Ruhe in Frieden, liebe Tonja!

Vor einigen Tagen telefonierte ich mit meinem Kollegen Oliver, einem meiner Lieblingskollegen. Olli ist stets gelassen und erinnert mich an den Protagonisten eines meiner Lieblingsfilme aus den späten Neunzigern, einem sogenannten Kultfilm. Das ist ein Kompliment – nur sehr engstirnige Menschen mögen den „Dude“ nicht, den Protagonisten aus „The Big Lebowski“. Wie gesagt: einer meiner Lieblingsfilme. Warum? Keine Ahnung, ich mag ihn einfach.

Doch letzte Woche, als ich mit Oliver telefonierte, klang der gar nicht so gelassen. Eher bedrückt. So kannte ich ihn gar nicht. Mir fiel ein, dass er drei Wochen zuvor erzählt hatte, sein Hund sei krank, litte unter einer Lungenentzündung. Tonja, eine Mischlingshündin, eine Mischung aus einem Deutschen Schäferhund, einem Collie und einem Belgischen Schäferhund, genauer: einem Tervueren. Da ich Tiere sehr liebe, speziell Hunde, ging mir das schon nahe. Noch näher, da ich Tonja seit ihren Welpenzeiten kannte. Jetzt war sie acht Jahre alt und so krank. Ich hatte Olli noch gute Besserung für das Tier gewünscht.

Und so fragte ich ihn am Telefon ganz arglos nach Tonjas Befinden. „Ali, sie ist tot,“, kam als Antwort zurück, und das mit leicht belegter Stimme. „Wie – tot?“ fragte ich, als wäre mir nicht klar, dass alle Lebewesen sterblich seien. „Tonja lebt nicht mehr.“ – „Nein! Was ist passiert?“

Oliver erklärte, die Lungenentzündung sei keine solche gewesen. Das Tier habe Krebs gehabt. Man habe es noch operieren lassen, aber dabei habe sich herausgestellt, dass das Ganze schon zu weit fortgeschritten gewesen sei. Da habe man es erlösen lassen, nachdem der Tierarzt abgewinkt und gemeint habe, es gebe keine Chance auf Heilung.

Ich saß da, als hätte man mir einen Baseballschläger auf den Kopf geschlagen. Tränen stiegen in meine Augen. O Gott! Das arme Tier – und Olivers arme, kleine Tochter, deren Freundin die liebe Tonja, wie ich sie nur nannte, gewesen war! Ich meinte mit ebenfalls belegter Stimme, es tue mir sehr leid. Nach einer längeren Pause fragte ich, wie denn Olivers Tochter mit dem Verlust umgehe. „Nicht so gut, Ali,“, war die Antwort. Ich verstand das nur zu gut – ich habe diverse Tiere in meinem bisherigen Leben zu Grabe tragen müssen, und das ist genauso grauenhaft, wie wenn man einen menschlichen Angehörigen beerdigen muss, an dem man hing. Es gibt Menschen, die das nicht verstehen, aber das sind Menschen, die ich wiederum nicht so gut verstehe.

Zaghaft fragte ich, ob man die Anschaffung eines neuen Hundes ins Auge gefasst hätte. Es gibt da ja verschiedene Auffassungen, aber angesichts der Tatsache, dass Olivers Tochter noch klein ist, dachte ich, die Frage sei opportun. Die Kleine hatte sicherlich verstanden, was Tod und Verlust bedeutet, aber mir persönlich erschien es am gesündesten, das recht sensible Mädchen abzulenken. Tonja selber würde nie ersetzt werden können – soviel stand fest. Man kann einen Menschen, aber auch einen Hund nicht durch einen anderen ersetzen – es sind nun einmal Individuen.

Oliver meinte: „Wir wollten nach Tonja eigentlich keinen neuen. Aber wegen der Kleinen … Wir haben schon einen neuen Hund. Tonja wird die Kleine nicht ersetzen können, aber sie lenkt ab, und ohne Hund geht es inzwischen nicht mehr.“ Ich verstand das nur zu gut und beglückwünschte Oliver zu der Entscheidung, nahm ihm aber auch das Versprechen ab, das neun Wochen alte Tierchen einmal mitzubringen. Tonjas Nachfolgerin möchte ich doch gern kennenlernen. 🙂

Tonja selber war ein echter Sonnenschein. Ich lernte sie kennen, als ich gerade die Trennung von meinem Ex Dirk, einem Juristen, hinter mir hatte. Von daher war ich nicht gerade auf Rosen gebettet, noch weniger glücklich, als ich eines grauen Januartages dienstlich in die Abteilung musste, in der Oliver arbeitet. Aufgrund meines Kummers transusig machte ich mich auf den Weg – mir war alles egal. Wäre ich vom Blitz getroffen worden, hätten, sofern möglich, meine letzten Worte gelautet: „Na, endlich! Warum nicht eher?“ In dieser Stimmung machte ich mich auf gen Druckerei …

Als ich die heiligen Hallen betrat, schlug mir der Geruch von Zigarettenrauch entgegen – sehr sympathisch. Zwar war das Rauchen schon damals im ganzen Gebäude verboten, aber in der Druckerei scherte man sich einen Dreck darum – die letzte Bastion Aufständischer. Kein Wunder, dass ich mich in der Druckerei immer ganz besonders wohl fühle. 😉 Und auch völlig ohne Dienstanweisung hatte ich Oliver öfter besucht, wenn mir nach einer Zigarette war. Wie gesagt: Nicht nur, dass man dort rauchen konnte, ist Oliver stets gelassen und in der Lage, einen auch in Schieflagen wieder aufzumuntern.

Doch an jenem grauen Januartag war es nicht Oliver, der für Aufmunterung sorgte, denn als ich den Gang zu seinem Büro entlang ging, hörte ich plötzlich ein mir vertrautes Geräusch aus dem großen Arbeitsraum: ein lebhaftes „Tapp-Tapp-Tapp“. Und ehe ich mich versah, bog ein reizendes, kleines Wesen um die Ecke – ein Hündchen, ein Welpe mit eindeutigen Schäferhund- und Collie-Genen. Es sah niedlich aus, der Collie-Elternteil war nicht zu verleugnen, denn flaumartige Haare standen radial von des Hündchens Körper ab, so dass das kleine Tier an die Bürsten aus Autowaschanlagen erinnerte – nur war es viel weicher. Das ganze Hündchen wirkte sehr flauschig, und es stürzte fröhlich kläffend auf mich zu. Auf dem glatten Boden rutschte es mehrfach aus, aber das hinderte es nicht, seinen Weg zu mir hin fortzusetzen, und mit begeistertem Kläffen sprang es an mir hoch, als es mich erreicht hatte. Ich ging sofort zu Boden bzw. in die Knie, knuddelte das niedliche, kleine Ding und rief: „Ja, wer bist du denn? Zu wem gehörst du denn?“ Es gehörte zu Oliver, der um die Ecke bog, als ich mir gerade eine Art freundlichen Ringkampfs mit dem Hündchen auf dem Fußboden lieferte. 🙂

Fortan war ich noch viel öfter in der Druckerei, denn Oliver brachte die kleine Tonja regelmäßig mit, da sie nicht allein zu Hause bleiben konnte. Immer ging ich ordentlich gekleidet und intakt hin. Zurück kehrte ich mit Schmissen, Schrammen und bisweilen leicht blutenden Wunden an Händen und Armen. Einmal auch mit einer Laufmasche in der Strumpfhose. Nicht etwa, dass das kleine Tier bösartig gewesen wäre – es war nur noch ein Baby und von daher eher grobmotorisch, weswegen ihm noch nicht klar war, dass seine Milchzähnchen nicht nur spitz wie Nadeln waren, sondern auch, wie es sie benutzen musste. Ich bin sonst eher „pisselig“, aber bei kleinen Hunden oder anderen kleinen Tieren mache ich eine Ausnahme. Eigentlich generell bei Tieren, aber auch kleinen Kindern.

Einmal waren wir bei Olivers Kollegen im Büro, ich sogar mit einem dienstlichen Auftrag. Der Kollege hatte eine schon etwas in die Jahre gekommene Ledercouch in seinem Büro stehen, auf der er während seiner Kaffeepausen gern saß. Während wir da im Büro standen und das Layout eines Veranstaltungsflyers diskutierten, kam die kleine Tonja ins Büro getappt, sah die Couch und sprang mit Schwung darauf. Mit etwas viel Schwung, denn sie schlitterte fast bis ans Ende der Sitzgelegenheit. Ich sah ihren Blick: Etwas erschrocken sah das Tierchen drein, und wir mussten alle lachen. Das hatte ungeahnte Folgen und wirkte wie eine Art Stimulans, denn Tonja sprang von der Couch, rannte in den Flur, nahm Maß und Anlauf und stürmte erneut auf die Couch zu, auf die sie dann sprang und noch viel schneller darüber schlitterte. Diesmal sah sie nicht erschrocken aus, vielmehr funkelten und blitzten ihre Augen, und sie kläffte fröhlich. Nach dieser munteren Schlitterpartie sprang sie von der Couch, rannte zurück in den Flur, nahm erneut Anlauf, und das ganze Spiel wiederholte sich. Wieder und wieder. Einmal überschlug sie sich fast, und ich konnte sie gerade noch greifen und Schlimmeres verhindern. Sie leckte mir rasch über die Hand, musste dann aber ganz schnell wieder auf den Flur rennen – neuerlicher Anlauf vonnöten. Die Couch wartete. Olivers Kollege, der ein ausgemachter Katzenfreund ist, lachte und meinte: „Ich mag Hunde normalerweise nicht so gern, nicht so gern wie Katzen – aber die Kleine hier ist geeignet, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Die ist ja herzallerliebst!“ Das wollte viel heißen, denn Hannes ist normalerweise nicht leicht zu überzeugen.

Das war Tonja wirklich – herzallerliebst. 🙂 Einmal kam ich in die Druckerei, war länger nicht dort gewesen, als mir ein recht großer Hund schweifwedelnd entgegenkam: Tonja. Erstaunlich gewachsen, aber nicht weniger begeisterungsfähig als früher sprang sie an mir hoch. Endlich einmal musste ich nicht zu Boden gehen, sie zu knuddeln. Sie führte mich gleich in Olivers Büro, wusste offenbar genau, dass ich dahin immer zum Rauchen gekommen war. Während der Unterhaltung stand Tonja auf und schritt würdevoll zum Waschbecken, das sich in Olivers Büro befand, drehte sich zu Oliver um, woraufhin der aufstand und meinte: „Es war heute früh etwas hektisch, und ich habe Tonjas Wassernapf zu Hause vergessen.“ Und er drückte auf den Knopf oben am Wasserhahn, worauf Wasser herausstürzte und Tonja eifrig trank. Das Ganze wiederholte sich mehrfach, bis Oliver meinte: „Tonja, ich habe keine Lust, dauernd aufstehen zu müssen. Sieh mal – du musst hier oben draufdrücken. Dann kommt Wasser.“ Er demonstrierte es, Tonja sah aufmerksam zu, und ich meinte: „Oliver, meinst du, sie merkt sich das?“ Sie tat es nicht, wie sich herausstellte, denn kurze Zeit später stand sie erneut erwartungsvoll wedelnd vor dem Waschbecken. Diesmal stand ich auf, sagte: „Tonja, pass auf! Hier musst du draufdrücken, dann kommt Wasser!“ Und ich zeigte ihr das Ganze, jede meiner Handlungen aufmerksam von ihr beäugt.

Längst hatten Oliver und ich, die wir uns lebhaft unterhielten, das Ganze vergessen, als Tonja einmal mehr aufstand und zum Waschbecken ging. Durch die Bewegung aufmerksam geworden, sahen wir, wie sie am Waschbecken hochsprang und mit ihrer Pfote auf den Knopf am Wasserhahn drückte und trank. Einmal, zweimal, dreimal. Dann drehte sie sich stolz zu uns um! Oliver und ich saßen wie vom Donner gerührt da. Ich fand als Erste die Worte wieder: „Aber wir haben ihr das doch nur zweimal gezeigt …“ Als Antwort drückte Tonja erneut auf den Knopf und warf mir einen beifallheischenden Blick zu. Ich stand auf und knuddelte sie: „Du bist ein ganz besonders intelligenter Hund!“ Sie quittierte das Ganze mit einem dicken Schmatzer auf meine Nase. Oliver lobte sie ebenfalls, und sie freute sich halbtot.

Im Laufe der Jahre sah ich sie seltener, seit Oliver sie nicht mehr mit zur Arbeit bringen durfte. Aber ich fragte oft nach ihr, und Olivers Reaktionen waren immer sehr liebevoll. Auch neulich, als er von der Lungenentzündung erzählte.

Jetzt ist Tonja tot – kaum zu glauben und sicherlich schwer erträglich für die unmittelbar Betroffenen. Acht Jahre alt ist sie nur geworden. Aber ich bin mir sicher, sie hat eine würdige Nachfolgerin gefunden, die ich demnächst kennenlernen werde, da Oliver sie – wider das Verbot – mitbringen wird, wie er mir versprach. Tonja wird sie nicht ersetzen können, aber sie ist sicherlich auch ganz reizend.

Ich mache mich jetzt schon einmal auf neuerliche Schmisse, Scharten, blutende Wunden gefasst. 🙂

Gartenarbeit? Ohne mich!

Meine und meiner Schwester Eltern – manchmal denke ich, wir entstammten völlig unterschiedlichen Familien – sind irgendwann, als meine Schwester und ich schon lange nicht mehr in unserem Elternhaus lebten, zu Nomaden mutiert. Naja, zu Halbnomaden, wenn man ehrlich ist. Oder besser: zu Wanderern zwischen den Welten. Denn meine Mutter stammt aus Franken, mein Vater ist eherner Westfale. Und während meine Mutter bis zur Pensionierung meines Vaters tapfer im Ruhrgebiet ausharrte, regelmäßig in ihre Heimat fuhr, hoffte sie darauf, dass sie und mein Vater irgendwann, wenn er arbeitstechnisch nicht mehr gebunden sei, ganz dorthin ziehen würden, wo nicht nur das Essen besser ist: nach Franken. Heraus kam ein Kompromiss: ein zweiter Wohnsitz und zweimal im Jahr mehrwöchige Aufenthalte in meiner Mutter Heimatstadt. Immerhin.

