Die neueste Masche

Seit gestern bin ich im „Wahn“. Es ist etwas passiert, das meine Mutter und an allererster Stelle ich für völlig absurd, undenkbar und derart unwahrscheinlich gehalten hätten, dass es ans Unmögliche grenzt …

Neulich war ich zum Einkaufen in einem Discounter. Discounterbesuche sind bei mir stets mit der Gefahr verbunden, dass ich von dort mit Dingen heimkomme, die beileibe nicht auf meiner Einkaufsliste standen. Denn: Es gibt immer diese tollen Aktionen, Aktionswochen und reizvollen Angebote jenseits des Standardangebotes. Erst kürzlich kehrte ich mit einem brandneuen Bügeleisen – von Singer! – aus einem dieser Geschäfte zurück.  Gut, das war eine durchaus vernünftige Anschaffung, denn mein altes Bügeleisen ist ein Elektrobügeleisen und heißt quasi Methusalem. Das neue war ein echtes Schnäppchen und ist ein Dampfbügeleisen. Jetzt fehlt mir optimaler Weise nur noch ein dampfbügeleisengeeignetes Bügelbrett – aber das wird sicher demnächst wieder in einem der tollen Discounter angeboten. 😉

Deko-Artikel für Weihnachten, ein Set Pastell-Ölkreiden, das noch auf seinen Ersteinsatz wartet, Flipflops, ein Satz China-Reisschalen, Anti-Rutsch-Socken (ich hasse Hausschuhe!) – all diese Dinge haben mich schon vom Discounter nach Hause begleitet.

Socken sind überhaupt ganz gefährlich! Zum Glück echte Gebrauchsartikel, von denen ich eine größere Anzahl besitze, die laufend changiert (man muss sich ja auch von kaputten Socken trennen). Aber ich benutze sie alle.

Vor einigen Wochen jedoch passierte etwas völlig Atypisches. Bei einem der bekannten Discounter war das Aktionsangebot ganz auf textiles Gestalten ausgelegt: Es gab Zubehör zum Sticken, Stickseide, sogar einen Stickrahmen, Tischdecken mit vorgedrucktem Stickmuster. Das ist wie Malen nach Zahlen und sogar für textilgestaltende Rohrkrepierer wie mich geeignet, aber dann doch zu doof. Sticken habe ich ohnehin immer gehasst – ich mag diese fisseligen Arbeiten gar nicht. Allein schon immer dieses lästige Einfädeln! Und dann: Kreuzstich! Bah – die wohl spießigste Sticktechnik, die ich kenne. Ich hasse Kreuzstichmuster! Ich wurde damit in der Schule gequält. Einzig hübsch, wie ich finde, der sogenannte Plattstich und der Stielstich. Und generell habe ich gar nichts gegen Besticktes, vor allem mit schön glänzendem Garn. Nur: Ich möchte das auf keinen Fall selber machen. Ich bin traumatisiert durch meinen Handarbeitsunterricht, der euphemistisch Textiles Gestalten hieß. Meine textilen „Gestalten“ ähnelten jedoch eher Galgenvögeln, Tagedieben und Halunken. 😉

Weiterhin gab es Häkelgarne, Häkelnadeln in verschiedenen Stärken – zur Herstellung total pfiffiger Oberteile, Mützen und Schals. Häkeln! Damit stand ich auch stets auf Kriegsfuß. Leider. Es gibt wirklich sehr schöne Häkeltops, für die man im Geschäft nicht selten etwas tiefer in die Tasche greifen muss. Wie schön wäre es, diese selber herstellen zu können! Aber da habe ich zwei linke Hände – oder zwei rechte, aus Linkshändersicht betrachtet. Und auch Häkeln hat für mich irgendwie etwas Spießiges an sich. Wie gesagt: Ich bin da traumatisiert. 😉

Ich ging ernüchtert an der Sonderaktion vorbei … Doch da! Was war das denn? Wolle! Wunderschöne Wolle zum Stricken! Genauer: zum Stricken eines Schals. Eine Art Materialmix, eine Melange aus verschiedenen Farben und Materialien, unter anderem Lurex. Grundfarbe: ein wunderschönes Rot.

Nun ist es nicht so, dass ich nicht schon einige Schals besäße, aber diese Wolle, dieses Rot zog mich an wie ein Magnet. Und dann noch Lurex-Bestandteile! Ich liebe doch alles, was glitzert und glänzt und vermute, dass unter meinen Vorfahren Elstern oder andere Raben- bzw. Krähenvögel gewesen sein müssen. 😉

Schon hatte ich ein Gebinde mit 4×50 g Wolle in der Hand, ausreichend für einen Schal, offenbar in einer Art Trance befindlich. Diese führte dazu, dass ich in der Schütte neben der Wolle auch noch die ebenfalls feilgebotenen Stricknadeln sichtete und mit fliegenden Händen nach Stärke 8 suchte, da die Wolle etwas dicker ist. Und ich erwischte das letzte Paar Stricknadeln, Stärke 8! 😉 Wie ein Held, der siegreich aus einer Schlacht heimkehrt, eilte ich zur Kasse, zahlte und trug meine wunderbare Errungenschaft nach Hause.

Dort überfiel mich Ernüchterung. Ich sticke und häkle nicht nur nicht gern, auch das Stricken gehörte nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Und nun hatte ich 200 g Wolle und Stricknadeln im Haus – wozu um alles in der Welt? Was war nur in mich gefahren?

