Docere – movere – delectare …

Für mich geht gerade eine Ära zu Ende. Meine Ära als Dozentin oder besser: als Betreuerin zu betreuender und zu unterstützender Jüngerer. Ich muss leider damit aufhören, da ansonsten die angeblich sichere Rente – danke, Herr Blüm! – noch kritischer ausfällt als ohnehin schon, denn ich war als Lehrbeauftragte tätig und damit leider, anders als verbeamtete Dozenten, nicht rundherum-sorglos abgesichert, da ich diese Tätigkeit als Freiberuflerin ausübte. Das ist heutzutage an Universitäten so üblich – es muss ja gespart werden. Zum Glück habe ich noch eine andere Tätigkeit im Angestelltenverhältnis, demnächst wieder in Vollzeit. Was tut man nicht alles für eine magere Rente! 😉

Ich habe recht früh mit der Unterstützung Jüngerer angefangen, wenn auch zunächst nicht als Dozentin in des Wortes echter Bedeutung: Als ich 17 war – lang ist’s her – fing ich im Krankenhaus meines damaligen Wohnortes als Sonntagshelferin an. Eigentlich hatte ich auf eine „interessantere“ Station gewollt als die, der mich die Schwester Oberin (es war ein katholisches Krankenhaus) dann zuwies. Da ich 17 war, war die einzig interessante Station selbstredend eine Männerstation, aber ich musste hinterher, als ich auf einer solchen mal ausgeholfen hatte, feststellen, dass sich diese in nichts von meiner eigentlichen Station unterschied: der Kinderstation. Angebaggert wurde ich auch auf der Kinderstation – von mehreren älteren Brüdern kleiner Patienten. Und auch Wehleidigkeit war auf beiden Stationen ähnlich verteilt. 😉 (Achtung: Klischee!)

Die Kinderstation, auf die ich zunächst nicht gewollt hatte, habe ich wirklich lieben gelernt! Es war schön, die kleinen oder größeren Kinder zu betreuen, und schon ganz zu Anfang meinte eine meiner Vorgesetzten, eine Kinderkrankenschwester, zu mir: „Du bist sicher die Älteste von mehreren Geschwistern zu Hause, nicht wahr?“ – „Wieso das?“ – „Weil du so fürsorglich und liebevoll mit den Kindern umgehst – das ist ganz typisch für die ältesten von mehreren Geschwistern.“ O je! Ich brach eine offenbar eherne Gesetzmäßigkeit, als ich ihr sagte: „Eigentlich bin ich eher die Jüngste in meiner Familie und habe eine ältere Schwester.“ Schwester Annegret starrte mich perplex an, dann meinte sie: „Dann bist du offenbar ein Naturtalent. Schön!“ Ja, ich war offenbar ein Naturtalent darin, Kinder zum Lachen zu bringen, die zum Teil nicht unbedingt viel zu lachen hatten. Teils tat ich dies völlig unwillkürlich, so beispielsweise in meiner allerersten Schicht, als ich erstmalig ganz allein und ohne Assistenz mit einer gut gefüllten „Ente“, einer Urinflasche, ins Stationsbad schritt, mir meiner Bedeutung wohl bewusst („Seht her, ich arbeite hier, und ich schreite zur Entleerung einer ‚Ente‘!“), und diese Ente vorschriftsmäßig in der entsprechenden Vorrichtung entleeren wollte. Das Leeren stellte auch kein Problem dar – einfach in die Vorrichtung schütten. Dann aber musste das Plastikgefäß über einen senkrecht stehenden Hahn, dessen Öffnung nach oben zeigte, gestülpt und mittels eines sehr starken Wasserstrahls ausgespült werden. „Achte immer darauf, die ‚Ente‘ richtig festzuhalten, denn der Wasserdruck ist sehr hoch; lieber noch einmal nachfassen,“, hatte meine Lehrerin, eine Schwesternschülerin, mir noch gesagt … Ich hatte ihre Worte auch noch im Ohr, aber meine rechte Hand war schneller als die linke, mit der ich gerade noch nachfassen wollte, als meine rechte Hand auch schon die Spülung betätigte: In hohem Bogen schoss die ‚Ente‘ an meinem rechten Ohr vorbei, und ich höre noch heute das hämisch wirkende Geräusch, mit dem sie auf dem Boden aufschlug, noch zweimal abprallte und erneut landete. Erstaunlich, dass ich das wahrnahm, denn ich befand mich in einer ganz anderen Notsituation: Wasser stürzte fontänenartig auf mich ein, unaufhaltsam, unaufhörlich, und das durch einen einzigen unbedacht-voreiligen Druck auf den Auslöseknopf geschehen! Als es aufhörte, war ich völlig durchnässt, und Wasser tropfte aus meinen Haaren. Ich stand völlig derangiert und gleichermaßen erstarrt da, meine Gedanken rasten: Wie um alles in der Welt sollte ich nun, ohne dass jemand mein Pech sah, aus diesem Raum kommen? Ich muss einige Minuten grübelnd und mich nach einem Föhn umsehend verbracht haben. Jedenfalls so lange, dass man mich draußen vermisste. Irgendwann öffnete sich die Tür, und Gerda, die Schwesternschülerin, kam herein, sah mich, fing zu lachen an und meinte: „Ach, herrje! Na, da hast du deine Taufe ja schon hinter dir! Ist uns allen schon mal passiert, keine Sorge. Aber warum hast du denn nichts gesagt?“ Ich starrte sie wortlos an, zeigte dann auf meine durchnässte Gestalt und die tropfenden Haare, hustete einmal – ich hatte sogar Wasser geschluckt – und meinte: „Darum! Oder würdest du freiwillig so herausgekommen sein und etwas gesagt haben?“ Gerda lachte und meinte: „Nee. Ging mir damals genauso, du hast Recht. Aber ich fürchte, wir müssen jetzt hier heraus und dir ein paar trockene Sachen suchen, und du solltest dir auch die Haare föhnen.“ Doch zunächst mussten wir die riesige Pfütze aufwischen, die ich verursacht hatte …

Als wir das Bad verließen, war mein Schicksal besiegelt, denn auf dem Stationsflur war eine Vielzahl an Kindern versammelt, die lachten, als sie mich sahen. Sofort war ich zu einer Art Clown mutiert – die Kinder waren begeistert. Ich weniger, aber ich glaube, das Ganze hat mir die Sympathie vieler Kinder eingetragen, da ich dann auch lachen musste. Was soll man auch sonst machen?

Das Jahr auf der Kinderstation war in jedem Fall sehr schön, und ich habe es nie vergessen, zumal die meisten Kinder mich wohl mochten, ebenso meine Vorgesetzten, die mich sogar zu überzeugen versuchten, Kinderkrankenschwester zu werden. Witzig, denn vor meiner Tätigkeit im Krankenhaus hatte ich mit Kindern rein gar nichts am Hut gehabt, fand sie eher nervend. Aber es gab so viele Vorteile, die mit dieser Tätigkeit einhergingen: Unter anderem habe ich im Krankenhaus gelernt, Betten mit ganz normalen Laken zu beziehen! 😉 Vorher hatte ich nur mit Spannbettlaken umgehen können, aber seit meinem Ehrenamt im Krankenhaus macht mir beim Beziehen mit normalen Laken ohne Gummizug so schnell keiner was vor! 😉 Beim Füttern essunwilliger Kinder auch nicht, und nein, das geht nicht mit Druck, sondern nur mit Gefühl und Spaß. Eines dieser kleinen Kinder nannte mich hinterher sogar immer zur Begeisterung seiner Zimmergenossinnen „Mama“, was der richtigen Mama gar nicht gefiel – ich gebe zu, das hätte mir in ihrem Falle auch nicht gefallen. Mich aber daraufhin anzuschreien, fand ich auch nicht okay, aber es gab einige interessante Fälle bei den Eltern. 😉