Dies hatte zur Folge, dass jemand sich während ihrer Abwesenheit um mein Elternhaus und den Garten – das Werk meiner Mutter Kathrin und ein echtes Juwel – kümmern musste, denn wenn auch der Garten ein Juwel ist, so ist er dies gewiss nicht ohne Mühe. Und meine Mutter ist da sehr präzise.

Wenn meine Mutter und ich auch sonst sehr viel gemeinsam haben, so gibt es einen eklatanten Unterschied: Ich hasse Gartenarbeit! Meine Mutter liebt diese und hat diese Liebe wohl an meine Schwester Stephanie vererbt. Bei dieser jedoch beschränkt sich die Liebe vornehmlich auf den eigenen Garten, genauer: Sie potenziert sich dort sogar. Der Garten meiner Schwester ist spannend: Ich habe noch nie einen solch relativ kleinen Garten gesehen, in dem sich eine Attraktion an die andere reiht – wie Jahrmarktbuden. Wie eine Art Explosion. Klingt böse, aber im Grunde meine ich es nicht so. Ich staune nur darüber, wie man so viele Attraktionen auf kleinem Grund unterbringen kann. Stephanie kriegt das mühelos hin. Man sitzt auf der Terrasse, und zu den Füßen fließt ein kleiner Bach. Daneben stehen halbjapanische Elemente, gerahmt von Leyland-Zypressen (die Kenntnis um deren Existenz habe ich auch nur der begeisterten Schilderung Stephanies kurz nach deren Anschaffung zu verdanken). Und so fort. Zweifellos – der Garten meiner Schwester ist wirklich schön und trotz seiner reiflichen Durchplanung in Teilen sogar ein wenig verwunschen. Ich bekäme das niemals so hin. (Es liegt aber in der Hauptsache daran, dass ich dazu keinerlei Neigung besitze. Hätte ich ein größeres Gartengrundstück, wäre es sicherlich besser, ich hätte auch das entsprechende finanzielle Polster, einen Gärtner zu beschäftigen. Ich koche dafür gern.)

Weniger mühelos geriet ihr die Pflege des elterlichen Gartens, als sie noch am selben Ort wie meine Eltern lebte, partiell sogar in unserem Elternhaus. Jeweils kurz vor Rückkunft meiner Eltern aus Franken und in schöner Regelmäßigkeit ereilte mich ein Brandanruf meiner Schwester: „Hast du am Wochenende schon etwas vor?“ – „Ja, eigentlich …“ – „Das geht nicht! Du musst herkommen. Der Garten muss gemacht werden!“ – „Ja, aber wieso …“ – „Du musst herkommen! Der Rasen muss gemäht werden!“ – „Stephanie! Du wohnst doch dort! Wo ist das Problem, den Rasen zu mähen?“ – „Frag nicht, du musst herkommen! Der Rasen hat es dringend nötig!“ – „Und das kann nur ich, oder wie?“ – „Frag einfach nicht! Wann kommst du?“ Dies hervorgebracht in derart autoritärem Tonfall, dass ich unter allen Umständen zusah, mein jeweiliges Wochenende im Garten meiner Eltern zu verbringen. Horror! Ich hasse es, in der Erde zu wühlen – da lauern Regenwürmer und anderes Krabbelzeug! (Merkwürdigerweise habe ich immer ganz akribisch und aktiv nach Würmern gegraben, wenn ich mit meinem Onkel angeln war und die Lebendköder ausgegangen waren – aber das war ja auch meine ureigene Entscheidung gewesen.)

Wann immer ich in meinem Elternhaus eintraf, sah ich, dass wirklich Hilfe einer zweiten Person angemessen war … Wenn nicht einer dritten. Oder vierten. Oder eines Abrissunternehmens.

Einmal hatte mich Stephanie erneut sehr dringend zu Hilfe gerufen. Ich wisse doch, dass Mama und Papa am Sonntag aus Franken zurückkämen, und sie selber sei vor anderer Arbeit erstickt. Ich selber hätte doch erheblich mehr Zeit, und es sei der Rasen zu mähen. Ich streikte bzw. versuchte es. Angesichts der Alternative gab ich jedoch klein bei. Es war besser so. Stephanie sprach auf der Fahrt zu meinem Elternhaus beruhigend und einlullend auf mich ein, es sei alles nicht schlimm, und im Grunde müsse ja nur der Rasen …

Sie fuhr den Wagen in die Garage, ich schloss die Haustür auf und betrat das Haus, ging durch bis ins Wohnzimmer. Dort warf ich einen Blick durch das Panoramafenster in den … Moment! Was war das denn?!? Garten? Rasenmähen? Welchen Rasen meinte Stephanie? Ich blickte auf eine wilde Wiese, deren Gräser mir schätzungsweise bis über die Knie reichten! Gut, ich bin nicht übermäßig hoch gewachsen, aber ich bin auch kein Zwerg. Wiesen- und Springkraut überall, das sich sanft im Wind wiegte. Ich war – und das geschieht sehr, sehr selten – sprachlos. Wahrscheinlich stand ich sogar offenen Mundes da, als ich versuchte, die genaue Lage des Gartenteichs auszumachen, der sich irgendwo hinter den wildwuchernden Gräsern befinden musste. Bereits beim Anblick der Wildkräuter musste ich niesen. Da! Neben der Region, da ich den Teich vermutete, bewegte sich etwas! Ein leuchtendgrünes Objekt wurde sichtbar, daneben ein erdbraunes. Beide Objekte recht rund geformt und mit einem orangegelben schnabelartigen Auswuchs vorn und Augen versehen. Entenköpfe! Ein Entenpaar! O Gott! Enten. Ich schloss messerscharf, dass sich diese bereits länger im Garten aufhielten – kein Wunder, in dessen derzeitigem Zustand waren sie schön geschützt – und wahrscheinlich dafür gesorgt hatten, dass mal wieder der Gartenteich entwässert werden musste, da Enten den Inhalt von Teichen nicht selten zum Umkippen bringen. Nicht nur das – sie rissen auch immer die Teichrosen heraus und verschreckten die Fische. Ich starrte in den Garten, als hätte dort ein Massaker stattgefunden. Und zwei Tage später würden meine Eltern kommen …

Da kam Stephanie herein, wie üblich grenzenlos optimistisch. Ich stammelte: „Stephanie – im Garten lebt ein Entenpaar.“ – „Entenpaar? Wie? Wo?“ – „Im Garten. Da drüben irgendwo.“ Und ich machte eine diffuse Handbewegung irgendwo in die Wildnis hinein. Die Enten hatten sich bereits wieder weggeduckt. „Ach du Schande! Enten? Nee, die habe ich bisher nicht gesehen.“  Wie auch? Hätte ich nicht niesen müssen, hätte ich sie wahrscheinlich am nächsten Tag erst mit dem Rasenmäher niedergestreckt …

Stephanie strahlte mich an und meinte: „Heute kannst du nicht mehr mähen. Der Rasenmäher ist zu laut. Aber morgen.“ Ich starrte sie an und meinte: „Wie – Rasenmäher? Wovon träumst du nachts? Das Gras geht mir bis übers Knie! Was wir brauchen, ist eine Sense! Gibt es hier irgendwo ein Landwirtschaftsmuseum mit historischen Exponaten, wo wir eine leihen können?“ – „Du bist mal wieder viel zu negativ eingestellt! Wir stellen einfach das Messer des Mähers ganz hoch ein!“ – „Wer ist ‚wir‘?“ – „Naja, du. Und jetzt komm – wir sehen etwas fern.“ Aber mir war nicht nach dem Fernseher. Ich ging lieber ins Bett – am nächsten Tag würde ich meine Kräfte brauchen.

Am nächsten Tag stellte ich das Messer des Rasenmähers so hoch ein, dass es höher nicht ging. Und ich mähte. Stundenlang. Denn der Rasenmäher, der einen Überlastungsschutz hatte, brach nach jeder Reihe zusammen, schaltete sich ermattet aus, während Stephanie – sehr hilfreich – auf der Terrasse stand und mich anfeuerte, teils auch drastisch: „Du bist viel zu langsam! Geht das nicht schneller?“ Ich schwor mir, im nächsten Leben als Diktator zur Welt zu kommen, mit Stephanie als Untertanin. Aber irgendwann, Stunden später, war die Wiese gemäht, und ich machte mich ans Kantenschneiden, was durch das melodische Säuseln des Regens, der eingesetzt hatte, untermalt wurde. Stephanie zupfte angelegentlich ein wenig Unkraut, während das Entenpaar schimpfend von dannen zog – sein Refugium komplett zerstört und massakriert!

Und als meine Eltern am nächsten Tag eintrafen, raufte sich Muttern die Haare – der Garten ein einziges Chaos!

Es ist immer eine Frage der Relation. Sie hatte ihn zuvor nicht gesehen …

„Sag mal ‚Aaah‘!“

Nun ist es ja so, dass man mit jedem Sekundenbruchteil älter wird. Durchaus normal und unvermeidlich – es sei denn, man verzweifelt ob dieser Tatsache so sehr, dass man sich, den Prozess unterbrechend, von einer Brücke stürzt, sich erhängt oder sonstwie spontan aus dem Leben befördert. Das ist nichts für mich, und doch ist es nicht immer schön, mitansehen zu müssen, wie Vertrautes schwindet, Dinge, die man von klein auf kannte.

Heute las ich in der Zeitung, dass die Kinderärztin, bei der ich als Kind und junge Jugendliche in Behandlung war, wann immer es nötig war, gestorben sei. Gut, die Zeiten liegen jetzt schon diverse Jahre zurück, aber irgendwie war es trotzdem doof, das zu lesen – wieder etwas Altvertrautes weg. Das Krankenhaus, in dem sie ihren Dienst tat, ist heute ein Hospiz.

Im Gegensatz zu anderen Kindern habe ich Frau Dr. K. immer gemocht, da sie ein sehr liebevoller, wenn auch energischer Mensch war. Offenbar genau richtig für mich, die mit klaren Ansagen am besten umgehen kann. Kein langes Herumgeeiere – das mag ich nicht.

Sie mochte Kinder, das lag auf der Hand, aber sie war nicht sentimental, kein „Oooch, du armes, kleines Schätzchen“-Typ. Sie hätte meines Erachtens auch mit Pferden oder anderen Tieren hervorragend umgehen können: liebevoll, aber bestimmt. Kein Gedanke daran, dieser Frau auf der Nase herumzutanzen, Schmeicheleien sinnlos. Eine waschechte Pragmatikerin und daher ideal für den Umgang mit Kindern und Tieren geeignet.

Untersuchungen und Behandlungen bei ihr waren in verschiedene Phasen aufgeteilt:

1. Die Begrüßungsphase: „Ach, die kleine Ali! Das ist ja nett! Was fehlt denn?“ Erläuterungen meiner Mutter folgten, dann der Befehl: „Oben herum freimachen!“ Oder da, wo das Problem war. 😉

2. Untersuchung, harmlos: Man wurde abgehorcht, abgeklopft und -getastet.

3. Doch dann kam es – das Unvermeidliche. Bei jedem Besuch dort, egal, weswegen man dort war: der Griff zum Holzspatel, um einen Blick in den Rachen zu werfen! Der Teil, bei dem man: „Aaah!“ sagen muss. Ehrlich gestanden, hätte sie mir lieber ein Dutzend Spritzen geben können, wäre ich nur um diesen Teil der Untersuchung herumgekommen … Klingt nicht nachvollziehbar, ich weiß, aber Frau Dr. K. war ein sehr gründlicher und handfester Mensch. Griff sie nach dem Holzspatel, brach einem bereits der kalte Schweiß aus. Warum?

Nun, sie hatte die Angewohnheit, diesen Spatel tiefer als alle anderen Ärzte, bei denen ich je in Behandlung war, in den Mundraum einzuführen – bis ans hinterletzte Ende der Zunge. Das hatte zur Folge, dass sie stets ans „Zäpfchen“ stieß, und was das bedeutet, weiß sicherlich jeder. Unglaublicher Brechreiz machte sich breit, man saß stets hemmungslos würgend da, wenn sie sich längst Muttern wieder zugewandt hatte oder etwas auf ihren Rezeptblock schrieb. Und man hatte stets den kalten Schweiß auf der Stirn und sonstwo …

Das Allerschlimmste: Wann immer sie zum Spatel griff und man sich schon mental vorbereitete, fiel ihr stets noch etwas ein, das sie dringend mit Muttern besprechen musste, und so sah es dann wie folgt aus:

Griff zum Spatel. Schweißausbruch beim Patienten. Frau Dr. K. kommt mitsamt Spatel näher. Leichte Panik beim Patienten. Frau Dr. K. fällt etwas ein, und sie dreht sich zu des Patienten Mutter um, spricht mit ihr. Dreht sich mitsamt Spatel wieder zurück zum Patienten. Patient fixiert angstvoll Spatel mit den Augen. Frau Dr. K. fällt einmal mehr etwas ein, und sie dreht sich zu Muttern zurück. Spatel dreht sich mit. Augen des Patienten kleben an Spatel, der sich erneut dreht, wieder hin zum Patienten. Doch da erneuter Einfall Frau Dr. K.s, den sie Muttern unbedingt mitteilen muss. Augen des Patienten inzwischen untertassengroß. Folgen Spatel in Frau Dr. K.s Hand wie die Augen eines Hundes, dem man mit einem Leckerchen vor dem Gesicht herumwedelt – hin und her und her und hin. 😉 Spatel bewegt sich inzwischen wie Taktstock eines Dirigenten in Frau Dr. K.s Hand, wird zur Bedrohung aus Sicht des Patienten, der inzwischen schon fast hyperventiliert, ungesehen von Frau Dr. K., die mit dem Rücken zum Patienten steht, weiterhin mit dem Spatel dirigierend. Hypnotische Wirkung setzt ein … Doch da! Da dreht sich Frau Dr. K. um, befiehlt: „Sag mal ‚Aaaah‘!“ Man öffnet den Mund wie in Trance, Widerspruch oder Verweigerung sinnlos, und sagt: „Aa… wurgs!“ Immerhin ist man aus der „Hypnose“ sofort wieder da, denn dieser Brechreiz würde fast Tote wiedererwecken … Während ich dies schreibe, spüre ich wie durch Zauberhand das Gefühl der recht harten Kanten diverser Holzspatel an meinem weichen Gaumen nebst Zäpfchen … 😉

Dennoch mochte ich Frau Dr. K. sehr, und das nicht nur aus dem Grunde heraus, dass der letzte Teil der Behandlung darin bestand, dass ich mich nicht nur wieder ankleidete oder – als ich noch kleiner war – wieder angekleidet wurde, der für Frau Dr. K. typische liebevoll-energische Griff in meinen Nacken erfolgte und ich leicht und liebevoll-energisch geschüttelt wurde, eine Geste der Zuneigung, sondern mir zwei Bonbons aus einer Bonbondose aussuchen durfte. Genau zwei. Nicht mehr. Ehrlich gestanden: Ich lebte als Kind bei Untersuchungen und Behandlungen bei Frau Dr. K. immer auf diesen Moment hin. Zwar nicht gut für die Zähne, aber eine gute Maßnahme. Man wusste, man würde mal wieder massiv leiden und würgen müssen, da Untersuchungen des Rachenraums unumgänglich waren, aber immerhin wurde dann ein Schmerzensgeld geboten. Was machen Kinder heute, da ja Bonbons auch schon auf dem Index stehen – zumindest bei manchen Eltern? 😉

Trotz der bisweilen unangenehmen Maßnahmen hatte Frau Dr. K. immer einen Fan: mich. Möge sie in Frieden ruhen. 🙂

Ganz gewöhnliche Tage …

Die letzten Tage waren so gewöhnlich und in einem Maße langweilig, dass einem davon beinahe das Gesicht einschlafen konnte. Selbst bei der Arbeit war so wenig Aufregung und fast keine Hektik, dass meine Kollegin Janine und ich gar nicht wussten, worüber wir uns denn – das tun wir gern – echauffieren konnten. 😉 Vielleicht lag es auch daran, dass so viele Leute auf unserem Flur krank waren – es war fast so still wie auf einem Friedhof, mal abgesehen von Kollegin Brigitte.

