Wie man Bedenkenträgertum mit schnellen Entschlüssen durchaus vereinbaren kann

Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass ich eine kleine Bedenkenträgerin bin. Auch ist in meinem Kopfkino jederzeit Vorstellung, bisweilen sind es Thriller und Horrorfilme. 😉 Ebenso ist das Phänomen der Implikation, speziell materiale Implikation, auch Subjunktion oder Konditional genannt, ein steter Begleiter meiner Wenigkeit. Eine solche Aussage wird gerne mit „wenn …, dann …“ gebildet. Bei mir bisweilen bedenkenträgerisch besetzt: „Wenn ich dem Kollegen aus Spaß einen Gegenstand an den Kopf werfen würde, dann könnte er schlimmstenfalls ein Auge verlieren“, „Wenn ich wieder mit dem Reiten anfange, dann fliege ich garantiert gleich in der ersten Stunde vom Pferd“,  „Wenn ich den netten Typen da frage, ob er mit mir einen Kaffee trinkt, dann sagt er garantiert nein“. Ihr seht: Mein Gehirn läuft stets auf Hochtouren – nur leider nicht immer in zielführender Weise. Ich verfüge aber zum Glück über Galgenhumor und kann über mich selber lachen, auch wenn ich gern so tue, als könne ich es nicht. Reine Kokettiererei und im Grunde völlig überflüssig.

Manchmal führt das Bedenkenträgertum jedoch auch weiter. Heute zum Beispiel. Denn: Ich nehme mein Fahrrad mit in den Urlaub – ich berichtete. Auch, dass ich ein Problem mit diesem Fahrrad habe, das zwar technisch einwandfrei, aber mir irgendwie zu „schwer“ war. Und so dachte ich: „Wenn ich mit diesem Fahrrad fahre, dann mache ich mich garantiert lang und lande im Krankenhaus.“ Ein Versuch gab mir Recht. Und so wollte ich heute wenigstens Sattel und Lenker auf meine nicht allzu respektgebietende Körpergröße justieren lassen.

Mühsam wuchtete ich das sperrige Vehikel die sehr steile Außen-Kellertreppe hoch, wobei ich mitsamt diesem Gefährt der Marke „Passat“, welches den schönen Modellnamen „Sofia“ trug, mir aber gar nicht so weise vorkam, wie der Name ja verheißt, fast abgestürzt und von „Sofia“ wahrscheinlich noch erschlagen worden wäre. Ein Nachbar eilte zu Hilfe und meinte: „Das Rad ist aber wirklich etwas schwer und erscheint mir auch recht groß für Sie.“ – „Mir auch.“ – „Sie sollten Sattel und Lenker einstellen lassen.“ – „Ja, ich bin auch auf dem Weg zu ‚Zweirad Mörtel‘, eben deswegen.“

Wir wünschten einander ein schönes Wochenende, und ich schob meiner Wege. An Fahren war nicht zu denken. Auf dem Weg dachte ich erneut darüber nach, dass meine Schwester, „Sofias“ Vorbesitzerin, mir erzählt hatte, sie sei damit oft gefahren. Dies erschien mir immer unwahrscheinlicher, denn das Rad nebst Lenker und Sattel wirkte doch exorbitant groß bzw. hoch. Und ich komme aus einer Familie, die zwar nicht kleinwüchsig ist, aber auch nicht übermäßig groß gewachsen, trotz meines Großvaters mütterlicherseits, der stolze 1,98 m maß. Das Fahrrad erschien mir nicht nur groß, es schien mit jedem Meter, den ich gen Zweiradcenter schob, noch zu wachsen und immer schwerer zu werden. Vielleicht lag diese Empfindung aber auch an den heutigen Temperaturen, denn es war schon ziemlich warm.

Vor dem Zweiradcenter angekommen, schloss ich das Fahrrad ab und betrat das Geschäft. Diverse Kunden waren vor mir, und so sah ich mich ein wenig im Ausstellungsraum um. Da sah ich zu meiner Linken drei Räder, die mich magisch anzogen: Es handelte sich um Hollandräder, die obendrein noch im Preis reduziert waren. Ich hatte während meiner Schulzeit und danach ein Hollandrad gehabt, das ich heiß und innig liebte. Es war solide, man hing darauf nicht wie der Affe auf dem Schleifstein, und Rennen wollte ich ja ohnehin nie fahren. Ich will ja nur von A nach B.

Eines der Räder war knallrot, eines dunkelblau, fast schwarz, das dritte mintfarben. Das fiel schon einmal aus. Knallrot? Hmmm – wenn du damit fährst, dann fällst du auf. Ein Vorteil. Aber wenn du dich damit langlegst, dann sieht dich garantiert auch jeder und denkt: „Klar, Fahrrad in Signalfarbe, aber zu doof zum Fahren! Hahaha!“ Also Mitternachtsblau/Schwarz. Passend zu meiner schwarzen Seele. 😉

Im Grunde war die Entscheidung schon fast gefallen, als ich an die Reihe kam und man mich aufforderte, „Sofia“ in die Werkstatt zu bringen, damit sich der Mechaniker das Ganze mal ansehe.

Der Mechaniker betrachtete das Fahrrad und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Den Sattel kann ich nicht übermäßig niedriger stellen, da er schon fast am Anschlag ist. Den Lenker, ja, den schon. Aber irgendwie scheinen mir die Proportionen des Rades nicht ganz zu Ihren Proportionen zu passen.“ Ich sagte, es sei ein Erbstück. Er grinste und verstellte Sattel und Lenker. Danach war mir der Sattel noch immer zu hoch, und ich meinte grinsend: „Wahrscheinlich sind einfach meine Beine zu kurz,“, woraufhin der „bicycle repairman“ (eine kleine Reminiszenz an einen entsprechenden Sketch von „Monty Python’s Flying Circus“) direkt meinte: „Nein, die sind doch nicht kurz! Sie sehen sich offenbar zu kritisch.“ Aha – man hatte mich offenbar gleich abgeschätzt und „gescannt“. 😉

