Pünktlich zum Jahresausklang: „Glück“ à l’Ali

Ach, ja – da ist er wieder. Der Tag, den ich neben meinem Geburtstag am meisten fürchte: Silvester. Nicht nur, dass mich an diesem Tag immer irgendeine komische Art von Endzeitstimmung überfällt, dem Gefühl nicht unähnlich, an einem Abgrund zu stehen. Klingt schlimmer, als es ist, ist dennoch immer irgendwie ein bisschen unangenehm. So ähnlich müssen sich die Menschen zu Zeiten gefühlt haben, da man noch glaubte, die Erde sei eine Scheibe, nur halt im räumlichen Sinne empfunden, was bei mir eher zeitlich gelagert ist: „O Gott, wir haben uns so weit voranbewegt – gleich muss der Abgrund kommen.“ 😉 Ich gebe zu, das klingt etwas albern, aber ich kann es nicht besser beschreiben. 😉

Und dann immer dieses Gefühl, vor einem liege eine schier unüberwindbare Hürde. Wieder ein ganzes Jahr zu bewältigen. Ich glaube aber, ich gehe einfach falsch an die Dinge heran. Vielmehr sollte ich es so sehen: „Hurra! Ein neues Jahr voller Überraschungen liegt vor mir!“ Allerdings muss ich mir selber zugestehen, dass die Überraschungen des gerade zu Ende gehenden Jahres durchaus nicht immer positiv waren – und da ist man doch ein bisschen verhaltener mit der Euphorie. 😉

Gute Vorsätze fürs neue Jahr? Auch da bin ich zwiegespalten. Mein erster Vorsatz für den zweiten Januar: dringend zum Friseur gehen. Ihr wisst schon: Das, was ich so gern vor mir herschiebe, weil ich so ungern zum Friseur gehe – ich berichtete. Ansonsten plane ich nicht so lange im Voraus.

Heute früh wachte ich auf der Couch im Wohnzimmer auf. Ich hatte gestern noch zwei DVDs gesehen, genauer: eineinhalb, denn während die zweite lief, muss ich wohl eingeschlafen sein. (Guter Vorsatz fürs neue Jahr: Fernsehen nur noch in sitzender Position, auch wenn es auf der Couch noch so gemütlich ist, eingekuschelt in eine Fleecedecke – leider ein absoluter Einschlafgarant.) Blöd an der Sache ist, dass ich anschließend immer irgendwie komplett verspannt bin. Neulich konnte ich drei Tage lang meinen rechten Arm und die Schulter nur unter Schmerzen bewegen. Aber ich lerne offenbar nicht dazu. Heute hingegen wurde ich wach und hatte ganz andere Probleme: Meine Nase total zu, Halsschmerzen, aber nicht wie bei einer normalen Erkältung. Ich hatte ein ungutes Gefühl und probierte testhalber und nur für mich selber meine Stimme aus. Doch – welche Stimme? Das, was ich hörte, schien annähernd geeignet, ein bekanntes Trinklied formvollendet zu intonieren: „Im tiefen Keller sitz ich hier bei einem Fass voll Reben …“ Wohlgemerkt: Das ist eine Bass-Partie, sehr tiefer Bass, ergo für eine tiefe Männerstimme. Allerdings saß ich nicht im tiefen Keller – und wo war das Fass mit den Reben? Ich klinge so furchtbar, und mein Kopf fühlt sich an, als wäre ich gegen den Vier-Uhr-Bus gelaufen – vielleicht wäre das Fass mit den Reben gar nicht so verkehrt, um mich in den Zustand seligen Vergessens zu bringen. 😉 Eigentlich klinge ich so, als hätte ich das Fass bereits gestern geleert. Dabei nichts dergleichen – ich hatte den ganzen Tag nur Tee und Kaffee getrunken.

Ganz toll und wieder typisch. Ich kann mich an etliche Silvester erinnern, da ich angeschlagen bzw. krank war. Letztes Jahr, zum Beispiel. Und von einem Silvester – da war ich noch klein und etwa sieben Jahre alt – existieren sogar noch Fotos. Ali steht um Mitternacht pünktlich zum Feuerwerk im Bademantel im Hausflur ihres Elternhauses, mit dicken Socken an den Füßen und einem Schal um den Hals. Auf dem Arm hat sie das damals jüngste Familienmitglied, dem sie beide Schlappöhrchen zuhält: einen zehn Wochen alten Rauhhaardackelwelpen, den man eigentlich an einem ruhigeren Ort hatte belassen wollen, der sich aber – typisch Dackel! – standhaft weigerte und immer wieder kläffend mit in den Hausflur wollte. Nun ja, er gehörte ja auch zur Familie, und wenn er unbedingt beim Feuerwerk dabei sein wollte … Aber nur mit zugehaltenen Ohren. Und so standen da die beiden Kleinsten und Schwächsten vereint (wobei sich der Dackel als alles andere als schwach entpuppte – er war eher so etwas wie ein Tyrann, ein echter Gauner und Schlitzohr …). 😉 Die Fotos sehe ich doch immer wieder gern. 😉

Dieses Jahr habe ich zwar keinen Dackel, aber dafür schon wieder ein Gebrechen an Silvester – es ist irgendwie typisch für mich. Meine Stimme scheint sich temporär verabschieden zu wollen. Möglich, dass mich die Ereignisse des Jahres 2015 in letzter Konsequenz auch nur sprachlos machen. 😉 Her mit dem Salbeitee! Ich hasse Salbeitee, ich hasse Salbei. Der geht nur im Zusammenhang mit Saltimbocca … Und das gehört nicht zu meinen Lieblingsgerichten, und ich esse es nur alle Jubeljahre.

Meine Familie, mit der ich dieses Jahr Silvester verbringe, wird auf diese Weise jedoch geschont. Ich glaube nämlich, die findet, ich rede manchmal zu viel, zu schnell und überhaupt … 😉

Noch ein Vorsatz fürs neue Jahr: Immer Salbeitee im Hause haben, die nächsten Tage am besten nicht sprechen und in dieser Zeit immer einen Schreibblock und einen Stift bei mir tragen, damit ich wenigstens schriftlich zum Ausdruck bringen kann, wenn mich etwas stört oder ich sonstwie etwas anmerken möchte.

Und da habe ich neulich meiner Kollegin Andrea noch gute Tipps gegeben, wie sie am besten vorzugehen habe, da sie offenbar an einer Kehlkopfentzündung litt. Und ich dachte noch: „Wie gut, dass ich das nicht habe.“ So schnell kann es gehen. Und ich weiß genau, ich werde mich selber nicht an die Tipps halten, die ich Andrea gab. 😉 Ich bin nämlich konsequent inkonsequent. 😉 Manchmal jedenfalls.

Drückt mir die Daumen, dass ich das neue Jahr nicht mit einer Krankschreibung beginnen muss – darauf habe ich so gar keine Lust.

Euch, die ihr hier so nett lest, wünsche ich jedenfalls einen guten Rutsch und ein tolles Jahr 2016. Und schont Eure Stimme! 😉

„Trümmerlotte“ oder: Wie man sich auch ungeschickt mehr oder minder erfolgreich durchs Leben schlagen kann

Einer meiner Spitznamen lautet „Trümmerlotte“. Klingt nicht sonderlich schmeichelhaft, nicht wahr? Finde ich zwar auch, aber ich stehe zu diesem Spitznamen. Denn er enthält sehr viel Wahrheit.

Ich bekam diesen Titel einst von meinem Ex Henrik verliehen, obwohl schon in früheren Zeiten vergleichbare Titel oder Beschreibungen verliehen worden waren. So meinte meine Mutter Kathrin einmal: „Ach, Kind, du hast zwei linke Hände mit lauter Daumen!“ Da war ich etwa fünf Jahre alt, und es ging ums Basteln. Ich sollte etwas aus einer Zeitschrift ausschneiden, schnitt jedoch leider ein Bild von der Rückseite aus, nicht das, was auf der Vorderseite ausgeschnitten werden sollte, die aufgrund meiner voreiligen Tätigkeit nun nicht mehr nutzbar war, was sicherlich jeder einsehen kann. 😉 Ich war bekümmert. Ich bin doch Rechtshänderin, und da ist die Auskunft, man habe linke Hände, noch dazu mit lauter Daumen, nicht sonderlich schmeichelhaft. Mal ganz abgesehen von der Diskriminierung von Linkshändern, aber ich denke, der Ausdruck „zwei linke Hände“ hat sich einfach so eingebürgert, weil Rechtshändigkeit erheblich häufiger vorkommt, ergo etwas völlig Gewöhnliches ist und nichts Besonderes. Also keine echte Diskriminierung, eher ein Tribut an das Gewöhnliche. 😉

Heute muss ich darüber lachen – sie hatte ja nicht ganz unrecht. 😉 Zwar bin ich heute handwerklich doch etwas geschickter, aber übermäßig geschickt auch nicht, und besonders feinmotorische und fisselige Arbeiten sind geeignet, mich schon recht früh zum Fluchen zu bringen. Mein Alptraumberuf: Uhrmacher. Da würde ich sicherlich wahnsinnig.

Dabei attestierten mir mehrere Musik-, darunter mein Klavierlehrer, immer eine besonders ausgeprägte Fingerfertigkeit, sogar linksseitig. Aber kein Wunder, wenn man wieder und wieder besonders die linke Hand trainieren muss – und das, wenn man Pech hat, noch mit einem Metronom -, denn ansonsten lassen sich schnelle Läufe oder Triller nicht spielen, und man will ja nicht Ewigkeiten am selben lahmarschigen Stück hängenbleiben, das man noch nie mochte, vielmehr hasste. 😉 Ich entschuldige mich schon einmal an dieser Stelle beim lange verstorbenen Joseph Haydn – den habe ich wirklich gehasst. Nein, falsch. Nicht ihn, aber die elend langweiligen, stets ähnlich klingenden Sonaten, die er komponiert hat. Kannte man eine, kannte man alle. Kannte, nicht konnte, wohlgemerkt. Grässlich. Sorry, Herr Haydn! Ich bin mir sicher, es gibt ganz viele Menschen, die Ihre Kompositionen lieben, und das freut mich auch. Nur: Ich gehöre nicht dazu. Und ich gebe zu, dass ich beim Klavierüben häufig vor Zorn am liebsten das Instrument kurz und klein gesägt oder das treudoof den Takt durch monotones Klack-klack vorgebende Metronom an die Wand geschmettert hätte. Mehrfach war ich kurz davor, nachdem ich versucht hatte, meinen Vater zu täuschen, indem ich vorgab, das Gerät sei wohl defekt. Dabei hatte ich es nur nicht aufgezogen, und das mit Absicht. Ein – zugegeben – billiger Versuch. 😉 Mir beim Klavierüben zuzuhören, war je nach Stück nicht schön, da die mehr oder minder harmonischen Sequenzen wieder und wieder durch grobe Flüche sowie völlig disharmonisches Tastengeklirr unterbrochen wurden, das so klang, als zertrümmerte man ein Porzellanservice; immer dann, wenn ich voller Frustration und Zorn mit beiden Händen übersprungartig auf die Tasten einschlug, ohne dass dies mit dem einzustudierenden Stück zu tun hatte. (Da funktionierten linke wie rechte Hand übrigens in absolutem Einklang.) Nichtsdestotrotz bescheinigten mir mein Klavier-, mein Musiklehrer in der Schule sowie der Flötenlehrer meiner damals besten Freundin Talent und viel Gefühl für Musik. Mochte sein. Nur Geduld war nicht meine stärkste Eigenschaft, und wenn ein gut funktionierendes Stück von mir gespielt wurde, das ich hasste, war das immer mit Blut, Schweiß, Tränen, vielfachem Tastenklirren, Wutanfällen, Aufspringen vom Klavierhocker nebst Raufens der Haare verbunden gewesen.

Zum Glück bin ich heute etwas ruhiger. Erheblich geschickter bin ich nicht geworden, aber inzwischen kann ich damit ganz gut umgehen.

Zu Zeiten meines Ex-Freundes Henrik war ich noch etwas empfindlicher. Wir saßen einmal vor dem Fernseher und sahen gemeinsam „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“. Es kam die Szene, da sie einigermaßen angeschickert mit ihren Freunden mit dem Taxi nach Hause fährt, die Autotür öffnet und aus dem Auto fällt, was ihre Freunde offenbar als normal ansehen: „Der fehlt nichts. Fahren Sie weiter.“ Ich musste leise grinsen, hatte aber nicht mit Henrik gerechnet, der sich vor Lachen fast ausschüttete und rief: „Die ist ja genauso wie du, Ali!“ – „Wieso? Was meinst du?“ – „Das hättest du sein können! Genauso wurschtig!“

Ich gebe zu, ich war etwas pikiert. Wurschtig? Genauso wie ich? Ich sah ihn empört an und meinte: „Könntest du das bitte etwas genauer ausführen? Wo bin ich wurschtig?“ Henrik verschluckte sich beinahe und sah mich mit vor unterdrücktem Lachen verzerrtem Gesicht an. Ich tappte mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden. Nun, also! Wo? Und bei welcher Gelegenheit?

„Erinnerst du dich daran, wie du diesen genialen Mixer ausprobieren wolltest?“ O Gott, ja … Ich wollte einen Milchshake machen. Und da wir nur Bananen im Haus hatten, obwohl ich Bananen-Milchshakes gar nicht so mag, eben mit den vorhandenen Früchten. Das Gerät musste doch ausprobiert werden – völlig gleich, womit! 😉 Wie gut, dass wir keine Erdbeeren im Hause hatten … Denn ich erinnere mich mit Schaudern, wie wir den Milch-Bananen-Mix von den Wänden waschen mussten … Und wie wunderbar Bananen-Milch-Mix längere Haare, ergo meine damals, schier untrennbar miteinander verbindet.

„Naja, das war einmal! Was denn noch?“ begehrte ich auf.

„Erinnerst du dich daran, wie du dich damals mit diesem Taxifahrer an die Köppe bekommen hast, der uns erzählen wollte, von 1933 bis 1945 wäre alles viel besser gewesen? Ich war richtig stolz auf dich, weil du den fiesen Typen richtig zur Schnecke gemacht hast.“  – „Na, also!“ – „Doof war nur die Sache beim Aussteigen.“ O Gott, ja … „Denn du hattest dem Typen gesagt, er solle sofort anhalten und uns aussteigen lassen – lieber gingen wir zu Fuß, als mit ihm zu fahren.“ Ja … „Und dann bist du beim Aussteigen mit dem Mantelsaum hängengeblieben und auf die Straße gekracht. Und der Taxifahrer hat blöde gelacht und hat gesagt: `Ja, so kann es gehen, wenn man links ist.‘“ Ja, ich erinnerte mich. Mein schöner Auftritt völlig verdorben! Ich grinste schief.

„Und dann, nicht zuletzt, die Sache von vor Weihnachten!“ Henrik lachte sich fast scheckig. „Als du die Weihnachtsdeko für den Baum reparieren wolltest.“ O ja. Ich erinnerte mich. Neben den obligatorischen Weihnachtsbaumkugeln – hier in Blau, Weiß und Silber – hatte ich drei total kitschige, aber niedliche Eisbärenfiguren gekauft, glimmernd und glitzernd. Die eine Figur stand aufrecht, eine lag, und die dritte befand sich in sitzender Position. Superkitschig, aber irgendwie ganz niedlich – und an Weihnachten ist Kitsch quasi zwingend notwendig. Nur: Bei einer der drei Figuren, der stehenden, war das Aufhängebändchen am Kopf nur einseitig befestigt, das andere Ende hatte sich gelöst. Das musste dringend befestigt werden, damit man das Bärchen auch in den Baum hängen konnte. Mit Alleskleber war da wenig zu reißen, und so kaufte ich eine kleine Tube Sekundenkleber. Und ich war besonders vorsichtig. Aber manchmal ist genau die besondere Vorsicht, die man walten lässt, völlig verkehrt … Ich erinnere mich noch, wie trotz oder gerade wegen meiner Vorsicht ein Schwall des Klebers auf Acrylbasis aus der winzigen Tube schoss, sowohl über den Kopf des Eisbären-Anhängers wie auch meine Finger lief und binnen Sekunden – der Name „Sekundenkleber“ kommt nicht von ungefähr! – auszuhärten begann. Ich war selber für Sekunden fasziniert von der Wirkung des Klebers. Nicht nur, dass meine Finger plötzlich ziemlich heiß wurden – sie wurden von Sekundenbruchteil zu Sekundenbruchteil auch immer weniger flexibel. Und zu allem Überfluss klebte ein glitzernder, kleiner Deko-Eisbär daran!

Ich habe ja – ich erwähnte es schon – ein recht lebhaftes geistiges Auge. Vor demselben erschien ganz plötzlich folgendes Szenarium: Ali geht am nächsten Morgen peinlich berührt zu ihrem Hausarzt. Eine Hand ist verbunden und weist eine grotesk wirkende Ausbeulung auf. Beim Arzt gefragt, was Zweck des Besuches sei, sagt sie nur: „Das möchte ich ganz persönlich mit Herrn Dr. Büter besprechen.“ Und so sitzt sie im Wartezimmer, und das unter lauter saisongerecht hustenden, niesenden und krächzenden Patienten. Dann kommt sie dran, sitzt im Sprechzimmer, der Arzt kommt und fragt nach dem Grund des Besuchs. Und da wickelt sie den Verband ab, und zum Vorschein kommen zwei untrennbar miteinander verbundene Finger, an dessen einem ein kitschiges Deko-Eisbärchen klebt, das unverdrossen vor sich hin glitzert …

Nee! So nicht! Nicht mit mir! Und so riss ich mir lieber die oberste Hautschicht ab. Hui, das war nicht angenehm, aber immerhin besser, als sich beim Arzt zum Affen zu machen.

Daran erinnerte ich mich nur zu gut. Henrik lachte, sah mich an und meinte: „Du bist echt eine richtige Trümmerlotte. Aber das macht dich besonders liebenswert.“ Ich grinste noch schiefer als zuvor – ich war mir dessen nicht sicher.