Es ging so weit, dass ich, obwohl der erste Advent noch relativ weit entfernt war, mit der Weihnachtsdeko im Büro anfing. Das hatte ich die letzten Jahre etwas schleifen lassen, aber Janine ist der Ansicht, Deko müsse sein, und ich bin das desgleichen, nur war dies die letzten Jahre etwas zu kurz gekommen, da ich mit Ex-Kollegen Birger (huch, jetzt hätte ich fast „Birgit“ geschrieben, aber so sehr will ich Birger dann doch nicht auf die Füßchen treten … 😉 ) ja nie so recht übereinstimmte, nicht mal bei der Weihnachtsdekoration. Da ließ ich es doch lieber ganz bleiben.

Aber vor lauter Langeweile habe ich jetzt ein kleines, kitschiges „Stillleben“ auf der Theke errichtet, die meinen Arbeitsbereich vom vorderen Teil meines Bürobereichs trennt, richtig heimelig. Und eben superkitschig. Aber in der Vorweihnachtszeit ist Kitsch ja nahezu Pflicht. 😉 Auf meiner Fensterbank dann Ähnliches, und am Montag werde ich Janine mit einem Bund Tannengrün und einer LED-Lichterkette aus lauter kleinen Elchen überraschen. Die LED-Elche waren bei Tchibo reduziert zu haben. Wie hätte ich da widerstehen können? 😉

Gut, das Theken-Stillleben verwirrte meinen Chef zunächst, da es an der Stelle steht, wo ich sonst immer einen Teller mit Süßigkeiten stehen habe. Fast hätte er sich die zum Stillleben zugehörige LED-Lichterkette – in diesem Falle keine Elche – partiell einverleibt, als er in Gedanken an der Theke stand und automatisch nach einem Objekt auf dem Teller griff, auf dem das Arrangement steht bzw. liegt, demselben, auf dem bis dato Süßigkeiten lagen. Im letzten Moment stutzte er, weil das Objekt leuchtete und noch weitere daran hingen. Eben eine Lichterkette … 😉

Da mein Chef so enttäuscht dreinblickte, weil nun keine Weingummitiere, Plätzchen, Lebkuchen mehr auf der Theke stehen und ich ein bisweilen viel zu weiches Herz habe, was mir Uneingeweihte nicht unbedingt anmerken, habe ich am nächsten Tag einen weihnachtlichen Deko-Teller mitgebracht und ihn mit Zimtsternen befüllt ans andere Ende der Theke gestellt. Mein Chef steuerte auch noch eine Packung Spritzgebäck bei. Die Zimtsterne, zwar nicht selbstgebacken, aber durchaus wohlschmeckend, waren ruck-zuck weg, nur das Spritzgebäck blieb liegen wie die Zeitung von gestern. Mein Chef wirkte ein wenig geknickt und enttäuscht. Janine und ich aßen, als er in einer Besprechung war, rasch je ein Plätzchen. Ein wenig trocken war es. Als mein Chef aus der Besprechung kam, wies er erneut auf seine Plätzchen hin – Janine und ich reagierten fröhlich und versprachen, alsbald mehr davon zu essen. Nur hätten wir gerade das Mittagessen hinter uns. Mein Chef verschwand in der nächsten Besprechung. Janine sah mich an und meinte: „Was machen wir denn jetzt? Die Plätzchen sind nicht so mein Fall, aber ich kann es auch nicht gut haben, wenn dann jemand enttäuscht ist. Das kann ich sogar überhaupt nicht haben.“ – „Ich auch nicht.“  Bekümmert sahen wir einander an. „Vor allem, wenn Männer an so etwas denken, und dann kommt es nicht so gut an. Was machen wir denn jetzt?“ fragte Janine. „Ich weiß es doch auch nicht – mir tut das auch leid. Hast du gesehen, wie enttäuscht mein Chef geguckt hat?“ – „Nun mach es doch nicht noch schlimmer!“ – „Aber wirklich ganz enttäuscht – der Arme!“ Und wir saßen beide etwas betreten da. (Offenbar hatten wir sonst keine Probleme und scheinen in gleichem Maße gefühlsduselig zu sein. Oder – sagen wir es netter – bemüht, niemanden zu enttäuschen. Klappt nicht immer.) Immerhin schaffte ich es, das Ruder herumzureißen, indem ich aufstand, in die Küche ging, einen Teller holte, tatkräftig einen größeren Teil der Plätzchen darauflegte und damit eine Runde über den partiell verwaisten Flur drehte. Ich wurde alles los. Zwei Kollegen lobten die etwas trockenen Plätzchen – das sei das leckerste Spritzgebäck, das sie je gegessen hätten. Ich dachte: „Ihr kennt das Spritzgebäck meiner Mutter nicht!“ Vielleicht bin ich diesbezüglich aber auch etwas verwöhnt.

Mein Chef strahlte, als er sah, dass so viele Plätzchen vom Teller verschwunden waren. Hoffentlich bringt er keine neuen mit … 😉

Die Arbeitstage schlichen so zäh dahin, als wären sie aus flüssigem Gummi arabicum. Es war zwar einiges zu tun, aber alles langweilige Routinearbeit. Gegen 17, 17:30 Uhr packten Janine und ich immer unsere Sachen zusammen und brachen auf. Sie nimmt mich immer ein Stück mit, dann laufe ich in die Stadt, kaufe ein und fahre dann mit der Straßenbahn nach Hause.

Vorgestern stieg ich leicht frustriert in die Straßenbahn, die ich auf dem letzten Drücker erreicht hatte. Es regnete, die meisten Leute sahen nicht glücklich drein, aber ich hatte immerhin das kleine Erfolgserlebnis, die Bahn doch noch kurz vor deren Abfahrt erwischt zu haben. Sie war ziemlich gut gefüllt, aber in einem der Bereiche, in denen auch Kinderwagen und Fahrräder stehen können, war noch ein Klappsitz frei, auf den ich mich gleich stürzte. Aus dem Augenwinkel hatte ich gesehen, dass auf dem Platz daneben eine junge Frau saß, die mit ihrem Smartphone hantierte.

Ich setzte mich hin und atmete auf. Hoffentlich fuhr die Bahn bald ab – ich wollte nach Hause, mich auf der Couch in eine Decke kuscheln und eine DVD gucken, ungeachtet der Tatsache, dass ich immer wieder auf der Couch einschlafe und dann mit Schmerzen in Armen und Schultern wachwerde. 😉

Da hörte ich plötzlich von rechts, wie die junge Frau laut: „Mhhh! Mhhhh!“ machte. Offenbar telefonierte sie mit jemandem. Oder hatte vor ihrem geistigen Auge einen leckeren Kuchen oder ein besonders lecker aussehendes Steak oder so etwas in der Art. Als sie diese Laute erneut von sich gab, drehte ich mich zu ihr um und blickte in das strahlende Gesicht einer jungen Schwarzafrikanerin mit blondierten Haaren. Sie strahlte mich an und meinte in etwas gebrochenem Deutsch: „Chanel!“ Ich sah sie überrascht an, und da rief sie: „Du trägst Chanel! Parfum! Ne?“

Ich musste amüsiert lachen, denn trotz ihres etwas, aber nur leicht gebrochenen Deutschs hatte sie sich doch eine der Besonderheiten der Region hier schon angewöhnt: das, was man Frageanhängsel nennt und hier im „Revier“ im westlichen Teil „ne“, im östlichen Teil „woll“ lautet und der Bekräftigung des Gefragten dient, vergleichbar dem hochdeutschen: „Nicht wahr?“. Ich bin im „[…], ne?“-Teil aufgewachsen. „Woll“ geht gar nicht. Finde ich. Separatismus im Pott. 🙂

Ihre fröhliche Art steckte an, und ich meinte: „Nee, kein Chanel. Das kann ich mir nicht leisten. ‚Roberto Cavalli‘.“ – „Aaah – riecht total gut! Bis wohin fährst du?“ Ich nannte die Haltestelle, und sie meinte: „Schade, muss ich weiter. Riechst du wirklich gut – schade, dass du vor mir aussteigst.“ Ich lachte und zog aus meiner Tasche den Flakon. Und dann bat ich sie, mir ihre Hand hinzuhalten. Sie tat es, und ich sprühte etwas von dem Parfum darauf. Dazu sagte ich: „So. Das hält sicher bis zur Endhaltestelle.“ Da nahm sie meine Hand und drückte sie ganz fest. „Bist du wirklich lieb! Danke schön!“ – „Ach was – ist doch nur etwas Parfum.“ – „Nee, ist wirklich total lieb! Geht nicht nur um Parfum.“ – „Danke schön, und das Kompliment kann ich erwidern – du bist auch nett und hast es gerade geschafft, dass ich gute Laune bekommen habe.“ – „Echt? Hattest du keine schöne Tag?“ – „Nicht so. Daher vielen Dank.“ Sie freute sich, ich mich auch.

Als ich ausstieg, rief sie hinter mir her: „Schöne Abend noch und alles Gute!“ Ich rief zurück: „Auch einen schönen Abend und alles Gute!“ Und wir winkten einander zu, als ich in den Regen hinausging, um bei meinem Arzt endlich meine Versichertenkarte für dieses Quartal vorzulegen, was ich schon seit etwa drei Wochen geplant hatte. Als ich ankam, war alles dunkel – Urlaub. Da raffe ich mich einmal auf …

Ich ging zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Dort saß ein älterer Mann im Wartehäuschen, der von weitem wie ein Penner aussah. Och, nee … Nix gegen Penner, aber neulich ist einer, dem ich eine Zigarette gegeben hatte, übergriffig geworden und wollte mir gleich die ganze Schachtel abnehmen. Gelungen ist es ihm nicht …

Doch es regnete stark, ich hatte keinen Schirm dabei, und so musste ich auch ins Wartehäuschen, wenn ich nicht völlig durchnässt werden wollte. Und da dann die zweite, nette Überraschung des Tages: Der ältere Herr sprach mich gleich an, sehr freundlich, und wir plauderten zunächst übers Wetter, dann über den Weihnachtsmarkt, die allgemeine Weltlage – und es war wirklich nett. Als er meinte, nun werde er sich noch etwas zu essen holen und auf die Imbissbude hinter uns deutete, sich mühsam erhob und an einem Stock dorthin humpelte, bin ich hinterhergelaufen und habe ihm auf der Treppe in den Imbiss geholfen. Da meinte er: „Ganz herzlichen Dank, junge Frau. Sie haben mir gerade den Tag gerettet – es sind nicht alle Leute so hilfsbereit und nett.“

Und so fuhr ich dann nach Hause, guter Laune. Es sind manchmal wirklich Kleinigkeiten, die einen weniger schönen Tag retten können – ich stelle es immer wieder fest. 🙂

Starkes Geschlecht? Schwaches Geschlecht?

Als ich noch klein war, erklärten sämtliche Männer und Jungs in meinem Umfeld immer wieder voller Stolz und im Brustton naturgegebener Überlegenheit, sie wären ja das starke Geschlecht – in jeder Hinsicht. Wirklich alle – bis auf meinen Vater. Der war schon immer ein ganz besonderer Mensch, zwar Ingenieur, aber auch in gewisser Weise das, was man einen „Schöngeist“ nennt, eher introvertiert und nachdenklich, auch wenn er ein sehr fröhlicher Mensch ist, der gerne Gesellschaft hat. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Er meinte immer, das sei Tinnef, denn man müsse dies differenziert sehen, und es komme ja nicht nur auf physische Kraft an. Die meisten Frauen, die er kenne, seien psychisch erheblich belastbarer und stärker als das Gros der Männer, die er kenne. Und augenzwinkernd fügte er hinzu: „Sonst würden es viele Frauen mit ihren Männern gar nicht aushalten.“ 😉 Gehe es für ihn um echte Stärke, sei die mentale erheblich wichtiger, die psychische Stärke, und da sehe er Frauen deutlich im Vorteil. Und eine Schwangerschaft und Entbindung durchzustehen, brauche sehr viel Kraft, in jeder Hinsicht. Er gab jedoch auch zu bedenken, dass natürlich auch immer die individuelle Persönlichkeit eine gewisse Rolle spiele.