Nun sollte ich eine Probefahrt machen. Was soll ich sagen? Weit kam ich nicht, denn ich wäre schon beim Losfahren um ein Haar von „Sofia“ gestürzt. Nun hatte ich die Faxen mit der Dame wirklich dicke! Verachtungsvoll schnaubend schob ich sie in die Werkstatt zurück und sagte: „Das geht gar nicht! Damit fahre ich keinen Meter!“ Der Mechaniker meinte: „Ich hatte schon so etwas befürchtet – der Lenker passt absolut nicht zu Ihnen. Das ganze Fahrrad ist etwas zu wuchtig für Ihre zierliche Gestalt.“ Ich lachte und meinte: „‘Zierlich‘ bezieht sich hier wohl vornehmlich auf meine Länge.“ – „Ich sagte ja schon, Sie sehen sich zu kritisch – ich kann nichts Schlimmes entdecken.“ Ein geschäftstüchtiger Fahrradmechaniker. 😉

„Wenn ich ein Fahrrad bei Ihnen kaufe, könnte ich dieses Ding dann gleich bei Ihnen lassen?“ fragte ich. „Ja, wenn Sie ein Fahrrad bei uns kaufen, nehmen wir Ihr altes in Zahlung.“ – „Sehr gut. Dann machen wir das doch so. Ich bin bisweilen eine Freundin schneller Entschlüsse.“ – „Ja, dann gehen wir doch nach vorn, und Sie schauen sich mal im Laden etwas um.“ – „Nicht nötig. Ich habe während der Wartezeit schon ein Fahrrad gesehen, das mich interessiert.“ – „Sie scheinen wirklich eine Freundin schneller Entschlüsse.“ – „Speziell dann, wenn es sich um vernünftige Entschlüsse handelt, denn was soll ich mit einem Fahrrad, das nur ungenutzt herumsteht?“

Wir gingen nach vorn in den Laden, ich zeigte auf das nette Hollandrad, und ich durfte es gleich ausprobieren. Nur der Sattel musste verstellt werden – ansonsten waren der Niederländer und ich gleich dicke Freunde. (Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn nicht, da ich fast alles Niederländische mag und an mir, so eine niederländische Bekannte, „glatt eine Niederländerin verloren gegangen“ sei. Was sonst, wenn nicht ein Hollandrad? 😉 Sogar mein Lieblingspferd damals im Reitverein war ein KWPN – ein „Koninklijk Warmbloed Paard Nederland“ …)

Für „Sofia“ bekam ich sogar mehr, als ich selber dafür geboten hätte, und so habe ich jetzt ein Fahrrad, das viel besser zu mir passt.

Und so kann es passieren, dass sogar Bedenkenträgertum und schnelle Entschlüsse miteinander zu vereinbaren sind – wer hätte das gedacht? 😉

Enfin, j’ai pris mes vacances …

Endlich Urlaub! Zwar nur eine Woche, aber endlich ist es soweit, und dies nach über einem halben Jahr voller Überraschungen! 😉

Ich liebe ja Überraschungen. Zumindest dann, wenn sie positiv sind. Im letzten Dreivierteljahr hatte ich so einige Überraschungen zu bewältigen – einige davon auch positiv. Richtig negativ aber gleich zwei größere, und ich denke, der Urlaub ist wirklich vonnöten, denn in den letzten Wochen ertappte ich mich selber dabei, dass ich bisweilen ein etwas hysterisches, auf alle Fälle irre anmutendes Lachen von mir gab, wenn mir Kollegen erzählten, sie kämen gerade aus dem Urlaub zurück oder würden diesen soeben antreten. Oder ein Termin, lange geplant, kam nicht zustande, weil mal wieder die Person, die schon zuvor fast jeden Termin torpediert hat, erneut in Aktion trat. Meine Kollegin machte sich schon Sorgen, und sie meinte: „Ich glaube, neben uns könnte eine Bombe explodieren – du würdest nur fatalistisch lachen und sagen: ‚Siehste! Habe ich doch schon immer gesagt.‘“ Ich bezweifle zwar, dass ich während oder nach der Explosion einer Bombe direkt neben uns noch irgendetwas würde äußern können, aber vom Prinzip her hat sie Recht, zumal sie neulich empört bemerkte, ich wolle wohl immer das letzte Wort haben. Ja, natürlich – wer will das nicht? 😉

Inzwischen aber bin ich so mit meinem Arbeitsplatz verwachsen, seit ich sowohl eine neue Kollegin, als auch einen neuen Chef habe, dass mir der Gedanke, Urlaub zu haben, schon völlig fremd geworden ist. Beunruhigend, so etwas, zumindest bei mir. Denn zwar arbeite ich gern, habe aber auch dann gern mal frei.

Heute war mein letzter Arbeitstag vor dem exorbitanten Urlaub. Fast überkam mich etwas wie Wehmut, als ich endlich die Ablage, die so lange vor sich hin geschmort hatte und dabei stets gewachsen war, zumindest schon einmal vorsortierte und in sorgfältig beschriftete Mappen ordnete, damit meine Kollegin im Bedarfsfalle auch relativ schnell fündig werden würde. Immerhin steckte mein Eifer an, und auch die Kollegin ging ihre fast noch größere Ablage durch – einiges stammte noch von ihrem Vorgänger, dem Kollegen Birger – und rief ein ums andere Mal nur entsetzt: „Was hat der denn alles aufbewahrt? Um Himmels willen!“ Ich grinste mir eins, ich wusste um das Problem. Wir haben immerhin noch einen ganzen Schrank mit Ordnern, die allesamt auf dem Rücken Etiketten mit der Aufschrift „Schriftverkehr Januar bis März 2011“, „Schriftverkehr April bis Juni 2011“ und so fortlaufend bis den Dezember 2014 tragen. Chronologisch geordnet, keineswegs thematisch, nicht einmal als Unter-Ordnung. Wir haben schon öfter überlegt, den Schrank einfach im Ganzen und nebst Inhalt zu entsorgen – natürlich nur im Scherz. Keiner traute sich bisher an diese Ordner heran – es sind bei uns die „Ordner des Grauens“, eine Art Horrorkabinett, denn sie sind aufgrund ihrer „Ordnung“ so nutzlos wie ein Kropf, da man nichts darin findet – zumindest nicht auf die Schnelle und mit einem Handgriff. Fazit: Jessica hatte fast mehr zu tun als ich mit meiner vernachlässigten Ablage.

