Unterwegs mit Fans

Meine Ursprünge liegen in einer echten Fußballstadt. Nein, nicht Bochum. Aber dicht dabei. Die Vereinsfarben hier sind ebenfalls Blau und Weiß, aber zum Glück gibt es hier kein emblematisches Zebra wie mehr am Niederrhein. Über den Verein meiner Heimatstadt wird viel gespottet, meist von denen, die viel schlimmeren Vereinen folgen. Zum Beispiel dem mit dem Zebra. Einmal, noch mit einem Neu-Duisburger und obendrein Juristen liiert, war ich quasi gezwungen, in einer zwielichtigen Kneipe einem Spiel zwischen dem Zebraverein und einem noch schlechteren folgen zu müssen. Selten habe ich einen langweiligeren Abend erlebt, dabei mag ich Fußball eigentlich, auch die Stimmung, wenn man sich mit vielen Leuten ein Spiel ansieht. Hier herrschte total tote Hose, und ich brachte uns noch in Gefahr, als ich fröhlich-unbedacht meinte, das einzig Sympathische an diesem Verein sei das Zebra. Über alles andere solle man schnellstens den Mantel des Schweigens breiten – meinetwegen auch einen gestreiften. Hui! So schnell haben wir nie wieder eine Kneipe verlassen! Und ich hatte dann noch mit meinem ebenfalls zebrageschädigten Juristen-Ex Krach, weil ich die Anstrengungen „seines“ Vereins offenbar nicht recht zu würdigen wusste. Und ich musste mir Schmähliches über den meine Heimatstadt bestimmenden Verein anhören – ehrlich gesagt, ging mir das recht weit an dem Körperteil vorbei, auf dem ich sitze. Seit ich wieder in meiner Heimatstadt lebe, geht mir der alles bestimmende Verein mehr und mehr auf den Senkel. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich seitdem immer mehr Leute getroffen habe, die eine Art Götzenkult um den Verein betreiben. Damit habe ich als nichtgläubiger Mensch generell ein Problem.

Daher halte ich mich aus Gesprächen, in denen Fußball Thema ist, weitestgehend heraus, und die meisten Leute denken ohnehin, ich sei ein Fan „meines Heimatvereins“, da ich ja in der Stadt lebe, in der er seinen Ursprung hat. Wie könnte man da anders, als Fan zu sein? Man kann … 😉

Zugegeben, ich hielt immer mit diesem Verein, als ich noch weit entfernt von diesem in Aachen lebte und bisweilen Attacken von Heimweh nach dem „Pott“ hatte. Wehe, jemand dort sagte etwas gegen Schalke! Nieder mit ihm! Ich gestehe jedoch, ich wäre sicherlich ebenso garstig geworden, hätte jemand etwas gegen Rot-Weiß Oberhausen gesagt. (Umgekehrt funktioniert das allerdings nicht: Ich bin – obwohl wieder im Ruhrgebiet ansässig – nie ein Fan von Alemannia Aachen geworden. 😉 )

Ich hielt immer mit Schalke. Bis zu jenem Tag. Dem Tag vor Jahren, als ich an einem Samstagmorgen in Aachen aufbrach, um meine Eltern im Ruhrgebiet zu besuchen. Ich war völlig blauäugig losgezogen, dabei habe ich eigentlich grüne Augen. 😉 Typisch Frau – nicht bundesligatauglich. 😉

Da ich kein Auto hatte, musste ich mit der Bahn fahren, und so stand ich an jenem Samstagmorgen schließlich gegen halb zehn an Gleis 2 des Aachener Hauptbahnhofs. Zu meiner großen Überraschung auch diverse lärmende Zeitgenossen, die blau-weiße Fahnen und ebenso geartete Kleidung nebst albernen Accessoires trugen, auf denen groß der Schriftzug „Schalke 04“ prangte. Zwar hatte ich mitbekommen, dass Schalke an jenem Samstag spielte, aber aus irgendeinem Grund war mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass es ja auch auswärtige Schalke-Fans gab, die von ihrem jeweiligen, noch so weit entlegenen Heimatort zum Spiel fahren würden. Als ich da an Gleis 2 stand, ärgerte ich mich über meine Begriffsstutzigkeit, und als die Fans immer mehr wurden, überlegte ich bereits, ob ich meine Eltern anrufen sollte, um abzusagen. Zumindest mein Vater hätte größtes Verständnis gehabt. Er hasst Fußball, und „Schalke“ ist für ihn ein Reizwort. Aber das wäre mir dann doch zu albern erschienen, und meine Eltern hätten sicher gemutmaßt, ich hätte abends zuvor gefeiert. 😉 Dem galt es vorzubeugen. Und so wartete ich brav weiter auf den Zug, der dann auch bald einfuhr. Ich stieg ein und beging sofort Fehler Nummer drei aufgrund Unbedachtsamkeit.

