Aeger sum – ergo sum!

„Ich bin krank – also bin ich!“ Übertrieben gesprochen. Und ich will mich hier keineswegs über ernsthaft Erkrankte lustig machen, denn diese Menschen haben wirklich zu kämpfen, nicht nur mit ihrer Krankheit, sondern nicht selten auch um Anerkennung ihrer Krankheit, die bisweilen nicht als solche akzeptiert wird, bisweilen sogar belächelt, wenn nicht gar diskriminierend bewertet wird. Das ist hier nicht mein Thema, denn darüber könnte ich gar nicht in dieser Weise schreiben. Denn das ist ein viel zu ernstes und seriöses Ärgernis. Ich will hier aber gar nicht „seriös“ schreiben. Wollte ich dies, würde ich wohl ein politisches Blog betreiben.

Mir geht es eher um Menschen, die sich über ihre Zipperlein definieren. Auch das ist noch nicht ganz korrekt definiert: Es geht um Phänomene, die sich mehr im Kopf abspielen. Ich wäre sicherlich eine der Letzten, die psychische Befindlichkeiten ernsthafter Natur nicht ernstnähmen, auch das ist hier nicht gemeint, nein, zumal die wirklich Betroffenen zumeist wirkliche Hilfe suchen und in Anspruch nehmen. Mir geht es um etwas ganz anderes.

Als ich noch klein war, entdeckte ein Arzt, dass ich drei Nieren hätte. Ich hatte eine Nierenbeckenentzündung erlitten – ich erinnere mich ungern daran -, und da musste ich zum Urologen, der mich auch sogleich diagnosetechnisch auf den Kopf stellte. Neben Untersuchungen einer gewissen Körperflüssigkeit – huuiii, so viele Leukozyten! – spielten natürlich in erster Linie auch radiologische Untersuchungen eine große Rolle (und falls bei Euch mal ein Urologe einen „Refluxtest“ machen will: Zähne zusammenbeißen und viel Selbstbeherrschung mitbringen, wenn man über einen Blasenkatheter Eure Blase mit Kontrastmittel bis zum gefühlten Platzen des genannten Hohlkörpers vollpumpt, um danach zu röntgen). Schon beim ersten Röntgen fiel auf, dass ich da eine kleine Unregelmäßigkeit mitbrachte: statt zweien gleich drei Nieren, wenn auch die dritte nur halb so groß ist wie die beiden regulären, sich aber arbeitstechnisch wohl richtig ins Zeug legt, was nicht immer so vorteilhaft ist. Denn der Urologe meinte, ich sei aufgrund dieser Anomalie in diesem Bereich empfänglicher und empfindlicher hinsichtlich Infektionen. Ergo wurde ich mit wollener Unterwäsche gequält, gut gemeint, aber nicht immer schön. Sitzen auf kaltem Untergrund? Nein! Niemals! Auch im Sommer nicht sorglos sein. Das einzig Gute war ein Attest für den von mir gehassten Schwimmunterricht in der Schule. Privat schwimme ich gern, wenn auch nicht besonders gut, aber ich sollte laut Verdikt des Urologen nicht länger als eine Viertelstunde am Stück im Wasser bleiben – und dafür lohnte der Aufwand in der Schule nicht. Zum Ausgleich sollte ich täglich möglichst etwa drei Liter Flüssigkeit – Kaffee trank ich damals noch nicht, Milch sollte ich auch nicht trinken – zu mir nehmen, was speziell in der kalten Jahreszeit gar nicht so einfach ist. Ich fand das alles Scheiße und wäre nie auf die Idee gekommen, dass etwas, das einen beeinträchtigt, toll sei und die Persönlichkeit erst so richtig ausmache oder einen aufwerte. Es gibt Menschen, die das anders sehen.