Das meistgehörte Geräusch an diesem Nachmittag war das Reißen von Papier …

Am Montag geht es los – gen Frankreich. Da bin ich seit 2011 nicht mehr gewesen, und ich bin gespannt, wie es sprachlich so läuft. Ich konnte mal ziemlich fließend Französisch sprechen. Aber das ist lange her. Aber ich war damals wirklich gedrillt, denn ich hatte einen Französisch-LK bei einem französischen Lehrer, der dafür verantwortlich ist, dass Frankreich niemals mein bevorzugtes Urlaubsland wurde. 😉 Er war einfach zu patriotisch, und als wir die Ära um den Zweiten Weltkrieg durchnahmen, behauptete er steif und fest: „Toute la France était dans la Résistance.“ Ich erwähnte damals trotz des schönen Reimes „les collaborateurs“, aber auf dem Ohr schien er taub. Er erweckte eher den Eindruck, dass sogar sämtliche Nachgeborenen bis heute ganz selbstverständlich in der Résistance seien. Zur Strafe fragte ich ihn, er stammte aus Lille, ob er wirklich Nordfranzose und nicht eher Südbelgier sei, was er stets zähneknirschend und gequält zur Kenntnis nahm und mich eine „fille très méchante“ nannte. Und aus alldem hat sich dann entwickelt, dass ich Frankreich nie als Urlaubsland Nr. 1 sah. Das wird sich sicherlich bald ändern. Immerhin geht es in die Normandie und die Bretagne, nicht, wie zuvor, in den Süden oder nach Paris nebst Umgebung oder ins Elsass, wo ich überdies von einem kleinen Hund gebissen wurde, der zunächst freundlich war, dann aber angriff – und zwar mich! -, als mein liebreizender Ex ihn ignorierte und meinte: „Ich kann Hunde nicht leiden!“ Wer wurde gebissen? Ich! Ausgerechnet! Und das kurz hinter dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte! Offenbar war dem Hund dies nicht bewusst … Warum ich für eine Aussage und negative Behandlung durch meinen Ex bestraft wurde, wird sicherlich auch auf ewig das Geheimnis dieses Hundes bleiben … 😉

Diesmal sind hoffentlich keine rachsüchtigen Hunde im Spiel. Nur ein Fahrrad, das in Frankreich dazu dienen soll, kleinere Strecken zu bewältigen. Mein Fahrrad, das meine Schwester mir vor zwei Jahren vererbte und auf dem sie zweifellos offenbar nie gefahren ist. Ich hatte es rundumüberholen lassen, nachdem sie gesagt hatte, dies sei nach der steten Benutzung vielleicht notwendig. Danach hatte es bei mir im Keller gestanden, denn ich muss zugeben: Ich bin nicht einmal bisher damit gefahren. Jedweder gute Vorsatz, zur Arbeit zu fahren, war zunichte, seitdem ich es mühsam über die sehr steile Außen-Kellertreppe in den Fahrradkeller gebracht hatte, was mit Lebensgefahr verbunden war. Mir graute daher vor dem täglichen Prozedere des Hinauf- und – nach Feierabend – Hinabtragens doch sehr. Das Fahrrad ist sperriger und schwerer, als es aussieht. Immerhin ist es gut in Schuss, vor allem, seitdem mein Nachbar sich etwas darum gekümmert hat. Um eines muss ich ihn allerdings noch bitten: Lenker und Sattel sind eindeutig zu hoch für mich, denn als ich heute eine kleine Probefahrt machen wollte, wäre es fast so weit gekommen, dass ich meinen Urlaub im Krankenhaus hätte verbringen können. Und meiner Schwester nehme ich nicht ab, dass sie je damit gefahren ist: Sie ist exakt drei Zentimeter länger als ich, aber Lenker und Sattel scheinen nach meiner Erfahrung gefühlt eher für einen 1,80-m-Menschen eingestellt, was ich schon zuvor befürchtete. Na, warte, Madame! 😉

Aber typisch für mich – alles auf dem letzten Drücker! Morgen muss der Nachbar noch einmal helfend tätig werden. 😉 Und als Nächstes beschaffe ich einen Sechskantschlüssel, denn hätte ich einen solchen, wären Sattel und Lenker längst auf mein niedriges Niveau gebracht, und das von mir höchstselbst. 😉

Hoffen wir, dass ich den Urlaub unbeschadet überstehe! 😉 Und beim nächsten Mal bereite ich mich viel besser vor – versprochen! 😉

Abseits von „Krethi und Plethi“ – Ali zu Gast bei Großkopferten …

Gestern habe ich eine Vernissage besucht. Zusammen mit meiner Kollegin Lydia, und es war dann auch ein sehr netter Abend, nachdem wir den „Industrieclub“ unserer Heimatstadt verlassen hatten, noch ein Eis essen gingen und einen Stadtbummel machten. Lydia und ich sind zwar nicht immer einer Meinung, aber wir haben einige Dinge gemeinsam und haben gestern auch beschlossen, öfter mal etwas gemeinsam zu unternehmen. Gemein ist uns auf alle Fälle ein gewisser Sarkasmus: Beide können wir immer sicher sein, dass das Gegenüber, also entweder Lydia oder ich, sofort versteht, was man eigentlich mit einem vermeintlich lockeren Spruch meint, was wirklich dahintersteckt. Das hat uns auch sehr in den neun Jahren mit Kollegen Birger geholfen.