Papa scheute nie davor zurück, Dinge zu tun, die in den 50ern, 60ern und 70ern für die meisten Männer völlig indiskutabel waren. Noch heute berichtet er beispielsweise grinsend, wenn es um Unterschiede zwischen meiner Schwester und mir geht, die zahlreich vertreten sind, Stephanie sei beim Wickeln immer erheblich unkomplizierter gewesen als ich. Ich hingegen hätte ständig herumgehampelt und –gezappelt, und im Grunde hätte man vier Hände gebraucht, wenn man mich wickeln wollte. Mich zu bändigen, hätte die doppelte Zeit in Anspruch genommen, die man für Stephanie gebraucht habe. (Dafür brauchte man bei der Kinderärztin doppelt so lange, Stephanie zu überzeugen oder auszutricksen, sich ihren Pullover ausziehen zu lassen, wenn sie abgehorcht werden oder gar eine Spritze bekommen sollte. Da war ich wohl erheblich gelassener und offenbar der Ansicht: „Besser schnell hinter mich bringen, wenn es denn schon sein muss.“)

Papa ist jemand, der keine großen Worte macht, viele Dinge gar nicht erst kommentiert, wenn er meint, es sei nicht der Rede wert. Einmal, ich war etwa sieben Jahre alt, sollten alle Kinder meiner Klasse für ein Schulfest einen Kuchen mitbringen, und am besten wäre es, wäre dieser Kuchen von ihnen selber gebacken worden. (Lehrer sind manchmal etwas weltfremd …) Ich apportierte diese Botschaft meiner Mutter, die meinte, sie würde einen Kuchen backen, müsse aber erst mit Oma und Stephanie in die Stadt. Ich solle lieber die Finger davon lassen – ich sei noch zu klein. Und was die Lehrerin sich denn dabei dächte! Ich begehrte auf, meinte, das könne doch nicht so schwer sein, aber meine Mutter meinte nur: „Lieber nicht.“ Und sie sähe sehr schwarz, würde ich mich daran begeben, selber zu backen. Sie meinte es nicht böse, sie fand einfach, ich könne das noch nicht, da zu klein.

Mein Vater hatte dabeigestanden und kein Wort gesagt. Und dann ging er in sein Arbeitszimmer, während ich heulend und verzweifelt – diese Schmach, zu klein zu sein! – in meinem Zimmer verschwand, und Mama, Oma und Stephanie fröhlich das Haus verließen. Kaum waren sie in Mamas Auto davongefahren, kam mein Vater zum Vorschein und rief mich von unten aus dem Hausflur: „Ali! Komm, sie sind weg!“ – „Warum soll ich kommen?“ – „Wolltest du nicht einen Kuchen backen?“ – „Mama sagt, ich könne das nicht!“ – „Ja, das habe ich auch gehört. Aber ich weiß, dass du das sehr wohl kannst. Komm herunter!“ Verheult stieg ich die Treppe hinunter. Mein Vater war schon in der Küche und begutachtete die Vorräte, während er mit der freien Hand in „Backen macht Freude“ blätterte, dem Standardwerk hinsichtlich Back-Rezeptbüchern von Dr. Oetker. Und er meinte zu mir: „Sieh mal, wir haben das und das und das vorrätig. Sieh mal selber in das Buch – da gibt es einige Möglichkeiten. Was möchtest du machen?“ Ich hätte ja gern einen Marmorkuchen oder, noch besser, Nusskuchen gemacht, aber just Kakao und Nüsse hatten wir nicht im Haus, wohl aber eine Packung „Mondamin“. Und da gab es ein Rezept, das sich mit allen vorhandenen Zutaten deckte. Los ging es! Mein Vater assistierte, aber das Meiste machte ich, und zum Glück blieben Mama, Oma und Stephanie lange genug in der Stadt. Jedenfalls hatten Papa und ich den Kuchen gerade aus dem Ofen geholt, als die drei die Haustür aufschlossen. Meine Mutter roch den Braten, nein, Kuchen sofort, meine Oma desgleichen, und sie ging zu meinem Vater und meinte: „Karl-Heinz, du bist wirklich ein lieber Mensch! Da hast du dich hingestellt und den Kuchen gebacken!“ Mein Vater meinte nur: „Nein, ich war das nicht.“ – „Ja, wer denn sonst?“ (Als wäre ich gar nicht vorhanden gewesen oder in Frage gekommen. 😉 ) – „Ali hat den Kuchen gebacken.“ – „Unsinn, das kann sie doch noch gar nicht!“ – „Doch. Sie hat den Kuchen gebacken, und sie kann das sehr gut.“ Ungläubiges Staunen. Dann meinte meine Mutter: „Karl-Heinz, komm, gib es zu: Du warst das.“ – „Nein, wirklich nicht. Ich habe ihr wirklich nur etwas beim Abwiegen geholfen, den Rest hat sie ganz allein gemacht. Sie kann das. Das solltet ihr euch merken.“

Das habe ich nie vergessen. Und der Kuchen schmeckte sogar! 😉 Papa hat mir beigebracht, dass man über sich selbst hinauswachsen kann, wenn man sich überwindet. (Mama auch, auf ihre Weise. Sie ist diejenige, die bei Unfällen Erste Hilfe zu leisten in der Lage ist, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Da ist jemand hilflos – da muss man sofort zupacken, und das mit Sinn und Verstand. Alles andere steht dann dahinter zurück.) Er vertritt die Ansicht: „Selbst ist der Mann, selbst ist die Frau. Ein per se stärkeres Geschlecht, abgesehen von physischen Unterschieden, gibt es nicht.“ Er macht da gar keinen Unterschied, aber ganz anders, als „Genderbeauftragte“ das handhaben. Zum Glück anders.

Im Laufe meines bisherigen Lebens hatte ich es aber häufiger mit Männern zu tun, die noch auf die „althergebrachte“ Art erzogen waren. Mein Ex Richie, zum Beispiel, wollte immer sehr maskulin wirken, da sein Vater größten Wert darauf legte. Am meisten tat Richie das, wenn er nicht allzu sehr darauf achtete, so zu wirken. 😉 Denn er war ein überaus sympathischer und charismatischer Mensch, allerdings auch mit einigen Macken, und ich zog ihn gern damit auf, dass diese Macken doch von „maskulin“ Lichtjahre entfernt seien. Denn eines Abends, noch relativ zu Beginn unserer Beziehung, kochte er für uns, und das konnte er wirklich gut. Schweinefilet mit allem Zipp und Zapp als Beilagen stand auf dem Programm, und ich, die ich damals mit Kochen wenig Erfahrung hatte, pries mich, bei der Auswahl meines Freundes ein wirklich besonders glückliches Händchen gehabt zu haben. Bis zu jenem Moment, da Richie plötzlich ein Gesicht machte, als habe man ihm soeben verklickert, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Ich sah es und fragte, was denn los sei, und da sah er mich besorgt an, eines der Schweinefilets in der Hand, und meinte: „Riech doch bitte mal an dem Filet! Ich glaube, das hat einen Stich!“ Ich roch daran, und es roch, wie Schweinefilet immer riecht. Zwar kochte ich selber nicht, hatte aber meiner Mutter oft Gesellschaft beim Kochen geleistet, daher war mir klar: Dieses Schweinefilet war völlig normal, roch normal, würde sich auch beim Garvorgang exakt so verhalten, wie sich ein normales Schweinefilet so verhält. Ich gab an, das Filet sei völlig normal, und da hielt er mir auch noch das zweite Filet unter die Nase und behauptete, das habe sicherlich einen Stich – ich solle, bitte, mal genau hinriechen. Ich sah ihn an und meinte grinsend: „Richie, mal ganz im Ernst: Das einzige Objekt in dieser Küche, das eindeutig einen Stich hat, bist du!“  Wie gesagt, wir befanden uns noch am Beginn unserer Beziehung … 😉 Das Schweinefilet war übrigens hervorragend, und keiner von uns wurde – wie von Richie befürchtet – krank.

Ein weiteres Mal – Männer sind ja das starke Geschlecht! – hatte Piet, ein Freund von Richie, einen bereits abgehangenen und abgezogenen Hasen mitgebracht, den wir am übernächsten Abend im Zuge eines mehrgängigen Menüs mit mehreren Leuten bei Piet essen wollten. Der Hase war von Piets Vater, einem Jäger, höchstselbst geschossen und vorbehandelt worden. Da Piet aber stets in Zeitnot war, bat er Richie, das Tier gründlich zu säubern und danach in Buttermilch einzulegen. Er selber müsse den ganzen Tag in der Bank arbeiten. Richie sagte sehr männlich: „Klar, Piet – kein Problem! Das mache ich!“ Auch das zu Beginn unserer Beziehung, und ich dachte: „Cool, dein Freund!“

Am nächsten Tag ging Richie in den Supermarkt und brachte mehrere Packungen Buttermilch mit, die er in den Kühlschrank stellte. Den Hasen, der in einer gelben Plastikschüssel ebenfalls vor sich hin ruhte, würdigte er keines Blickes. Ich fragte, warum er denn die Buttermilch erst umständlich in den Kühlschrank stelle – je eher er den Hasen säubere und dann in der Buttermilch beize, desto besser. Da sah mich Richie lange an und schien zu überlegen. Plötzlich ein Geistesblitz! „Wir machen Teamwork, Ali! Du säuberst den Hasen, und ich lege ihn dann ein!“ Ich sah ihn lange an und meinte dann: „Warum sagst du nicht gleich, dass du das nicht kannst?“ – „Wieso soll ich das nicht können?“ – „Ja, wenn du das kannst – umso besser! Dann schlage ich vor, du wäschst den Hasen, und dann legen wir ihn gemeinsam ein!“ – „ …“ – „Was meinst du?“ – „Ach …“ – „Was – ‚ach‘?“ – „Ääh, naja, vielleicht machst du das mit dem Waschen doch lieber!“ – „Warum das jetzt?“ – „Frauen sind erheblich gründlicher!“ Ich schnaubte verächtlich und meinte: „Du hast einfach Schiss, das tote Tier anfassen zu müssen – gib es doch zu!“ – „Naja …“

Es endete damit, dass ich den Hasen dann in der Spüle säuberte, während Richie mit schmerzverzogenem und angeekeltem Gesicht, wann immer ein Knochen oder Gelenk in dem Hasen knackte, wenn ich ihn hochhob und umdrehte, weit entfernt im Türrahmen stand. Ich habe kein Problem mit so etwas, ich war als Kind und Jugendliche oft mit meinem Onkel beim Angeln gewesen, kann Fische ausnehmen und schuppen. Und der Hase war mausetot – dem tat nichts mehr weh. Ich gebe zu, mir tat der kleine Wicht auch leid, der dummerweise Piets Vater vor die Flinte gelaufen war, aber es war doch nun nicht mehr zu ändern, und mein Leitspruch ist in solchen Fällen, das Beste daraus zu machen. Und das Beste in diesem Falle war: das Tier zu essen, wenn es doch schon tot war.

Frisch gewaschen, gesäubert und lupenrein war der Hase, als ich ihn wieder in die ausgespülte Schüssel legte und zu Richie meinte: „Jetzt bist du dran.“ Und da griff er in den Kühlschrank, nahm sämtliche Buttermilch heraus, öffnete Packung für Packung und goss deren Inhalt mit sehr langem Arm und ohne sich aus dem Türrahmen wegzubewegen über das arme, tote Hasentier in der Schüssel … Ich schüttelte nur meinen Kopf und lachte.

Und es wunderte mich dann auch nichts mehr, als wir einmal in Holland bei einer niederländischen Freundin zu Besuch waren, mit mehreren Leuten, und am Morgen nach einem Jazzfestival in Maastricht beschlossen, einen Spaziergang zu machen. Mascha meinte in ihrem reizenden niederländischen Akzent, da sollten wir am besten „Bruni“, den Hund ihres Vaters, ebenfalls Jäger, mitnehmen, denn die brauche viel Auslauf. Und während wir wartend dastanden, holte Mascha Bruni, die, ganz Jagdhund, sehr lebhaft war und, unserer Gruppe ansichtig, gleich laut bellend und mit fliegenden Schlappohren begeistert auf uns zustürmte. Während ich das Szenario betrachtete, fühlte ich mich plötzlich um die Taille gefasst und unfreiwillig bewegt. Genauer: vor Richie geschoben. Er hatte mich gepackt und schob mich quasi als Schutzschild zwischen sich und den herangaloppierenden Hund! „Sag mal, geht es noch? Was soll das?“ fragte ich Richie, und der meinte: „Du magst doch Hunde, ich habe Angst davor.“ – „Ja, aber ich kenne diesen Hund auch nicht! Und ich bin kein Schutzschild! Geht es noch?“ Zum Glück war Bruni, die mir bis knapp übers Knie reichte, eine Seele von Hund, wenn auch ein echter Jagdhund und von daher per naturam etwas durchgeknallt. Ich meinte zu Richie: „Im Grunde solltest just du dich mit diesem Hund verstehen.“ – „Wieso?“ – „Beide völlig neurotisch!“ Er hat es mir nicht übelgenommen … 😉 Erst später. 😉

Es gibt aber auch noch die Kategorie des „starken Geschlechts“, die einen nicht als Schutzschild, Hasenwäscherin oder sonstiges einsetzt, was ja noch irgendwie sympathisch ist, sondern auf viel peinlichere Weise das „starke Geschlecht“ mimt. Mir einmal auf einer Party passiert, einer sehr fröhlichen und netten Silvesterparty in Essen. Total nette Leute da, mit denen ich mich hervorragend verstand. Wir saßen alle zusammen, und irgendwann gab es bei einigen leere Biergläser. Da ich bis dato immer mitversorgt worden war, stand ich auf und meinte: „Ich hole jetzt mal neues Bier. Wer braucht?“ Und schon hatte ich diverse Gläser in der Hand und stiefelte Richtung Küche, wo das Stichfass stand. Hinter mir eine Art Schatten, ein Typ, der mich schon zuvor belagert und belabert hatte, obwohl mein damaliger Freund neben mir saß und ersichtlich war, dass ich liiert war.

