Starkes Geschlecht? Schwaches Geschlecht?

Als ich noch klein war, erklärten sämtliche Männer und Jungs in meinem Umfeld immer wieder voller Stolz und im Brustton naturgegebener Überlegenheit, sie wären ja das starke Geschlecht – in jeder Hinsicht. Wirklich alle – bis auf meinen Vater. Der war schon immer ein ganz besonderer Mensch, zwar Ingenieur, aber auch in gewisser Weise das, was man einen „Schöngeist“ nennt, eher introvertiert und nachdenklich, auch wenn er ein sehr fröhlicher Mensch ist, der gerne Gesellschaft hat. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Er meinte immer, das sei Tinnef, denn man müsse dies differenziert sehen, und es komme ja nicht nur auf physische Kraft an. Die meisten Frauen, die er kenne, seien psychisch erheblich belastbarer und stärker als das Gros der Männer, die er kenne. Und augenzwinkernd fügte er hinzu: „Sonst würden es viele Frauen mit ihren Männern gar nicht aushalten.“ 😉 Gehe es für ihn um echte Stärke, sei die mentale erheblich wichtiger, die psychische Stärke, und da sehe er Frauen deutlich im Vorteil. Und eine Schwangerschaft und Entbindung durchzustehen, brauche sehr viel Kraft, in jeder Hinsicht. Er gab jedoch auch zu bedenken, dass natürlich auch immer die individuelle Persönlichkeit eine gewisse Rolle spiele.

Papa scheute nie davor zurück, Dinge zu tun, die in den 50ern, 60ern und 70ern für die meisten Männer völlig indiskutabel waren. Noch heute berichtet er beispielsweise grinsend, wenn es um Unterschiede zwischen meiner Schwester und mir geht, die zahlreich vertreten sind, Stephanie sei beim Wickeln immer erheblich unkomplizierter gewesen als ich. Ich hingegen hätte ständig herumgehampelt und –gezappelt, und im Grunde hätte man vier Hände gebraucht, wenn man mich wickeln wollte. Mich zu bändigen, hätte die doppelte Zeit in Anspruch genommen, die man für Stephanie gebraucht habe. (Dafür brauchte man bei der Kinderärztin doppelt so lange, Stephanie zu überzeugen oder auszutricksen, sich ihren Pullover ausziehen zu lassen, wenn sie abgehorcht werden oder gar eine Spritze bekommen sollte. Da war ich wohl erheblich gelassener und offenbar der Ansicht: „Besser schnell hinter mich bringen, wenn es denn schon sein muss.“)

Papa ist jemand, der keine großen Worte macht, viele Dinge gar nicht erst kommentiert, wenn er meint, es sei nicht der Rede wert. Einmal, ich war etwa sieben Jahre alt, sollten alle Kinder meiner Klasse für ein Schulfest einen Kuchen mitbringen, und am besten wäre es, wäre dieser Kuchen von ihnen selber gebacken worden. (Lehrer sind manchmal etwas weltfremd …) Ich apportierte diese Botschaft meiner Mutter, die meinte, sie würde einen Kuchen backen, müsse aber erst mit Oma und Stephanie in die Stadt. Ich solle lieber die Finger davon lassen – ich sei noch zu klein. Und was die Lehrerin sich denn dabei dächte! Ich begehrte auf, meinte, das könne doch nicht so schwer sein, aber meine Mutter meinte nur: „Lieber nicht.“ Und sie sähe sehr schwarz, würde ich mich daran begeben, selber zu backen. Sie meinte es nicht böse, sie fand einfach, ich könne das noch nicht, da zu klein.