Aber ich freue mich immer sehr, wenn ich auf Gleichartige treffe. 😉 Und bei mir gibt es auch keine Weihnachtsbäume mehr. Ist ja ohnehin total spießig. Und bisweilen sogar gefährlich. 😉

Die neueste Masche

Seit gestern bin ich im „Wahn“. Es ist etwas passiert, das meine Mutter und an allererster Stelle ich für völlig absurd, undenkbar und derart unwahrscheinlich gehalten hätten, dass es ans Unmögliche grenzt …

Neulich war ich zum Einkaufen in einem Discounter. Discounterbesuche sind bei mir stets mit der Gefahr verbunden, dass ich von dort mit Dingen heimkomme, die beileibe nicht auf meiner Einkaufsliste standen. Denn: Es gibt immer diese tollen Aktionen, Aktionswochen und reizvollen Angebote jenseits des Standardangebotes. Erst kürzlich kehrte ich mit einem brandneuen Bügeleisen – von Singer! – aus einem dieser Geschäfte zurück.  Gut, das war eine durchaus vernünftige Anschaffung, denn mein altes Bügeleisen ist ein Elektrobügeleisen und heißt quasi Methusalem. Das neue war ein echtes Schnäppchen und ist ein Dampfbügeleisen. Jetzt fehlt mir optimaler Weise nur noch ein dampfbügeleisengeeignetes Bügelbrett – aber das wird sicher demnächst wieder in einem der tollen Discounter angeboten. 😉

Deko-Artikel für Weihnachten, ein Set Pastell-Ölkreiden, das noch auf seinen Ersteinsatz wartet, Flipflops, ein Satz China-Reisschalen, Anti-Rutsch-Socken (ich hasse Hausschuhe!) – all diese Dinge haben mich schon vom Discounter nach Hause begleitet.

Socken sind überhaupt ganz gefährlich! Zum Glück echte Gebrauchsartikel, von denen ich eine größere Anzahl besitze, die laufend changiert (man muss sich ja auch von kaputten Socken trennen). Aber ich benutze sie alle.

Vor einigen Wochen jedoch passierte etwas völlig Atypisches. Bei einem der bekannten Discounter war das Aktionsangebot ganz auf textiles Gestalten ausgelegt: Es gab Zubehör zum Sticken, Stickseide, sogar einen Stickrahmen, Tischdecken mit vorgedrucktem Stickmuster. Das ist wie Malen nach Zahlen und sogar für textilgestaltende Rohrkrepierer wie mich geeignet, aber dann doch zu doof. Sticken habe ich ohnehin immer gehasst – ich mag diese fisseligen Arbeiten gar nicht. Allein schon immer dieses lästige Einfädeln! Und dann: Kreuzstich! Bah – die wohl spießigste Sticktechnik, die ich kenne. Ich hasse Kreuzstichmuster! Ich wurde damit in der Schule gequält. Einzig hübsch, wie ich finde, der sogenannte Plattstich und der Stielstich. Und generell habe ich gar nichts gegen Besticktes, vor allem mit schön glänzendem Garn. Nur: Ich möchte das auf keinen Fall selber machen. Ich bin traumatisiert durch meinen Handarbeitsunterricht, der euphemistisch Textiles Gestalten hieß. Meine textilen „Gestalten“ ähnelten jedoch eher Galgenvögeln, Tagedieben und Halunken. 😉

Weiterhin gab es Häkelgarne, Häkelnadeln in verschiedenen Stärken – zur Herstellung total pfiffiger Oberteile, Mützen und Schals. Häkeln! Damit stand ich auch stets auf Kriegsfuß. Leider. Es gibt wirklich sehr schöne Häkeltops, für die man im Geschäft nicht selten etwas tiefer in die Tasche greifen muss. Wie schön wäre es, diese selber herstellen zu können! Aber da habe ich zwei linke Hände – oder zwei rechte, aus Linkshändersicht betrachtet. Und auch Häkeln hat für mich irgendwie etwas Spießiges an sich. Wie gesagt: Ich bin da traumatisiert. 😉

Ich ging ernüchtert an der Sonderaktion vorbei … Doch da! Was war das denn? Wolle! Wunderschöne Wolle zum Stricken! Genauer: zum Stricken eines Schals. Eine Art Materialmix, eine Melange aus verschiedenen Farben und Materialien, unter anderem Lurex. Grundfarbe: ein wunderschönes Rot.

Nun ist es nicht so, dass ich nicht schon einige Schals besäße, aber diese Wolle, dieses Rot zog mich an wie ein Magnet. Und dann noch Lurex-Bestandteile! Ich liebe doch alles, was glitzert und glänzt und vermute, dass unter meinen Vorfahren Elstern oder andere Raben- bzw. Krähenvögel gewesen sein müssen. 😉

Schon hatte ich ein Gebinde mit 4×50 g Wolle in der Hand, ausreichend für einen Schal, offenbar in einer Art Trance befindlich. Diese führte dazu, dass ich in der Schütte neben der Wolle auch noch die ebenfalls feilgebotenen Stricknadeln sichtete und mit fliegenden Händen nach Stärke 8 suchte, da die Wolle etwas dicker ist. Und ich erwischte das letzte Paar Stricknadeln, Stärke 8! 😉 Wie ein Held, der siegreich aus einer Schlacht heimkehrt, eilte ich zur Kasse, zahlte und trug meine wunderbare Errungenschaft nach Hause.

Dort überfiel mich Ernüchterung. Ich sticke und häkle nicht nur nicht gern, auch das Stricken gehörte nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Und nun hatte ich 200 g Wolle und Stricknadeln im Haus – wozu um alles in der Welt? Was war nur in mich gefahren?

Meine Gedanken schweiften zurück in die Schulzeit, in den Unterricht in textilem Gestalten. Egal, was gerade thematisch anlag: Stets stellte sich heraus, dass ich es nur suboptimal beherrschte und auch kaum Fortschritte zu erkennen waren. Als gerade Sticken auf dem Lehrplan stand, musste meine Mutter mein Werk in Kreuzstich (!) komplettieren, da ich derart lustlos und langsam daran herumstichelte, dass man es nur als faul bezeichnen konnte. Überhaupt hat meine Mutter diverse Exponate von mir komplettiert, dreimal sogar zur Gänze höchstselbst angefertigt und immer eine prima Note dafür bekommen. 😉

Häkeln? Siehe oben. Dann ging es mit Nähen los. Nicht etwa manuell, sondern mit der Maschine. Das erschien mir etwas interessanter, und ich lernte tatsächlich einfache Naht, Rechts-Links-Naht und die Flachnaht. Doch bereits in den blutigen Anfängen zeigte sich, dass auch auf dem Gebiet Nähen nicht unbedingt mit Stärken meinerseits zu rechnen war. Als wir ein Stück Stoff mit Overlock versäubern sollten, trat ich wohl etwas zu heftig auf das Pedal, machte quasi einen Kickdown, und mein Overlock versäuberte keineswegs die Stoffkante, sondern landete irgendwo im Nirgendwo – Fadenchaos bei der Maschine. Und auch da immer dieses lästige Einfädeln! Angesichts meines stürmischen Kickdown-Verhaltens stand meine Handarbeitslehrerin, Frau Schlotmaier, eine an sich sehr nette und liebe Frau – nur mit dem falschen Fach – kopfschüttelnd und resignierend neben mir und meinte: „Zum Glück fährst du noch nicht Auto!“

Wenn ich es mir recht überlege, haben wir im Unterricht nie gestrickt. Wahrscheinlich lag meine Verzückung ob der Wolle daran, dass ich keine negativen Erfahrungen mit dieser Handarbeitsart in der Schule gemacht hatte. Meine Mutter hat mir gezeigt, wie man strickt. Auch da war ich keine Meisterin. Ich erinnere mich noch mit Grauen an einen Schal aus weißer Mohairwolle, den ich im Patentmuster für meine Schwester zu Weihnachten strickte. Fehler inklusive, die wie bei Malern einer Signatur nicht unähnlich inmitten der Maschen prangten. Auch verjüngte sich der Schal auf wundersame Weise unter der Arbeit. Stephanie hat den Schal tatsächlich einmal getragen – wohl, um mich nicht allzu sehr zu verletzen, denn ich hatte mir richtige Mühe gegeben. 😉

All diese frustrierenden Erlebnisse tauchten vor meinem geistigen Auge auf, als ich mit der Wolle und den Nadeln heimgekehrt war. Und so landete die Wolle erst einmal im Schrank. Dort lagerte sie unbeachtet drei Monate. Bis gestern.

Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich auf einmal das Paket aus dem Schrank zerrte, die Nadeln aus ihrer Verpackung befreite und mir fest vornahm, diesen verflixten Schal zu stricken. Vermutlich lag es daran, dass ich etwas gestresst bin und mein Akku offenbar ziemlich leer ist. Stricken soll ja angeblich eine sedierende Wirkung haben. Und wenn man wie ich Baldrian nicht verträgt … 😉

Ich packte alles aus. Und stand schon vor dem ersten Problem. Wie um alles in der Welt schlägt man Maschen an? Ich gestehe, das hatte früher bei meinen Strickoffensiven immer meine Mutter gemacht. Sie hatte versucht, es mir zu zeigen, aber mein Interesse war nicht das größte, und ich konnte mir die im Grunde einfachen Handgriffe nicht merken. Waren die Voraussetzungen gegeben, strickte ich munter drauflos, Fehler inklusive, siehe oben. Doch hier war ich auf mich allein gestellt. 😉

Wie gut, dass es das Internet gibt. Ich fand eine idiotensichere Anleitung mit Bildern – sogar Videos gab es. Mir waren die stehenden Bilder aber lieber, und so schlug ich mit erlahmendem linken Zeigefinger und Daumen, um die der Faden geschlungen war, zwanzig Maschen an. Puh!

Ich fühlte mich großartig, als die zwanzig Maschen auf der Nadel waren! Ein echtes Erfolgserlebnis! 😉 Endlich konnte es losgehen!

Ich beschloss, mich nach der auf der Wollpackung angegebenen Strickanleitung zu richten. Ergo glatt rechts gestrickt. Also hin rechte Maschen, zurück linke. Moment! Wie ging das nochmal? Lieber noch einmal im Internet nachschauen. Ah, ganz einfach. Und ich konnte es noch! Linke Maschen empfand ich immer schon als größere Herausforderung, aber selbst die gelangen problemlos. 😉

Und so saß ich auf der Couch, strickte munter rechts und links, und seit gestern Abend ist schon der halbe Schal fertig. Irre! 😉

Liebe Leser: Es gibt immer Dinge im Leben, die man nicht beherrscht oder bei denen man vor einer Hemmschwelle steht. Dabei ist es so einfach, diese zu überwinden. 😉 Niemand, der mich kennt, würde annehmen, dass ich freiwillig mit dem Stricken anfange. Aber es geht, und man kann auch als Erwachsene noch lernen, wie man Maschen anschlägt. Also: Gebt nie die Hoffnung auf! 😉

Doch nun muss ich aufhören. Ich muss dringend weiter stricken. 😉 Und wenn der Schal fertig ist, male ich ein Selbstportrait mit den noch geduldig im Wartezustand verharrenden Pastell-Ölkreiden … 😉

„Freue dich, ’s Christkind kommt bald …“ Oder: Achtung, Rotwein!

Gestern fand das Weihnachtsessen mit den Chefs statt. Meine beiden Kolleginnen und ich mit unseren insgesamt fünf Chefs in einem Restaurant bei vorweihnachtlichem Geplauder und – hoffentlich – gutem Essen. Übermäßig groß war meine Lust dazu nicht, aber es wurde dann doch recht nett.

Ich ging mit dem ehernen Grundsatz hin, mich so zu benehmen, wie meine Eltern mich auch erzogen haben, speziell, was Restaurantbesuche, noch spezieller, was formelle Essen und Dienstveranstaltungen anbelangt. Besonders mein Vater predigte wiederholt: „Hier ein guter Rat für dein späteres Berufsleben, Ali: Auf Betriebsfeiern, bei dienstlichen Essen und Betriebsausflügen sollte man sich immer dezent benehmen. Auf keinen Fall zu viel Alkohol trinken, gar auf den Tischen tanzen oder sich mit Vorgesetzten verbrüdern und duzen oder Schlimmeres. Denn du musst am nächsten Tag da wieder hin, und man will sich ja auch nicht blamieren. Am Ende steht man dann da mit einem ruinierten Ruf.“ Dieser Rat stand mir auch gestern vor Augen, wenn auch nun wirklich keinerlei Gefahr bestand, dass ich mich mit meinen Vorgesetzten verbrüdern, sie duzen oder gar „Schlimmeres“ mit ihnen machen würde. 😉 Und meine beiden Kolleginnen scheinen da ähnlich zu ticken, so dass es ein ganz netter Abend wurde.

Ich bin da immer etwas zurückhaltend, denn ich habe vor Jahren, als ich noch in einer anderen Firma arbeitete, miterleben müssen, wie eine Kollegin ebenfalls bei einem Weihnachtsessen mit Vorgesetzten völlig außer Rand und Band geriet …

Schon zuvor hatte Nina mich gebeten, etwas auf sie aufzupassen. „Ich darf auf keinen Fall Rotwein trinken! Überhaupt muss ich mit Alkohol vorsichtig sein – ich vertrage nicht so wahnsinnig viel. Passt du da bitte etwas auf mich auf, Ali?“ Ich versprach es ihr. Verständlich, dass sie sich absichern wollte, zumal sie bisweilen ein recht überschäumendes Temperament ihr eigen nannte.

Damals waren wir in einem italienischen Restaurant gewesen, und als wir alle gemeinsam an einem größeren Tisch saßen, bestellten wir zunächst Wasser, während wir die Speisekarte studierten. Ich tue mich mit Entscheidungen, was Speisekarten anbelangt, immer etwas schwer, schwankte zwischen Filetto di cobite comune con salsa al prosecco und Filetto di manzo all’Amarone, Rinderfilet in Rotweinsauce, in diesem Falle ein Amarone. Ich weiß es noch heute, denn es hat sich in mein Gehirn gebrannt. Ich schwankte zwischen Fisch und Fleisch. Schließlich entschied ich mich für das Filet vom Gemeinen Steinbeißer in Proseccosauce. Dazu wählte ich einen Weißwein, einen Vermentino di Sardegna.

Nina nahm Tortelloni mit Spinat und Pecorino. Und nachdem sie das Weinangebot studiert hatte, sagte sie zu meinem großen Erstaunen sehr selbstbewusst zum Ober: „Ich nehme den Montepulciano.“ Montepulciano? In meinem Gehirn tauchte ein Satz Ninas auf: „Ich darf auf keinen Fall Rotwein trinken!“ Und dann ein zweiter, eine Frage: „Passt du da bitte etwas auf mich auf, Ali?“

Ich sah sie überrascht an und meinte leise: „Rotwein?“ Sie nickte selbstbewusst und meinte: „Nur ein Glas, Ali!“ Nun ja, wenn es nur ein Glas war, würde es sicherlich gehen. Ich selber vertrage Rotwein nicht so gut, und bereits nach einem Glas und je nach Tagesform besteht bei mir die Gefahr eines Migräneanfalls. Das ist zwar unangenehm, verhindert jedoch, dass ich Rotwein trinke. 😉 Und das ist nicht immer ein Nachteil, denn der hat es bisweilen wirklich in sich …

Zunächst jedoch aßen wir diverse Antipasti. Sehr gut, ich liebe ja Antipasti jeder Art, auch polpo und seppie – verschiedene Tintenfischarten. Nicht jedermanns Sache, aber ich ärgerte mich beinahe, nicht einfach eine Vorspeisenplatte bestellt zu haben. Natürlich gemischt und mit viel Fisch. 😉

Dann kamen die Hauptspeisen, und dazu kam der Wein. Wir aßen, und ich nippte ab und an zierlich an meinem Weißweinglas. Ich bin normalerweise Biertrinkerin, wenn ich Alkohol trinke, und da ist es geraten, bei Wein ein anderes Trinkverhalten an den Tag zu legen. Langsameres Tempo, kleinere Schlucke, zumal man das Ganze ja auch genießen möchte. 😉 Und schließlich will man ja auch nicht vor den Chefs plötzlich völlig aus dem Ruder laufen und unter Absingen obszöner Lieder aus dem Restaurant entfernt und in ein Taxi verfrachtet werden, während der Chef dem Taxifahrer Geld in die Hand drückt und diesem aufträgt, einen zu Hause sämtliche Treppen bis zur Wohnung hochzuschleppen und dafür Sorge zu tragen, dass man auch in der Wohnung verschwindet. Klappe zu, Affe tot. 😉

Als ich während der Unterhaltung nach rechts blickte, sah ich, dass Ninas Glas fast leer war. Soeben griff sie danach und verleibte sich auch noch den Rest ein. Meines war noch fast voll. Im Nachhinein war ich froh darüber, denn gerade eben kam der Kellner an unserem Tisch vorbei, und Nina rief ihm zu: „Hallo? Kann ich noch einen Montepulciano haben, bitte?“ – „Sì, signora,“, war die Antwort, und er eilte zum Ausschank zurück. Ich sah Nina an und meinte: „Äh, wie jetzt? Du trinkst noch mehr Rotwein? Ich will ja beileibe keine Spielverderberin sein, aber darf ich dich an deine Worte zum Thema Rotwein erinnern? Und erinnere dich bitte an die Feier neulich …“ Nina lachte nur und meinte: „Aber er schmeckt wirklich gut!“ Ich dachte mir, dass Nina ja schon seit diversen Jahren volljährig sei, beschloss aber, ein Auge auf sie zu haben, als ein frisch gefülltes Glas vor ihr abgesetzt wurde. Fröhlich ergriff sie es, prostete allen in der Runde zu und setzte es an …

Im Laufe dieses Glases fing sie an, sehr oft und sehr laut zu lachen, warf ihr leeres Wasserglas um, als sie das Rotweinglas abstellen wollte. Dann schäkerte sie mit ihrem Chef und wurde teils sogar etwas frech. Ich stupste sie mehrfach an, aber sie reagierte gar nicht, und so trat ich ihr gegen das Schienbein. Sie sah mich an und sagte laut und empört zu mir: „Aua! Wieso trittst du mir gegen das Schienbein?“ O je. Ich merkte, wie die Situation langsam und leise zu entgleiten begann. Obwohl … leise leider nicht gerade. Eine unserer Vorgesetzten schoss blitzähnliche Blicke auf Nina ab, deren etwas vorlautes und nicht allzu leises Benehmen ihr wohl aufstieß. Mir wurde langsam warm, denn jeder Versuch, Nina in ihrer Entfesselung zu bremsen, schlug fehl. Als sie erneut lauthals lachte und weitere leicht freche Bemerkungen zu ihrem Chef machte, sah ich, wie Frau Jensen, die Vorgesetzte, zur Flasche „San Pellegrino“ griff, sie aufschraubte, sie schräg über den Tisch in Richtung von Ninas Wasserglas hielt und Nina in giftigem Tonfall fragte: „Wasser?“ Wirklich richtig giftig. Sie spie das Wort Wasser richtiggehend aus, und mir wurde schon angst und bange. 😉

Nina hingegen rief laut und entfesselt: „Au ja, gern!“ Und dann brach sie in einem erneuten Lachflash fast zusammen. Frau Jensen sah sie an, als würde sie ihr am liebsten die Wasserflasche über den Scheitel hauen, aber sie schenkte ihr ein. Sehr energisch. Nina nahm leider nur einen winzigen Schluck aus dem Wasserglas und widmete sich lieber wieder dem Rotwein. Ich sagte leise: „Trink langsamer, und trink um Himmels Willen von dem Wasser!“ Aber Nina lachte mich nur aus und meinte: „Wieso ’nn – ’s iss doch grad so lussstich!“ O Gott! Mir wurde immer wärmer – wahrscheinlich hatte ich schon Schweißtropfen auf der Stirn stehen!

