Unterwegs mit meiner Schwester: Ein Tag bei den Buddhisten

Meine Schwester und ich sind grundverschieden. Das war schon immer so. So verschieden, dass es Menschen gibt, die nicht glauben können, dass wir blutsverwandt, gar Geschwister seien, zumal wir einander nicht sonderlich ähnlich sehen.

Schon im Kleinkindalter fiel nicht nur mir auf, dass ich irgendwie anders ticke als Stephanie. Mir ist eine sonntägliche Fahrt von unserem damaligen Wohnort zu meinen Großeltern im Gedächtnis geblieben, die etwa 60 Kilometer entfernt wohnten und uns an jenem Sonntag zum Mittagessen eingeladen hatten. Kaum losgefahren, entbrannte auf der Rückbank des Wagens, den mein Vater damals fuhr, der erste Streit, doch bevor Stephanie und ich übereinander herfallen und uns gegenseitig die Augen auskratzen konnten, fragte mein Vater: „Sag mal, Stephielein – was möchtest du denn später mal werden?“ Mein Vater ist ein sehr rational agierender Mensch, ein harmonieliebender dazu, und es nervte ihn, dass wir bereits stritten, als wir nicht einmal die Straße, in der wir damals lebten, verlassen hatten. Da ist Ablenkung zumindest eine Option, dem Stress zu entkommen, die es auszuprobieren gilt.

Meine damals etwa sieben- oder achtjährige Schwester verwandelte sich binnen Sekunden in eine Diva, warf sich in Positur und deklamierte feierlich: „Ich will Schauspielerin werden. Dann spiele ich in vielen Filmen und bin reich.“ Und sie posierte mit klappernden Lidern, rang die Hände und griff sich an die Schläfe, als werde sie gleich ohnmächtig. So bekam sie nicht mit, wie mein Vater amüsiert schmunzelte, was im Rückspiegel zu sehen war, von mir auch gesehen wurde. Und sie erklärte, was sie mit all dem ob grandioser Schauspielkunst erworbenen Reichtum zu tun gedächte. Ich starrte sie fasziniert von der Seite an, konnte gar nicht nachvollziehen, was daran so toll sein sollte. Reichtum, okay – wer wäre nicht gerne reich? Aber der Rest? Wahrscheinlich starrte ich sie an, als vermutete ich, sie komme von einem anderen Stern.

Da fragte mein Vater bereits: „Alilein – was möchtest du mal werden, wenn du groß bist?“ – „Tierärztin!“ kam wie aus der Pistole geschossen. Jeder Blinde hätte angesichts dieser völlig unterschiedlichen Lebensvorstellungen begriffen, dass meine Schwester und ich gar nicht zusammenpassen: Die eine stellt sich vor, in Glamour und Ruhm zu leben, während die andere in mistbekleckerten Gummistiefeln einherzuwandeln und Pferden Wurmkuren zu verabreichen gedenkt. Oder doch wenigstens eine Kleintierpraxis zu betreiben und Hunde, Katzen, Kaninchen, Wellensittiche und Hamster zu behandeln oder notzuoperieren – was eben so anliegt. Mein Vater hat irgendwie nie so recht einsehen können oder wollen, dass zwischen Stephanie und mir Lichtjahre liegen, wesenstechnisch gesehen. 😉 Dabei hätte er das damals bei der Fahrt zu meinen Großeltern schon verstehen können. 😉

Um kurz vorzugreifen: Weder ist meine Schwester Filmschauspielerin geworden, noch bin ich Tierärztin. Und um noch eines zu sagen: Ich mag meine Schwester sehr, verstehen kann ich sie nicht oft. Aber ich mag sie. Umgekehrt gilt sicher Ähnliches. Hoffe ich zumindest. 😉

Was ich gar nicht mag: Sie ist bisweilen etwas „bossy“, und sie beherrscht die Gabe des Überredens. Nicht unbedingt der Überzeugung. Sie wäre in der Lage, einem Eskimo am Polarkreis einen Kühlschrank zu verkaufen (oops – ich wollte nicht politisch inkorrekt sein, denn ich meinte natürlich: „einem Angehörigen der Inuit“). Wie schafft sie das? Nun, sie redet. Redet, redet, redet – bis man sich einfach beugt, weil man die Hoffnung nicht fahren lässt, dann werde Ruhe eintreten. Eine sehr törichte Hoffnung, wie ich inzwischen weiß. Denn Stephanie arbeitet mit dem Step-by-step-Verfahren. „Gibt sie da nach, schaffe ich auch den nächsten Schritt.“ Bzw. den nächsten Level. So in etwa muss das wohl laufen.

