Tempi passati oder: Was man in Studentenjobs so erleben kann … (Teil 2)

Meine Tätigkeit in einer alteingesessenen Aachener Studentenkneipe begann nach einer Trennung. Ich brauchte dringend Ablenkung, das Semester war gerade vorbei, und man suchte in der Kneipe eine Thekenfrau und Kellnerin für die Mittagsschicht. Ich hatte erst einmal gekellnert, kurz zuvor, in einem mit einem Stern prämiierten Restaurant. Ein sehr anstrengender Abend, während dem der Oberkellner mich dauernd mit einem falschen Namen anredete, die meisten Gäste eines Aachener Fabrikanten ziemlich prollig waren, ich mehrfach in den Hintern gekniffen wurde und wiederholt kurz davor stand, die Contenance zu verlieren, weil ich es absolut daneben finde, von Idioten einfach in den Hintern gekniffen zu werden. Als um 4 Uhr früh endlich Feierabend war und ich um 5 h mit meinem wirklich schwer verdienten Lohn und schmerzenden Füßen in meiner schwarz-weißen Dienstmontur, schwarzer, knielanger Rock und weiße Bluse, nach Hause schlich, schwor ich mir, nie wieder dort zu arbeiten, nicht ohne Not. Die Atmosphäre war die ganze Zeit ätzend gewesen – nein, ich beschloss, derlei Restaurants künftig nur noch als Gast zu betreten, wenn überhaupt.

Nun aber die Kneipe. Da war das Publikum gemischt, viele Studenten, aber auch diverse Ex-Studenten, die in der Kneipe älter geworden waren und sich meist an der Theke aufhielten. Man warnte mich vor, die würden mich sicherlich erst einmal nicht akzeptieren. Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen hätten weinend gekündigt, weil die „Stammbesetzung“ sie nicht akzeptiert hätte, ebenso ein männlicher Mitarbeiter. O je – was hatte ich mir denn da vorgenommen? „Je kleiner und mädchenhafter die Bedienung, desto mehr Schikane,“, sagte mir ein anderer Kellner. Klein bin ich noch immer, aber damals war ich etwas zierlicher und galt in der Tat als „mädchenhaft“. Mir graute vor meiner ersten Schicht.

Aber es geschah Erstaunliches: Nach einigen Versuchen, mich zu provozieren, gaben sie auf! Stattdessen war die Stammbesetzung eher kumpelhaft, verteidigte mich gar, wenn mal wieder ein arroganter Gast mir – wir hatten damals noch die D-Mark – einen Groschen Trinkgeld geben wollte, und dies mit den Worten: „Aber nicht alles auf einmal ausgeben!“ Oder wenn mir sonst jemand dumm kam. Ich hatte offenbar irgendetwas richtig gemacht, und sie mochten das „Pottmädel“, wie mich einige wegen meiner Herkunft nannten, da es – so ihre Meinung – nicht auf den Mund gefallen war. Sie parierten sogar, wenn ich – wie in mehreren Fällen nötig – einen von ihnen rausschmiss, weil er sich mit einem anderen in die Haare bekommen hatte und der Streit zu eskalieren drohte. Ich war selbst verblüfft, dass in solchen Fällen derjenige, der angefangen hatte, bereitwillig seine Sachen nahm, bezahlte und ging.

Mittags war ich mit der Köchin allein, und anfangs war es nicht ganz einfach, wenn ein neues Fass angeschlagen werden musste, das aber weit entfernt vom Anschluss stand. Das Anschlagen selber stellte keine Schwierigkeit dar, aber die Fässer waren schwer und der Bierkeller klein und vollgestellt. Man musste sie dann an die richtige Stelle tragen. Aber kein Problem – ich hatte immer Helfer, wenn es wirklich nötig war. 😉

Ziemlich schnell ging mir alles locker von der Hand. Die Stammgäste mochten mich, mit den meisten Studis kam ich auch sehr gut klar, mit der türkischen Köchin verstand ich mich blendend. Irgendwann arbeitete ich dann auch abends, dann allerdings zusammen mit wechselnden Kollegen, die den Kellnerjob machten, während ich allein für die Theke und die Zubereitung von Getränken zuständig war. Ich habe nie gern gekellnert, aber an der Theke war es okay. Etwas nervend war, dass einige der Stammgäste mich anschmachteten und ich diverse Verehrer hatte, die zwar nett waren, aber mehr auch nicht. So etwas kann ziemlich anstrengend sein, wenn man aufpassen muss, dass man nicht etwas sagt, was missverstanden werden könnte. Ich wollte doch nur dort arbeiten … Dennoch  musste man weiterhin kumpelhaft bleiben – nicht immer einfach, noch dazu, da einige darauf beharrten, dass ich sie doch sicher ganz besonders möge.