Ich bin gewiss kein Engel, und ich bin auch keine Spielverderberin, aber ich wusste, Nina würde sich am nächsten Tag in Grund und Boden schämen, ginge es so weiter. Aber was sollte ich tun? Sie k.o. schlagen? Wie hätte das erst ausgesehen? Die eine trinkt sich um Kopf und Kragen, und die andere, zwar nicht betrunken, hat sich aber nicht im Zaum und schlägt die hilflose Kollegin k.o. … Tolles Weihnachtsessen.

Zum Glück wollte Nina dann nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Ich rauche auch, und so ging ich mit. Noch draußen vor dem Lokal lachte Nina laut und enthemmt, und sie zeigte mit dem Finger auf mich und rief: „Heee, Ali – hassu gehört, wassich ssu meim Chef gesacht habe?“ – „Ja. Ich habe alles gehört, wirklich alles.“ – „War nich gut?“ – „Was von all dem denn genau?“ – „Na, dasss … hicks da vorhinnn …“ Ich dachte, es sei besser, würden wir ein paar Schritte gehen – am besten ein Stück vom Restaurant weg. Nina klammerte sich an meinem Arm fest und meinte: „Huch, kann gaaa nich mehr richtig gehen – blödes Pflaster hier. Sachma, Ali!“ – „Was?“ – „Das Sch…raßenpflaster ist echt blöd. Bin umgeknickt. Aua.“ Und sie lachte schrill.

Mir graute ein wenig vor dem Moment, wieder ins Restaurant gehen zu müssen. Andererseits musste ich auch lachen, denn Nina wirkte kolossal amüsant, und ich mochte sie ja obendrein. Dennoch war ich froh, dass nicht ich in dieser Verfassung war, ich gebe es zu.

Nach zwei Zigaretten gingen wir wieder ins Lokal. Nina setzte sich und stellte fest, dass ja ihr Glas fast leer sei. „Könn‘ wir noch was bestelln?“ krähte sie laut über den Tisch. „Aber natürlich.“ So ihr Chef. Und in einem Anflug von „Vernunft“ meinte Nina zu mir: „Ich nehmaber lieber ’n Bier. ’ss besser.“ Ich hätte noch besser gefunden, hätte sie gar keinen Alkohol mehr bestellt, und ich wies sie darauf hin, dass sie doch noch Wasser im Glas habe. Aber sie winkte nur ab, lachte entfesselt und fing erneut an, mit ihrem Chef herumzuschäkern. Frau Jensen und einige andere Vorgesetzte mussten da leider ganz plötzlich aufbrechen. Eine andere Kollegin von mir ebenso, die ich am Nachmittag zuvor gefragt hatte, ob sie mich mitnehmen könne, wenn der Abend beendet sei. Wir wohnten im selben Stadtteil.

Marion fragte mich auch leise: „Ali, willst du mitfahren?“ Ich wäre gern gegangen, ich war sehr müde an jenem Tag, aber ich fühlte mich verantwortlich und wollte Nina nicht alleinlassen. Die wartete ungeduldig auf ihr Pils, während die anderen gingen und wir nur mit zwei Vorgesetzten zurückblieben, mit denen Nina dann ungebremst plauderte. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, hin zum Ausschank, und so bekam ich mit, wie der Getränkekellner gerade den Inhaber des Lokals fragte, für wen das Bier denn sei. Der Inhaber antwortete: „La birra è per la bella bimba!“ Und mit dem Kopf deutete er auf Nina, die gerade mit ausschweifenden, raumgreifenden Armbewegungen irgendetwas erklärte.

Ich musste grinsen. Bella bimba! Und unvorsichtig meinte ich zu Nina: „Weißt du, wie die dich gerade genannt haben?“ – „Nee! Wie?“ – „Bella bimba!“

Ein wahrhaft unvorsichtiger Ausspruch, denn Nina schrie laut über den Tisch: „Wie ham die mich genannt? Was heißt das?“ – „Pssst!“ – „Wie ham die mich genannt?!? Was heißn das?“ – „Nicht so laut!“ Da kam auch schon das Bier …

Nina ergriff sofort das Glas und trank begeistert. Und im Verlaufe dieses Glases wurde ihr Erzählstil immer lebhafter in der Art ihrer Gestik. Als auch dieses Glas leer war, kam der Satz, den sie wohl am häufigsten an diesem Abend gesagt hatte: „Könn‘ wir noch was bestelln?“ Aber ja. Was hätten unsere Vorgesetzten auch sagen sollen? Nina wartete nicht einmal, bis der Kellner an den Tisch kam: Sie riss ihren Arm mit dem leeren Glas hoch und rief mit schwankend-überschnappender Stimme: „Noch eins! Bitte …“ Als der Kellner damit an den Tisch kam, bestellte mein direkter Vorgesetzter sich eine Fanta, Ninas Chef eine Cola und ich eine Weinschorle mit viel Wasser.

Und es wurde später und später. Irgendwann wies Ninas Chef darauf hin, dass die Belegschaft schließen wolle. Und er ging, die Rechnung zu begleichen, hinter ihm her Ninas Stimme: „Könn‘ wir nich noch was bestelln?“ Ich rammte ihr den Ellbogen in die Seite. Ohne Wirkung, wie auch alles zuvor …

Nachdem die Rechnung bezahlt war und Ninas Chef sich noch einmal an den Tisch gesetzt hatte, kam der Inhaber des Restaurants und fragte, ob er denn noch einen aufs Haus ausgeben dürfe, einen Sambuca oder einen Limoncello. Ich hasse Sambuca, aber ich mag Limoncello. Nur wollte ich lieber nichts mehr – nur noch nach Hause. Einen Sack Flöhe zu hüten, muss einfacher sein als meine liebe Ex-Kollegin Nina, wenn sie Alkohol getrunken hat. 😉 Mein Chef wollte auch nichts, aber Nina sagte nicht nein und haute sich den Limoncello auf ex in den Kopf. Ihr Chef auch.

Endlich brachen wir auf! Ich war erleichtert, als wir das Restaurant verließen, wobei mein direkter Vorgesetzter mich angrinste – ihm war wohl klar, welche Aufgabe ich da erfolglos verfolgt hatte. 😉

Ich war wirklich erleichtert, als wir auf der Straße standen. Die Gefahr war gebannt, und gleich würde ich zu Hause ins Bett kriechen und den Schlaf der Gerechten schlafen.

Wie man sich doch irren kann! Denn beide Chefs fragten, ob sie uns denn allein da auf Ninas Freund warten lassen könnten, der schon mit dem Auto unterwegs war und auch mich dann nach Hause fahren sollte. Bevor Nina etwas sagen konnte, meinte ich beruhigend: „Aber ja. Wir sind ja zu zweit. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Kaum hatte ich ausgesprochen, hörte ich von links eine laute Stimme, genauer, Ninas Stimme, scheppern: „Nee, mach’n Se sich keine Sorgen! Wenn wir morgen nich mehr hier stehn, sind wir im Bordell! Hahaha!“ Und sie schüttete sich vor Lachen aus und rief noch einmal: „Im Bordell! Hahaha!“ Ich spürte förmlich, wie meine Gesichtszüge entgleisten – ich hätte gern mein Gesicht gesehen. Ninas Chef drehte sich zur Seite, um sein Grinsen zu verbergen, und mein Chef sah aus, als hätte jemand ihn mit einem Messer bedroht …

Als ich wieder sprechen konnte, betonte ich erneut, dass wir wirklich problemlos allein warten könnten, und da gingen die Chefs dann. Ich war sehr froh – wer wusste, was Nina noch so alles absondern würde …

Kaum waren die beiden weg, meinte Nina: „Habbich gerade gesacht, dass wir im Bordell wärn, wenn wir morgen nich mehr hier stehen würden?“ – „Ja, hast du. Und ich bin froh, dass du wenigstens Bordell und nicht Puff gesagt hast.“ Ein grober Fehler, denn Nina starrte mich entgeistert an und schrie dann im höchsten Diskant über die nachtstille Straße: „Ich habe nicht gesacht, wir wärn im Bordell!“ – „Pssst, nicht so laut! Doch, hast du gesagt!“ – „Ich hab nich gesacht, dass wir im Bordell wärn!“ Noch lauter. Hinter uns kicherten die Angestellten des Restaurants, die vor der Tür eine Zigarette rauchten.

Und noch ein drittes Mal: „Ich hab nich gesacht, dass wir im Bordell … Wir sinn doch keine Nutten!“ Ich griff mir erschöpft an die Stirn. Als ich wieder hochsah, sah ich Ninas Chef in einiger Entfernung an einem Bettengeschäft stehen. Er hatte wohl sicherheitshalber doch warten wollen, weil auf der Straße einige sinistre Gestalten herumliefen. Er hatte Ninas Verzweiflungsschreie sicher auch gehört. Die fing gerade zu heulen an – auch das noch! Ich versuchte, zu trösten, was einige Zeit in Anspruch nahm. Als ich zum Bettengeschäft blickte, stand zum Glück da niemand mehr. Und auch Nina war etwas ruhiger geworden. Aber auch das nur die Ruhe vor dem Sturm, denn plötzlich griff sie zum Handy und meinte: „’ch muss mein‘ Chef anrufn un mich ’nschulding!“ – „Nein! Das machst du nicht! Bitte nicht! Wir vergessen einfach, was du gesagt hast. Dein Chef wird das genauso halten, und meiner auch.“ – „Nee! ‚ch muss den jetzt anrufn.“ Und einmal mehr ließ sie sich nichts sagen … Das Telefonat verlief dann aber harmloser, als ich befürchtet hatte – und dann kam endlich auch Ninas Freund. Ich war sehr dankbar.

Am dankbarsten, als ich dann im Bett lag. Schlafen konnte ich allerdings noch lange nicht – ich war völlig aufgedreht. 😉

Am nächsten Tag war Nina recht kleinlaut. Ich hingegen brach dauernd in apokalyptische Lachanfälle aus, wenn ich an den Abend zuvor dachte. Und seit diesem Tag hatte Nina bei mir einen Spitznamen, den sie hasste. Ich hingegen fand es witzig, ihr immer wieder zu sagen: „Sag mal, hast du diesen Bericht irgendwo noch als Mail, bella bimba?“ Oder: „Bringst du mir einen Kaffee mit, bella bimba?“ Oder: „Komm, bimba, es ist gerade ruhig – wir gehen eine rauchen.“

Ich habe seit diesem Abend übrigens aufgegeben, Nina jemals wieder zu „beaufsichtigen“. Hatte ja eh keinen Sinn. Bella bimba war einfach nicht zu bremsen, hatte sie Blut geleckt bzw. Alkohol getrunken. 😉

Gewissermaßen ein schwieriger Fall – in so mancher Hinsicht. 😉

Warum „Der Wolf und die sieben Geißlein“ immer eines meiner Lieblingsmärchen war

Ich bin in meiner Familie die Jüngste. In meiner „Kernfamilie“ noch dazu das einzige jüngere Geschwister, denn sowohl mein Vater, als auch meine Mutter und Stephanie sind das jeweils ältere von zwei Geschwistern. Ergo hat keiner von ihnen auch nur die leiseste Ahnung, wie es ist, das Jüngere, gar Jüngste zu sein.

Ältere Geschwister klagen ganz gern und durchdringend ihr Leid, wie benachteiligt sie stets seien. Vor der Geburt des jüngeren Geschwisters sei alles besser gewesen. Klar. Denn da waren sie der glänzende Mittelpunkt der Familie, ein Solitär und die Sonne, um die nicht nur Eltern, sondern auch Großeltern, Onkel und Tanten kreisten. Das Außergewöhnliche, das bei jeder neuen Errungenschaft begeistert mit Ah und Oh bewundert wird. Bis zu jenem Tag …

Dem Tag, an dem ein jüngeres Geschwister zur Welt kommt. Schon nicht mehr ganz so besonders wie das erste, obwohl brandneu und in seiner ganzen Art auch den Eltern noch unbekannt. Aber die Aufregung ist schon nicht mehr ganz so groß, noch dazu, wenn das Jüngere das gleiche Geschlecht wie das Erstkind hat.

Während fast jeder Entwicklungsschritt meiner Schwester in Bildern und Super-8-Filmen festgehalten wurde, gibt es von mir erheblich weniger Babyfotos oder –filme. Als Kind fand ich das nicht schön, beschwerte mich bisweilen bei meinen Eltern, fühlte mich weniger interessant.

Meine Schwester, wie zahllose andere ältere Geschwister, erklärte, dass ich viele Dinge, die sie in meinem jeweiligen Alter noch nicht gedurft hätte, dürfe – was ich da eigentlich wolle? Ältere Geschwister seien stets benachteiligt, müssten – ganz grauenhaft! – auch bisweilen noch auf die jüngeren Geschwister aufpassen. (Hier teilte ich – was selten vorkommt – ihre Meinung. Fand ich auch ziemlich grauenhaft. 😉 )

Das erklärte sie mir immer wieder. Auf meiner Seite sah sie offenbar keine Nachteile. Ich sah die zahlreich, sah aber auch ihre durchaus. 😉

Es fing damit an, dass meine weitere Familie, sprach sie über mich, nie meinen Namen nannte. Ich war immer nur „die Kleine“. Oma K. fragte: „Was machen denn Stephanie und die Kleine?“ Opa fragte: „Üben Stephanie und die Kleine auch immer fleißig Klavier?“ Onkel und Tante fragten: „Wie geht es denn Stephanie? Gut geht es ihr – ach, das ist ja schön! Ach, ja, und wie geht es der Kleinen?“

Klingt liebevoll? Nee. Klingt so, als wäre einzig das Kleinsein meine herausragende Eigenschaft gewesen. „Die Kleine“! Kleine sind nicht nur klein, sondern zu klein für viele Dinge. Und selbst wenn sie es gar nicht mehr sind, hält man sie dafür. Wird man „die Kleine“ genannt, werden einem zwar Missgeschicke nicht so übelgenommen. Der Vorteil.  Aber sie werden einem nicht so übelgenommen, weil man nicht für voll genommen wird. Wieviel lieber hätte ich es als Kind gehabt, hätte man mir tüchtig die Ohren langgezogen, lieber jedenfalls, als dass ich – mit nur geringer Schelte versehen – mich nicht einmal ernst genommen fühlte, wenn ich etwas getan hatte, was nicht in Ordnung war.

War ich stolz auf eine neue Errungenschaft, eine neue Fähigkeit, die ich meinen Eltern und sonstigen Verwandten demonstrierte, lachten die amüsiert und meinten: „Sieh mal, wie sie sich abmüht! Das kann sie also nun auch schon. Weißt du noch, wie Stephanie das damals gelernt hat?“ Egal, was ich tat – es war nie etwas Besonderes. Alles schon einmal dagewesen. Wer mag so etwas? Und man ist doch kein Abklatsch einer anderen Person – das will man nicht, das ist man auch nicht. Ich wollte das jedenfalls nie, und es war auch völlig unpassend, da meine Schwester und ich bekanntermaßen nur wenig gemeinsam haben.

Einzig, dass ich mir selber Lesen beibrachte – das war ein Novum. Das hatte Stephanie nicht getan. Und diese neue Fähigkeit erschloss mir ganz andere Welten. Niemand musste mir mehr vorlesen – was für ein Fortschritt! Ich las fortan viel, Erich Kästner, Astrid Lindgren – und Märchen. Ich liebte Märchen! Da ging alles immer gut aus, und das Gute siegte stets.

Rotkäppchen? Eigensinniges, dummes Gör! Seinetwegen musste ein Wolf dran glauben. Dornröschen? Zu passiv. Liegt da pennend herum, und jemand anders muss Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, es zu retten. Och nee …

Rapunzel? Schon interessanter. Zumindest fragte ich mich stets, was sie und der Prinz da im Turm immer so machten, wenn er sie besuchte. Meine Vorstellungen waren eher diffus … Und wie ein Kopf nebst Hals es wohl aushalte, wenn dauernd so beansprucht, dass ein ausgewachsener Mann an einem langen Zopf, der an diesem Kopf hängt, einen hohen Turm hinaufklettert. Aber interessanter doch, was die beiden da stundenlang wohl im Turm machten … 😉 Aschenputtel? Hmmm … Da konnte ich richtig sauer werden. Was bildeten sich Stiefmutter und hässliche Schwestern eigentlich ein? Aber so richtig vom Hocker hat mich auch das nicht gerissen. Allein schon dieses Abschneiden von Zehen und Fersen, um die klobigen Füße der hässlichen Schwestern in den zierlichen Schuh zu zwängen! Das fand ich irgendwie abstoßend.

Aber „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ – das liebte ich! Heiß und innig. Warum? Nun ja, so schwer ist das nicht zu verstehen, zumal ich schon immer sehr tierlieb war, und Ziegenkinder sind wirklich sehr süß. 😉 Aber das war nicht alles. Zwar werden die sieben Zicklein vom Wolf ganz fies überlistet, aber es geht gut aus. Für die kleinen Ziegen und ihre Mama, nicht für den Wolf. 😉 Und dann kam noch etwas hinzu: Die älteren Zicklein verstecken sich an völlig ungeeigneten Stellen vor dem Wolf – nur das Jüngste ist so intelligent, sich im Uhrenkasten zu verstecken statt im Bett, unter der Waschschüssel oder unter dem Tisch. Mal ehrlich – welcher Idiot versteckt sich unter einem Tisch? 😉

Dieses Märchen war immer Balsam für die Seele „der Kleinen“, also meine. Ha! Da, seht her! Das Kleinste am schlauesten! Das einzige Zicklein, das nicht vom Wolf gefunden und gefressen wurde, das sogar noch zur Auflösung des Falles beitragen konnte! 😉 Das hat mich immer getröstet und bestärkt. Außerdem waren die Bilder in meinem alten Märchenbuch recht niedlich, vor allem das kleinste Zicklein, wie es da aus dem Uhrenkasten lugt, während Mama Ziege in dem völlig verwüsteten, fast komplett entkinderten Haus steht, sich weinend die Hufe vors Gesicht schlägt und wehklagt.

