Warum „Der Wolf und die sieben Geißlein“ immer eines meiner Lieblingsmärchen war

Ich bin in meiner Familie die Jüngste. In meiner „Kernfamilie“ noch dazu das einzige jüngere Geschwister, denn sowohl mein Vater, als auch meine Mutter und Stephanie sind das jeweils ältere von zwei Geschwistern. Ergo hat keiner von ihnen auch nur die leiseste Ahnung, wie es ist, das Jüngere, gar Jüngste zu sein.

Ältere Geschwister klagen ganz gern und durchdringend ihr Leid, wie benachteiligt sie stets seien. Vor der Geburt des jüngeren Geschwisters sei alles besser gewesen. Klar. Denn da waren sie der glänzende Mittelpunkt der Familie, ein Solitär und die Sonne, um die nicht nur Eltern, sondern auch Großeltern, Onkel und Tanten kreisten. Das Außergewöhnliche, das bei jeder neuen Errungenschaft begeistert mit Ah und Oh bewundert wird. Bis zu jenem Tag …

Dem Tag, an dem ein jüngeres Geschwister zur Welt kommt. Schon nicht mehr ganz so besonders wie das erste, obwohl brandneu und in seiner ganzen Art auch den Eltern noch unbekannt. Aber die Aufregung ist schon nicht mehr ganz so groß, noch dazu, wenn das Jüngere das gleiche Geschlecht wie das Erstkind hat.

Während fast jeder Entwicklungsschritt meiner Schwester in Bildern und Super-8-Filmen festgehalten wurde, gibt es von mir erheblich weniger Babyfotos oder –filme. Als Kind fand ich das nicht schön, beschwerte mich bisweilen bei meinen Eltern, fühlte mich weniger interessant.

Meine Schwester, wie zahllose andere ältere Geschwister, erklärte, dass ich viele Dinge, die sie in meinem jeweiligen Alter noch nicht gedurft hätte, dürfe – was ich da eigentlich wolle? Ältere Geschwister seien stets benachteiligt, müssten – ganz grauenhaft! – auch bisweilen noch auf die jüngeren Geschwister aufpassen. (Hier teilte ich – was selten vorkommt – ihre Meinung. Fand ich auch ziemlich grauenhaft. 😉 )

Das erklärte sie mir immer wieder. Auf meiner Seite sah sie offenbar keine Nachteile. Ich sah die zahlreich, sah aber auch ihre durchaus. 😉

Es fing damit an, dass meine weitere Familie, sprach sie über mich, nie meinen Namen nannte. Ich war immer nur „die Kleine“. Oma K. fragte: „Was machen denn Stephanie und die Kleine?“ Opa fragte: „Üben Stephanie und die Kleine auch immer fleißig Klavier?“ Onkel und Tante fragten: „Wie geht es denn Stephanie? Gut geht es ihr – ach, das ist ja schön! Ach, ja, und wie geht es der Kleinen?“

Klingt liebevoll? Nee. Klingt so, als wäre einzig das Kleinsein meine herausragende Eigenschaft gewesen. „Die Kleine“! Kleine sind nicht nur klein, sondern zu klein für viele Dinge. Und selbst wenn sie es gar nicht mehr sind, hält man sie dafür. Wird man „die Kleine“ genannt, werden einem zwar Missgeschicke nicht so übelgenommen. Der Vorteil.  Aber sie werden einem nicht so übelgenommen, weil man nicht für voll genommen wird. Wieviel lieber hätte ich es als Kind gehabt, hätte man mir tüchtig die Ohren langgezogen, lieber jedenfalls, als dass ich – mit nur geringer Schelte versehen – mich nicht einmal ernst genommen fühlte, wenn ich etwas getan hatte, was nicht in Ordnung war.

War ich stolz auf eine neue Errungenschaft, eine neue Fähigkeit, die ich meinen Eltern und sonstigen Verwandten demonstrierte, lachten die amüsiert und meinten: „Sieh mal, wie sie sich abmüht! Das kann sie also nun auch schon. Weißt du noch, wie Stephanie das damals gelernt hat?“ Egal, was ich tat – es war nie etwas Besonderes. Alles schon einmal dagewesen. Wer mag so etwas? Und man ist doch kein Abklatsch einer anderen Person – das will man nicht, das ist man auch nicht. Ich wollte das jedenfalls nie, und es war auch völlig unpassend, da meine Schwester und ich bekanntermaßen nur wenig gemeinsam haben.

Einzig, dass ich mir selber Lesen beibrachte – das war ein Novum. Das hatte Stephanie nicht getan. Und diese neue Fähigkeit erschloss mir ganz andere Welten. Niemand musste mir mehr vorlesen – was für ein Fortschritt! Ich las fortan viel, Erich Kästner, Astrid Lindgren – und Märchen. Ich liebte Märchen! Da ging alles immer gut aus, und das Gute siegte stets.

