„Twit for twat“ …

Als berufstätiger Mensch ist man ja bisweilen in einer gewissen Routine gefangen – gerade im Büroalltag schleichen sich gern Stereotype ein, die schlimmstenfalls zu großer Unzufriedenheit oder gar Unfrieden führen können. Ich hatte ja – ich berichtete mehrfach – jahrelang einen Kollegen, mit dem ich nicht harmonierte. Wir passten absolut nicht zusammen in unserem Zweierbüro. Problematisch war, dass er sich in der Chefposition sah und bis zum Schluss, bis zu seinem Ausscheiden, nicht realisiert hatte, dass wir gleich positioniert waren. Dauernd bestimmte er rücksichtslos den Büroalltag, und dies trotz diverser Versuche klärender Gespräche. Unterhielt ich mich im Büro mit netten Kollegen und lachte, fühlte er sich oft gestört – er müsse sich konzentrieren. Umgekehrt galt dies aber nicht – ich wurde angeherrscht, wenn ich freundlich um etwas mehr Ruhe bat, wenn ich mich ebenfalls konzentrieren musste. Ich durfte mich oft nicht einmal leise unterhalten, während er – er verfügt über eine nahezu groteske Lache mit echtem Nervfaktor – ständig lauthals lachte, laut privat telefonierte oder, und das machte er besonders gern und oft, da er wohl gar nicht wahrnahm, dass dies andere stören könne, er knallte die Türen. Ganz gleich, ob Büro- oder Schranktür – sie wurde geknallt, und dies teilweise in Serie, so dass ich schon versucht war, zu fragen, ob er und seine Frau zu Hause Säcke vor den Raumein- und -ausgängen zu hängen hätten, so dass er mit der einfachen Handhabung von Türklinken und Schranktürgriffen nicht vertraut sei. Aber das hätte nur zu Streit geführt. Jegliche Kritik an seinem Verhalten war ungezogen. 😉 Leider sah er das so, denn in mir staute sich einiges an, und so dachte ich, dass ich vielleicht mal wieder eine Fortbildung machen könne – mir war alles recht, mal drei Tage aus dem Büro fliehen zu können, und warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

Und da die Stimmung im Büro mal wieder recht gespannt war – Kollege Birger hatte ganze fünf Wochen keinen Tag Urlaub gehabt und war darob völlig überlastet -, beschloss ich, aus dem Fortbildungskatalog einen Lehrgang in Sachen Psychologie auszuwählen. Ich fand auch gleich etwas Passendes, nämlich einen Kurs mit dem tollen Titel: „Gleich knallt’s! Wie man mit Konflikten am Arbeitsplatz umgehen kann.“ Sofort mit dem Chef gesprochen, der die Fortbildung prompt genehmigte, und den Antrag in der Personalabteilung eingereicht, wo der dort zuständige Kollege, um die gespannte Stimmung in unserem Büro wissend, eigens noch einmal seinen Rechner hochfuhr, um mich noch schnell anzumelden, obwohl er schon gestiefelt und gespornt dastand und offiziell Feierabend hatte.

Zwei Wochen später fuhr ich mit der Bahn in eine der Nachbarstädte, wo das Fortbildungszentrum liegt, in dem dieser Hilfe versprechende Lehrgang angeboten wurde. Ich wollte dort auch übernachten, da die Fortbildung an drei Tagen schon immer sehr früh begann.

Es wurde dann auch recht interessant. In der ersten Sitzung mussten wir uns vorstellen und von unseren Konflikten berichten. Obwohl ich mich durchaus erfolgreich dazu zwang, alles möglichst unspektakulär darzustellen, was sich mir Tag für Tag im Büro so bot, wobei ich einige Aspekte sogar noch aussparte oder lachend verharmloste, da mir die grausame Wahrheit selber völlig durchgeknallt vorkam, mutierten meine alltäglichen, drastisch verharmlosten Beispiele rasch zum Paradebeispiel. Ich glaube, der Psychologe, der den Kurs leitete, war froh, ein solch plastisches Beispiel präsent zu haben. Mir gefiel das gar nicht so, zumal die anderen Teilnehmer ja auch Probleme hatten und ich nicht allein im Kurs saß. Dennoch – der Psychologe zog immer meine Alltagserfahrungen heran.