Als ich neulich beim Bäcker ein Brot kaufen wollte, war vor mir eine Mutter mit einem kleinen Mädchen an der Reihe. Die Mutter verlangte ein bestimmtes Brot, und das kleine Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, schrie dazwischen: „Ist da Milch drin? Ich bin nämlich intolerant!“ Ich fand es toll von dem kleinen Mädchen, zuzugeben, dass Toleranz nicht zu seinen Stärken gehöre, zumal wir heutzutage ja alle wahnsinnig tolerant sind oder sein sollen, aber da sprach die Mutter bereits wohlfeilen Mundes zur verständnislos dreinblickenden Bäckereifachverkäuferin: „Ja, die kleine Edda-Ambrosia ist laktoseintolerant.“ Und sie drehte sich beifallheischend zu den hinter ihr Wartenden um, während Edda-Ambrosia die Verkäuferin fragte, ob diese auch intolerant sei. Die stand allerdings – ich kann es ihr nicht verdenken – in gewisser Weise stupéfait und offenen Mundes hinter dem Tresen und verweigerte jegliche Antwort. Daraufhin fragte Edda-Ambrosia mich, und ich meinte lächelnd: „Nein, ich bin nicht intolerant. Jedenfalls nicht laktosemäßig.“ Die Mutter starrte mich an und meinte: „Dann sind Sie aber nicht der Norm entsprechend, denn im Grunde ist es normal, laktoseintolerant zu sein.“ Ich lächelte huldvoll und gab zurück: „In gewisser Weise entsprach ich noch nie der Norm.“ Und ich fügte wowereitisierend hinzu: „Und das ist auch gut so.“ Die Mutter würdigte mich daraufhin keines Blickes mehr und zog Edda-Ambrosia schnell von mir weg. Gut, dass ich nicht noch erwähnt hatte, dass ich rauche, überdies nicht an Gott glaube und auch niemals bei Vollmond und umherwabernden Nebelschleiern in einer Selbsterfahrungsgruppe besonders feinsinniger Frauen auf dem Blocksberg gemeinschaftlich menstruiert habe. Ich habe nicht einmal einen Traumfänger über meinem Bett!

Mir ist klar, dass es Laktoseintoleranz gibt, und das ist ganz sicher auch nicht angenehm. Ich selber bin vor Jahren mal dahingehend getestet worden, war aber höchst tolerant, was mich beruhigte, denn ich esse gern Rohmilchkäse, und der hätte mir doch sehr gefehlt! Mich irritiert einfach nur dieser explosionsartige Anstieg Laktoseintoleranter in den letzten Jahren, und ich betrachte mit Argwohn, dass in einem der Supermärkte, in denen ich einzukaufen pflege, inzwischen fast mehr laktosefreie Molkereiprodukte zu dreifach höherem Preis angeboten werden als laktosehaltige. Dass ein kleines, vierjähriges Mädchen das so hübsch beim Bäcker formulieren konnte, irritierte mich kaum. Ich selber hatte als etwa gleichaltriges Kind auch das Wort „Drehstromasynchronmaschine“ fehlerlos artikulieren können, was meinen Vater bis kurz nach meiner Einschulung und den ersten Mathestunden der Hoffnung anheimfallen ließ, ich könne in seine Fußstapfen treten und Elektroingenieurin werden. Dabei war ich einfach nur sprachbegabt, und ich hörte das Wort ja auch so oft.

Mir ist auch bekannt, dass Allergien bisweilen im Handumdrehen und von einem Tag auf den anderen auftreten können. Ich selber hatte anno 2001 im Frühjahr plötzlich ganz seltsame Beschwerden: Von einem Tag auf den anderen brannten meine Augen, tränten, und an das Tragen meiner Kontaktlinsen war nicht im Entferntesten zu denken – zwei Wochen lang. Ich wusste gar nicht, was das war, musste aber einer anderen Angelegenheit wegen zu meinem Hausarzt, der mich schon mit den Worten: „Sie sehen ja heute ganz anders aus – seit wann tragen Sie eine Brille, und warum sind Ihre Augen so rot?“ begrüßte. Der erklärte mir dann, ich hätte wohl einen Heuschnupfen-Schub. Heuschnupfen? Ich? Nie gehabt und immer die armen Irren bemitleidet, die darunter litten, und das wirklich. Die, die ich kannte, hatten aber zumindest keine Augenprobleme gehabt, nur enervierend oft geniest, einen hohen Papiertaschentuchverbrauch zu beklagen gehabt und unter anderen Problemen gelitten – bei mir schlug es auf die Augen. Immerhin nur zwei Wochen lang, dann war das Ganze wie abgeschnitten vorbei.