Mein Vater hatte dabeigestanden und kein Wort gesagt. Und dann ging er in sein Arbeitszimmer, während ich heulend und verzweifelt – diese Schmach, zu klein zu sein! – in meinem Zimmer verschwand, und Mama, Oma und Stephanie fröhlich das Haus verließen. Kaum waren sie in Mamas Auto davongefahren, kam mein Vater zum Vorschein und rief mich von unten aus dem Hausflur: „Ali! Komm, sie sind weg!“ – „Warum soll ich kommen?“ – „Wolltest du nicht einen Kuchen backen?“ – „Mama sagt, ich könne das nicht!“ – „Ja, das habe ich auch gehört. Aber ich weiß, dass du das sehr wohl kannst. Komm herunter!“ Verheult stieg ich die Treppe hinunter. Mein Vater war schon in der Küche und begutachtete die Vorräte, während er mit der freien Hand in „Backen macht Freude“ blätterte, dem Standardwerk hinsichtlich Back-Rezeptbüchern von Dr. Oetker. Und er meinte zu mir: „Sieh mal, wir haben das und das und das vorrätig. Sieh mal selber in das Buch – da gibt es einige Möglichkeiten. Was möchtest du machen?“ Ich hätte ja gern einen Marmorkuchen oder, noch besser, Nusskuchen gemacht, aber just Kakao und Nüsse hatten wir nicht im Haus, wohl aber eine Packung „Mondamin“. Und da gab es ein Rezept, das sich mit allen vorhandenen Zutaten deckte. Los ging es! Mein Vater assistierte, aber das Meiste machte ich, und zum Glück blieben Mama, Oma und Stephanie lange genug in der Stadt. Jedenfalls hatten Papa und ich den Kuchen gerade aus dem Ofen geholt, als die drei die Haustür aufschlossen. Meine Mutter roch den Braten, nein, Kuchen sofort, meine Oma desgleichen, und sie ging zu meinem Vater und meinte: „Karl-Heinz, du bist wirklich ein lieber Mensch! Da hast du dich hingestellt und den Kuchen gebacken!“ Mein Vater meinte nur: „Nein, ich war das nicht.“ – „Ja, wer denn sonst?“ (Als wäre ich gar nicht vorhanden gewesen oder in Frage gekommen. 😉 ) – „Ali hat den Kuchen gebacken.“ – „Unsinn, das kann sie doch noch gar nicht!“ – „Doch. Sie hat den Kuchen gebacken, und sie kann das sehr gut.“ Ungläubiges Staunen. Dann meinte meine Mutter: „Karl-Heinz, komm, gib es zu: Du warst das.“ – „Nein, wirklich nicht. Ich habe ihr wirklich nur etwas beim Abwiegen geholfen, den Rest hat sie ganz allein gemacht. Sie kann das. Das solltet ihr euch merken.“

Das habe ich nie vergessen. Und der Kuchen schmeckte sogar! 😉 Papa hat mir beigebracht, dass man über sich selbst hinauswachsen kann, wenn man sich überwindet. (Mama auch, auf ihre Weise. Sie ist diejenige, die bei Unfällen Erste Hilfe zu leisten in der Lage ist, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Da ist jemand hilflos – da muss man sofort zupacken, und das mit Sinn und Verstand. Alles andere steht dann dahinter zurück.) Er vertritt die Ansicht: „Selbst ist der Mann, selbst ist die Frau. Ein per se stärkeres Geschlecht, abgesehen von physischen Unterschieden, gibt es nicht.“ Er macht da gar keinen Unterschied, aber ganz anders, als „Genderbeauftragte“ das handhaben. Zum Glück anders.

Im Laufe meines bisherigen Lebens hatte ich es aber häufiger mit Männern zu tun, die noch auf die „althergebrachte“ Art erzogen waren. Mein Ex Richie, zum Beispiel, wollte immer sehr maskulin wirken, da sein Vater größten Wert darauf legte. Am meisten tat Richie das, wenn er nicht allzu sehr darauf achtete, so zu wirken. 😉 Denn er war ein überaus sympathischer und charismatischer Mensch, allerdings auch mit einigen Macken, und ich zog ihn gern damit auf, dass diese Macken doch von „maskulin“ Lichtjahre entfernt seien. Denn eines Abends, noch relativ zu Beginn unserer Beziehung, kochte er für uns, und das konnte er wirklich gut. Schweinefilet mit allem Zipp und Zapp als Beilagen stand auf dem Programm, und ich, die ich damals mit Kochen wenig Erfahrung hatte, pries mich, bei der Auswahl meines Freundes ein wirklich besonders glückliches Händchen gehabt zu haben. Bis zu jenem Moment, da Richie plötzlich ein Gesicht machte, als habe man ihm soeben verklickert, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Ich sah es und fragte, was denn los sei, und da sah er mich besorgt an, eines der Schweinefilets in der Hand, und meinte: „Riech doch bitte mal an dem Filet! Ich glaube, das hat einen Stich!“ Ich roch daran, und es roch, wie Schweinefilet immer riecht. Zwar kochte ich selber nicht, hatte aber meiner Mutter oft Gesellschaft beim Kochen geleistet, daher war mir klar: Dieses Schweinefilet war völlig normal, roch normal, würde sich auch beim Garvorgang exakt so verhalten, wie sich ein normales Schweinefilet so verhält. Ich gab an, das Filet sei völlig normal, und da hielt er mir auch noch das zweite Filet unter die Nase und behauptete, das habe sicherlich einen Stich – ich solle, bitte, mal genau hinriechen. Ich sah ihn an und meinte grinsend: „Richie, mal ganz im Ernst: Das einzige Objekt in dieser Küche, das eindeutig einen Stich hat, bist du!“  Wie gesagt, wir befanden uns noch am Beginn unserer Beziehung … 😉 Das Schweinefilet war übrigens hervorragend, und keiner von uns wurde – wie von Richie befürchtet – krank.