Während meines Studiums und danach habe ich nebenbei in einer privaten Sprach- und Förderinstitution gearbeitet, gab dort Nachhilfe in Englisch und Deutsch wie auch Sprachkurse in beiden Fächern. Anfangs war ich etwas schüchtern, aber das änderte sich schnell, und mein Chef nannte mich irgendwann „meine Wunderheilerin“, wie er mir einmal erzählte. Ich war verblüfft – wie kam er denn darauf? Er meinte: „Weil Sie sogar schwierigere Fälle in kurzer Zeit dazu bringen, begeistert mitzumachen und die sich ganz schnell verbessern. Eigentlich sind Sie ja fast geschäftsschädigend, so schnell, wie das manchmal geht. Aber ich finde das sehr schön und gehe öfter an Ihrem Raum vorbei, wo ich auch manchmal stehenbleibe. Immer hört man Lachen, und es herrscht sehr gute Stimmung. Ihre Schüler kommen auch immer fröhlich aus dem Unterricht und verbessern sich wirklich schnell – das ist faszinierend. Wie machen Sie das?“ Ich muss gestehen, ich hatte keine Ahnung. Ich bin nur immer mit meinen Schülern so umgegangen, wie ich selber wünsche, dass man mit mir umgehe: mit Respekt. Und mit einer großen Portion Humor – ohne den geht meiner Meinung nach gar nichts. Mein Chef nannte mich „ein wunderbares Aushängeschild für meine Firma“ und sagte, es gäbe inzwischen diverse Schüler, die auf Empfehlung von Eltern anderer Schüler, die ich unterrichtet hatte, angemeldet worden seien. Ich kam mir als Aushängeschild etwas komisch vor, aber mein Chef meinte, er schätze meine Arbeit sehr. „Welche Arbeit?“ dachte ich, denn mir machte das Ganze wirklich Spaß, und ich habe diverse Schüler betreut, einige davon durchs Abi begleitet, anderen die Übergangsprüfung von der Realschule aufs Gymnasium etwas erleichtert. Erleichtert auch deren Eltern, und nicht selten ging ich mit Blumensträußen nach Hause, die Eltern mir unbedingt überreichen wollten. Ich freute mich immer sehr, aber ich wunderte mich auch etwas: Für mich war das mein Job und ganz normal.

Da mein Chef mich für eine „Wunderheilerin“ hielt, bekam ich auch oft wirklich problematischere Fälle. Einer war im Endeffekt dann wirklich amüsant: Ein kleiner, zehnjähriger Junge, Niko, der plötzlich und ohne Vorankündigung angefangen hatte, schwierig zu werden, sich beim Einkaufen wie ein Kleinkind zu gebärden und, bekam er etwas nicht gekauft, sich wie ein Zweijähriger auf den Boden zu werfen und zu schreien. Den bekam ich vermittelt … Die erste Stunde verlief so, dass der kleine Kerl wie ein kleiner, zorniger Stier neben mir saß und keine meiner behutsam gestellten, allgemeinen Fragen im Fach Deutsch beantwortete. Ich redete als Einzige in dieser Stunde, gleichbleibend freundlich und behutsam. Nachdem die Stunde beendet war und Mama und Oma, zwei typische „Öcher Mädels“ und sehr energisch – sie hatten wohl zu Hause das Sagen, die zugehörigen Männer eher Beiwerk, wie man auch aus ihren Äußerungen ableiten konnte -, den kleinen Niko eingesammelt hatten, der auch da kein Wort sagte, meinte ich zu meinem Chef: „Hören Sie – hier stimmt doch etwas nicht! Der kleine Kerl hat kein Wort gesagt, nur total geladen neben mir gesessen. Gibt es da irgendetwas, das ich beachten oder wissen sollte?“

Es stellte sich heraus, der kleine Niko war ein Scheidungsopfer, da „Mama“ sich kurz zuvor von seinem Vater, dem „Beiwerk“, hatte scheiden lassen. Gut, dass ich das nach der Stunde auch schon erfuhr! 😉 Immerhin war ich in den nächsten beiden Stunden in Kenntnis dieser Sachlage, als Niko erneut zornig und schweigend neben mir saß, während ich in dieser angespannten und latent explosiven Atmosphäre vorsichtig versuchte, die mir inzwischen bekannte Problematik zu thematisieren. Mitten in meine Bemühungen hinein geschah dann das völlig Unerwartete! Niko öffnete seinen Mund und begann zu sprechen! Er konnte sprechen! Und er sagte: „Gegen mich kommen Sie ohnehin nicht an! Ich bin Sternzeichen Löwe, und Mama und Oma sagen, gegen Löwen kommt keiner an!“ Und er sah mich triumphierend von der Seite an, ganz à la: „Der habe ich es aber gegeben!“ Ich hingegen atmete auf und sandte Dankesworte an wen auch immer: „Danke, dass das doch so leicht ist!“ Und ich lächelte Niko an und meinte: „Tja, da hast du leider Pech gehabt. Ich bin auch Löwe, und wie du ganz richtig sagst: Dagegen kommt keiner an. Was jetzt?“ Der kleine Kerl starrte mich verblüfft an, dann grinste er und meinte: „Okay.“ Das Eis war gebrochen, und er erzählte mir vertrauensvoll, weswegen er so unausgeglichen sei und was ihn so umtreibe. Kummer war es, aber das hatte ich mir auch schon gedacht. Er fühlte sich abgelehnt, weil Mama und Oma dauernd über Papa schimpften, und der war doch Nikos Vorbild. Ich gebe zu, ich hatte etwas Fracksausen, das Mama und Oma zu erklären, die beide Haare auf den Zähnen hatten, aber die beiden waren erstaunlich einsichtsvoll und dankten überschwenglich – das werde nicht mehr vorkommen. Niko grinste mich an und meinte zu Mama und Oma: „Meine Lehrerin ist auch Löwe! Sonst hätte ich der das gar nicht erzählt!“ Wozu Sternzeichen doch manchmal taugen. Ich muss übrigens hinzufügen: Ich bin wirklich ein Löwe, hätte aber in diesem Falle auch dreist gelogen, wäre das nicht der Fall gewesen. 😉

Zehn Jahre habe ich dort gearbeitet, und seit acht Jahren arbeite ich schon an der Uni einer Nachbarstadt, das sehr gern und auch erfolgreich und mit sehr guter Resonanz. Man muss sich die Schüler oder Studenten nur genau ansehen und genau hinhören – das ist bereits die halbe Miete. Und ernstnehmen muss man seine Klientel und seinen Job, und man muss ihn wirklich gern und überzeugt machen. Auch Lob ist sehr wichtig, was ich immer so gehalten habe. Niemals übertreiben, wenn es keinen Anlass zum Loben gibt, aber immer motivieren. Eine Studentin fragte mich mal: „Wie machen Sie das eigentlich, Frau B.? Sie haben ja offenbar nie schlechte Laune!“ Ha! Ausgerechnet! 😉 Ich sagte: „O doch! Aber ich muss die doch wohl nicht an den Studenten auslassen, die nichts dafür können. Wenn Sie doch die Ursache sind, merken Sie das sofort, denn ich kann auch ganz anders.“

Aber mein Motto ist immer: „Docere – movere – delectare.“ Anders funktioniert es nicht. Schade nur, dass ich das nicht weitermachen kann … 🙂

Mut zur Lücke oder: Was gut ist, kommt wieder

Ich gebe zu, ich bin bisweilen ein etwas lückenhafter Mensch. Das ist auch gar nicht immer so verkehrt, bewahrt es doch vor einem Zug, der leicht ins Übersteigerte, gar Pathologische driften kann, wenn man nicht so gut loslassen kann: Perfektionismus. Zwar gebe ich auch zu, dass auch ich alles immer so gut wie möglich und noch besser machen möchte, aber ein anderer Wesenszug meiner Wenigkeit hindert mich glücklicherweise an der präzisen Umsetzung und der Gefahr, wirklich verbissen um Perfektion zu kämpfen. Es ist eine gewisse Tendenz dazu, mich zu verzetteln, jedoch auch eine zur Bequemlichkeit, die Tendenz zur Lücke. Zwar sehe ich zu, dass ich möglichst überdurchschnittlich abschneide oder – in meinem Fachgebiet – tatsächlicher Ehrgeiz aufkommt, denn da will ich wirklich gut sein, aber Perfektion? Ach, nein, die ist doch eh eine Illusion, und ich habe schon diverse Perfektionisten am Rande der Verzweiflung gesehen, als sie dies erkennen mussten, dennoch in Terriermanier nicht aufgeben oder ablassen konnten. Nun liebe ich gerade Terrier sehr, und mich amüsiert ihr zumeist sehr lebhaftes, engagiertes Wesen, aber das sind Hunde, und bei Menschen wirkt die Fähigkeit, nicht loszulassen, und wenn es das Leben koste, bisweilen eher distanzschaffend. Zumindest bei mir, vor allem, wenn es nicht gerade um Leben und Tod geht, sondern um ganz alltägliche Dinge, bei denen es im Grunde keinen großen Geist stört, ob sie nun perfekt gelöst seien oder nicht. Hauptsache, die Sache funktioniert, wenn sie funktionieren muss – alles andere ist Kür.