Eines Samstagabends arbeitete ich mit Freddy, und eigentlich hatten wir auch schon Sonntag, als es plötzlich an die bereits abgeschlossene Tür klopfte, und das ziemlich hektisch. Es war schon nach 1 Uhr, einige Gäste waren noch da, aber die Konzession ging nur bis 1 Uhr, und da musste man immer etwas vorsichtig sein (obwohl wir oft bis 3 Uhr – natürlich inoffiziell – machten … 😉 ). An der Theke saßen nur noch zwei Gäste, einer davon Karl-Heinz, der auch zur Stammbesetzung gehörte. Das Klopfen nahm nicht ab, wurde eher intensiver, und Freddy ging schließlich zur Tür, schloss auf und kam mit einer blonden, verhuscht wirkenden Frau in einem Trenchcoat zurück, den sie mit beiden Händen zuhielt. Sie stammelte, ihr Freund habe sie verprügelt und aus ihrer Wohnung geworfen. Freddy bugsierte sie an die Theke neben Karl-Heinz, und sie saß dann etwas verkrampft neben ihm, weiterhin ihren Trench zuhaltend. Auf Freddys Geheiß machte ich ihr etwas zu trinken. Sie wollte ein Pils, und ich stellte das Glas schließlich vor ihr auf den Tresen. Als sie danach griff, ging ihr Trench vorne auf, und ich hoffe, ich stand nicht offenen Mundes da, als ich sah, was zum Vorschein kam … Nämlich nichts. Jedenfalls keine Kleidung. Die Frau war gänzlich unbekleidet unter dem Mantel! Karl-Heinz hatte es auch gesehen, und er witterte seine Chance und ergriff sie und der Frau Hände mit seinen beiden Händen, auf dass die Frau ihren Mantel nicht mehr zuhalten könne!

Ich erklärte Freddy leise, was Sache sei, und er grinste und meinte: „Na, ist doch mal nett für Kalle!“ Ich meinte: „Was, wenn ihr Macker hier auftaucht? Die hat gesagt, sie wohne um die Ecke! Und wo soll sie schon sein, wenn nicht hier? Hier ist nicht so viel, wohin man flüchten könnte!“ Freddy hatte in jeder Hinsicht ein sonniges Gemüt, und er sagte: „Keine Sorge, ich bin Kampfsportler.“ Das beruhigte mich nicht sonderlich. Stattdessen ging ich zu der Frau und fragte, ob ich die Polizei rufen solle. „Nein, nicht die Polizei!“ war die Antwort, aber sie bat mich dennoch um Hilfe. Ich wurde ein bisschen ungeduldig – wie sollte ich ihr wohl helfen? Sie fragte, ob ich nicht zu ihr nach Hause gehen könne, um mit ihrem Freund zu sprechen, aber ich schnaubte nur spöttisch und fragte, ob sie vielleicht noch eine solch gute Idee habe.

Da schlug Kalles große Stunde! Er meinte: „Ich gehe hin! Dem werde ich schon Bescheid geben!“ – „Kalle! Du bleibst hier sitzen!“ sagte ich sehr energisch, denn ich ahnte Ungutes. Freddy kam hinzu, er hatte gerade die anderen Gäste verabschiedet. Und in seinem sonnigen Gemüt sagte er zu der derangierten Frau: „Wir gehen jetzt alle zu deiner Wohnung. Wäre ja gelacht, wenn wir den da nicht rausbekämen!“ Ich starrte ihn entgeistert an – das war doch wohl nicht sein Ernst! „Bist du wahnsinnig?“ raunte ich ihm zu. „Wer weiß, was für ein Bekloppter das ist!“ – „Nein, keine Angst. Aber du musst mitkommen, je mehr Zeugen, desto besser.“ Ich wollte nicht, ich fand die Idee bescheuert, aber ich dachte mir: „Besser, du gehst mit. Offenbar bist du die Einzige hier, die noch bei klarem Verstand ist.“ Denn Karl-Heinz und Freddy schienen sich richtiggehend darauf zu freuen, dem Freund der in jeder Hinsicht merkwürdigen Blondine eins auf die Zwölf zu geben.

