund meiner ganz eigenen Entscheidung, falsch ab.

In diesem Sinne: Grämt euch nicht zu sehr, wenn auch ihr gerne mal „ins Klo greift“ – ihr seid nicht allein. Es gibt da draußen ein paar Menschen, denen es genauso geht. Außerdem weiß keiner, ob es beim Abbiegen in die andere Richtung nicht noch viel schlimmer gekommen wäre – das sagt einem ja keiner. 😉 Versucht, das Ganze nach Möglichkeit mit Galgenhumor zu sehen, sofern es nicht an die Substanz geht – der muss ja auch seine Daseinsberechtigung haben. 😉

Ich habe es tatsächlich getan

Morgen in einer Woche ist es soweit. Und mir zittern jetzt schon die Knie, wenn ich daran denke. Aber ich habe es tatsächlich getan: Ich habe mich fest angemeldet.

Es ist nichts Außergewöhnliches, was ich in einer Woche tun werde. Für euch sicherlich nicht. Für mich schon. Denn ich habe mich lange Zeit schlichtweg geweigert oder – sagen wir es etwas netter – mich davor gedrückt, es zu tun, bin lieber mit Bussen und Bahnen gefahren, als mich hinter das Steuer eines Autos zu setzen, obwohl ich einst die theoretische Fahrprüfung mit null Fehlern und die praktische mit Schwung und Bravour bestanden habe. Wirkt albern, nicht wahr?

Aber ich bin nie gerne Auto gefahren. Nie. Ärgerlich, da mir Unabhängigkeit über alles geht.

Lange Zeit wusste ich nicht, warum mich immer Beklommenheit überfiel, setzte ich mich vorne links in ein Auto. Jahrelang ahnungslos gewesen, bin ich immer nur sehr ungern gefahren, jedes Mal froh, wenn ich mein Ziel erreicht hatte und aussteigen konnte. Schon mit 18 Jahren war das so – ich war völlig anders als meine Freunde und Bekannten, die den Tag herbeisehnten, an dem sie endlich selber fahren durften, ohne Fahrlehrer. Gerne hätte ich ähnlich empfunden, aber da war irgendetwas, das mich davon abhielt, und ich dachte mir immer: „Naja, Ali, du bist halt nicht normal.“ Und voller Neid und Kummer sah ich, wie alle anderen sich lachend und voller Freude, endlich fahren zu dürfen, hinters Lenkrad setzten. Es nagte sehr an mir, und ich verfluchte mich selber.

Wann immer ich fahren musste, weil es nicht anders ging, war ich schon vorher nervös. Setzte ich mich hinters Lenkrad, befand ich mich in einer emotionalen Mischsituation: Nervosität, Angst, aber auch ein Gefühl positiver Spannung, ein Kribbeln, waren da. „Hey, du hast es in der Hand! Aufregend, nicht wahr? Du kannst fahren, wohin du willst.“ Leider überwog nie diese kribbelnde Neugier, das Gefühl von Unabhängigkeit. Und so blieb alles, wie es war: Ali hatte Angst vor dem Fahren.

Als ich 2004 bei meinem jetzigen Arbeitgeber anfing, war ich zunächst darauf angewiesen, Auto zu fahren. Ich hatte meinen Erstwohnsitz noch im Rheinland, meine Wohnung – man weiß ja nie, ob man die Probezeit beim neuen Arbeitgeber übersteht -, aber meine Arbeitsstätte befand sich in dieser Ruhrgebietsstadt, die meine Heimatstadt ist, und unter der Woche wohnte ich bei meinen Eltern, die etwa 20 Kilometer entfernt von meinem Arbeitgeber wohnen. Die Busverbindung nicht zufriedenstellend, war ich nun angewiesen auf das Auto meiner Mutter. In bereits erwähnter Mischstimmung fuhr ich jeden Morgen los …

Bis zu jenem Morgen. Es war im Spätherbst, und es war noch dunkel, als ich losfuhr, aus der Siedlung heraus, in der meine Eltern leben. Ich erreichte die Ampel, an der ich rechts abbiegen musste. Sie war grün, und ich gab Gas. Da schoss plötzlich von rechts etwas heran – ein kleiner Junge auf einem Fahrrad, der wohl auf dem Weg zur Schule war. Mir direkt vors Auto, und ich machte eine Vollbremsung, kam nur wenige Zentimeter vor dem Kind zum Stehen, das wie ein geblendetes Reh ebenfalls stehenblieb. Nach der ersten Schrecksekunde machte ich das Warnblinklicht an – daran dachte ich sogar! – und stieg aus, stürzte zu dem Kleinen hin: „Ist alles in Ordnung mit dir?“ – „Ja, alles okay. Entschuldigen Sie, bitte!“ stotterte der Kleine und sah mich etwas schüchtern an. Ich sagte: „Ist schon in Ordnung, Hauptsache, dir ist nichts passiert. Es ist wirklich alles okay?“ – „Ja,“, sagte der kleine Fratz, und ich meinte: „Dann mal schnell in die Schule – aber nicht ganz so rasant.“ Ich klang ziemlich locker. Aber der Schreck steckte mir in den Gliedern. Wie sehr, stellte sich erst etwa 50 Meter weiter heraus.

Ich stieg wieder ein, deaktivierte die Warnblinkanlage und fuhr los. Was dann passierte, kommt mir noch heute vor wie ein schlechter Psychofilm der Couleur von Hitchcocks „Marnie“. Tiefenpsychologie für Lieschen Müller. Also nix mit „Tiefe“, sondern an Seichtigkeit nicht zu überbieten – echte Küchenpsychologie. Aber es war tatsächlich so, dass ich nur etwa 50 Meter weiter auf der Straße plötzlich zu zittern begann. Da man dort schlecht anhalten konnte, fuhr ich zitternd noch weiter, über die nächste Kreuzung; dann fuhr ich rechts heran. Meine Hände zitterten wie Espenlaub, und mir standen Tränen in den Augen. Klingt absolut bescheuert, hatte aber seinen Grund. Denn just 50 Meter hinter der Stelle, an der der kleine Junge mir vors Auto gefahren war, war viele Jahre zuvor eine Freundin von mir schwer verunglückt und zwei Tage später an den Folgen gestorben. Ich hatte zum Glück wenigstens den Unfall selber nicht mitansehen müssen, war aber kurz darauf an der Unfallstelle vorbeigekommen. Da war Kathi schon mit dem Rettungshubschrauber „Christoph 8“ unterwegs, den ich sogar noch hatte abheben sehen. An der Unfallstelle sah ich einen Rettungswagen, einen Notarztwagen, einen Streifenwagen, weinende Kinder und fassungslose Erwachsene stehen, einen grünen Sportwagen mit eingedellter Motorhaube und Weseler Kennzeichen. Zwei Polizisten, die behutsam versuchten, einer Frau, der Fahrerin des Sportwagens wohl, Fragen zu stellen. Aber sie war nicht in der Lage, die Fragen zu beantworten. Nie zuvor hatte ich einen Erwachsenen so gesehen: Die Frau weinte und zitterte, als sei sie komplett ausgekühlt, hatte sich nicht unter Kontrolle, stand unter Schock. Sie bekam vom Notarzt dann eine Beruhigungsspritze. All das sah ich, wusste aber noch nicht, wer da verunglückt war. Bis mein Blick auf die Straße fiel: Zwischen Rettungs- und Notarztwagen lag da etwas. Es war Kathis Tornister. Der war so besonders, den hatte kein anderes Kind: Rot mit weißen Tupfen war er, ein echtes Unikat und von vielen Mädchen neidvoll angestarrt. Jetzt lag er da auf der Straße, verwaist, wie ein Fremdkörper auf dem Asphalt, mit durchgerissenen Tragriemen, und ich war geschockt, weil mir mit einem Schlag klar war, was hier passiert war, denn der Tornister gehörte doch auf Kathis Rücken, nicht auf die Straße – das hätte sie nie zugelassen. Und obwohl ich nie gut in Physik war oder werden sollte, war mir irgendwie und eher intuitiv klar, dass es richtig schlimm war, als ich sah, dass die Riemen mittig durchgerissen waren, nicht da, wo sie am schwächsten waren, nämlich da, wo sie am Tornister befestigt waren. Ich war fassungslos: Ich war doch für den Nachmittag mit Kathi und einer anderen Freundin verabredet gewesen, zusammen zu spielen. Schlagartig und im Alter von sieben Jahren habe ich wohl irgendwie begriffen, dass man im Grunde nichts planen kann. Man kann das als Vorteil sehen, nur ist der Hintergrund für diese „Weisheit“ ein sehr schlimmer und schmerzlicher gewesen. Ich hätte das lieber anders gelernt, zumal Kathi zwei Tage später in der Unfallklinik starb. Unvergessen.

