Home, sweet home …

Es ist ja so, dass die meisten, eigentlich alle Menschen eine Heimat besitzen. Ich habe sogar deren drei. Zumindest drei Orte, die ich am ehesten mit dem verbinde, was gemeinhin als „Heimat“ bezeichnet wird. Nichtsdestotrotz bin ich der Ansicht, dass man mich überall aussetzen könnte – bis auf einen bestimmten Teil Süddeutschlands, eher südwestlich gelegen, und Staaten, in denen Religion eine übergroße Rolle spielt oder sonstige Dinge herrschen, mit denen ich wirklich nicht kann, wie z. B. nichtvorhandene Menschenrechte -, und ich würde mich einfügen und auch wohlfühlen. Ich bin durchaus anpassungsfähig – wenn die Voraussetzungen stimmen.

Mit drei Heimaten hat man es nicht immer ganz einfach. Gebürtig bin ich aus einer der schöneren Ecken des Ruhrgebiets, das aber eher durch Zufall, denn meine Eltern lebten damals in einer weniger schönen Stadt, die als „Stadt der tausend Feuer“ bekannt ist, in der auch ich eigentlich das Licht der Welt erblicken sollte, aber es kam anders, da meine Mutter noch von der Geburt meiner älteren Schwester leicht „traumatisiert“ war. Die Geburt hatte über 12 Stunden gedauert, und man hatte sich nicht sonderlich gut um meine Mutter gekümmert – noch heute, Jahrzehnte später, schimpft sie über dieses Krankenhaus und denkt mit Schaudern zurück. Mich wollte sie dann auch nicht mehr in der „Stadt der tausend Feuer“ zur Welt bringen, nachdem sie gehört hatte, dass es in einer der Nachbarstädte und dort mitten im schönen Ruhrtal ein Krankenhaus gäbe, das eine schonendere Entbindungsmethode praktizierte, und so kam ich dort am späten Abend eines extrem heißen Augusttages zur Welt, zur anfänglichen großen Enttäuschung meiner Mutter nicht der langersehnte „Daniel“, sondern eine kleine Ali. Naja – immerhin hatte sie mit einem Mädchen ja schon Erfahrungen. Dennoch: Menschen sind verschieden, und so fragte sie eines Tages die Säuglingsschwester: „Schreit sie viel?“ Denn die Säuglingsschwester kannte meine Gewohnheiten damals besser als meine Mutter, da die Säuglinge den Müttern immer nur zum Stillen gebracht, ansonsten aber in einem Raum auf der Säuglingsstation aufbewahrt wurden, wo man sie durch eine große Glasscheibe besichtigen konnte, vor der sich oft viele Leute, Väter und Verwandte der neuen, kleinen Erdenbürger, sammelten, jauchzten und Ähnlichkeiten zwischen diesen und lebenden wie bereits verstorbenen Angehörigen festzustellen glaubten. 😉

Meine Mutter stellte diese Frage aus berechtigter Sorge, denn meine Schwester hatte als Baby eine Phase gehabt, in der sie jeden Tag um vier Uhr nachmittags erwacht war und zu schreien begonnen hatte – bis Punkt 17:30 h. Jeden Tag. Und eigentlich sei es auch kein besonders lautes Schreien gewesen, mehr eine Art Wimmern, das – so meine Mutter – besonders an den Nerven gerissen habe. Zunächst schaute man nach, ob meine Schwester gewickelt werden müsse. Negativ. Hunger war auch nicht vorhanden. Offenbar wollte meine Schwester – sie redet auch heute noch sehr viel – sich an der allgemeinen Unterhaltung beteiligen. Mein Vater erklärt dazu immer, an kreative, geistige Arbeit wäre in diesen eineinhalb Stunden gar nicht zu denken gewesen, und er habe dann eher praktische Dinge gemacht, die auch zu erledigen gewesen wären.

Bei mir verhielt es sich wohl anders, denn die Säuglingsschwester meinte: „Die Kleine hier? Nein, die schreit nicht viel. Aber wenn sie schreit, dann sehr energisch.“ Auch das ist bis heute so geblieben. 😉

Ende des kleinen Exkurses. Meine eigentliche Heimat ist das Ruhrgebiet, da ich hier aufgewachsen und mit allen Vorurteilen aus anderen Ecken Deutschlands, wo es ebenso viele Vor- wie Nachteile gibt wie hier, vertraut bin. Alleine schon das, was man als Ruhrdeutsch bezeichnet, muss oft als Aspekt der Lächerlichmachung dieser Region durch Angehörige anderer Regionen herhalten. Ich muss gestehen, allzu derbes Ruhrdeutsch geht mir auch bisweilen auf den Senkel, aber Schwäbisch finde ich viel schlimmer, das für meine Ohren so klingt, als seien dessen Sprecher, entgegen ihrem sonstigen sprichwörtlichen Fleiß, zu faul, den Mund beim Sprechen ganz zu öffnen. Oder Sächsisch. Oder Öcher Platt. Geht auch nicht wirklich, jedenfalls nicht für mich. Es ist ja immer eine individuelle Geschmacksfrage.

