Wie man Bedenkenträgertum mit schnellen Entschlüssen durchaus vereinbaren kann

Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass ich eine kleine Bedenkenträgerin bin. Auch ist in meinem Kopfkino jederzeit Vorstellung, bisweilen sind es Thriller und Horrorfilme. 😉 Ebenso ist das Phänomen der Implikation, speziell materiale Implikation, auch Subjunktion oder Konditional genannt, ein steter Begleiter meiner Wenigkeit. Eine solche Aussage wird gerne mit „wenn …, dann …“ gebildet. Bei mir bisweilen bedenkenträgerisch besetzt: „Wenn ich dem Kollegen aus Spaß einen Gegenstand an den Kopf werfen würde, dann könnte er schlimmstenfalls ein Auge verlieren“, „Wenn ich wieder mit dem Reiten anfange, dann fliege ich garantiert gleich in der ersten Stunde vom Pferd“,  „Wenn ich den netten Typen da frage, ob er mit mir einen Kaffee trinkt, dann sagt er garantiert nein“. Ihr seht: Mein Gehirn läuft stets auf Hochtouren – nur leider nicht immer in zielführender Weise. Ich verfüge aber zum Glück über Galgenhumor und kann über mich selber lachen, auch wenn ich gern so tue, als könne ich es nicht. Reine Kokettiererei und im Grunde völlig überflüssig.

Manchmal führt das Bedenkenträgertum jedoch auch weiter. Heute zum Beispiel. Denn: Ich nehme mein Fahrrad mit in den Urlaub – ich berichtete. Auch, dass ich ein Problem mit diesem Fahrrad habe, das zwar technisch einwandfrei, aber mir irgendwie zu „schwer“ war. Und so dachte ich: „Wenn ich mit diesem Fahrrad fahre, dann mache ich mich garantiert lang und lande im Krankenhaus.“ Ein Versuch gab mir Recht. Und so wollte ich heute wenigstens Sattel und Lenker auf meine nicht allzu respektgebietende Körpergröße justieren lassen.

Mühsam wuchtete ich das sperrige Vehikel die sehr steile Außen-Kellertreppe hoch, wobei ich mitsamt diesem Gefährt der Marke „Passat“, welches den schönen Modellnamen „Sofia“ trug, mir aber gar nicht so weise vorkam, wie der Name ja verheißt, fast abgestürzt und von „Sofia“ wahrscheinlich noch erschlagen worden wäre. Ein Nachbar eilte zu Hilfe und meinte: „Das Rad ist aber wirklich etwas schwer und erscheint mir auch recht groß für Sie.“ – „Mir auch.“ – „Sie sollten Sattel und Lenker einstellen lassen.“ – „Ja, ich bin auch auf dem Weg zu ‚Zweirad Mörtel‘, eben deswegen.“

Wir wünschten einander ein schönes Wochenende, und ich schob meiner Wege. An Fahren war nicht zu denken. Auf dem Weg dachte ich erneut darüber nach, dass meine Schwester, „Sofias“ Vorbesitzerin, mir erzählt hatte, sie sei damit oft gefahren. Dies erschien mir immer unwahrscheinlicher, denn das Rad nebst Lenker und Sattel wirkte doch exorbitant groß bzw. hoch. Und ich komme aus einer Familie, die zwar nicht kleinwüchsig ist, aber auch nicht übermäßig groß gewachsen, trotz meines Großvaters mütterlicherseits, der stolze 1,98 m maß. Das Fahrrad erschien mir nicht nur groß, es schien mit jedem Meter, den ich gen Zweiradcenter schob, noch zu wachsen und immer schwerer zu werden. Vielleicht lag diese Empfindung aber auch an den heutigen Temperaturen, denn es war schon ziemlich warm.

Vor dem Zweiradcenter angekommen, schloss ich das Fahrrad ab und betrat das Geschäft. Diverse Kunden waren vor mir, und so sah ich mich ein wenig im Ausstellungsraum um. Da sah ich zu meiner Linken drei Räder, die mich magisch anzogen: Es handelte sich um Hollandräder, die obendrein noch im Preis reduziert waren. Ich hatte während meiner Schulzeit und danach ein Hollandrad gehabt, das ich heiß und innig liebte. Es war solide, man hing darauf nicht wie der Affe auf dem Schleifstein, und Rennen wollte ich ja ohnehin nie fahren. Ich will ja nur von A nach B.