Meine Gedanken schweiften zurück in die Schulzeit, in den Unterricht in textilem Gestalten. Egal, was gerade thematisch anlag: Stets stellte sich heraus, dass ich es nur suboptimal beherrschte und auch kaum Fortschritte zu erkennen waren. Als gerade Sticken auf dem Lehrplan stand, musste meine Mutter mein Werk in Kreuzstich (!) komplettieren, da ich derart lustlos und langsam daran herumstichelte, dass man es nur als faul bezeichnen konnte. Überhaupt hat meine Mutter diverse Exponate von mir komplettiert, dreimal sogar zur Gänze höchstselbst angefertigt und immer eine prima Note dafür bekommen. 😉

Häkeln? Siehe oben. Dann ging es mit Nähen los. Nicht etwa manuell, sondern mit der Maschine. Das erschien mir etwas interessanter, und ich lernte tatsächlich einfache Naht, Rechts-Links-Naht und die Flachnaht. Doch bereits in den blutigen Anfängen zeigte sich, dass auch auf dem Gebiet Nähen nicht unbedingt mit Stärken meinerseits zu rechnen war. Als wir ein Stück Stoff mit Overlock versäubern sollten, trat ich wohl etwas zu heftig auf das Pedal, machte quasi einen Kickdown, und mein Overlock versäuberte keineswegs die Stoffkante, sondern landete irgendwo im Nirgendwo – Fadenchaos bei der Maschine. Und auch da immer dieses lästige Einfädeln! Angesichts meines stürmischen Kickdown-Verhaltens stand meine Handarbeitslehrerin, Frau Schlotmaier, eine an sich sehr nette und liebe Frau – nur mit dem falschen Fach – kopfschüttelnd und resignierend neben mir und meinte: „Zum Glück fährst du noch nicht Auto!“

Wenn ich es mir recht überlege, haben wir im Unterricht nie gestrickt. Wahrscheinlich lag meine Verzückung ob der Wolle daran, dass ich keine negativen Erfahrungen mit dieser Handarbeitsart in der Schule gemacht hatte. Meine Mutter hat mir gezeigt, wie man strickt. Auch da war ich keine Meisterin. Ich erinnere mich noch mit Grauen an einen Schal aus weißer Mohairwolle, den ich im Patentmuster für meine Schwester zu Weihnachten strickte. Fehler inklusive, die wie bei Malern einer Signatur nicht unähnlich inmitten der Maschen prangten. Auch verjüngte sich der Schal auf wundersame Weise unter der Arbeit. Stephanie hat den Schal tatsächlich einmal getragen – wohl, um mich nicht allzu sehr zu verletzen, denn ich hatte mir richtige Mühe gegeben. 😉

All diese frustrierenden Erlebnisse tauchten vor meinem geistigen Auge auf, als ich mit der Wolle und den Nadeln heimgekehrt war. Und so landete die Wolle erst einmal im Schrank. Dort lagerte sie unbeachtet drei Monate. Bis gestern.

Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich auf einmal das Paket aus dem Schrank zerrte, die Nadeln aus ihrer Verpackung befreite und mir fest vornahm, diesen verflixten Schal zu stricken. Vermutlich lag es daran, dass ich etwas gestresst bin und mein Akku offenbar ziemlich leer ist. Stricken soll ja angeblich eine sedierende Wirkung haben. Und wenn man wie ich Baldrian nicht verträgt … 😉

Ich packte alles aus. Und stand schon vor dem ersten Problem. Wie um alles in der Welt schlägt man Maschen an? Ich gestehe, das hatte früher bei meinen Strickoffensiven immer meine Mutter gemacht. Sie hatte versucht, es mir zu zeigen, aber mein Interesse war nicht das größte, und ich konnte mir die im Grunde einfachen Handgriffe nicht merken. Waren die Voraussetzungen gegeben, strickte ich munter drauflos, Fehler inklusive, siehe oben. Doch hier war ich auf mich allein gestellt. 😉

Wie gut, dass es das Internet gibt. Ich fand eine idiotensichere Anleitung mit Bildern – sogar Videos gab es. Mir waren die stehenden Bilder aber lieber, und so schlug ich mit erlahmendem linken Zeigefinger und Daumen, um die der Faden geschlungen war, zwanzig Maschen an. Puh!

Ich fühlte mich großartig, als die zwanzig Maschen auf der Nadel waren! Ein echtes Erfolgserlebnis! 😉 Endlich konnte es losgehen!

Ich beschloss, mich nach der auf der Wollpackung angegebenen Strickanleitung zu richten. Ergo glatt rechts gestrickt. Also hin rechte Maschen, zurück linke. Moment! Wie ging das nochmal? Lieber noch einmal im Internet nachschauen. Ah, ganz einfach. Und ich konnte es noch! Linke Maschen empfand ich immer schon als größere Herausforderung, aber selbst die gelangen problemlos. 😉

Und so saß ich auf der Couch, strickte munter rechts und links, und seit gestern Abend ist schon der halbe Schal fertig. Irre! 😉

Liebe Leser: Es gibt immer Dinge im Leben, die man nicht beherrscht oder bei denen man vor einer Hemmschwelle steht. Dabei ist es so einfach, diese zu überwinden. 😉 Niemand, der mich kennt, würde annehmen, dass ich freiwillig mit dem Stricken anfange. Aber es geht, und man kann auch als Erwachsene noch lernen, wie man Maschen anschlägt. Also: Gebt nie die Hoffnung auf! 😉

Doch nun muss ich aufhören. Ich muss dringend weiter stricken. 😉 Und wenn der Schal fertig ist, male ich ein Selbstportrait mit den noch geduldig im Wartezustand verharrenden Pastell-Ölkreiden … 😉

Ein Gedanke zu „Die neueste Masche

  1. Heide sagt:

    Wenn du jetzt noch eine Darstellung von Tristan und Isolde nebst Einhorn als Stickerei für einen Wandteppich beginnst…
    Dann wüsste ich schon ganz gerne was du gerade so an Drogen nimmst

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