Nostalgisches oder: Warum ich nichts Hochprozentiges (mehr) trinke …

Neulich musste ich an eine frühere Schulfreundin denken, als mir jemand sagte, er freue sich immer über meine Mails, da recht lebensnah geschrieben. Meine Schulfreundin hatte mir das auch einmal in einem Brief geschrieben, als Antwort auf einen meiner Briefe an sie. Sie freue sich immer sehr, wenn sie Post von mir im Briefkasten fände, und das sei schon ein kleines Ritual. Niemals würde sie den Brief sofort aufreißen, obwohl sie neugierig sei, aber sie würde doch erst in die Küche gehen, einen Kaffee oder Tee aufsetzen und sich dann mit einer ganzen Kanne des jeweiligen Getränks an den Küchentisch setzen. Dort öffne sie dann den Brief und freue sich an jeder Zeile, da ich so lebhaft schriebe. Fast sei es so, als säße ich ihr gegenüber, während sie lese und Kaffee oder Tee trinke, fast könne sie meine Mimik und Gestik vor sich sehen, lebhaft und überschäumend, wie sie meinte. Einmal, so schrieb sie mir, hätte sie fast darüber vergessen, ihren kleinen Sohn, noch ein Baby zu dem Zeitpunkt, zu füttern, weil sie so vertieft gewesen sei. Irgendwann sei ihr aber doch sein Geschrei zu Bewusstsein gedrungen.

Mit Bea verband mich eine jahrelange Freundschaft, die im Alter von 13 Jahren ihren Anfang genommen hatte. Etwa zwei Jahre lang gehörte ich beinahe zu ihrer Familie, so oft ging ich dort ein und aus, übernachtete auch öfter dort. Ich hatte dort sogar eine Zahnbürste stehen. Fast wäre ich ganz dorthin gewechselt, als meine Mutter mal zu Beas Mutter meinte: „Können wir unsere Töchter nicht tauschen? Bea ist so schön ruhig.“ – „Gute Idee, wir nehmen Ali gern! Die ist so schön lebhaft.“ – „Sie ist bisweilen impulsiv.“ – „Und Bea ist bisweilen etwas träge. Ich bin für den Tausch. Naja, temporär vielleicht lieber – ganz weggeben will ich sie auf keinen Fall.“ – „Ja, ich unsere ja auch nicht.“ Nun ja … 😉 Es kam nie zum Tausch, aber das habt Ihr Euch sicher schon gedacht. War auch gar nicht nötig, so oft, wie ich bei Beas Familie war. Da konnte die sich an meiner Lebhaftigkeit erfreuen, während in meiner Familie Ruhe und weniger Hektik herrschte. 😉

Als ich 15 war, ging die Freundschaft auseinander, weil ein drittes Mädchen im Bunde das Ganze, wenn auch nicht gewollt, spaltete. Ich verstand mich gut mit beiden, aber Bea verstand sich nicht gut mit der Dritten. So etwas kommt vor, und Bea und ich sprachen – albern – längere Zeit kein Wort miteinander (Weiber!), und der Kontakt blieb nur über die Schule erhalten. Privat nicht. Erst in der Oberstufe fanden wir wieder Anknüpfungspunkte, und das war auch gut so, denn im Grunde verstanden wir einander ohne Worte, so verschieden wir wesenstechnisch auch bisweilen waren. Aber so richtig voneinander entfernt auch wieder nicht, sehr ähnliche Gedanken und Ideen vor unterschiedlichen Temperamenten.

Wir machten Abi zusammen, ich ging nach Aachen zum Studium, sie fing ihre Ausbildung zur BTA an, in Warteschleife, denn sie wollte Tierärztin werden (ist ihr auch gelungen).

Irgendwann in meinem ersten Semester – an ihrem Geburtstag Anfang Dezember, an dem ich sie besuchte – kamen wir auf die glorreiche Idee, doch Silvester mit mehreren Leuten in Aachen zu verbringen, zumal Sonja, eine Mitschülerin von uns und meine sogenannte beste Freundin, ebenfalls in Aachen studierte. Sonja war auch gleich Feuer und Flamme. Sie hatte innerhalb von drei Monaten schon die zweite Wohnung in Aachen bezogen, da sie zu Beginn des Semesters die erstbeste genommen hatte und nach zwei Abenden feststellen musste, dass sie an einer der Hauptverkehrsstraßen lebte, in deren Nähe überdies eine Feuerwache war … Genauer: deren Hauptsitz. Man kann sich leicht vorstellen, was sich da Abend für Abend laut dröhnend unter ihren Fenstern abspielte.

