Mi-mi-mi …gräne

Als „Mi-mi-mi“ bezeichne ich persönlich Menschen, die sich gern und oft beklagen, nicht selten ohne wirklich überzeugenden Grund. „Mi-mi-mi“ verballhornt dabei die wimmernden Laute, die bei besonders inbrünstigem Klagen und Jammern entstehen können. Und bevor ich hier kritisiert werde: Ich nehme mich selber gar nicht aus! Ich kann auch bisweilen ein echtes „Mi-mi-mi“ sein. Ich gebe jedoch zu: Ich hasse das! Nur: Meist gibt es bei mir einen triftigen Grund, und es kommt nur selten vor, dass ich jammere, ohne wirklich zu wissen, weshalb ich dies tue. Höchstens einmal im Monat, wenn überhaupt. Oder bei einer Migräneattacke beziehungsweise davor. Oder danach.

Doch zur Sache. Seit heute führe ich wieder ein Tagebuch. Das habe ich seit schrecklichsten Pubertätszeiten nicht mehr gemacht, und wenn ich in meinem alten Tagebuch lese, bin ich stets hin- und hergerissen zwischen Scham, Pein und Schmach und apokalyptischen Lachanfällen. Du meine Güte! Ich wünschte, ich hätte heute die „Probleme“, die ich damals hatte! Mein Lieblingspferd im Reitverein in einer bestimmten Reitstunde von einer anderen besetzt, während ich auf „Rubin“, den ewig transusigen, gelangweilten braunen KWPN-Wallach ausweichen musste, der stets am Ende der Abteilung ging, weil er so lahmarschig war und nur Temperament zeigte, wenn er und „Astor“, ein lieber, kleiner Fuchswallach und mit 1,60 m Widerristhöhe das einzige Schulpferd, dem ich über den Rücken blicken konnte, ohne mich auf die Zehenspitzen zu stellen, einander zu nahe kamen, denn die beiden hassten einander! Hui! Fliegende Hufe, angelegte Ohren und der unschöne Anblick großer, gelb-grünlicher Zähne, die in ihrer Größe beeindruckend an kleine Grabsteine erinnerten und nach dem Kontrahenten schnappten, gehörten dann zur Tagesordnung. Einmal auch eine zerfetzte Satteldecke, die der kleine Astor dem wild ausschlagenden Rubin brutal unter dem Sattel weggerissen hatte und nun mit Hufen und großen, gelb-grünlichen und grabsteinähnlichen Zähnen malträtierte. Eindeutig eine Übersprunghandlung. Dazu eine heulende Reitschülerin, die vom wild buckelnden Rubin geschleudert worden war – zum Glück nur der Arm gebrochen, während Astors kleine Reiterin sich wacker im Sattel hielt, nach dieser Stunde jedoch nie wieder gesehen wurde, nachdem sie bleich aus dem Sattel gehievt werden musste, unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Offenbar ein Schock. Dabei hätte sie mit ihrer Befähigung beneidenswerterweise Karriere als coole Rodeoreiterin machen können.

In der Mathearbeit schon wieder knapp an einer Fünf vorbeigeschlittert, und das nur mit Glück. Michael hatte Anja einen Sekundenbruchteil zu lange angesehen, und wenn dies auch eher geringschätzig war, doch zuviel für mein pubertätsgebeuteltes Gemüt. Sorgen hatte ich! 😉

Das Tagebuch, das ich heute begonnen habe, sieht etwas anders aus – eher tabellarisch. Elegische Worte sind nicht vonnöten, nur kleine Kreuze und Buchstaben. Denn es handelt sich um ein sogenanntes Migräne-Tagebuch.

