Ruhe in Frieden, liebe Tonja!

Vor einigen Tagen telefonierte ich mit meinem Kollegen Oliver, einem meiner Lieblingskollegen. Olli ist stets gelassen und erinnert mich an den Protagonisten eines meiner Lieblingsfilme aus den späten Neunzigern, einem sogenannten Kultfilm. Das ist ein Kompliment – nur sehr engstirnige Menschen mögen den „Dude“ nicht, den Protagonisten aus „The Big Lebowski“. Wie gesagt: einer meiner Lieblingsfilme. Warum? Keine Ahnung, ich mag ihn einfach.

Doch letzte Woche, als ich mit Oliver telefonierte, klang der gar nicht so gelassen. Eher bedrückt. So kannte ich ihn gar nicht. Mir fiel ein, dass er drei Wochen zuvor erzählt hatte, sein Hund sei krank, litte unter einer Lungenentzündung. Tonja, eine Mischlingshündin, eine Mischung aus einem Deutschen Schäferhund, einem Collie und einem Belgischen Schäferhund, genauer: einem Tervueren. Da ich Tiere sehr liebe, speziell Hunde, ging mir das schon nahe. Noch näher, da ich Tonja seit ihren Welpenzeiten kannte. Jetzt war sie acht Jahre alt und so krank. Ich hatte Olli noch gute Besserung für das Tier gewünscht.

Und so fragte ich ihn am Telefon ganz arglos nach Tonjas Befinden. „Ali, sie ist tot,“, kam als Antwort zurück, und das mit leicht belegter Stimme. „Wie – tot?“ fragte ich, als wäre mir nicht klar, dass alle Lebewesen sterblich seien. „Tonja lebt nicht mehr.“ – „Nein! Was ist passiert?“

Oliver erklärte, die Lungenentzündung sei keine solche gewesen. Das Tier habe Krebs gehabt. Man habe es noch operieren lassen, aber dabei habe sich herausgestellt, dass das Ganze schon zu weit fortgeschritten gewesen sei. Da habe man es erlösen lassen, nachdem der Tierarzt abgewinkt und gemeint habe, es gebe keine Chance auf Heilung.

Ich saß da, als hätte man mir einen Baseballschläger auf den Kopf geschlagen. Tränen stiegen in meine Augen. O Gott! Das arme Tier – und Olivers arme, kleine Tochter, deren Freundin die liebe Tonja, wie ich sie nur nannte, gewesen war! Ich meinte mit ebenfalls belegter Stimme, es tue mir sehr leid. Nach einer längeren Pause fragte ich, wie denn Olivers Tochter mit dem Verlust umgehe. „Nicht so gut, Ali,“, war die Antwort. Ich verstand das nur zu gut – ich habe diverse Tiere in meinem bisherigen Leben zu Grabe tragen müssen, und das ist genauso grauenhaft, wie wenn man einen menschlichen Angehörigen beerdigen muss, an dem man hing. Es gibt Menschen, die das nicht verstehen, aber das sind Menschen, die ich wiederum nicht so gut verstehe.

Zaghaft fragte ich, ob man die Anschaffung eines neuen Hundes ins Auge gefasst hätte. Es gibt da ja verschiedene Auffassungen, aber angesichts der Tatsache, dass Olivers Tochter noch klein ist, dachte ich, die Frage sei opportun. Die Kleine hatte sicherlich verstanden, was Tod und Verlust bedeutet, aber mir persönlich erschien es am gesündesten, das recht sensible Mädchen abzulenken. Tonja selber würde nie ersetzt werden können – soviel stand fest. Man kann einen Menschen, aber auch einen Hund nicht durch einen anderen ersetzen – es sind nun einmal Individuen.

Oliver meinte: „Wir wollten nach Tonja eigentlich keinen neuen. Aber wegen der Kleinen … Wir haben schon einen neuen Hund. Tonja wird die Kleine nicht ersetzen können, aber sie lenkt ab, und ohne Hund geht es inzwischen nicht mehr.“ Ich verstand das nur zu gut und beglückwünschte Oliver zu der Entscheidung, nahm ihm aber auch das Versprechen ab, das neun Wochen alte Tierchen einmal mitzubringen. Tonjas Nachfolgerin möchte ich doch gern kennenlernen. 🙂