Wir lernten verschiedene Methoden, mit Störfaktoren umzugehen. Unter anderem auch die „Tit for tat“-Methode. Gleiches mit Gleichem vergelten, was dem Gegenüber als Spiegelung der eigenen Verhaltensweisen, die sich störend auswirken, helfen soll, zu erkennen, dass seine Verhaltensweise durchaus nicht opportun sei. Ich hätte mir im Grunde die ganze Fortbildung sparen können, denn das ist schon ein drastisches Mittel, auf das ich auch selber gekommen wäre, wenn es denn auch nicht meinem Wesen entspricht – es sei denn, mir reißt die Hutschnur. Doch genau dieses Reißen wollte ich ja vermeiden, und „tit for tat“ bei mir im Büro hätte nur zu weiteren Konflikten geführt, da meinem Kollegen gar nicht klar geworden wäre, wie ich ihn kenne, dass sein eigenes Verhalten gespiegelt werde. Ich hege sogar den Verdacht, dass ich erneut angeherrscht und heftig für jegliche Abwesenheit von Sensibilität gescholten worden wäre, hätte ich meinerseits begonnen, im Akkord sämtliche Türen zu knallen, laut, wiehernd und kreischend zu lachen, am Telefon zu brüllen oder gar fröhliche Lieder zu singen, während mein Kollege ein dienstliches Telefonat zu führen versuchte … Aber der Dozent war nett und machte seine Sache gut, sonst wäre ich wohl wirklich besser sofort abgereist, wie mir etwas später klar wurde.

Denn es bahnte sich während der Fortbildung ein neuer Konflikt an, von dem ich allerdings noch gar nichts ahnte … Das wurde mir erst zwei Wochen nach der Fortbildung klar, nach deren Ende ich mit einem der männlichen Kursteilnehmer zusammen mit dem Bus zum Bahnhof gefahren war und der „Kollege“ gemeint hatte, man könne ja mal mailen. Ja, klar, warum nicht? Ich maile gern, und der Typ war so ganz nett. Und so tauschten wir unsere Mailadressen aus und dann auch tatsächlich einige Mails.

Irgendwann fragte er, ob man nicht einmal einen Kaffee zusammen trinken könne. Klar, Kaffee trinken – warum nicht? Ich trinke gern Kaffee, und ich unterhalte mich gern mit netten Leuten. Und so trafen wir uns, tranken Kaffee, unterhielten uns, und danach gingen wir sogar noch etwas im Park spazieren. Ich erfuhr, dass er mit seiner Partnerin wohl Probleme habe, es war ohnehin alles sehr problematisch, was er so beklagte. Mir wurde ganz beklommen zumute – es klang alles irgendwie bedrückend. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gegangen, wollte aber nicht unhöflich sein – wieso erzählte er mir das alles? Wir hatten nur ein paarmal gemailt und eben jetzt zusammen einen Kaffee getrunken … Zum Glück musste er dann aber auch fahren, da seine vier Kinder ihn erwarteten. Die Partnerin wohl nicht so, denn die interessiere sich gar nicht für ihn, wie er monierte.

Als er weg war, musste ich erst einmal einen Gewaltmarsch machen, um meinen Kopf wieder freizukriegen – seine Erzählungen hatten auf mich gewirkt wie die Lektüre eines Buches von Hans Fallada …

Es kamen weitere Mails, die ich auch beantwortete, da manche von ihnen ganz amüsant waren. Aber ich hatte zunehmend den Eindruck, dass er sich in einer Art Beziehung mit mir wähnte. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden, vor allem, als er mit mir „die Stätten seiner Kindheit“ besuchen wollte, auf dass wir dieses ergreifende Erlebnis gemeinsam hätten.

Und so schrieb ich eine freundliche, aber bestimmte Mail, in der ich ihm erklärte, Kaffeetrinken sei okay, aber er sei andererseits etwas voreilig. Es sei wohl besser, würden wir den Kontakt abbrechen. Seine Reaktion kam prompt: Offenbar brauchte ich wohl noch Zeit, aber es passe doch alles so perfekt, und überhaupt. Er sei gewillt, mir diese Zeit zu gewähren, habe aber gleich gewusst, dass da mehr sei, als ich vor ihm am ersten Tag der Fortbildung das Fortbildungszentrum betreten habe. Hä? Wie meinen? Er hatte mich doch wohl nur von hinten gesehen! Führt meine Kehrseite irgendwie ein Eigenleben und sendet mit meinem Willen keineswegs zu vereinbarende Signale? Ich hatte ihn gar nicht wahrgenommen und fragte mich nun, nach welchen Kriterien er derlei Dinge wohl beurteilte … Ich fand es sogar etwas gruselig, muss ich zugeben, und so beschloss ich spontan, diese Mail zunächst unbeantwortet zu lassen und mich lieber am Wochenende mit einem guten Freund in Aachen zu treffen, was ich auch tat. Dem erzählte ich alles, und er wollte meine letzte Mail sehen. „Ah! Du warst zu freundlich! Das hat der nicht kapiert! Obwohl – es sind schon deutliche Worte. Und der redet sie sich offenbar für seine Zwecke passend, egal, was du schreibst. Das ist etwas gruselig.“ – „Ich wollte niemandem wehtun! Was mache ich denn jetzt? Nicht, dass der eines Tages bei mir vor der Tür steht!“ – „Meinst du?“ – „Nichts ist unmöglich! Sieh doch mal – der hat mir in der Zwischenzeit schon wieder dreimal geschrieben, und jedes Mal schmalziger!“ Anklagend streckte ich Giacomo mein Smartphone hin. Giacomo las und schüttelte nur den Kopf: „Na, hoffentlich ist das kein Stalker! Pass auf, wir machen das so: Du schreibst, wenn du wieder zu Hause bist, eine Mail, eine richtig verärgerte Mail, und die schickst du mir dann, und ich redigiere sie. Alles, was zu freundlich ist, fliegt raus und wird durch klare, harte Worte ersetzt! Ich finde das jetzt auch etwas beunruhigend, vor allem, was der da alles schreibt. Nicht, dass der eines Tages wirklich bei dir vor der Tür steht!“

