Freitag, der Dreizehnte

Heute ist Freitag, der Dreizehnte. „Ja, und?“ werdet ihr jetzt sagen. Genauso, wie ich das immer tue. Oder tat. Bis heute.

Für gewöhnlich gebe ich auf so einen abergläubischen Mist nichts, habe nur eine kleine Schwäche für Sternzeichen, aber auch das nicht wirklich ernstgemeint. Obwohl ich in der Tat in meinem bisherigen Leben besonders gut mit Widdern, Schützen und Wassermännern ausgekommen bin. Waagen sind mir nicht selten zu sanguinisch – oder ich kenne nur solche Waagen. (Andererseits kenne ich eine ganze Reihe davon … 😉 ) Jungfrauen und ich – zwei Welten prallen aufeinander. Aber mein bester Freund ist Sternzeichen Jungfrau, meine Mutter desgleichen. Auch wenn wir uns öfter „anne Köppe haben“, möchte ich keinen von beiden missen. Mit Vertretern meines eigenen Sternzeichens komme ich entweder gut oder gar nicht aus. Zu dominante Löwen gehen gar nicht, da ich einen ganz eigenen Kopf habe und mich nicht gern dominieren lasse, da ich lieber auf Augenhöhe interagiere. Es reicht schon beruflich, wirkliche Anweisungen zu erhalten, privat geht das gar nicht. Mein bester Freund, siehe oben, Jungfrau und sehr intelligent, meinte schon vor Jahren immer, ich hätte einen „dicken Kopf“. Damit war durchaus nicht mein Kopfumfang gemeint – eher etwas anderes. 😉

Doch zurück zu anderem Aberglauben. Der war für mich nie relevant, ich spottete immer über die armen Verirrten, die sich an einem Freitag, der auf den dreizehnten Tag des Monats fiel, am liebsten zu Hause eingeschlossen hätten, aus lauter Angst, eine Dachpfanne könne ihnen auf den Kopf fallen. Als wäre das an einem anderen Tag nicht genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich …

Ähnlich ging es mir immer mit schwarzen Katzen. Da ich mit Tieren, die ich sehr mag, sehr gut zurechtkomme und mich die meisten von ihnen ebenfalls zu mögen scheinen, sogar Libellen, die ich nicht so gern um mich habe, die sich mir gegenüber aber stets anhänglich zeigen, hatte ich nie ein Problem mit Katzen mit schwarzem Pelz. Ganz egal, ob sie meinen Weg von links nach rechts oder von rechts nach links kreuzten. Meist taten sie das ohnehin nicht, da ich immer in die Knie ging und sie anlockte oder sie wohl immer spürten, dass ich Sympathien für jegliches Katzentier, egal, wie es aussieht, hege, ähnlich, wie es sich mit Hunden bei mir verhält. Und so stiefelten schwarze Katzen oft direkt auf mich zu, „gaben Köpfchen“ und schnurrten mich an. Eine wildfremde Katze, die etwas im Maul trug, ging sogar so weit, dass sie mir das Objekt vor die Füße legte und mit einer Pfote noch näher an mich heranschob, bis es an meinem linken Schuh quasi andockte: ein Geschenk! Ich schluckte etwas, als ich sah, was es war: eine tote Maus, die nicht ganz so appetitlich aussah, aber da ich Katzen kenne, wusste ich, man würde mir sehr übelnehmen, würde ich Gestik und Mimik des Ekels darbringen, ebenso, dass ich diesbezüglich genau beobachtet wurde, und so lobte ich die Katze, weigerte mich jedoch, das Geschenk aufzuheben und mitzunehmen, gar aufzuessen, obwohl die Katze erwartungsfroh schnurrend vor mir stand und exakt das von mir zu erwarten schien. Ich lobte über Gebühr und meinte, sie sei eine tolle Katze, hervorragende Jägerin – noch nie hätte ich eine so tolle Katze gesehen, aber sie möge doch, bitte, die Maus wieder an sich nehmen. So ähnlich zumindest. Sie neigte ihr weises Haupt, sah mich lange schnurrend an, und dann packte sie die eklig aussehende, verunstaltete Maus, drückte noch einmal ihren Kopf gegen mein linkes Bein, wobei sie eine leichte Mäuse-Blutspur an meinen Jeans hinterließ, und zog schnurrend von dannen. Wieso sollte ich also bei derartigem Gebaren Angst vor schwarzen Katzen haben? Und Jeans kann man jederzeit waschen. 😉 Zumal die Wirkungsweise eines solchen Aberglaubens darin besteht, dass abergläubische Leute auf das Erscheinen einer schwarzen Katze verunsichert reagieren, sich ablenken lassen und dann gegen den Vier-Uhr-Bus rennen. Dafür kann eine schwarzbefellte Katze nun wirklich nichts. 😉 (Dennoch: Bei Katzen ist meine Lieblingszeichnung „tabby“, also Tigermuster, aber das hat mit Aberglauben rein gar nichts zu tun. Nur sehen diese Mini-Tiger irgendwie für meine Begriffe besonders niedlich aus. 😉 )

Genauso verhält es sich mit diesem Datums-Aberglauben. Besonders anfällige Menschen sind über „Freitag, den Dreizehnten“ halt verunsichert, und wenn man verunsichert ist, macht man Fehler. Mir konnte, da ich nicht daran glaubte, ja gar nichts passieren! Dachte ich. Bis heute.