Tonja selber war ein echter Sonnenschein. Ich lernte sie kennen, als ich gerade die Trennung von meinem Ex Dirk, einem Juristen, hinter mir hatte. Von daher war ich nicht gerade auf Rosen gebettet, noch weniger glücklich, als ich eines grauen Januartages dienstlich in die Abteilung musste, in der Oliver arbeitet. Aufgrund meines Kummers transusig machte ich mich auf den Weg – mir war alles egal. Wäre ich vom Blitz getroffen worden, hätten, sofern möglich, meine letzten Worte gelautet: „Na, endlich! Warum nicht eher?“ In dieser Stimmung machte ich mich auf gen Druckerei …

Als ich die heiligen Hallen betrat, schlug mir der Geruch von Zigarettenrauch entgegen – sehr sympathisch. Zwar war das Rauchen schon damals im ganzen Gebäude verboten, aber in der Druckerei scherte man sich einen Dreck darum – die letzte Bastion Aufständischer. Kein Wunder, dass ich mich in der Druckerei immer ganz besonders wohl fühle. 😉 Und auch völlig ohne Dienstanweisung hatte ich Oliver öfter besucht, wenn mir nach einer Zigarette war. Wie gesagt: Nicht nur, dass man dort rauchen konnte, ist Oliver stets gelassen und in der Lage, einen auch in Schieflagen wieder aufzumuntern.

Doch an jenem grauen Januartag war es nicht Oliver, der für Aufmunterung sorgte, denn als ich den Gang zu seinem Büro entlang ging, hörte ich plötzlich ein mir vertrautes Geräusch aus dem großen Arbeitsraum: ein lebhaftes „Tapp-Tapp-Tapp“. Und ehe ich mich versah, bog ein reizendes, kleines Wesen um die Ecke – ein Hündchen, ein Welpe mit eindeutigen Schäferhund- und Collie-Genen. Es sah niedlich aus, der Collie-Elternteil war nicht zu verleugnen, denn flaumartige Haare standen radial von des Hündchens Körper ab, so dass das kleine Tier an die Bürsten aus Autowaschanlagen erinnerte – nur war es viel weicher. Das ganze Hündchen wirkte sehr flauschig, und es stürzte fröhlich kläffend auf mich zu. Auf dem glatten Boden rutschte es mehrfach aus, aber das hinderte es nicht, seinen Weg zu mir hin fortzusetzen, und mit begeistertem Kläffen sprang es an mir hoch, als es mich erreicht hatte. Ich ging sofort zu Boden bzw. in die Knie, knuddelte das niedliche, kleine Ding und rief: „Ja, wer bist du denn? Zu wem gehörst du denn?“ Es gehörte zu Oliver, der um die Ecke bog, als ich mir gerade eine Art freundlichen Ringkampfs mit dem Hündchen auf dem Fußboden lieferte. 🙂

Fortan war ich noch viel öfter in der Druckerei, denn Oliver brachte die kleine Tonja regelmäßig mit, da sie nicht allein zu Hause bleiben konnte. Immer ging ich ordentlich gekleidet und intakt hin. Zurück kehrte ich mit Schmissen, Schrammen und bisweilen leicht blutenden Wunden an Händen und Armen. Einmal auch mit einer Laufmasche in der Strumpfhose. Nicht etwa, dass das kleine Tier bösartig gewesen wäre – es war nur noch ein Baby und von daher eher grobmotorisch, weswegen ihm noch nicht klar war, dass seine Milchzähnchen nicht nur spitz wie Nadeln waren, sondern auch, wie es sie benutzen musste. Ich bin sonst eher „pisselig“, aber bei kleinen Hunden oder anderen kleinen Tieren mache ich eine Ausnahme. Eigentlich generell bei Tieren, aber auch kleinen Kindern.

Einmal waren wir bei Olivers Kollegen im Büro, ich sogar mit einem dienstlichen Auftrag. Der Kollege hatte eine schon etwas in die Jahre gekommene Ledercouch in seinem Büro stehen, auf der er während seiner Kaffeepausen gern saß. Während wir da im Büro standen und das Layout eines Veranstaltungsflyers diskutierten, kam die kleine Tonja ins Büro getappt, sah die Couch und sprang mit Schwung darauf. Mit etwas viel Schwung, denn sie schlitterte fast bis ans Ende der Sitzgelegenheit. Ich sah ihren Blick: Etwas erschrocken sah das Tierchen drein, und wir mussten alle lachen. Das hatte ungeahnte Folgen und wirkte wie eine Art Stimulans, denn Tonja sprang von der Couch, rannte in den Flur, nahm Maß und Anlauf und stürmte erneut auf die Couch zu, auf die sie dann sprang und noch viel schneller darüber schlitterte. Diesmal sah sie nicht erschrocken aus, vielmehr funkelten und blitzten ihre Augen, und sie kläffte fröhlich. Nach dieser munteren Schlitterpartie sprang sie von der Couch, rannte zurück in den Flur, nahm erneut Anlauf, und das ganze Spiel wiederholte sich. Wieder und wieder. Einmal überschlug sie sich fast, und ich konnte sie gerade noch greifen und Schlimmeres verhindern. Sie leckte mir rasch über die Hand, musste dann aber ganz schnell wieder auf den Flur rennen – neuerlicher Anlauf vonnöten. Die Couch wartete. Olivers Kollege, der ein ausgemachter Katzenfreund ist, lachte und meinte: „Ich mag Hunde normalerweise nicht so gern, nicht so gern wie Katzen – aber die Kleine hier ist geeignet, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Die ist ja herzallerliebst!“ Das wollte viel heißen, denn Hannes ist normalerweise nicht leicht zu überzeugen.