Am Fass angekommen, hielt ich das erste Glas darunter, öffnete den Hahn und fing zu zapfen an, während ich in meiner Rechten schon das nächste Glas hielt, bereit, es nach Füllung und Abstellen des Glases in meiner Linken an diese durchzureichen und mit der anderen Hand gleich das nächste Glas zu greifen. Ich habe lange als Thekenfrau in einer Studentenkneipe gejobbt, und beim Bierzapfen macht mir so schnell keiner was vor. Nichtsdestotrotz nahm mein getreuer „Schatten“ mir gleich beide Gläser aus den Händen und meinte: „Nein. Das ist nichts für dich. Das ist Männerarbeit.“ Ich starrte ihn an, und ich wette, über meiner Nase und auf meiner Stirn machten sich Zornesfalten breit – was bildete der Typ sich eigentlich ein? Und dann meinte er auch noch, er zeige mir jetzt mal, wie das richtig gehe! Und er stellte sich bemerkenswert ungeschickt an. Wortlos riss ich ihm das Glas, das er in seiner Hand hielt, aus selbiger, und dann zeigte ich ihm, wie man richtig Bier zapft. Dazu meinte ich: „Es wäre schön, würdest du mich einfach in Ruhe das machen lassen, wovon ich weiß, dass ich es kann – besser als du. Am besten lässt du mich ganz in Ruhe. Und von ‚Männer- und Frauenarbeit‘ will ich gar nichts hören!“

Der Abend endete damit, dass er allen möglichen Leuten, unter anderem meinem damaligen Freund, erzählte, ich steckte wohl im falschen Körper. Da die meisten Leute dort mich kannten, hatten wir alle einen lustigen Abend. 😉 Fast alle. Ich auf alle Fälle. 😉

Tipp: Packt Menschen niemals in Schubladen. 🙂

Freitag, der Dreizehnte

Heute ist Freitag, der Dreizehnte. „Ja, und?“ werdet ihr jetzt sagen. Genauso, wie ich das immer tue. Oder tat. Bis heute.

Für gewöhnlich gebe ich auf so einen abergläubischen Mist nichts, habe nur eine kleine Schwäche für Sternzeichen, aber auch das nicht wirklich ernstgemeint. Obwohl ich in der Tat in meinem bisherigen Leben besonders gut mit Widdern, Schützen und Wassermännern ausgekommen bin. Waagen sind mir nicht selten zu sanguinisch – oder ich kenne nur solche Waagen. (Andererseits kenne ich eine ganze Reihe davon … 😉 ) Jungfrauen und ich – zwei Welten prallen aufeinander. Aber mein bester Freund ist Sternzeichen Jungfrau, meine Mutter desgleichen. Auch wenn wir uns öfter „anne Köppe haben“, möchte ich keinen von beiden missen. Mit Vertretern meines eigenen Sternzeichens komme ich entweder gut oder gar nicht aus. Zu dominante Löwen gehen gar nicht, da ich einen ganz eigenen Kopf habe und mich nicht gern dominieren lasse, da ich lieber auf Augenhöhe interagiere. Es reicht schon beruflich, wirkliche Anweisungen zu erhalten, privat geht das gar nicht. Mein bester Freund, siehe oben, Jungfrau und sehr intelligent, meinte schon vor Jahren immer, ich hätte einen „dicken Kopf“. Damit war durchaus nicht mein Kopfumfang gemeint – eher etwas anderes. 😉

Doch zurück zu anderem Aberglauben. Der war für mich nie relevant, ich spottete immer über die armen Verirrten, die sich an einem Freitag, der auf den dreizehnten Tag des Monats fiel, am liebsten zu Hause eingeschlossen hätten, aus lauter Angst, eine Dachpfanne könne ihnen auf den Kopf fallen. Als wäre das an einem anderen Tag nicht genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich …

Ähnlich ging es mir immer mit schwarzen Katzen. Da ich mit Tieren, die ich sehr mag, sehr gut zurechtkomme und mich die meisten von ihnen ebenfalls zu mögen scheinen, sogar Libellen, die ich nicht so gern um mich habe, die sich mir gegenüber aber stets anhänglich zeigen, hatte ich nie ein Problem mit Katzen mit schwarzem Pelz. Ganz egal, ob sie meinen Weg von links nach rechts oder von rechts nach links kreuzten. Meist taten sie das ohnehin nicht, da ich immer in die Knie ging und sie anlockte oder sie wohl immer spürten, dass ich Sympathien für jegliches Katzentier, egal, wie es aussieht, hege, ähnlich, wie es sich mit Hunden bei mir verhält. Und so stiefelten schwarze Katzen oft direkt auf mich zu, „gaben Köpfchen“ und schnurrten mich an. Eine wildfremde Katze, die etwas im Maul trug, ging sogar so weit, dass sie mir das Objekt vor die Füße legte und mit einer Pfote noch näher an mich heranschob, bis es an meinem linken Schuh quasi andockte: ein Geschenk! Ich schluckte etwas, als ich sah, was es war: eine tote Maus, die nicht ganz so appetitlich aussah, aber da ich Katzen kenne, wusste ich, man würde mir sehr übelnehmen, würde ich Gestik und Mimik des Ekels darbringen, ebenso, dass ich diesbezüglich genau beobachtet wurde, und so lobte ich die Katze, weigerte mich jedoch, das Geschenk aufzuheben und mitzunehmen, gar aufzuessen, obwohl die Katze erwartungsfroh schnurrend vor mir stand und exakt das von mir zu erwarten schien. Ich lobte über Gebühr und meinte, sie sei eine tolle Katze, hervorragende Jägerin – noch nie hätte ich eine so tolle Katze gesehen, aber sie möge doch, bitte, die Maus wieder an sich nehmen. So ähnlich zumindest. Sie neigte ihr weises Haupt, sah mich lange schnurrend an, und dann packte sie die eklig aussehende, verunstaltete Maus, drückte noch einmal ihren Kopf gegen mein linkes Bein, wobei sie eine leichte Mäuse-Blutspur an meinen Jeans hinterließ, und zog schnurrend von dannen. Wieso sollte ich also bei derartigem Gebaren Angst vor schwarzen Katzen haben? Und Jeans kann man jederzeit waschen. 😉 Zumal die Wirkungsweise eines solchen Aberglaubens darin besteht, dass abergläubische Leute auf das Erscheinen einer schwarzen Katze verunsichert reagieren, sich ablenken lassen und dann gegen den Vier-Uhr-Bus rennen. Dafür kann eine schwarzbefellte Katze nun wirklich nichts. 😉 (Dennoch: Bei Katzen ist meine Lieblingszeichnung „tabby“, also Tigermuster, aber das hat mit Aberglauben rein gar nichts zu tun. Nur sehen diese Mini-Tiger irgendwie für meine Begriffe besonders niedlich aus. 😉 )

Genauso verhält es sich mit diesem Datums-Aberglauben. Besonders anfällige Menschen sind über „Freitag, den Dreizehnten“ halt verunsichert, und wenn man verunsichert ist, macht man Fehler. Mir konnte, da ich nicht daran glaubte, ja gar nichts passieren! Dachte ich. Bis heute.

Ich stempelte mich um Punkt 7 Uhr morgens bei der Arbeit ein. Normalerweise komme ich erst um 9, aber mein Kollege Frederik nimmt mich zwei- bis dreimal pro Woche morgens mit, liest mich immer an der Aral-Tankstelle in Nähe meiner Wohnung auf, da er zwei- oder dreimal pro Woche bei seiner Freundin übernachtet und dann meine Strecke fährt. Und er ist Frühaufsteher. Ich eigentlich nicht, aber ich habe in der letzten Zeit immer irgendwie Minusstunden auf meinem Gleitzeitkonto, und da bietet es sich an, mitzufahren, zumal Frederik ein wirklich netter Kollege ist.

Heute war ich die Erste auf meinem Flur, und ich blieb auch bis halb acht allein. Dann kam Kollegin Lydia an, begrüßte mich, machte sich einen Kaffee und ging in ihr Büro. Ich war froh, meine Ruhe in meinem zu haben – ich bin nun einmal kein Morgenmensch und brauche erst einen Kaffee, und den in Ruhe, um richtig wach zu werden.

Doch dann flog die gläserne Flurtür auf, man hörte das hektische Geklimper einer Vielzahl von Schlüsseln und eine Person, die im Stechschritt zu ihrem Büro eilte: Kollegin Brigitte. Kollegin Brigitte ist jemand, demgegenüber ich sehr gespalten bin. Wir sind wie Feuer und Wasser. Sie ist eine Besserwisserin, Rechthaberin, und sie spricht stets mit einer Kleinmädchenstimme, was ich per se nicht mag. Gut, sie hat von Natur aus eine etwas höhere Stimme, aber sie vollzieht, je nachdem, mit wem sie spricht, eine Art „Stimm-Tuning“. Wenn sie besonders freundlich wirken will, klingt ihre Stimme wie die eines kleinen Mädchens, und das ist für mich immer ein Alarmsignal. Sie gibt sich in solchen Momenten auch immer so geziert wie ein kleines Mädchen (gut, wie manch kleines Mädchen sich gibt, ich niemals), was bisweilen grotesk wirkt, da sie die Fünfzig bereits vor langer Zeit überschritten hat und ohnehin nicht der Typ „niedliches, kleines Mädchen“, sondern eher der Typ „Herr Lehrer, ich weiß alles besser als der Rest der Welt, inklusive Ihrer Wenigkeit“ ist und sicher auch schon immer war. Gern rügt sie andere Menschen, wenn diese sich auf dem Flur in normaler Lautstärke unterhalten, knallt auch gerne Türen und kreischt über den Flur: „Ich kreische ja nicht über den Flur“, womit sie wohl meiner Bürokollegin und mir eins drübergeben wollte, weil wir manchmal lauter erzählen und lachen. Nur: Wir kreischen nicht, da sowohl Janine als auch ich zumindest etwas tiefere Stimmen haben als Kollegin Brigitte, die schon bei normalen Sprechakten zu kreischen scheint. Und wenn sie lacht, klingt es wie Barney Geröllheimers Lache. Brigittes wegen habe ich schon öfter meine Bürotür zum Flur geschlossen, die ich im Normalfalle immer geöffnet habe, und das schon seit Jahren.

In jedem Falle ist sie lauter, als sie selber wahrzunehmen scheint. Und ich hatte heute früh geglaubt, ich sei ausgeglichen, und es erwarte mich ein ruhiger Tag. Keine der beiden Annahmen erwies sich als zutreffend. Denn kaum war Brigitte eingetroffen, musste sie gleich ihr Frühstück, verschiedene Obstsorten, da Brigitte sich stets gesund und fettarm ernährt, in kleine Stücke schneiden.

Nun könnte man dies auch leise tun. Wenn man das kann oder will. Brigitte kann es nicht, und da sie gern stets die Erste am Platze sein will, fehlt wohl auch die Einsicht, dass andere ihr Gelärme vielleicht stören könnte. Und da sie so eine Pedantin ist, muss jedes Stück Obst am geeigneten Platze liegen, weshalb sie auch erschreckend viele Stücke Geschirr benötigt, denn so ein Apfel kann ja nicht so einfach neben einer Sternfrucht zu liegen kommen. Und offenbar kocht sie selten, denn bereits akustisch war ihre Messerführung mangelhaft, da sie zuviel Druck ausübte und jedes erfolgreiche Durchschneiden einer Frucht sich mit einem lauten „Ping“ in meine lärmempfindlichen Ohren bohrte. Ich schneide Obst grundsätzlich in der Hand, sie auf dem Teller. Es gibt Tage, da ich darüber hinweghören kann – der heutige gehörte offenbar nicht dazu. Nach einer Viertelstunde nicht enden wollenden Gescheppers, „Pings“ und lauten, erstaunlich unziemlichen und aufdringlichen Flüchen sowie Geräuschen, als werde die Teeküche, die sich gegenüber meiner Bürotür befindet, kurz und klein geschlagen bzw. abgerissen, stand ich auf und lehnte meine Bürotür an. Brigitte muss es gemerkt haben, da sie mehrfach aus der Küche hinaus- und wieder hineinlief, um die vielen Teller mit unterschiedlichen Obstsorten in ihr Büro zu tragen. Ich an ihrer Stelle hätte aufgemerkt, wäre die Bürotür einer Kollegin, die ansonsten eine stets offene Tür hat, geschlossen. Wie ich mich kenne, hätte ich sicherlich gewisse Rückschlüsse gezogen und wäre fortan leiser gewesen. Nicht so Brigitte, die insgesamt über eine Dreiviertelstunde enervierend schepperte, klapperte, dengelte und lärmte. Um 08:45 h war ich derart geladen, dass ich meinen Mantel anzog, meine Zigaretten schnappte und nach draußen lief, um eine zu rauchen. Nichtraucher können das nicht verstehen. Oder sie bezichtigen Raucher bösartig als „Suchtkranke“. Heute kam ich mir auch so vor, weil so eine Zigarette einen Gewohnheitsraucher wirklich beruhigt. Nur kapieren manche Nichtraucher nicht, dass just sie es sind, die als Trigger fungieren. Ohne sie käme man gar nicht auf die Idee, dringend eine rauchen zu müssen.

Just in dem Zeitraum, da ich weg war, wollte wohl jemand etwas bei mir abgeben. Kollegin Lydia, die gerade vor Ort war, nahm ohne große Worte das Dokument an, aber aus dem Hintergrund rief Brigitte wohl gleich zickig: „Ali ist nicht da! Die ist gerade weggegangen, und sie hatte ihre Zigarettenschachtel in der Hand!“ Die Dame, die das Dokument hatte abgeben wollen, habe ich später noch gesprochen, wegen einer anderen Sache, aber sie erwähnte Brigittes Petzen und meinte nur zu mir: „Sie haben es da auch nicht leicht, Frau B.!“ Stimmt. Habe ich nicht. Und sie meinte noch: „Ich finde Rauchen ja auch nicht toll, aber noch weniger toll finde ich Denunzianten.“ – „Danke. Geht mir genauso.“

Das war nur eine Sache. Wir hatten heute auch noch mit verletzten Egos und deren Folgen zu tun – anstrengend, sehr anstrengend.