Denn damals gab es noch Raucherabteile, und da ich Raucherin bin und die ganze Fahrt nicht ohne Zigarette verbringen wollte, begab ich mich gleich in das einzige Raucherabteil des ganzen Zuges, das sich – Erfahrungswerte zahlen sich bisweilen aus – in dem Wagen befand, der direkt vor meinem Standort zum Halten gekommen war. Ich war die Erste im Abteil, mitsamt meiner grünblauen Adidas-Tasche … Ich konnte mich auch noch hinsetzen, sogar meine Tasche noch neben mich auf den Sitz stellen.

Doch kurz darauf brach das Inferno über mich herein. Das blau-weiße Inferno. Wo hatte ich nur meinen Kopf gelassen, als ich mich ganz selbstbewusst im Raucherabteil niederließ, und das in der Annahme, eine normale Zugfahrt vor mir zu haben? Ich schäme mich heute noch dafür. 😉

Denn spontan brach eine Art Tsunami aus Schalke-Fans über das Raucherabteil herein! Es ging so schnell, dass ich nicht einmal mehr das Abteil verlassen konnte, und so fand ich mich schließlich mit meiner Tasche auf dem Schoß wieder, meine Ellbogen darauf gestützt und beide Unterarme wie Antennen steil aufragend, in der rechten Hand die Zigarette, denn es war nicht daran zu denken, sich mit normal ausgebreiteten Armen hinzusetzen. Rechts und links neben mir sowie vor und hinter mir … Schalke-Fans! Und sie alle trugen zwei Fahnen bei sich. Die Vereinsfahne und eine eklatante Alkoholfahne. Morgens um Viertel vor zehn in Deutschland! Nix da mit „Knoppers“! 😉 Im Grunde war es riskant, im Raucherabteil überhaupt Zigaretten zu entzünden. Wie leicht kommt es zu einer Verpuffung!

Ich fühlte mich gar nicht wohl, vor allem ob der in jeder Hinsicht schrillen Gesänge und des lauten Grölens. Nicht zum ersten Male stellte ich mir die Frage, warum viele Fußballfans im Allgemeinen nicht einen einzigen richtigen Ton zu treffen in der Lage zu sein scheinen, dennoch aber immer „singen“ zu müssen glauben. Obwohl von Singen keine Rede sein kann.

Mein Gesicht hätte ich zu gern gesehen – wahrscheinlich völlig paralysiert. Immerhin versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Aber in meinem Gehirn arbeitete es: „Wie kommst du hier nur raus? Du musst in Oberhausen umsteigen, und hier passt keine Briefmarke mehr hinein! Und so, wie die sich hier gebärden, lassen sie dich nicht raus!“

Meine Sorge war nicht unbegründet. Denn mehrfach wurden mir Flachmänner unter die Nase gehalten, und man rammte mir kumpelhaft Ellbogen in die Seite, was ich ganz besonders mag: „He, Kleine, nimm mal ´nen Schluck!“ – „Nein, danke, nett, aber nix Hochprozentiges. Ich trinke nur Bier.“ Ooops! Großer Fehler – ich Idiot! Denn von rechts kam prompt eine Dose „Veltins“ mit der Aufforderung, doch mal einen tiefen Zug zu nehmen. „Nein, danke, total lieb, aber ich habe eine Veltins-Allergie. Veltins vertrage ich leider gar nicht.“ – „Wie bist du denn drauf? Veltins ist Schalke-Bier!“ – „Ja, ich leide auch sehr darunter.“ Zum Glück sahen sie es ein, und da sie alle so treu ergebene Schalke-Fans waren, hatten sie keine andere Biersorte dabei … Und sie beruhigten sich auch wieder, als ich ihnen versicherte, Gelsenkirchen sei meine Heimatstadt, Schalke mein erster Gedanke nach dem Aufwachen und mein letzter vor dem Einschlafen. Geht doch alles … 😉