Das alles tauchte vor meinen Augen wieder auf, als ich da mit laufendem Motor am Straßenrand stand. Vor allem die weinende und zitternde Frau. Sie war nicht alleinverantwortlich oder schuld gewesen, sie hatte nur eine Teilschuld, da sie etwas zu schnell unterwegs gewesen war. Aber Kathi war einfach auf die Straße gelaufen, um den Weg zu ihrem Elternhaus abzukürzen. Rational war alles klar, nur muss sich damals der Anblick der weinenden und zitternden Frau derart in meinem Unterbewusstsein eingenistet haben, dass ich eine echte Abneigung gegen das Autofahren entwickelt habe. Es gibt keinen anderen Grund. Und meine Mutter hatte noch gesagt: „Die arme Frau tut mir leid. Die wird doch ihres Lebens nicht mehr froh.“

Als ich da am Straßenrand stand, war ich erst versucht, den Wagen da stehenzulassen und mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Zum Glück bin ich bisweilen recht pragmatisch, und ich dachte: „Der Wagen wird abgeschleppt werden, und das kostet dann richtig Asche. Kopp hoch, fahr einfach weiter. Es wird schon gehen.“ Es ging, aber ich zitterte immer noch, als ich den Wagen auf dem Angestelltenparkplatz geparkt hatte. Und den ganzen Tag über graute mir vor der Heimfahrt.

Danach bin ich – bis jetzt – nie wieder Auto gefahren. Aber das wird sich bald ändern. Denn nächste Woche habe ich eine Fahrstunde. Eine Auffrisch-Fahrstunde, da es mir lieber ist, meine Fähigkeiten mit jemandem an der Seite, der zur Not auch eingreifen kann, aufzufrischen. Technisch ist es kein Problem, und wenn ich in Übung bin, fahre ich eher dynamisch, als schnarchnasig. 😉

Warum ich mich dazu entschieden habe? Nun, es nagte all die Jahre an mir, nicht Auto zu fahren, wie jeder normale Mensch das macht. Und es kommt noch etwas hinzu. Ich hasse es, von Bussen und Bahnen abhängig zu sein, und gerade hier – in meiner Heimatstadt – ist es nicht sonderlich angenehm, mit diesen fahren zu müssen. Tagsüber geht es noch so gerade, aber wenn ich abends von der Arbeit nach Hause fahre, überkommt mich immer wieder das Gefühl, dass da Leute unterwegs seien, denen eine weitgehend geschlossene Institution erstmalig Ausgang gewährt. Ich drücke es mal so aus. 😉 Und nachdem ich neulich in der Straßenbahn angeschrien wurde: „Ey, blöde Schlampe, geh auf Seite!“, und das in wirklich aggressiver Weise und mit einem Anrempler versehen, obwohl nur ein höfliches: „Dürfte ich, bitte, mal durch?“ nötig gewesen wäre, scheint mir Autofahren doch das geringere Übel zu sein. 😉

Oder?

„Turn and face the strange“

Könnte ein Motto von mir sein, ist aber von David Bowie, aus einem meiner Lieblingssongs von ihm: “Changes”. Keinen seiner Songs habe ich je so inbrünstig mitgesungen wie diesen, mal abgesehen von „Absolute Beginners“. 😉

Der Tag heute fing schon bescheiden an. Verschlafen. Dann Straßenbahn auch noch zu spät, und zu allem Überfluss der Anschlussbus auch noch. Immerhin bin ich einigermaßen pragmatisch, und so dachte ich hinsichtlich des Busses: „Ein Vorteil daran, dass er verspätet ist, ist, dass ich ihn nun wenigstens noch erwische.“ Aber einen Tick eher hätte er doch kommen können … 😉 Zum Glück ist Janine, meine Kollegin, sehr kollegial.

Endlich hatte ich unser Zweierbüro erreicht, wo Kollege Frederik stand, aus dem Urlaub zurück, und mir ein frohes Neues Jahr wünschte. Ich konfrontierte ihn mit der scheußlichen Tatsache, dass er soeben einen gesellschaftlichen Fauxpas begangen habe – am 11. Januar ein frohes Neues Jahr zu wünschen! Was würde der arme Freiherr Knigge dazu sagen? Frederik starrte mich an, als käme ich geradewegs vom Mars. „Was ist denn mit dir los? Meinst du das etwa ernst? Ich wünsche zur Not auch Mitte, Ende Januar noch ein gutes Neues Jahr, wenn ich die Person vorher noch nicht gesehen habe!“ Ich strengte mich sehr an, ernst zu bleiben. Wie so oft gelang es mir nicht, und Frederik meinte: „Jetzt bin ich beruhigt. Ich dachte schon, du meintest das ernst! Ich dachte schon, du wärest über Weihnachten und Neujahr total spießig und uncool geworden!“ Kollege Frederik hält tapfer an der Vorstellung fest, ich sei irgendwie unspießig und cool. 😉 In diverser Hinsicht mag ich das zwar sein, aber es gibt immer kleine Ausrutscher. 😉 Hier konnte ich ihn aber beruhigen, und ebenso ging er dann auch.

Nun war es aber Zeit für einen Kaffee, und ich schnappte meinen schönen RWTH-Aachen-Fakultäts-Kaffeebecher (mit dem Motiv der sogenannten „PhilFak“, an der ich studiert habe) und eilte Richtung Teeküche. Da ließ ein markerschütternder Schrei von Janine mich zur Salzsäule erstarren, und fast hätte ich meinen schönen Kaffeebecher fallengelassen! Sie schrie: „Nein! Das kann doch nicht wahr sein!“ Ich schrie über die Schulter zurück: „Was ist denn los?“

Und dann das … Sie schrie: „David Bowie ist tot! Das ist ja furchtbar!“ Da wäre mein Kaffeebecher zum zweiten Male fast hinuntergefallen. „Was?!? Nein!“ schrie ich, ungläubig und entsetzt. Doch nicht David Bowie!

