Wie das Kaninchen vor der Schlange: Über Komplimente und andere Dinge

Ich habe normalerweise eine recht große Klappe und – wie auch hier schon zu lesen war – platze manchmal impulsiv mit Dingen heraus, die manch anderer höchstens denkt. Ich bin darauf nicht stolz, denn es ist eher hinderlich, so zu agieren. Und diese ewigen spontanen Blutdrucksteigerungen! Das kann nicht gesund sein. Es würde mich nicht wundern, würde ich eines schönen Tages mal wieder etwas heraushauen und dann im Anschluss sang-, klang- und nahtlos einfach umkippen, weil diese spontane Blutdruckänderung mich überfordert. Und erst der Schock, wenn man ungläubig feststellt, dass man das, was man zwar auch gehört, aber nicht als von einem selber kommend wahrhaben konnte, höchstselbst gesagt hat … 😉 Wenn ihr nicht ähnlich gestrickt seid und euch besser im Zaum habt, kennt ihr dieses abscheuliche Gefühl nicht, einem Kater nicht unähnlich, und ihr kennt auch nicht das Bedürfnis, euch einfach in Luft auflösen zu wollen, morgens doch lieber im Bett geblieben zu sein oder – in besonders schlimmen Fällen – gar nicht erst geboren worden zu sein. 😉 Und ihr kennt nicht dieses furchtbare Rauschen in den Ohren, als befände man sich unter Wasser, das einen mitsamt dem Gefühl siedender innerer Hitze überfällt, ebensowenig den kalten Schweiß, der einem ratz-fatz auf der Stirn und im Dessous steht; aber da sind wir wieder bei den Auswirkungen spontan gesteigerten Blutdrucks.

Zum Glück passiert das nicht jeden Tag und nur dann, wenn ich irgendwie unter Druck stehe, nervös bin oder unter sonstigen Imponderabilien leide. Ansonsten bin ich durchaus nett, und in den allermeisten Fällen meine ich es auch nicht böse. Leider nur trifft es öfter die Falschen, und das ärgert mich ganz gewaltig – nein, das nagt sogar oft an mir. Meist trifft es Menschen, die ich wirklich mag und denen ich nichts Böses wünsche oder tun will. Und das tut mir dann wirklich sehr leid, und ich wundere mich bisweilen, dass ich überhaupt noch Haare auf dem Kopf habe, die ich mir in solchen Fällen nicht selten wirklich raufe. Manchmal trifft es auch die Richtigen. Ich muss das Ganze noch erheblich optimieren.

Auch mit Komplimenten tue ich mich schwer. Da ich so oft mit mir selber schimpfe, was nicht selten aber gar nicht so unopportun ist, stehe ich immer ganz atemlos und überwältigt da, wenn jemand mir ein Kompliment macht. Ich erinnere mich, dass mir mal jemand ein schönes Kompliment hinsichtlich meiner Stimme machte. Es war – und ich hasse dieses Wort normalerweise – ein richtig reizendes Kompliment, reizend im positiven Sinne. Ich war völlig überwältigt, zumal ich meine Stimme nie als übermäßig schön empfunden habe. Ich hatte immer eine eher fanfarenartige Kinderstimme – zumindest empfand ich sie so. Aber offenbar hat jahrelanges Rauchen doch etwas gebracht, abgesehen vom gesteigerten Lungenkrebsrisiko. 😉 Ich stand da, völlig stupéfait, und ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen: wahrscheinlich ungläubig aufgerissene, riesige Augen, und ich hoffe, ich habe es wenigstens geschafft, meinen Mund geschlossen zu halten. 😉 Ich konnte gar nichts sagen und kam mir ziemlich blöd vor, obwohl ich mich über das Kompliment wirklich sehr freute. Grauenhaft.