Ich handle da gemäß einem Zitat Rainer Maria Rilkes, das meine Mutter, die ihrerseits allerdings zur Perfektion tendiert, mir einst in mein Poesiealbum schrieb: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ Ich glaube zwar nicht, dass Rilke das so gemeint habe, wie ich das hier nun auslege, aber es gibt ja immer ganz unterschiedliche Interpretationsansätze.

Als ich noch ganz klein und zahnlos war, ahnte noch niemand etwas von meiner Lückenhaftigkeit. Ich konnte mich noch nicht so recht artikulieren und galt als sehr freundliches, unproblematisches Baby. Dann kamen die Zähne, und da erkannte man bereits meinen Hang zur Lücke. Genauer: als die oberen zentralen Schneidezähne durchbrachen und wuchsen. Denn zwischen diesen beiden Milchzähnchen klaffte eine Lücke! Die hatte ich – durch die verschlungenen Pfade der Genetik – wohl von meiner Oma Margareta geerbt, denn die hatte auch so eine Zahnlücke, die ihr wirklich gut stand. Betrachtete man Oma Margaretas Schwestern, meine Großtanten, konnte man nur konstatieren, dass ich hinsichtlich des Phänomens zwischen den oberen zentralen Schneidezähnen eindeutig nach diesem Familienzweig schlug.

Ich habe gar nichts gegen ein Diastema, wie das in der Fachsprache heißt – ich finde meine Kinderfotos sogar richtig süß, da die Zahnlücke sehr charmant wirkte. Aber mein Vater gab zu bedenken, dass das mit fortschreitendem Alter sicherlich nicht mehr so reizend wirken könne, ein Urteil, das ich nicht zwangsläufig teile. Viele sogenannte Schönheitsfehler sind gar keine Fehler, sondern unterstreichen vielmehr das Wesen ihres Trägers, finde ich. Dennoch, es half nichts, und im zarten Alter von sieben Lenzen wurde ich zu einer Kieferchirurgin gebracht, die sogleich feststellte, das Lippenbändchen sei zu lang und habe die Lücke verursacht. Würde man es kürzen, würden die Zähne zusammenwachsen, vor allem die bleibenden.

Ich erinnere mich nur sehr ungern an die operative Prozedur – es war alles sehr schmerzhaft, die Ärztin darüber hinaus ein echter Kinderschreck. Als sie mir zwecks Anästhesie eine Spritze in den harten Gaumen rammte, gab ich zwar keinen Ton von mir und sagte kein Wort (wie auch, ich hatte eine lange Kanüle im Gaumen stecken und von daher eine Maulsperre), aber mir liefen zwei Tränen aus den Augen, da es nicht sonderlich angenehm, sondern sehr schmerzhaft ist, eine Spritze, noch dazu mit so viel Verve, dorthinein verabreicht zu bekommen. Der Kinderschreck schnauzte mich befremdet an: „Wieso heulst du? Tut das etwa weh?“ Aber nein! Was für ein Ansinnen – als täte das weh! Mir liefen die Tränen vor Freude aus den Augen, weil ich endlich, endlich den Dorn im Auge meines Vaters, die Zahnlücke, loswurde! 😉

Und tatsächlich bewirkte die OP, dass meine bleibenden Schneidezähne völlig lückenlos so dicht beieinander standen, als seien sie quasi aus einem Guss. Völlig uncharmant.

Offenbar fehlte mir meine Lücke auch, da ich ja, siehe oben, zur Lückenhaftigkeit tendiere, und so musste ich mir eben andere Lücken schaffen. Die Schule bot sich hier an, und dort speziell Mathe und Naturwissenschaften. (Ich glaube allerdings kaum, dass ich mit Zahnlücke in diesen Fächern besser gewesen wäre.) Von Schuljahr zu Schuljahr hangelte ich mich mehr unlustig durch, und, nein, ich bin nicht stolz darauf, in Mathe so lückenhaft zu sein, wie man manchen Leuten bisweilen glauben könnte, die damit herumzuprahlen scheinen, sie könnten Mathe nicht, als sei dies eine Auszeichnung. Keine Lücken hatte ich in allen sprachlichen und musischen Fächern, im Gegenteil, die gesellschaftswissenschaftlichen waren im Rahmen, aber von mir nicht sonderlich begeistert bearbeitet – auch da die eine oder andere Lücke.

Mein Abitur habe ich auch mit einer eklatanten Lücke im Fach Bio, wo ich keine wirklich gute Note einfuhr, bestanden. Und im Studium war mir dann klar: „Man kann nicht alles gleich gut können.“ Die Erkenntnis war zum Glück beim Examen vorhanden, das ich in allen Fächern gut abschloss, aber in einem meiner drei Fächer beinahe nicht ganz so gut, als der Professor sich ausgerechnet das Teilgebiet zur Abfrage heraussuchte, wo meine einzige Lücke klaffte, dafür umso größer. Es war keine Lücke, es war eher ein furchtbarer Abgrund. Dabei hatte ich just dieses Teilgebiet besonders akribisch gelernt, hatte ich doch bereits früh festgestellt, dass diese Literaturtheorie partout nicht in meinem Hirn haften bleiben wollte. Es gelang mir, den Prüfer mittels einiger eher allgemein gehaltener Aussagen und eines eleganten Schlenkers dann wieder in sicherere Gewässer zu lotsen. Zunächst beharrte er noch auf meinem Krisengebiet, aber ich bin zum Glück nicht auf den Mund gefallen und argumentierte, als ginge es um Leben und Tod, in meinem Sinne. Er grinste dann und ließ sich darauf ein, nachdem er festgestellt hatte, dass meine eher allgemeinen Aussagen zum Thema ja auch schon völlig hinreichend seien und meine Argumentation im Sinne des Fachs und sehr logisch sei. Danke, Prof. D.! 🙂 Alles andere konnte ich ja wirklich gut.

Im Beruf dann musste ich feststellen, dass man manchmal gar nicht umhin kommt, Lücken zu akzeptieren, aber ich sehe zu, dass ich sie dort vermeide – immerhin verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit.

Und manchmal kommen Lücken, die man lange behoben zu haben wähnt, wieder. So erging es mir zumindest. Denn wenn man mich ganz genau ansieht, wenn ich lache, sieht man da etwas zwischen meinen oberen zentralen Schneidezähnen. 😉 Da klafft eine Lücke. Keine so ausgeprägte wie die meiner Kindheit, aber eindeutig ist da eine Lücke zu sehen. Wie das?

Nun, ich musste mir vor einiger Zeit einige Zähne abschleifen und überkronen lassen, auch die Schneidezähne. Zunächst sah alles perfekt aus, lückenlos schöne Zähne, viel schöner als meine Naturzähne. Doch nach etwa einem Dreivierteljahr bemerkte ich eine Veränderung: Die Schneidezähne standen nicht mehr exakt zusammen. Sicherlich wäre ich, hätte ich von Kind an und Natur aus direkt zusammenstehende Schneidezähne gehabt, entsetzt sofort zum Zahnarzt gerannt. So aber grinste ich mein Spiegelbild amüsiert und erfreut an – was ich sah, gefiel mir, denn ich finde, solche Lücken haben wirklich einen gewissen Charme.