Da Lydias Chef nicht zur Vernissage gehen wollte, überreichte er ihr mit weltmännisch-großzügiger Geste die Einladung, in der auch eine Begleitung zugestanden wurde. Lydia fragte mich, ob ich Interesse hätte – ich sagte ja. Es war nicht meine erste Vernissage, und ich wusste: „Das kann lustig werden!“ Denn entweder sind die Exponate so geartet, dass man einen amüsanten Abend mit viel Schmunzeln und Lachen vor sich hat – oder die hochwohlgeborenen Gäste der Vernissage gereichen zum Amüsement. „Hochwohlgeboren“ sind sie – wie ich erst gestern wieder feststellen durfte – dann nur in seltenen Fällen, speziell hier in meiner Heimatstadt, aber es gibt ja auch so etwas wie Geldadel. Meine Familie besteht nicht aus Kaufleuten, aber ich schätze sie sehr, da auf Bildung stets großer Wert gelegt wurde, obwohl – das kann man sich heutzutage anhand allfälliger Klagen, Arbeiterkinder seien per se benachteiligt, wenn es ums Studium ginge, kaum vorstellen! – nur zwei Generationen vor mir meine Familie sich aus Arbeitern und Handwerkern zusammensetzte. Irgendwie strebten die aber irgendwann, sofern möglich, auch noch andere Dinge an und brauchten dafür keinesfalls einen „Talentscout“, wie es heute so üblich ist, der die vermeintlich Bildungshungrigen ans vor Schüchternheit schweißnasse Patschhändchen nimmt, weil die Armen ja – ganz im Gegensatz zu früheren Generationen – keinerlei Gelegenheit finden, sich mal selber zu informieren, welche Möglichkeiten ihnen allen offenstehen! Und das trotz bequemer Aspekte wie Internet und Konsorten. Aber das ist wieder eine ganz andere Sache, und Eigenverantwortung und eigenes Denken sind ja heutzutage ohnehin irgendwie nicht mehr en vogue und zusammen mit der Allgemeinbildung schon vor geraumer Zeit heimlich, still und leise zu Grabe getragen, beziehungsweise im Morgengrauen irgendwo verscharrt worden, als alles noch in tiefem Schlaf lag.

Gestern am frühen Abend fuhren Lydia und ich dann ins Herz dieser Stadt: zum „Industrieclub“. Ein junger Künstler, der internationalen Anspruch sein eigen nennt und aus unserer Heimatstadt stammt, hatte seinen großen Auftritt dort. Und ich fühle mich sehr geehrt, denn er schüttelte sogar mir das eher volksnahe Händchen. Aber gegen den Künstler an sich will ich rein gar nichts sagen, denn der kam sehr nett und natürlich herüber – netter und erheblich natürlicher als größere Teile seines Publikums. Die meisten schienen einander zu kennen, und ich fühlte mehrfach fragende, teils abweisende Blicke auf Lydia und mir ruhen, als wolle man fragen: „Wer sind die denn?“ Nun gut, die anderen Anwesenden waren mir auch nicht bekannt, und als ich ihr teils – für mich persönlich – fragwürdiges Gebaren näher betrachtete, war ich auch froh darüber. Ein Busunternehmer war mit seiner Familie da – natürlich Mitglied des Clubs, da er Unternehmer ist. Die Töchter, von denen keine auch nur ein Wort sagte, hatten lange Storchenbeine und umso kürzere Kleidchen an, Spargelbeine, und sie schienen sich auch nur von Spargel ohne Beilagen zu ernähren. Wären sie gefallen, wären sie sicherlich sofort entzweigebrochen. Sprechen sah und hörte ich sie nie. Vielleicht war das auch besser so, denn ich hörte ihre Eltern reden, und das bereitete wenig Freude. Aber die beiden Mädels konnten – und darum beneide ich sie ein kleines bisschen – auf 10-Zentimeter-Bleistiftabsätzen nicht nur elegant und mit gekreuzten Beinen stehen, sondern sogar gehen! Wahrscheinlich haben sie Unterricht darin – ich hatte nur Klavierunterricht. Da kommt es auf die Beine nur dann an, wenn man die Pedale betätigen und sich auf dem Klavierhocker halten muss, was ohne Beine ganz schlecht möglich wäre.

Ich fühlte mich nicht die ganze Zeit wohl dort, eher so, wie sich der einzige Karpfen in einem See fühlen muss, wenn er einer Bande von Hechten ausgeliefert ist. Lydia und ich flanierten dann auch lieber herum und betrachteten die Kunstwerke. Einige gefielen mir sogar, vornehmlich die, bei denen nicht irgendwelche Tagebucheintragungen des Künstlers Motivation gewesen waren, wie partiell erklärend daneben geschrieben stand, dem ich angesichts mancher Abbildungen einen Besuch bei einem guten Psychotherapeuten angeraten hätte, um Traumata wirklich zu verarbeiten. Aber ich werde unfair: Einige Bilder fand ich wirklich klasse.

Dann wurden wir zusammengerufen, da nun die Begrüßungsrede gehalten wurde – ein Herr von der Sparkasse im feinen Zwirn hielt sie. Er schien mit seiner Uniform aus Teurer-Anzug-Krawatte-Seidenstrümpfe-Schuhe verwachsen, und er ist ein Bankmensch – daher verzieh ich ihm kleine Fehler hinsichtlich eher mein Fach, die Geisteswissenschaften, betreffende Dinge. Er übergab an eine Kunsthistorikerin, die offenbar selten vor Publikum spricht, dafür aber Aspekte an des Künstlers Werk hervorhob und mit unnötigen Metaphern versah, die einem unerfahrenen Kleinkind ins Gesicht hätten springen und das unschuldige Kind an der Kehle würgen müssen, so offensichtlich waren sie. Das Publikum lauschte gebannt. Zumindest zum Teil. Andere Teile flüsterten gut hörbar herum: „Hast du den/die gesehen? Unmöglich, das Kleid/der Anzug!“ Es ging so weit, dass mir der Künstler irgendwann Leid tat. Neben mir tuschelten zwei Damen herum, das – übrigens sehr schöne – Kleid einer mir völlig unbekannten Anwesenden, die aber wohl zur Hautevolée dieser Stadt gehört, sei ja wohl das Letzte. Sie selber standen im Freizeitlook und mit ausgelatschten Tretern da, was ich normalerweise – auch ich verfüge nicht über exorbitante Abendmode – für „echt revolutionär“ gehalten hätte. Dazu aber hätten sie einfach nur ganz selbstverständlich in ihrem Aufzug dastehen müssen und das festlichere Umfeld keineswegs wahrnehmen dürfen. Echtes Revoluzzertum wirkt nur dann, wenn man das zu Kritisierende vermeintlich gar nicht beachtet – dann erst wirkt die Revolte nebst Verachtung wirklich, da man den Feind nicht einmal einer Bemerkung würdigt. 😉

