Verwandte sind auch Menschen … aber trotzdem pfui!

Böse klingt dieser Satz, nicht sonderlich nett. Aber er enthält doch mindestens ein Fünkchen Wahrheit, und wenn wir alle mal in uns gehen, werden wir im Optimalfalle auch irgendwann leise grinsen, wenn wir über die Aussage nachdenken und uns unsere eigene Mischpoke vor Augen führen. Immerhin kann man sich Freunde aussuchen, Verwandte jedoch nicht. Die werden einfach so geliefert oder sind schon da, abhängig davon, ob man selbst die oder der Neuankömmling ist oder umgekehrt. So manches Elternpaar hat sich sicherlich schon öfter gedacht, dass die Vorfreude auf das sich ankündigende Baby sicherlich die schönste Freude gewesen sei, wenn sich nach der Geburt immer mehr herauskristallisierte, dass der neue, kleine Erdenbürger von Jahr zu Jahr mehr in erschreckender Weise dem stets jähzornigen, kleinmütigen Erbonkel Ernst ähnelt, der bei Familienfeiern immer nur eingeladen ist, weil er eben der Erbonkel ist. Oder weil die kleine Sappho-Eurydike, mit solch wunderbar tragenden und bedeutenden Namen behaftet, leider ebenso auf Äußerlichkeiten steht wie Onkel Hans-Joachim und nicht selten recht oberflächlich daherkommt. Die Wege der Genetik sind bisweilen sehr verschlungen, was ich bereits auf dem Gymnasium feststellen musste, als ich in dem Halbjahr, da wir in Biologie Genetik durchnahmen, mit zwei großen, runden Fünfen aus den beiden Halbjahresklausuren hervorging. Ich gebe es immerhin zu – für mich sind die Wege der Genetik stets verschlungen geblieben. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich muss es akzeptieren, und das tue ich auch – außerdem bleibt mir auf diese Weise doch ein bisschen mehr an vermeintlichen Wundern erhalten, wo andere, die das Prinzip verstanden haben, wissend von F1- und F2-Generation sprechen und die Zusammenhänge überblicken. Man muss das positiv sehen und ganz nach dem Motto: „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht“ vorgehen. Einer meiner Wahlsprüche. Ich lache recht oft, auch das muss ich zugeben. Bisweilen sogar aus echter Überzeugung. Manchmal aber auch nicht.

Den Spruch über die Verwandten habe ich neulich meiner Kollegin Isabelle genannt, als diese einmal mehr etwas zerknittert im Dozentenraum des Sprachenzentrums an der Uni, an der ich als Dozentin tätig bin, auftauchte. Isabelle ist sonst stets fröhlich, und wir verstehen einander recht gut, da sie eine Sarkastikerin ist, mit der man hervorragend herumfrotzeln kann. Zwar gibt sie nie übermäßig viel von sich preis, aber auch da ähneln wir einander, denn wenn wir auch beide viel reden und Witze machen, wissen nur wenige Menschen, wie es in uns eigentlich aussieht. Muss ja auch nicht jeder wissen, und manchmal ist weniger mehr. Viele Menschen sind ohnehin nicht wirklich daran interessiert, wie es Mitmenschen gehe, und wir alle wissen ja, dass man die Frage: „Wie geht’s?“ am besten mit: „Muss“ beantwortet. Das ist eine soziale Konvention, und keiner kann sich beklagen.

Neulich saß ich mal wieder mit einem Kaffee im Dozentenraum, da ich eine lange Pause zwischen zwei Seminaren habe, als Isabelle hereinkam. Ich freute mich, sie zu sehen, denn ich bekomme von meinen Kollegen sonst eher wenig mit, da wir ja dauernd auf dem Sprung und zwischen verschiedenen Seminarräumen unterwegs sind.

An jenem Tag machte sie einen etwas bekümmerten Eindruck auf mich, und ich fragte: „Ist irgendetwas passiert?“, nachdem sie pflichtschuldig ihr „Muss“ auf meine Frage, wie es ihr gehe, geliefert hatte. Und da druckste sie etwas herum, dass es ihr nicht so gut gehe – sie sei wohl urlaubsreif, fühle sich total „weichgekocht“ und ebenso „weich in der Birne“. Ihr Leben ein einziges Desaster, sie selber seit Tagen nicht in den Schlaf gekommen. Das tat mir leid – ich kenne solche Phasen. Man fühlt sich völlig überflüssig, hadert mit Gott und der Welt, am meisten aber mit sich selber. Ich habe solche Nächte schon mit meinem Laptop im Bett verbracht und sämtliche Folgen des  Münsteraner „Tatorts“ gesehen, wenn ich nicht schlafen konnte, weil der bisweilen so albern ist, dass man wenigstens da etwas zu grinsen hat, wenn es sonst schon nichts zu lachen gibt. In besonders heftigen Fällen hilft allerdings Quentin Tarantino oder Vergleichbares besser.

Sie erzählte, und da glaubte ich, Tränen in ihren Augen auszumachen, wollte aber nicht so hinstarren, dass sie wieder einmal mit ihrer Mutter telefoniert habe. Ihr Vater habe doch am 30. Geburtstag, und da habe sie eigentlich hingewollt, obwohl ihre Schwester, zu der sie „mit Gründen“ keinen Kontakt pflege, anwesend sei, ebenso eine Tante, die Isabelles Schwester stets auf ein Podest stelle, an Isa aber dauernd herumkritisiere, egal, wie sehr Isa sich ins Zeug lege, einmal anerkannt zu werden. Die Schwester, die auf den wunderbaren Namen Solveig hört, könne nichts falsch, sie, Isa, nichts richtig machen, und dies sei schon seit der Kindheit so. Isa meinte, es klänge für meine Ohren sicherlich lächerlich, aber sie leide bereits von Kindesbeinen darunter, dass Solveig, die stets Strahlende, von den meisten Leuten bevorzugt werde, während sie, Isa, da ruhiger, immer unter „ferner liefen“ rangiere, wofür sie von besagter Tante auch noch kritisiert werde – Solveig sei nun einmal interessanter.