Sie wohnte in einem Haus um die Ecke, und offenbar hatte sie zwar einen Haustür-, aber keinen Wohnungsschlüssel – den habe ihr Freund ihr abgenommen, obwohl es ihre Wohnung sei, sagte sie und wandte mir ihr Gesicht zu, in dem sich inzwischen ein Veilchen deutlich bemerkbar machte, das zuvor noch nicht so ausgeprägt gewesen war. Ich fragte, ob das schon öfter vorgekommen sei, und sie sagte: „Ja, schon ein- oder zweimal. Aber er ist ein ganz lieber und gutmütiger Kerl! Er hatte etwas Stress bei der Arbeit, und dann habe ich wohl auch etwas Falsches gesagt …“ – „Nein! Stress bei der Arbeit ist kein Grund, jemanden grün und blau zu schlagen und aus der eigenen Wohnung zu werfen!“ – „Ach, du siehst das zu streng …“ Nun, wenn sie meinte … Ich merkte, dass ich ein wenig ungeduldig wurde – ich verstehe so etwas einfach nicht. Streit ist eine Sache und kommt schon einmal vor. Schläge sind eine ganz andere Hausnummer.

Freddy meinte zu mir: „Du stellst dich am besten hier vor die Treppe, falls der Typ herauskommt und im Treppenhaus herumprügelt.“ Ja, klar, nichts lieber als das – zur Not konnte ich ja die Treppe noch hinaufrennen … Ich war etwas genervt, aber ich wollte Freddy und Kalle auch nicht alleinlassen, die inzwischen an die Wohnungstür hämmerten und den Freund der Blondine aufforderten, die Tür zu öffnen. Allein – ohne Erfolg.

Freddy meinte schließlich zu mir: „Das hat keinen Sinn. Komm, Ali, wir gehen schnell zu dir und rufen die Polizei!“ Ich wohnte nicht weit entfernt – nur quer über die Straße. Wir beide erklärten Kalle und der Blondine, sie sollten bitte nichts weiter machen und einfach auf unsere Rückkehr warten, und ich fügte hinzu: „Solltet ihr hier weggehen oder sonst etwas machen, gibt es Ärger – ich habe keine Lust, der Polizei zu erklären, dass sie umsonst gekommen sei!“

Es wäre wohl besser gewesen, wäre ich allein gegangen, um die Polizei zu rufen, denn als wir zurückkehrten, war das Treppenhaus dunkel, und die Haustür war zu. Ich schnaubte wütend: „Wahrscheinlich sitzen die beiden in irgendeiner Eckkneipe und halten Händchen! Na, warte nur, Kalle!“ Nichts gegen Kalle an sich, mit dem ich mich gut verstand, zumal er auch aus dem Ruhrgebiet kam – aus Oberhausen. Einer der wenigen Ruhris, die ich in Aachen kennenlernte. Aber das war eindeutig gegen die Vereinbarung.

Dann geschah alles auf einmal. Drei Streifenwagen trafen ein, deren Besatzungen sogleich ausstiegen, auf uns zukamen, und dies mit den Worten: „Hier waren wir doch vor zwei Tagen schon einmal. Und letzte Woche auch.“ Gleichzeitig ging im Treppenhaus das Licht an, die – inzwischen zur Gänze bekleidete – Blondine öffnete die Haustür, und die Polizei stürmte in den Hausflur. Ich blieb mit Freddy lieber vor dem Haus stehen – so groß war der Flur nicht. Und ich hoffte, sie würden den Freund der Blondine mitnehmen …

Aber wie erstaunt war ich, als plötzlich ein Typ mit einer Sporttasche aus dem Haus heraushumpelte, mich schmierig angrinste und verschwand, während aus dem Treppenhaus Geräusche drangen, die an eine Auseinandersetzung erinnerten! Freddy und ich beschlossen, lieber hineinzugehen, und wir sahen gerade noch, wie Kalle von mehreren Polizisten bäuchlings auf den Boden gezwungen wurde, seine Arme auf den Rücken gedreht wurden und man ihm Handschellen verpasste! Ich fühlte mich wie im Film – nur im falschen – und war – das kommt bei mir ganz selten vor – sprachlos.

„Arschlöcher!“ rief Kalle, und die Polizisten meinten: „Super! Nicht nur Widerstand leisten, auch noch Beamtenbeleidigung! Und Körperverletzung gegen den Freund der … Dame hier.“

Freddy und ich versuchten, zu vermitteln, und ich meinte zu den Polizisten: „Was ist denn überhaupt passiert?“ Die verwiesen an die Blondine, die erklärte, ihr Freund habe dann doch die Tür geöffnet, und dann habe man diskutiert. Offenbar aber war die Diskussion nicht von Einsicht gekrönt gewesen, denn Kalle hatte dem Freund wohl ordentlich nicht nur eine, sondern gleich mehrere verpasst. Aber kurz bevor die Polizei kam, habe der Typ bereits seine Sachen gepackt, um zu gehen. Im Treppenhaus habe er dann Kalle eine geknallt, der sich gewehrt habe und dann auch gegen die Polizisten, die dazwischen gingen, ausfallend geworden sei. Nicht gut.

