„Aus dir wird nie eine Dame!“

Das weissagte mir – da war ich noch klein – mal eine nahe Verwandte. Sie selber gerierte sich sehr damenhaft, und wenn ich sie auch mochte, wollte ich doch angesichts der Albernheiten, wie es mir schien, die man offenbar anstellen musste, eine Dame zu sein, niemals eine solche werden. Daher schockierte mich ihre Warnung auch nicht sonderlich. Und überdies hat sie Recht behalten. 😉

Die Vorstufe zur Dame erschien mir immer das zu sein, was heute als „Girlie“ bezeichnet wird. Grauenhaft! Gut, ich schreie mir auch fast die Lunge aus dem Leib, wenn ich eine Spinne in meiner Wohnung sehe, die größer ist als mein Daumennagel. Naja, größer als meine beiden Daumennägel nebeneinander. Da kann es durchaus passieren, dass mir – Reflex! – ein mehr oder minder schriller Schrei entfleucht. Ich habe generell ein Problem mit Spinnen und den meisten Insekten – keine Ahnung, woher das kommt. Ich bin allerdings noch nie kreischend auf einen Stuhl oder Tisch geklettert, wenn eine Maus im Zimmer war. Mäuse sind doch süß! Diese stecknadelkopfgroßen, schwarzen Augen, die kleine Nase mit den Tasthaaren – und erst diese fast transparenten Ohren! Wie kann man vor so etwas Niedlichem denn kreischend auf Tische und Stühle flüchten, als befände sich ein Werwolf im Raum?

Gut, auch mir ist es lieber, wenn sich Mäuse draußen aufhalten, aber das hat eher damit zu tun, dass sie nicht nur Vorräte anfressen, nachts einen für ihre geringe Körpergröße erstaunlichen Lärm zu machen in der Lage sind, sondern obendrein unhygienische Hinterlassenschaften produzieren, die auch noch unangenehmen Geruch verbreiten. Aber sonst? Lieber drei Mäuse in der Wohnung als eine riesige Spinne.

Als ich noch sehr klein war, zeigte ich zunächst eher „damenhafte“ Züge, denn ich zog immer mein damals noch kleines Näschen kraus, sobald um mich herum laute Geräusche auftraten. Mein Ingenieurvater, Heimwerker mit Leib und Seele, kann ein schauriges Lied davon singen. Wann immer er in und an der Wohnung, später Haus, heimwerkte und dazu die Bohrmaschine oder andere laute Werkzeuge aus seinem mit Verve und Herzblut gepflegten Heimwerker-Instrumentarium nur in die Hand nahm, sah er sich einem echten Horrorszenario ausgesetzt: blondes Kleinkind mit sorgenzerfurchter Stirn und gerümpfter Nase, ergo mit bereits zum Weinen verzogenen Gesicht. Sobald das Werkzeug dann in Betrieb genommen wurde, steigerte sich das Ganze dann so, dass das Kleinkind in etwa so dreinblickte, als sei es gerade Augenzeugin eines grauenhaften Unfalls mit ungezählten Toten und Verletzten, abgetrennten Gliedmaßen und Blut, viel Blut, geworden. Augenzeugin eines Infernos. Dazu sonderte es zwar kein lautes Geplärr ab, aber Tränen stürzten aus den Augen, und es schluchzte leise und mit dezentem „Sprachfehler“ vor sich hin: „Nein, Papa! Nich die Massine!“ Es konnte noch kein SCH sprechen, dazu war es noch zu klein.

Ich denke, zunächst dachte man, ich sei tatsächlich etwas sehr mädchenhaft und ängstigte mich vor den Werkzeugen. Doch weit gefehlt – die fand ich eigentlich ganz interessant. Mir machte der Lärm Angst, der mich offenbar schlicht überforderte. Mein Vater erklärte mir, ich müsse keine Angst haben – aber ich war noch zu klein, ihm zu erklären, dass ich einfach den Lärm unerträglich fand. Fortan heimwerkte mein Vater lieber, wenn ich weit entfernt war.