Nun ist es nicht so, dass ich von David Bowie angenommen hätte, er sei unsterblich, so als Mensch, aber es schockierte mich in etwa so, als wäre ein Verwandter oder Freund von mir gestorben, den ich wirklich sehr mochte.

Ehrlich gestanden, hat David Bowie mich länger durch mein Leben begleitet als Gott. Ich war nie ein ausgesprochener Fan von ihm, liebte – und liebe – aber viele Songs von ihm, und er imponierte mir irgendwie als Mensch. In jedem Falle gehörte er irgendwie untrennbar zu meinem Leben, denn ich bin quasi mit ihm großgeworden. (Nicht sehr groß, zugegeben. 😉 ) Wie oft hatte ich zu seiner Musik getanzt, mich verliebt, hatte mich seine Musik unter anderem bei Liebeskummer getröstet oder zumindest etwas beruhigt. In letzterem Falle ging nur speziell ein Lied nicht: das oben genannte „Absolute Beginners“ – das ging nur zu Beginn einer Romanze oder Beziehung. 🙂

Und nun das! Erstaunt war ich, dass Janine, die einige Jahre jünger als ich ist, genauso geschockt war wie ich. Sie meinte: „Das zieht mich jetzt total ‚runter! Der war doch immer da!“

Ich lächelte etwas bedrückt und meinte: „Genau. Der war immer da.“ Auch dann, wenn alles andere um einen herum zusammenbrach und in Trümmern lag. Zwar nicht er selber, und nicht ganz unwahrscheinlich, dass ich mich mit ihm gar nicht verstanden hätte, aber das war auch nicht das, was half. Es war die Musik, und es war die Tatsache, dass er einfach immer dafür sorgen würde, dass jeder von uns immer eine neue individuelle Hymne bekommen würde, die einfach immer passte, zu jeder Gelegenheit. Meine Bestellung für sein letztes Album läuft. 🙂

Und da sagen die Leute immer, dass die „Einschläge“ immer näherkämen, womit sie Todesfälle ihnen oder allgemein bekannter Personen meinen. Es sind keine Einschläge. Es ist das Gegenteil und nichts, was von oben kommt. Es ist der Boden, der schwindet. Der Boden, auf dem man so selbstgefällig einherschreitet. Zu meinem gehörte unter anderem die Gewissheit, dass, egal, was passiere, einige Dinge immer blieben: die GEZ-Gebühren, das „Wort zum Sonntag“, die Diätenerhöhung von Politikern. Und David Bowie als Gegenpol zu all dem. Der war doch immer da, seine Musik. Seit ich lebe. Auch vorher schon, aber mir von klein auf vertraut.

Ich muss mich wohl irgendwann an den Gedanken gewöhnen, dass immer mehr Dinge wegbrechen, die mir vertraut waren – für mich nicht einfach. Immerhin verleiht es mir die Gabe, meine Eltern etwas besser zu verstehen, denen das wohl dauernd so gehen muss. Wenn das nichts ist! 🙂

Und jetzt höre ich mir „Changes“ ganz laut an – und danach „Days“. 🙂

R.I.P., David.
„Time may change me, but I can’t trace time.“

„Gesundheit!“

Wir stimmen sicherlich alle darin überein, dass es gewisse gesellschaftliche Konventionen gibt, die sinnvoll sind und auch bestehen müssen, um ein reibungsloses und mehrheitlich friedliches Miteinander zu ermöglichen. Gut, es gibt immer Menschen, die ausscheren, weil sie gern und bevorzugt an das eigene Fortkommen denken, bisweilen sogar schlicht asozial sind, aber die werden sicherlich nie aussterben, und mit etwas Glück können sich die anderen auch weiterhin behaupten. Mir wäre zwar auch lieber, immer das tun zu können, was mir gerade in den Sinn kommt, und Anarchie ist sicherlich wahnsinnig bequem, aber ich bin ja nicht allein auf der Welt.

Es gibt allerdings auch ganz merkwürdige Konventionen, die irgendeinem abergläubisch-spießigen Geist entsprungen sein müssen. Oder gleich mehreren Geistern, wobei ich mich bisweilen frage, ob überhaupt Geist dahinterstecke. 😉

Heute, am achten Januar, wurde ich von einer Kollegin zurechtgewiesen, die ich dieses Jahr erstmalig sah. Ich hatte doch glatt die Stirn gehabt, ihr ein frohes Neues Jahr zu wünschen! Nun ist dies sicherlich ein freundlich gemeinter Wunsch gewesen, aber ich musste mich sogleich erhobenen Zeigefingers in gestrengem Tonfall von ihr belehren lassen, dass ich da ja wohl Ungeheuerliches begangen hätte! Ich war bass erstaunt. Was nur hatte ich falsch gemacht? Die Kollegin erklärte mir, dass laut Knigge nur in der ersten Woche des angebrochenen Jahres dieser Wunsch opportun sei. Ob mir dies noch nicht bekannt gewesen sei?

Ich staunte, zumal mir speziell bei dieser Kollegin noch nie aufgefallen war, dass sie überhaupt von der Existenz des Knigge bzw. Regelungen des höflichen Miteinanders wusste. Aber man lernt ja nie aus. Ich versprach, mich zu bessern und sah dann zu, schnell wegzukommen. Weg von jemandem, der derart spießig-kleinkariert argumentierte, dass man nur mutmaßen konnte, einer seiner Vorfahren sei der Erfinder des Gemeinen Jägerzauns, einem Symbol klassischen Spießertums, gewesen. Mir hat die Kollegin auch kein gutes Neues Jahr gewünscht. Ich fand das unhöflich, aber – wie man sieht – die Ansichten gehen da stark auseinander.

Dennoch fragte ich mich, was eigentlich an einem gut und freundlich gemeinten Wunsch so furchtbar falsch sein könne. Es ist ja nun nicht so gewesen, dass wir die letzte Septemberwoche schrieben. Da ein gutes Neues Jahr zu wünschen, wäre sicherlich zu Recht als Verarsche aufgefasst worden. Und – bitte – wer hat allen Ernstes den Knigge zu Hause stehen, nach dem er sich richtet, statt nach einem mehr oder minder gesunden Menschenverstand? (Gut, ich habe auch eine Kollegin, deren Lieblingsbuch der Duden ist, den sie aufs Peinlichste zitiert, und das nicht einmal in Zweifelsfällen, in denen er doch, wie er selber seit jeher behauptet, maßgeblich sei – im Grunde sollte ich mich nicht wundern.)

