Von Warteschlangen und der falschen Haltestellenseite

Ich hasse Warteschlangen. Zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt. Warum? Nun ja, ich verabscheue auch Krieg. Und in Warteschlangen entstehen bisweilen kriegsähnliche Situationen. Jeder gegen jeden. Alt gegen Jung. Blond gegen Brünett. Meist siegt ohnehin nur einer: Dreist.

Stellt euch folgende Situation vor: Ihr wollt nur kurz nach Feierabend … Aber da fängt es ja schon an! „Kurz nach Feierabend“! Da beabsichtigt ihr tatsächlich, nur noch eben ein Zehnerpack Toilettenpapier (mit Kamillenaroma) zu kaufen, daneben noch ein Brot, zwei Packungen Magerquark, drei Bananen, ein halbes Pfund Tomaten und Kaffee! Teils dringend benötigt für den nächsten Tag, da ihr sonst nicht wisst, wie es überhaupt weitergehen soll, zumindest badhygienetechnisch, da das letzte Blatt Toilettenpapier bereits am Morgen verbraucht wurde. Und ohne den allerersten Kaffee morgens bin ich kaum zu gebrauchen. Wie naiv seid ihr eigentlich? 😉 „Kurz nach Feierabend“ endete bei mir – zumindest wenn ich von meiner Dozententätigkeit aus der Nachbarstadt per Zug heimkehrte – meist damit, dass ich Stunden nach meiner Abreise dort zu Hause eintraf und mich fragte, wo eigentlich die Zeit geblieben sei. Ich kann es euch verraten: im Supermarkt an der Kassenschlange.

Denn man stürmt als Berufstätiger nicht selten „nur kurz“ in dieses Geschäft, schleudert die gewünschten Artikel in den Einkaufswagen, manchmal auch Artikel, die man gar nicht kaufen wollte, die aber so verlockend im Weg standen und gut aussahen, es aber hinterher selten sind, und dann begibt man sich eilig zum Kassenbereich, da man wirklich nur eines will: nach Hause, dort die Füße hochlegen und seine Ruhe haben. Oder noch – bisweilen in manchen Tätigkeitsbereichen nötig – am Rechner sitzen, Studienmaterial recherchieren, Brandmails von Studis beantworten und dann irgendwann mit einem Bier vor dem Fernseher sitzen, und das in Ruhe. Aber meist steht ein Hindernis davor: die Kassenschlange.