Hätte man mir noch Anfang des Jahres 1999 gesagt, ich würde irgendwann unter Migräne leiden, hätte ich gelacht und blöde Hinweise und Schmähreden von mir gegeben, denn Migräne gehört zu den Krankheiten, um die sich Mythen ranken und die Inhalt vieler schlüpfriger Bemerkungen, meist von Männern gemacht, sind. Warum? Nun, Migräne musste sehr oft als Ausrede herhalten, wenn Frauen ihren sogenannten „ehelichen Pflichten“ nicht nachkommen wollten. Ist aber eher so ein 60er-, 70er- und in die 80er ausstrahlendes Phänomen. Heute fallen nur noch wenige Männer auf „Migräne“ als Ausrede herein, und in dem Falle nur die ganz unbedarften solchen, die nicht einmal wissen, dass das ein echtes Krankheitsbild ist. Heutzutage müssen manche Männer – und auch Frauen – der unschönen Wahrheit ganz ungeschminkt ins Gesicht sehen: „Keine Lust. Jedenfalls nicht mit dir.“ Böse gesagt. 😉

Ich selber habe niemals „Migräne“ vorschützen müssen, war im Fall der Fälle („Keine Lust“) immer ehrlich, denn das währe ja am längsten, wie man sagt. Und obwohl ich immer ehrlich war, ereilte sie mich dann doch: die Migräne. Die echte solche.

Seit Sommer 1999 bin ich immer wieder ihr Opfer geworden. Beim ersten Mal wusste ich gar nicht, wie mir geschah, war mit Freunden unterwegs und hatte gerade ein halbes Pils getrunken, als der Abend auch schon beendet war. Diese ziehenden, halbseitigen Kopfschmerzen, die ich schon den ganzen Tag gespürt hatte, wurden plötzlich übermächtig, dazu war mir plötzlich speiübel und schwindlig – ich verabschiedete mich spontaner als spontan und raste heimwärts, wo ich mich platt wie eine Flunder auf mein Bett fallen ließ und dieses an jenem Abend und dem Folgetag nur verließ, um menschlichen Bedürfnissen im Bad Folge zu leisten, während ich den Rest des Tages platt auf dem Rücken liegend vor mich hin vegetierte – anders kann man es nicht nennen. Bloß nicht bewegen, da das akuten Brechreiz hätte auslösen können!

Seitdem ist die Migräne eine treue „Freundin“. Bis auf eine Ausnahme taucht sie stets linksseitig auf, hatte sich beim rechtsseitigen Verlauf wohl auch nur wirklich „verlaufen“. Ich erinnere mich an die bisher schlimmste Attacke, die an einem brüllend heißen Julitag über mich hereinbrach. Jahre her, aber immer noch plastisch vor Augen, da ich nachmittags noch an einem „Meeting“ teilnehmen musste, obwohl ich der typischen Beschwerden wegen gern schon gegangen wäre. Aber das geht in der freien Wirtschaft nicht ohne weiteres, ohne übel aufzufallen. Mitten im Meeting hatte ich dann einen Gesichtsfeld-Ausfall: Ich konnte nur noch all das scharf sehen, was sich vor mir befand, wenn ich stur geradeaus blickte – rechts und links davon war alles unscharf, und dann türmten sich dort plötzlich schwarze Wolken wie bei einem Gewitter auf. Ich wusste nicht, wie mir geschah und geriet fast in Panik. Heute weiß ich, dass man das „Aura“ nennt. Anmerken lassen durfte ich mir nichts, aber ich war froh, als das Meeting beendet war, fuhr meinen Rechner herunter und stürzte zur Tür hinaus. Der Heimweg eine Tortur, und mehrfach war ich in der Ratinger Innenstadt wirklich kurz davor, mich einfach platt auf den Boden zu legen. Irgendwie habe ich es aber geschafft, sogar noch einzukaufen, denn meines damaligen Freundes Giacomos Küche wurde von zwei Bekannten renoviert, und ich hatte versprochen, für uns alle am nächsten Tag zu kochen. Ich bin heute noch erstaunt, dass ich im Supermarkt wirklich noch so weit funktionierte, dass ich sämtliche Zutaten in den Einkaufswagen werfen konnte. Die Wartezeit an der Kasse hätte mich fast gekillt und ich am liebsten eine ältere Dame vor mir, die den zu bezahlenden Betrag in Kleingeld beglich. Ich hatte rasende Kopfschmerzen, mir war speiübel, schwindlig, und ich ertrug die Helligkeit und den Lärm um mich herum überhaupt nicht. Dazu die Angst, gegebenenfalls auf das Kassenband speien zu können … Ich war so froh, als ich bezahlt und alles eingepackt hatte, eigentlich eher in die Einkaufstüten geschleudert. Draußen traf ich einen Bekannten, der mir nur kurz ins Gesicht sah und meinte: „Gib das Zeug her, das kannst du doch nicht tragen. Du siehst aus wie der Tod auf Socken! Komm, ich bringe dich nach Hause.“ Als wir so unterwegs waren, ich am Arm des Bekannten mehr hängend, als gehend, meinte er: „Wenn ich das recht interpretiere, zumal ich dich etwas kenne, hast du offenbar Migräne. Oder?“ Ich nickte, aber das war schlecht, da ich das Gefühl hatte, mein Gehirn schwappe – zumindest links – von innen gegen meine Schädeldecke, und sogleich wurde das Schwindelgefühl auch stärker. Ich presste mir lieber eine Hand vor den Mund – man wusste ja nie. Mein Bekannter meinte: „Alles klar. Kenne ich. Habe ich auch. Keine Sorge, wir sind ja bald da.“