Ich verteidige meine Heimat stets mit Verve – mir gehen dumpfe Vorurteile wirklich gegen den Strich. Manche Leute, die noch nie hier waren, glauben gar, hier wäre alles voller Kohlenstaub, und die Briketts würden durch die Luft fliegen. Offenbar haben die die Entwicklung der letzten Jahrzehnte nicht ganz mitbekommen … Viele dieser Leute, die dann erstmalig hier sind, staunen und sagen: „Hier ist es ja total grün!“ Und das mit einer Attitüde, als hätte ich – ausgerechnet ich! – etwas anderes behauptet! 😉

Zugegeben: Am heftigsten verteidige ich meine Heimat, wenn ich gerade nicht vor Ort bin, sondern zum Beispiel in meiner zweiten Heimat: Franken. Dorther stammt meine Mutter, und das ist der Grund, aus dem ich ständig meine Verteidigungsposition wechseln musste. War ich in Franken, was in meiner Kindheit aufgrund meiner heimwehkranken Mutter oft der Fall war, und dort wurde das Ruhrgebiet kritisiert, ging ich gleich in Stellung und verteidigte den letzteren Ort. War ich im Ruhrgebiet, und Leute hetzten gegen Bayern (denn hier im Ruhrgebiet kennt kaum einer den Unterschied zwischen Bayern und Franken – die hören nicht einmal Unterschiede zwischen Dialekten), war es umgekehrt. Genauer: Es ist noch heute so. Das ist ziemlich anstrengend, und wohlmeinende Menschen meinten schon, ich solle das doch einfach ignorieren. Sicher, das wäre wohl am gesündesten, und ich versuche es auch immer wieder – mir steht nur mein Wesen im Weg. 😉

Franken ist einfach schön, und die Franken, die keine Bayern sind, mag ich sehr, auch wenn hier im Ruhrgebiet schon Leute meinten, Franken seien falsch und ohnehin unsympathisch. Wahrscheinlich kennen sie diesen genügsamen, gelassenen und gutmütigen Menschenschlag gar nicht persönlich. Vielleicht aber waren sie auch schon vor Ort und sind unangenehm aufgefallen, wie eine meiner Kolleginnen, die auch gegen Franken hetzte, dabei eine furchtbare Oberlehrerin, rechthaberisch und völlig verkrampft ist. Möglich, dass sie versucht hat, Franken klarzumachen, dass man hochdeutsch sprechen müsse, und das überall, und dann hat sie vielleicht versucht, ihnen „richtiges Deutsch“ beizubringen und auch ansonsten eher durch einen eklatanten Mangel an Humor geglänzt. Auf so etwas reagieren Franken dann gemeinhin mit Spott. Möglich, dass es sie einmal getroffen haben mag – in dem Falle kann ich kein Mitleid empfinden.

Ich bin immer gerne dort, und als Kind war es dort herrlich: Viel Gegend, in der man spielen konnte, Pferde, Kühe, Hunde, Kätzchen, freundliche Menschen, und man konnte sich viel freier bewegen als hier. Dazu hervorragendes Essen, und ich bin sehr froh, dass ich kulinarisch eher süddeutsch geprägt bin. Versucht mal hier, einen wirklich fangfrischen Karpfen zu bekommen! Karpfen esse ich nur, wenn ich in Franken bin.