Allmählich und auch mit Hilfe dieses Märchens und ähnlich gelagerter Geschichten schaffte ich es dann auch, meine weitere Familie mit meinem ihnen ungewohnten Namen vertraut zu machen, bevor es so weit kam, dass ich auf die Frage: „Wie heißt du denn?“ mit „Die Kleine“ antwortete.

Liebe ältere Geschwister, nein, nicht nur ihr seid benachteiligt. Blöde wie gute Aspekte sind einigermaßen gleichmäßig verteilt, wenn es mehrere Geschwister gibt. Es sei denn, man ist das mittlere von dreien, schlimmstenfalls auch noch gleichgeschlechtlichen.

Obwohl ich ja irgendwie noch immer davon überzeugt bin, als Solitär am besten zu wirken. 😉 Aber wahrscheinlich würde mir dann etwas fehlen. Es ist alles gar nicht so einfach … 😉

Unterwegs mit meiner Schwester: Fünf Tage in London

Warum ich mich darauf einließ, weiß ich nicht. Warum sie sich darauf einließ, weiß sie sicherlich auch nicht, denn meine ältere Schwester Stephanie und ich sind – wie schon erwähnt – so verschieden wie Feuer und Wasser. Wer was ist, ist schwer festzulegen, und ich vermute, die Rollen wechseln bisweilen. 😉

Jedenfalls fassten wir anno 2013 den Beschluss, gemeinsam im August fünf Tage lang nach London zu reisen. Ich hatte gerade einen Umzug hinter mir und fragte mich selber, warum ich da nicht lieber auf eine Hallig fuhr oder in die Abgeschiedenheit der Berge, um Ruhe zu finden. Allein. Doch nein! Ich verreise nicht gern allein, ich gebe es zu. Und so hoben wir Mitte August vom Flughafen Düsseldorf Richtung London-Stansted ab.

Anfangs war alles noch recht harmonisch, obwohl Stephanie angesichts meines gigantischen blauen Trolleys – ich besitze zwei davon: einen großen blauen und einen kleinen roten für Wochenend- oder sonstige Kurztrips – bereits von Anfang an lästerte, er ähnle einem Schrankkoffer. Die Ahnungslose! Mein Trolley war zwar halbleer, als ich nach London flog, aber er würde ziemlich voll sein, würden wir wieder abfliegen. Allein Teedosen nehmen viel Platz ein. Und die vielen anderen Dinge erst, die ich jedes Mal in London so entdecke!

Der Trolley blieb noch länger Gesprächsstoff. Denn als wir aus Stansted in London am Bahnhof Liverpool Street eingetroffen waren, dort zwei Oyster Cards für die Tarifzonen 1 und 2 gekauft, die Central Line geentert hatten und an der Tottenham Court Road angekommen waren, musste ich einmal mehr feststellen, dass die Tube-Station Tottenham Court Road zu jenen gehört, die keine Rolltreppen und keinen Aufzug besitzen. Nur ganz normale Treppen. Obendrein ist sie recht eng und stets stark bevölkert, da ihr Ausgang auf die Oxford Street mündet. Wer sich in London etwas auskennt, weiß, was das bedeutet: Menschenmassen. 😉

Zusätzlich zum Schrank-Trolley, der gar nicht sooo groß ist, war ich dadurch gehandicapt, dass ich – wie mein Orthopäde vermutete – eine Ermüdungsfraktur im rechten Mittelfußbereich hatte, was sich jedoch als nicht zutreffend erwies und ich bis heute nicht weiß, was da eigentlich los war. Wahrscheinlich war der Fuß einfach überlastet, da ich stets viel laufe. Jedenfalls trug ich einen Zinkleimverband und konnte nicht ganz so schnell laufen, wie ich dies normalerweise tue. Und dazu dann der Trolley, die engen Treppen und Menschen in Eile. Hinter mir war jemand, dem ich offenbar mit meinen beiden Handicaps zu langsam war – meine Schwester war längst aus meinem Blickfeld verschwunden. Ein junger Mann in typischer Banker-Uniform fragte mich höflich – wahrscheinlich war er massiv genervt, aber typischer Londoner –, ob er mir helfen und meinen Trolley tragen dürfe. Ja, klar! Nichts lieber als das! Und der junge Mann schleppte meinen Trolley bis nach oben auf die Straße, ich bedankte mich extrem höflich, er verneigte sich kurz, wünschte einen schönen Tag und ging weiter.

Stephanie, die bereits oben wartete, war verblüfft. Nein, eigentlich war sie annähernd empört: „Sag mal! Da denke ich gerade, da geht ein junger Mann, der den gleichen Trolley wie meine Schwester hat, und dann kommt meine Schwester hinter ihm her wie die Queen und lässt sich das Gepäck tragen! Wie hast du das denn geschafft?“ – „Ich war zu langsam, du warst zu schnell. Der junge Mann war wohl in Eile, und es war offenbar das geringere Übel für ihn, mir meinen Trolley zu tragen, statt hinter mir bleiben zu müssen.“ – „Ich finde das fast schon dreist.“ – „Ich nicht. Ich habe ihn ja nicht gezwungen, und er sah wohl, dass ich etwas eingeschränkt bin, meines Fußes wegen.“ Stephanie schnaubte irritiert. Ich grinste.

Zum Glück war unser Hotel nicht weit entfernt – in Bloomsbury gelegen, direkt an der Grenze zu Soho und dem West End. Es ist kein vornehmes Hotel, denn das könnte sich keine von uns leisten, nicht in London. Es ist ein Riesenkasten, und das Frühstück gleicht einer Massenabfütterung, aber mir genügt das, da ich, wenn ich in London bin, ohnehin den ganzen Tag auf den Beinen bin und ins Hotel nur zum Schlafen und gegebenenfalls zum Frühstück komme. Das geht da prima, die Zimmer sind nicht sonderlich einfallsreich gestaltet, aber sauber, ebenso die Bäder. Das Frühstück ist nicht über Gebühr originell, aber es gibt ein solides englisches Frühstück, Tee, Kaffee und Säfte bis zum Abwinken. Es gibt weit bessere Hotels in London, aber ich habe auch schon in etwas besseren gewohnt, und doch blieben es Londoner Hotels. 😉 Die ganz hochklassigen können sich nur Lottogewinner leisten. 😉

Im Zimmer angekommen, sah Stephanie drein, als stünde sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Sie sah sich um, dann meinte sie: „Das ist ja furchtbar!“ Ich fragte: „Was meinst du?“ – „In Oxford und den anderen Städten in England und kleineren Orten ist alles viel liebevoller.“ – „Mag sein, aber wir sind hier in London. London ist nicht liebevoll.“ – „Ja, aber – ach, das ist ja gar nicht so schön, wie du behauptet hattest!“

Aha. Ich hatte eigentlich nur gesagt, dass das Hotel für Londoner Verhältnisse völlig okay und vom Preis-Leistungsverhältnis wie der Lage prima sei. Mittendrin, statt nur dabei, denn man hat ja keine Lust, immer erst meilenweit mit der Tube oder dem Bus fahren zu müssen, um ins „roaring centre“ zu kommen. Mir wurde bewusst, dass meine Schwester sich zwar anderswo in England gut auskennt, London jedoch nur von Tagesbesuchen kannte und nie dort übernachtet hatte. Da konnte sie die Hotelsituation nicht kennen, die ich umso besser beurteilen kann.

Bereits beim ersten Gang in die Stadt, genauer: die Oxford Street entlang, stellte sich heraus, dass ich mit dem Tempo meiner Schwester nicht mithalten konnte. Ich gehe normalerweise ziemlich zügig und eher schnell, aber gegen Stephanie bin ich eine lahme Ente. Hier war ich es sogar wirklich in gewisser Weise, da mein Fuß mich daran hinderte, normal zu gehen. Dennoch war ich immer noch schneller als das Gros der Touristen. Aber meine Schwester war stets viele Meter vor mir und wartete auch nicht gern. Wie ein Terrier, der eine frische Fährte aufgespürt hat, raste sie voran, und ich rief hinter ihr her: „Stephanie! Wir sind nicht auf der Flucht!“

Ich konnte es ja verstehen – sie wollte vieles sehen, und ich war eine Art Bremsklotz. Allerdings wurmte mich ihre Art, wirklich überhaupt nicht warten zu wollen, mir sogar noch zu sagen: „Du bist ja mit deinem Fuß nicht so schnell – geht es denn nicht wenigstens etwas schneller?“ und ungeduldig mit den eigenen Füßen zu scharren, wenn sie doch auf mich wartete. Ich regte an, sie könne ja in der nächsten Saison in Ascot oder Epsom starten, wo sie – trotz nur zweier Beine – sicherlich auch die samt und sonders vierbeinigen Vollblüter auf der Galopprennbahn in den Schatten stellen würde. Die Frage sei nur, ob man sie mangels Galoppfähigkeit – für die man vier Beine benötigt – überhaupt antreten lassen würde. Vielleicht, wenn sie auf allen vieren liefe … Sie lachte.

Einen Vorteil hatte das Ganze: So musste ich mir nicht dauernd anhören, dass die Hotels in Oxford und den kleineren Städten in England viel besser seien. Denn diesen Satz hatte sie mir in den ersten eineinhalb Stunden nach Ankunft im Hotel wieder und wieder vorgebetet, was sich nicht gerade positiv auf meine Stimmung ausgewirkt hatte. Erst nach dem ersten Frühstück am anderen Tag musste ich ihn erneut hören, denn auch das Frühstück war Stephanie nicht liebevoll genug … 😉

Wenigstens im Hyde Park, den wir dann aufsuchten, war sie etwas langsamer. Aber es kristallisierte sich heraus, dass es günstiger war, wir schlugen getrennte Wege ein, da ich lauftechnisch einfach nicht mithalten konnte, was auf beiden Seiten zu Ungeduld führte. Ich überließ ihr meinen sehr guten London-Stadtführer, in dem ich markiert hatte, was interessant klang und ich auch noch nicht kannte. Auch wies ich sie explizit auf den Borough Market hin, den ich eigentlich gern mit ihr zusammen besuchen wollte. Sie war aber irgendwie schon wieder zehn Schritte weiter, meinte: „Erzähl es mir später. Sieh mal da – das ist ja ein tolles Kleid. Waaas? 150 Pfund? Für ein solches Kleidchen? Schade!“

Abends im Doppelzimmer – es war billiger so – kam es auch zu Interessenskonflikten. Ich war müde, wollte etwas fernsehen, sie wollte lesen. Fernsehen durfte ich zwar, aber der Ton musste so leise gestellt werden, dass selbst Hunde ein Hörgerät gebraucht hätten, um zu verstehen, was da gesagt wurde bzw. dass da überhaupt gesprochen wurde. Ich bin kein Kind aus der Stummfilm-Ära, ich möchte, bitte, den Dialogen auch folgen können, zumal meine Fähigkeit, von den Lippen abzulesen, noch in den Kinderschuhen steckt. Es kam zu Unstimmigkeiten, und wir beschlossen, in der Tat getrennte Wege zu gehen. Schade, aber unter den Umständen sicherlich günstiger, denn wer will schon den ganzen Tag aufgrund persönlicher Unterschiede streiten?

Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, in einer Metropole mit achteinhalb Millionen Einwohnern einer bestimmten Person unterwegs wieder und wieder zu begegnen, und das an völlig unterschiedlichen Orten? Einer Person, mit der man – wenn auch nur ein bisschen – gerade im Clinch liegt? Es war unglaublich! Ich war mit der District Line zur Tower Hill Station gefahren, war beim Tower gewesen, hatte die Tower Bridge in einem gigantischen Touristenpulk überschritten, mich an der anderen Uferseite der Themse etwas umgesehen, dabei das Design Museum entdeckt, das Stephanie besuchen wollte, allerdings an einem anderen Tag. Da ich nichts anderes entdeckte, das mich interessiert hätte, ging ich zurück zur Tower Bridge und war gerade auf dem ersten Drittel, als mich eine mir entgegenkommende Frau ansprach: „Hallo Ali!“ Es war Stephanie. 😉 Wir gingen dann tatsächlich gemeinsam Richtung Design Museum, als hinter uns ein älterer Mann rief: „Hey, gals!“ Normalerweise reagieren weder meine Schwester, noch ich auf so etwas – da könnte ja jeder „Hey, gals!“ rufen -, aber hier blieben wir stehen und drehten uns um. Der Mann wirkte – mit Verlaub – so, als sei er einem Gläschen ab und an, eher öfter, nicht abgeneigt, und in breitestem Cockney fragte er uns, wohin wir denn wollten. Stephanie ist sehr informationsfreudig, und so erklärte sie, wir seien unterwegs zum Design Museum. Oh, da kenne er eine Abkürzung, erklärte der Mann. Stephanie sah mich fragend an, und auch meine Ohren waren sehr gespitzt, um zu verstehen, was der Herr da sagte – Cockney ist nicht ganz so einfach zu verstehen, wenn man es nicht gewohnt ist. Abkürzung, hmmm … Irgendwie hatte ich dabei die Assoziation an Kriminalberichte: „Die beiden Touristinnen wurden erstochen und ausgeraubt in der Nähe des Design Museums aufgefunden …“ („The two female German tourists were found stabbed and robbed next to the Design Museum …“)

Aber irgendetwas hatte der Mann an sich, das uns dann doch folgen ließ. Es war heller Tag – was sollte passieren? Und es passierte auch nichts, außer, dass der im Grunde sehr reizende und freundliche Mann uns eine Abkürzung zum Design Museum zeigte. Mich irritierte zwar zunächst, dass diese an verschiedenen einsamen Gassen vorbeiführte, aber der charismatische Mann, eher ein Original, fragte uns, woher wir denn kämen, und als er hörte, wir seien Deutsche, rief er begeistert, er möge Deutschland, vor allem Hamburg und Düsseldorf. Dort hinten sei schon das Museum, er wünsche uns noch einen besonders schönen Aufenthalt in seiner Heimatstadt, nannte uns – echt Cockney – „luvely gals“ und verabschiedete sich winkend, um dann den Weg zu einem nahegelegenen Pub einzuschlagen.

Stephanie besichtigte das Museum, während ich – an jenem Tag nicht zu einem Museumsbesuch aufgelegt – vor dem Gebäude an der Themse in der Sonne saß, Tee trank und das Treiben um mich herum beobachtete. London kann manchmal richtig entspannend sein. Man muss nur die richtigen Orte kennen.

Abends gab es leider im Hotelzimmer wieder Interessenskonflikte. 😉 Und am nächsten Tag dann wieder getrennte Unternehmungen. Als ich den Strand entlang schritt, auf dem Rückweg von Twinings, wo ich Tee gekauft hatte, musste ich an einer Ampel warten. Ich war in Gedanken und nahm nur beiläufig wahr, dass neben mir jemand stehenblieb. Der Jemand räusperte sich auffallend, und ich sah hoch. „Hallo Ali!“ Es war Stephanie, die eigentlich, wie sie mir zuvor mitgeteilt hatte, an jenem Tag ganz woanders hin gewollt hatte. Meine Pläne hatte ich ihr gar nicht mitgeteilt. Offenbar haben wir doch etwas mehr gemeinsam, als ich dachte. Ich musste grinsen, obwohl ich noch immer leicht verärgert war. Aber das war dann doch grotesk. 😉

Sie berichtete mir begeistert, sie sei zwischenzeitlich auf einem wunderschönen Markt gewesen, den sie entdeckt habe – in Southwark. Ich verdrehte etwas genervt die Augen: Es handelte sich um den Borough Market, den ich empfohlen hatte …

Am nächsten Tag fuhren wir tatsächlich gemeinsam hin, tranken einen Sekt, bestaunten die vielen Auslagen, exotische Früchte, Fische aller nur denkbarer Gattungen, kauften Toffees. Dann fuhr ich zurück, da ich noch nach Covent Garden wollte, zum dortigen Markt. Und danach ins London Transport Museum. Zum Glück in fußläufiger Entfernung im Hinblick auf unser Hotel, denn ich kam vollbepackt zurück. 😉

Am Tag unserer Abreise zerrte ich einen sehr schweren, schrankkofferähnlichen Trolley hinter mir her zur Treppe der Tube-Station Tottenham Court Road, dicht bei unserem Hotel. Wir erinnern uns: nur Treppen, keine Rolltreppen, kein Aufzug. Stephanie stürmte mit ihrem kleineren, sich leicht ausbeulenden Trolley vor, Richtung Treppenabgang, als ein Mann mich ansprach: „Can I give you a hand?“ Er wies auf mein Gepäck und fragte, ob er es mir die Treppen hinuntertragen solle. „That would be very nice!“ strahlte ich. Und so schleppte der Mann meinen Trolley sämtliche Treppen hinunter. 😉 Ich bedankte mich überschwenglich, der Mann meinte, er habe das gern getan, während Stephanie mich anstarrte, als sei ich gerade unerwartet aus dem Boden gewachsen. Und während der Mann die U-Bahn-Station wieder verließ, meinte sie: „Ich glaube das einfach nicht! Ständig tragen irgendwelche Männer meiner kleinen Schwester das Gepäck! Und die schreitet wie eine Adlige hinterher – frei von allen Lasten! Wie machst du das? Ich finde das schon etwas dreist …“ – „Nur kein Neid,“, gab ich zurück, „sei doch froh, dass du offenbar nicht so hilflos wirktest. Man muss auch gönnen können.“ – „Ich kaufe mir demnächst auch einen Schrankkoffer!“ rief Stephanie. Ich grinste. Irgendwie passte ihr wohl nicht, dass mir mein Gepäck alle naselang getragen wurde. 😉

Der Rückflug verlief ohne Differenzen. Und alles in allem war es ein durchaus schöner Aufenthalt in London gewesen. Nur werde ich garantiert nie wieder ein Doppelzimmer mit Stephanie beziehen … 😉

Unterwegs mit meiner Schwester: Ein Tag bei den Buddhisten

Meine Schwester und ich sind grundverschieden. Das war schon immer so. So verschieden, dass es Menschen gibt, die nicht glauben können, dass wir blutsverwandt, gar Geschwister seien, zumal wir einander nicht sonderlich ähnlich sehen.