Ein weiteres Mal – Männer sind ja das starke Geschlecht! – hatte Piet, ein Freund von Richie, einen bereits abgehangenen und abgezogenen Hasen mitgebracht, den wir am übernächsten Abend im Zuge eines mehrgängigen Menüs mit mehreren Leuten bei Piet essen wollten. Der Hase war von Piets Vater, einem Jäger, höchstselbst geschossen und vorbehandelt worden. Da Piet aber stets in Zeitnot war, bat er Richie, das Tier gründlich zu säubern und danach in Buttermilch einzulegen. Er selber müsse den ganzen Tag in der Bank arbeiten. Richie sagte sehr männlich: „Klar, Piet – kein Problem! Das mache ich!“ Auch das zu Beginn unserer Beziehung, und ich dachte: „Cool, dein Freund!“

Am nächsten Tag ging Richie in den Supermarkt und brachte mehrere Packungen Buttermilch mit, die er in den Kühlschrank stellte. Den Hasen, der in einer gelben Plastikschüssel ebenfalls vor sich hin ruhte, würdigte er keines Blickes. Ich fragte, warum er denn die Buttermilch erst umständlich in den Kühlschrank stelle – je eher er den Hasen säubere und dann in der Buttermilch beize, desto besser. Da sah mich Richie lange an und schien zu überlegen. Plötzlich ein Geistesblitz! „Wir machen Teamwork, Ali! Du säuberst den Hasen, und ich lege ihn dann ein!“ Ich sah ihn lange an und meinte dann: „Warum sagst du nicht gleich, dass du das nicht kannst?“ – „Wieso soll ich das nicht können?“ – „Ja, wenn du das kannst – umso besser! Dann schlage ich vor, du wäschst den Hasen, und dann legen wir ihn gemeinsam ein!“ – „ …“ – „Was meinst du?“ – „Ach …“ – „Was – ‚ach‘?“ – „Ääh, naja, vielleicht machst du das mit dem Waschen doch lieber!“ – „Warum das jetzt?“ – „Frauen sind erheblich gründlicher!“ Ich schnaubte verächtlich und meinte: „Du hast einfach Schiss, das tote Tier anfassen zu müssen – gib es doch zu!“ – „Naja …“

Es endete damit, dass ich den Hasen dann in der Spüle säuberte, während Richie mit schmerzverzogenem und angeekeltem Gesicht, wann immer ein Knochen oder Gelenk in dem Hasen knackte, wenn ich ihn hochhob und umdrehte, weit entfernt im Türrahmen stand. Ich habe kein Problem mit so etwas, ich war als Kind und Jugendliche oft mit meinem Onkel beim Angeln gewesen, kann Fische ausnehmen und schuppen. Und der Hase war mausetot – dem tat nichts mehr weh. Ich gebe zu, mir tat der kleine Wicht auch leid, der dummerweise Piets Vater vor die Flinte gelaufen war, aber es war doch nun nicht mehr zu ändern, und mein Leitspruch ist in solchen Fällen, das Beste daraus zu machen. Und das Beste in diesem Falle war: das Tier zu essen, wenn es doch schon tot war.

Frisch gewaschen, gesäubert und lupenrein war der Hase, als ich ihn wieder in die ausgespülte Schüssel legte und zu Richie meinte: „Jetzt bist du dran.“ Und da griff er in den Kühlschrank, nahm sämtliche Buttermilch heraus, öffnete Packung für Packung und goss deren Inhalt mit sehr langem Arm und ohne sich aus dem Türrahmen wegzubewegen über das arme, tote Hasentier in der Schüssel … Ich schüttelte nur meinen Kopf und lachte.