Ich war froh, als das Buffet eröffnet wurde, denn da meinte Lydia zu mir: „Was meinst du? Sollen wir nicht lieber ein Eis essen gehen? Irgendwie fühle ich mich hier nicht so wohl.“ – „Sehr gute Idee, mir geht es genauso!“ – „Du kommst doch aber auch aus solchen Kreisen!“ – „Ich? Bewahre! Bei uns ist keiner Geschäftsmann! Das dürften hier wohl die meisten sein – zumindest gebärden sie sich so.“ Und da grinste Lydia. Sie hatte verstanden, was ich meinte und das Publikum wohl ähnlich eingeschätzt wie ich. 😉

Ehrlich gestanden: Der schönste Teil des Abends war der in der Eisdiele, obwohl wir gegen eine Wespeninvasion kämpfen mussten. Auch der Stadtbummel hinterher war schön, obwohl die Geschäfte bereits geschlossen waren.

Ich konstatiere: Ich mag die vermeintliche Hautevolée nicht. Und ich frage mich: „Wenn das hier schon so schlimm ist, wie mag es dann in Städten wie München sein?“ 😉 Da bleibe ich doch lieber volksnah. Oder? 😉

Solltet Ihr mal Gast einer Vernissage sein: Ich wünsche euch viel Spaß! 😉

Von Warteschlangen und der falschen Haltestellenseite

Ich hasse Warteschlangen. Zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt. Warum? Nun ja, ich verabscheue auch Krieg. Und in Warteschlangen entstehen bisweilen kriegsähnliche Situationen. Jeder gegen jeden. Alt gegen Jung. Blond gegen Brünett. Meist siegt ohnehin nur einer: Dreist.

Stellt euch folgende Situation vor: Ihr wollt nur kurz nach Feierabend … Aber da fängt es ja schon an! „Kurz nach Feierabend“! Da beabsichtigt ihr tatsächlich, nur noch eben ein Zehnerpack Toilettenpapier (mit Kamillenaroma) zu kaufen, daneben noch ein Brot, zwei Packungen Magerquark, drei Bananen, ein halbes Pfund Tomaten und Kaffee! Teils dringend benötigt für den nächsten Tag, da ihr sonst nicht wisst, wie es überhaupt weitergehen soll, zumindest badhygienetechnisch, da das letzte Blatt Toilettenpapier bereits am Morgen verbraucht wurde. Und ohne den allerersten Kaffee morgens bin ich kaum zu gebrauchen. Wie naiv seid ihr eigentlich? 😉 „Kurz nach Feierabend“ endete bei mir – zumindest wenn ich von meiner Dozententätigkeit aus der Nachbarstadt per Zug heimkehrte – meist damit, dass ich Stunden nach meiner Abreise dort zu Hause eintraf und mich fragte, wo eigentlich die Zeit geblieben sei. Ich kann es euch verraten: im Supermarkt an der Kassenschlange.

Denn man stürmt als Berufstätiger nicht selten „nur kurz“ in dieses Geschäft, schleudert die gewünschten Artikel in den Einkaufswagen, manchmal auch Artikel, die man gar nicht kaufen wollte, die aber so verlockend im Weg standen und gut aussahen, es aber hinterher selten sind, und dann begibt man sich eilig zum Kassenbereich, da man wirklich nur eines will: nach Hause, dort die Füße hochlegen und seine Ruhe haben. Oder noch – bisweilen in manchen Tätigkeitsbereichen nötig – am Rechner sitzen, Studienmaterial recherchieren, Brandmails von Studis beantworten und dann irgendwann mit einem Bier vor dem Fernseher sitzen, und das in Ruhe. Aber meist steht ein Hindernis davor: die Kassenschlange.