Ja, ich weiß, ihr werdet nun sagen: „Wo ist das Problem? Einfach nicht einknicken.“ Aber ihr kennt meine Schwester nicht, ebensowenig mein Bedürfnis, einfach in Ruhe leben zu dürfen. Und wenn einem die Ohren bereits klingen, bei Nichteinhaltung der Regeln größerer Stress droht, gibt man bisweilen nach. Eine Frage des geringeren Übels. Aber das klingt böse. So meine ich es nicht, auch wenn ich nicht immer ganz glücklich bin und denke, dass meine Schwester vielleicht mal überdenken sollte, dass auch andere Menschen ganz eigene Ideen haben und nicht dauernd zwangsbeglückt werden wollen.

So hat sie es auch damals geschafft, als sie unbedingt einen ganzen Sonntag im Buddhistischen Zentrum in Essen verbringen wollte, einen „Tag der Meditation“, aber nicht ganz so große Lust hatte, allein hinzufahren. Eine ganze Woche lang lag sie mir telefonisch in den Ohren, rief mich jeden Tag an, um mich zu „überzeugen“, doch mitzukommen. Ich beneide sie bisweilen um ihre Hartnäckigkeit …

Ich hatte damals recht viel Stress bei meiner Arbeit, und irgendwann sagte ich ja – weichgeklopft. Und an jenem Sonntag fuhr ich auch morgens in Ratingen los … Ich traf meine Schwester am Bahnhof, wo sie mich abholte. Wir fuhren gen Buddhistisches Zentrum und wurden dort sehr freundlich empfangen. Ich war skeptisch, ich bin keine Religionsfreundin, aber der Buddhismus ist für mich auch nicht wie die herkömmlichen Religionen – sonst wäre ich gar nicht erst angetreten, egal, was meine Schwester getan hätte. Das wusste sie auch.

Im Gegensatz zu Stephanie war ich ein komplettes Greenhorn, was Meditation anbelangt. Hat mich irgendwie nie so recht tangiert oder gar begeistert.

Wir betraten den Meditationsraum auf Socken. Einige Begeisterte und Überzeugte hatten kleine, wacklige Meditationsbänkchen mitgebracht, und auf meinen Hinweis, die seien aber fehlerhaft verarbeitet, da sie wackelten, meinte Stephanie nur, das müsse so sein. Offenbar diente dies der „Achtsamkeit“. Und damit baute sie in der Nähe eines mannshohen Buddhas aus Holz ihr eigenes wackelndes Bänklein auf. Ich beschloss, lieber in ihrer Nähe und vor allem in Nähe der Tür zu bleiben, falls es mir zu doof würde. Ich hatte kein Bänkchen, das, so Stephanie, auch eher Fortgeschrittenen vorbehalten sei. Klar, das leuchtete mir ein – Anfänger wären mit dem instabilen Ding, von einem wenig berufssicheren Tischler oder einem findigen Ungelernten, der sich angesichts des Geschäfts seines Lebens ins Fäustchen lachte, gefertigt, sicherlich sofort umgestürzt und hätten sich bleibende Narben eingehandelt. Da ich in der Hinsicht anfällig bin und einer meiner Spitznamen „Trümmerlotte“ ist – so zumindest seit meinem Ex Henrik, der mich liebevoll meiner Neigung zu Verletzungen aufgrund von Wurschtigkeit wegen so nannte -, erschien es mir auch sinnvoller, auf das wacklige Ding zu verzichten. Stattdessen bekam ich ein „Meditationskissen“. Eindeutig besser – so ein Kissen ist weich, die Verletzungsgefahr recht gering.

Die Seminarleiterin gab eine kurze Einweisung, und schon ging es mit der Meditation los. Zunächst sollten wir alle die Augen schließen. Klingt einfach. War mir aber unmöglich, da meine Augenlider zu flattern begannen und ich nervös wurde – das Gegenstück zu dem, was Meditation bewirken soll. Zum Glück erwähnte die Seminarleiterin, dass man auch offenen Auges meditieren könne, aber das würden eher Fortgeschrittene schaffen. Ich pfiff auf den Fortgeschrittenen-Hinweis, und fortan fixierte ich eine Unregelmäßigkeit im Parkettboden vor mir, als wir bewusst und achtsam ein- und ausatmeten. Zeitweilig fühlte ich mich wie in Trance, aber gar nicht so schlecht. Offenbar wirkte es sogar bei mir. Zumindest war ich sehr überrascht, als es hieß, nun gebe es Mittagessen! Wir hatten doch gerade eben erst angefangen …