Jetzt wurde mir richtig bange. Wenn Giacomo das schon sagte, der die Dinge sonst eher entspannt sah … Der meinte nur: „Kann man dich eigentlich nirgendwo alleine hin lassen?“ – „Ja, mach dich nur über mich lustig! Ich mache mir hier Sorgen, und du lästerst!“ Das Wochenende verlief dann für mich auch eher angespannt …

Zu Hause fand ich einen Brief im Briefkasten vor! Man sei so traurig, aber weiterhin gewillt, mir Zeit zu lassen. Man müsse ja auch nicht sofort zu erheblich weiteren Dingen schreiten. Nein! Ob ich mal Gewalt erfahren hätte, weil ich so zurückhaltend und vorsichtig sei, stand da. Klar, alle anderen Geisterfahrer, nur er selber nicht … Ich schrie laut und ohne Rücksicht auf die Nachbarn: „Nein! Höchstens verbale, hier aus diesem Brief! Denn ich fühle mich massiv bedrängt und belästigt, und das ist für mich schon eine Form von Gewalt, Depp!“ Es gibt Momente, da wäre es praktisch, einen offenen Kamin zu haben. Ich hätte nach dem Lesen des Briefs in rekordartiger Geschwindigkeit Feuerholz für mich und die gesamte Nachbarschaft für eine Woche spalten können! Und mit dem Brief das Feuerholz im Kamin anzünden …

Da ich jedoch keinen offenen Kamin besitze, setzte ich mich lieber an den Rechner und schrieb eine ziemlich zornige Mail – die letzten Schmachtmails von meinem Kurskollegen hatten mich schon sehr erzürnt, und dieser Brief gab mir den Rest! Als sie fertig war, und dies mit der Anordnung, sich gefälligst nie wieder bei mir zu melden, sandte ich sie Giacomo, der mich umgehend anrief und staunend meinte: „Da muss gar nichts geändert werden! Donnerwetter! Ich wusste nicht, dass du so wütende Mails schreiben kannst! Schick sie gleich ab.“ Das tat ich, und es kam erst keine Antwort. Ich fühlte mich schon fast sicher, offenbar hatte der Typ begriffen, dass ich mir jeglichen Kontakt verbeten hatte. Bis dann doch eine Mail eintraf, und dies mit den Worten, er wolle meinem Wunsch, nichts mehr von ihm zu hören, nachkommen. Wie bitte? Wozu dann diese Mail? Und dies in einem sanft säuselnden Tonfall, der mich an Sirup erinnerte, der von einem Löffel rinnt – klebrig und dickflüssig-träge. Auch sei sehr bedauerlich, dass ich offenbar noch nicht „so weit“ sei … Ich war kurz davor, vor Wut mein Laptop mit Schmackes aus dem Fenster zu schmeißen, aber das wäre ja eher unklug gewesen. Ich kochte mir lieber einen Tee.

Mein Fazit: Offenbar gehöre ich zu den Menschen, die zu einem Konfliktlösungsseminar fahren, ohne den bestehenden Konflikt lösen zu können, dafür mit einem weiteren Problem heimkehren. 😉 Und was von „tit for tat“ in diesem speziellen Kontext zu halten ist: Auch das hätte nicht funktioniert – im Gegenteil. Jeglicher Spiegelungsversuch des schmachtend-störenden Verhaltens meines Gegenübers hätte mich sicherlich noch tiefer in das Problem geführt, da man es für eine weitere vermeintliche „so wundervolle“ Übereinstimmung gehalten und „besungen“ hätte. Und ich hatte doch wirklich nur Kaffee trinken wollen! Ich finde Übereinstimmungen, wenn man einander kennenlernt, sehr schön – aber sie sollten auch wirklich gegeben sein. Hier herrschte: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Und das auf eine wirklich beunruhigende Weise …

Seitdem bin ich vorsichtig mit Fortbildungen. Zumindest mit solchen aus der Kategorie „Psychologie“ … 😉

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