Und ich stehe leider immer in der falschen. Gut, mir ist bewusst, dass das Gros der Menschen dies wahrscheinlich von sich behauptet, was im Grunde nicht ganz hinkommen kann, aber bei mir passieren wirklich immer die unglaublichsten Dinge. Ich bin vom Grunde her ein sehr gutmütiger Mensch, falle zwar bisweilen durch heftige Sprüche auf, kann aber von mir selber sagen: Ich bin eher ein Labrador als ein Rottweiler. (Ja, ich weiß, auch Rottweiler können unter konsequenter Erziehung die liebsten Hunde sein, die man sich nur vorstellen kann.) Ein getarnter Labrador. Aber auch der friedlichste Labrador beißt irgendwann zu, wenn man ihn nur hinreichend reizt. Bei mir ist es dann so, dass ich vom Labrador zum richtig giftigen Dobermann, der ich schon zuvor zu sein vorgab, mutieren kann. Kurz vor der Dobermann-Stufe kommt die des rachsüchtigen Wadenbeißers, was im Grunde auch eher meiner geringen Körpergröße entspricht. Aber normalerweise bin ich eigentlich ganz lieb. Nicht jedoch, wenn sich, wie erst heute wieder passiert, an einer von zwei geöffneten Kassen von insgesamt sechs – an der zweiten geöffneten Kasse ging es zwar schnell vonstatten, aber die Schlange war länger – eine Rentnerin (nein, ich will damit keineswegs pauschal Rentner verunglimpfen, denn ich weiß, die sind nicht alle gleich, und es gibt sehr viele nette und vernünftige – z. B. meine Eltern) kurz vor mir in zweiter Reihe anstellt und eine Art „Reißverschlussverfahren“ anstrebt, obwohl ich sie bereits darauf hingewiesen hatte, dass das Ende der Schlange sich eine Position hinter mir befände. Sie hörte zwar meine Worte, da laut genug geäußert, aber sie tat, als sei nichts passiert. Als es in der Reihe dann voran ging, schob sie ihren Wagen in noch spitzerem Winkel als zuvor zwischen meinen Vordermann und meinen Einkaufswagen, und obwohl ich schnell und wachsam gewesen war, schaffte sie es, mich auszubremsen. Ich gebot ihr, dies bitte zu unterlassen. Ich sagte: „Hallo? Haben Sie mich nicht verstanden, oder was soll das jetzt? Stellen Sie sich gefälligst hinten an!“ Meine Stimme klang schon etwas spitz und gereizt, aber die Dame, die keine solche war, reagierte gar nicht. Ich hasse es wie die Pest, mich öffentlich mit Leuten um des Kaisers Bart zu streiten, sogar dann, wenn ich im Recht bin, und in meinen Ohren rauschte es, als die Frau es tatsächlich schaffte, ihre Artikel vor mir aufs Band zu legen, weil sie meinem Wagen einen heftigen rückwärtigen Impuls gegeben hatte, der dafür sorgte, dass ich jetzt Magenschmerzen habe. Und dabei hat sie sich noch zu mir umgedreht und triumphierend: „Hm!“ gemacht, wie Oliver Hardy das immer machte, wenn er meinte, im Recht zu sein. Ich habe diesen unverschämten Bodycheck nicht unerwidert gelassen, denn ich rief empört und sehr laut, obwohl das sonst gar nicht meine Art ist: „Und für sowas wie Sie gehe ich arbeiten und finanziere Ihre Rente! Ja, danke schön!“ Im nächsten Moment schämte ich mich auch schon. Aber wie erstaunt war ich, als hinter mir Applaus und Rufe der Zustimmung laut wurden! So etwas hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nie erlebt! 😉 Und dann wurde auch schon eine weitere Kasse geöffnet, und die hinter mir Stehenden meinten zu mir: „Sie zuerst!“ Dabei entstehen bei solchen Dingen oft Rangeleien, weil auch da jeder der Erste sein will. Und meine Kassiererin war erheblich schneller als die an der Nebenkasse, und als ich knapp vor der dreisten Rentnerin fertig war, drehte ich mich zu ihr um und machte oliver-hardy-mäßig: „Hm!“  Da hatte sie noch die Stirn, zu mir zu sagen: „Frechheit! Sie sind ja noch jung und haben viel Zeit!“ Ah, ja. Ich fühlte mich sogleich zurückversetzt in die Zeiten, da ich als kleines Kind für meine Mutter Brötchen holen ging und immer wieder von erwachsenen Frauen, Müttern, abgedrängt wurde, und dies mit den Worten: „Kinder haben ja Zeit!“ Wäre unsere nette Bäckersfrau nicht gewesen, die mich stets verteidigte, da sie meine Ansicht vertrat, dass Kinder nicht benachteiligt werden dürften, würde ich wahrscheinlich noch heute dort im Geschäft stehen und endlich: „Fünf Brötchen, bitte!“ sagen. „Zwei mit Mohn, die anderen normal.“

Ich stehe irgendwie immer in der falschen Kassenschlange. Ich stehe auch immer auf der falschen Haltestellenseite. Während die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof immer pünktlich fährt, kommt meine in Gegenrichtung immer wieder zu spät. Manchmal auch gar nicht. Ich habe neulich ein kleines Experiment gemacht und mich in entgegengesetzter Richtung wartend hingestellt. Ihr werdet es nicht glauben – aber es war genau umgekehrt!

Mein treuester Freund scheint Murphy zu heißen. Oder ich habe die falsche Einstellung. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit – wie so oft – in der Mitte. 😉

Tücken und Fallstricke im Büroleben – aber manchmal ist es auch nett …

Mein Urlaub ist noch etwas entfernt, steht aber vermutlich Anfang September an. Bis dahin schwitze ich noch ein bisschen im nicht klimatisierten Büro (Südlage), zusammen mit meiner Kollegin, die zum Glück ein Glücksgriff ihres Chefs war. (Denn da hatte es neben ihr und anderen auch noch die Bewerberin gegeben, die sich von allen anderen dadurch unterschied, dass sie einen zackig-militärischen Kurzhaarschnitt hatte und mich, als sie sich bei mir vorstellte, bevor es ins Bewerbungsgespräch ging, auf meine freundlich gemeinte Frage: „Ah, dann sind Sie Frau Meier?“ nur unfreundlich anpöbelte: „Ja, sicher! Wer sonst?“ Die ging gar nicht, und meiner jetzigen Kollegin Janines Chef mit dem glücklichen Händchen war nach dem Bewerbungsgespräch wohl derselben Ansicht – sie hatte sich dort wohl ähnlich verhalten. Ich vermute, sie würde sich besser als Thekenfrau in einer Eckkneipe machen, in der „hundert Jahre Knast“, auf fünf bis zehn Leute verteilt, am Tresen stehen und Stammgäste sind, wo aufgrund der Stammkundschaft öfter mal renoviert werden muss und das dienstliche Auftreten der Polizei ebenfalls zum ganz normalen Alltag gehört, man eher vermutete, die Kneipe sei abgebrannt oder vom Ordnungsamt geschlossen worden, wenn man nicht dauernd Blaulicht und Martinshörner wahrnimmt, die dann vor dem Etablissement verstummen, während die Besatzung mehrerer Streifenwagen die Pinte stürmt. Vielleicht auch als Schließerin im Knast, da es ihr an „natürlicher Autorität“ keineswegs gebrach.)

Kollegen sind ja so eine Sache. Ähnlich wie Verwandte. Meist schon vorhanden, wenn man selber in das Arbeitsverhältnis einsteigt, manche kommen auch nach einem. Ich habe ebenso viel oder so wenig Grund, mich zu beschweren wie andere Arbeitnehmer auch. Aber es juckte mich heute in den Fingern, mal ein paar „Bürotypen“ zu charakterisieren.

Fangen wir an.