Schon im Kleinkindalter fiel nicht nur mir auf, dass ich irgendwie anders ticke als Stephanie. Mir ist eine sonntägliche Fahrt von unserem damaligen Wohnort zu meinen Großeltern im Gedächtnis geblieben, die etwa 60 Kilometer entfernt wohnten und uns an jenem Sonntag zum Mittagessen eingeladen hatten. Kaum losgefahren, entbrannte auf der Rückbank des Wagens, den mein Vater damals fuhr, der erste Streit, doch bevor Stephanie und ich übereinander herfallen und uns gegenseitig die Augen auskratzen konnten, fragte mein Vater: „Sag mal, Stephielein – was möchtest du denn später mal werden?“ Mein Vater ist ein sehr rational agierender Mensch, ein harmonieliebender dazu, und es nervte ihn, dass wir bereits stritten, als wir nicht einmal die Straße, in der wir damals lebten, verlassen hatten. Da ist Ablenkung zumindest eine Option, dem Stress zu entkommen, die es auszuprobieren gilt.

Meine damals etwa sieben- oder achtjährige Schwester verwandelte sich binnen Sekunden in eine Diva, warf sich in Positur und deklamierte feierlich: „Ich will Schauspielerin werden. Dann spiele ich in vielen Filmen und bin reich.“ Und sie posierte mit klappernden Lidern, rang die Hände und griff sich an die Schläfe, als werde sie gleich ohnmächtig. So bekam sie nicht mit, wie mein Vater amüsiert schmunzelte, was im Rückspiegel zu sehen war, von mir auch gesehen wurde. Und sie erklärte, was sie mit all dem ob grandioser Schauspielkunst erworbenen Reichtum zu tun gedächte. Ich starrte sie fasziniert von der Seite an, konnte gar nicht nachvollziehen, was daran so toll sein sollte. Reichtum, okay – wer wäre nicht gerne reich? Aber der Rest? Wahrscheinlich starrte ich sie an, als vermutete ich, sie komme von einem anderen Stern.

Da fragte mein Vater bereits: „Alilein – was möchtest du mal werden, wenn du groß bist?“ – „Tierärztin!“ kam wie aus der Pistole geschossen. Jeder Blinde hätte angesichts dieser völlig unterschiedlichen Lebensvorstellungen begriffen, dass meine Schwester und ich gar nicht zusammenpassen: Die eine stellt sich vor, in Glamour und Ruhm zu leben, während die andere in mistbekleckerten Gummistiefeln einherzuwandeln und Pferden Wurmkuren zu verabreichen gedenkt. Oder doch wenigstens eine Kleintierpraxis zu betreiben und Hunde, Katzen, Kaninchen, Wellensittiche und Hamster zu behandeln oder notzuoperieren – was eben so anliegt. Mein Vater hat irgendwie nie so recht einsehen können oder wollen, dass zwischen Stephanie und mir Lichtjahre liegen, wesenstechnisch gesehen. 😉 Dabei hätte er das damals bei der Fahrt zu meinen Großeltern schon verstehen können. 😉

Um kurz vorzugreifen: Weder ist meine Schwester Filmschauspielerin geworden, noch bin ich Tierärztin. Und um noch eines zu sagen: Ich mag meine Schwester sehr, verstehen kann ich sie nicht oft. Aber ich mag sie. Umgekehrt gilt sicher Ähnliches. Hoffe ich zumindest. 😉

Was ich gar nicht mag: Sie ist bisweilen etwas „bossy“, und sie beherrscht die Gabe des Überredens. Nicht unbedingt der Überzeugung. Sie wäre in der Lage, einem Eskimo am Polarkreis einen Kühlschrank zu verkaufen (oops – ich wollte nicht politisch inkorrekt sein, denn ich meinte natürlich: „einem Angehörigen der Inuit“). Wie schafft sie das? Nun, sie redet. Redet, redet, redet – bis man sich einfach beugt, weil man die Hoffnung nicht fahren lässt, dann werde Ruhe eintreten. Eine sehr törichte Hoffnung, wie ich inzwischen weiß. Denn Stephanie arbeitet mit dem Step-by-step-Verfahren. „Gibt sie da nach, schaffe ich auch den nächsten Schritt.“ Bzw. den nächsten Level. So in etwa muss das wohl laufen.

Ja, ich weiß, ihr werdet nun sagen: „Wo ist das Problem? Einfach nicht einknicken.“ Aber ihr kennt meine Schwester nicht, ebensowenig mein Bedürfnis, einfach in Ruhe leben zu dürfen. Und wenn einem die Ohren bereits klingen, bei Nichteinhaltung der Regeln größerer Stress droht, gibt man bisweilen nach. Eine Frage des geringeren Übels. Aber das klingt böse. So meine ich es nicht, auch wenn ich nicht immer ganz glücklich bin und denke, dass meine Schwester vielleicht mal überdenken sollte, dass auch andere Menschen ganz eigene Ideen haben und nicht dauernd zwangsbeglückt werden wollen.

So hat sie es auch damals geschafft, als sie unbedingt einen ganzen Sonntag im Buddhistischen Zentrum in Essen verbringen wollte, einen „Tag der Meditation“, aber nicht ganz so große Lust hatte, allein hinzufahren. Eine ganze Woche lang lag sie mir telefonisch in den Ohren, rief mich jeden Tag an, um mich zu „überzeugen“, doch mitzukommen. Ich beneide sie bisweilen um ihre Hartnäckigkeit …

Ich hatte damals recht viel Stress bei meiner Arbeit, und irgendwann sagte ich ja – weichgeklopft. Und an jenem Sonntag fuhr ich auch morgens in Ratingen los … Ich traf meine Schwester am Bahnhof, wo sie mich abholte. Wir fuhren gen Buddhistisches Zentrum und wurden dort sehr freundlich empfangen. Ich war skeptisch, ich bin keine Religionsfreundin, aber der Buddhismus ist für mich auch nicht wie die herkömmlichen Religionen – sonst wäre ich gar nicht erst angetreten, egal, was meine Schwester getan hätte. Das wusste sie auch.

Im Gegensatz zu Stephanie war ich ein komplettes Greenhorn, was Meditation anbelangt. Hat mich irgendwie nie so recht tangiert oder gar begeistert.

Wir betraten den Meditationsraum auf Socken. Einige Begeisterte und Überzeugte hatten kleine, wacklige Meditationsbänkchen mitgebracht, und auf meinen Hinweis, die seien aber fehlerhaft verarbeitet, da sie wackelten, meinte Stephanie nur, das müsse so sein. Offenbar diente dies der „Achtsamkeit“. Und damit baute sie in der Nähe eines mannshohen Buddhas aus Holz ihr eigenes wackelndes Bänklein auf. Ich beschloss, lieber in ihrer Nähe und vor allem in Nähe der Tür zu bleiben, falls es mir zu doof würde. Ich hatte kein Bänkchen, das, so Stephanie, auch eher Fortgeschrittenen vorbehalten sei. Klar, das leuchtete mir ein – Anfänger wären mit dem instabilen Ding, von einem wenig berufssicheren Tischler oder einem findigen Ungelernten, der sich angesichts des Geschäfts seines Lebens ins Fäustchen lachte, gefertigt, sicherlich sofort umgestürzt und hätten sich bleibende Narben eingehandelt. Da ich in der Hinsicht anfällig bin und einer meiner Spitznamen „Trümmerlotte“ ist – so zumindest seit meinem Ex Henrik, der mich liebevoll meiner Neigung zu Verletzungen aufgrund von Wurschtigkeit wegen so nannte -, erschien es mir auch sinnvoller, auf das wacklige Ding zu verzichten. Stattdessen bekam ich ein „Meditationskissen“. Eindeutig besser – so ein Kissen ist weich, die Verletzungsgefahr recht gering.

Die Seminarleiterin gab eine kurze Einweisung, und schon ging es mit der Meditation los. Zunächst sollten wir alle die Augen schließen. Klingt einfach. War mir aber unmöglich, da meine Augenlider zu flattern begannen und ich nervös wurde – das Gegenstück zu dem, was Meditation bewirken soll. Zum Glück erwähnte die Seminarleiterin, dass man auch offenen Auges meditieren könne, aber das würden eher Fortgeschrittene schaffen. Ich pfiff auf den Fortgeschrittenen-Hinweis, und fortan fixierte ich eine Unregelmäßigkeit im Parkettboden vor mir, als wir bewusst und achtsam ein- und ausatmeten. Zeitweilig fühlte ich mich wie in Trance, aber gar nicht so schlecht. Offenbar wirkte es sogar bei mir. Zumindest war ich sehr überrascht, als es hieß, nun gebe es Mittagessen! Wir hatten doch gerade eben erst angefangen …

Beim Mittagessen, einem Buffet aus verschiedenen Speisen, alle sehr wohlschmeckend, erläuterte ein älterer Herr uns allen, ob wir wollten oder nicht, sein Rezept zu innerer Glückseligkeit. Im Zuge seiner Erklärungen schmeckte mir das Essen nicht mehr ganz so sehr bzw. war ich plötzlich satt. Denn der ansonsten recht harmlos wirkende Herr beschrieb en détail, dass er sich mindestens einmal am Tag einer „heilenden Darmreinigung“ unterziehe. Zunächst dachte ich noch: „Ach, ja, das tue ich auch.“ Und ich dachte an normale Verdauungstätigkeiten. Aber da beschrieb er auch schon, dass er sich mindestens einmal täglich einem Klistier unterziehe, das er selber tätige! Und er beschrieb auch noch dessen Wirkung, und irgendwie hatte ich angesichts der sehr plastischen Beschreibung nicht nur olfaktorischer Belange, sondern auch Struktur, Viskosität und Farbe des metabolischen Resultats betreffender Aspekte ganz plötzlich keinen Appetit mehr. Ich sprach vorsichtig meine Schwester darauf an, fragte, ob das sehr offene Verhalten des Herrn so normal sei, aber sie meinte nur: „Wieso? Was hat er denn erzählt?“ Offenbar wirkte die Meditation noch auf sie – sie hatte das Ganze gar nicht mitbekommen. Offenbar noch immer in Trance. Ich beneidete sie.

Danach meditierten wir bis zum Ende des Seminars. Stephanie fuhr nach D. zurück. Ich ging beschwingten Schrittes zum Hauptbahnhof, wartete an Gleis 12 auf die S6, die schlimmste S-Bahn, die ich kenne, obwohl sie zwischen Essen und Ratingen eine schöne Strecke fährt, landschaftlich gesehen. Wenn sie denn fährt. Denn noch am Hauptbahnhof verkündete man über Lautsprecher, die S6 fahre an diesem Tage nur bis Essen-Kettwig. Wieder einmal irgendeine Störung, wie S6-Fahrer sie kennen.

Entgegen meiner normalen Handlungsweise – ich bin Deutsche-Bahn-geschädigt und tendiere diesbezüglich zu Ungeduld – blieb ich ganz ruhig, dachte nur: „Du bist sicherlich nicht die Einzige, die weiter als bis Kettwig muss. Es wird sich sicherlich eine Lösung finden.“

Die fand sich auch. Denn in Kettwig fand ich mich wieder mit drei anderen Reisenden, die ebenfalls nach Ratingen mussten, wie ich erfuhr, als ich laut fragte, ob denn außer mir noch jemand dorthin fahren müsse, weil ich keine Lust hatte, ein Taxi allein zahlen zu müssen.

Und so fuhr ich in einem Taxi nach Hause, in dem sich außer dem Taxifahrer noch zwei Menschen befanden, die sich als nicht exzentrisch erwiesen. Einer davon ich. Die beiden anderen Mitfahrer gestalteten die Fahrt eher stressig: Einer war der Klistiermann, der auch noch im Taxi mit mir über dieses „erfüllende Seminar“ sprechen wollte und allen Insassen dann noch einmal seinen persönlichen Weg zur Glückseligkeit erklären wollte, was zum Glück von der anderen anstrengenden Mitreisenden abgeblockt wurde, da sich diese über die Musikwahl des Taxifahrers aufregte: „Machen Sie das sofort aus! Sofort! Ich kann dieses Gejaule nicht ertragen! Ich bin Sängerin! Klassische Sängerin! Und diese Musik beleidigt meine Ohren! Ich singe Opernpartien – und diese Musik hier tut in meinen Ohren weh!“ Und sie gerierte sich wie meine Schwester als sieben- oder achtjährige Diva, siehe oben, wenn nicht schlimmer.

Der Taxifahrer wollte aufbegehren, aber ich sagte zu ihm: „Bitte tun Sie uns allen den Gefallen. Bitte. Ich habe nichts gegen Ihre Musik, aber bitte stellen Sie sie ab.“ Und ich sah ihn im Rückspiegel so freundlich an, wie ich konnte – nach dem Meditationsseminar sah ich annähernd überirdisch lächelnd aus. Da gab er nach und stellte das Radio ab, grinste mich an und deutete mit dem Kopf leise auf die klassische Sängerin. Ich grinste und nickte sachte.

Als wir in Ratingen am S-Bahnhof ankamen, war ich die Einzige, die ihm ein Trinkgeld gab, ein gar nicht so geringes, während mein Seminarkollege schon seinem nächsten Klistier entgegenstrebte, die klassische Sängerin sich publikumswirksam die weichgespülte Mähne raufte, weil sie ihren Anschlusszug verpasst hatte, was sie ganz klassisch kreischend kundgab. Sopranistin offenbar, weswegen mich ihr exaltiertes Gehabe auch nicht sonderlich verwunderte. Jahrelange Chorerfahrung als Altistin wegen tieferer Stimme haben mich gelehrt, dass es nur einen Star geben kann: den Sopran (bei Männern: den Tenor). Je unbekannter, unbedeutender, desto theatralischer. Und der andere Fahrgast war auch ganz plötzlich verschwunden. Keiner hatte daran gedacht, dem sehr netten Taxifahrer ein Trinkgeld zu geben. Ich fühlte mich verpflichtet, wollte ihm aber ohnehin über die normale Taxe etwas zukommen lassen, und da meinte er: „Steigen Sie wieder ein. Ich fahre Sie nach Hause, ohne Taxameter.“ – „Aber nein, das müssen Sie nicht.“ – „Das möchte ich aber. Sie waren die einzig Nette dieser Fuhre, die einzig Normale.“ Und er meinte, er sei sich vorgekommen wie in einem Käfig voller Narren. Als die „singende Trulla“, wie er die zwangsläufig aufstrebende Sopranistin nannte, ihn angekreischt hätte, er solle sofort die Musik ausmachen, sei er kurz davor gewesen, ausfallend zu werden. Einzig meine ruhige und ausgeglichene Art hätte ihn davon abgehalten. Der andere Typ sei ja schon grenzwertig gewesen, der, so der Taxifahrer, „dauernd über seine Kacke“ reden wollte. (Ich lachte mich halb schlapp.) Und der Dritte habe ja immer nur genickt, egal, was von wem gesagt worden sei. Ich sei die einzig Normale in diesem Wagen gewesen und hätte ihn vor einem Ausfall bewahrt. Offenbar sei ich auch die einzig Anständige, da ich als Einzige an ein Trinkgeld gedacht hätte. Ich gab an, ich hätte als Studentin in einer Studentenkneipe gekellnert – so etwas sei für mich selbstverständlich. „Daher wahrscheinlich auch Ihre Gelassenheit. Sie wissen, dass man in Dienstleistungsberufen oft mit Deppen zu tun hat und wie man damit irgendwie klarkommt.“ So meinte der Taxifahrer. Er konnte ja nicht wissen, dass ich normalerweise eher zur Hektik tendiere, nur von einem buddhistischen Meditationsseminar kam, verdonnert dazu von meiner Schwester. Er fuhr mich dann nach Hause, ohne dass mich diese Fahrt etwas gekostet hätte.

Zu Hause erwartete mich Giacomo, mit dem ich damals liiert war. Ein Provokateur reinsten Weihwassers, der keine Gelegenheit ausließ, zu provozieren. (Ich staune noch heute, dass ich immerhin vier Jahre mit ihm zusammen war.) Und das versuchte er auch sofort, nachdem ich die Wohnung betreten hatte. Es gelang nicht – an meinem gelassenen Lächeln prallten sogar die schlimmsten Reizungen ab. Im Nachhinein denke ich, dass ich regelmäßig zu den Buddhisten hätte gehen sollen … 😉

Ich habe keine Ahnung, wie das Meditationsprinzip funktioniert. Ist es einfach das Eingelulltwerden und die darauf folgende Müdigkeit, die einen so gelassen reagieren lässt? 😉

Immerhin hatte diese Idee Stephanies wahrlich positive Effekte. Und das war nicht ihre einzige positive Idee. Meist passt es nicht, aber der Sonntag bei den Buddhisten war für mich gar nicht so schlecht. 🙂

Meine Schwester und ich verstehen einander gut und mögen einander. Am meisten, wenn wir uns nicht ganz so oft begegnen. Aber wir mögen einander. Ich sie auf alle Fälle. Nur gilt: Die Dosis macht das Gift. Klingt böse, ist aber eher achtsam gemeint. Das habe ich damals bei den Buddhisten gelernt. Dank Stephanie. 😉

„Ich bin sensibel – nehmt gefälligst Rücksicht!“

Ich habe in meinem bescheidenen Leben die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die sich selber als „gute Christen“ bezeichnen, meist so geartet sind, dass man lieber Reißaus nehmen sollte, wenn sie dies äußern, bevor man sie richtig kennen lernt. Denn lernt man sie erst kennen, stellt man nicht selten fest, dass sie offenbar christliche Werte und das ganze Christentum irgendwie anders verstanden haben, als man selbst dies getan hat. Denn ich dachte immer, es gehöre irgendwie dazu, echte Nächstenliebe zu leben, echtes Mitgefühl, und nicht nur in die eigene Tasche zu spielen, wie ich dies leider, leider beim Gros derjenigen erlebt habe, die sich – siehe oben – höchstselbst als „gute Christen“ deklarierten. Diejenigen, die wirklich im Sinne des Christentums handeln – das ich, selber christlich erzogen, aber dem Christentum nebst Glauben schon vor langer Zeit den Rücken gewandt, wie jede Religion mit ganzem Herzen ablehne, es aber denjenigen ebenso aufrichtig gönne, die damit aufrichtig umzugehen wissen -, sind meist ruhige Menschen, die tatsächlich Gutes tun, ohne – wie die „guten Christen“ – dem Grundsatz verfallen zu sein, der da lautet: „Tue Gutes und sprich darüber.“ Diese Menschen haben es nicht nötig, an die große Glocke zu hängen, wie gut sie doch seien. Wir wissen ja alle: Wird eine Sache besonders häufig erwähnt und hervorgehoben, muss es wohl dringend nötig sein bzw. herrscht just am dauernd Erwähnten großer Mangel … Ich kenne solche Fälle, da Menschen beiderlei Geschlechts dauernd betonten, wie glücklich sie in ihrer Ehe seien, wie sehr sie den Partner liebten. Und dann stellte sich nicht selten heraus, dass zu Hause die Bratpfannen, Küchenbeile und Teller mit hoher Frequenz ganz tief flogen und die – ach! – so liebenden Menschen dauernd anderweitig Zerstreuung suchten. Nennt mich altmodisch, aber für mich ist das Scheiße. 😉 Nicht, dass so etwas nicht passieren kann und menschlich ist – darum geht es nicht. Mich nervt nur diese nach außen getragene Heuchelei, dieses Pharisäertum.