Doch die Gefahren lauerten auch anderswo im Haushalt. Wir hatten damals einen „Electrolux“-Staubsauger. Ein tolles Gerät, das von langer Lebensdauer war. Aber der sympathische Schwede in der schrillen Farbkombination rot-beige war auch sehr laut. Wann immer meine Mutter ihn in Betrieb nahm, stand ich erneut kurz vor dem Zusammenbruch. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir in einer baufälligen, staubigen Hütte gelebt. 😉 Und meine Eltern ohne Kaffee, denn damals wurde der noch vor dem händischen Aufbrühen höchstselbst gemahlen – immerhin in einer elektrischen Kaffeemühle. Ihr werdet es bereits ahnen: in einer sehr lauten, elektrischen Kaffeemühle, deren Geräusch immer mit einem sehr intensiven „Wuiiiiiiiiiiiiiiiii“ in meine Ohren drang.

Zum Glück begriff man schnell, dass ich einfach nur sehr geräuschempfindlich war. Oder bin. Noch heute empfinde ich allzu laute Werkzeuge oder Küchengeräte als extrem stressend. Ich glaube aber, dass das völlig geschlechtsunabhängig ist, seit ich neulich mit einem Kollegen in der Küche stand und ihm beim Ziehen eines Kaffees aus unserem neuen Kaffeevollautomaten half, der zwar durch sein schickes Design besticht, aber erschreckend laut ist. Ich wollte nichts sagen, die Lautstärke störte mich sehr, und da meinte mein Kollege: „Warum muss das Ding so laut sein? Ich mag so etwas nicht.“ Tja, man rannte offene Türen bei mir ein, und ich grinste nur, während ich mir wünschte, Schlappohren wie manche Hunderasse zu besitzen. 😉

Doch zurück: Wir sprachen ja über „Damen“. Ich entwickelte mich so ganz anders, als spätere Damen das wohl so tun. Zwar sammelte ich eifrig Glanzbilder, hatte auch ein Poesiealbum, aber irgendwie fehlte mir das Herzblut für derlei Dinge. Mit meinen Freundinnen kam ich gut klar, aber ich hasste es wie die Pest, wenn sie zickig wurden, aus minderem Anlass heulten oder sonstwie schwächelten. Ich werde nie vergessen, wie meine damals beste Freundin Britta und ich im zarten Alter von sieben Jahren, beide aus wahrscheinlich sekundären Gründen unserer Familien überdrüssig, planten, auszuwandern. Es war eine eher spontane, jedoch gar nicht so schlechte Planung, und ich erinnere mich, dass Amerika und Australien im Gespräch waren, von wo wir dann triumphierend Postkarten an unsere vor Schmach weinenden Familien, weinend, weil wir sie verlassen hatten, schreiben wollten. Immerhin hatten wir beide je 50 Pfennig Bargeld, und wenn etwas fehlte, würden wir das durch die Vorführung von Kunststücken kurzerhand verdienen. Es war also alles hervorragend durchgeplant. Etwas irritierte uns dann der Abschied von unseren Müttern, denn Brittas Mama drückte uns je einen Apfel, einen „Granny Smith“, meine uns je eine Mettwurst in die Hand, und dies mit den Worten: „Ihr braucht doch Proviant – bis Amerika und Australien ist es weit“. Meine Mutter rief noch: „Halt, wartet! Nehmt den hier auch noch mit!“ Und sie legte mit sicherer Hand unserem damaligen Hund, einem Rauhhaardackel mit Leib und Seele, Halsband und Leine an, die sie mir dann in die Hand drückte: „Es ist dein Hund, Ali. Nimm ihn also mit. Und um 6 gibt es Abendessen!“ Es war nicht ganz einfach, mit dem zum Haus zurückstrebenden Hund, einer Mettwurst und einem Granny Smith in der Hand auszuwandern, noch dazu, da wir uns fragten, was die Zeitangabe meiner Mutter hinsichtlich des Abendessens zu bedeuten habe – schließlich wanderten wir aus und würden nie zurückkehren! -, aber wir haben es immerhin bis zur nächsten Kreuzung geschafft. Ich bin mir sicher, mindestens einer der Wege dort führte nach Amerika und Australien. Nur leider haben wir es nie wirklich erfahren, da Britta plötzlich meinte, sie dürfe eigentlich die Straße um diese Uhrzeit gar nicht mehr überqueren, und außerdem gäbe es zum Abendessen Nudelsalat! Ich war genervt! Mit wem war ich denn da losgezogen! Da sie sich einer Diskussion entzog und ich nur mehr „Nudelsalat“ hörte, kehrten wir um, die eine in Vorfreude auf den Nudelsalat, die andere eher genervt. Die grinsenden Mienen unserer Mütter werde ich nie vergessen – was für eine Schmach! Und ich musste dann noch mit dem Dackel Gassi gehen!