Zu Hause habe ich mir erst einmal einiges durch den Kopf gehen lassen und bin dann schnurstracks ins Bett abgebogen. Giacomo hatte netterweise die Jalousie heruntergelassen, nur den Lärm, der aus der Küche kam, wollte er nicht abstellen. Ich erinnere mich mit Schaudern an die Klimax des Anfalls, da ich heulend von ihm verlangte, er solle einen Notarzt rufen … 😉

Diese Woche – nach eineinhalb Jahren relativer Ruhe – hatte ich erneut einen Anfall. Der hatte sich bereits am Dienstag angekündigt, aber ganz untypisch und mit ganz normalen Kopfschmerzen, also solchen im ganzen Kopf. Morgens war ich noch gut drauf gewesen, aber ab Mittag verschlechterte sich meine Laune, ohne dass mir klar war, woran das lag. Dann kamen die Kopfschmerzen, aber ich bin doch kein Weichei, das bei normalen Kopfschmerzen schon gleich durchdreht, wie ich es vom Ex-Kollegen Birger her kenne.

Kaum zu Hause, ereilte mich eine SMS einer mir mehr oder minder nahestehenden Person, die mich wirklich aufbrachte, und da haben sich meine „ganz normalen“ Kopfschmerzen offenbar entschlossen, zu „echten Linken“ zu mutieren. Kaum gespürt, das Wundermittel eingeworfen: Triptane! Hatten bis dato immer geholfen. Nur diesmal nicht, denn am Mittwoch und Donnerstag hatte ich einen ganz besonders possierlichen Migräneanfall, dessentwegen ich nicht zur Arbeit gehen konnte. Den Mittwoch habe ich eigentlich fast durchgängig im Bett verbracht, im verdunkelten Schlafzimmer, vor dessen Fenster irgendwann einige Vögel nicht nur zwitscherten, sondern zu jubilieren schienen. Und ich im Bett liegend, quasi dem eigenen Körper oder Kopf hilf- und wehrlos ausgeliefert! Denken tat weh, aber ich dachte dennoch angesichts des Gezwitschers: „Könnte ich, wie ich wollte, und wäre ich nicht tierlieb, würde ich umgehend hingehen und euch die kleinen Hälse umdrehen!“ Erschreckend, nicht wahr, wozu man fähig ist, wenn man wehrlos echtem Schmerz ausgeliefert ist! 😉 Dazu noch der Gefahr, zu dehydrieren, da jeder Schluck Wassers sofort wieder den Rückwärtsgang einnimmt und man weder Geräusche, noch Licht erträgt …

Nach den zwei Horrortagen war ich heute wieder bei der Arbeit. Ich glaube allerdings, es wäre besser gewesen, nicht hinzugehen, denn nicht nur, dass ich linksseitig Sehstörungen hatte, habe ich auch noch zwei langjährige Kollegen mit völlig falschen Namen angeredet. Liegen die Sprachzentren im Gehirn nicht in den meisten Fällen linksseitig …?

Mein Fazit: Migräne ist keineswegs ein Herrenwitz. Eher etwas, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht, auch wenn es sich dabei um „Herren“ handeln mag. 😉 Und nehmt, wenn es geht, Rücksicht, wenn Kollegen, Verwandte oder Bekannte plötzlich zu „Mi-mi-mis“ mutieren, ohne dass ein Grund vorhanden zu sein scheint: Vielleicht sind sie Migräniker. 😉

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