Ich stempelte mich um Punkt 7 Uhr morgens bei der Arbeit ein. Normalerweise komme ich erst um 9, aber mein Kollege Frederik nimmt mich zwei- bis dreimal pro Woche morgens mit, liest mich immer an der Aral-Tankstelle in Nähe meiner Wohnung auf, da er zwei- oder dreimal pro Woche bei seiner Freundin übernachtet und dann meine Strecke fährt. Und er ist Frühaufsteher. Ich eigentlich nicht, aber ich habe in der letzten Zeit immer irgendwie Minusstunden auf meinem Gleitzeitkonto, und da bietet es sich an, mitzufahren, zumal Frederik ein wirklich netter Kollege ist.

Heute war ich die Erste auf meinem Flur, und ich blieb auch bis halb acht allein. Dann kam Kollegin Lydia an, begrüßte mich, machte sich einen Kaffee und ging in ihr Büro. Ich war froh, meine Ruhe in meinem zu haben – ich bin nun einmal kein Morgenmensch und brauche erst einen Kaffee, und den in Ruhe, um richtig wach zu werden.

Doch dann flog die gläserne Flurtür auf, man hörte das hektische Geklimper einer Vielzahl von Schlüsseln und eine Person, die im Stechschritt zu ihrem Büro eilte: Kollegin Brigitte. Kollegin Brigitte ist jemand, demgegenüber ich sehr gespalten bin. Wir sind wie Feuer und Wasser. Sie ist eine Besserwisserin, Rechthaberin, und sie spricht stets mit einer Kleinmädchenstimme, was ich per se nicht mag. Gut, sie hat von Natur aus eine etwas höhere Stimme, aber sie vollzieht, je nachdem, mit wem sie spricht, eine Art „Stimm-Tuning“. Wenn sie besonders freundlich wirken will, klingt ihre Stimme wie die eines kleinen Mädchens, und das ist für mich immer ein Alarmsignal. Sie gibt sich in solchen Momenten auch immer so geziert wie ein kleines Mädchen (gut, wie manch kleines Mädchen sich gibt, ich niemals), was bisweilen grotesk wirkt, da sie die Fünfzig bereits vor langer Zeit überschritten hat und ohnehin nicht der Typ „niedliches, kleines Mädchen“, sondern eher der Typ „Herr Lehrer, ich weiß alles besser als der Rest der Welt, inklusive Ihrer Wenigkeit“ ist und sicher auch schon immer war. Gern rügt sie andere Menschen, wenn diese sich auf dem Flur in normaler Lautstärke unterhalten, knallt auch gerne Türen und kreischt über den Flur: „Ich kreische ja nicht über den Flur“, womit sie wohl meiner Bürokollegin und mir eins drübergeben wollte, weil wir manchmal lauter erzählen und lachen. Nur: Wir kreischen nicht, da sowohl Janine als auch ich zumindest etwas tiefere Stimmen haben als Kollegin Brigitte, die schon bei normalen Sprechakten zu kreischen scheint. Und wenn sie lacht, klingt es wie Barney Geröllheimers Lache. Brigittes wegen habe ich schon öfter meine Bürotür zum Flur geschlossen, die ich im Normalfalle immer geöffnet habe, und das schon seit Jahren.

In jedem Falle ist sie lauter, als sie selber wahrzunehmen scheint. Und ich hatte heute früh geglaubt, ich sei ausgeglichen, und es erwarte mich ein ruhiger Tag. Keine der beiden Annahmen erwies sich als zutreffend. Denn kaum war Brigitte eingetroffen, musste sie gleich ihr Frühstück, verschiedene Obstsorten, da Brigitte sich stets gesund und fettarm ernährt, in kleine Stücke schneiden.