Und es wunderte mich dann auch nichts mehr, als wir einmal in Holland bei einer niederländischen Freundin zu Besuch waren, mit mehreren Leuten, und am Morgen nach einem Jazzfestival in Maastricht beschlossen, einen Spaziergang zu machen. Mascha meinte in ihrem reizenden niederländischen Akzent, da sollten wir am besten „Bruni“, den Hund ihres Vaters, ebenfalls Jäger, mitnehmen, denn die brauche viel Auslauf. Und während wir wartend dastanden, holte Mascha Bruni, die, ganz Jagdhund, sehr lebhaft war und, unserer Gruppe ansichtig, gleich laut bellend und mit fliegenden Schlappohren begeistert auf uns zustürmte. Während ich das Szenario betrachtete, fühlte ich mich plötzlich um die Taille gefasst und unfreiwillig bewegt. Genauer: vor Richie geschoben. Er hatte mich gepackt und schob mich quasi als Schutzschild zwischen sich und den herangaloppierenden Hund! „Sag mal, geht es noch? Was soll das?“ fragte ich Richie, und der meinte: „Du magst doch Hunde, ich habe Angst davor.“ – „Ja, aber ich kenne diesen Hund auch nicht! Und ich bin kein Schutzschild! Geht es noch?“ Zum Glück war Bruni, die mir bis knapp übers Knie reichte, eine Seele von Hund, wenn auch ein echter Jagdhund und von daher per naturam etwas durchgeknallt. Ich meinte zu Richie: „Im Grunde solltest just du dich mit diesem Hund verstehen.“ – „Wieso?“ – „Beide völlig neurotisch!“ Er hat es mir nicht übelgenommen … 😉 Erst später. 😉

Es gibt aber auch noch die Kategorie des „starken Geschlechts“, die einen nicht als Schutzschild, Hasenwäscherin oder sonstiges einsetzt, was ja noch irgendwie sympathisch ist, sondern auf viel peinlichere Weise das „starke Geschlecht“ mimt. Mir einmal auf einer Party passiert, einer sehr fröhlichen und netten Silvesterparty in Essen. Total nette Leute da, mit denen ich mich hervorragend verstand. Wir saßen alle zusammen, und irgendwann gab es bei einigen leere Biergläser. Da ich bis dato immer mitversorgt worden war, stand ich auf und meinte: „Ich hole jetzt mal neues Bier. Wer braucht?“ Und schon hatte ich diverse Gläser in der Hand und stiefelte Richtung Küche, wo das Stichfass stand. Hinter mir eine Art Schatten, ein Typ, der mich schon zuvor belagert und belabert hatte, obwohl mein damaliger Freund neben mir saß und ersichtlich war, dass ich liiert war.

Am Fass angekommen, hielt ich das erste Glas darunter, öffnete den Hahn und fing zu zapfen an, während ich in meiner Rechten schon das nächste Glas hielt, bereit, es nach Füllung und Abstellen des Glases in meiner Linken an diese durchzureichen und mit der anderen Hand gleich das nächste Glas zu greifen. Ich habe lange als Thekenfrau in einer Studentenkneipe gejobbt, und beim Bierzapfen macht mir so schnell keiner was vor. Nichtsdestotrotz nahm mein getreuer „Schatten“ mir gleich beide Gläser aus den Händen und meinte: „Nein. Das ist nichts für dich. Das ist Männerarbeit.“ Ich starrte ihn an, und ich wette, über meiner Nase und auf meiner Stirn machten sich Zornesfalten breit – was bildete der Typ sich eigentlich ein? Und dann meinte er auch noch, er zeige mir jetzt mal, wie das richtig gehe! Und er stellte sich bemerkenswert ungeschickt an. Wortlos riss ich ihm das Glas, das er in seiner Hand hielt, aus selbiger, und dann zeigte ich ihm, wie man richtig Bier zapft. Dazu meinte ich: „Es wäre schön, würdest du mich einfach in Ruhe das machen lassen, wovon ich weiß, dass ich es kann – besser als du. Am besten lässt du mich ganz in Ruhe. Und von ‚Männer- und Frauenarbeit‘ will ich gar nichts hören!“

Der Abend endete damit, dass er allen möglichen Leuten, unter anderem meinem damaligen Freund, erzählte, ich steckte wohl im falschen Körper. Da die meisten Leute dort mich kannten, hatten wir alle einen lustigen Abend. 😉 Fast alle. Ich auf alle Fälle. 😉

Tipp: Packt Menschen niemals in Schubladen. 🙂

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