1. Der/die Unkomplizierte

Ist meist pünktlich, nett, unauffällig. Hat immer einen freundlichen Spruch parat, auch immer ein helfendes Händchen, wenn Not am Mann ist. Macht, was von ihm/ihr erwartet wird, aber auch Dinge darüber hinaus – z. B. in der Not-am-Mann-Situation. Spricht meist ruhig und gelassen. Probleme? Kennt der/die Unkomplizierte zwar sicher auch, aber verhält sich ruhig. (Leider gehöre ich nicht in diese Kategorie … ;-))

2. Die Stimmungskanone

Meist weithin zu hören. In zwei Unterkategorien verfügbar: nette Stimmungskanone und nervende solche. Tipp: Lernt frühzeitig, schon ohne Sicht auf den entsprechenden Kollegen oder die Kollegin, Stimmen zuzuordnen, bevor ihr die Person von Angesicht zu Angesicht seht, denn das bietet euch die Chance, schnell und ungesehen zu verschwinden, wenn Typ „nervende Stimmungskanone“ naht. Der Vorteil an beiden Typen, siehe oben: Man hört sie schon von weitem.

Die Stimmungskanone hat immer den neuesten Witz parat. Oder das, was sie für den neuesten Witz hält. Rammt einem gern den Ellbogen in die Seite oder haut einem auf die Schulter, speziell die nervende Variante. Ist bei Betriebsausflügen und Weihnachtsfeiern gern die- oder derjenige, die/der sich darum reißt, die Moderation zu machen, was nicht selten die Freude an der jeweiligen Veranstaltung drastisch schmälert. Tipp: Ohropax mitnehmen. Hat zwar den Nachteil, dass ihr dann auch nicht mehr hört, was die netten Kollegen zu euch sagen, aber Schwund ist immer.

3. Die/der Unauffällige

Ist so unauffällig, dass man sich manchmal fragt: „Ooops, haben wir eine/n Neue/n?“, obwohl der- oder diejenige bereits seit zwei Jahren Kollegenstatus innehat. Denn meist sitzt er/sie abgeschottet im Büro mit geschlossener Tür, und bei einem etwaigen Zusammentreffen auf dem Flur oder der Toilette muss man dann nach anfänglicher Verwirrung, wer das eigentlich sei, oft lernen, dass er gar nicht „Jürgen“ und sie nicht „Sabine“ heißt, zwei Namen, die so oft vorkommen und so unauffällig sind, dass man sich bei der Flur-/Toilettensituation dann wundert, dass er oder sie gar nicht so heißt, sondern vielmehr „Dieter“ oder „Gabi“. Nun gut … Meist entpuppt sich dieser Kollegentyp aber als sehr nett, nur jedes Mal von neuem zu „knacken“. Das ist aber allemal besser als …

4. Der/die Allwissende

Meist präpotent, drängt einem dauernd Tipps auf. Kann alles, weiß alles, und natürlich alles besser als der jeweilige Gesprächspartner. Weiß auch in des Gesprächspartners Fachgebiet alles besser, obwohl sich dem Gesprächspartner bisweilen die Zehennägel hochrollen, wenn er oder sie mal wieder im ihm oder ihr eigenen Spezialgebiet belehrt werden soll – und das auch noch falsch. Sehr schwer zu ertragende Kollegenspezies. Nicht hinhören hilft nicht, da der/die Allwissende auch noch sehr beharrlich ist – schließlich will er der dumpf-unwissenden Umwelt ja durch seine oder ihre Allwissenheit nur helfen. Oder? Nein. Eigentlich will er der vermeintlich dumpf-unwissenden Umwelt beweisen, dass sie dumpf und unwissend sei, er oder sie jedoch alles wisse. Typ: „Herr Lehrer, ich weiß was! Und ich weiß alles besser als Sie und der Rest der Welt!“ Immer wieder frage ich mich nach der Motivation solcher Menschen. Ist es ein Komplex? Zu kurz gekommen? Zu früh vom Töpfchen geholt, als das Kind den Eltern gerade zeigen wollte, dass es einen perfekt geformten Violinschlüssel oder seinen Vornamen hineindefäkiert hatte, die ihm aber nur grobmotorisch den kleinen Hintern abwischten und das perfekt geformte Exkrement ungesehen und damit unbewundert in die Toilette kippten und die Spülung betätigten? Ich gebe zu, es geht gerade die Phantasie mit mir durch, aber ich begreife die Motivation solcher Menschen einfach nicht und versuche natürlich, Erklärungen zu finden. 😉

5. Der Wachhund

Typ „pünktlicher und aufrechter Steuerzahler“. Dagegen habe ich gar nichts, mache ich ja selber so, aber nicht mit der Attitüde, zu glauben, dadurch ein besserer Mensch zu sein. Ich mache es einfach, und gut ist es. Ich denke, ihr wisst, wo der Unterschied liegt. 😉

Dieser Typus hingegen hält seine eigene Lebensweise und Wertmaßstäbe für das Maß aller Dinge, und er kann es nicht ertragen, wenn andere anders handeln. Rauchen während der Arbeitszeit? Pfui Spinne! Geht ja gar nicht! Wird sofort registriert und notiert, ungeachtet der Tatsache, dass die Kollegen, die zum Rauchen nach draußen gehen, keine halbstündige Mittagspause am Stück machen, sondern sich diese aufteilen und dann hinausgehen, wenn gerade rein gar nichts anliegt und sich eine kurze Abwesenheit vertreten lässt. Problem: Der „Wachhund“ ist viel zu sehr mit Aufpassen beschäftigt, um zu begreifen, dass andere Leute durchaus mitdenken und nicht einfach – „Oi! Let’s party!“ – nach Lust und Laune und trotz klingelnder Telefone ihren Arbeitsplatz verlassen. Meist fehlen dem „Wachhund“ dazu jegliche Rezeptoren. Er ist halt ein Mensch mit ausgeprägtem Obrigkeitsdenken, dafür ohne jegliche Phantasie. Ich habe zumindest noch nie jemanden dieses Typus‘ kennengelernt, der in der Lage war, mal etwas flexibel zu denken und zu handeln. Eigentlich hatte ich bis dato immer Mitleid, aber manchmal geht es auch mir zu weit. 😉 Ich hatte mal einen Chef, der so war – ich erinnere mich nur ungern. Stets stand seine Tür offen, damit er auch alles beobachten und mithören konnte. Einen Arzttermin vom Diensttelefon vereinbaren, obwohl private Gespräche gestattet sind? Ging gar nicht, da vom Chef stets registriert und man Bedenken haben musste, Nachteile zu haben. Der Chef hatte zwar kein Obrigkeitsdenken, dafür aber eine ebenfalls erschreckende Denkungsart, da Untergebene für ihn im Grunde gar keine Menschen, sondern mehr Besitz waren. Und damit kann man ja umgehen, wie es einem beliebt, nicht wahr?