Auch sonst ist mein Verhalten bei eingehenden Komplimenten interessant, denn ich wiegle ab, meine rechte Hand geht gen Gesicht, als wollte ich mich verstecken. Es liegt wohl daran, dass ich das, was ich so tue oder bin, für völlig normal und selbstverständlich halte, nicht der Rede wert. Komplimente machen mich stets so verlegen, dass mich Menschen, die mich nicht ganz so gut kennen, kaum wiedererkennen, denn ich habe doch im Regelfall, siehe oben, bisweilen eine ziemlich große Klappe. Und dann kann es passieren, dass ich vor lauter Verlegenheit wieder einen Spruch zum Besten gebe, für den man mich im Mittelalter sicherlich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte. Dabei bin ich nicht einmal rothaarig … 😉

Mache ich umgekehrt ein echtes Kompliment, das von Herzen kommt, klingt es sicherlich so, wie wenn andere Leute Kritik üben oder Befehle oder Dienstanweisungen erteilen. Es ist nicht immer einfach mit mir. 😉

Ich glaube ja, dass es daran liege, dass ich mal ein wahrhaft traumatisierendes Erlebnis hatte. Im zarten Alter von 23 Jahren. Da befand ich mich in einer Beziehung, bei deren rückblickender Betrachtung ich mich heute noch frage, wieso ich mich überhaupt in dieser befand. Ich schiebe es mal auf mein damaliges Alter und die Umstände wie die wochenlange Belagerung meiner Person (mein Freund Giacomo nennt so etwas  altmodisch „den Hof machen“, aber ich erhebe Einspruch, denn es war eine Belagerung … 😉 ), die mich irgendwann zermürbt hatte. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade höchst unfreiwillig Single, hatte eine Trennung hinter mir. Darüber schüttle ich noch heute in manch ruhiger Minute mein inzwischen zumindest etwas weiseres Haupt.

Mein damaliger Partner war ein prima Typ. Sehr verspielt, eine echte Stimmungskanone. Meine Mutter liebte ihn, weil er so „unkompliziert“ war, stets zu Späßen aufgelegt und ihr einst zu Weihnachten neben einem richtigen Geschenk einen großen Sack Ziegenmist mitgebracht hatte, mit einer roten Schleife darum – sein Vater hatte ein großes Gartengrundstück und hielt zum Zweck des natürlichen Rasenmähens diverse dieser mir sehr sympathischen Tiere. Meine Mutter hatte damals im Garten Rosen, die ihr sehr am Herzen lagen, aber bis dato etwas mickrig waren, und natürlicher Dünger war da sehr willkommen.

Freddy war wirklich ein prima Typ. Jemand, mit dem man jederzeit ein Bier trinken kann, den man auch nachts um 3 anrufen kann, wenn man gerade festgestellt hat, dass der Keller überflutet ist – ein echter Kumpel, dem man auch selber gern einen Gefallen tut. Doof nur: Er passte überhaupt nicht zu mir. Zu verspielt, zu leichtsinnig, zu sorglos. Ich mochte ihn sehr, aber es passte nicht – wir hätten es beim gemeinsamen Biertrinken belassen sollen. Ich vergrabe mich zwar auch nicht gern unter Kummer und Sorgen, aber man kann es auch ins Gegenteil übertreiben. 😉

Je länger diese Beziehung andauerte, desto mehr wuchs in mir der Wunsch, sie zu verlassen. Mehrfach hatte ich schon Anmerkungen dazu gemacht, aber sie wurden trotz einer durchaus energischen Haltung meinerseits glatt ignoriert. Mein Fehler war, nicht gleich Nägel mit Köpfen zu machen.

Bis zu jenem Abend im Dezember des damaligen Jahres, als eine Bekannte ihren Geburtstag in ihrer Kneipe feierte. Geschlossene Gesellschaft, etwa dreißig, vierzig Leute anwesend, unter anderem Freunde von Freddy und mir. Die Stimmung war klasse, und ich fand die Party toll. Bis zu jenem Moment, da Freddy, der stets der Meinung war, andere fänden das, was er toll fand, ebenso toll, auf eine „brillante“ Idee kam. Die Stimmung war doch gerade so schön! Und so fragte er mich vor versammelter Mannschaft, ob ich denn seine Frau werden wolle. Er fragte es erst in einer kleineren Gruppe, die aus mir und etwa drei anderen Personen bestand. Da hatte ich schon verhalten reagiert und leise, ganz, ganz leise gesagt: „Freddy, ich glaube, wir sollten in Ruhe zu Hause darüber sprechen.“ Aber irgendwie waren mal wieder die Signale nicht angekommen, und so drehte Freddy sich zur versammelten Mannschaft um und rief: „Achtung! Hier passiert etwas – ich habe etwas anzukündigen!“ Und er sollte Recht behalten, denn im weiteren Verlauf passierte in der Tat etwas. Sogar so einiges.