Als wir in Duisburg in den Hauptbahnhof fuhren, warteten dort am Gleis schon zahlreiche Fans des gegnerischen Vereins. Sofort wurden sämtliche Fenster im Abteil aufgerissen – frische Luft, endlich! – und Verwünschungen und Todesdrohungen nebst weiteren Schmähungen gegen die Wartenden losgelassen. Okay, es waren Fortuna-Düsseldorf-Anhänger – irgendwie kam bei mir sogar so etwas wie anflugweises Verständnis auf, auch wenn ich die Morddrohungen nicht nett fand und mich überdies wunderte, warum einige besonders eifrige Schalke-Fans die Fenster auch zur dem Bahnsteig abgewandten Seite aufgerissen hatten und ihre Verwünschungen auf den Gepäcksteig riefen, wo niemand stand … Nun ja.

Allmählich machte ich mir allerdings Sorgen, wie ich aus diesem enggestopften Pulk euphorisierter, grölender und massiv nervender Schalke-Anhänger jemals den Weg zur Tür und aus dem Zug hinausfinden sollte. Denn die nächste Station war Oberhausen, und da musste ich definitiv diesen lustigen Zug verlassen. Im Geiste überschlug ich bereits alternative Möglichkeiten, und eine drängte sich mir auf: „Zur Not bleibst du bis Gelsenkirchen im Zug und fährst dann mit der 2 vom Hauptbahnhof bis Buer Rathaus und von dort aus dann mit dem Bus weiter.“ Meine Eltern leben in einer kleinen Stadt etwa 20 km von Gelsenkirchen entfernt, die bereits zum Münsterland zählt. So ein Mittelding zwischen Pott, Münsterland und Rheinland.

Kaum gedacht, wurde mir die Tragweite des Gedankens klar: „O Gott, nein! Die Bekloppten hier fahren ja auch alle mit der 2 bis zur Arena!“

Das gab mir die Kraft, mich mittels Ellbogen und „roher Gewalt“ bis zur nächsten Zugtür aus dem Abteil des Grauens zu kämpfen. An der Tür stand ein älterer Herr. Wir standen einander gegenüber, umgeben, angerempelt  und bedrängt von lauter Fußballfans. Der ältere Herr war offenbar eine Art „danger seeker“, denn er meinte laut zu mir: „Schauen Sie sich nur diese Fußballfans an! Sind die nicht alle bekloppt? Was meinen Sie?“ Ich fragte mich insgeheim, ob er lebensmüde sei und wenn ja, warum er mich da hineinziehe, aber ich lächelte liebreizend und meinte: „Aber nein! Ich finde es sehr sympathisch, wie sich die Leute hier engagieren und für ihren Verein einsetzen!“ Ich gebe zu, einige Drohgebärden seitens der uns angesichts des älteren Herrn Äußerung immer enger umringenden Fans um uns herum haben mich ein wenig beeinflusst …

Als der Zug in Oberhausen einfuhr, war ich heilfroh, dem Wahnsinn zu entfleuchen. Fast hätte ich nach dem Aussteigen den Boden geküsst, wie der vorvorige Papst das so gerne tat. Er allerdings eher aus Gründen der Medienwirksamkeit, ich aus echter Dankbarkeit.

Als ich dann den Zug Richtung Wohnort meiner Eltern bestieg und dort auf einen Damen-Kegelclub stieß, pries ich meinen Schöpfer oder wen auch immer. Unter normalen Umständen hätte ich ihn angesichts der Situation verflucht. Wer jemals mit einem Damen-Kegelclub eine gewisse Strecke in einem Zug unterwegs war, weiß, wovon ich spreche …

Und als mein Vater mich dann am Bahnhof in D. abholte und mich fragte, ob ich denn eine schöne Fahrt gehabt hätte, meinte ich nur: „Ich war noch nie so froh, am Oberhausener Hauptbahnhof anzukommen.“ – „Aber Alilein, der Hauptbahnhof in Oberhausen ist doch nun wirklich nicht schön!“ – „O doch! Und danach bin ich mit einem Damen-Kegelclub weitergefahren. Das war richtig angenehm.“ Mein Vater starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber er musste auch noch nie mit eingefleischten Schalke-Fans in einem Zug auf engstem Raum gen Ruhrgebiet fahren. Und meine Mutter meinte nur: „Siehste, das kommt vom Rauchen!“

Fußball? Gern! Von weitem besonders gern – vor allem in dieser Stadt hier.

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