Nachdem ich dann noch zweimal auf diesen Hinweis stieß – erstaunlicherweise beriefen sich auch die anderen beiden Kollegen auf den Knigge -, beschloss ich, niemandem mehr alles Gute fürs frisch begonnene Jahr zu wünschen. Sollte mich irgendjemand mangelnder Höflichkeit bezichtigen, verweise ich an die drei Kollegen, die den Knigge offenbar mit Verve verinnerlicht haben, die auch gerne darauf hinweisen, dass man nicht mehr: „Gesundheit!“ sage, wenn jemand niest, sondern der Niesende sich vielmehr zu entschuldigen habe. Für einen Reflex, wohlgemerkt. Wie absurd ist das denn?

Ich empfinde das als albern und ungerecht: Immerhin ist der Niesende, wenn es sich um einen Schnupfen handelt, dessentwegen er niesen musste, doch schon geschädigt genug, denn er hat eine fiese Erkältung oder aber Heuschnupfen oder ein sonstiges Gebrechen. Soll er sich nun auch noch selber geißeln und kleinmachen, obwohl er doch ohnehin schon benachteiligt ist? Darf man denn seine Anteilnahme nicht mehr zeigen, indem man – oftmals in eher humorvoller Absicht – Gesundheit wünscht? Offenbar nicht, wenn man den Knigge zur Richtschnur macht. Gut, ich wäre sicherlich auch eher unbegeistert, würde man mir auf meinen schönen neuen Blazer im Biker-Style niesen – oder auch sonstwohin -, und da hielte auch ich es für ganz normal, wenn sich der Niesende entschuldigte, während mir angesichts des Schmodders auf meinem schönen neuen Blazer der Wunsch nach Gesundheit sicherlich in der Kehle steckenbliebe. (Ich vermute, der Knigge befiehlt in solchen Fällen auch, Ruhe zu bewahren und den Verursacher nicht sogleich mit einem zünftigen Schlag auf die Zwölf für sein Vergehen zu bestrafen und niederzustrecken oder ihn mit der Nase in die Bescherung zu drücken. 😉 Aber irgendwie verstehen sich manche Dinge doch von selbst, oder?)

Mir graut immer, wenn ich – bei besonders nebensächlichen Aspekten – den Satz höre: „Das macht man so.“ Oder: „Das tut man nicht!“ In Fällen, wenn es im Grunde nur eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, was man wie macht. Weingläser nur am Stiel halten, okay – ist stilvoller. Aber im Grunde ist es doch jedem selber überlassen, wie er das macht. Ich halte Weingläser immer am Stiel, weil ich es lieber mag und es nicht ganz so grobmotorisch wirkt. Ein Weinglas ist kein Bierglas.

Ich bin einmal ganz böse auf- und reingefallen, als ich bei der Familie eines Freundes beim Mittagessen – es gab gebratene Gans, mit Hackfleischfüllung, was ich ungewöhnlich fand, da bei uns zu Hause Gänse immer mit Äpfeln gefüllt werden (eine Frage des persönlichen Geschmacks) – die Stirn hatte, das Tier mit Messer und Gabel zu essen! Ich mag es so lieber als mit den Händen, weil ich es hasse, dann mit fettigen Fingern das Besteck anfassen zu müssen, mit dem man ja die Beilagen isst. Man legte mir nahe, doch auch mit den Händen zu essen – wohlgemerkt: nicht aus irgendwelchen traditionellen Gründen -, denn das sei doch bequemer, und ich bedankte mich für das Angebot, sagte aber, ich täte das lieber mit dem Besteck, was ich auch begründete, und das durchaus freundlich und natürlich. Da machten sie blöde Bemerkungen, ich sei wohl ein Snob, und die Schwester meines Freundes, durchaus schon erwachsen, entblödete sich nicht, alles, auch die Beilagen mit den Fingern zu essen. Sogar die Erbsen. Dabei hatte ich es keineswegs arrogant begründet, und ich verstand nicht so ganz, wie man einen Gast derart maßregeln konnte, der doch angeblich König sei. Wahrscheinlich steht im Knigge aber, dass ich künftig gebratenes Geflügel mit den Händen essen müsse, wenn der Gastgeber es so befehle … 😉 (Zufälligerweise aber weiß ich sogar, dass man Geflügel mit den Händen essen darf – warum auch nicht? -, wenn am Tisch Fingerschalen mit Zitronenwasser oder feuchte Tücher, meist mit Zitronenduft, stehen. Steht im Knigge, wie mir bereits vor Jahrzehnten mal jemand erklärte. Diese Reinigungsvorrichtungen gab es bei der Familie meines Freundes jedoch nicht, und im Knigge stand zumindest damals wohl auch nicht, dass man gezwungen sei, das gebratene Tier mit den Händen zu essen, auch wenn diese Dinge vorhanden seien. 😉 )

Jemand anders entrüstete sich einmal, als ich Milch in meinen Tee – schwarzen – gab. „Das macht man nicht! Man kann doch Tee nicht mit Milch trinken!“ hieß es. Warum nicht? Millionen Engländer tun es, und dort gilt es keineswegs als ehrenrührig. Es war ein Assam, der ohnehin schon etwas kräftiger ist, zu stark aufgebrüht, und da erschien mir die Zugabe von Milch durchaus opportun. Aber offenbar hatte ich mal wieder gegen eine eherne und selbstgezimmerte Regel verstoßen. Es war dann auch meine einzige Tasse Tee, die ich mit meinem Gegenüber trank. Offenbar war der Gute derart dogmatisch, dass er schon halb durchdrehte, wenn jemand Tee anders trank als er. Nichts für mich. Wer wusste schon, wie der in weit gewichtigeren Dingen so sein würde … 😉

Man kann, man kann nicht, das tut man, das tut man nicht – furchtbar in solch sekundären Dingen. Da sträubt sich alles in mir, und am liebsten würde ich solchen Menschen nur ein zünftig-markiges: „Spießer!“ entgegenschnauben.

Mein Vater hat mich – da war ich 17 oder 18 Jahre alt – in der Stadt mal absichtlich übersehen, als ich ihm mit einer Zigarette in der Hand entgegenkam. Ja, hätte ich denn lieber im heimischen Wohnzimmer rauchen sollen – in einem Nichtraucherhaushalt? Statt froh zu sein, dass ich meinem schändlichen Tun an der frischen Luft nachging, erklärte er mir: „Das macht man nicht. Gerade bei Frauen sieht so etwas immer fragwürdig aus.“ Ich fand seine Ansicht damals fragwürdig, und – wenn ich ehrlich bin – ich finde das auch heute noch so, und ich hielt eine flammende Rede, dass Frauen lange vor meiner Zeit neben dem Wahlrecht hart dafür gekämpft hätten, rauchen zu dürfen – auch auf der Straße. Er grinste, meinte, hätte ich zur Zeit der Suffragettenbewegung gelebt, wäre ich sicherlich eine der Vorkämpferinnen gewesen und wahrscheinlich – in der damaligen Zeit nicht unüblich – zumindest für kurze Zeit im Knast gelandet. Immerhin – mein Vater und ich konnten so etwas immer mit Humor klären. Er sah es auch danach nicht gern, wenn er mich mal in der Stadt traf und ich rauchte, aber er sagte, wenn überhaupt, nur noch grinsend: „Finde ich ja nicht so gut, aber ich weiß: Frauen haben dafür gekämpft, sich auch in der Öffentlichkeit sukzessive umbringen zu dürfen.“ Ich grinste auch und meinte: „Siehst du, es geht doch.“

Ich vertrete die Ansicht, dass in Fragen persönlichen Geschmacks durchaus eigene Entscheidungen fern des Knigge getroffen werden dürfen, sofern niemand dabei verletzt wird. Und ein netter Wunsch zum Neuen Jahr tut niemandem weh, ist einfach nur nett gemeint. Ich freue mich immer – auch in der zweiten, dritten, vierten Woche nach Jahresbeginn, wenn ich den Wünschenden zuvor nicht gesehen habe. Aber das ist bei manchen Mitmenschen auch ganz streng geregelt, und ebenso streng belehren sie einen dann auch. Nichts für mich. Für mich gilt weitestgehend: Leben und leben lassen statt unnötig ein Korsett anzulegen. Es gibt schon genug Konventionen, die tatsächlich eingehalten werden sollten, weil ein gesellschaftliches Miteinander sonst nur schwer oder gar nicht möglich ist. Da sollte einfach die Goldene Regel oder der Kategorische Imperativ gelten.