Ähnliche Erfahrungen habe ich hinsichtlich der schönen Eigenschaft gemacht, die sich Sensibilität nennt. Ich mag sensible Menschen, auch wenn sie manchmal anstrengend sind in ihrer Verwundbarkeit. Für mich sind es aber interessante Menschen, die bisweilen mehr spüren als andere, mehr sehen und – sofern sie gut drauf sind – nettere Dinge sagen. Die Kehrseite: Wenn sie nicht gut drauf sind, sagen sie bisweilen auch ganz scheußliche Dinge. Vor allem, wenn sie verletzt oder unsicher sind, man aber nicht weiß, warum. 😉

Ich selber bin in den letzten drei Jahren eher zu einer Art Haudegen mit großer Klappe mutiert, seit mir recht schmerzhaft klar(gemacht) wurde, dass Sensibilität einen nicht immer weiterführt. Jedenfalls nicht, wenn sie allzu sehr nach außen getragen wird. Lieber ist es mir, Ecken und Kanten zu zeigen, damit man nicht merke, dass ich selber durchaus verletzbar bin. War in der Vergangenheit nicht sonderlich förderlich. Und man lernt dazu. Vielleicht übertreibe ich es nicht selten – aber ich arbeite ja auch noch an mir und bin auf der Suche nach dem Mittelweg. 😉

Mir ist wurschtiges Verhalten aber lieber als das Benehmen mancher Menschen, die einem gern aufs Butterbrot schmieren, wie sensibel sie seien, einem dann aber – surprise, surprise! – Dinge ins Gesicht hauen, die einen fast aus den Angeln heben und man Mühe hat, die Tränen zurückzuhalten. Sonderlich gut für eine reibungslose Kommunikation ist das nicht, denn zumindest bei mir hat das zur Folge, dass ich ziemlich pampig werde, ärgerlich und zornig. Warum? Weil man mich getroffen hat. Mag ja sein, dass diese Leute sensibel sind, aber sonderlich sensibel gerieren sie sich nicht immer. Ähnlich wie ich, aber doch anders, denn ich erkläre eher selten, dass ich sensibel sei – wer das wissen will, wird es ohnehin über kurz oder lang merken.

Mir wurde schon vorgehalten, meine bisweilen heftigeren Sprüche sorgten beim Gegenüber für Frustration. Ich sagte ja bereits, ich schieße manchmal übers Ziel hinaus. 😉 Meist meine ich es nicht böse. Und ich gehe dann wirklich in mich, wenn man mir so etwas sagt und bemühe mich, künftig nicht mehr ganz so drastische Sprüche abzusondern. Erstaunt bin ich dann aber immer wieder, wenn mir von den sensiblen Menschen umgekehrt völlig unerwartet Sprüche entgegengebracht werden, die meinerseits für Frust sorgen. Offenbar ist der alte Spruch wahr: „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht das Gleiche.“ Denn wehe, man ist dann geknickt! Das ist dann immer ein Fehler des so angesprochenen Gegenübers und nicht diskussionswürdig, da man selbst ja sehr sensibel ist. Jahrelang hatte ich hinsichtlich des Ex-Kollegen Birger damit zu tun … 😉

War ich im Urlaub, musste er mich vertreten. Kam ich zurück, war nur das Nötigste getan, haufenweise Arbeit stapelte sich auf meinem Schreibtisch, und bereits am ersten Arbeitstag fühlte ich die erholsame Wirkung des Urlaubs schwinden. Kam er aus einem seiner zahlreichen Urlaube oder einer seiner „Ich war ja fast tot!“-Krankschreibungen wegen einer leichten Erkältung zurück, hatte ich zugesehen, alle seiner Aufgaben, so möglich, abzuarbeiten. Dennoch wurde mir dann immer vom sensiblen Birger entgegengeschleudert, warum dies und das – was noch nicht hatte erledigt werden können – denn noch nicht erledigt worden sei. In sehr harschen Worten. Fragte man dann im umgekehrten Falle vorsichtig – er ist ja sensibel – an, wurde man gleich zurechtgewiesen, man könne ja nicht erwarten, dass man in den Urlaub fahre und der Kollege, der so überarbeitet sei, nun alles übernehme.

Bei geringsten Anlässen wurde man zurechtgewiesen, wenn man einen durchaus harmlosen Spruch machte. Birger selber, der so sensibel ist, scheute nicht davor zurück, Witze mit seinem Busenfreund am Telefon zu reißen, der nach Amerika in den Urlaub fliegen wollte, dass er, Birger, ja alles erben würde, würde der Busenfreund mit dem Flieger abstürzen – manchmal gehe es mit dem Sterben ja überraschend schnell. An sich ein harmloser Spruch, wenn auch nicht sonderlich originell, den ich normalerweise gar nicht beachtet hätte, aber ich hatte keine zehn Minuten vorher erfahren, dass ein sehr naher Verwandter im Sterben liege. Birger hatte sein Mitgefühl geäußert, hatte es also mitbekommen. Und dann so ein Spruch. Wirklich völlig unsensibel und vor dem Hintergrund geschmacklos. Aber es betraf ja nicht meinen Ex-Kollegen selber … Und das war leider kein Einzelfall. Ich selber hatte aber gefälligst strammzustehen und Mitgefühl zu äußern, wenn Birger mal wieder ein Problem und ich mir sein Wehklagen gefälligst anzuhören hatte.

Vorsicht also, wenn jemand sich höchstselbst – und das wiederholt – als „sehr sensibel“ deklariert. Es folgt nicht selten Ernüchterung.

Ich für meinen Teil werde mich nun wieder auf die Suche nach der Goldenen Mitte machen. Denn ich weiß, ich bin selber durchaus mackenbewehrt … 😉

So sein wie die Queen? Kein Problem! Oder: Wie man ganz ohne größere Mühe eine „stiff upper lip“ erzeugen kann …

Was schon länger geplant war, wurde am vergangenen Donnerstag wahr: Ich besuchte meine Freundin Meike, mit der ich auch zusammen im Urlaub in Frankreich gewesen war, in der Lüneburger Heide, wo sie seit zwei Jahren lebt. Leider weggezogen aus dem „Pott“, aber nachdem ich ihre Wohnumgebung gesehen habe, kann ich es wirklich verstehen. Heidelandschaft hat wirklich ihren Reiz … Sie ist vor allem auch so erheblich dünner besiedelt als meine Heimatregion Nr. 1 – eben der „Pott“. 😉

Ich freute mich auf den Aufenthalt dort. Zum einen sehe ich Meike nur selten, zum anderen finde ich oben genannte Heidelandschaft einfach schön. Bis dato kannte ich die Lüneburger Heide nur von Bildern, aber in der Wohnumgebung meiner Eltern im südlichen Münsterland gibt es auch eine – allerdings vergleichsweise kleine – Heide, die ich als Kind schon geliebt hatte. Und in Meikes Umgebung so viel davon … 🙂 Um diese Jahreszeit blüht sie zwar nicht, aber eigentlich hat sie so einen für mich noch größeren Reiz, da ich ja alles Verwunschene liebe, und ich finde eben auch die Heide ein wenig verwunschen. 🙂 Da wäre eine purpurne Farbexplosion eher störend gewesen.

Ich fuhr nach der Arbeit und dem Fünfzigsten eines meiner Kollegen, der jedoch erheblich jünger aussieht, gen Hauptbahnhof und stieg dort in einen IC, der mich in nur zweieinhalb Stunden nach Hamburg-Harburg brachte, wo ich umsteigen musste. Immer wieder erstaunt mich die Kürze der Fahrtdauer, in der man von hier aus in Bremen ist (zwei Stunden mit dem IC), und bis HH-Harburg dauerte es auch nur geringfügig länger. In memoriam Ulli oder Ulrike, meiner leider viel zu jung verstorbenen Cousine, sie 24, ich zu dem Zeitpunkt 23: Du hattest schon recht, meine Schwester und mich als „Fischköpf‘“ zu bezeichnen. Ich bin zumindest nicht weit von den ganz typischen Fischköppen entfernt … 😉

Von dort aus ging es mit einer Regionalbahn weiter gen Lüneburg, wo Meike mich abholte. Wir kauften erst ein, dann fuhren wir in Meikes Wohnort, und zum Abendessen gab es sehr leckeren gebratenen Lachs, Nudeln und sehr leckeren Blattspinat. Dazu Wein, und wir plauderten, bis mir beinahe die Augen zufielen. Ich war nach der Arbeit schon fast im Zug eingeschlafen, da ich etwas müde war, schrak aber immer wieder hoch, da ich befürchtete, erst in HH-Altona wieder aufzuwachen, würde ich einschlafen.

Aber am nächsten Tag sollte es dann richtig losgehen. Ich tappte die Treppe aus dem ersten Stock von Meikes Wohnung hinunter ins Erdgeschoss und Richtung Küche und Wohnzimmer, zunächst einmal sehr lebhaft begrüßt von Lucky, Meikes schwarzer Labradorhündin. Lucky und ich sind „alte“ Freundinnen, da ich sie bereits seit ihrer zehnten Lebenswoche kenne und wir beide am gleichen Tag Anfang August Geburtstag haben. So etwas schweißt zusammen, auch wenn man einander selten sieht und weit voneinander entfernt lebt. 😉 Meike drückte mir eine Tasse Kaffee in die Hand, für die ich sehr dankbar war. Dann rief Meikes Mama an, und ich meinte: „Da gehe ich doch erst einmal unter die Dusche.“ Ganz arglos, wie man das eben so sagt. Lucky begleitete mich bis zum Fuß der Treppe, leckte mir über die Hand und sah dann mit einem langen Blick hinter mir her … Man sagt Tieren ja einen sechsten Sinn nach, nicht wahr? Lucky besitzt diesen ganz sicher. 😉 Denn später, nach dem Duschen, rief ich mir diesen, ihren Blick ins Gedächtnis zurück: War er nicht irgendwie sorgenvoll gewesen? 😉

Im Gästezimmer angekommen, schnappte ich mir aus meinem Trolley Unterwäsche, vom Tisch ein Handtuch und ein Badetuch, beides von Meike für mich hingelegt, und ich verschwand im Bad. Ich freute mich auf eine schöne, warme Dusche. Und schon ging es auch los. Ich hatte, da ich nicht so große Flaschen mit Duschgel und Shampoo mitschleppen wollte, zwei Proben mitgenommen – einmal ein Shampoo, an dem Claudia Schiffer mitentwickelt haben soll und einmal Duschgel von „Treaclemoon“, Duftnote „Iced Strawberry Dream“ – ich bin da etwas „verspielt“ und liebe diese ganzen Sachen von „Treaclemoon“, die so schöne Namen wie „Those Lemonade Days“ oder „Sweet Apple Pie Hugs“ haben. Riechen alle total künstlich nach dem, was sie zu sein vorgeben, erzeugen aber Wohlgefühl. (Nur dieses „Raspberry“-Duschgel geht gar nicht – das riecht selbst mir zu künstlich. 😉 )

Ich schraubte die kleine Shampoo-Probenflasche auf, drückte mir davon großzügig etwas in die Hand, wunderte mich über die Konsistenz: „Komisch, fühlt sich eher an wie eine …“ Spülung! So las ich dann auf dem Fläschchen, und kopfschüttelnd wollte ich das Fläschchen auf der duschinternen Abstellfläche für Duschutensilien abstellen, aber Wasser rann mir in die Augen und übers Gesicht in die Nase, und ich schnappte nach Luft. Dabei stieß ich gegen die Duschutensilien und den Schlauch, der bis zum Duschkopf, einer in einer Halterung steckenden Handbrause, reichte.

Ich weiß nicht, was genau wie passiert ist, aber plötzlich fielen sämtliche Flaschen von der Reinigungsmittelplattform, und von ganz oben stürzte etwas auf mich, genauer: in mein liebliches Antlitz. Noch genauer: mit einer Kante auf die Stelle zwischen meiner sehr empfindlichen slawisch inspirierten Nase und dem Mund. Die Handbrause! So stellte ich fest, als der Schmerz nachließ. Ich bückte mich und hob das wasserspeiende Instrument auf. Aber da tropfte etwas in die Duschtasse, und die Tropfen waren rot … Ich griff mir an die Stelle zwischen Nase und Mund. Was um alles in der Welt … ? Da klaffte doch etwas! Und meine Finger waren rot!

„Scheiße!“ rief ich gedämpft, und mein erster Gedanke galt meiner Kollegin Janine, da diese zwölf Kaninchen ihr eigen nennt. Merkwürdige Gedankenabfolge? Keineswegs! Denn der zweite Gedanke war: „O nein! Sicher habe ich jetzt eine Hasenscharte!“ So etwas sieht zwar albern aus, ist bei Hasen und Kaninchen aber ungeheuer praktisch. Jedoch bei mir? Wohl kaum.

Glücklicherweise bin ich in der Lage, auch in Notlagen relativ beherrscht zu agieren. Andere Menschen wären Hals über Kopf aus der Dusche gestürzt und dabei unter Umständen über den Badvorleger gefallen. Ich dachte nur: „Nein. Keine Panik. Erst wird zu Ende geduscht. Ändern kannst du ohnehin nichts.“ Stimmte – die blutende Scharte befand sich unweigerlich in meinem Gesicht, und daran war nichts zu ändern. Ich duschte zu Ende, allerdings doch etwas kürzer als sonst, und dann begab ich mich vor den Spiegel.

Ach, du meine Güte! Ich blutete, als hätte jemand: „Wasser marsch!“ befohlen, nur hier nicht mit Wasser, sondern eher in Bezug auf das rote Lebenselixier … Ich bin Ersthelferin, weiß, was man in vergleichbaren Fällen tun muss, und so hielt ich mein Gesicht erst einmal unter kaltes Wasser, um die Blutung – wenn möglich – zu stillen.

Meike ist Ärztin, und so machte ich mir etwas weniger Sorgen, als ich schließlich halb bekleidet und barfuß die Treppe Richtung Küche hinabstieg. Etwas kleinlaut sprach ich sie an: „Meike, es tut mir leid, aber es ist nicht wirklich schlimm, nur ist etwas Unvorhergesehenes passiert …“ Und als sie mich ansah, nahm ich die Hand von meinem Gesicht, um ihr die zum Glück relativ senkrechte Platzwunde zu zeigen, die sich da über meiner Oberlippe in voller Schönheit zeigte und das tat, was Platzwunden am besten können: klaffen und bluten.

Meike ist ein sehr gelassener und ausgeglichener Mensch, was ich – und nicht nur das – an ihr sehr zu schätzen weiß, da ich bisweilen etwas zur Hektik neige. In diesem Moment jedoch starrte sie mich an, als hätte ich ihr gerade verkündet, ein UFO sei gelandet und wolle sowohl sie, als auch mich, als auch Lucky in eine andere Galaxie entführen. Lucky stand neben ihr, wedelte sachte mit dem Schwanz, sah ansonsten aber so aus, als wolle sie sagen: „Mir war klar, dass das nicht gutgehen konnte.“ Immerhin stupste sie mich an und leckte mir tröstend über die Hand.

„Ali! Was ist passiert?“ fragte Meike entsetzt. „Ich habe doch nur kurz mit meiner Mutter telefoniert, und du wolltest duschen gehen!“ – „Ja, das habe ich ja auch getan. Offenbar fand deine Dusche mich so sympathisch, dass sie mich aus der Nähe ansehen wollte. Die Handbrause ist mir ins Gesicht gefallen!“ Meike sah mich an, als hätte ich gerade kundgetan, das UFO habe mich bereits entführt und mich zur Erde zurückgeschickt, um auch sie zu überzeugen … Die Situation war recht absurd, und ich musste lachen, aber Meike meinte nur: „Nicht lachen! Das verbreitert die Wunde! Wir fahren jetzt sofort in die Praxis! Das muss …“ – „Nein! Nicht nähen!“ schrie ich gepeinigt. – „Nein, das klammern wir. Hast du Tetanusschutz?“ – „Ja, habe ich.“ – „Warte … Nee, du setzst dich hier schön hin, trinkst einen Kaffee, und ich fahre in die Praxis und hole das Material.“ – „Aber nicht nähen!“ schrie ich, und sie versicherte mir noch einmal, wir würden das klammern.

Klammern war okay. Einer meiner besten Freunde ist das Gemeine Klammerpflaster, da ich offenbar anfällig für Platzwunden bin, dabei aber extrem allergisch auf das Zauberwort „nähen“ reagiere. Meike gebot Lucky, schön bei mir zu bleiben, und das treue, schwarze Tier wich mir nicht von der Seite, als Meike sich ins Auto warf und davonbrauste.

Sie wich mir nicht nur nicht von der Seite, sie setzte alles daran, mich abzulenken und brachte mir einen Ball, den ich für sie werfen sollte. Ein echter Labrador eben. Und sie wollte mich ablenken. Ich warf den Ball, sie hechtete hinterher, fing ihn im Flug. Dann kam sie zu mir geprescht, sprang begeistert an mir hoch. Ich wollte sie knuddeln. Bonk! Da war es auch schon passiert … Luckys äußere Schädeldecke krachte unter mein Kinn, und ich biss mir unfreiwillig auf die Zunge.

