„Trümmerlotte“ oder: Wie man sich auch ungeschickt mehr oder minder erfolgreich durchs Leben schlagen kann

Einer meiner Spitznamen lautet „Trümmerlotte“. Klingt nicht sonderlich schmeichelhaft, nicht wahr? Finde ich zwar auch, aber ich stehe zu diesem Spitznamen. Denn er enthält sehr viel Wahrheit.

Ich bekam diesen Titel einst von meinem Ex Henrik verliehen, obwohl schon in früheren Zeiten vergleichbare Titel oder Beschreibungen verliehen worden waren. So meinte meine Mutter Kathrin einmal: „Ach, Kind, du hast zwei linke Hände mit lauter Daumen!“ Da war ich etwa fünf Jahre alt, und es ging ums Basteln. Ich sollte etwas aus einer Zeitschrift ausschneiden, schnitt jedoch leider ein Bild von der Rückseite aus, nicht das, was auf der Vorderseite ausgeschnitten werden sollte, die aufgrund meiner voreiligen Tätigkeit nun nicht mehr nutzbar war, was sicherlich jeder einsehen kann. 😉 Ich war bekümmert. Ich bin doch Rechtshänderin, und da ist die Auskunft, man habe linke Hände, noch dazu mit lauter Daumen, nicht sonderlich schmeichelhaft. Mal ganz abgesehen von der Diskriminierung von Linkshändern, aber ich denke, der Ausdruck „zwei linke Hände“ hat sich einfach so eingebürgert, weil Rechtshändigkeit erheblich häufiger vorkommt, ergo etwas völlig Gewöhnliches ist und nichts Besonderes. Also keine echte Diskriminierung, eher ein Tribut an das Gewöhnliche. 😉

Heute muss ich darüber lachen – sie hatte ja nicht ganz unrecht. 😉 Zwar bin ich heute handwerklich doch etwas geschickter, aber übermäßig geschickt auch nicht, und besonders feinmotorische und fisselige Arbeiten sind geeignet, mich schon recht früh zum Fluchen zu bringen. Mein Alptraumberuf: Uhrmacher. Da würde ich sicherlich wahnsinnig.

Dabei attestierten mir mehrere Musik-, darunter mein Klavierlehrer, immer eine besonders ausgeprägte Fingerfertigkeit, sogar linksseitig. Aber kein Wunder, wenn man wieder und wieder besonders die linke Hand trainieren muss – und das, wenn man Pech hat, noch mit einem Metronom -, denn ansonsten lassen sich schnelle Läufe oder Triller nicht spielen, und man will ja nicht Ewigkeiten am selben lahmarschigen Stück hängenbleiben, das man noch nie mochte, vielmehr hasste. 😉 Ich entschuldige mich schon einmal an dieser Stelle beim lange verstorbenen Joseph Haydn – den habe ich wirklich gehasst. Nein, falsch. Nicht ihn, aber die elend langweiligen, stets ähnlich klingenden Sonaten, die er komponiert hat. Kannte man eine, kannte man alle. Kannte, nicht konnte, wohlgemerkt. Grässlich. Sorry, Herr Haydn! Ich bin mir sicher, es gibt ganz viele Menschen, die Ihre Kompositionen lieben, und das freut mich auch. Nur: Ich gehöre nicht dazu. Und ich gebe zu, dass ich beim Klavierüben häufig vor Zorn am liebsten das Instrument kurz und klein gesägt oder das treudoof den Takt durch monotones Klack-klack vorgebende Metronom an die Wand geschmettert hätte. Mehrfach war ich kurz davor, nachdem ich versucht hatte, meinen Vater zu täuschen, indem ich vorgab, das Gerät sei wohl defekt. Dabei hatte ich es nur nicht aufgezogen, und das mit Absicht. Ein – zugegeben – billiger Versuch. 😉 Mir beim Klavierüben zuzuhören, war je nach Stück nicht schön, da die mehr oder minder harmonischen Sequenzen wieder und wieder durch grobe Flüche sowie völlig disharmonisches Tastengeklirr unterbrochen wurden, das so klang, als zertrümmerte man ein Porzellanservice; immer dann, wenn ich voller Frustration und Zorn mit beiden Händen übersprungartig auf die Tasten einschlug, ohne dass dies mit dem einzustudierenden Stück zu tun hatte. (Da funktionierten linke wie rechte Hand übrigens in absolutem Einklang.) Nichtsdestotrotz bescheinigten mir mein Klavier-, mein Musiklehrer in der Schule sowie der Flötenlehrer meiner damals besten Freundin Talent und viel Gefühl für Musik. Mochte sein. Nur Geduld war nicht meine stärkste Eigenschaft, und wenn ein gut funktionierendes Stück von mir gespielt wurde, das ich hasste, war das immer mit Blut, Schweiß, Tränen, vielfachem Tastenklirren, Wutanfällen, Aufspringen vom Klavierhocker nebst Raufens der Haare verbunden gewesen.