6. Der/die Futterneidische

Auch ein schlimmes Exemplar, da von ihm keineswegs geduldet wird, dass andere gegebenenfalls Spaß während der Arbeitszeit haben. Nicht sonderlich klug, da jeder denkende Mensch weiß, dass Arbeit viel leichter und effizienter erledigt wird, wenn die Mitarbeiter gute Laune haben. Aber wenn der oder die Futterneidische selber keinen Spaß hat, dürfen auch andere nicht. Als Vorgesetzte/r das Grauen, da er/sie gerne mit rigiden Maßnahmen droht, wenn er oder sie sieht, dass andere keineswegs so verbissen bei der Arbeit sind, als würden sie auf Hühnerkacke beißen.

7. Der/die Laute, Fröhliche

Nicht zu verwechseln mit der Stimmungskanone, da die laute, fröhliche Stimmung nicht aus dem Wunsch heraus entsteht, einen Wettbewerb gewinnen zu wollen. Gemeinsamkeit: Beide sind weithin zu hören. Treffen zwei Laute, Fröhliche in einem Büro aufeinander, kann es – zugegeben – für die Umwelt bisweilen anstrengend werden. Bestenfalls wirkt die Stimmung ansteckend, kann aber auch Nachteile mit sich bringen. Zum Beispiel dann, wenn ein „Wachhund“ oder ein/eine „Futterneidische/r“ auf demselben Flur sitzt.

8. Die Zicke

Auch hier gibt es zwei Unterkategorien, ganz anders als beim „Wachhund“, dem oder der „Allwissenden“ et al.: Die Dauerzicke und die Teilzeitzicke. Ich gebe zu, ich bin eine echte Teilzeitzicke. Je nach Tagesform oder Vorlage muss auch ich leider zugeben, bisweilen zum Zickentum zu tendieren. Jedoch nie grundlos. Aber ich meine es nie böse, und meist ist der Anfall auch relativ schnell vorbei.

Die Dauerzicke ist das kalte Grauen. Kommt man mit einer Dienstanweisung zu ihr, wird sogleich gezickt, und das unabhängig davon, ob die Zicke männlich oder weiblich ist, als habe man verlangt, dass sie oder er sich den rechten oder linken (je nach Ausrichtung) Arm abhacken lasse! Oder als ob man bereits das Beil zur Vollstreckung dabei habe! Oft gehört dann: „Als hätte ich nicht ohnehin schon bis über beide Ohren zu tun!“, gepaart mit einem Gebaren, als handle es sich keineswegs um einen zum Arbeitsbereich der Dauerzicke gehörenden Tatbestand. Im schlimmsten Fall grüßt die Dauerzicke einen dann auch längere Zeit nicht. Da bleibe ich lieber Teilzeitzicke. Ist auch wesentlich spannender. 😉

9. Die/der Esoteriker/in

Hierzu habe ich bereits anderweitig viel geschrieben. Ganz schlimme Kategorie. Lieber arbeite ich in einem Areal, das angeblich auf einem Wasserader-Vorkommen, dem Mississippi-Delta nicht unähnlich, stehe, als mit einem/einer Esoteriker/in in einem Büro.

10. Die/der stets vermeintlich Überarbeitete

Klagt stets über Überarbeitung, macht dann aber zweistündige Mittagspausen (ohne sich auszustempeln) und spannt dann, weil er termintechnisch in die Bredouille gerät, völlig Unbeteiligte ein, sofern die das mit sich machen lassen. Belegt gern esoterische Seminare, die er dann antritt, wenn er gerade einen Vorgang angeleiert hat, der Besprechungstermine auch mit ihm enthält, die er dann aber nicht wahrnehmen kann, weil gerade zur Entspannung und Selbstfindung im Kloster. Sollen doch andere einander die Köppe einschlagen! Bekommt erstaunlicherweise dennoch immer alles, was er will. Ob Magie im Spiel ist? 😉

11. Die/der Kollegin/Kollege, den jeder mag

Richtet einem das Smartphone ein, ist immer freundlich, weiß aber genau, was er will und was geht und nicht. Eindeutig positiv.

12. Der/die Gelassene, Freundliche

Hat immer ein freundliches Wort. Wirkt beruhigend auf Leute, die bisweilen impulsiv sind. Rettet so manchen grauenhaften Arbeitstag und sorgt für gute Stimmung, bisweilen durch reine Anwesenheit. Ist stets hilfsbereit und klug, da er sich von etwaigen Zickereien gar nichts annimmt.

Ich habe das Dutzend voll – aber es gibt noch viele andere Typen. Natürlich sind nicht immer alles ganz „artreine“ Typen. Manchmal gibt es auch Abweichungen und/oder Kombinationen. Ganz schlimm ist die Kombination aus folgenden Typen: „Allwissende/r“, „Wachhund“ und „Futterneidische/r/m“. Gibt es nicht? O doch! 😉 Und: Nein, ich bin es nicht. Ich erfreue mich nur derzeit mal wieder an einer solchen Kombination. 🙂

Alles Gute im Büroalltag mit seinen Freuden, aber auch Fallstricken! 🙂 Und merkt euch eins unbedingt: Nie unterkriegen lassen! 🙂 Und noch eine kleine Wahrheit: Es ist nie, wirklich niemals, gut, wenn zu viele Frauen in einer Abteilung sind. Ich sage das voller Überzeugung, obwohl bzw. weil ich selber eine Frau bin. In solchen Abteilungen herrscht nicht selten Hauen und Stechen, und das ist einer der Gründe, warum ich viel lieber mit Männern zusammen arbeite. Ausnahmen bestätigen die Regel. 🙂