Rotkäppchen? Eigensinniges, dummes Gör! Seinetwegen musste ein Wolf dran glauben. Dornröschen? Zu passiv. Liegt da pennend herum, und jemand anders muss Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, es zu retten. Och nee …

Rapunzel? Schon interessanter. Zumindest fragte ich mich stets, was sie und der Prinz da im Turm immer so machten, wenn er sie besuchte. Meine Vorstellungen waren eher diffus … Und wie ein Kopf nebst Hals es wohl aushalte, wenn dauernd so beansprucht, dass ein ausgewachsener Mann an einem langen Zopf, der an diesem Kopf hängt, einen hohen Turm hinaufklettert. Aber interessanter doch, was die beiden da stundenlang wohl im Turm machten … 😉 Aschenputtel? Hmmm … Da konnte ich richtig sauer werden. Was bildeten sich Stiefmutter und hässliche Schwestern eigentlich ein? Aber so richtig vom Hocker hat mich auch das nicht gerissen. Allein schon dieses Abschneiden von Zehen und Fersen, um die klobigen Füße der hässlichen Schwestern in den zierlichen Schuh zu zwängen! Das fand ich irgendwie abstoßend.

Aber „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ – das liebte ich! Heiß und innig. Warum? Nun ja, so schwer ist das nicht zu verstehen, zumal ich schon immer sehr tierlieb war, und Ziegenkinder sind wirklich sehr süß. 😉 Aber das war nicht alles. Zwar werden die sieben Zicklein vom Wolf ganz fies überlistet, aber es geht gut aus. Für die kleinen Ziegen und ihre Mama, nicht für den Wolf. 😉 Und dann kam noch etwas hinzu: Die älteren Zicklein verstecken sich an völlig ungeeigneten Stellen vor dem Wolf – nur das Jüngste ist so intelligent, sich im Uhrenkasten zu verstecken statt im Bett, unter der Waschschüssel oder unter dem Tisch. Mal ehrlich – welcher Idiot versteckt sich unter einem Tisch? 😉

Dieses Märchen war immer Balsam für die Seele „der Kleinen“, also meine. Ha! Da, seht her! Das Kleinste am schlauesten! Das einzige Zicklein, das nicht vom Wolf gefunden und gefressen wurde, das sogar noch zur Auflösung des Falles beitragen konnte! 😉 Das hat mich immer getröstet und bestärkt. Außerdem waren die Bilder in meinem alten Märchenbuch recht niedlich, vor allem das kleinste Zicklein, wie es da aus dem Uhrenkasten lugt, während Mama Ziege in dem völlig verwüsteten, fast komplett entkinderten Haus steht, sich weinend die Hufe vors Gesicht schlägt und wehklagt.

Allmählich und auch mit Hilfe dieses Märchens und ähnlich gelagerter Geschichten schaffte ich es dann auch, meine weitere Familie mit meinem ihnen ungewohnten Namen vertraut zu machen, bevor es so weit kam, dass ich auf die Frage: „Wie heißt du denn?“ mit „Die Kleine“ antwortete.

Liebe ältere Geschwister, nein, nicht nur ihr seid benachteiligt. Blöde wie gute Aspekte sind einigermaßen gleichmäßig verteilt, wenn es mehrere Geschwister gibt. Es sei denn, man ist das mittlere von dreien, schlimmstenfalls auch noch gleichgeschlechtlichen.

Obwohl ich ja irgendwie noch immer davon überzeugt bin, als Solitär am besten zu wirken. 😉 Aber wahrscheinlich würde mir dann etwas fehlen. Es ist alles gar nicht so einfach … 😉

Ein Gedanke zu „Warum „Der Wolf und die sieben Geißlein“ immer eines meiner Lieblingsmärchen war

  1. Heide sagt:

    Dann lies mal „Knüppel aus dem Sack “ aus der Grimm Sammlung oder „die Legende der drei Brüder “ von Frau Rowling im letzten Band von Harry Potter… Das sind die beiden Beispiele die mir spontan einfallen
    Du siehst es ist ein Jahrhunderte altes Problem, auch „Goldmarie und Pechmarie “
    oder „Schneeweißchen und Rosenrot “ beschäftigen sich unterschiedlichster Art mit der Konkurrenz der Schwestern
    Auch gibt es einige Geschichten wo das Glück der Jüngeren bedroht ist durch die Tatsache dass die Älteste nicht verheiratet ist und sie… Wie du schon erläutert hast..
    Nicht etwa etwas als erstes machen darf
    Evtl ist dies auch der Mitgift Probleme der Eltern geschuldet
    Das ist also ein wichtiges Thema der intrafamiliären Dynamik
    Ändert sich sofort wenn es zwei Kinder unterschiedlichen Geschlechtes gibt
    „Hänsel und Gretel „,“Brüderchen und Schwesterchen „und die „Sieben Schwäne “
    In diesem Sinne schließe ich diesen märchenhaften Kommentar
    Und wünsche dir eine gute Restwoche

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