Ich starrte Isabelle an und meinte: „Das stimmt doch gar nicht. Deine Schwester ist nicht interessanter. Ganz und gar nicht.“ Ich hatte sie einmal kennengelernt, als ich Isabelle in der Stadt zusammen mit ihr getroffen hatte. Was stimmte, war, dass Solveig sich sehr gut in Szene setzen konnte, dauernd alle Leute mit gefletschten Zähnen und in Colgate-Manier anstrahlte, auch einen vorbeigehenden Dobermann, der daraufhin wütend wurde und auf Solveig losgehen wollte – es lag wohl an ihren gebleckten Zähnen. (Ich fand das – ich gebe zu, etwas gemein – sehr erheiternd. Ich würde niemals einem Hund direkt in die Augen starren und dabei meine Zähne fletschen – Solveig war empört und meinte nur, dass der Hund mal besser einen Maulkorb tragen solle.) Was sie erzählte, fand ich nicht unbedingt nobelpreisverdächtig. Am schlimmsten aber fand ich, dass sie Isabelle, meine von mir sehr geschätzte Kollegin, behandelte, als sei diese sowohl vor die Pumpe gelaufen als auch stocktaub, da sie Witze über sie machte, die ich meiner Schwester nie verziehen hätte.

„Meinst du das ernst?“ fragte Isabelle. „Das meine ich absolut ernst. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit deiner Schwester befreundet zu sein, denn es zählen ja durchaus auch erste Eindrücke. Mag sein, dass manche Leute einen sehr positiven ersten Eindruck von deiner Schwester haben – bei mir war das anders. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich, wie du ja auch, so viel mit Menschen arbeite, dass ich da eine etwas strengere, genauere Sichtweise habe und auch genauer hinhöre, was sie sagen. Und wie.“

Isabelle seufzte und meinte: „Heute habe ich mit meinen Eltern telefoniert, und da meinte meine Mutter, dass sie doch lieber wegen Papas Geburtstag separat mit mir essen gehen wollten, nach dem eigentlichen Geburtstag, da ja Solveig und meine Tante an diesem Tag anwesend sein würden – und das sei ja etwas heikel und mir nicht zuzumuten, dass ich die ganze Zeit daneben sitze und gute Miene zum bösen Spiel machen soll, was mir nicht leichtfällt, da ich Ungerechtigkeit nicht gut vertrage und – wenn es wirklich zu viel wird – auch richtig sauer werden kann.“

Ich schnappte nach Luft. Wie bitte? Es sei Isabelle nicht zuzumuten, dass sich zwei Selbstdarstellerinnen auf Isabelles Kosten selbst darstellen, und so wurde sie auf einen anderen Tag und auf „ferner liefen“ verlegt? Hui! Ziemlich starker Tobak – meine Eltern würden so etwas zum Glück niemals machen. Wie muss man sich denn fühlen, wenn man als Tochter lieber draußen bleiben soll, weil andere sich ausleben können sollen, wie es ihnen beliebt, weil sie ja nun einmal so seien, wie sie sind, was man Isabelle als Grund angab, wie sie mir erzählte. Ich war schockiert, das muss ich ehrlich zugeben. Da gesteht man zwei Menschen zu, eben so zu sein, wie sie sind, so weit, so gut. Ist ja sehr tolerant und gar nicht verkehrt. Aber wenn man da so großzügig ist, sollte man dies auch mit anderen sein und Isabelles Eigenheiten doch ebenso bewerten. Das sagte ich ihr auch, aber sie lachte nur sarkastisch. Ich sagte lieber nichts mehr, während sie anfing, sich selber zu bezichtigen, leider etwas impulsiv und mit einem übersteigerten Gerechtigkeitsempfinden ausgestattet zu sein. Ich bat sie, aufzuhören – es lag wohl neben der originären Ungerechtigkeit daran, dass auch ich ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden mein eigen nenne. Und impulsiv bin ich auch. Ich finde das inzwischen aber gar nicht mehr so verkehrt: Warum soll man nicht sagen dürfen, dass einen Ungerechtigkeiten ankotzen, und das genau so? Vor allem dann, wenn man selber sehr sensibel ist?

Ich gab Isabelle den Tipp, schnoddriger zu agieren. Zwar glauben dann viele Leute, man sei wenig sensibel oder gar frech, und Männer hauen einem dann gerne schon mal auf die Schulter und erklären, man sei ja ein echter Kumpel, aber das sei doch besser, als ewig dafür gescholten zu werden, man sei zu empfindlich und dann gegebenenfalls bei Familienfeiern, im Gegensatz zu Erbonkel Ernst, ausgeladen zu werden.

Sonderlich überzeugt wirkte Isabelle nicht. Und so griff ich zu meiner letzten Waffe und gab den Spruch, von einer echten Fränkin stammend und einst voller Überzeugung vorgebracht, zum Besten: „Verwandde ssann fei aa Menschen – aber drrroddsdämm pfui!“

Da lachte Isabelle und nahm mich in den Arm. Zwei Tränen liefen zwar noch, aber ich hoffe, es waren Lachtränen, gemäß meinem Motto: „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht.“

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