Zum Glück bin ich heute etwas ruhiger. Erheblich geschickter bin ich nicht geworden, aber inzwischen kann ich damit ganz gut umgehen.

Zu Zeiten meines Ex-Freundes Henrik war ich noch etwas empfindlicher. Wir saßen einmal vor dem Fernseher und sahen gemeinsam „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“. Es kam die Szene, da sie einigermaßen angeschickert mit ihren Freunden mit dem Taxi nach Hause fährt, die Autotür öffnet und aus dem Auto fällt, was ihre Freunde offenbar als normal ansehen: „Der fehlt nichts. Fahren Sie weiter.“ Ich musste leise grinsen, hatte aber nicht mit Henrik gerechnet, der sich vor Lachen fast ausschüttete und rief: „Die ist ja genauso wie du, Ali!“ – „Wieso? Was meinst du?“ – „Das hättest du sein können! Genauso wurschtig!“

Ich gebe zu, ich war etwas pikiert. Wurschtig? Genauso wie ich? Ich sah ihn empört an und meinte: „Könntest du das bitte etwas genauer ausführen? Wo bin ich wurschtig?“ Henrik verschluckte sich beinahe und sah mich mit vor unterdrücktem Lachen verzerrtem Gesicht an. Ich tappte mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden. Nun, also! Wo? Und bei welcher Gelegenheit?

„Erinnerst du dich daran, wie du diesen genialen Mixer ausprobieren wolltest?“ O Gott, ja … Ich wollte einen Milchshake machen. Und da wir nur Bananen im Haus hatten, obwohl ich Bananen-Milchshakes gar nicht so mag, eben mit den vorhandenen Früchten. Das Gerät musste doch ausprobiert werden – völlig gleich, womit! 😉 Wie gut, dass wir keine Erdbeeren im Hause hatten … Denn ich erinnere mich mit Schaudern, wie wir den Milch-Bananen-Mix von den Wänden waschen mussten … Und wie wunderbar Bananen-Milch-Mix längere Haare, ergo meine damals, schier untrennbar miteinander verbindet.

„Naja, das war einmal! Was denn noch?“ begehrte ich auf.

„Erinnerst du dich daran, wie du dich damals mit diesem Taxifahrer an die Köppe bekommen hast, der uns erzählen wollte, von 1933 bis 1945 wäre alles viel besser gewesen? Ich war richtig stolz auf dich, weil du den fiesen Typen richtig zur Schnecke gemacht hast.“  – „Na, also!“ – „Doof war nur die Sache beim Aussteigen.“ O Gott, ja … „Denn du hattest dem Typen gesagt, er solle sofort anhalten und uns aussteigen lassen – lieber gingen wir zu Fuß, als mit ihm zu fahren.“ Ja … „Und dann bist du beim Aussteigen mit dem Mantelsaum hängengeblieben und auf die Straße gekracht. Und der Taxifahrer hat blöde gelacht und hat gesagt: `Ja, so kann es gehen, wenn man links ist.‘“ Ja, ich erinnerte mich. Mein schöner Auftritt völlig verdorben! Ich grinste schief.

