„Warum …?“

Meine Lieblingsfrage ist die, die mit „warum“ anfängt. Nicht „weshalb“ oder „weswegen“ – diese beiden Frageworte erschienen mir immer etwas schwerfällig. „Warum“ ist anders. Klingt erheblich angenehmer für meine Ohren, ist angenehmer zu artikulieren und kann viel schöner artikuliert werden, viel geheimnisvoller klingend. Das E, wie in „weshalb“ oder „weswegen“, klingt immer so gepresst, finde ich, aber ich bin auch vorbelastet und betrachte Sprache und deren Laute sicherlich anders als andere. Das ist einfach erklärt: Mein Hauptfach an der Uni war Linguistik, und als Vertieferrichtung hatte ich „Phonetik und Phonologie“. Diejenigen unter euch, die noch den alten 60er-Jahre-Film „My Fair Lady“ kennen, früher gerne an Silvester ausgestrahlt und mit Audrey Hepburn und Rex Harrison in den Hauptrollen, werden sich nun sicherlich mit Grauen abwenden, denn der männliche Hauptpart, Professor Higgins, war auch Phonetikexperte. (Ich behaupte ja immer, meine Eltern seien schuld an meiner abstrusen Vorliebe, Sprache betreffend, da sie zuließen, dass ich als Drei- oder Vierjährige diesen Film sah, der Schuld daran hat, dass ich Audrey Hepburn zu meinen ewigen Lieblingsschauspielerinnen zähle, mich aber vor den merkwürdigen Gewohnheiten Professor Higgins‘ zunächst fürchtete und zu meinem Vater schlich und fragte, was der Mensch denn da eigentlich machte: Mein Vater erklärte mir, der Mann sei Sprachwissenschaftler und Phonetiker – und das muss mich irgendwie beeinflusst haben … ;-))

„Warum“ klingt viel geheimnisvoller als das blecherne, umständliche „Weshalb“ oder „Weswegen“, viel netter auch als das investigative, schrille „Wieso“, und man kann es mit viel mehr Varianzen in der Stimme artikulieren. Meine eigene Stimme ist weder übermäßig hoch, noch übermäßig tief, und ein alter Freund behauptet, ich hätte eine „ganz eigene, unverwechselbare Stimme“. Als ich ihn fragte, was meine Stimme so unverwechselbar mache, meinte er grinsend: „Dein A klingt interessant und ganz typisch für dich. Etwas quäkend.“ Aha! Ich klinge im A also so nasal wie eine Ente! Danke, Giacomo!

Eigentlich umspannt meine Stimme – abgesehen von den entenartigen A – seit einiger Zeit ein ziemlich weites Spektrum. Ich kann sehr hoch, aber auch ziemlich tief klingen, je nach Situation und Gesprächspartner. Je höher ich mit jemandem spreche, desto unangenehmer oder heikler das Thema oder die Person. Je tiefer oder „mouillierter“, desto angenehmer das Gegenüber, zumindest bei mir, und das bisweilen ganz unbewusst. Im Chor war ich im Alt, aber wäre meine Stimme ausgebildet, wäre ich wohl eher ein Mezzosopran, quasi das, was das Cello im Orchester ist: kann relativ hoch, aber auch tief. Und bei einer solchen Stimme eignet sich das Fragewort „warum“ viel besser als „weshalb“ oder „weswegen“, ganz zu schweigen von „wieso“ – typische Sopran- oder Tenorwörter. 😉 Aber ich schweife ab und behellige euch mit meinen komischen phonetisch-phonologischen Ideen. 😉

Wie komme ich jetzt darauf? Eigentlich wollte ich doch etwas ganz anderes! Nämlich mal wieder ganz viele „Warum“-Fragen stellen, jenseits des typischen „Warum“-Alters, das sich meist auf die Kindheit bezieht. (Meine Mutter meinte irgendwann einmal entnervt, man solle Kindern das Wort „warum“ besser gar nicht erst beibringen, aber das meinte sie zum Glück nicht ernst. Seit ich mit Kindern gearbeitet habe, konnte ich sie übrigens verstehen. ;-))

Meine „Warum“-Fragen sind vielleicht nicht ganz ernst gemeint. Oder doch? Zumindest betreffen sie Dinge, die sich mir bis heute nicht erschlossen haben. Fangen wir an …

Warum um alles in der Welt sind meine Haare, die ich vor dem Zubettgehen noch gebürstet hatte, morgens wie ein klettendurchsetzter Busch verknotet? Warum habe ich Knoten in den Haarspitzen, die ich nur mit lauten Flüchen und unter Schmerzen lösen kann? Warum? Was um alles in der Welt stelle ich nachts an, wenn ich schlafe? Oder sollten Heinzelmännchen tätig sein, die ganz kunstvoll meine Haare mittig und/oder an den Spitzen verknoten, damit ich morgens so richtig Freude habe, wenn ich den ganzen Mist entwirren darf? (Kleiner Tipp: Vor dem Duschen machen, denn im nassen Zustand sind verknotete Haare noch viel schlimmer zu bändigen. Und noch ein Tipp: Es gibt spezielle „Entwirrbürsten“ für wenig Geld zu kaufen. Die haben komisch gedrehte Borsten und sehen etwas bescheuert aus, aber ohne meine „Entwirrbürste“ wäre ich morgens verloren – und ich habe vergleichsweise kurze Haare.)