Ansonsten: Habt Spaß, und ärgert einander nicht. Jedenfalls nicht zu sehr. 😉

Gefährliche Dinge

Kennt ihr die drei gefährlichsten Dinge der Welt? Nein? Dabei ist es so einfach. 😉

1. Eine schweigende Frau.
2. Das Schweigen einer Frau.
3. Eine Frau, die schweigt.

Ich empfand dies zunächst als leise sexistisch, als ich den Spruch erstmalig las. Dann dachte ich nach. Und dann lachte ich schallend. Denn es ist ziemlich viel dran an dem Spruch, der inzwischen auch an meiner Büropinnwand hängt.

Ich bin ja – in manchen Fällen muss ich: „Leider!“ sagen – ein eher spontan-impulsiver Mensch. Wenn ich mich über irgendetwas richtig ärgere, bin ich meist zornig, und das merkt man mir auch an. Ich echauffiere mich, und das mit bisweilen heftigeren bis heftigen Worten. So kennt man mich. Manch einer kritisiert mich dafür. Dabei ist das alles noch harmlos, zumal ich mich beim Aufregen meist auch schon wieder abrege. Der Ärger muss heraus, und wie bei einem Behälter mit einem Überdruck- bzw. Sicherheitsventil – zum Beispiel einem dieser lange aus der Mode gekommenen Schnell- oder Dampfkochtöpfe – funktioniert das auch bei mir. Zwar nicht mit lautem Pfeifen oder Zischen, aber mit einer Flut an Worten, von mir auch Logorrhoe genannt. Danach ist es aber auch gut, und wenn man mich einfach gewähren lässt, ist es am besten. Bloß nicht eingreifen – einfach abreagieren lassen! Meist schäme ich mich dann ein bisschen, weil ich mich eben manchmal nicht bremsen kann, aber irgendwann ist es auch gut, zumal wir alle mindestens eine Macke haben.

Ich muss allerdings dazusagen, dass ich mich nicht über jeden Furz – sorry! – derart aufrege. Nein, dann muss es schon etwas heftiger gewesen sein. Ich habe mir schon überlegt, ob ich mir nicht einen Holzofen oder einen offenen Kamin zulegen solle, denn statt in eine Logorrhoe zu verfallen, könnte ich in solchen Momenten auch viel effizienter funktionieren, indem ich Kaminholz spalte. Was mich davon abhält, ist die Tatsache, dass ich – ich erwähnte es bereits – eine „Trümmerlotte“ bin und die Gefahr bestünde, dass ich mir die Axt ins Bein ramme …

Nein, ich rege mich meist über Dinge auf, die wirklich etwas heftiger sind. Dann aber auch richtig.

Ganz verheerend – und da kommen wir zu den drei gefährlichsten Dingen der Welt zurück – ist es jedoch, wenn ich mich vermeintlich überhaupt nicht aufrege, wenn ich mich über irgendetwas massiv geärgert habe. Zum Beispiel dann, wenn Dinge, die zwar auf der Hand liegen, jedoch in einer Art herübergebracht werden, dass es einen graust, oder wenn Dinge so ungeheuerlich sind, dass sie wirklich schier unglaublich sind, kann es passieren – und passiert dann auch meist -, dass ich komplett verstumme. Die Leute, die mich wirklich kennen, wissen: „O Gott – Alarmstufe Rot!“ Denn sie wissen, dass ich für gewöhnlich viel spreche. Und wenn diese Gewohnheit so abrupt abreißt, kann sich ganz und gar nichts Gutes dahinter verbergen. Die, die mich nicht so gut kennen, erkennen es zumindest an meinen Blicken oder an völliger Ignoranz von meiner Seite. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, und wenn ich dann mit völliger Nichtachtung reagiere, ist das un-, wenn nicht gar außergewöhnlich bzw. komplett unnormal.

Klingt fies, nicht wahr? Ist aber auch eher wieder eine Art „Sicherheitsvorkehrung“. 😉 Besser ist es, komplett zu verstummen, als etwas zu sagen, das man hinterher bereuen könnte.

Das kann übrigens schon bei Bagatellen passieren, und dabei ist es nicht einmal zwingend das Grundthema, um das es geht, dasjenige, was mich dann verstummen lässt, wenn ich denn verstumme. Hier ist es vielmehr oft die Art und Weise, in der das Ganze geschieht. „C’est le ton qui fait la chanson“. Der Ton macht die Musik.

So ist es durchaus schon oft vorgekommen, dass ich mit einer Sache selber d’accord war, sie verstand und einsah, mich innerlich selber ausschimpfte, weil ich mal wieder zu neugierig, penetrant oder stürmisch gewesen war. Aber dann … der Ton! Da bin ich ein echtes Sensibelchen. Sonst bisweilen auch – aber pssst! 😉

Und dann kann es passieren, dass ich komplett still werde, kein Wort mehr an denjenigen richte, der das Schweigen verursacht hat. Es mag infantil wirken, aber ich bin einfach nur vorsichtig, da ich mich meist so geärgert habe, dass es besser ist, ich halte mich komplett zurück. Und manchmal bin ich auch einfach sauer oder gar verletzt. 😉 Meist sauer. 😉

Das alles habe ich mir heute, als ich den Spruch über die drei gefährlichsten Dinge der Welt mal wieder hörte, vor Augen geführt. Denn er kam von einem Mann, und da hatte ich erst aufbegehren wollen, weil es nicht selten Männer sind, wegen derer Frauen in Schweigen verfallen. Aber dann besann ich mich eines Besseren – der Typ hatte ja Recht. 😉

Nur legte ich ihm ans Herz, das Ganze, bitte, nicht als typisches „Frauenleiden“ bar jeglichen Grundes abzutun, denn es gibt immer einen Grund. Mindestens einen. 😉 Und Männer sind selber ziemlich eigen, geben es aber nur ungern zu. Wenn überhaupt … 😉