Gegen Mittag fühlte ich mich wie dampfgegart. Und dieser Zustand hielt bis zum Ende des Arbeitstages an …

Ich war froh, als die Straßenbahn kam. Aber – ich stelle es immer wieder fest – nach dem Dunkelwerden scheinen in meiner Heimatstadt Leute die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, die sich vor dem Dunkelwerden nicht aus dem Haus trauen. Als ich mich neben eine Frau mit profunden Tränensäcken setzen wollte, die – realistisch geschätzt – fünf Jahre jünger war als ich, aber zehn Jahre älter aussah, meinte diese mit angriffslustigem Gebaren: „Ey, verpiss dich!“ Ich sah sie an, irritiert. Es war sonst kein Sitzplatz frei, und ich hatte zwei schwere Tüten dabei. Ansonsten hätte ich gar nicht innegehalten. Sie starrte mich tränensackumflort an und schnauzte: „Du doofe Nuss! Hau ab, oder es passiert etwas!“ Ah, ja. Ich meinte: „Was passiert dann?“ Da starrte sie mich völlig verstört an. Ich setzte mich neben sie – wäre ja noch schöner, dass ich, ihren Unterhalt offenbar mitverdienend, auch noch stehen müsste, und das mit Ballast.

Und als ich ausstieg, fing es zu regnen an. Ich fluchte – passte alles zu Freitag, dem Dreizehnten!

Aber als ich zu Hause ankam, merkte ich, dass man es wohl gut mit mir gemeint hatte. Zumindest zum Schluss. Denn ich war gerade im Haus, als es zu stürmen und wie aus Eimern zu schütten begann. Wasser stürzte derart vom Himmel, dass man einzelne Tropfen gar nicht mehr differenziert wahrnehmen konnte.

Was für ein Glück! Freitag, der Dreizehnte hat sich – zumindest zuletzt – als echter Glücksfall erwiesen. 🙂

Kurzer Nachtrag: Ich hatte gestern keinen schönen Tag, aber wie glücklich kann ich mich schätzen, nur Bagatellen ausgesetzt gewesen zu sein, kleinen, lächerlichen Ärgernissen im Vergleich zu dem, was sich am Abend in Paris ereignet hat. Für so viele Menschen hatte es ein schöner Tag, ein schöner Abend werden sollen – jetzt sind sie verletzt oder tot. Ich bin wirklich sehr erschüttert und bitte, meinen Beitrag über meinen vermeintlichen Pechtag, der lange vor meiner Kenntnis dieser Anschläge entstand, als – vor diesem furchtbaren Hintergrund – das zu sehen, was er auch darstellen soll: das sarkastische Wohlstandsgejammer einer Person, die mehr Glück hatte als andere.

Im Urlaub mit Spießern

Zugegeben, ich finde ja, dass jeder von uns in irgendeiner Hinsicht ein Spießer sei, und sei sie noch so winzig. Ich selber wollte nie eine Spießerin werden, aber ich sammle – nur ein Beispiel – Tassen. „Coffee mugs“, genauer gesagt. Wenn das nicht spießig ist! Und das ist gewiss nicht der einzige Aspekt an mir, den ich selber als spießig empfinde. Aber ich bin auch sehr streng mit mir.

Fußball? Superspießig, wenn man es ganz genau nimmt. Und trotzdem habe ich Verständnis, und es vergeht keine EM oder WM, die ich nicht atemlos verfolge. Gut, wird man nun sagen können, typisch Frau, guckt nur EM oder WM, ist für die Bundesliga-Saison und sämtliche anderen Meisterschaften nicht aufgeschlossen, zumal man als Frau ja eh keine Ahnung habe. Allein die Abseitsregel – kann keine Frau erklären! (Doch. Meine Mutter, mit der ich schon als kleines und allmählich größer werdendes Kind atemlos Europa- und Weltmeisterschaften verfolgte – die kann das, und das innerhalb von einer Minute. Maximal. Gestandene Männer wollten schon den Hut vor ihr ziehen. Übrigens: Mein Vater hasst Fußball, und er hasst Europa- und Weltmeisterschaften, da zu solchen Zeiten seit vielen Jahren der Fernseher von meiner Mutter und mir, später, nach meinem Auszug, von meiner Mutter blockiert war. „Wie – ‚Tatort‘? Hier läuft Fußball!“ Als kleines Kind war ich manchmal verwirrt: Alle anderen Kinder hatten Väter, die bei solchen Gelegenheiten kaum ansprech- oder ablenkbar waren – hier regierte König Fußball -, und sie waren euphorisiert, was ich verstehen kann. Bei uns zu Hause war wohl meine Mutter in dieser Hinsicht der „Vater“. 😉 Zumindest hatte sie diesbezüglich die Rolle inne, die anderswo die Väter einnahmen. Fand ich aber immer cool. Alles, nur nicht Mainstream! Meine Mutter ist ohnehin ziemlich cool. ;-))

Wie gesagt: Meinem Empfinden nach ist jeder Mensch in irgendeiner Hinsicht ein Spießer. Nur: Manche sind das in exorbitantem Ausmaß, und da bekomme auch ich die Krise.

Einmal war ich mit solchen Leuten im Urlaub. Zusammen mit meinem in weitestem Maße relativ unspießigen damaligen Freund, Richie. Es ist schon Jahre her, und über Ostern sollte es in die Niederlande gehen, vulgo: Holland. Genauer: auf die Insel Schouwen-Duiveland. Dorthin wollten Richie und ich, in deren Beziehung es damals kriselte, fahren, und das im Rahmen eines Campingurlaubs.

Ein paar Bedenken hatten wir ja schon vorher gehabt: Einzelne Abende mit Werner und Betty waren nett gewesen, aber ob das für einen einwöchigen Urlaub reichte? Die beiden waren doch ziemlich anders als wir. Aber die Zeichen schienen günstig, denn wir wollten mit zwei Autos fahren. Doof war nur, dass beide Werner und Betty gehörten, aber sie waren großzügig, und wir mussten ja auch so viel Material transportieren. Großzügig boten sie Richie und mir ihren Zweitwagen an. Ich fand das gut: Auf der Fahrt würden Richie und ich sicherlich ein wenig Ruhe zum Reden haben – die Wochen zuvor waren stressig gewesen. Das wussten auch Werner und Betty, und sie hatten auch gesagt, dass Richie und ich völlig unabhängig von ihnen sein sollten. Ich fand das wirklich toll. Richie wohl auch.

Am Vorabend unserer Abreise klingelte plötzlich das Telefon, und Richie ging dran. Offenbar war Werner am anderen Ende, und ich hörte Richie nur wiederholt: „Ah, ja“, „Nein, klar“ und „Okay, dann eben so“ bzw. „Kein Problem“ sagen. Nachdem er aufgelegt hatte, fragte ich ihn, was denn Sache sei, und er meinte nur: „Wir fahren mit zwei Autos.“ – „Ja, klar, was ist daran jetzt neu? Wieso hat Werner angerufen?“ – „Die Sache ist nun so: Du fährst mit Betty, ich mit Werner.“ – „Äh, wieso das jetzt, einen Abend vor der Abfahrt?“ – „Werner ist wohl schon seit Tagen nicht in den Schlaf gekommen, und er sagte, die Maßnahme sei aus versicherungstechnischen Gründen nötig.“ – „Ach! Und wieso hat er dann nicht eher angerufen, wenn er schon seit Tagen nicht in den Schlaf kam? Wieso überhaupt?“ – „Du kennst Werner nicht so lange wie ich. Ich bin schon mit ihm in die Grundschule gegangen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen.“

Mehr war nicht zu erfahren, aber am nächsten Tag fuhren wir los, ich mit weniger gutem Gefühl, da es schon so merkwürdig begann. Auch musste ich während der Fahrt Musik hören, die zu meinem Geschmack quasi diametral ausgerichtet ist. Mit Erleichterung sah ich, dass die Kilometerangaben hinsichtlich unseres Zielortes auf den Autobahnschildern immer geringer wurden …

Wir erreichten die Insel, ebenso den Campingplatz. Betty und Werner hatten einen Wohnwagen, wir ein Zelt, das Richie und ich mit scheinbar fröhlichen Mienen installierten, während die anderen beiden bereits mit einer Landkarte dasaßen und mit Zirkel und spitzem Bleistift die Pläne für die nächsten Tage festlegten. So ganz anders als Richie und ich, die eher gelassen an Dinge herangingen, wenn es sich um Urlaub und Freizeit handelte, da man ausspannen möchte.

Endlich stand das verdammte Zelt, und wir schleppten unsere Utensilien hinein. Richie lästerte boshaft – unsere Beziehung war, wie gesagt, bereits etwas brüchig – über meinen Schlafsack und meinte: „Du wirst darin sicherlich erfrieren. Sieh her! Ich habe meinen Bundeswehr-Schlafsack – der ist richtig klasse! Komm nur nicht an, wenn dir kalt wird! Ich habe es dir gleich gesagt!“ Und triumphierend breitete er ein olivgrünes Stepp-Monstrum mit Ärmeln vor mir aus, das seiner Meinung nach unschlagbar wäre. Ich sah mit Sorge auf meinen Schlafsack und gedachte der nachts relativ niedrigen Außentemperaturen mit noch erheblich wachsender Sorge.

Nach der ersten Nacht wurde ich wach. Wunderbar warm war es in meinem Schlafsack, ich hatte erstaunlich gut geschlafen auf der Luftmatratze, und ich fragte mich schon, was denn so viele Leute gegen Campingurlaub im Zelt hätten. Gut, meine Nase war etwas ausgekühlt, aber ansonsten ging es prächtig. Und so schmetterte ich ein fröhliches: „Guten Morgen!“ nach rechts, wo Richie lag.

Zwei gelbe Augen starrten mich voller Ingrimm an. (Eigentlich hatte Richie braune Augen, aber wenn er wütend war, tendierte die Farbe der Iris etwas ins Gelbliche. Bei mir ist es vergleichbar: Bin ich richtig zornig, scheinen meine Augen auch heller zu werden – nur bei mir türkis. Wahrscheinlich kommt die Redewendung: „heller Zorn“ daher. 😉 Nicht wirklich, aber es wäre zumindest ein neuer Erklärungsansatz.) Sie starrten mich an, als hätte einzig mein: „Guten Morgen!“ noch gefehlt, als wäre es der einzige Auslöser gewesen, ganz wahllos Leben auszulöschen. 😉 Und mir wurde ein extrem zorniger Morgengruß entboten.

Ich fragte, was denn mit ihm los sei, und er meinte nur: „Nachts hätte ich dich am liebsten erwürgt!“ – „Wieso? Mich? Was habe ich denn getan?“ – „Du hast geschlafen.“ – „Ja, klar, sicher. Du nicht?“ – „Nein! Nicht eine Minute! Dieser Scheiß-Bundeswehr-Schlafsack ist totaler Mist! Ich habe die ganze Nacht gefroren!“ – „Ach! Du sagtest doch, der sei so toll! Soll das heißen, dass du den nie wirklich ausprobiert hast?“ – „Hrrrmpf!“ – „Ich habe hervorragend geschlafen.“ – „Das habe ich gesehen! Du hast sogar im Schlaf gelächelt! Da hätte ich dich am liebsten erwürgt! Es wirkte so provozierend.“ – „Ja, tut mir leid, aber ich habe keinen Einfluss darauf, ob ich nachts lächle oder nicht, denn ich schlafe dann. Sieh es einfach positiv: Während ich mich nun aus meinem schönen, warmen Schlafsack quälen und in die Kälte gehen muss, bist du ja schon daran gewöhnt.“ Ooops – kein guter Rat, denn die Augen wurden gleich noch einen Touch gelber …

Nach dem Frühstück, an dem Richie fröstelnd teilnahm, händigte Betty ihm ein Deckbett aus, das noch im Wohnwagen war, aber nicht gebraucht wurde. Es sah aus wie das Deckbett für einen maximal Zehnjährigen, aber ich verkniff mir – wenn auch mühsam – jeglichen lästerlichen Kommentar. (In der nächsten Nacht hat Richie dann tatsächlich geschlafen, aber auch nicht, ohne wiederholt aufzuwachen und das Deckbett, das nicht alle Körperregionen eines 1,78 m großen Menschen gleichzeitig abzudecken in der Lage war, umzulagern, um zumindest in Wechselschicht Füße als auch Oberkörper zu wärmen. Nicht einmal ich mit meinen 1,65 m Länge hätte darunter verschwinden können … Das Deckbett rangierte bei ihm und mir nur noch unter dem Begriff „Zwergenplumeau“. Richie war Rheinländer, und die benutzen ja vielfach französischstämmige Begriffe …)

Nach dem Frühstück fuhren wir auch gleich los, die nächstgelegenen Sehenswürdigkeiten en détail und mit vielen Belehrungen Werners und Bettys zu betrachten. Und so ging es dann jeden Tag, ganz nach Fahrplan. Morgens Frühstück, um Punkt 9. Dann Sehenswürdigkeiten nach Plan. Wenn wir Glück hatten, ging es auch noch an den Strand – ich liebe ja das Meer. Aber da war es Betty und Werner meist zu windig. Um 17 Uhr dann Beginn der Vorbereitungen zum Abendessen, und um Punkt 19 Uhr saßen wir jeden Tag im Vorzelt des Wohnwagens und aßen wechselweise Nackenkoteletts oder Scholle vom Grill, wozu wir „Grolsch“ tranken.