Beim Mittagessen, einem Buffet aus verschiedenen Speisen, alle sehr wohlschmeckend, erläuterte ein älterer Herr uns allen, ob wir wollten oder nicht, sein Rezept zu innerer Glückseligkeit. Im Zuge seiner Erklärungen schmeckte mir das Essen nicht mehr ganz so sehr bzw. war ich plötzlich satt. Denn der ansonsten recht harmlos wirkende Herr beschrieb en détail, dass er sich mindestens einmal am Tag einer „heilenden Darmreinigung“ unterziehe. Zunächst dachte ich noch: „Ach, ja, das tue ich auch.“ Und ich dachte an normale Verdauungstätigkeiten. Aber da beschrieb er auch schon, dass er sich mindestens einmal täglich einem Klistier unterziehe, das er selber tätige! Und er beschrieb auch noch dessen Wirkung, und irgendwie hatte ich angesichts der sehr plastischen Beschreibung nicht nur olfaktorischer Belange, sondern auch Struktur, Viskosität und Farbe des metabolischen Resultats betreffender Aspekte ganz plötzlich keinen Appetit mehr. Ich sprach vorsichtig meine Schwester darauf an, fragte, ob das sehr offene Verhalten des Herrn so normal sei, aber sie meinte nur: „Wieso? Was hat er denn erzählt?“ Offenbar wirkte die Meditation noch auf sie – sie hatte das Ganze gar nicht mitbekommen. Offenbar noch immer in Trance. Ich beneidete sie.

Danach meditierten wir bis zum Ende des Seminars. Stephanie fuhr nach D. zurück. Ich ging beschwingten Schrittes zum Hauptbahnhof, wartete an Gleis 12 auf die S6, die schlimmste S-Bahn, die ich kenne, obwohl sie zwischen Essen und Ratingen eine schöne Strecke fährt, landschaftlich gesehen. Wenn sie denn fährt. Denn noch am Hauptbahnhof verkündete man über Lautsprecher, die S6 fahre an diesem Tage nur bis Essen-Kettwig. Wieder einmal irgendeine Störung, wie S6-Fahrer sie kennen.

Entgegen meiner normalen Handlungsweise – ich bin Deutsche-Bahn-geschädigt und tendiere diesbezüglich zu Ungeduld – blieb ich ganz ruhig, dachte nur: „Du bist sicherlich nicht die Einzige, die weiter als bis Kettwig muss. Es wird sich sicherlich eine Lösung finden.“

Die fand sich auch. Denn in Kettwig fand ich mich wieder mit drei anderen Reisenden, die ebenfalls nach Ratingen mussten, wie ich erfuhr, als ich laut fragte, ob denn außer mir noch jemand dorthin fahren müsse, weil ich keine Lust hatte, ein Taxi allein zahlen zu müssen.

Und so fuhr ich in einem Taxi nach Hause, in dem sich außer dem Taxifahrer noch zwei Menschen befanden, die sich als nicht exzentrisch erwiesen. Einer davon ich. Die beiden anderen Mitfahrer gestalteten die Fahrt eher stressig: Einer war der Klistiermann, der auch noch im Taxi mit mir über dieses „erfüllende Seminar“ sprechen wollte und allen Insassen dann noch einmal seinen persönlichen Weg zur Glückseligkeit erklären wollte, was zum Glück von der anderen anstrengenden Mitreisenden abgeblockt wurde, da sich diese über die Musikwahl des Taxifahrers aufregte: „Machen Sie das sofort aus! Sofort! Ich kann dieses Gejaule nicht ertragen! Ich bin Sängerin! Klassische Sängerin! Und diese Musik beleidigt meine Ohren! Ich singe Opernpartien – und diese Musik hier tut in meinen Ohren weh!“ Und sie gerierte sich wie meine Schwester als sieben- oder achtjährige Diva, siehe oben, wenn nicht schlimmer.

Der Taxifahrer wollte aufbegehren, aber ich sagte zu ihm: „Bitte tun Sie uns allen den Gefallen. Bitte. Ich habe nichts gegen Ihre Musik, aber bitte stellen Sie sie ab.“ Und ich sah ihn im Rückspiegel so freundlich an, wie ich konnte – nach dem Meditationsseminar sah ich annähernd überirdisch lächelnd aus. Da gab er nach und stellte das Radio ab, grinste mich an und deutete mit dem Kopf leise auf die klassische Sängerin. Ich grinste und nickte sachte.