Das war Tonja wirklich – herzallerliebst. 🙂 Einmal kam ich in die Druckerei, war länger nicht dort gewesen, als mir ein recht großer Hund schweifwedelnd entgegenkam: Tonja. Erstaunlich gewachsen, aber nicht weniger begeisterungsfähig als früher sprang sie an mir hoch. Endlich einmal musste ich nicht zu Boden gehen, sie zu knuddeln. Sie führte mich gleich in Olivers Büro, wusste offenbar genau, dass ich dahin immer zum Rauchen gekommen war. Während der Unterhaltung stand Tonja auf und schritt würdevoll zum Waschbecken, das sich in Olivers Büro befand, drehte sich zu Oliver um, woraufhin der aufstand und meinte: „Es war heute früh etwas hektisch, und ich habe Tonjas Wassernapf zu Hause vergessen.“ Und er drückte auf den Knopf oben am Wasserhahn, worauf Wasser herausstürzte und Tonja eifrig trank. Das Ganze wiederholte sich mehrfach, bis Oliver meinte: „Tonja, ich habe keine Lust, dauernd aufstehen zu müssen. Sieh mal – du musst hier oben draufdrücken. Dann kommt Wasser.“ Er demonstrierte es, Tonja sah aufmerksam zu, und ich meinte: „Oliver, meinst du, sie merkt sich das?“ Sie tat es nicht, wie sich herausstellte, denn kurze Zeit später stand sie erneut erwartungsvoll wedelnd vor dem Waschbecken. Diesmal stand ich auf, sagte: „Tonja, pass auf! Hier musst du draufdrücken, dann kommt Wasser!“ Und ich zeigte ihr das Ganze, jede meiner Handlungen aufmerksam von ihr beäugt.

Längst hatten Oliver und ich, die wir uns lebhaft unterhielten, das Ganze vergessen, als Tonja einmal mehr aufstand und zum Waschbecken ging. Durch die Bewegung aufmerksam geworden, sahen wir, wie sie am Waschbecken hochsprang und mit ihrer Pfote auf den Knopf am Wasserhahn drückte und trank. Einmal, zweimal, dreimal. Dann drehte sie sich stolz zu uns um! Oliver und ich saßen wie vom Donner gerührt da. Ich fand als Erste die Worte wieder: „Aber wir haben ihr das doch nur zweimal gezeigt …“ Als Antwort drückte Tonja erneut auf den Knopf und warf mir einen beifallheischenden Blick zu. Ich stand auf und knuddelte sie: „Du bist ein ganz besonders intelligenter Hund!“ Sie quittierte das Ganze mit einem dicken Schmatzer auf meine Nase. Oliver lobte sie ebenfalls, und sie freute sich halbtot.

Im Laufe der Jahre sah ich sie seltener, seit Oliver sie nicht mehr mit zur Arbeit bringen durfte. Aber ich fragte oft nach ihr, und Olivers Reaktionen waren immer sehr liebevoll. Auch neulich, als er von der Lungenentzündung erzählte.

Jetzt ist Tonja tot – kaum zu glauben und sicherlich schwer erträglich für die unmittelbar Betroffenen. Acht Jahre alt ist sie nur geworden. Aber ich bin mir sicher, sie hat eine würdige Nachfolgerin gefunden, die ich demnächst kennenlernen werde, da Oliver sie – wider das Verbot – mitbringen wird, wie er mir versprach. Tonja wird sie nicht ersetzen können, aber sie ist sicherlich auch ganz reizend.

Ich mache mich jetzt schon einmal auf neuerliche Schmisse, Scharten, blutende Wunden gefasst. 🙂

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