Schwierig war es nur, wenn ich nach wochenlangem Aufenthalt in Franken wieder ins Ruhrgebiet zurückkehrte, da ich mich während des Aufenthaltes sprachlich ziemlich assimiliert hatte und man mich hier nicht verstand. Es war immer erheiternd, wenn dann Leute zu mir sagten: „Sprech gefällichs richtiget Deutsch!“ Ja, nee, ist klar … 😉 (Wohingegen es mir in Franken schon öfter passiert ist, dass „Eingeborene“ im reizendsten Oberfränkisch zu mir sagten, sie sprächen hochdeutsch und ich „einen norddeutschen Dialekt“. Auch klar … 😉 )

Und als meine fränkische Oma vor vielen Jahren mal zu Besuch bei meinen Eltern war und einen Nachbarsjungen mit: „Grüß Gott, Christian,“, begrüßte, konnte man es hinter des Knaben Stirn förmlich arbeiten sehen: „Wie reagiert man darauf richtig? Wie antworte ich jetzt? Was ist die richtige Formel?“ Plötzlich ging ein Leuchten über sein Gesicht, und er sagte eifrig: „Danke, gleichfalls!“ Meine Oma lachte sich halb schlapp, fand die Reaktion aber sehr kreativ.

Meine dritte Heimat ist Aachen. Dort habe ich studiert und auch danach noch dort gelebt und gearbeitet. Zwar geht mir das als „Öcher Platt“ bekannte Heimatidiom bisweilen etwas auf den Senkel, weil es nicht sonderlich schön klingt und in einem etwas nervenden Singsang gesprochen wird, aber Aachen an sich ist wirklich schön. Ich bin vor Jahren dort weggezogen, weil ich wieder zurück ins Ruhrgebiet wollte, aber manchmal frage ich mich schon, ob das meine allerbeste Entscheidung gewesen sei. 😉 Denn das Ruhrgebiet ist nicht mehr das Ruhrgebiet meiner Kindheit und Jugend. Klar, Dinge verändern sich, aber es ist immer schöner, wenn sie sich zum Vorteil verändern … 😉

Diese Zweifel hatte ich auch letztes Jahr, als ich an einem Dezemberwochenende nach Aachen zum Weihnachtsmarkt fuhr, wo ich mich mit einer alten Bekannten aus den Niederlanden treffen wollte. Schon die Ankunft war irgendwie merkwürdig, denn es ist immer etwas merkwürdig, wenn man nach Jahren an einem Ort ankommt, in dem man lange gelebt hat und dann statt in die eigene Wohnung in ein Hotel gehen muss. Zum Glück war das Wiedersehen mehr als nett: Mascha und ich unterhielten einen ganzen Glühweinstand mit unserer Wiedersehensfreude, zumal wir beide etwas lebhafter und lauter sind – aber die Leute lächelten uns an und fanden unsere Art wohl ganz sympathisch. Alles in allem ein gelungener Abend. Nur der Abschied am nächsten Tag fiel mir etwas schwer. Ich brachte meinen Trolley zum Bahnhof und deponierte ihn dort in einem Schließfach. Dann ging ich wieder in die Stadt – ich musste doch unbedingt noch einmal auf den Weihnachtsmarkt und wollte mich auch fern davon etwas umsehen: Es hatte sich soviel verändert. Und meinem Examensprofessor, den wir seiner väterlichen Art wegen immer „Papa W.“ genannt hatten, wollte ich eine Blume bringen, weswegen ich zur Josefskirche musste, wo sein Grab ist.

Das alles machte ich auch, kaufte auf dem Weihnachtsmarkt als erstes „Lemmens Weihnachtsleberwurst“, natürlich die geräucherte Variante, die ich früher jedes Jahr dort gekauft hatte, einige andere Dinge, ging durch die Stadt, und dann musste ich auch schon zum Hauptbahnhof. Als ich am Automaten ein Ticket kaufte, war ich ganz traurig – ich wäre am liebsten in Aachen geblieben. Mir stiegen sogar Tränen in die Augen, ich gebe es zu, und das sah ein Bahnbediensteter, der mich gleich fragte, ob etwas passiert sei. Ich schluckte die Tränen herunter und meinte: „Nein, nicht wirklich. Nur ein kleiner Anfall von Trennungsschmerz, denn ich muss zurück nach Hause. Dabei war Aachen mal mein Zuhause, und es ist immer unschön, wieder wegzumüssen.“ – „Wohin müssen Sie denn?“ – „Ins Ruhrgebiet.“ – „Oh, ja, okay, das verstehe ich.“ Damit war wohl alles gesagt. 😉

Es ist nicht immer einfach, mehrere „Heimaten“ zu haben – siehe Trennungsschmerz und Verteidigungsreflex. Aber schön ist, dass man sich an verschiedenen Orten heimisch und wohlfühlt und immer das Gefühl hat, nach Hause zu kommen, fährt man hin. Das sagt ja auch schon der Lateiner. „Ubi bene, ibi patria“. Da, wo es gut oder schön ist, ist Heimat. Und das ist doch eine schöne Sache – oder? 🙂

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