„Und dann, nicht zuletzt, die Sache von vor Weihnachten!“ Henrik lachte sich fast scheckig. „Als du die Weihnachtsdeko für den Baum reparieren wolltest.“ O ja. Ich erinnerte mich. Neben den obligatorischen Weihnachtsbaumkugeln – hier in Blau, Weiß und Silber – hatte ich drei total kitschige, aber niedliche Eisbärenfiguren gekauft, glimmernd und glitzernd. Die eine Figur stand aufrecht, eine lag, und die dritte befand sich in sitzender Position. Superkitschig, aber irgendwie ganz niedlich – und an Weihnachten ist Kitsch quasi zwingend notwendig. Nur: Bei einer der drei Figuren, der stehenden, war das Aufhängebändchen am Kopf nur einseitig befestigt, das andere Ende hatte sich gelöst. Das musste dringend befestigt werden, damit man das Bärchen auch in den Baum hängen konnte. Mit Alleskleber war da wenig zu reißen, und so kaufte ich eine kleine Tube Sekundenkleber. Und ich war besonders vorsichtig. Aber manchmal ist genau die besondere Vorsicht, die man walten lässt, völlig verkehrt … Ich erinnere mich noch, wie trotz oder gerade wegen meiner Vorsicht ein Schwall des Klebers auf Acrylbasis aus der winzigen Tube schoss, sowohl über den Kopf des Eisbären-Anhängers wie auch meine Finger lief und binnen Sekunden – der Name „Sekundenkleber“ kommt nicht von ungefähr! – auszuhärten begann. Ich war selber für Sekunden fasziniert von der Wirkung des Klebers. Nicht nur, dass meine Finger plötzlich ziemlich heiß wurden – sie wurden von Sekundenbruchteil zu Sekundenbruchteil auch immer weniger flexibel. Und zu allem Überfluss klebte ein glitzernder, kleiner Deko-Eisbär daran!

Ich habe ja – ich erwähnte es schon – ein recht lebhaftes geistiges Auge. Vor demselben erschien ganz plötzlich folgendes Szenarium: Ali geht am nächsten Morgen peinlich berührt zu ihrem Hausarzt. Eine Hand ist verbunden und weist eine grotesk wirkende Ausbeulung auf. Beim Arzt gefragt, was Zweck des Besuches sei, sagt sie nur: „Das möchte ich ganz persönlich mit Herrn Dr. Büter besprechen.“ Und so sitzt sie im Wartezimmer, und das unter lauter saisongerecht hustenden, niesenden und krächzenden Patienten. Dann kommt sie dran, sitzt im Sprechzimmer, der Arzt kommt und fragt nach dem Grund des Besuchs. Und da wickelt sie den Verband ab, und zum Vorschein kommen zwei untrennbar miteinander verbundene Finger, an dessen einem ein kitschiges Deko-Eisbärchen klebt, das unverdrossen vor sich hin glitzert …

Nee! So nicht! Nicht mit mir! Und so riss ich mir lieber die oberste Hautschicht ab. Hui, das war nicht angenehm, aber immerhin besser, als sich beim Arzt zum Affen zu machen.

Daran erinnerte ich mich nur zu gut. Henrik lachte, sah mich an und meinte: „Du bist echt eine richtige Trümmerlotte. Aber das macht dich besonders liebenswert.“ Ich grinste noch schiefer als zuvor – ich war mir dessen nicht sicher.

Aber ich freue mich immer sehr, wenn ich auf Gleichartige treffe. 😉 Und bei mir gibt es auch keine Weihnachtsbäume mehr. Ist ja ohnehin total spießig. Und bisweilen sogar gefährlich. 😉

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