Freddy versuchte, Kalle zu verteidigen, was nichts nutzte, ich versuchte es dann mit Liebreiz und unschuldsvoll weitaufgerissenen Augen (hatte bei meinem Vater fast immer geholfen, ihn von geplanter Strafe abzubringen, als ich noch jünger war) bei einem älteren Polizisten: „Aber er hat es doch nicht böse gemeint! Er wollte wirklich nur helfen – die … Dame hier wurde zuvor von ihrem Freund verprügelt und ist zu uns in die Kneipe geflohen! Sehen Sie doch mal, was ihr Freund ihr angetan hat!“ Und ich wies auf das Veilchen und zwei verletzte Finger der Blondine, die überirdisch lächelnd an der Wand lehnte und nicht einmal einen ihrer unverletzten Finger rührte, um Kalle zu helfen.

Der ältere Polizist lächelte mich an und meinte: „Ich finde sehr schön, dass Sie Ihrem Bekannten hier helfen wollen, und mir ist auch klar, dass er es nicht böse meinte. Aber er ist gerade ziemlich ausfallend geworden, und deshalb müssen wir ihn mitnehmen. Aber eines muss man Ihnen lassen: Sehr schöne, große Augen, und dieser Unschuldsblick ist auch nicht von schlechten Eltern. Nur: Wir können ihn wirklich nicht laufenlassen, auch wenn ich glaube, dass er kein schlechter Kerl ist und nur helfen wollte. Ihm wird auch nicht viel passieren.“ Ich nickte resigniert und meinte zu Kalle, der noch immer bäuchlings am Boden lag: „Tut mir leid!“

Wir konnten nur noch zusehen, wie Kalle hochgezogen und dann aus dem Haus eskortiert wurde, wobei er Freddy und mich angrinste und: „Bis bald!“ rief. Seine Brille lag einsam und verlassen auf dem Fußboden, aber das hatte er wohl noch nicht bemerkt. Ich hob sie auf und rannte hinter den Polizisten her, von denen zwei Kalle soeben in den Fond eines der drei Streifenwagen bugsierten. Den älteren Polizisten, mit dem ich zuvor gesprochen hatte, zupfte ich am Uniformärmel: „Hier, das ist seine Brille! Würden Sie die bitte mitnehmen und ihm geben? Er kann doch sonst nicht richtig sehen!“ Der Polizist grinste und meinte: „Frolleinchen, da, wo der jetzt erstmal hinkommt, braucht er die Brille nicht. Nehmen Sie sie in Verwahrung.“ – „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Er muss doch richtig sehen und lesen können! Ach, bitte – nehmen Sie sie doch mit!“ Der Polizist streckte die Hand aus und meinte: „Sie hätte ich gerne mal als Anwältin, als Verteidigerin. Ich nehme sie mit. Sie haben ja Recht.“ Freddy fragte: „Und wie lange muss er bei Ihnen bleiben?“ – „Das hängt davon ab. Es ist ja Ostersonntag, und da müssen wir sehen, ob wir ihn gleich morgen früh wieder freilassen können. Ich weiß nicht, ob wir den zuständigen Staatsanwalt noch erreichen – sonst muss er bis Montag bleiben.“

Kalle musste bis inklusive Ostermontag einsitzen. Seitdem ließ er herrenlose Blondinen links liegen. Egal, ob bekleidet oder fast unbekleidet. 😉

Die Blondine mit dem „gutmütigen“ Freund durften wir in unseren Schichten allerdings noch mehrfach erleben. Einmal kamen sie ganz „harmonisch“ an und tranken mehrere Biere, wobei der reizende Freund mich aufs Peinlichste anbaggerte, und das vor den Augen seiner Freundin, die jedoch nur überirdisch lächelnd daneben saß – offenbar war sie entweder aus einer anderen Galaxie oder aus dem Alexianer-Krankenhaus für psychische Krankheiten ausgebrochen. Anders konnte ich mir ihr erratisches Verhalten nicht erklären.

Mein Tipp: Wenn Ihr immer etwas zu erzählen haben wollt, solltet Ihr als Nebenjob den des Taxifahrers auswählen – oder in einer Kneipe jobben. Gesprächsstoff garantiert! 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.