Und ich stehe leider immer in der falschen. Gut, mir ist bewusst, dass das Gros der Menschen dies wahrscheinlich von sich behauptet, was im Grunde nicht ganz hinkommen kann, aber bei mir passieren wirklich immer die unglaublichsten Dinge. Ich bin vom Grunde her ein sehr gutmütiger Mensch, falle zwar bisweilen durch heftige Sprüche auf, kann aber von mir selber sagen: Ich bin eher ein Labrador als ein Rottweiler. (Ja, ich weiß, auch Rottweiler können unter konsequenter Erziehung die liebsten Hunde sein, die man sich nur vorstellen kann.) Ein getarnter Labrador. Aber auch der friedlichste Labrador beißt irgendwann zu, wenn man ihn nur hinreichend reizt. Bei mir ist es dann so, dass ich vom Labrador zum richtig giftigen Dobermann, der ich schon zuvor zu sein vorgab, mutieren kann. Kurz vor der Dobermann-Stufe kommt die des rachsüchtigen Wadenbeißers, was im Grunde auch eher meiner geringen Körpergröße entspricht. Aber normalerweise bin ich eigentlich ganz lieb. Nicht jedoch, wenn sich, wie erst heute wieder passiert, an einer von zwei geöffneten Kassen von insgesamt sechs – an der zweiten geöffneten Kasse ging es zwar schnell vonstatten, aber die Schlange war länger – eine Rentnerin (nein, ich will damit keineswegs pauschal Rentner verunglimpfen, denn ich weiß, die sind nicht alle gleich, und es gibt sehr viele nette und vernünftige – z. B. meine Eltern) kurz vor mir in zweiter Reihe anstellt und eine Art „Reißverschlussverfahren“ anstrebt, obwohl ich sie bereits darauf hingewiesen hatte, dass das Ende der Schlange sich eine Position hinter mir befände. Sie hörte zwar meine Worte, da laut genug geäußert, aber sie tat, als sei nichts passiert. Als es in der Reihe dann voran ging, schob sie ihren Wagen in noch spitzerem Winkel als zuvor zwischen meinen Vordermann und meinen Einkaufswagen, und obwohl ich schnell und wachsam gewesen war, schaffte sie es, mich auszubremsen. Ich gebot ihr, dies bitte zu unterlassen. Ich sagte: „Hallo? Haben Sie mich nicht verstanden, oder was soll das jetzt? Stellen Sie sich gefälligst hinten an!“ Meine Stimme klang schon etwas spitz und gereizt, aber die Dame, die keine solche war, reagierte gar nicht. Ich hasse es wie die Pest, mich öffentlich mit Leuten um des Kaisers Bart zu streiten, sogar dann, wenn ich im Recht bin, und in meinen Ohren rauschte es, als die Frau es tatsächlich schaffte, ihre Artikel vor mir aufs Band zu legen, weil sie meinem Wagen einen heftigen rückwärtigen Impuls gegeben hatte, der dafür sorgte, dass ich jetzt Magenschmerzen habe. Und dabei hat sie sich noch zu mir umgedreht und triumphierend: „Hm!“ gemacht, wie Oliver Hardy das immer machte, wenn er meinte, im Recht zu sein. Ich habe diesen unverschämten Bodycheck nicht unerwidert gelassen, denn ich rief empört und sehr laut, obwohl das sonst gar nicht meine Art ist: „Und für sowas wie Sie gehe ich arbeiten und finanziere Ihre Rente! Ja, danke schön!“ Im nächsten Moment schämte ich mich auch schon. Aber wie erstaunt war ich, als hinter mir Applaus und Rufe der Zustimmung laut wurden! So etwas hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nie erlebt! 😉 Und dann wurde auch schon eine weitere Kasse geöffnet, und die hinter mir Stehenden meinten zu mir: „Sie zuerst!“ Dabei entstehen bei solchen Dingen oft Rangeleien, weil auch da jeder der Erste sein will. Und meine Kassiererin war erheblich schneller als die an der Nebenkasse, und als ich knapp vor der dreisten Rentnerin fertig war, drehte ich mich zu ihr um und machte oliver-hardy-mäßig: „Hm!“  Da hatte sie noch die Stirn, zu mir zu sagen: „Frechheit! Sie sind ja noch jung und haben viel Zeit!“ Ah, ja. Ich fühlte mich sogleich zurückversetzt in die Zeiten, da ich als kleines Kind für meine Mutter Brötchen holen ging und immer wieder von erwachsenen Frauen, Müttern, abgedrängt wurde, und dies mit den Worten: „Kinder haben ja Zeit!“ Wäre unsere nette Bäckersfrau nicht gewesen, die mich stets verteidigte, da sie meine Ansicht vertrat, dass Kinder nicht benachteiligt werden dürften, würde ich wahrscheinlich noch heute dort im Geschäft stehen und endlich: „Fünf Brötchen, bitte!“ sagen. „Zwei mit Mohn, die anderen normal.“

Ich stehe irgendwie immer in der falschen Kassenschlange. Ich stehe auch immer auf der falschen Haltestellenseite. Während die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof immer pünktlich fährt, kommt meine in Gegenrichtung immer wieder zu spät. Manchmal auch gar nicht. Ich habe neulich ein kleines Experiment gemacht und mich in entgegengesetzter Richtung wartend hingestellt. Ihr werdet es nicht glauben – aber es war genau umgekehrt!

Mein treuester Freund scheint Murphy zu heißen. Oder ich habe die falsche Einstellung. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit – wie so oft – in der Mitte. 😉

2 Gedanken zu „Von Warteschlangen und der falschen Haltestellenseite

  1. Heide sagt:

    Du zitierst watzlawik
    In dem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“
    bringt er ein Ladenkassen-Beispiel um zu erläutern wie wir uns das Leben schwer machen….lassen?
    Aber ich sympathisiere mit dir und bin auch nicht mehr lieb zu „ich bin alt und darf nun alles und räche mich für die ersten 65 Jahre „

  2. ali0408 sagt:

    Aus Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ kenne ich vor allem die Geschichte mit dem Hammer:

    Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Morgen“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

    Ich glaube, die Kassenschlangensache ist ein sehr bekanntes Phänomen. 😉 Ich hatte schon häufiger ganz „reizende“ Erlebnisse in solchen Schlangen, leider, ich muss es sagen, meist mit älteren Herrschaften, die alle immer ganz furchtbar in Eile waren. Wenn man mich freundlich fragt, ob man ggf. vorgelassen werden könne, bin ich eine der Letzten, die dann sagt: „Nö! Ganz gewiss nicht! Hinten anstellen!“ Aber wenn man dreist ist, werde ich sauer. Vor allem deswegen, weil ich durchaus öfter Leute vorlasse, wenn ich sehe, die haben keinen Wagen, aber den Arm voll mit Artikeln, während ich meine Sachen bequem in einem Einkaufswagen liegen habe. Die meisten Menschen bedanken sich dann überschwenglich und freundlich, mir entsteht kein Schaden, vielmehr entsteht manchmal die eine oder andere nette Unterhaltung. Aber Leute ihres Alters allein wegen alles durchgehen zu lassen, fällt mir gar nicht ein. Und Bodychecks gehen gar nicht.

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