Sofort verstummten alle Gespräche, und die Aufmerksamkeit lag auf der kleinen Gruppe, in der Freddy und ich uns befanden. Rauschen in meinen Ohren – ich konnte und wollte nicht glauben, was da gerade passierte. Und ich hatte keinerlei Möglichkeit, einzugreifen – es ging alles so schnell. Schon klangen die Worte an meine Ohren, die Frage, diese ganz besondere Frage.

Ich bin ja keine Freundin von Lärm. Aber die Stille, die sich in einem Raum voller Leute breitmachte, war schier unerträglich. Und es wurde noch stiller, als man eine Antwort von mir erwartete.

Ehrlich gestanden: Ich hätte Freddy am liebsten erwürgt. Oder erdrosselt. Warum brachte er mich in so eine Situation? Wir kannten einander lange genug, dass er hätte wissen müssen, dass ich auf so etwas gar nicht stehe. Und das hier auch noch in zweifacher Hinsicht, denn er hätte doch wissen müssen, dass an eine Hochzeit gar nicht zu denken war – so eindeutig waren meine Einwände hinsichtlich des bisherigen Verlaufs der Beziehung doch gewesen.

Mein Zögern währte so lange, dass einige besonders Vorwitzige bereits anfingen: „Sag ja! Sag ja!“ zu skandieren. Vor meinem geistigen Auge erschien ein furchtbares Szenario: Ich in einem weißen Kleid mit Reifrock und einer riesigen, pompösen Schleife über dem Hintern – natürlich alles aus Satin, bis auf den Hintern. Nur so, nicht anders – das hätte Freddys Mutter nicht mitgemacht. Je größer die Schleife am Hintern, je mehr Reifrock, desto besser – zumindest hatte ich anlässlich der bisherigen Zusammentreffen mit Freddys Mutter diesen Eindruck gewonnen, was ihre Meinung zu Hochzeiten anbelangte.

Die Stille wurde immer weniger erträglich, und ich fühlte mich wie in Trance, vor meinen Augen das erwartungsvolle Gesicht Freddys. Und da hörte ich plötzlich, wie eine Stimme die gebannte Situation durchbrach. Besser: durchschnitt, denn die Stimme klang für meine Ohren recht metallisch und scharf, als sie: „Nein!“ sagte. Mir wurde erst mit einer gewissen Verzögerung klar, dass es meine Stimme gewesen war. Ich war selber völlig überrascht.

Danach brach das Chaos aus. Ich hatte bis dato und habe seither niemals wieder erlebt, wie sich die Gästeschar einer Kneipe ratz-fatz in zwei Lager spaltete. Hier ging das ganz schnell, und die eine Fraktion war auf Freddys Seite, die andere auf meiner. Von der einen Seite prasselten Vorwürfe auf mein doch eigentlich anfänglich nur partywilliges Haupt ein, die andere Seite verteidigte meine Haltung und versuchte, klarzumachen, dass das Ganze ohnehin nicht passe. Einer gratulierte mir sogar.

Irgendwann, als die ganze Kneipe diskutierte, was denn nun gut oder besser sei, bin ich geflohen. Mitten im Winter, ohne Jacke, aber mit Zigaretten stand ich draußen und schüttelte ungläubig meinen Kopf. (Das Ganze habe ich dann mit einer schweren Bronchitis bezahlt. 😉 ) Ich glaube, es schneite sogar. Ich stand fünf Minuten draußen, da kam Andrea, eine Freundin, die auch bei dieser Kneipen- und Partydiskrepanz auf meiner Seite war, heraus und meinte: „Boah! Was für ein Scheißabend für dich! Was hat er sich dabei nur gedacht? Jeder sieht, dass das nicht gutgehen kann. Mach dir keine Vorwürfe. Sieh es als Kompliment, nichts anderes.“

Weise Worte, aber irgendwie haben sie wohl mein Verhalten hinsichtlich Komplimenten geprägt. Kaum ergeht ein Kompliment an mich, werde ich extrem verlegen.

Und Freddy? Er hat geheiratet, und seine Ex-Frau hatte eine pompöse Satinschleife über dem Hintern, einen Reifrock dazu. Gehalten hat es – siehe oben – nicht, aber inzwischen lebt er in einer harmonischen Beziehung und ganz ohne Anträge und Reifröcke. 🙂

Mein Fazit: Ich freue mich sehr über Komplimente. Aber wundert euch nicht über meine Reaktion. Wie das Kaninchen vor der Schlange … 😉

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