Und als mein Zahnarzt beim nächsten Besuch die Lücke sah und meinte, das könne man leicht beheben, ob er das eben mal machen solle, meinte ich nur: „Bitte nicht.“ Er war erstaunt, und so erzählte ich ihm meine Lückengeschichte nebst Operation und nachfolgender Lückenlosigkeit, zumindest zahntechnischer. Er grinste und meinte: „Das ist mal eine schöne Einstellung, Frau B.! Das gefällt mir. Alle schreien immer nach Perfektion, und Sie bestehen darauf, die wiedergekehrte Lücke zu erhalten. Und Sie haben auch Recht: Es sieht sehr charmant aus, wenn Sie lächeln.“ Ich lächelte lückenhaft und meinte: „Sehen Sie – was gut ist, kommt wieder.“

„Twit for twat“ …

Als berufstätiger Mensch ist man ja bisweilen in einer gewissen Routine gefangen – gerade im Büroalltag schleichen sich gern Stereotype ein, die schlimmstenfalls zu großer Unzufriedenheit oder gar Unfrieden führen können. Ich hatte ja – ich berichtete mehrfach – jahrelang einen Kollegen, mit dem ich nicht harmonierte. Wir passten absolut nicht zusammen in unserem Zweierbüro. Problematisch war, dass er sich in der Chefposition sah und bis zum Schluss, bis zu seinem Ausscheiden, nicht realisiert hatte, dass wir gleich positioniert waren. Dauernd bestimmte er rücksichtslos den Büroalltag, und dies trotz diverser Versuche klärender Gespräche. Unterhielt ich mich im Büro mit netten Kollegen und lachte, fühlte er sich oft gestört – er müsse sich konzentrieren. Umgekehrt galt dies aber nicht – ich wurde angeherrscht, wenn ich freundlich um etwas mehr Ruhe bat, wenn ich mich ebenfalls konzentrieren musste. Ich durfte mich oft nicht einmal leise unterhalten, während er – er verfügt über eine nahezu groteske Lache mit echtem Nervfaktor – ständig lauthals lachte, laut privat telefonierte oder, und das machte er besonders gern und oft, da er wohl gar nicht wahrnahm, dass dies andere stören könne, er knallte die Türen. Ganz gleich, ob Büro- oder Schranktür – sie wurde geknallt, und dies teilweise in Serie, so dass ich schon versucht war, zu fragen, ob er und seine Frau zu Hause Säcke vor den Raumein- und -ausgängen zu hängen hätten, so dass er mit der einfachen Handhabung von Türklinken und Schranktürgriffen nicht vertraut sei. Aber das hätte nur zu Streit geführt. Jegliche Kritik an seinem Verhalten war ungezogen. 😉 Leider sah er das so, denn in mir staute sich einiges an, und so dachte ich, dass ich vielleicht mal wieder eine Fortbildung machen könne – mir war alles recht, mal drei Tage aus dem Büro fliehen zu können, und warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

Und da die Stimmung im Büro mal wieder recht gespannt war – Kollege Birger hatte ganze fünf Wochen keinen Tag Urlaub gehabt und war darob völlig überlastet -, beschloss ich, aus dem Fortbildungskatalog einen Lehrgang in Sachen Psychologie auszuwählen. Ich fand auch gleich etwas Passendes, nämlich einen Kurs mit dem tollen Titel: „Gleich knallt’s! Wie man mit Konflikten am Arbeitsplatz umgehen kann.“ Sofort mit dem Chef gesprochen, der die Fortbildung prompt genehmigte, und den Antrag in der Personalabteilung eingereicht, wo der dort zuständige Kollege, um die gespannte Stimmung in unserem Büro wissend, eigens noch einmal seinen Rechner hochfuhr, um mich noch schnell anzumelden, obwohl er schon gestiefelt und gespornt dastand und offiziell Feierabend hatte.

Zwei Wochen später fuhr ich mit der Bahn in eine der Nachbarstädte, wo das Fortbildungszentrum liegt, in dem dieser Hilfe versprechende Lehrgang angeboten wurde. Ich wollte dort auch übernachten, da die Fortbildung an drei Tagen schon immer sehr früh begann.

Es wurde dann auch recht interessant. In der ersten Sitzung mussten wir uns vorstellen und von unseren Konflikten berichten. Obwohl ich mich durchaus erfolgreich dazu zwang, alles möglichst unspektakulär darzustellen, was sich mir Tag für Tag im Büro so bot, wobei ich einige Aspekte sogar noch aussparte oder lachend verharmloste, da mir die grausame Wahrheit selber völlig durchgeknallt vorkam, mutierten meine alltäglichen, drastisch verharmlosten Beispiele rasch zum Paradebeispiel. Ich glaube, der Psychologe, der den Kurs leitete, war froh, ein solch plastisches Beispiel präsent zu haben. Mir gefiel das gar nicht so, zumal die anderen Teilnehmer ja auch Probleme hatten und ich nicht allein im Kurs saß. Dennoch – der Psychologe zog immer meine Alltagserfahrungen heran.

Wir lernten verschiedene Methoden, mit Störfaktoren umzugehen. Unter anderem auch die „Tit for tat“-Methode. Gleiches mit Gleichem vergelten, was dem Gegenüber als Spiegelung der eigenen Verhaltensweisen, die sich störend auswirken, helfen soll, zu erkennen, dass seine Verhaltensweise durchaus nicht opportun sei. Ich hätte mir im Grunde die ganze Fortbildung sparen können, denn das ist schon ein drastisches Mittel, auf das ich auch selber gekommen wäre, wenn es denn auch nicht meinem Wesen entspricht – es sei denn, mir reißt die Hutschnur. Doch genau dieses Reißen wollte ich ja vermeiden, und „tit for tat“ bei mir im Büro hätte nur zu weiteren Konflikten geführt, da meinem Kollegen gar nicht klar geworden wäre, wie ich ihn kenne, dass sein eigenes Verhalten gespiegelt werde. Ich hege sogar den Verdacht, dass ich erneut angeherrscht und heftig für jegliche Abwesenheit von Sensibilität gescholten worden wäre, hätte ich meinerseits begonnen, im Akkord sämtliche Türen zu knallen, laut, wiehernd und kreischend zu lachen, am Telefon zu brüllen oder gar fröhliche Lieder zu singen, während mein Kollege ein dienstliches Telefonat zu führen versuchte … Aber der Dozent war nett und machte seine Sache gut, sonst wäre ich wohl wirklich besser sofort abgereist, wie mir etwas später klar wurde.

Denn es bahnte sich während der Fortbildung ein neuer Konflikt an, von dem ich allerdings noch gar nichts ahnte … Das wurde mir erst zwei Wochen nach der Fortbildung klar, nach deren Ende ich mit einem der männlichen Kursteilnehmer zusammen mit dem Bus zum Bahnhof gefahren war und der „Kollege“ gemeint hatte, man könne ja mal mailen. Ja, klar, warum nicht? Ich maile gern, und der Typ war so ganz nett. Und so tauschten wir unsere Mailadressen aus und dann auch tatsächlich einige Mails.

Irgendwann fragte er, ob man nicht einmal einen Kaffee zusammen trinken könne. Klar, Kaffee trinken – warum nicht? Ich trinke gern Kaffee, und ich unterhalte mich gern mit netten Leuten. Und so trafen wir uns, tranken Kaffee, unterhielten uns, und danach gingen wir sogar noch etwas im Park spazieren. Ich erfuhr, dass er mit seiner Partnerin wohl Probleme habe, es war ohnehin alles sehr problematisch, was er so beklagte. Mir wurde ganz beklommen zumute – es klang alles irgendwie bedrückend. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gegangen, wollte aber nicht unhöflich sein – wieso erzählte er mir das alles? Wir hatten nur ein paarmal gemailt und eben jetzt zusammen einen Kaffee getrunken … Zum Glück musste er dann aber auch fahren, da seine vier Kinder ihn erwarteten. Die Partnerin wohl nicht so, denn die interessiere sich gar nicht für ihn, wie er monierte.

Als er weg war, musste ich erst einmal einen Gewaltmarsch machen, um meinen Kopf wieder freizukriegen – seine Erzählungen hatten auf mich gewirkt wie die Lektüre eines Buches von Hans Fallada …

Es kamen weitere Mails, die ich auch beantwortete, da manche von ihnen ganz amüsant waren. Aber ich hatte zunehmend den Eindruck, dass er sich in einer Art Beziehung mit mir wähnte. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden, vor allem, als er mit mir „die Stätten seiner Kindheit“ besuchen wollte, auf dass wir dieses ergreifende Erlebnis gemeinsam hätten.