Tränen rannen aus meinen Augen, und nur schleierhaft nahm ich wahr, dass Lucky, das liebe Tier, schweifwedelnd vor mir stand und auf einen neuen Ballwurf wartete. Als ich nicht sofort reagierte, knuffte sie mir gegen den Arm. Ich lahme Trine aber auch! Den metallischen Geschmack des Blutes ignorierend, warf ich das Bällchen erneut, wenn auch tränenblind, und Lucky stürzte hinterher. Gerührt blickte ich tränenden Auges hinterher – das Tier war wirklich rührend in seinem Willen, mich abzulenken. Ich führte eine Hand zum rechten Auge, um die rinnenden Tränen abzuwischen … Da war Lucky schon wieder, stupste mich energisch, und mein rechter Zeigefinger verfehlte nur knapp mein rechtes Auge … Schnell weg mit der dräuenden Gefahr – ich warf den Ball erneut. Kaffee war auch alle, und ich erhob mich, um Richtung Küche zu gehen, verfing mich mit dem linken Fuß in der Kante des Teppichs, schlingerte gefährlich, konnte mich aber an der Türzarge abstützen. Die Kaffeemaschine handhabte ich mit größter Vorsicht …

Kaum in der Heide, schon verstümmelt! Ich taumelte zurück ins Wohnzimmer, blieb diesmal von der anderen Seite am Teppich hängen, fing mich und setzte mich auf den nächstgelegenen Stuhl, bereit, dort in alle Ewigkeit sitzenzubleiben. Besser nicht mehr bewegen! Vor meinem geistigen Auge erschien ein bekannter Loriot-Sketch, der mit den Worten: „Das Bild hing schief“ endet. Ich übertrug ihn auf die Situation hier: Meike verließ mich im Glauben, es handle sich nur um eine Platzwunde, aber bei ihrer Rückkunft würde ich halbtot mit gebrochenen Knochen und aus dem Mund, sowie der Nase und den Ohren blutend am Boden liegen! Meine letzten Worte vor der Bewusstlosigkeit: „Der Kaffee war alle.“ Als lautete mein Name Constanze, die Standhafte, blieb ich auf dem Stuhl sitzen … Besser war das.

Meike kam zurück und brachte eine Auswahl an Verbandmaterial mit. Favorit: das Gemeine Klammerpflaster, das bei mir hinsichtlich Platzwunden an Augenbraue und über der Nase schon gute Dienste geleistet hat. Einmal bei Kreislaufschwäche in ein Bücherregal gekracht, beim zweiten Mal mit Schmackes unter eine von mir selbst fahrlässig offengelassene Küchen-Oberschranktür. Der Vorteil bei den vorangegangenen Verletzungen in Kombination mit Klammerpflastern: Ich spreche weder mit der Augenbraue, noch mit der Nase.

Hier jedoch befand sich die Verletzung in Nähe meines Mundes, und den kann ich nur ganz schlecht halten. Kurz: Das Klammerpflaster wollte und wollte nicht halten. Meike klebte es immer wieder fest, resignierte dann aber: „Ali, das hat bei dir keinen Sinn! Du schaffst es ja nicht einmal fünf Minuten lang, deinen Mund zu halten.“ Und sie fasste mich scharf ins Auge. Ich rief: „Nein! Nicht nähen!“ Sie entgegnete: „Ich dachte eher an einen Sprühverband.“

Und so geschah es: Sie führte eine Spraydose mit furchtbar riechendem Sprühpflaster zutage, sprühte mir eine Ladung davon über die Oberlippe, händigte mir das Gebinde dann aus und meinte: „Wie ich dich kenne, brauchen wir das noch öfter – und dann machst du das am besten selber.“

Und dann fuhren wir Richtung Stall, wo ich ihre Pferde kennenlernte, auf dem Weg dorthin noch eine wunderschöne Teekanne nebst Stövchen kaufte. Teekanne rund und im alten Stil, weiß mit blauen, maritim anmutenden Motiven und dem Schriftzug: „Unser Norden“, das Stövchen desgleichen – eine Werbeaktion eines Supermarktes. Günstig, aber sehr, sehr schön. Als ich die entsprechende Teekanne bei ihr in der Küche gesehen hatte und sie mir von der Aktion erzählte, erschien gleich der Schriftzug: „Haben müssen!“ auf meiner Stirn. Denn ich suche schon seit geraumer Zeit nach einer günstigen und schönen, „alten“ Teekanne nebst Stövchen.

Auf dem Weg zum Stall dann fing die Platzwunde erneut zu bluten an – keine Ahnung, woran das wohl lag. 😉 Meike grinste wissend und fuhr rechts heran. Ich tupfte die Wunde ab und verabreichte mir eine großzügige Sprühpflaster-Ladung. Das dann auch zwei Kilometer später … Und überhaupt immer dann, wenn es mir notwendig erschien.

Aus dieser Maßnahme heraus entwickelte ich eine ganz neue Artikulationsmethode meinerseits: Die Oberlippe wird nicht bewegt, ist steif, aber die Unterlippe bewegt sich umso mehr. Es klingt etwas verwaschen, aber man wird verstanden. Man agiert quasi mit steifer Oberlippe, „with a stiff upper lip“. Wie die Queen! Endlich einmal sprechen wie die Queen! 😉

Auf die Weise war es mir möglich, meine Begeisterung hinsichtlich der Pferde zu äußern („Schinndie schön!“), eines schöner als das andere, ohne dass meine Wunde wieder zu bluten begann. Außerdem hatte ich meinen kleinen Bodyguard, Lucky, an der Leine („Lucky, schitsch!“, „Lucky – Huusch!“ ergo: „Lucky, sitz!“ und „Lucky – Fuß!“ Das treue Tier verstand und tat, was ich befahl – eindeutig sprachbegabt, wie ich entsprechend gerührt zur Kenntnis nahm 😉 ), während Meike Pferde longierte.

Gerade ist die Kruste über meiner Oberlippe abgefallen, und ich sehe nicht mehr so erschreckend aus wie ein führender Politiker aus zum Glück vergangenen Zeiten. Ich befürchte nur, es werde eine Narbe bleiben. Aber auf der anderen Seite schätze ich Menschen mit Ecken, Kanten und Narben – das ist irgendwie ehrlich.

Und wenn ich auch nicht die Queen bin: Nennt mich Scarface! 😉

Liebe Meike, ich fand es sehr schön bei Dir und bedanke mich – auch für die medizinische Betreuung. Und das nächste Mal fahren wir zusammen nach Nürnberg – das wird Dir gefallen.

London? Immer wieder gern! Nur nicht über Weihnachten …

Irgendwann vor diversen Jahren beschlossen mein bester Freund Fridolin und ich, über Weihnachten für eine knappe Woche nach London zu fliegen. Von der dortigen „Hörnchen-Episode“ habe ich ja bereits berichtet. Dabei gab es noch einige weitere Ereignisse dort, die mir sehr lebhaft in Erinnerung geblieben sind …

Es war nicht mein erster Aufenthalt in London, einer meiner Lieblingsstädte, bei der ich immer wieder das Gefühl habe, nach Hause zu kommen. Interessanterweise hatte ich das Gefühl bereits, als ich das allererste Mal in London ankam, mit dem Zug in Victoria Station. Mag sein, dass es daran lag, dass ich damals von Oostende mit einem Tragflügelboot namens „Jetfoil“ bis Dover gefahren war – mitten in Winterstürmen. Eine unvergessene Überfahrt über den Ärmelkanal, seit der ich weiß, dass man bei Übelkeit tatsächlich grün im Gesicht werden kann, denn eine Frau, die eine Reihe schräg vor mir saß, stürzte irgendwann hektisch von ihrem Sitzplatz Richtung Toilette, ihre Gesichtsfarbe eindeutig ins Grünliche spielend. Ich merkte mir den Weg dorthin lieber, denn mir ging es auch gar nicht gut. Solch ein Tragflügelboot ist sicherlich total toll – nur nicht bei derartigen Windgeschwindigkeiten und mit jemandem als Sitznachbarn, der auch noch dauernd sagt: „Hey, Ali, Achtung! Welle von Backbord achtern!“ Dann wurde das schnell dahinrasende Gefährt nämlich immer achtern, also hinten hochgehoben und knallte kurz darauf wieder auf die brettharte Wasseroberfläche. Lustig für den, der einen stabilen Magen hat – ich habe den leider nicht, und für mich stellte die Passage nach Dover eine Art Selbstbeherrschungstraining dar. Als ich die weißen Felsen von Dover und den Fährhafen vor uns sah, hätte ich vor Erleichterung fast geheult. Seit dieser Überfahrt und der einige Tage später gen Calais erfolgenden zurück bin ich nach London nur noch geflogen.

So auch mit Fridolin eineinhalb Jahre später. Ganz früh ging es vom Flughafen Düsseldorf Richtung London-Heathrow los, mit British Airways. Das Frühstück wurde – wie ich es auch danach immer erlebte – just serviert, als wir gerade den Ärmelkanal erreichten. Das bedeutet, man muss die Tee- oder Kaffeetasse immer in der Hand halten, um sie auszubalancieren, damit man sich nicht mit dem Getränk vollschüttet, denn ich habe noch keinen Flug erlebt, da es nicht über dem Kanal turbulenter wurde.

In Heathrow eingetroffen und unseres Gepäcks habhaft geworden, steuerten wir zunächst einen Geldautomaten an, um Geld in Pfund Sterling zu ziehen, danach einen Ticketautomaten von Transport for London, wo wir zwei Travelcards für unseren Aufenthalt kauften. Dann ging es mit der Piccadilly Line gen Zentrum, und nach einem Umstieg in die Victoria Line kamen wir dann auch an der Victoria Station an. Unser Hotel lag unweit von dieser, mitten in Pimlico, unweit der Themse.

Heiligabend war bis etwa 16 Uhr in der Stadt die Hölle los. Danach – wie abgeschnitten – herrschte das Nichts. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Binnen kurzer Zeit verwandelte sich eine Millionenmetropole in eine Art Dorf. Keine Tube mehr, keine Busse, nur noch Taxis, und die zu Mondpreisen. Am späteren Abend saß ich traurig auf dem Hotelbett – meine Familie saß sicherlich gerade beim Abendessen, und kurz darauf würde es die Bescherung geben. Nun, die hatten wir in London ja auch – die Bescherung. Denn nach dem Anruf bei meiner Familie, um frohe Weihnachten zu wünschen, brach ich in Tränen aus und heulte. Was um alles in der Welt hatte mich geritten, just über Weihnachten nach London reisen zu müssen? In den Pubs, allen fußläufig erreichbaren Lokalen geschlossene Gesellschaft, und wir saßen auf dem Hotelzimmer …

Immerhin waren wir so schlau gewesen, ein Sixpack Bier bei Sainsbury’s gekauft zu haben. Zwar hatten wir keine Minibar und keinen Kühlschrank im Zimmer, aber dafür eine sehr breite Außenfensterbank hinter dem einfachverglasten sash window, einem vertikal funktionierenden Schiebefenster, das sich hinter der Gardine befand, die partiell an die Gardinenleiste getackert war und sich daher auch nur partiell verschieben ließ. Und draußen war es sehr, sehr kalt, das Bier also perfekt gekühlt. Fridolin, der im Bad war, rief: „Komm, Ali, lass uns ein Bier trinken! Holst du zwei herein?“ Ja, klar – warum nicht? Und ich stand auf, schob die partiell verschiebbare Gardine so weit zur Seite, wie es ging – einige Tackernadeln rieselten mir von der Gardinenleiste aufs Haupt -, und dann löste ich die Fensterverriegelung und schob das Fenster hoch, achtete sogar darauf, dass es in der von mir gewünschten Position einrastete. Und schon beugte ich mich aus dem Fenster, um zwei Biere hereinzuholen, als mir etwas sehr schmerzhaft auf die Schulter und in den Nacken krachte.

Ich schrie wie am Spieß – die Attacke des Schiebefensters, das mir sehr schwungvoll in den Nacken gekracht war, war wirklich heftig gewesen. Fridolin schoss aufgrund meines schrillen Wehgeschreis aus dem Bad und sah mich eingeklemmt. Rasch schob er das Fenster hoch, und ich war befreit und zog mich mit den zwei Bieren schnell vom Fenster zurück. Fridolin stellte fest, das Gegengewicht sei wohl defekt, und ich rieb mir die schmerzende Schulter. Sie sollte nicht meine einzige Blessur bleiben … Tolle Weihnachten. Aber nach Leerung des Sixpacks zu zweit sah alles schon gar nicht mehr so finster aus – zumindest verlieh mir das Ganze die notwendige Bettschwere …

Am nächsten Tag suchten wir den Hyde Park heim. Da kein öffentliches Verkehrsmittel fuhr, latschten wir uns die Füße platt. Aber das Wetter war wunderbar – die Wintersonne strahlte vom eisblauen Himmel, alles war gefroren, und wir hatten die richtige Kleidung an. Unterwegs im Hyde Park stand dann auch noch eine Art Imbisswagen, in dem es Muffins, Scones, Tee und Kaffee gab, und ich kaufte einen Kaffee und einen „chocolate muffin“ für Fridolin, für mich einen Tee und einen „lemon muffin“ – meine Lieblingssorte, „apple-cinnamon“, war leider aus. Gestärkt stiefelten wir durch den Park, ich verteilte saltine crackers an Hörnchen in Kensington Gardens und zwei freundliche Gänse am Pond, einzig gestört von einer nervenden Möwe, die dauernd auf Höhe meiner Augen knapp vor diesen schwebte, mit ihrem spitzen, gelben Schnabel drohte und dabei impertinent kreischte.

Danach verließen wir den Park Richtung Royal Albert Hall, die wir umschritten, um dann die davor befindliche Treppe hinunterzugehen. Aber als ich mir die Treppe genauer ansah, wollte ich sie nicht mehr hinabsteigen: auf ihr dickes Spiegeleis. Ich machte Fridolin darauf aufmerksam, aber er meinte nur: „Alilein, sei nicht immer so ängstlich – du musst nur selbstbewusst sein, dann geht alles.“ Ich trat selbstbewusst auf die nächste Stufe, aber vielleicht überkam mich doch plötzlich ein Zweifel, denn ich meinte: „Wir sollten hier vielleicht wirklich besser nicht …“, als es mir auch schon das rechte Bein wegriss und ich unsanft auf dem Hintern landete. Leider nicht nur das, denn auf der spiegelglatten Treppe setzte ich mich plötzlich in Bewegung, und das recht schnell und immer schneller werdend. Kurz: Ich raste auf meinem Hintern die ganze lange Treppe hinunter! Der einzig klare Gedanke, zu dem ich zunächst fähig war, lautete: „Kopp hochhalten!“ Denn sonst wäre ich mit dem Hinterkopf auf die Stufen geschlagen – nicht auszudenken. Die rasende Abfahrt dauerte wahrscheinlich objektiv nicht so lang, wie es sich subjektiv anfühlte. Ich weiß nur noch, dass ich mehrfach heftig überlegte, ob ich mich nicht einfach zur Seite werfen sollte, was ich jedoch verwarf, da ich ansonsten wahrscheinlich auf der Seite liegend weiter talwärts gerast wäre. Ein weiterer flüchtiger Gedanke: „Was soll die Scheiße? Müsstest du nicht rationalerweise einfach irgendwann langsamer werden?“ Auch Fehlanzeige. Ein dritter Gedanke: „Scheiße! Vor dir ist die Prince Consort Road! Bei dem Tempo, das du drauf hast, wirst du über den Bürgersteig hinüber rasen und auf die Straße fliegen, wo du von einem Auto überfahren wirst!“ Das Ganze im Zeitraffer gedacht. Die Prince Consort Road kannte ich recht gut, da ich bei einem vorherigen London-Aufenthalt in einem Studentenwohnheim gewohnt hatte, das an der Straße lag, die ich nur als stark befahren erlebt hatte, und auch jetzt sah ich vor meinen Augen viele Autos über sie fahren, und das in teils halsbrecherischem Tempo und Londoner Fahrweise.

Im Hintergrund hörte ich Fridolin schreien und rufen, aber ich nahm nur etwa jedes dritte Wort wahr, was bisweilen recht sinnentstellend wirken kann.

Da! Als ich gerade mit meinem Leben abschließen wollte, und das nicht im Scherz, sah ich auf dem Bürgersteig unten am Fuß der Treppe ein Pärchen. Ich bete ja nicht, aber in jenem Moment dachte ich sehr intensiv: „Bitte! Bitte bleibt unten an der Treppe stehen und bremst mich!“ Ich muss es sehr intensiv gedacht haben, denn ich sah das Pärchen aufgeregt beratschlagen, dann baute sich der junge Mann an der linken Seite des Fußes der Treppe auf, seine Freundin an der rechten. Und sie warteten! Warteten, bis ich angerauscht kam. Dann griffen sie mir sehr schnell unter die Arme und zogen mich auf die Füße, so dass ich auf dem Bürgersteig zu stehen kam! Wären sie nicht dagewesen, wäre ich annähernd ungebremst auf die Straße geschossen.

Ich stammelte: „Thank you so much! More than likely, you saved my life!” Typisch englisch meinten die beiden: “You’re welcome!” Aber auch: „We’re so glad we came along at the right moment – when you were in distress.“ Und dann erzählten sie mir, sie hätten mich zunächst für eine Stuntfrau gehalten, gedacht, es werde ein Film gedreht. Aber dann hätten sie gar keine Kameras gesehen, kein Filmteam, und da sei ihnen dann sehr schnell klar geworden, dass das ein echter Notfall sei. Und da hätten sie mich lieber unten abgefangen – ich wäre ja ansonsten auf die Straße geschleudert und dort wahrscheinlich überfahren worden. Ob ich verletzt sei? Ob sie einen Krankenwagen rufen sollten, wollten sie wissen. Ich starrte auf meine Handflächen, die diverse Schrammen aufwiesen, die beim Versuch entstanden waren, mich mit Hilfe der Hände zum Stoppen zu bringen. Und ich sagte: „It’s only scratches. No problem at all – I’m just glad to be alive. No, it’s only scratches. No problem at all. But thank you so much! Without your help I would’ve been lost most probably.”

Und da kam Fridolin ganz gemächlich die Treppe herunter … Ich frage mich noch heute, wie er das geschafft hat, was ich nicht geschafft habe. Wir plauderten noch mit den beiden netten Engländern, die ich nie vergessen habe, dann verabschiedeten wir uns voneinander. Fridolin machte nicht viele Worte. Ich auch nicht. Erst Jahre später hat er mir erzählt, dass er fast tausend Tode gestorben wäre, als er mitansehen musste, wie ich da die Treppe hinunter raste, ohne etwas tun zu können. Und er meinte: „Ali, du musst offenbar eine Hundertschaft Schutzengel beschäftigen.“ Wahrscheinlich.

Nicht anders als durch die Wirkung von Adrenalin aufgrund meines Treppensturzes ist zu erklären, was mich anfocht, als ich zwei Tage später – die Stadt hatte wieder begonnen, eine Millionenmetropole zu werden, denn alle Geschäfte waren geöffnet, und die Verkehrsmittel fuhren wieder – etwas tat, das mir noch heute Schauer über den Rücken laufen lässt.