Eines der Räder war knallrot, eines dunkelblau, fast schwarz, das dritte mintfarben. Das fiel schon einmal aus. Knallrot? Hmmm – wenn du damit fährst, dann fällst du auf. Ein Vorteil. Aber wenn du dich damit langlegst, dann sieht dich garantiert auch jeder und denkt: „Klar, Fahrrad in Signalfarbe, aber zu doof zum Fahren! Hahaha!“ Also Mitternachtsblau/Schwarz. Passend zu meiner schwarzen Seele. 😉

Im Grunde war die Entscheidung schon fast gefallen, als ich an die Reihe kam und man mich aufforderte, „Sofia“ in die Werkstatt zu bringen, damit sich der Mechaniker das Ganze mal ansehe.

Der Mechaniker betrachtete das Fahrrad und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Den Sattel kann ich nicht übermäßig niedriger stellen, da er schon fast am Anschlag ist. Den Lenker, ja, den schon. Aber irgendwie scheinen mir die Proportionen des Rades nicht ganz zu Ihren Proportionen zu passen.“ Ich sagte, es sei ein Erbstück. Er grinste und verstellte Sattel und Lenker. Danach war mir der Sattel noch immer zu hoch, und ich meinte grinsend: „Wahrscheinlich sind einfach meine Beine zu kurz,“, woraufhin der „bicycle repairman“ (eine kleine Reminiszenz an einen entsprechenden Sketch von „Monty Python’s Flying Circus“) direkt meinte: „Nein, die sind doch nicht kurz! Sie sehen sich offenbar zu kritisch.“ Aha – man hatte mich offenbar gleich abgeschätzt und „gescannt“. 😉

Nun sollte ich eine Probefahrt machen. Was soll ich sagen? Weit kam ich nicht, denn ich wäre schon beim Losfahren um ein Haar von „Sofia“ gestürzt. Nun hatte ich die Faxen mit der Dame wirklich dicke! Verachtungsvoll schnaubend schob ich sie in die Werkstatt zurück und sagte: „Das geht gar nicht! Damit fahre ich keinen Meter!“ Der Mechaniker meinte: „Ich hatte schon so etwas befürchtet – der Lenker passt absolut nicht zu Ihnen. Das ganze Fahrrad ist etwas zu wuchtig für Ihre zierliche Gestalt.“ Ich lachte und meinte: „‘Zierlich‘ bezieht sich hier wohl vornehmlich auf meine Länge.“ – „Ich sagte ja schon, Sie sehen sich zu kritisch – ich kann nichts Schlimmes entdecken.“ Ein geschäftstüchtiger Fahrradmechaniker. 😉

„Wenn ich ein Fahrrad bei Ihnen kaufe, könnte ich dieses Ding dann gleich bei Ihnen lassen?“ fragte ich. „Ja, wenn Sie ein Fahrrad bei uns kaufen, nehmen wir Ihr altes in Zahlung.“ – „Sehr gut. Dann machen wir das doch so. Ich bin bisweilen eine Freundin schneller Entschlüsse.“ – „Ja, dann gehen wir doch nach vorn, und Sie schauen sich mal im Laden etwas um.“ – „Nicht nötig. Ich habe während der Wartezeit schon ein Fahrrad gesehen, das mich interessiert.“ – „Sie scheinen wirklich eine Freundin schneller Entschlüsse.“ – „Speziell dann, wenn es sich um vernünftige Entschlüsse handelt, denn was soll ich mit einem Fahrrad, das nur ungenutzt herumsteht?“

Wir gingen nach vorn in den Laden, ich zeigte auf das nette Hollandrad, und ich durfte es gleich ausprobieren. Nur der Sattel musste verstellt werden – ansonsten waren der Niederländer und ich gleich dicke Freunde. (Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn nicht, da ich fast alles Niederländische mag und an mir, so eine niederländische Bekannte, „glatt eine Niederländerin verloren gegangen“ sei. Was sonst, wenn nicht ein Hollandrad? 😉 Sogar mein Lieblingspferd damals im Reitverein war ein KWPN – ein „Koninklijk Warmbloed Paard Nederland“ …)

Für „Sofia“ bekam ich sogar mehr, als ich selber dafür geboten hätte, und so habe ich jetzt ein Fahrrad, das viel besser zu mir passt.

Und so kann es passieren, dass sogar Bedenkenträgertum und schnelle Entschlüsse miteinander zu vereinbaren sind – wer hätte das gedacht? 😉

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