Auch habe ich den Eindruck, dass meine Kontaktlinsen irgendwie ein Eigenleben führen müssen. Anders ist ein gewisses Phänomen nicht zu erklären. Denn: Warum passiert es mir immer wieder, dass ich meine – weichen – Kontaktlinsen morgens einsetze, und die Biester sitzen dann einfach nicht? Driften auf dem Auge herum wie in Seenot befindlich, scheuern herum, statt sich einfach geschmeidig anzulegen und so zu funktionieren, wie man es von ihnen erwartet? Warum? Ich bin seit vielen Jahren Kontaktlinsenträgerin! Es kann sich nur um ein Eigenleben handeln, in dem die kleinen Dinger sich, ganz korrekt in ihre Behälter gelegt, denken: „Wir sind nicht politisch korrekt, und das zeigen wir der Tussi morgen früh!“ Und nachts scheinen sie sich „auf links“ zu drehen, und ich, morgens meist in Eile, darf mich dann mit diesem „Revoluzzertum“ herumschlagen! (Dabei wäre das bei mir gar nicht einmal nötig, da ich ein Herz sowohl für Spinner wie auch Revoluzzer habe.) Oder mit verdrehten Kontaktlinsen zur Arbeit gehen und dann stundenlang zu leiden. Inzwischen trage ich immer Reinigungslösung mit mir herum, seit ich einmal versucht habe, das Ganze mit Leitungswasser zu beheben. Niemals! Nicht machen! Ihr seht danach aus, als hättet ihr gerade die Trennung vom Mann oder der Frau eures Lebens hinter euch, und ihr habt ein Gefühl auf dem Auge, als scheuere  jemand mit Sandpapier darauf herum. Ich bin immer sehr sorgfältig mit derlei Dingen, und so verstehe ich nicht wirklich, warum ich dann morgens manchmal mit den Linsen kämpfen muss. 😉 Die einzige Erklärung: Die führen ein Eigenleben. 😉

Warum ist der Montag der langweiligste Arbeitstag in der Woche? Man erwartete dies doch eigentlich eher vom Freitag, oder? Ich hingegen habe an Freitagen schon bis nach 20 Uhr im Büro gesessen und rotiert, weil einige unerwartete Dinge geschahen und/oder ganz schlaue Leute plötzlich – denn das Wochenende kommt ja immer ganz unerwartet – erkannten, dass da noch dringend etwas erledigt werden musste. Eine Mitarbeiterin teilte einmal an einem etwas späteren Freitagnachmittag mit, dass bei ihr wohl offene TBC möglich sei, da sie – sie ist „ganz wichtig“ – immer im Ausland und letztlich auch in einem Krisengebiet unterwegs gewesen sei. Ihr Partner sei positiv getestet worden. Hurra! Ich hatte meine Jacke schon in der Hand gehabt und sie anziehen wollen – ich musste bleiben und diverse Dinge regeln, mit denen ich zuvor noch nie zu tun gehabt hatte.

Warum eigentlich muss man sich im Leben mit so vielen Idioten herumschlagen? Und warum ist es nicht opportun, genau diese Frage den Idioten mal zu stellen? Ich habe im Berufsleben mit einer Kollegin zu tun, die wirklich gar nicht geht. Und ich bin im Grunde ein sehr genügsamer Mensch und rege mich meist nur dann auf, wenn es gar nicht mehr zu ertragen ist. Die Frau geht gar nicht, nervt bis zum Abwinken. Ich habe ihr schon mehrfach einige Dinge gesagt, aber im Grunde müsste mal einer hingehen und ihr sagen, dass ihre Art einfach gar nicht geht. Warum mache ich das nicht einfach? 😉

Eigentlich ist es so, dass man sich – zumindest dann, wenn so geartet, wie ich es bin – immer fragt: „Warum ist das Leben oft so doof und so schwierig?“

Ich kann es euch sagen: Wir sind selber schuld! Das nächste Mal, wenn mich die doofe Kollegin mit ihrer Wachhundmanier nervt, werde ich ihr sagen: „Du nervst! Warum machst du das eigentlich?“ Dann sprechen wir darüber, und dann geht alles sicherlich viel leichter! 😉

Und wenn ihr das glaubt, wünsche ich euch schon einmal viel Spaß beim Warten auf den Weihnachtsmann! Oder Godot. 😉

Und wenn mich noch einmal einer fragt, warum ich so sarkastisch sei, wie ich es bin, werde ich ihn einladen, mich mal eine Woche zu begleiten. 😉 Danach hat es sich dann mit dem „Warum“, da bin ich  mir sicher. 😉

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