Und so schrieb ich eine freundliche, aber bestimmte Mail, in der ich ihm erklärte, Kaffeetrinken sei okay, aber er sei andererseits etwas voreilig. Es sei wohl besser, würden wir den Kontakt abbrechen. Seine Reaktion kam prompt: Offenbar brauchte ich wohl noch Zeit, aber es passe doch alles so perfekt, und überhaupt. Er sei gewillt, mir diese Zeit zu gewähren, habe aber gleich gewusst, dass da mehr sei, als ich vor ihm am ersten Tag der Fortbildung das Fortbildungszentrum betreten habe. Hä? Wie meinen? Er hatte mich doch wohl nur von hinten gesehen! Führt meine Kehrseite irgendwie ein Eigenleben und sendet mit meinem Willen keineswegs zu vereinbarende Signale? Ich hatte ihn gar nicht wahrgenommen und fragte mich nun, nach welchen Kriterien er derlei Dinge wohl beurteilte … Ich fand es sogar etwas gruselig, muss ich zugeben, und so beschloss ich spontan, diese Mail zunächst unbeantwortet zu lassen und mich lieber am Wochenende mit einem guten Freund in Aachen zu treffen, was ich auch tat. Dem erzählte ich alles, und er wollte meine letzte Mail sehen. „Ah! Du warst zu freundlich! Das hat der nicht kapiert! Obwohl – es sind schon deutliche Worte. Und der redet sie sich offenbar für seine Zwecke passend, egal, was du schreibst. Das ist etwas gruselig.“ – „Ich wollte niemandem wehtun! Was mache ich denn jetzt? Nicht, dass der eines Tages bei mir vor der Tür steht!“ – „Meinst du?“ – „Nichts ist unmöglich! Sieh doch mal – der hat mir in der Zwischenzeit schon wieder dreimal geschrieben, und jedes Mal schmalziger!“ Anklagend streckte ich Giacomo mein Smartphone hin. Giacomo las und schüttelte nur den Kopf: „Na, hoffentlich ist das kein Stalker! Pass auf, wir machen das so: Du schreibst, wenn du wieder zu Hause bist, eine Mail, eine richtig verärgerte Mail, und die schickst du mir dann, und ich redigiere sie. Alles, was zu freundlich ist, fliegt raus und wird durch klare, harte Worte ersetzt! Ich finde das jetzt auch etwas beunruhigend, vor allem, was der da alles schreibt. Nicht, dass der eines Tages wirklich bei dir vor der Tür steht!“

Jetzt wurde mir richtig bange. Wenn Giacomo das schon sagte, der die Dinge sonst eher entspannt sah … Der meinte nur: „Kann man dich eigentlich nirgendwo alleine hin lassen?“ – „Ja, mach dich nur über mich lustig! Ich mache mir hier Sorgen, und du lästerst!“ Das Wochenende verlief dann für mich auch eher angespannt …

Zu Hause fand ich einen Brief im Briefkasten vor! Man sei so traurig, aber weiterhin gewillt, mir Zeit zu lassen. Man müsse ja auch nicht sofort zu erheblich weiteren Dingen schreiten. Nein! Ob ich mal Gewalt erfahren hätte, weil ich so zurückhaltend und vorsichtig sei, stand da. Klar, alle anderen Geisterfahrer, nur er selber nicht … Ich schrie laut und ohne Rücksicht auf die Nachbarn: „Nein! Höchstens verbale, hier aus diesem Brief! Denn ich fühle mich massiv bedrängt und belästigt, und das ist für mich schon eine Form von Gewalt, Depp!“ Es gibt Momente, da wäre es praktisch, einen offenen Kamin zu haben. Ich hätte nach dem Lesen des Briefs in rekordartiger Geschwindigkeit Feuerholz für mich und die gesamte Nachbarschaft für eine Woche spalten können! Und mit dem Brief das Feuerholz im Kamin anzünden …

Da ich jedoch keinen offenen Kamin besitze, setzte ich mich lieber an den Rechner und schrieb eine ziemlich zornige Mail – die letzten Schmachtmails von meinem Kurskollegen hatten mich schon sehr erzürnt, und dieser Brief gab mir den Rest! Als sie fertig war, und dies mit der Anordnung, sich gefälligst nie wieder bei mir zu melden, sandte ich sie Giacomo, der mich umgehend anrief und staunend meinte: „Da muss gar nichts geändert werden! Donnerwetter! Ich wusste nicht, dass du so wütende Mails schreiben kannst! Schick sie gleich ab.“ Das tat ich, und es kam erst keine Antwort. Ich fühlte mich schon fast sicher, offenbar hatte der Typ begriffen, dass ich mir jeglichen Kontakt verbeten hatte. Bis dann doch eine Mail eintraf, und dies mit den Worten, er wolle meinem Wunsch, nichts mehr von ihm zu hören, nachkommen. Wie bitte? Wozu dann diese Mail? Und dies in einem sanft säuselnden Tonfall, der mich an Sirup erinnerte, der von einem Löffel rinnt – klebrig und dickflüssig-träge. Auch sei sehr bedauerlich, dass ich offenbar noch nicht „so weit“ sei … Ich war kurz davor, vor Wut mein Laptop mit Schmackes aus dem Fenster zu schmeißen, aber das wäre ja eher unklug gewesen. Ich kochte mir lieber einen Tee.

Mein Fazit: Offenbar gehöre ich zu den Menschen, die zu einem Konfliktlösungsseminar fahren, ohne den bestehenden Konflikt lösen zu können, dafür mit einem weiteren Problem heimkehren. 😉 Und was von „tit for tat“ in diesem speziellen Kontext zu halten ist: Auch das hätte nicht funktioniert – im Gegenteil. Jeglicher Spiegelungsversuch des schmachtend-störenden Verhaltens meines Gegenübers hätte mich sicherlich noch tiefer in das Problem geführt, da man es für eine weitere vermeintliche „so wundervolle“ Übereinstimmung gehalten und „besungen“ hätte. Und ich hatte doch wirklich nur Kaffee trinken wollen! Ich finde Übereinstimmungen, wenn man einander kennenlernt, sehr schön – aber sie sollten auch wirklich gegeben sein. Hier herrschte: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Und das auf eine wirklich beunruhigende Weise …

Seitdem bin ich vorsichtig mit Fortbildungen. Zumindest mit solchen aus der Kategorie „Psychologie“ … 😉

Verwandte sind auch Menschen … aber trotzdem pfui!

Böse klingt dieser Satz, nicht sonderlich nett. Aber er enthält doch mindestens ein Fünkchen Wahrheit, und wenn wir alle mal in uns gehen, werden wir im Optimalfalle auch irgendwann leise grinsen, wenn wir über die Aussage nachdenken und uns unsere eigene Mischpoke vor Augen führen. Immerhin kann man sich Freunde aussuchen, Verwandte jedoch nicht. Die werden einfach so geliefert oder sind schon da, abhängig davon, ob man selbst die oder der Neuankömmling ist oder umgekehrt. So manches Elternpaar hat sich sicherlich schon öfter gedacht, dass die Vorfreude auf das sich ankündigende Baby sicherlich die schönste Freude gewesen sei, wenn sich nach der Geburt immer mehr herauskristallisierte, dass der neue, kleine Erdenbürger von Jahr zu Jahr mehr in erschreckender Weise dem stets jähzornigen, kleinmütigen Erbonkel Ernst ähnelt, der bei Familienfeiern immer nur eingeladen ist, weil er eben der Erbonkel ist. Oder weil die kleine Sappho-Eurydike, mit solch wunderbar tragenden und bedeutenden Namen behaftet, leider ebenso auf Äußerlichkeiten steht wie Onkel Hans-Joachim und nicht selten recht oberflächlich daherkommt. Die Wege der Genetik sind bisweilen sehr verschlungen, was ich bereits auf dem Gymnasium feststellen musste, als ich in dem Halbjahr, da wir in Biologie Genetik durchnahmen, mit zwei großen, runden Fünfen aus den beiden Halbjahresklausuren hervorging. Ich gebe es immerhin zu – für mich sind die Wege der Genetik stets verschlungen geblieben. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich muss es akzeptieren, und das tue ich auch – außerdem bleibt mir auf diese Weise doch ein bisschen mehr an vermeintlichen Wundern erhalten, wo andere, die das Prinzip verstanden haben, wissend von F1- und F2-Generation sprechen und die Zusammenhänge überblicken. Man muss das positiv sehen und ganz nach dem Motto: „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht“ vorgehen. Einer meiner Wahlsprüche. Ich lache recht oft, auch das muss ich zugeben. Bisweilen sogar aus echter Überzeugung. Manchmal aber auch nicht.