Nun könnte man sagen, dass Richie und ich ja allein etwas hätten unternehmen können. Aber nein! Das ging gar nicht. Betty und Werner nahmen den Begriff „Gemeinschaftsurlaub“ sehr wörtlich und klebten uns permanent an den Hacken, sobald wir uns von unserem Zelt entfernten, was wir mehrfach versuchten, weil uns die sehr rastermäßig gestaltete Lebens- und Urlaubsweise der beiden schon nach knapp zwei Tagen auf den Wecker ging. Immerhin waren wir am zweiten Abend alle zusammen in der Kneipe, die zum Campingplatz gehörte. Aber nach einer halben Stunde meinten Betty und Werner – es war gerade 21 Uhr -, nun müssten wir alle zurückkehren zu unserem Platz und in die Betten, da wir anderentags ja früh heraus müssten. Widerspruch zwecklos, und Richie und ich schlichen hinter den beiden her, uns dabei gegenseitig immer wieder Blicke zuwerfend, die Bände sprachen: „Warum sind wir mit den beiden gefahren?“ – „Du bist schuld!“ – „Nein, du!“

Am dritten Abend hatten Betty und Werner keine Lust, abends wegzugehen, weder in den Ort, noch in die Campingplatz-Kneipe, obwohl die eigentlich ganz witzig war, was mich selber überrascht hatte. (Hätte man mir zuvor je erzählt, ich würde mal eine Campingplatz-Kneipe witzig finden, hätte ich einen Vogel gezeigt und laut abgelästert.) In jedem Falle witziger als der reglementierte Tagesablauf unserer beiden Urlaubskameraden. Richie und ich wünschten brav eine gute Nacht, sahen einander verstohlen wie zwei Verschwörer an, und wir verschwanden brav in unserem Zelt, dabei Geräusche machend, wie sie beim Zubettgehen entstehen. Aber wir hatten den Wohnwagen immer im Blick. Kaum ging dort das Licht aus, machten wir uns bereit, warteten sicherheitshalber aber noch fünf Minuten, denn Richie meinte: „Wenn die mitbekommen, dass wir losziehen, wollen die sicher doch mitkommen – und dann ist das auch noch verdorben.“ Dann zogen wir leise den Reißverschluss unseres Zeltes auf, krochen noch leiser heraus, zogen den Reißverschluss wieder zu und schlichen von unserem Platz weg, wobei wir uns selber bescheuert vorkamen, jedoch wussten, dass auch der Abend noch reglementiert werden würde, würden Betty und Werner mitbekommen, dass wir auf eigene Faust etwas machten. Außer Hörweite, gingen wir normal weiter und erreichten schließlich die Kneipe. Peinlich, zu sagen, aber ab Tag 3 waren wir abends immer dort, einfach, um auszuspannen von dem abgezirkelten Programm unserer beiden Miturlauber, die sich morgens wunderten, warum Richie und ich immer so wortkarg und müde waren. Jeden Abend dasselbe Theater! „Gute Nacht, bis zum Frühstück!“ Verschwinden im Zelt. Ssst – Reißverschluss zu. Reißverschluss wieder auf, sobald das Licht im Wohnwagen ausgegangen war. Ein wunderbarer Urlaub! Wir kamen erschöpfter zurück, als wir losgefahren waren. Ich zusammen mit Betty im Auto, Richie mit Werner. Aus versicherungstechnischen Gründen. Wahrscheinlich hätten wir aus versicherungstechnischen Gründen auch niemals allein etwas unternehmen dürfen – ein Glück, dass alles gutging und weder Richie noch ich uns in der Kneipe beim Gang auf die Toilette Arme und Beine oder das Genick brachen.

Und eines hat es gebracht: Richie und ich verstanden uns im Zuge dieses Urlaubs wieder richtig gut, und das hielt auch noch ein paar Wochen an. Nur nicht auf Dauer. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Mein Tipp: Wenn ihr in einer kriselnden Beziehung seid, ist es gar nicht so schlecht, wenn ihr Urlaub mit spießigen Bekannten macht. Denn das schweißt – zumindest kurzfristig – zusammen, denn irgendwie muss man dagegen zusammenhalten. Zwar nicht unbedingt auf ewig, aber ein paar Wochen mehr Beziehung sind durchaus drin. 😉

Wie das Kaninchen vor der Schlange: Über Komplimente und andere Dinge

Ich habe normalerweise eine recht große Klappe und – wie auch hier schon zu lesen war – platze manchmal impulsiv mit Dingen heraus, die manch anderer höchstens denkt. Ich bin darauf nicht stolz, denn es ist eher hinderlich, so zu agieren. Und diese ewigen spontanen Blutdrucksteigerungen! Das kann nicht gesund sein. Es würde mich nicht wundern, würde ich eines schönen Tages mal wieder etwas heraushauen und dann im Anschluss sang-, klang- und nahtlos einfach umkippen, weil diese spontane Blutdruckänderung mich überfordert. Und erst der Schock, wenn man ungläubig feststellt, dass man das, was man zwar auch gehört, aber nicht als von einem selber kommend wahrhaben konnte, höchstselbst gesagt hat … 😉 Wenn ihr nicht ähnlich gestrickt seid und euch besser im Zaum habt, kennt ihr dieses abscheuliche Gefühl nicht, einem Kater nicht unähnlich, und ihr kennt auch nicht das Bedürfnis, euch einfach in Luft auflösen zu wollen, morgens doch lieber im Bett geblieben zu sein oder – in besonders schlimmen Fällen – gar nicht erst geboren worden zu sein. 😉 Und ihr kennt nicht dieses furchtbare Rauschen in den Ohren, als befände man sich unter Wasser, das einen mitsamt dem Gefühl siedender innerer Hitze überfällt, ebensowenig den kalten Schweiß, der einem ratz-fatz auf der Stirn und im Dessous steht; aber da sind wir wieder bei den Auswirkungen spontan gesteigerten Blutdrucks.

Zum Glück passiert das nicht jeden Tag und nur dann, wenn ich irgendwie unter Druck stehe, nervös bin oder unter sonstigen Imponderabilien leide. Ansonsten bin ich durchaus nett, und in den allermeisten Fällen meine ich es auch nicht böse. Leider nur trifft es öfter die Falschen, und das ärgert mich ganz gewaltig – nein, das nagt sogar oft an mir. Meist trifft es Menschen, die ich wirklich mag und denen ich nichts Böses wünsche oder tun will. Und das tut mir dann wirklich sehr leid, und ich wundere mich bisweilen, dass ich überhaupt noch Haare auf dem Kopf habe, die ich mir in solchen Fällen nicht selten wirklich raufe. Manchmal trifft es auch die Richtigen. Ich muss das Ganze noch erheblich optimieren.

Auch mit Komplimenten tue ich mich schwer. Da ich so oft mit mir selber schimpfe, was nicht selten aber gar nicht so unopportun ist, stehe ich immer ganz atemlos und überwältigt da, wenn jemand mir ein Kompliment macht. Ich erinnere mich, dass mir mal jemand ein schönes Kompliment hinsichtlich meiner Stimme machte. Es war – und ich hasse dieses Wort normalerweise – ein richtig reizendes Kompliment, reizend im positiven Sinne. Ich war völlig überwältigt, zumal ich meine Stimme nie als übermäßig schön empfunden habe. Ich hatte immer eine eher fanfarenartige Kinderstimme – zumindest empfand ich sie so. Aber offenbar hat jahrelanges Rauchen doch etwas gebracht, abgesehen vom gesteigerten Lungenkrebsrisiko. 😉 Ich stand da, völlig stupéfait, und ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen: wahrscheinlich ungläubig aufgerissene, riesige Augen, und ich hoffe, ich habe es wenigstens geschafft, meinen Mund geschlossen zu halten. 😉 Ich konnte gar nichts sagen und kam mir ziemlich blöd vor, obwohl ich mich über das Kompliment wirklich sehr freute. Grauenhaft.

Auch sonst ist mein Verhalten bei eingehenden Komplimenten interessant, denn ich wiegle ab, meine rechte Hand geht gen Gesicht, als wollte ich mich verstecken. Es liegt wohl daran, dass ich das, was ich so tue oder bin, für völlig normal und selbstverständlich halte, nicht der Rede wert. Komplimente machen mich stets so verlegen, dass mich Menschen, die mich nicht ganz so gut kennen, kaum wiedererkennen, denn ich habe doch im Regelfall, siehe oben, bisweilen eine ziemlich große Klappe. Und dann kann es passieren, dass ich vor lauter Verlegenheit wieder einen Spruch zum Besten gebe, für den man mich im Mittelalter sicherlich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte. Dabei bin ich nicht einmal rothaarig … 😉

Mache ich umgekehrt ein echtes Kompliment, das von Herzen kommt, klingt es sicherlich so, wie wenn andere Leute Kritik üben oder Befehle oder Dienstanweisungen erteilen. Es ist nicht immer einfach mit mir. 😉

Ich glaube ja, dass es daran liege, dass ich mal ein wahrhaft traumatisierendes Erlebnis hatte. Im zarten Alter von 23 Jahren. Da befand ich mich in einer Beziehung, bei deren rückblickender Betrachtung ich mich heute noch frage, wieso ich mich überhaupt in dieser befand. Ich schiebe es mal auf mein damaliges Alter und die Umstände wie die wochenlange Belagerung meiner Person (mein Freund Giacomo nennt so etwas  altmodisch „den Hof machen“, aber ich erhebe Einspruch, denn es war eine Belagerung … 😉 ), die mich irgendwann zermürbt hatte. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade höchst unfreiwillig Single, hatte eine Trennung hinter mir. Darüber schüttle ich noch heute in manch ruhiger Minute mein inzwischen zumindest etwas weiseres Haupt.

Mein damaliger Partner war ein prima Typ. Sehr verspielt, eine echte Stimmungskanone. Meine Mutter liebte ihn, weil er so „unkompliziert“ war, stets zu Späßen aufgelegt und ihr einst zu Weihnachten neben einem richtigen Geschenk einen großen Sack Ziegenmist mitgebracht hatte, mit einer roten Schleife darum – sein Vater hatte ein großes Gartengrundstück und hielt zum Zweck des natürlichen Rasenmähens diverse dieser mir sehr sympathischen Tiere. Meine Mutter hatte damals im Garten Rosen, die ihr sehr am Herzen lagen, aber bis dato etwas mickrig waren, und natürlicher Dünger war da sehr willkommen.

Freddy war wirklich ein prima Typ. Jemand, mit dem man jederzeit ein Bier trinken kann, den man auch nachts um 3 anrufen kann, wenn man gerade festgestellt hat, dass der Keller überflutet ist – ein echter Kumpel, dem man auch selber gern einen Gefallen tut. Doof nur: Er passte überhaupt nicht zu mir. Zu verspielt, zu leichtsinnig, zu sorglos. Ich mochte ihn sehr, aber es passte nicht – wir hätten es beim gemeinsamen Biertrinken belassen sollen. Ich vergrabe mich zwar auch nicht gern unter Kummer und Sorgen, aber man kann es auch ins Gegenteil übertreiben. 😉

Je länger diese Beziehung andauerte, desto mehr wuchs in mir der Wunsch, sie zu verlassen. Mehrfach hatte ich schon Anmerkungen dazu gemacht, aber sie wurden trotz einer durchaus energischen Haltung meinerseits glatt ignoriert. Mein Fehler war, nicht gleich Nägel mit Köpfen zu machen.

Bis zu jenem Abend im Dezember des damaligen Jahres, als eine Bekannte ihren Geburtstag in ihrer Kneipe feierte. Geschlossene Gesellschaft, etwa dreißig, vierzig Leute anwesend, unter anderem Freunde von Freddy und mir. Die Stimmung war klasse, und ich fand die Party toll. Bis zu jenem Moment, da Freddy, der stets der Meinung war, andere fänden das, was er toll fand, ebenso toll, auf eine „brillante“ Idee kam. Die Stimmung war doch gerade so schön! Und so fragte er mich vor versammelter Mannschaft, ob ich denn seine Frau werden wolle. Er fragte es erst in einer kleineren Gruppe, die aus mir und etwa drei anderen Personen bestand. Da hatte ich schon verhalten reagiert und leise, ganz, ganz leise gesagt: „Freddy, ich glaube, wir sollten in Ruhe zu Hause darüber sprechen.“ Aber irgendwie waren mal wieder die Signale nicht angekommen, und so drehte Freddy sich zur versammelten Mannschaft um und rief: „Achtung! Hier passiert etwas – ich habe etwas anzukündigen!“ Und er sollte Recht behalten, denn im weiteren Verlauf passierte in der Tat etwas. Sogar so einiges.

Sofort verstummten alle Gespräche, und die Aufmerksamkeit lag auf der kleinen Gruppe, in der Freddy und ich uns befanden. Rauschen in meinen Ohren – ich konnte und wollte nicht glauben, was da gerade passierte. Und ich hatte keinerlei Möglichkeit, einzugreifen – es ging alles so schnell. Schon klangen die Worte an meine Ohren, die Frage, diese ganz besondere Frage.

Ich bin ja keine Freundin von Lärm. Aber die Stille, die sich in einem Raum voller Leute breitmachte, war schier unerträglich. Und es wurde noch stiller, als man eine Antwort von mir erwartete.

Ehrlich gestanden: Ich hätte Freddy am liebsten erwürgt. Oder erdrosselt. Warum brachte er mich in so eine Situation? Wir kannten einander lange genug, dass er hätte wissen müssen, dass ich auf so etwas gar nicht stehe. Und das hier auch noch in zweifacher Hinsicht, denn er hätte doch wissen müssen, dass an eine Hochzeit gar nicht zu denken war – so eindeutig waren meine Einwände hinsichtlich des bisherigen Verlaufs der Beziehung doch gewesen.

Mein Zögern währte so lange, dass einige besonders Vorwitzige bereits anfingen: „Sag ja! Sag ja!“ zu skandieren. Vor meinem geistigen Auge erschien ein furchtbares Szenario: Ich in einem weißen Kleid mit Reifrock und einer riesigen, pompösen Schleife über dem Hintern – natürlich alles aus Satin, bis auf den Hintern. Nur so, nicht anders – das hätte Freddys Mutter nicht mitgemacht. Je größer die Schleife am Hintern, je mehr Reifrock, desto besser – zumindest hatte ich anlässlich der bisherigen Zusammentreffen mit Freddys Mutter diesen Eindruck gewonnen, was ihre Meinung zu Hochzeiten anbelangte.

Die Stille wurde immer weniger erträglich, und ich fühlte mich wie in Trance, vor meinen Augen das erwartungsvolle Gesicht Freddys. Und da hörte ich plötzlich, wie eine Stimme die gebannte Situation durchbrach. Besser: durchschnitt, denn die Stimme klang für meine Ohren recht metallisch und scharf, als sie: „Nein!“ sagte. Mir wurde erst mit einer gewissen Verzögerung klar, dass es meine Stimme gewesen war. Ich war selber völlig überrascht.