Eine alte Geschichte zum neuen Jahr

Ich hatte heute einen wirklich wundervollen ersten Arbeitstag im neuen Jahr. Noch jetzt, da ich hier sitze und schreibe, wundert es mich, dass ich nicht an meinem Schreibtisch eingeschlafen bin. Mehrfach drohte mein Kopf auf die Tastatur zu sinken, und nur die Tatsache, dass ich für die Veröffentlichung amtlicher Mitteilungen zuständig bin und ein entsprechendes Dokument zur Publikation vorliegen hatte, hielt mich davon ab. Zwar nicht über Gebühr lange, dafür aber mit Nachdruck, da das Dokument derart verheerend vorformatiert und mit Fehlern versehen war, dass ich einem meiner letzten Endes doch gefassten guten Vorsätze leider nicht Folge leisten konnte, sondern mich von Herzen kommend echauffierte und an meinen Haaren riss. Haare? War da nicht irgendetwas? Ach ja, den allerersten guten Vorsatz hatte ich auch schon über Bord werfen müssen, denn da war doch mein Plan gewesen, gleich am zweiten Januar zum Friseur zu gehen. Ging nicht wegen meiner reizenden Erkältung, die man meiner leicht guttural klingenden Stimme noch immer ein bisschen anmerkt. Bad hair day, und das noch zusätzlich dadurch, dass ich – siehe oben – vor Verärgerung über die schlampige Vorarbeit hinsichtlich des zu veröffentlichenden Dokuments auch noch an den Haaren herumzerrte.

Kollegin Janine weilte, wie diverse andere Kollegen, noch im Urlaub, und keiner der Chefs steckte heute seinen Kopf durch die Tür: Ich war ganz allein. Immerhin rief mein Chef mich an und wünschte mir alles Gute für 2016, ich tat dies vice versa.

Nach Veröffentlichung der amtlichen Mitteilungen fiel mir ein, dass ich ja vor dem Urlaub verkündet hatte, ich wolle endlich mal meine Ablage machen. Ablage ist das Schlimmste an meinem Job, öde hoch drei, und ich tendiere dazu, dieses Unangenehme vor mir herzuschieben. Auch heute gelang mir dies wieder hervorragend, denn ich hatte gar nicht genug leere Ordner zur Verfügung. Das kann ja wohl jeder einsehen, nicht wahr? 😉

Endlich ging es heimwärts. Vorher noch einkaufen, aber das ging schnell. Endlich kam sie, die Straßenbahn, und ich ließ mich aufatmend auf einen Sitz fallen – endlich sitzen nach knapp acht Stunden Sitzens -, stellte meine beiden Tüten neben mich. Kurz bevor sich die Türen schlossen, stieg noch eine Frau zu, quasi in letzter Sekunde. Sie hatte zwar schon vor der Bahn gestanden und einsteigen wollen, rang aber noch mit etwas, das an einer langen Leine hing und partout nicht einsteigen wollte: ein noch nicht ausgewachsener Rauhhaardackel, der seine kleinen, krummen Beinchen in den Boden rammte, sich gegen den Zug der Leine stemmte und dazu böse knurrte – es war bis in die Bahn zu hören. Mehrfach biss er protestierend in die Leine, schnappte auch einmal nach dem Hosenbein seiner Halterin, die den unter Protest Kläffenden, sich Windenden und wie eine Natter um sich Schnappenden schließlich entnervt unter den Arm klemmte und im letzten Moment die Bahn enterte. Der Vorteil kleiner Hunde – die kann man sich einfach beherzt unter den Arm klemmen, wenn sie nicht parieren. Ich grinste. Ich wusste Bescheid … 😉

Schon als kleines Kind war ich total vernarrt in Hunde. Mein größter Wunsch – neben einem Pony – war ein Hund. Ich gebe zu, ich setzte nicht ausschließlich faire Mittel ein, meine Eltern zu überzeu…, nein, zu überreden, einen Hund anzuschaffen, aber schließlich waren sie bereit. Mein Vater war mehr als unbegeistert. Er mag Tiere durchaus gern – nur wollte er keine in seinem Haus. Aber er hatte schon bei Stephanies Kanarienvogel „Karlchen“ (der Kanarienzüchter hieß Karl), ihrem Hamster „Ulli“ und meinem Meerschweinchen, das auf den grauenvollen Namen „Susi“ zwar nicht hörte, ihn aber klaglos trug, nachgegeben. (Zu meiner Entlastung sei gesagt: Das Meerschweinchen war quasi aus zweiter Hand übernommen und hieß bereits so … 😉 ) Besser gesagt: Er hatte kapituliert.

Und nachdem die arme Susi nach kurzer, schwerer Krankheit dahingeschieden war, war ich nun wieder völlig tierlos. Stephanie hatte immerhin noch Karlchen. Ulli, der unvernünftige Hamster, hatte sich beim Freilauf im Keller in einer Mauerspalte verkrochen, aus der er nie zurückkehrte. Großes Geheul hatte daraufhin eingesetzt – und da war so ein Hund doch … Nun ja.

Zunächst gab es Differenzen wegen der Rasse des künftigen Familienhundes. Meine Schwester und mein Vater hielten sich völlig heraus, meine Mutter und ich waren uneins. Sie wollte einen Rauhhaardackel, ich einen großen Hund, und nicht etwa irgendeinen. Nein! Ein Dalmatiner sollte es sein! Zu meiner neuerlichen Entlastung sei hier angemerkt: Es war lange vor dem Dalmatiner-Boom der ausgehenden 90er, als der Disney-Klassiker 101 Dalmatiner eine Art Revival erfuhr und gefühlt jeder zweite neu angeschaffte Hund ein Dalmatiner war, der nicht selten im Tierheim landete, weil manche Leute sich einfach so einen Hund zulegen, dessen Rassemerkmale sie nicht die Bohne interessieren – vorher. Dann kommt oft das böse Erwachen. Nein, ich war damals völlig unmanipuliert ein großer Dalmatiner-Fan. Diese großen, eleganten weißen Hunde mit den schwarzen Tupfen fand ich einfach klasse.

Es kam, wie im Grunde von vornherein abzusehen gewesen war: Ein Rauhhaardackel kam ins Haus, denn meine Mutter meinte rigoros, entweder ein solcher oder gar kein Hund. Und da dachte ich mir ganz pragmatisch: „Besser den Dackel an der Leine, als den Dalmatiner beim Züchter.“

Zum Anbeißen war der kleine, acht Wochen alte Fratz, als er bei uns zu Hause einzog! Sein Züchtername „Remo vom Thalhauser Gut“ – denn er entstammte dem R-Wurf – erschien uns unpassend, und so wurde er auf den Namen „Moritz“ getauft. Der passte – wie sich schneller, als uns lieb war, herausstellte – auch viel besser zu ihm.