Später bin ich dann – eigentlich ganz mädchenmäßig – zum Pferd gekommen. Ja, ich gehöre zu den Mädels, die Pferde mögen, und das bis heute, da ich gar kein „Mädel“ mehr bin. Mir machte es nicht nur nichts aus, die Pferde zu putzen und zu striegeln, bis sie glänzten, ich fand eher die Art mancher Mädels irritierend, die sich beschwerten, dass die Pferde noch nicht fertig geputzt, gesattelt und getrenst bereitstanden und sie nur noch aufsitzen mussten. Zugegeben, die meisten dieser Art Mädels ritten erheblich besser als ich, wunderten sich jedoch, dass sie so gar keinen Draht zum jeweiligen Pferd hatten, während mit mir sogar Scotty schmuste, der von den meisten gefürchtet wurde, weil er bisweilen biss und schlug. Mich nie. Mir zupfte er nur immer vorsichtig-mahnend am Pferdeschwanz herum, wenn ich an ihm vorbeiging, ohne ihn zu streicheln. Die Hufe hob er bei mir nur, wenn ich das auch wollte, um sie auszukratzen.

Seit jeher hatte ich nie so das rechte Gespür für Kleider. Meine Mutter liebte während meiner Kindheit so grässliche Dinge wie Kleider mit Matrosenkragen! Zumindest für bessere Anlässe. Nur hatte sie leider nicht mit mir gerechnet, denn mir waren seit jeher Kleider völlig schnurz und piepe, sobald ein freundlicher Hund auf mich zustürzte, mit nassen, schmutzigen Pfoten an mir hochsprang. Mir war da das Kleid völlig egal – so ein lieber Hund, den ich auch gleich knuddelte! Meine Mutter ist sehr tierlieb, und sie liebt speziell Hunde, aber sie muss bisweilen sehr gelitten haben, wenn sie mitansehen musste, was mit der von ihr nicht nur mit viel Geschmack ausgewählten, sondern auch gepflegten Garderobe ihrer Jüngsten so geschah. 😉

Ich gebe zu, heutzutage bin ich da etwas „pisseliger“. Wahrscheinlich liegt es am fortschreitenden Alter und daran, dass ich meine Klamotten heute selber aussuche und – noch wichtiger – höchstselbst bezahle. 😉 Dennoch freue ich mich nach wie vor, wenn ein Hund sich freut, mich zu sehen, und man wird mich auch immer mit dem Tier herumknuddeln sehen – eine Sache, die, wie mein Vater meinte, sich mit der Pubertät sicherlich legen würde. Er rechnete wohl mit mehr damenhafter Attitüde. Ja, sorry, Papa, das hat nicht so geklappt. 😉

Meine ganze Art ist wenig damenhaft, und es gibt Menschen, die meinen, mit mir könne man Pferde stehlen, über Zäune klettern und Äpfel klauen – auch heute noch. Ich fürchte, sie haben Recht. Ich bin nie zur echten Weinkennerin aufgestiegen, und Champagner wirkt auf mich wie zuviel Hafer bei Pferden. Nicht gut. Lieber trinke ich ein handfestes Bier.

Und seit neuestem gibt es am Arbeitsplatz etwas, das mich nervt: Unsere Brandmeldeanlage ist durch einen Blitzeinschlag zerstört worden, und seitdem zirkulieren Brandwachen über unsere Flure. Im Grunde nette Menschen, die achtgeben sollen, ob es nicht irgendwo brenne, bis die BMA wieder funktioniert. Aber nervig ist, dass einer dabei ist, der meiner Kollegin und mir dauernd die Tür aufreißt, wenn wir zum Rauchen nach draußen gehen wollen. Ebenso, wenn wir wieder hereinkommen. Er scheint förmlich Ausschau nach uns zu halten, hält oben im ersten Stock die Tür schon auf, wenn wir im Parterre ankommen. Und ewig derselbe Spruch: „Das ist doch das Mindeste, was man für eine Dame tun kann!“ Ein-, zweimal ist das okay, ab dem dritten Mal reagiere ich bereits genervt. Es wird der Tag kommen, an dem ich ihm – und das sicherlich nicht sehr damenhaft – erkläre, dass er sicherlich nicht dafür bezahlt werde, uns die Tür aufzuhalten – wir hätten beide recht gesunde Hände.

Meine nahe Verwandte hatte eindeutig Recht. 😉

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