Als wir in Ratingen am S-Bahnhof ankamen, war ich die Einzige, die ihm ein Trinkgeld gab, ein gar nicht so geringes, während mein Seminarkollege schon seinem nächsten Klistier entgegenstrebte, die klassische Sängerin sich publikumswirksam die weichgespülte Mähne raufte, weil sie ihren Anschlusszug verpasst hatte, was sie ganz klassisch kreischend kundgab. Sopranistin offenbar, weswegen mich ihr exaltiertes Gehabe auch nicht sonderlich verwunderte. Jahrelange Chorerfahrung als Altistin wegen tieferer Stimme haben mich gelehrt, dass es nur einen Star geben kann: den Sopran (bei Männern: den Tenor). Je unbekannter, unbedeutender, desto theatralischer. Und der andere Fahrgast war auch ganz plötzlich verschwunden. Keiner hatte daran gedacht, dem sehr netten Taxifahrer ein Trinkgeld zu geben. Ich fühlte mich verpflichtet, wollte ihm aber ohnehin über die normale Taxe etwas zukommen lassen, und da meinte er: „Steigen Sie wieder ein. Ich fahre Sie nach Hause, ohne Taxameter.“ – „Aber nein, das müssen Sie nicht.“ – „Das möchte ich aber. Sie waren die einzig Nette dieser Fuhre, die einzig Normale.“ Und er meinte, er sei sich vorgekommen wie in einem Käfig voller Narren. Als die „singende Trulla“, wie er die zwangsläufig aufstrebende Sopranistin nannte, ihn angekreischt hätte, er solle sofort die Musik ausmachen, sei er kurz davor gewesen, ausfallend zu werden. Einzig meine ruhige und ausgeglichene Art hätte ihn davon abgehalten. Der andere Typ sei ja schon grenzwertig gewesen, der, so der Taxifahrer, „dauernd über seine Kacke“ reden wollte. (Ich lachte mich halb schlapp.) Und der Dritte habe ja immer nur genickt, egal, was von wem gesagt worden sei. Ich sei die einzig Normale in diesem Wagen gewesen und hätte ihn vor einem Ausfall bewahrt. Offenbar sei ich auch die einzig Anständige, da ich als Einzige an ein Trinkgeld gedacht hätte. Ich gab an, ich hätte als Studentin in einer Studentenkneipe gekellnert – so etwas sei für mich selbstverständlich. „Daher wahrscheinlich auch Ihre Gelassenheit. Sie wissen, dass man in Dienstleistungsberufen oft mit Deppen zu tun hat und wie man damit irgendwie klarkommt.“ So meinte der Taxifahrer. Er konnte ja nicht wissen, dass ich normalerweise eher zur Hektik tendiere, nur von einem buddhistischen Meditationsseminar kam, verdonnert dazu von meiner Schwester. Er fuhr mich dann nach Hause, ohne dass mich diese Fahrt etwas gekostet hätte.

Zu Hause erwartete mich Giacomo, mit dem ich damals liiert war. Ein Provokateur reinsten Weihwassers, der keine Gelegenheit ausließ, zu provozieren. (Ich staune noch heute, dass ich immerhin vier Jahre mit ihm zusammen war.) Und das versuchte er auch sofort, nachdem ich die Wohnung betreten hatte. Es gelang nicht – an meinem gelassenen Lächeln prallten sogar die schlimmsten Reizungen ab. Im Nachhinein denke ich, dass ich regelmäßig zu den Buddhisten hätte gehen sollen … 😉

Ich habe keine Ahnung, wie das Meditationsprinzip funktioniert. Ist es einfach das Eingelulltwerden und die darauf folgende Müdigkeit, die einen so gelassen reagieren lässt? 😉

Immerhin hatte diese Idee Stephanies wahrlich positive Effekte. Und das war nicht ihre einzige positive Idee. Meist passt es nicht, aber der Sonntag bei den Buddhisten war für mich gar nicht so schlecht. 🙂

Meine Schwester und ich verstehen einander gut und mögen einander. Am meisten, wenn wir uns nicht ganz so oft begegnen. Aber wir mögen einander. Ich sie auf alle Fälle. Nur gilt: Die Dosis macht das Gift. Klingt böse, ist aber eher achtsam gemeint. Das habe ich damals bei den Buddhisten gelernt. Dank Stephanie. 😉

3 Gedanken zu „Unterwegs mit meiner Schwester: Ein Tag bei den Buddhisten

  1. Nora Gold sagt:

    Liebe Ali, ein herrlicher Beitrag – herzlichen Dank dafür! Vielleicht sollte ich auch einmal meditieren. Am liebsten natürlich mit deiner Schwester. Oder hättest du Lust? 🙂 Liebe Grüße Nora 🙂

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