Ich will mich also keineswegs über echte Allergieopfer lustig machen. Aber ich habe speziell im Büro bis zum Ausscheiden meines lieben Kollegen so manche Allergie mitbekommen, die dazu diente, die Persönlichkeit meines Kollegen aufzuwerten, aufzuhübschen. Einzig sein Heuschnupfen war auch für andere erkennbar echt, und darüber will ich wirklich nichts sagen – das ist nämlich wirklich ätzend.

Aber ich lernte so viele neue Allergien kennen! Wasseradern waren ganz gefährlich, aber davon berichtete ich ja schon. Auch hatte er eine Allergie gegen Leitungswasser in der Kaffeemaschine, es sei denn, man hatte vor Befüllen des Wassertanks das Leitungswasser aus dem Hahn schon fünf bis zehn Minuten völlig ungenutzt und damit nutzlos in den Abfluss laufen lassen. Er erklärte dies mit der Existenz der gefährlichen, alten Bleirohre. Das Gebäude, in dem wir arbeiten, ist in den ausgehenden Neunzigern des letzten Jahrhunderts erbaut worden, da schon eine 19 davor stand, keine 18. Auch ertrug er seinen Arbeitsplatzdrucker nicht mehr, nachdem er von der Existenz gesundheitsgefährdenden Toners erfahren hatte und seitdem dauernd unter einem Kribbeln in den Fingerspitzen litt (vorher niemals). Und er litt grässlich unter Elektrosmog und musste dringend eine Funktastatur – ja, genau! – für seinen Arbeitsplatzrechner haben, ebenso eine Funkmaus. Ich sagte dazu lieber nichts, zumal es mir immer diebische Freude bereitete, waren die Akkus in Tastatur und/oder Maus mal wieder entladen und die Gerätschaften damit vorübergehend unbrauchbar, wenn er fluchend auf die Tastatur einschlug oder die Maus auf den Tisch knallte und dann mit Schaum vor dem Mund unseren SysAdmin anrief. Noch schöner war allerdings, reinigte er seine Tastatur. Da er einmal hatte feststellen müssen, dass wie durch ein Wunder Termine gelöscht oder unfreiwillig andere Dinge auf dem Bildschirm geschehen waren, als er bei eingeschaltetem Rechner grobmotorisch mit einem Wischlappen die Tasten abgewischt und der zu Hilfe geeilte SysAdmin erklärt hatte, die Tastatur reagiere eben auf so etwas, wenn sie in Reichweite sei, sah man ihn fortan immer mit Keyboard und Wischlappen aus dem Raum rennen und sich auf der Galerie etwa dreißig Meter weit vom Rechner entfernt reinigend an der Tastatur zu schaffen machen. Ich sah das immer mit einer gewissen Faszination, verstand zunächst aber den Zweck der Übung nicht, und so fragte ich ihn: „Warum rennst du immer mit dem Keyboard auf die Galerie, um es zu putzen?“ Herablassend erklärte er mir, dass ja ansonsten noch Empfang da sei und er bei seinen Reinigungsarbeiten gegebenenfalls an seinem Rechner Veränderungen vornähme. Ich verstand zunächst gar nicht, was er meinte. Dann fiel der Groschen, und ich fragte: „Warum nimmst du nicht einfach die Akkus raus, wenn du das Ding putzen willst? Oder machst es sauber, wenn du den Rechner schon heruntergefahren hast?“ Nein! Nach Herunterfahren des Rechners war Feierabend, da kann man doch nicht mehr putzen! Lieber rennt man auf die Galerie!

Das zu Elektrosmog und Funktastaturen. Richtig schlimm und nervend wurde es, als er seinen Heilpraktiker nicht mehr aufsuchte und stattdessen zu einer Homöopathin gewechselt war. „Die ist viel besser und hat viel mehr Ahnung! Sie hat mich auch gleich als besonders sensiblen Menschen erkannt – sie meinte, das habe sie mir schon gleich angesehen. Sie arbeitet sehr mit den Augen, weißt du.“ Klar. Ich arbeite auch mit den Augen. Aber offenbar sehe ich irgendwie anders. Zumindest sehe ich andere Dinge.

Kaum zweimal bei der Homöo-„Patin“ gewesen, wurden sämtliche Giftstoffe aus meines Kollegen Körper und Geist „ausgeleitet“ – ein Wunder, dass ich weiterhin in einem Büro mit ihm sitzen durfte! Er litt in dieser Zeit sehr, was er auch stundenlang mit seinen Vertrauenspersonen – Menschen, denen ich nicht einmal das Schwarze unterm Fingernagel anvertrauen würde – telefonisch während der Arbeitszeit diskutierte und dabei vielfach stöhnte.