Alles wurde geplant – es sollte ein echter „Mädelsabend“ werden. Vier Mädels Anfang 20, eine Mitte 20  – und fast alle so verschieden, dass es unterschiedlicher nicht geht. Wir hatten sogar eine Öko-Fetischistin dabei – Sybille. Dann noch Sonja und Britta, die Mittzwanzigerin, die sich als „stiller Schatten“ Sonjas auslebte, ihr alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumte und dabei zufrieden war, denn Sonja war recht raumgreifend und erfand bisweilen, um sich aufzuwerten, ganz unglaubliche Geschichten, in denen sie stets die Heldin war.

Als wir eintrafen, verlangte Sybille auf die Frage, was wir denn trinken wollten, einen Kräutertee. Bea und ich fragten nach einem Bier. Es stellte sich heraus: Es gab weder Kräutertee, noch Bier – es gab nur Leitungswasser, Kaffee und … Sekt. Ja, und O-Saft, auf den Sybille dann zurückgreifen musste. Bea und ich sahen einander an: Sekt! „Das wird ein kurzer Abend,“, raunte Bea mir zu, und ich gab zurück: „Das glaube ich auch.“ Keine von uns vertrug Sekt besonders gut. Immerhin – „Fürst von Metternich“, denn darunter machte Sonja nichts.

Dennoch – es wurde ein netter Abend: Wir tanzten, sangen laut unsere Lieblingssongs mit, mehr schräg als schön, es herrschte gute Stimmung. Bis gegen 23:30 h. Denn da brach Sonja schrill heulend  zusammen – sie litt unter Liebeskummer, und der kommt ja immer besser, wenn man noch andere daran teilhaben lässt. Liebeskummer ist schlimm, aber mindestens zwei andere von uns – Bea und ich – litten damals genauso, jede ganz individuell, wollten aber einen Abend lang das Elend vergessen, weswegen wir auch besonders viel getanzt und gesungen hatten.

Britta eilte gleich wie eine sich aufopfernde Krankenschwester aus einem alten Schwarzweißfilm an Sonjas Seite, die sicherlich auch litt, aber das Ganze – ich kannte sie – auch bewusst auslebte. An einen normalen Jahreswechsel war nicht mehr zu denken, aber da Sonja so weit vom Zentrum entfernt wohnte, auch nicht an ein Entkommen in andere Gefilde. Und so vollzog sich der Jahreswechsel für uns dann so, dass eine theatralisch heulte, eine tröstete, eine Dritte grimmig an einem Glas O-Saft nippte, während Bea und ich mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern auf dem Balkon standen, uns in sarkastischen Sprüchen ergingen und dann beschlossen, uns auf den Heimweg zu meiner Wohnung zu machen. Sybille, die ja hätte fahren können und mit deren Auto wir gekommen waren, sollte bei Sonja übernachten, zumindest an diesem Tag, und da kein Taxi zu kriegen war, stiefelten Bea und ich zu Fuß kilometerweit durch Aachen. Zu Hause angekommen, meinte Bea: „So. Und jetzt ein Bier!“ – „Ich habe kein Bier hier.“ – „Wie?“ – „Nee. Ich kann Tee machen.“ – „Na gut, dann eben Tee.“ Wir tranken Tee bis zum Morgengrauen und gingen dann in die Betten. Aufgestanden sind wir erst, als Sybille, die ab dem nächsten Tag auch bei mir übernachten sollte, an der Tür klingelte. Sie brachte Neuigkeiten.