Auch mein Vater konnte sich beim ersten Aufeinandertreffen mit dem kleinen Wicht dessen welpenhaftem Charme nicht entziehen. Als er von der Arbeit nach Hause kam, ruhte Moritz gerade erschöpft in seinem Korb, denn der erste Tag war ziemlich aufregend gewesen, und da musste der kleine Kerl doch erst einmal ein Nickerchen machen. Als er aufwachte, war etwas anders. Da war doch noch jemand! Zuvor war nur Weibsvolk anwesend gewesen, das entzückt und mit gehobenen Stimmen auf ihn reagiert und mit ihm gespielt hatte. Zumindest zwei davon schienen leicht zu bändigen, die waren noch klein. Die Dritte im Bunde schien eher zu wissen, was sie tat – wie seine Mama. (Und da seine Mama nun nicht mehr da war, hatte er gleich meine Mutter als Ersatz auserkoren – Stephanie und ich würden, was wir damals noch nicht wussten, gemäß Moritz‘ Einschätzung in der Hierarchie unter ihm stehen … 😉 ) Nun aber war da noch jemand mit einer anderen Stimme, viel tiefer. Da musste man doch mal nachsehen, wer da dem eigentlichen Herrn des Hauses in die Quere gekommen war …

Aus Sicht meines Vaters, der mit betont grimmiger Miene – er hatte den Hund ja nicht haben wollen – am Esstisch saß, bog da ein leicht verschlafener Miniaturdackel um die Ecke, der sofort, meines Vaters ansichtig, fröhlich zu wedeln und zu quietschen begann und in seinem eckigen Welpengalopp auf ihn zu eilte. Eine Veränderung tat sich im Gesicht meines grimmig dreinschauenden Vaters auf: Ein leises Grinsen erschien darin, und wir alle waren darüber sehr froh. Er fand den Kleinen wohl auch süß.

Leider, leider passierte auf der Hälfte des Weges dann etwas, das das leise Grinsen sofort wieder schwinden ließ, denn die fröhliche Miene des kleinen Moritz wurde plötzlich nachdenklich, und unversehens ging er in die Knie und ließ völlig hemmungslos laufen, was es zu laufen gab. Das einzig Fröhliche in diesem Moment war das Bächlein, das in den Teppich sickerte. 😉 Mein Vater meinte grimmig: „Das fängt ja gut an.“ Meine Mutter holte einen Aufnehmer und einen Eimer Wasser (beides kam an diesem Tage – und würde auch in den folgenden Tagen kommen – nicht zum ersten Mal zum Einsatz, aber wir verschonten meinen Vater mit dieser Information … 😉 ) und wusch und wischte am Teppich herum, während der kleine Dackel begeistert am Hosenbein meines Vaters hochsprang. Der meinte: „Naja, du bist ja recht niedlich, aber mach nur so weiter! Dann bist du woanders niedlich!“

Recht schnell zeigte sich, dass der kleine Moritz ein kleines Arschloch war. Ein echter Macho und Tyrann mit einem Hang zum Größenwahn. Besser hätten wir ihn „Napoleon“ genannt (man hätte das auch in „Nappy“ abkürzen können … 😉 ), denn genauso gebärdete er sich. Sorry, es war einfach so, und ich sage das auch ganz ehrlich, was ich auch darf, da ich diesen Hund sehr liebte, trotz seiner Marotten. Es lag aber auch zu großen Teilen an uns – dieses doch recht kleine Tier überforderte uns mit seiner Raffinesse und seinem absolut autoritären Gebaren. Vielleicht hätten auch wir uns mal besser mit den Rassemerkmalen des Gemeinen Dachshundes auseinandersetzen sollen. 😉 Denn da hätte unter anderem „raubzeugscharf“ gestanden. Was das bedeutete, musste meine tierliebe Mutter mit großem Kummer feststellen, wenn wieder und wieder tote Vögel, tote Mäuse und anderes totes Getier bei uns im Garten lagen. Moritz killte gnadenlos alles, was ihm vor die Flinte bzw. die Schnauze kam und sich in sein Revier getraut hatte. Sogar seinen besten Freund „Jacky“, einen Zwergschnauzer, mit dem er sich auf der Straße aufs Beste verstand, hätte er bei uns im Garten am liebsten gemeuchelt. Und einmal erwischte ich ihn in Stephanies und meinem Zimmer, wie er vor Karlchens Käfig saß und den armen Kanari gierig ansah … Den hätte er auch gnadenlos kaltgemacht. Zum Glück kam er nicht dran. Zu klein. 😉

Nicht nur, dass er ein erbarmungsloser Killer war: Er grub den gehegten und gepflegten Garten meiner Mutter um, bis dieser wie ein Atomtestgelände aussah. Graben und buddeln konnte er wie kein Zweiter. Kaum angesetzt, hatte er auch schon – immer wieder niesend und schnaufend – ein tiefes Loch gegraben, so dass man nur noch sein Hinterteil mitsamt Schwanz herausragen sah, und alsbald war der ganze Hund verschwunden, und man sah nur noch Erde aus dem Loch fliegen. Nicht selten kam er mit Beute zurück. Wann immer meine Mutter sich beklagte, sagte ich: „Ein Dalmatiner hätte das nicht gemacht.“ (Obwohl ich mir nicht sicher war. 😉 )

Auch erwies er sich als Dieb. Meine Oma erwischte ihn eines Tages im Garten, als er auf dem Rasen stand und etwas in der Schnauze hielt, das er wie wild schüttelte. „Stirb!“ schien er zu denken. Oma ging hin und sah, dass es die Armbanduhr meines Vaters war. Offenbar glaubte der Dackel, es handle sich um ein Lebewesen – das Ticken der Uhr muss ihn wohl zu diesem Glauben gebracht haben. Oma riskierte Kopf und Kragen, indem sie ihm die Uhr entriss … 😉 Meinem Vater haben wir das erst viel später erzählt … Es war besser so. 😉

Auch apportierte er aus den Nachbargärten Putzlumpen, Teddybären und Bälle. Er grub sich unter den Zäunen durch und ging dann selbstbewusst auf Diebestour …

Vom Tisch sollte der Hund nichts bekommen, und das hielten wir auch ein. Nur hatten wir erneut nicht mit der Raffinesse des Tieres gerechnet. „Vom Tisch“ kann man so oder so auslegen. Er sollte nichts vom Tisch bekommen, wenn wir daran saßen und aßen. Aber irgendwann würden wir ja aufstehen …

Eines Morgens, mein Vater war zur Arbeit gefahren, Stephanie und ich zur Schule gegangen, wollte meine Mutter nur kurz Wäsche in die Waschmaschine bringen und diese dann in Betrieb nehmen. „Den Tisch räume ich danach ab,“, dachte sie sich. Und mit diesem Plan eilte sie mitsamt Wäsche in den Keller.