Den Spruch über die Verwandten habe ich neulich meiner Kollegin Isabelle genannt, als diese einmal mehr etwas zerknittert im Dozentenraum des Sprachenzentrums an der Uni, an der ich als Dozentin tätig bin, auftauchte. Isabelle ist sonst stets fröhlich, und wir verstehen einander recht gut, da sie eine Sarkastikerin ist, mit der man hervorragend herumfrotzeln kann. Zwar gibt sie nie übermäßig viel von sich preis, aber auch da ähneln wir einander, denn wenn wir auch beide viel reden und Witze machen, wissen nur wenige Menschen, wie es in uns eigentlich aussieht. Muss ja auch nicht jeder wissen, und manchmal ist weniger mehr. Viele Menschen sind ohnehin nicht wirklich daran interessiert, wie es Mitmenschen gehe, und wir alle wissen ja, dass man die Frage: „Wie geht’s?“ am besten mit: „Muss“ beantwortet. Das ist eine soziale Konvention, und keiner kann sich beklagen.

Neulich saß ich mal wieder mit einem Kaffee im Dozentenraum, da ich eine lange Pause zwischen zwei Seminaren habe, als Isabelle hereinkam. Ich freute mich, sie zu sehen, denn ich bekomme von meinen Kollegen sonst eher wenig mit, da wir ja dauernd auf dem Sprung und zwischen verschiedenen Seminarräumen unterwegs sind.

An jenem Tag machte sie einen etwas bekümmerten Eindruck auf mich, und ich fragte: „Ist irgendetwas passiert?“, nachdem sie pflichtschuldig ihr „Muss“ auf meine Frage, wie es ihr gehe, geliefert hatte. Und da druckste sie etwas herum, dass es ihr nicht so gut gehe – sie sei wohl urlaubsreif, fühle sich total „weichgekocht“ und ebenso „weich in der Birne“. Ihr Leben ein einziges Desaster, sie selber seit Tagen nicht in den Schlaf gekommen. Das tat mir leid – ich kenne solche Phasen. Man fühlt sich völlig überflüssig, hadert mit Gott und der Welt, am meisten aber mit sich selber. Ich habe solche Nächte schon mit meinem Laptop im Bett verbracht und sämtliche Folgen des  Münsteraner „Tatorts“ gesehen, wenn ich nicht schlafen konnte, weil der bisweilen so albern ist, dass man wenigstens da etwas zu grinsen hat, wenn es sonst schon nichts zu lachen gibt. In besonders heftigen Fällen hilft allerdings Quentin Tarantino oder Vergleichbares besser.

Sie erzählte, und da glaubte ich, Tränen in ihren Augen auszumachen, wollte aber nicht so hinstarren, dass sie wieder einmal mit ihrer Mutter telefoniert habe. Ihr Vater habe doch am 30. Geburtstag, und da habe sie eigentlich hingewollt, obwohl ihre Schwester, zu der sie „mit Gründen“ keinen Kontakt pflege, anwesend sei, ebenso eine Tante, die Isabelles Schwester stets auf ein Podest stelle, an Isa aber dauernd herumkritisiere, egal, wie sehr Isa sich ins Zeug lege, einmal anerkannt zu werden. Die Schwester, die auf den wunderbaren Namen Solveig hört, könne nichts falsch, sie, Isa, nichts richtig machen, und dies sei schon seit der Kindheit so. Isa meinte, es klänge für meine Ohren sicherlich lächerlich, aber sie leide bereits von Kindesbeinen darunter, dass Solveig, die stets Strahlende, von den meisten Leuten bevorzugt werde, während sie, Isa, da ruhiger, immer unter „ferner liefen“ rangiere, wofür sie von besagter Tante auch noch kritisiert werde – Solveig sei nun einmal interessanter.

Ich starrte Isabelle an und meinte: „Das stimmt doch gar nicht. Deine Schwester ist nicht interessanter. Ganz und gar nicht.“ Ich hatte sie einmal kennengelernt, als ich Isabelle in der Stadt zusammen mit ihr getroffen hatte. Was stimmte, war, dass Solveig sich sehr gut in Szene setzen konnte, dauernd alle Leute mit gefletschten Zähnen und in Colgate-Manier anstrahlte, auch einen vorbeigehenden Dobermann, der daraufhin wütend wurde und auf Solveig losgehen wollte – es lag wohl an ihren gebleckten Zähnen. (Ich fand das – ich gebe zu, etwas gemein – sehr erheiternd. Ich würde niemals einem Hund direkt in die Augen starren und dabei meine Zähne fletschen – Solveig war empört und meinte nur, dass der Hund mal besser einen Maulkorb tragen solle.) Was sie erzählte, fand ich nicht unbedingt nobelpreisverdächtig. Am schlimmsten aber fand ich, dass sie Isabelle, meine von mir sehr geschätzte Kollegin, behandelte, als sei diese sowohl vor die Pumpe gelaufen als auch stocktaub, da sie Witze über sie machte, die ich meiner Schwester nie verziehen hätte.

„Meinst du das ernst?“ fragte Isabelle. „Das meine ich absolut ernst. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit deiner Schwester befreundet zu sein, denn es zählen ja durchaus auch erste Eindrücke. Mag sein, dass manche Leute einen sehr positiven ersten Eindruck von deiner Schwester haben – bei mir war das anders. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich, wie du ja auch, so viel mit Menschen arbeite, dass ich da eine etwas strengere, genauere Sichtweise habe und auch genauer hinhöre, was sie sagen. Und wie.“

Isabelle seufzte und meinte: „Heute habe ich mit meinen Eltern telefoniert, und da meinte meine Mutter, dass sie doch lieber wegen Papas Geburtstag separat mit mir essen gehen wollten, nach dem eigentlichen Geburtstag, da ja Solveig und meine Tante an diesem Tag anwesend sein würden – und das sei ja etwas heikel und mir nicht zuzumuten, dass ich die ganze Zeit daneben sitze und gute Miene zum bösen Spiel machen soll, was mir nicht leichtfällt, da ich Ungerechtigkeit nicht gut vertrage und – wenn es wirklich zu viel wird – auch richtig sauer werden kann.“

Ich schnappte nach Luft. Wie bitte? Es sei Isabelle nicht zuzumuten, dass sich zwei Selbstdarstellerinnen auf Isabelles Kosten selbst darstellen, und so wurde sie auf einen anderen Tag und auf „ferner liefen“ verlegt? Hui! Ziemlich starker Tobak – meine Eltern würden so etwas zum Glück niemals machen. Wie muss man sich denn fühlen, wenn man als Tochter lieber draußen bleiben soll, weil andere sich ausleben können sollen, wie es ihnen beliebt, weil sie ja nun einmal so seien, wie sie sind, was man Isabelle als Grund angab, wie sie mir erzählte. Ich war schockiert, das muss ich ehrlich zugeben. Da gesteht man zwei Menschen zu, eben so zu sein, wie sie sind, so weit, so gut. Ist ja sehr tolerant und gar nicht verkehrt. Aber wenn man da so großzügig ist, sollte man dies auch mit anderen sein und Isabelles Eigenheiten doch ebenso bewerten. Das sagte ich ihr auch, aber sie lachte nur sarkastisch. Ich sagte lieber nichts mehr, während sie anfing, sich selber zu bezichtigen, leider etwas impulsiv und mit einem übersteigerten Gerechtigkeitsempfinden ausgestattet zu sein. Ich bat sie, aufzuhören – es lag wohl neben der originären Ungerechtigkeit daran, dass auch ich ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden mein eigen nenne. Und impulsiv bin ich auch. Ich finde das inzwischen aber gar nicht mehr so verkehrt: Warum soll man nicht sagen dürfen, dass einen Ungerechtigkeiten ankotzen, und das genau so? Vor allem dann, wenn man selber sehr sensibel ist?

Ich gab Isabelle den Tipp, schnoddriger zu agieren. Zwar glauben dann viele Leute, man sei wenig sensibel oder gar frech, und Männer hauen einem dann gerne schon mal auf die Schulter und erklären, man sei ja ein echter Kumpel, aber das sei doch besser, als ewig dafür gescholten zu werden, man sei zu empfindlich und dann gegebenenfalls bei Familienfeiern, im Gegensatz zu Erbonkel Ernst, ausgeladen zu werden.