Fridolin und ich waren zum Shoppen in der Stadt, und wir gingen gerade die Regent Street entlang, mitten in einem riesigen Pulk kaufwütiger Touristen aus aller Herren Länder. Ausscheren war nur mit Mühe möglich – Stehenbleiben gar nicht. Man wurde unweigerlich weitergeschoben, ob man wollte oder nicht. Zum Glück hatte ich einen Regenschirm dabei … Seit diesem Tag ist mir klar, dass wir uns gar nicht so viel auf unser intelligentes Menschsein einbilden müssen – wir sind Schafen, die als nicht sonderlich intelligent gelten, ähnlicher, als uns wohl lieb ist.
Fridolin und ich waren leicht bis mittelschwer genervt, als wir in diesem Pulk vorangeschoben wurden, ich zog einen Vergleich zur menschlichen Darmperistaltik. Fridolin lachte, aber da kam aus einer Nebenstraße ein Stück weiter vor uns gerade ein Rettungswagen mit Sonderrechten angefahren. Und wir in der „Peristaltik“ gefangen, unweigerlich vorangeschoben von der Eigendynamik, die sich aus der Menschenmasse ergab. Die weiter vor uns Gehenden ließen den Rettungswagen nicht passieren, latschten einfach weiter, vor dem Wagen her, der inzwischen mit Hilfe des Yelp-Signals auf die besondere Dringlichkeit seines Erscheinens aufmerksam zu machen versuchte. Da er nicht weiterfahren konnte, rasten inzwischen auch die hinter ihm befindlichen Fahrzeuge aus der Seitenstraße an ihm vorbei, wobei fast noch einige Touristen angefahren wurden. Ich gebe zu, ich empfand das Ganze zunächst nicht als bedrohlich, aber dann fiel der Groschen, und ich rief Fridolin zu: „Fridolin! Die lassen den Rettungswagen nicht fahren! Das geht doch nicht! Du hältst die Autos aus der Seitenstraße auf – ich kümmere mich um die Leute hier!“

Ja, genau. Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir der Wahnsinn erst bewusst, der da aus meinen Worten sprach. 😉 Ich hatte allen Ernstes vor, hunderte von Menschen, die vorwärts strebten, kraft meiner Person aufzuhalten! 😉

Erstaunlicherweise reagierte Fridolin sofort und begab sich in die Seitenstraße hinter den Rettungswagen, während ich mich um 180 Grad drehte, nachdem ich nach einer sturen Vollbremsung einfach nicht mehr weiterging und mich gegen den Druck von hinten stemmte. Die 180-Grad-Drehung war nicht ganz einfach zu vollführen, und einige besonders Shoppingwütige strebten an mir vorbei, mich dabei beschimpfend, da ich in ihren Augen ein Verkehrshindernis war. Ich schaffte es, breitete meine Arme aus, nebst Regenschirm, den ich auch noch drohend einsetzte. Mein – sehr spontaner – Plan war, die vorderen Reihen zu überzeugen, doch einfach einen Moment zu warten, weil da ein Rettungswagen sei, der durchgelassen werden müsse, und das Wissen um das doch so Alltägliche nach hinten weiterzugeben.

Es war alles andere als einfach, aber ein Mann half mir tatkräftig, und gemeinsam schrien wir die Nachdrängenden auf Englisch an. Der Mann schrie in fast preußischem Gebaren, ich extrem autoritär, aber emotional, dass die, die den Rettungswagen behinderten, unter Umständen ein Menschenleben auf dem Gewissen haben würden: „It could be your mummy or your daddy in need of help! But no help coming! Just because of people like you!“

Das Unglaubliche geschah: Die vorderen Reihen hielten inne, und auf des Mannes und meine autoritäre Bitte, eher einem Befehl gleichend, gaben sie die Info nach hinten weiter! Und die Stampede hielt inne! 😉 Der Rettungswagen konnte fahren!

Als er an uns vorbeifuhr, ließ der Beifahrer das Fenster herunter und schrie dem Mann und mir zu: „Thank you, Madam! Thank you, Sir!“ Und schon raste der Wagen mit Blaulicht und Martinshorn weiter. Der Mann zog mich schnell zur Seite, denn der Touristenpulk hinter uns wurde schon ungeduldig. Da kam auch schon Fridolin an, und er meinte: „Ali, manchmal bist du wirklich wahnsinnig – zumindest habe ich das im ersten Moment gedacht. Hast bisweilen vor diesem und jenem Angst, aber dann wächst du über dich hinaus. Wie jetzt. Und ich bin erstaunt, wie viele Schimpfwörter du auf Englisch kennst!“

Der Mann, der so tatkräftig geholfen hatte, stellte sich vor, wir uns auch, und er meinte, es kotze ihn immer wieder an: Er sei gebürtiger Londoner, und immer wieder müsse er mitansehen, dass die vielen Touristen seine Heimatstadt offenbar als eine Art Freizeitpark sähen, in dem im Grunde alles gestellt sei – auch Rettungswagen. Aber es sei doch letzten Endes eine ganz normale Stadt! Ich gab zu bedenken, auch wir seien Touristen, und da meinte er: „Tourists like you are always welcome. You have the heart in the right place.“ Ich habe dann nicht mehr gesagt, dass wir Deutsche seien … 😉

Am nächsten Tag waren wir sogar noch im Zoo, wo ein Elefant mit armdicken Ästen angenervt nach Besuchern warf – es hätte mich eigentlich nicht gewundert, hätte ich in der ersten Reihe gestanden … 😉

Und abgesehen davon, dass ich etwa ein Jahr kein chinesisches oder sonstwie asiatisch geprägtes Essen zu mir nehmen konnte, nachdem wir über Weihnachten notgedrungen drei Tage lang ausschließlich asiatisch hatten essen können – alle anderen Lokale hatten „geschlossene Gesellschaft“ wegen Weihnachten -, war es doch ein spannender und schöner Aufenthalt in London.

Mein Tipp nur: Fahrt niemals über Weihnachten hin! Die Stadt mutiert zum Dorf. 😉

Unterwegs mit Fans

Meine Ursprünge liegen in einer echten Fußballstadt. Nein, nicht Bochum. Aber dicht dabei. Die Vereinsfarben hier sind ebenfalls Blau und Weiß, aber zum Glück gibt es hier kein emblematisches Zebra wie mehr am Niederrhein. Über den Verein meiner Heimatstadt wird viel gespottet, meist von denen, die viel schlimmeren Vereinen folgen. Zum Beispiel dem mit dem Zebra. Einmal, noch mit einem Neu-Duisburger und obendrein Juristen liiert, war ich quasi gezwungen, in einer zwielichtigen Kneipe einem Spiel zwischen dem Zebraverein und einem noch schlechteren folgen zu müssen. Selten habe ich einen langweiligeren Abend erlebt, dabei mag ich Fußball eigentlich, auch die Stimmung, wenn man sich mit vielen Leuten ein Spiel ansieht. Hier herrschte total tote Hose, und ich brachte uns noch in Gefahr, als ich fröhlich-unbedacht meinte, das einzig Sympathische an diesem Verein sei das Zebra. Über alles andere solle man schnellstens den Mantel des Schweigens breiten – meinetwegen auch einen gestreiften. Hui! So schnell haben wir nie wieder eine Kneipe verlassen! Und ich hatte dann noch mit meinem ebenfalls zebrageschädigten Juristen-Ex Krach, weil ich die Anstrengungen „seines“ Vereins offenbar nicht recht zu würdigen wusste. Und ich musste mir Schmähliches über den meine Heimatstadt bestimmenden Verein anhören – ehrlich gesagt, ging mir das recht weit an dem Körperteil vorbei, auf dem ich sitze. Seit ich wieder in meiner Heimatstadt lebe, geht mir der alles bestimmende Verein mehr und mehr auf den Senkel. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich seitdem immer mehr Leute getroffen habe, die eine Art Götzenkult um den Verein betreiben. Damit habe ich als nichtgläubiger Mensch generell ein Problem.

Daher halte ich mich aus Gesprächen, in denen Fußball Thema ist, weitestgehend heraus, und die meisten Leute denken ohnehin, ich sei ein Fan „meines Heimatvereins“, da ich ja in der Stadt lebe, in der er seinen Ursprung hat. Wie könnte man da anders, als Fan zu sein? Man kann … 😉

Zugegeben, ich hielt immer mit diesem Verein, als ich noch weit entfernt von diesem in Aachen lebte und bisweilen Attacken von Heimweh nach dem „Pott“ hatte. Wehe, jemand dort sagte etwas gegen Schalke! Nieder mit ihm! Ich gestehe jedoch, ich wäre sicherlich ebenso garstig geworden, hätte jemand etwas gegen Rot-Weiß Oberhausen gesagt. (Umgekehrt funktioniert das allerdings nicht: Ich bin – obwohl wieder im Ruhrgebiet ansässig – nie ein Fan von Alemannia Aachen geworden. 😉 )

Ich hielt immer mit Schalke. Bis zu jenem Tag. Dem Tag vor Jahren, als ich an einem Samstagmorgen in Aachen aufbrach, um meine Eltern im Ruhrgebiet zu besuchen. Ich war völlig blauäugig losgezogen, dabei habe ich eigentlich grüne Augen. 😉 Typisch Frau – nicht bundesligatauglich. 😉

Da ich kein Auto hatte, musste ich mit der Bahn fahren, und so stand ich an jenem Samstagmorgen schließlich gegen halb zehn an Gleis 2 des Aachener Hauptbahnhofs. Zu meiner großen Überraschung auch diverse lärmende Zeitgenossen, die blau-weiße Fahnen und ebenso geartete Kleidung nebst albernen Accessoires trugen, auf denen groß der Schriftzug „Schalke 04“ prangte. Zwar hatte ich mitbekommen, dass Schalke an jenem Samstag spielte, aber aus irgendeinem Grund war mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass es ja auch auswärtige Schalke-Fans gab, die von ihrem jeweiligen, noch so weit entlegenen Heimatort zum Spiel fahren würden. Als ich da an Gleis 2 stand, ärgerte ich mich über meine Begriffsstutzigkeit, und als die Fans immer mehr wurden, überlegte ich bereits, ob ich meine Eltern anrufen sollte, um abzusagen. Zumindest mein Vater hätte größtes Verständnis gehabt. Er hasst Fußball, und „Schalke“ ist für ihn ein Reizwort. Aber das wäre mir dann doch zu albern erschienen, und meine Eltern hätten sicher gemutmaßt, ich hätte abends zuvor gefeiert. 😉 Dem galt es vorzubeugen. Und so wartete ich brav weiter auf den Zug, der dann auch bald einfuhr. Ich stieg ein und beging sofort Fehler Nummer drei aufgrund Unbedachtsamkeit.

Denn damals gab es noch Raucherabteile, und da ich Raucherin bin und die ganze Fahrt nicht ohne Zigarette verbringen wollte, begab ich mich gleich in das einzige Raucherabteil des ganzen Zuges, das sich – Erfahrungswerte zahlen sich bisweilen aus – in dem Wagen befand, der direkt vor meinem Standort zum Halten gekommen war. Ich war die Erste im Abteil, mitsamt meiner grünblauen Adidas-Tasche … Ich konnte mich auch noch hinsetzen, sogar meine Tasche noch neben mich auf den Sitz stellen.

Doch kurz darauf brach das Inferno über mich herein. Das blau-weiße Inferno. Wo hatte ich nur meinen Kopf gelassen, als ich mich ganz selbstbewusst im Raucherabteil niederließ, und das in der Annahme, eine normale Zugfahrt vor mir zu haben? Ich schäme mich heute noch dafür. 😉

Denn spontan brach eine Art Tsunami aus Schalke-Fans über das Raucherabteil herein! Es ging so schnell, dass ich nicht einmal mehr das Abteil verlassen konnte, und so fand ich mich schließlich mit meiner Tasche auf dem Schoß wieder, meine Ellbogen darauf gestützt und beide Unterarme wie Antennen steil aufragend, in der rechten Hand die Zigarette, denn es war nicht daran zu denken, sich mit normal ausgebreiteten Armen hinzusetzen. Rechts und links neben mir sowie vor und hinter mir … Schalke-Fans! Und sie alle trugen zwei Fahnen bei sich. Die Vereinsfahne und eine eklatante Alkoholfahne. Morgens um Viertel vor zehn in Deutschland! Nix da mit „Knoppers“! 😉 Im Grunde war es riskant, im Raucherabteil überhaupt Zigaretten zu entzünden. Wie leicht kommt es zu einer Verpuffung!

Ich fühlte mich gar nicht wohl, vor allem ob der in jeder Hinsicht schrillen Gesänge und des lauten Grölens. Nicht zum ersten Male stellte ich mir die Frage, warum viele Fußballfans im Allgemeinen nicht einen einzigen richtigen Ton zu treffen in der Lage zu sein scheinen, dennoch aber immer „singen“ zu müssen glauben. Obwohl von Singen keine Rede sein kann.

Mein Gesicht hätte ich zu gern gesehen – wahrscheinlich völlig paralysiert. Immerhin versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Aber in meinem Gehirn arbeitete es: „Wie kommst du hier nur raus? Du musst in Oberhausen umsteigen, und hier passt keine Briefmarke mehr hinein! Und so, wie die sich hier gebärden, lassen sie dich nicht raus!“

Meine Sorge war nicht unbegründet. Denn mehrfach wurden mir Flachmänner unter die Nase gehalten, und man rammte mir kumpelhaft Ellbogen in die Seite, was ich ganz besonders mag: „He, Kleine, nimm mal ´nen Schluck!“ – „Nein, danke, nett, aber nix Hochprozentiges. Ich trinke nur Bier.“ Ooops! Großer Fehler – ich Idiot! Denn von rechts kam prompt eine Dose „Veltins“ mit der Aufforderung, doch mal einen tiefen Zug zu nehmen. „Nein, danke, total lieb, aber ich habe eine Veltins-Allergie. Veltins vertrage ich leider gar nicht.“ – „Wie bist du denn drauf? Veltins ist Schalke-Bier!“ – „Ja, ich leide auch sehr darunter.“ Zum Glück sahen sie es ein, und da sie alle so treu ergebene Schalke-Fans waren, hatten sie keine andere Biersorte dabei … Und sie beruhigten sich auch wieder, als ich ihnen versicherte, Gelsenkirchen sei meine Heimatstadt, Schalke mein erster Gedanke nach dem Aufwachen und mein letzter vor dem Einschlafen. Geht doch alles … 😉

Als wir in Duisburg in den Hauptbahnhof fuhren, warteten dort am Gleis schon zahlreiche Fans des gegnerischen Vereins. Sofort wurden sämtliche Fenster im Abteil aufgerissen – frische Luft, endlich! – und Verwünschungen und Todesdrohungen nebst weiteren Schmähungen gegen die Wartenden losgelassen. Okay, es waren Fortuna-Düsseldorf-Anhänger – irgendwie kam bei mir sogar so etwas wie anflugweises Verständnis auf, auch wenn ich die Morddrohungen nicht nett fand und mich überdies wunderte, warum einige besonders eifrige Schalke-Fans die Fenster auch zur dem Bahnsteig abgewandten Seite aufgerissen hatten und ihre Verwünschungen auf den Gepäcksteig riefen, wo niemand stand … Nun ja.

Allmählich machte ich mir allerdings Sorgen, wie ich aus diesem enggestopften Pulk euphorisierter, grölender und massiv nervender Schalke-Anhänger jemals den Weg zur Tür und aus dem Zug hinausfinden sollte. Denn die nächste Station war Oberhausen, und da musste ich definitiv diesen lustigen Zug verlassen. Im Geiste überschlug ich bereits alternative Möglichkeiten, und eine drängte sich mir auf: „Zur Not bleibst du bis Gelsenkirchen im Zug und fährst dann mit der 2 vom Hauptbahnhof bis Buer Rathaus und von dort aus dann mit dem Bus weiter.“ Meine Eltern leben in einer kleinen Stadt etwa 20 km von Gelsenkirchen entfernt, die bereits zum Münsterland zählt. So ein Mittelding zwischen Pott, Münsterland und Rheinland.

Kaum gedacht, wurde mir die Tragweite des Gedankens klar: „O Gott, nein! Die Bekloppten hier fahren ja auch alle mit der 2 bis zur Arena!“

Das gab mir die Kraft, mich mittels Ellbogen und „roher Gewalt“ bis zur nächsten Zugtür aus dem Abteil des Grauens zu kämpfen. An der Tür stand ein älterer Herr. Wir standen einander gegenüber, umgeben, angerempelt  und bedrängt von lauter Fußballfans. Der ältere Herr war offenbar eine Art „danger seeker“, denn er meinte laut zu mir: „Schauen Sie sich nur diese Fußballfans an! Sind die nicht alle bekloppt? Was meinen Sie?“ Ich fragte mich insgeheim, ob er lebensmüde sei und wenn ja, warum er mich da hineinziehe, aber ich lächelte liebreizend und meinte: „Aber nein! Ich finde es sehr sympathisch, wie sich die Leute hier engagieren und für ihren Verein einsetzen!“ Ich gebe zu, einige Drohgebärden seitens der uns angesichts des älteren Herrn Äußerung immer enger umringenden Fans um uns herum haben mich ein wenig beeinflusst …

Als der Zug in Oberhausen einfuhr, war ich heilfroh, dem Wahnsinn zu entfleuchen. Fast hätte ich nach dem Aussteigen den Boden geküsst, wie der vorvorige Papst das so gerne tat. Er allerdings eher aus Gründen der Medienwirksamkeit, ich aus echter Dankbarkeit.

Als ich dann den Zug Richtung Wohnort meiner Eltern bestieg und dort auf einen Damen-Kegelclub stieß, pries ich meinen Schöpfer oder wen auch immer. Unter normalen Umständen hätte ich ihn angesichts der Situation verflucht. Wer jemals mit einem Damen-Kegelclub eine gewisse Strecke in einem Zug unterwegs war, weiß, wovon ich spreche …

Und als mein Vater mich dann am Bahnhof in D. abholte und mich fragte, ob ich denn eine schöne Fahrt gehabt hätte, meinte ich nur: „Ich war noch nie so froh, am Oberhausener Hauptbahnhof anzukommen.“ – „Aber Alilein, der Hauptbahnhof in Oberhausen ist doch nun wirklich nicht schön!“ – „O doch! Und danach bin ich mit einem Damen-Kegelclub weitergefahren. Das war richtig angenehm.“ Mein Vater starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber er musste auch noch nie mit eingefleischten Schalke-Fans in einem Zug auf engstem Raum gen Ruhrgebiet fahren. Und meine Mutter meinte nur: „Siehste, das kommt vom Rauchen!“

Fußball? Gern! Von weitem besonders gern – vor allem in dieser Stadt hier.