Nun könnte man dies auch leise tun. Wenn man das kann oder will. Brigitte kann es nicht, und da sie gern stets die Erste am Platze sein will, fehlt wohl auch die Einsicht, dass andere ihr Gelärme vielleicht stören könnte. Und da sie so eine Pedantin ist, muss jedes Stück Obst am geeigneten Platze liegen, weshalb sie auch erschreckend viele Stücke Geschirr benötigt, denn so ein Apfel kann ja nicht so einfach neben einer Sternfrucht zu liegen kommen. Und offenbar kocht sie selten, denn bereits akustisch war ihre Messerführung mangelhaft, da sie zuviel Druck ausübte und jedes erfolgreiche Durchschneiden einer Frucht sich mit einem lauten „Ping“ in meine lärmempfindlichen Ohren bohrte. Ich schneide Obst grundsätzlich in der Hand, sie auf dem Teller. Es gibt Tage, da ich darüber hinweghören kann – der heutige gehörte offenbar nicht dazu. Nach einer Viertelstunde nicht enden wollenden Gescheppers, „Pings“ und lauten, erstaunlich unziemlichen und aufdringlichen Flüchen sowie Geräuschen, als werde die Teeküche, die sich gegenüber meiner Bürotür befindet, kurz und klein geschlagen bzw. abgerissen, stand ich auf und lehnte meine Bürotür an. Brigitte muss es gemerkt haben, da sie mehrfach aus der Küche hinaus- und wieder hineinlief, um die vielen Teller mit unterschiedlichen Obstsorten in ihr Büro zu tragen. Ich an ihrer Stelle hätte aufgemerkt, wäre die Bürotür einer Kollegin, die ansonsten eine stets offene Tür hat, geschlossen. Wie ich mich kenne, hätte ich sicherlich gewisse Rückschlüsse gezogen und wäre fortan leiser gewesen. Nicht so Brigitte, die insgesamt über eine Dreiviertelstunde enervierend schepperte, klapperte, dengelte und lärmte. Um 08:45 h war ich derart geladen, dass ich meinen Mantel anzog, meine Zigaretten schnappte und nach draußen lief, um eine zu rauchen. Nichtraucher können das nicht verstehen. Oder sie bezichtigen Raucher bösartig als „Suchtkranke“. Heute kam ich mir auch so vor, weil so eine Zigarette einen Gewohnheitsraucher wirklich beruhigt. Nur kapieren manche Nichtraucher nicht, dass just sie es sind, die als Trigger fungieren. Ohne sie käme man gar nicht auf die Idee, dringend eine rauchen zu müssen.

Just in dem Zeitraum, da ich weg war, wollte wohl jemand etwas bei mir abgeben. Kollegin Lydia, die gerade vor Ort war, nahm ohne große Worte das Dokument an, aber aus dem Hintergrund rief Brigitte wohl gleich zickig: „Ali ist nicht da! Die ist gerade weggegangen, und sie hatte ihre Zigarettenschachtel in der Hand!“ Die Dame, die das Dokument hatte abgeben wollen, habe ich später noch gesprochen, wegen einer anderen Sache, aber sie erwähnte Brigittes Petzen und meinte nur zu mir: „Sie haben es da auch nicht leicht, Frau B.!“ Stimmt. Habe ich nicht. Und sie meinte noch: „Ich finde Rauchen ja auch nicht toll, aber noch weniger toll finde ich Denunzianten.“ – „Danke. Geht mir genauso.“

Das war nur eine Sache. Wir hatten heute auch noch mit verletzten Egos und deren Folgen zu tun – anstrengend, sehr anstrengend.

Gegen Mittag fühlte ich mich wie dampfgegart. Und dieser Zustand hielt bis zum Ende des Arbeitstages an …

Ich war froh, als die Straßenbahn kam. Aber – ich stelle es immer wieder fest – nach dem Dunkelwerden scheinen in meiner Heimatstadt Leute die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, die sich vor dem Dunkelwerden nicht aus dem Haus trauen. Als ich mich neben eine Frau mit profunden Tränensäcken setzen wollte, die – realistisch geschätzt – fünf Jahre jünger war als ich, aber zehn Jahre älter aussah, meinte diese mit angriffslustigem Gebaren: „Ey, verpiss dich!“ Ich sah sie an, irritiert. Es war sonst kein Sitzplatz frei, und ich hatte zwei schwere Tüten dabei. Ansonsten hätte ich gar nicht innegehalten. Sie starrte mich tränensackumflort an und schnauzte: „Du doofe Nuss! Hau ab, oder es passiert etwas!“ Ah, ja. Ich meinte: „Was passiert dann?“ Da starrte sie mich völlig verstört an. Ich setzte mich neben sie – wäre ja noch schöner, dass ich, ihren Unterhalt offenbar mitverdienend, auch noch stehen müsste, und das mit Ballast.

Und als ich ausstieg, fing es zu regnen an. Ich fluchte – passte alles zu Freitag, dem Dreizehnten!

Aber als ich zu Hause ankam, merkte ich, dass man es wohl gut mit mir gemeint hatte. Zumindest zum Schluss. Denn ich war gerade im Haus, als es zu stürmen und wie aus Eimern zu schütten begann. Wasser stürzte derart vom Himmel, dass man einzelne Tropfen gar nicht mehr differenziert wahrnehmen konnte.

Was für ein Glück! Freitag, der Dreizehnte hat sich – zumindest zuletzt – als echter Glücksfall erwiesen. 🙂

Kurzer Nachtrag: Ich hatte gestern keinen schönen Tag, aber wie glücklich kann ich mich schätzen, nur Bagatellen ausgesetzt gewesen zu sein, kleinen, lächerlichen Ärgernissen im Vergleich zu dem, was sich am Abend in Paris ereignet hat. Für so viele Menschen hatte es ein schöner Tag, ein schöner Abend werden sollen – jetzt sind sie verletzt oder tot. Ich bin wirklich sehr erschüttert und bitte, meinen Beitrag über meinen vermeintlichen Pechtag, der lange vor meiner Kenntnis dieser Anschläge entstand, als – vor diesem furchtbaren Hintergrund – das zu sehen, was er auch darstellen soll: das sarkastische Wohlstandsgejammer einer Person, die mehr Glück hatte als andere.

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