Ich sollte schuld an Sonjas schlimmem Zustand sein. Denn ich sei ja nie auf ihre grässlichen Leiden eingegangen, die dann – zum Jahreswechsel – derart kumuliert wären, dass das, was geschehen war, unweigerlich hatte geschehen müssen. Ich war sprachlos ob dieser Dreistigkeit – ich hatte ständig zugehört. Noch schlimmer: Sonja hätte mir dauernd helfen müssen, bei der Anmeldung bei den Stadtwerken, Telefon et al. – ich hätte das ja alles gar nicht selbst gekonnt! Das überraschte mich wirklich, denn ich hatte schon ein Vierteljahr in Aachen gelebt, und das mit Strom und Telefon, von mir eigenhändig und höchstpersönlich angemeldet, bevor Sonja überhaupt je einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte! Ich war empört und regte mich auf, obwohl die anderen beiden meinten, ich solle das lassen – ihnen sei klar, wie das Ganze wirklich gelaufen sei. Aber ich vermochte mich kaum zu beruhigen – zu unverschämt die Attacke. Seit jeher habe ich es gehasst, wenn Menschen eigene Abgründe zu tarnen versuchten, indem sie anderen die Schuld gaben, um von sich abzulenken.

Bea rief: „Das schreit doch nach Bier!“ – „Ich habe keins!“ – „Gut, dann eben wieder Tee!“
Doch da fiel mein Blick in eines der Regale, das schon in der Wohnung gestanden hatte, als ich einzog. Immerhin – ein Vorteil, wenn die Wohnung, die zuvor von der eigenen Schwester bewohnt wurde, noch teilmöbliert ist. Da stand eine Flasche Korn! Von meiner Schwester gekauft, die sich irgendwann in den Kopf gesetzt hatte, zu Geburts- und sonstigen Jahrestagen Verwandte, Freunde und sonstige Menschen mit selbstgemachtem „Aufgesetzten“ zu beglücken. Offenbar hatte sie die Produktion dieses Gebräus mangels Interesse irgendwann eingestellt – und der Korn war übriggeblieben.

Es kam furchtbar, aber es war eine Lektion fürs Leben. Bea und ich tranken – „sind ja nur Pinnchen“! – die Flasche, wenn auch über sehr, sehr viele Stunden verteilt, zu zwei  Dritteln leer, während Sybille daneben saß und immer nur wieder: „Ihr seid bescheuert! Ihr seid total bescheuert!“ rief. An diesem Abend konnten wir das noch nicht so recht einsehen, nannten sie eine „elende Bedenkenträgerin“. Aber sie grinste nur und meinte: „Wartet bis morgen.“

Der Morgen kam. Wir wollten zu fünft, so war es geplant, auch wenn ich gern auf Sonja und Britta verzichtet hätte, bei mir frühstücken. Aber so war es geplant, und es musste noch eingekauft werden. Es war ein Samstag – ich werde es nie vergessen.

Irgendwann mitten in der Nacht – so kam es mir vor – zerrte jemand an meinem linken Arm, der aus dem Bett ragte. (Ich tendiere bisweilen zu etwas abstrusen Schlafpositionen.) Dann wurde mir die Bettdecke weggezogen. Ich war nicht ganz bei mir, knurrte und zog die Decke wieder an mich. Was sollte das denn? Ich hatte mich doch gerade eben erst hingelegt! Doch die Decke wurde mir erneut entrissen, auch nicht zurückgegeben, und eine Stimme meinte: „Los! Du musst aufstehen – wir müssen einkaufen!“ – „Aaahh …“ – „Aufstehen, einkaufen! Jetzt!“ Ich stemmte meine Augenlider auf: Da stand Sybille vor dem Bett, und sie sah zu allem entschlossen aus. In einer Hand hielt sie ein Gefäß … mit Wasser! Ich stand lieber freiwillig auf und nuschelte: „Wassm Bea?“ – „Ist völlig komatös. Ist nicht wachzukriegen.“ Ich kannte Bea. Wenn sie schlief, hätte neben dem Bett eine Blaskapelle spielen oder eine Bombe detonieren können – sie wachte nie auf. Aber wenn ich schon aufstehen musste … Ich schleppte mich zu ihr und zog und zerrte so lange an ihr, bis sie nachgab und aufwachte. Ich teilte ihr in restringiertem Code mit, dass ich nunmehr mit Sybille das Haus verlassen und einkaufen würde. Sie nuschelte – ebenfalls restringiert – zurück: „‘sss gut.“ – „Stehst du auch auf?“ – „Ja.“ – „Ja?“ – „‘ch deck den Tisch und so …“

Im Bad schrak ich vor meinem eigenen Spiegelbild zurück – ich sah aus wie das graugesichtige Tränensackmonster. Ein bisschen erinnerte mich mein Spiegelbild an Oberinspektor Stephan Derrick, und ich hoffte, soweit ich konnte, darauf, dass die Auswirkungen reversibel sein würden.