Sonderlich überzeugt wirkte Isabelle nicht. Und so griff ich zu meiner letzten Waffe und gab den Spruch, von einer echten Fränkin stammend und einst voller Überzeugung vorgebracht, zum Besten: „Verwandde ssann fei aa Menschen – aber drrroddsdämm pfui!“

Da lachte Isabelle und nahm mich in den Arm. Zwei Tränen liefen zwar noch, aber ich hoffe, es waren Lachtränen, gemäß meinem Motto: „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht.“

Nostalgisches oder: Warum ich nichts Hochprozentiges (mehr) trinke …

Neulich musste ich an eine frühere Schulfreundin denken, als mir jemand sagte, er freue sich immer über meine Mails, da recht lebensnah geschrieben. Meine Schulfreundin hatte mir das auch einmal in einem Brief geschrieben, als Antwort auf einen meiner Briefe an sie. Sie freue sich immer sehr, wenn sie Post von mir im Briefkasten fände, und das sei schon ein kleines Ritual. Niemals würde sie den Brief sofort aufreißen, obwohl sie neugierig sei, aber sie würde doch erst in die Küche gehen, einen Kaffee oder Tee aufsetzen und sich dann mit einer ganzen Kanne des jeweiligen Getränks an den Küchentisch setzen. Dort öffne sie dann den Brief und freue sich an jeder Zeile, da ich so lebhaft schriebe. Fast sei es so, als säße ich ihr gegenüber, während sie lese und Kaffee oder Tee trinke, fast könne sie meine Mimik und Gestik vor sich sehen, lebhaft und überschäumend, wie sie meinte. Einmal, so schrieb sie mir, hätte sie fast darüber vergessen, ihren kleinen Sohn, noch ein Baby zu dem Zeitpunkt, zu füttern, weil sie so vertieft gewesen sei. Irgendwann sei ihr aber doch sein Geschrei zu Bewusstsein gedrungen.

Mit Bea verband mich eine jahrelange Freundschaft, die im Alter von 13 Jahren ihren Anfang genommen hatte. Etwa zwei Jahre lang gehörte ich beinahe zu ihrer Familie, so oft ging ich dort ein und aus, übernachtete auch öfter dort. Ich hatte dort sogar eine Zahnbürste stehen. Fast wäre ich ganz dorthin gewechselt, als meine Mutter mal zu Beas Mutter meinte: „Können wir unsere Töchter nicht tauschen? Bea ist so schön ruhig.“ – „Gute Idee, wir nehmen Ali gern! Die ist so schön lebhaft.“ – „Sie ist bisweilen impulsiv.“ – „Und Bea ist bisweilen etwas träge. Ich bin für den Tausch. Naja, temporär vielleicht lieber – ganz weggeben will ich sie auf keinen Fall.“ – „Ja, ich unsere ja auch nicht.“ Nun ja … 😉 Es kam nie zum Tausch, aber das habt Ihr Euch sicher schon gedacht. War auch gar nicht nötig, so oft, wie ich bei Beas Familie war. Da konnte die sich an meiner Lebhaftigkeit erfreuen, während in meiner Familie Ruhe und weniger Hektik herrschte. 😉

Als ich 15 war, ging die Freundschaft auseinander, weil ein drittes Mädchen im Bunde das Ganze, wenn auch nicht gewollt, spaltete. Ich verstand mich gut mit beiden, aber Bea verstand sich nicht gut mit der Dritten. So etwas kommt vor, und Bea und ich sprachen – albern – längere Zeit kein Wort miteinander (Weiber!), und der Kontakt blieb nur über die Schule erhalten. Privat nicht. Erst in der Oberstufe fanden wir wieder Anknüpfungspunkte, und das war auch gut so, denn im Grunde verstanden wir einander ohne Worte, so verschieden wir wesenstechnisch auch bisweilen waren. Aber so richtig voneinander entfernt auch wieder nicht, sehr ähnliche Gedanken und Ideen vor unterschiedlichen Temperamenten.

Wir machten Abi zusammen, ich ging nach Aachen zum Studium, sie fing ihre Ausbildung zur BTA an, in Warteschleife, denn sie wollte Tierärztin werden (ist ihr auch gelungen).

Irgendwann in meinem ersten Semester – an ihrem Geburtstag Anfang Dezember, an dem ich sie besuchte – kamen wir auf die glorreiche Idee, doch Silvester mit mehreren Leuten in Aachen zu verbringen, zumal Sonja, eine Mitschülerin von uns und meine sogenannte beste Freundin, ebenfalls in Aachen studierte. Sonja war auch gleich Feuer und Flamme. Sie hatte innerhalb von drei Monaten schon die zweite Wohnung in Aachen bezogen, da sie zu Beginn des Semesters die erstbeste genommen hatte und nach zwei Abenden feststellen musste, dass sie an einer der Hauptverkehrsstraßen lebte, in deren Nähe überdies eine Feuerwache war … Genauer: deren Hauptsitz. Man kann sich leicht vorstellen, was sich da Abend für Abend laut dröhnend unter ihren Fenstern abspielte.

Alles wurde geplant – es sollte ein echter „Mädelsabend“ werden. Vier Mädels Anfang 20, eine Mitte 20  – und fast alle so verschieden, dass es unterschiedlicher nicht geht. Wir hatten sogar eine Öko-Fetischistin dabei – Sybille. Dann noch Sonja und Britta, die Mittzwanzigerin, die sich als „stiller Schatten“ Sonjas auslebte, ihr alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumte und dabei zufrieden war, denn Sonja war recht raumgreifend und erfand bisweilen, um sich aufzuwerten, ganz unglaubliche Geschichten, in denen sie stets die Heldin war.

Als wir eintrafen, verlangte Sybille auf die Frage, was wir denn trinken wollten, einen Kräutertee. Bea und ich fragten nach einem Bier. Es stellte sich heraus: Es gab weder Kräutertee, noch Bier – es gab nur Leitungswasser, Kaffee und … Sekt. Ja, und O-Saft, auf den Sybille dann zurückgreifen musste. Bea und ich sahen einander an: Sekt! „Das wird ein kurzer Abend,“, raunte Bea mir zu, und ich gab zurück: „Das glaube ich auch.“ Keine von uns vertrug Sekt besonders gut. Immerhin – „Fürst von Metternich“, denn darunter machte Sonja nichts.

Dennoch – es wurde ein netter Abend: Wir tanzten, sangen laut unsere Lieblingssongs mit, mehr schräg als schön, es herrschte gute Stimmung. Bis gegen 23:30 h. Denn da brach Sonja schrill heulend  zusammen – sie litt unter Liebeskummer, und der kommt ja immer besser, wenn man noch andere daran teilhaben lässt. Liebeskummer ist schlimm, aber mindestens zwei andere von uns – Bea und ich – litten damals genauso, jede ganz individuell, wollten aber einen Abend lang das Elend vergessen, weswegen wir auch besonders viel getanzt und gesungen hatten.

Britta eilte gleich wie eine sich aufopfernde Krankenschwester aus einem alten Schwarzweißfilm an Sonjas Seite, die sicherlich auch litt, aber das Ganze – ich kannte sie – auch bewusst auslebte. An einen normalen Jahreswechsel war nicht mehr zu denken, aber da Sonja so weit vom Zentrum entfernt wohnte, auch nicht an ein Entkommen in andere Gefilde. Und so vollzog sich der Jahreswechsel für uns dann so, dass eine theatralisch heulte, eine tröstete, eine Dritte grimmig an einem Glas O-Saft nippte, während Bea und ich mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern auf dem Balkon standen, uns in sarkastischen Sprüchen ergingen und dann beschlossen, uns auf den Heimweg zu meiner Wohnung zu machen. Sybille, die ja hätte fahren können und mit deren Auto wir gekommen waren, sollte bei Sonja übernachten, zumindest an diesem Tag, und da kein Taxi zu kriegen war, stiefelten Bea und ich zu Fuß kilometerweit durch Aachen. Zu Hause angekommen, meinte Bea: „So. Und jetzt ein Bier!“ – „Ich habe kein Bier hier.“ – „Wie?“ – „Nee. Ich kann Tee machen.“ – „Na gut, dann eben Tee.“ Wir tranken Tee bis zum Morgengrauen und gingen dann in die Betten. Aufgestanden sind wir erst, als Sybille, die ab dem nächsten Tag auch bei mir übernachten sollte, an der Tür klingelte. Sie brachte Neuigkeiten.