Danach brach das Chaos aus. Ich hatte bis dato und habe seither niemals wieder erlebt, wie sich die Gästeschar einer Kneipe ratz-fatz in zwei Lager spaltete. Hier ging das ganz schnell, und die eine Fraktion war auf Freddys Seite, die andere auf meiner. Von der einen Seite prasselten Vorwürfe auf mein doch eigentlich anfänglich nur partywilliges Haupt ein, die andere Seite verteidigte meine Haltung und versuchte, klarzumachen, dass das Ganze ohnehin nicht passe. Einer gratulierte mir sogar.

Irgendwann, als die ganze Kneipe diskutierte, was denn nun gut oder besser sei, bin ich geflohen. Mitten im Winter, ohne Jacke, aber mit Zigaretten stand ich draußen und schüttelte ungläubig meinen Kopf. (Das Ganze habe ich dann mit einer schweren Bronchitis bezahlt. 😉 ) Ich glaube, es schneite sogar. Ich stand fünf Minuten draußen, da kam Andrea, eine Freundin, die auch bei dieser Kneipen- und Partydiskrepanz auf meiner Seite war, heraus und meinte: „Boah! Was für ein Scheißabend für dich! Was hat er sich dabei nur gedacht? Jeder sieht, dass das nicht gutgehen kann. Mach dir keine Vorwürfe. Sieh es als Kompliment, nichts anderes.“

Weise Worte, aber irgendwie haben sie wohl mein Verhalten hinsichtlich Komplimenten geprägt. Kaum ergeht ein Kompliment an mich, werde ich extrem verlegen.

Und Freddy? Er hat geheiratet, und seine Ex-Frau hatte eine pompöse Satinschleife über dem Hintern, einen Reifrock dazu. Gehalten hat es – siehe oben – nicht, aber inzwischen lebt er in einer harmonischen Beziehung und ganz ohne Anträge und Reifröcke. 🙂

Mein Fazit: Ich freue mich sehr über Komplimente. Aber wundert euch nicht über meine Reaktion. Wie das Kaninchen vor der Schlange … 😉

Mi-mi-mi …gräne

Als „Mi-mi-mi“ bezeichne ich persönlich Menschen, die sich gern und oft beklagen, nicht selten ohne wirklich überzeugenden Grund. „Mi-mi-mi“ verballhornt dabei die wimmernden Laute, die bei besonders inbrünstigem Klagen und Jammern entstehen können. Und bevor ich hier kritisiert werde: Ich nehme mich selber gar nicht aus! Ich kann auch bisweilen ein echtes „Mi-mi-mi“ sein. Ich gebe jedoch zu: Ich hasse das! Nur: Meist gibt es bei mir einen triftigen Grund, und es kommt nur selten vor, dass ich jammere, ohne wirklich zu wissen, weshalb ich dies tue. Höchstens einmal im Monat, wenn überhaupt. Oder bei einer Migräneattacke beziehungsweise davor. Oder danach.

Doch zur Sache. Seit heute führe ich wieder ein Tagebuch. Das habe ich seit schrecklichsten Pubertätszeiten nicht mehr gemacht, und wenn ich in meinem alten Tagebuch lese, bin ich stets hin- und hergerissen zwischen Scham, Pein und Schmach und apokalyptischen Lachanfällen. Du meine Güte! Ich wünschte, ich hätte heute die „Probleme“, die ich damals hatte! Mein Lieblingspferd im Reitverein in einer bestimmten Reitstunde von einer anderen besetzt, während ich auf „Rubin“, den ewig transusigen, gelangweilten braunen KWPN-Wallach ausweichen musste, der stets am Ende der Abteilung ging, weil er so lahmarschig war und nur Temperament zeigte, wenn er und „Astor“, ein lieber, kleiner Fuchswallach und mit 1,60 m Widerristhöhe das einzige Schulpferd, dem ich über den Rücken blicken konnte, ohne mich auf die Zehenspitzen zu stellen, einander zu nahe kamen, denn die beiden hassten einander! Hui! Fliegende Hufe, angelegte Ohren und der unschöne Anblick großer, gelblicher Zähne, die in ihrer Größe beeindruckend an kleine Grabsteine erinnerten und nach dem Kontrahenten schnappten, gehörten dann zur Tagesordnung. Einmal auch eine zerfetzte Satteldecke, die der kleine Astor dem wild ausschlagenden Rubin brutal unter dem Sattel weggerissen hatte und nun mit Hufen und großen, gelblichen und grabsteinähnlichen Zähnen malträtierte. Eindeutig eine Übersprunghandlung. Dazu eine heulende Reitschülerin, die vom wild buckelnden Rubin geschleudert worden war – zum Glück nur der Arm gebrochen, während Astors kleine Reiterin sich wacker im Sattel hielt, nach dieser Stunde jedoch nie wieder gesehen wurde, nachdem sie bleich aus dem Sattel gehievt werden musste, unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Offenbar ein Schock. Dabei hätte sie mit ihrer Befähigung beneidenswerterweise Karriere als coole Rodeoreiterin machen können.

In der Mathearbeit schon wieder knapp an einer Fünf vorbeigeschlittert, und das nur mit Glück. Michael hatte Anja einen Sekundenbruchteil zu lange angesehen, und wenn dies auch eher geringschätzig war, doch zuviel für mein pubertätsgebeuteltes Gemüt. Sorgen hatte ich! 😉

Das Tagebuch, das ich heute begonnen habe, sieht etwas anders aus – eher tabellarisch. Elegische Worte sind nicht vonnöten, nur kleine Kreuze und Buchstaben. Denn es handelt sich um ein sogenanntes Migräne-Tagebuch.

Hätte man mir noch Anfang des Jahres 1999 gesagt, ich würde irgendwann unter Migräne leiden, hätte ich gelacht und blöde Hinweise und Schmähreden von mir gegeben, denn Migräne gehört zu den Krankheiten, um die sich Mythen ranken und die Inhalt vieler schlüpfriger Bemerkungen, meist von Männern gemacht, sind. Warum? Nun, Migräne musste sehr oft als Ausrede herhalten, wenn Frauen ihren sogenannten „ehelichen Pflichten“ nicht nachkommen wollten. Ist aber eher so ein 60er-, 70er- und in die 80er ausstrahlendes Phänomen. Heute fallen nur noch wenige Männer auf „Migräne“ als Ausrede herein, und in dem Falle nur die ganz unbedarften solchen, die nicht einmal wissen, dass das ein echtes Krankheitsbild ist. Heutzutage müssen manche Männer – und auch Frauen – der unschönen Wahrheit ganz ungeschminkt ins Gesicht sehen: „Keine Lust. Jedenfalls nicht mit dir.“ Böse gesagt. 😉

Ich selber habe niemals „Migräne“ vorschützen müssen, war im Fall der Fälle („Keine Lust“) immer ehrlich, denn das währe ja am längsten, wie man sagt. Und obwohl ich immer ehrlich war, ereilte sie mich dann doch: die Migräne. Die echte solche.

Seit Sommer 1999 bin ich immer wieder ihr Opfer geworden. Beim ersten Mal wusste ich gar nicht, wie mir geschah, war mit Freunden unterwegs und hatte gerade ein halbes Pils getrunken, als der Abend auch schon beendet war. Diese ziehenden, halbseitigen Kopfschmerzen, die ich schon den ganzen Tag gespürt hatte, wurden plötzlich übermächtig, dazu war mir plötzlich speiübel und schwindlig – ich verabschiedete mich spontaner als spontan und raste heimwärts, wo ich mich platt wie eine Flunder auf mein Bett fallen ließ und dieses an jenem Abend und dem Folgetag nur verließ, um menschlichen Bedürfnissen im Bad Folge zu leisten, während ich den Rest des Tages platt auf dem Rücken liegend vor mich hin vegetierte – anders kann man es nicht nennen. Bloß nicht bewegen, da das akuten Brechreiz hätte auslösen können!

Seitdem ist die Migräne eine treue „Freundin“. Bis auf eine Ausnahme taucht sie stets linksseitig auf, hatte sich beim rechtsseitigen Verlauf wohl auch nur wirklich „verlaufen“. Ich erinnere mich an die bisher schlimmste Attacke, die an einem brüllend heißen Julitag über mich hereinbrach. Jahre her, aber immer noch plastisch vor Augen, da ich nachmittags noch an einem „Meeting“ teilnehmen musste, obwohl ich der typischen Beschwerden wegen gern schon gegangen wäre. Aber das geht in der freien Wirtschaft nicht ohne weiteres, ohne übel aufzufallen. Mitten im Meeting hatte ich dann einen Gesichtsfeld-Ausfall: Ich konnte nur noch all das scharf sehen, was sich vor mir befand, wenn ich stur geradeaus blickte – rechts und links davon war alles unscharf, und dann türmten sich dort plötzlich schwarze Wolken wie bei einem Gewitter auf. Ich wusste nicht, wie mir geschah und geriet fast in Panik. Heute weiß ich, dass man das „Aura“ nennt. Anmerken lassen durfte ich mir nichts, aber ich war froh, als das Meeting beendet war, fuhr meinen Rechner herunter und stürzte zur Tür hinaus. Der Heimweg eine Tortur, und mehrfach war ich in der Ratinger Innenstadt wirklich kurz davor, mich einfach platt auf den Boden zu legen. Irgendwie habe ich es aber geschafft, sogar noch einzukaufen, denn meines damaligen Freundes Giacomos Küche wurde von zwei Bekannten renoviert, und ich hatte versprochen, für uns alle am nächsten Tag zu kochen. Ich bin heute noch erstaunt, dass ich im Supermarkt wirklich noch so weit funktionierte, dass ich sämtliche Zutaten in den Einkaufswagen werfen konnte. Die Wartezeit an der Kasse hätte mich fast gekillt und ich am liebsten eine ältere Dame vor mir, die den zu bezahlenden Betrag in Kleingeld beglich. Ich hatte rasende Kopfschmerzen, mir war speiübel, schwindlig, und ich ertrug die Helligkeit und den Lärm um mich herum überhaupt nicht. Dazu die Angst, gegebenenfalls auf das Kassenband speien zu können … Ich war so froh, als ich bezahlt und alles eingepackt hatte, eigentlich eher in die Einkaufstüten geschleudert. Draußen traf ich einen Bekannten, der mir nur kurz ins Gesicht sah und meinte: „Gib das Zeug her, das kannst du doch nicht tragen. Du siehst aus wie der Tod auf Socken! Komm, ich bringe dich nach Hause.“ Als wir so unterwegs waren, ich am Arm des Bekannten mehr hängend, als gehend, meinte er: „Wenn ich das recht interpretiere, zumal ich dich etwas kenne, hast du offenbar Migräne. Oder?“ Ich nickte, aber das war schlecht, da ich das Gefühl hatte, mein Gehirn schwappe – zumindest links – von innen gegen meine Schädeldecke, und sogleich wurde das Schwindelgefühl auch stärker. Ich presste mir lieber eine Hand vor den Mund – man wusste ja nie. Mein Bekannter meinte: „Alles klar. Kenne ich. Habe ich auch. Keine Sorge, wir sind ja bald da.“

Zu Hause habe ich mir erst einmal einiges durch den Kopf gehen lassen und bin dann schnurstracks ins Bett abgebogen. Giacomo hatte netterweise die Jalousie heruntergelassen, nur den Lärm, der aus der Küche kam, wollte er nicht abstellen. Ich erinnere mich mit Schaudern an die Klimax des Anfalls, da ich heulend von ihm verlangte, er solle einen Notarzt rufen … 😉

Diese Woche – nach eineinhalb Jahren relativer Ruhe – hatte ich erneut einen Anfall. Der hatte sich bereits am Dienstag angekündigt, aber ganz untypisch und mit ganz normalen Kopfschmerzen, also solchen im ganzen Kopf. Morgens war ich noch gut drauf gewesen, aber ab Mittag verschlechterte sich meine Laune, ohne dass mir klar war, woran das lag. Dann kamen die Kopfschmerzen, aber ich bin doch kein Weichei, das bei normalen Kopfschmerzen schon gleich durchdreht, wie ich es vom Ex-Kollegen Birger her kenne.

Kaum zu Hause, ereilte mich eine SMS einer mir mehr oder minder nahestehenden Person, die mich wirklich aufbrachte, und da haben sich meine „ganz normalen“ Kopfschmerzen offenbar entschlossen, zu „echten Linken“ zu mutieren. Kaum gespürt, das Wundermittel eingeworfen: Triptane! Hatten bis dato immer geholfen. Nur diesmal nicht, denn am Mittwoch und Donnerstag hatte ich einen ganz besonders possierlichen Migräneanfall, dessentwegen ich nicht zur Arbeit gehen konnte. Den Mittwoch habe ich eigentlich fast durchgängig im Bett verbracht, im verdunkelten Schlafzimmer, vor dessen Fenster irgendwann einige Vögel nicht nur zwitscherten, sondern zu jubilieren schienen. Und ich im Bett liegend, quasi dem eigenen Körper oder Kopf hilf- und wehrlos ausgeliefert! Denken tat weh, aber ich dachte dennoch angesichts des Gezwitschers: „Könnte ich, wie ich wollte, und wäre ich nicht tierlieb, würde ich umgehend hingehen und euch die kleinen Hälse umdrehen!“ Erschreckend, nicht wahr, wozu man fähig ist, wenn man wehrlos echtem Schmerz ausgeliefert ist! 😉 Dazu noch der Gefahr, zu dehydrieren, da jeder Schluck Wassers sofort wieder den Rückwärtsgang einnimmt und man weder Geräusche, noch Licht erträgt …

Nach den zwei Horrortagen war ich heute wieder bei der Arbeit. Ich glaube allerdings, es wäre besser gewesen, nicht hinzugehen, denn nicht nur, dass ich linksseitig Sehstörungen hatte, habe ich auch noch zwei langjährige Kollegen mit völlig falschen Namen angeredet. Liegen die Sprachzentren im Gehirn nicht in den meisten Fällen linksseitig …?

Mein Fazit: Migräne ist keineswegs ein Herrenwitz. Eher etwas, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht, auch wenn es sich dabei um „Herren“ handeln mag. 😉 Und nehmt, wenn es geht, Rücksicht, wenn Kollegen, Verwandte oder Bekannte plötzlich zu „Mi-mi-mis“ mutieren, ohne dass ein Grund vorhanden zu sein scheint: Vielleicht sind sie Migräniker. 😉