Die Einkaufstour mit Sybille ist unvergessen. Erst- und in meiner Aachener Zeit einmalig besuchte ich den Wochenmarkt am Rehmplatz, der offenbar jeden Samstag nur eine Häuserecke von meiner Wohnung entfernt stattfand. Hatte ich zuvor noch nie bemerkt. (Ist ja immer so: Du wohnst jahrelang in einer Stadt, und dann kommen Besucher und erzählen dir, wie toll alles sei und dass du das ja sicherlich alles kennen würdest – und du hast keine Ahnung, weil du immer daran vorbeirennst, ohne es auch nur wahrzunehmen … ) Dort erwarb Sybille fünf Hühnereier, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Hühner nicht nur freilaufend, sondern obendrein auch noch glücklich seien, eigenhändig Sonette über ihr Glück verfassten und jedes Ei mit viel Liebe und guten Gedanken ans Tageslicht gepresst hatten. Ich stand wie ein Fremdkörper dahinter – mir war alles egal. Vor meinem geistigen Auge schwebten keine glücklichen Hühner – nur mein Bett …

Dann gingen wir zu „Plus“ und kauften die Dinge des täglichen Lebens. Bis auf Joghurt, denn der war politisch inkorrekt oder linksdrehend – ich habe keine Ahnung. Bereits bei „Plus“ fühlte ich Unheil nahen, denn mir war urplötzlich speiübel. Keine Ahnung, woher das nun so plötzlich kam … 😉

Wegen des Joghurts mussten wir noch die ganze, lange Ottostraße bis zu „Tengelmann“ latschen. Da gab es Joghurt, der konvenierte. Und eine sehr, sehr lange Schlange an der Kasse.

Zurück sind wir dann gerannt. Ich zumindest, und ich war so schnell wie noch nie in meinem Leben! Es pressierte, denn mir war die stickige Luft in der Kassenschlange und der darauf folgende Frischluftflash draußen nicht so recht bekommen – weiß der Henker, warum! 😉 Ich hatte zwar irgendwo den Hausschlüssel dabei, aber den herauszukramen, hätte zu lange gedauert, und so klingelte ich an der Ottostraße 33 Sturm. Glücklicherweise war Bea offenbar wirklich schon bei Sinnen – sie drückte auf den Türöffner, und ich bin die 78 Stufen bis in den vierten Stock nie wieder so schnell gelaufen wie an diesem Tag! Oben angekommen, stand Bea in der Tür, und ich schob sie – wir verstehen einander, siehe oben, auch ohne Worte – nur wortlos beiseite und stürmte Richtung Bad …

Später saßen wir dann, inzwischen waren auch Sonja und Britta eingetroffen, zu fünft am Küchentisch. Drei von uns aßen mit vollen Backen Brot, Wurst, Käse und die zwischenzeitlich gekochten glücklichen Hühnereier. Zwei von uns saßen mit leicht blutunterlaufenen Augen bleichgesichtig einander gegenüber und nippten bisweilen vorsichtig an einer Tasse Pfefferminztee … Aber wir kniffen einander ein Auge zu – mochte es den anderen auch physisch besser gehen, waren wir doch in jeder Hinsicht auf einer Wellenlänge. Sogar schlecht war uns gemeinsam. Und irgendwann meinte Bea, wobei sie ihre Pfefferminzteetasse hob: „Prost, Ali! Mit dir trinke ich am liebsten!“ Wie am Abend zuvor, nur etwas „kleinlauter“.

Silvester haben wir seitdem allerdings nie wieder zusammen gefeiert. Schade eigentlich. Hochprozentiges ist seitdem für mich aber auch tabu – einmal reicht. 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.