Ich sollte schuld an Sonjas schlimmem Zustand sein. Denn ich sei ja nie auf ihre grässlichen Leiden eingegangen, die dann – zum Jahreswechsel – derart kumuliert wären, dass das, was geschehen war, unweigerlich hatte geschehen müssen. Ich war sprachlos ob dieser Dreistigkeit – ich hatte ständig zugehört. Noch schlimmer: Sonja hätte mir dauernd helfen müssen, bei der Anmeldung bei den Stadtwerken, Telefon et al. – ich hätte das ja alles gar nicht selbst gekonnt! Das überraschte mich wirklich, denn ich hatte schon ein Vierteljahr in Aachen gelebt, und das mit Strom und Telefon, von mir eigenhändig und höchstpersönlich angemeldet, bevor Sonja überhaupt je einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte! Ich war empört und regte mich auf, obwohl die anderen beiden meinten, ich solle das lassen – ihnen sei klar, wie das Ganze wirklich gelaufen sei. Aber ich vermochte mich kaum zu beruhigen – zu unverschämt die Attacke. Seit jeher habe ich es gehasst, wenn Menschen eigene Abgründe zu tarnen versuchten, indem sie anderen die Schuld gaben, um von sich abzulenken.

Bea rief: „Das schreit doch nach Bier!“ – „Ich habe keins!“ – „Gut, dann eben wieder Tee!“
Doch da fiel mein Blick in eines der Regale, das schon in der Wohnung gestanden hatte, als ich einzog. Immerhin – ein Vorteil, wenn die Wohnung, die zuvor von der eigenen Schwester bewohnt wurde, noch teilmöbliert ist. Da stand eine Flasche Korn! Von meiner Schwester gekauft, die sich irgendwann in den Kopf gesetzt hatte, zu Geburts- und sonstigen Jahrestagen Verwandte, Freunde und sonstige Menschen mit selbstgemachtem „Aufgesetzten“ zu beglücken. Offenbar hatte sie die Produktion dieses Gebräus mangels Interesse irgendwann eingestellt – und der Korn war übriggeblieben.

Es kam furchtbar, aber es war eine Lektion fürs Leben. Bea und ich tranken – „sind ja nur Pinnchen“! – die Flasche, wenn auch über sehr, sehr viele Stunden verteilt, zu zwei  Dritteln leer, während Sybille daneben saß und immer nur wieder: „Ihr seid bescheuert! Ihr seid total bescheuert!“ rief. An diesem Abend konnten wir das noch nicht so recht einsehen, nannten sie eine „elende Bedenkenträgerin“. Aber sie grinste nur und meinte: „Wartet bis morgen.“

Der Morgen kam. Wir wollten zu fünft, so war es geplant, auch wenn ich gern auf Sonja und Britta verzichtet hätte, bei mir frühstücken. Aber so war es geplant, und es musste noch eingekauft werden. Es war ein Samstag – ich werde es nie vergessen.

Irgendwann mitten in der Nacht – so kam es mir vor – zerrte jemand an meinem linken Arm, der aus dem Bett ragte. (Ich tendiere bisweilen zu etwas abstrusen Schlafpositionen.) Dann wurde mir die Bettdecke weggezogen. Ich war nicht ganz bei mir, knurrte und zog die Decke wieder an mich. Was sollte das denn? Ich hatte mich doch gerade eben erst hingelegt! Doch die Decke wurde mir erneut entrissen, auch nicht zurückgegeben, und eine Stimme meinte: „Los! Du musst aufstehen – wir müssen einkaufen!“ – „Aaahh …“ – „Aufstehen, einkaufen! Jetzt!“ Ich stemmte meine Augenlider auf: Da stand Sybille vor dem Bett, und sie sah zu allem entschlossen aus. In einer Hand hielt sie ein Gefäß … mit Wasser! Ich stand lieber freiwillig auf und nuschelte: „Wassm Bea?“ – „Ist völlig komatös. Ist nicht wachzukriegen.“ Ich kannte Bea. Wenn sie schlief, hätte neben dem Bett eine Blaskapelle spielen oder eine Bombe detonieren können – sie wachte nie auf. Aber wenn ich schon aufstehen musste … Ich schleppte mich zu ihr und zog und zerrte so lange an ihr, bis sie nachgab und aufwachte. Ich teilte ihr in restringiertem Code mit, dass ich nunmehr mit Sybille das Haus verlassen und einkaufen würde. Sie nuschelte – ebenfalls restringiert – zurück: „‘sss gut.“ – „Stehst du auch auf?“ – „Ja.“ – „Ja?“ – „‘ch deck den Tisch und so …“

Im Bad schrak ich vor meinem eigenen Spiegelbild zurück – ich sah aus wie das graugesichtige Tränensackmonster. Ein bisschen erinnerte mich mein Spiegelbild an Oberinspektor Stephan Derrick, und ich hoffte, soweit ich konnte, darauf, dass die Auswirkungen reversibel sein würden.

Die Einkaufstour mit Sybille ist unvergessen. Erst- und in meiner Aachener Zeit einmalig besuchte ich den Wochenmarkt am Rehmplatz, der offenbar jeden Samstag nur eine Häuserecke von meiner Wohnung entfernt stattfand. Hatte ich zuvor noch nie bemerkt. (Ist ja immer so: Du wohnst jahrelang in einer Stadt, und dann kommen Besucher und erzählen dir, wie toll alles sei und dass du das ja sicherlich alles kennen würdest – und du hast keine Ahnung, weil du immer daran vorbeirennst, ohne es auch nur wahrzunehmen … ) Dort erwarb Sybille fünf Hühnereier, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Hühner nicht nur freilaufend, sondern obendrein auch noch glücklich seien, eigenhändig Sonette über ihr Glück verfassten und jedes Ei mit viel Liebe und guten Gedanken ans Tageslicht gepresst hatten. Ich stand wie ein Fremdkörper dahinter – mir war alles egal. Vor meinem geistigen Auge schwebten keine glücklichen Hühner – nur mein Bett …

Dann gingen wir zu „Plus“ und kauften die Dinge des täglichen Lebens. Bis auf Joghurt, denn der war politisch inkorrekt oder linksdrehend – ich habe keine Ahnung. Bereits bei „Plus“ fühlte ich Unheil nahen, denn mir war urplötzlich speiübel. Keine Ahnung, woher das nun so plötzlich kam … 😉

Wegen des Joghurts mussten wir noch die ganze, lange Ottostraße bis zu „Tengelmann“ latschen. Da gab es Joghurt, der konvenierte. Und eine sehr, sehr lange Schlange an der Kasse.

Zurück sind wir dann gerannt. Ich zumindest, und ich war so schnell wie noch nie in meinem Leben! Es pressierte, denn mir war die stickige Luft in der Kassenschlange und der darauf folgende Frischluftflash draußen nicht so recht bekommen – weiß der Henker, warum! 😉 Ich hatte zwar irgendwo den Hausschlüssel dabei, aber den herauszukramen, hätte zu lange gedauert, und so klingelte ich an der Ottostraße 33 Sturm. Glücklicherweise war Bea offenbar wirklich schon bei Sinnen – sie drückte auf den Türöffner, und ich bin die 78 Stufen bis in den vierten Stock nie wieder so schnell gelaufen wie an diesem Tag! Oben angekommen, stand Bea in der Tür, und ich schob sie – wir verstehen einander, siehe oben, auch ohne Worte – nur wortlos beiseite und stürmte Richtung Bad …

Später saßen wir dann, inzwischen waren auch Sonja und Britta eingetroffen, zu fünft am Küchentisch. Drei von uns aßen mit vollen Backen Brot, Wurst, Käse und die zwischenzeitlich gekochten glücklichen Hühnereier. Zwei von uns saßen mit leicht blutunterlaufenen Augen bleichgesichtig einander gegenüber und nippten bisweilen vorsichtig an einer Tasse Pfefferminztee … Aber wir kniffen einander ein Auge zu – mochte es den anderen auch physisch besser gehen, waren wir doch in jeder Hinsicht auf einer Wellenlänge. Sogar schlecht war uns gemeinsam. Und irgendwann meinte Bea, wobei sie ihre Pfefferminzteetasse hob: „Prost, Ali! Mit dir trinke ich am liebsten!“ Wie am Abend zuvor, nur etwas „kleinlauter“.

Silvester haben wir seitdem allerdings nie wieder zusammen gefeiert. Schade eigentlich. Hochprozentiges ist seitdem für mich aber auch tabu – einmal reicht. 😉