Als sie die Treppe wieder hoch kam, hörte sie das Klappern von Geschirr. „Einbrecher!“ schoss durch ihren Kopf, aber dann dachte sie: „Welcher Einbrecher klaut Geschirr oder setzt sich an den Frühstückstisch?“ Sie lief auf schnellen Sohlen Richtung Esstisch und sah gerade noch, wie Moritz, der mitten auf dem Tisch prangte, voller Begeisterung in die Butter biss! Der Käse, der daneben lag, war bereits zu größeren Teilen aufgefressen, die Leberwurst ebenfalls mit deutlichen Verbissspuren versehen. Bei ihrem Erscheinen sprang Moritz auf den nächststehenden Stuhl hinunter, von diesem auf den Boden und verschwand mit Elektronengeschwindigkeit unter der Couch. Wie hatte er es nur geschafft, auf den Tisch zu kommen? Die Stühle waren für den kleinen Kerl zu hoch, hinaufzuspringen. Meine Mutter stellte ihm eine Falle, musste allerdings geduldig warten, bis er anbiss, denn dumm war er ganz und gar nicht. Doch nicht am selben Tag denselben Streich spielen! An einem anderen Tag ging er ihr in die Falle, als sie scheinbar die Leberwurst auf dem Tisch vergessen hatte und sich vermeintlich zurückgezogen hatte. Moritz vergewisserte sich, dass niemand in seiner Nähe sei, und dann turnte er an der Lehne eines der Stühle hoch, die aus Quersprossen bestand! Setzte die kleinen Vorderpfoten auf die unterste Sprosse, schob die kleinen Hinterläufe hinterher, die Vorderpfoten auf die nächsthöhere Sprosse und machte dann – ungelogen! – eine Rolle vorwärts, um auf die Sitzfläche des Stuhls zu kommen! Von da aus war es ein Leichtes, auf den Tisch zu gelangen … Meine Mutter meinte resignierend: „Der Hund ist mir unheimlich.“ Ich sagte: „Ein Dalmatiner hätte das nicht so gemacht.“ – „Nein. Der wäre ohne Umwege auf den Tisch gekommen.“ Fortan standen unsere Stühle immer weit vom Esstisch entfernt. Mein Vater kommentierte dies mit den Worten: „Jetzt verstehe ich die Redensart ‚auf den Hund gekommen‘ erst richtig. Man unterwirft sich den Launen eines Hundes.“

Wer nun meint, wir hätten es mit Erziehung nicht versucht, liegt falsch. „Sitz“ machte Moritz auf Kommando, „Platz“, „Komm“ und „Aus!“ ebenfalls. Hatten wir ihm alles beigebracht. Machte er auch. Wenn er wollte. Und zwar genau und nur dann. Also nie.

Fassen wir zusammen: Wir hatten uns einen dickköpfigen, eigenwilligen und sturen Macho ins Haus geholt, einen Dieb, einen sportlichen Dieb, zugegeben. Und einen Größenwahnsinnigen.

Denn eines Tages reichten Moritz die läppischen Dinge nicht mehr, die sich in Haus und Garten abspielten … Hinter unserem Garten war damals eine Weide, auf der im Wechsel Pferde und Kühe grasten. Die Pferde fand er wohl langweilig, die sich wegen jeder Kleinigkeit aufregten. Aber die Kühe – eine Herde Färsen –, die fand er toll! Und so wurschtelte er sich wieder und wieder unter dem Gartenzaun durch, lief zu den Färsen, die er durch lautes Gebell aufschreckte und die dann muhend und in Panik davonrannten. Moritz hinterdrein! Mit flatternden Ohren und laut bellend, als riefe er: „Ich bin der König der Welt!“ Oder – zumindest – der König der Kühe.

Immer wieder sahen wir folgendes Szenario: Panische Kuhherde, laut muhend auf der Flucht – dahinter ein vergleichsweise kleiner Dackel, der voller Selbstbewusstsein die Kühe vor sich hertreibt. Wurde es ihm zu langweilig oder hatte er Hunger, kehrte er wieder in den Garten zurück. Mein Vater, der Einzige, vor dem er wirklich Respekt hatte, weil er wohl merkte, dass dieser ihm nicht übermäßig wohlgesonnen war, meinte immer zu ihm: „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“

Und mein Vater sollte Recht behalten, denn eines schönen Tages im Frühsommer, als wir sonntags auf der Terrasse frühstückten, ging Moritz erneut seiner Lieblingstätigkeit nach. Laut muhend raste die Herde Färsen vor ihm davon. Hin und her sahen wir sie laufen, dahinter – nur an den fliegenden Schlappohren erkennbar – unser Moritz. Irgendwann gerieten die Tiere außer Sichtweite, und was dabei passiert ist, weiß keiner von uns. Möglich, dass es einer der Färsen, der mutigsten, zuviel geworden war, sie erkannt hatte, vor wem sie da eigentlich flohen; möglich auch, dass Moritz eine der Kühe gebissen hat – wir wissen es nicht, und der Hund wollte bzw. konnte keine Auskunft erteilen, ebensowenig die Kühe.

Als ich gerade in meinen zweiten Toast mit Butter und Schinken biss, sahen wir, dass die Verhältnisse sich umgekehrt hatten: Kleiner Rauhhaardackel rast mit flatternden Schlappohren panisch vor Jungkuhherde davon! Hin und her und her und hin! Und er versucht immer wieder verzweifelt, seinen Garten zu erreichen, aber die Kühe sind schneller, treiben ihn vor sich her. Außer den Ohren sieht man noch wie eine Fahne die Zunge des Hundes, die quasi hinter ihm her flattert, so schnell ist die Jagd …

Irgendwann schafft er es, erreicht den Garten. Schon hört man die Stampede nahen … Er versucht, unter dem Zaun durchzukommen, bleibt aber mit dem Haken seiner Steuermarke fast im Zaun hängen … Aber da naht Rettung!

Ich habe meine Mutter nie wieder so schnell rennen sehen! Sie sprang auf, ihr Stuhl stürzte um, und sie rannte wie von Hunden (!) gehetzt bis hinten an den Gartenzaun, wo unser Hund vergeblich versuchte, unter dem Zaun durchzukommen. Die Hörner der Leitkuh waren bereits im Blickfeld!

Gerade noch rechtzeitig riss meine Mutter Moritz unter dem Zaun durch und ihn auf den Arm, als auch schon die Hörner der erzürnten, laut brummenden Leitkuh sich in den Zaun spießten … 😉 Mein Vater war hocherfreut darüber. 😉 Und meine Mutter stand da mit dem Dackel auf dem Arm, der sich erstmals in seinem Leben schämte und die Kühe keines Blickes würdigte, und sprach beruhigend auf die aufgebrachten Kühe ein, die sich alsbald wieder besannen und den Ort des Geschehens verließen. Meine Mutter kam mit Moritz auf die Terrasse, und er bekam erst einmal etwas zu trinken, da seine Zunge fast bis zum Boden hing und er hechelte, als würde er dafür bezahlt. Mein Vater grinste und meinte nur zu ihm: „Siehste!“

Von jenem Tag an bellte Moritz die Kühe immer nur noch an. Von der Terrasse aus.

Seither hatte ich immer mehr mit größeren Hunden zu tun, darunter diverse Schäferhunde, die Bekannten und Verwandten gehörten. Speziell ein Onkel von mir, der immer Schäferhunde hatte, hat mir einiges in puncto Hundeerziehung beigebracht, und ich habe seither festgestellt, dass es mit großen Hunden oft einfacher ist … Wollte meine Mutter damals wohl nicht so recht glauben. 😉

Mit der Frau heute in der Straßenbahn kam ich noch ins Gespräch. Sie klagte ihr Leid. Wenn sie nur gewusst hätte, was „Dackel“ bedeute, hätte sie sich lieber einen Labrador angeschafft, denn sie hätte einen netten, freundlichen Hund gewollt. Ich grinste und meinte: „Ja, das haben uns nach unserem Dackel auch ganz viele Leute gesagt, und Labradore sind einfach nur ganz wunderbare Hunde. Was halten Sie eigentlich von Dalmatinern?“