Nach der „Ausleitung“ wurde es richtig grotesk, denn mein Kollege verkündete: „Ich vertrage keine ‚E-s‘, hat meine Homöopathin herausgefunden! Die ist wirklich gut! Und ich habe mich immer gefragt, warum ich manchmal so einen Ausschlag habe! Eindeutig liegt das an den E-s!“ (Nun, zu dem Thema fielen mir viele Ursachen und Auslöser ein, speziell aber ein gewisser sorgloser Umgang mit Ibuprofen-Tabletten, die der Kollege bei geringen Anflügen von Kopfschmerz bereits frühmorgens einwarf und die Dosis über Tag steigerte, wenn der Schmerz nicht binnen zehn Minuten verschwunden war, da er von anderen als homöopathischen oder naturheilkundlichen Mitteln stets sofortige Wirkung verlangt, während er bei den erstgenannten eine derartige Geduld hinsichtlich des Wartens auf Wirkung an den Tag legt, dass es beinahe rührend ist. Wandte ich ein, das könne nicht gut sein, erklärte er mir nachsichtig, das könne sich die böse Pharmaindustrie ja gar nicht erlauben, dass das böse Folgen haben könne – das müssten die doch explizit klarmachen! Ich verwies an den Beipackzettel, aber so etwas lese er erst gar nicht, war des Kollegen abfällige Reaktion. Dann eben nicht, liebe Tante, dachte ich.) Schuld an seinen vielen Allergien hatten allein die bösen „E-s“, ergo Farb-, Konservierungs- und andere Stoffe, die mit „E“ und einer Ordnungsnummer gekennzeichnet werden. Ich habe inzwischen eine Allergie gegen den Vokal E gebildet, zumal es von morgens bis mittags dauerte, bis mein Kollege verstand, dass ich ihn auf den Arm genommen hatte, als er gemeint hatte, er koche sich einen Tee und ich sagte: „Darfst du das denn? Tee? Da sind zwei E-s drin!“

Mein Kollege litt all die neun Jahre, die ich in einem Büro mit ihm saß, ganz furchtbar unter den schrecklichsten Allergien, Allergien, die noch kein menschliches Auge geblickt hatte, aber ich weiß nun, dass es eine Kugelschreiberallergie gibt, da man doch mit Bleistift viel besser und nachhaltiger schreiben kann, eine Allergie gegen bestimmte Büroklammern, nicht biologisch abbaubare Textmarker, Chefs, Teppichboden und gegen alles, was digital arbeitet … Und: Arbeit, wenn doch eine Pause viel schöner wäre. Darüber hinaus aber auch Allergien gegen alles und jedes, was nicht ansatzweise so gut ins Weltbild passt wie das, was vielleicht wirklich störende Auswirkungen haben könnte.

In jedem Falle fühlte sich mein Kollege immer gleich erheblich bedeutender, hatte er eine neue Allergie an sich entdeckt – da wuchs er gleich um mindestens fünf Zentimeter. Und so – zumindest drängt sich mir dieser Eindruck bisweilen auf – scheint es auch anderen Leuten zu gehen. Wozu Sprüche wie: „Cogito, ergo sum!“ bemühen, wenn es auch „Aeger sum, ergo sum!“ gibt. Macht weniger Mühe und viel mehr Spaß. Und die Betroffenen werden auch noch bedauert, denn sie können ja gar nichts dafür – eine echte Win-win-Situation, denn auch das nicht durch Allergien betroffene Gegenüber wird viel feinfühliger und lernt, was für Allergien es so gebe.

Meine Allergien halten sich im Rahmen. Ich habe nur eine Allergie gegen die Erwähnung von Allergien gebildet, als seien diese eine persönliche Auszeichnung und Glanzleistung.

Und gegen zu lange Glossen. Die nächste wird kürzer, sonst droht mir ein Allergieschub. Aber es musste sein – ich arbeite nach Ausscheiden des Kollegen quasi Altlasten ab. Die müssen weg, sonst droht unter Umständen eine psychosomatische Reaktion. 😉

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