Wenn Ali plant und pendelt …

Heute war ich nur kurz bei meiner Festanstellung – ganze drei Stunden. Aber ich habe eine Menge geschafft: Zweifach Geld abgedrückt für unseres Personaldezernenten und meines Kollegen Abschiedsgeschenke, dabei mit den das Geld verwaltenden und die Sammlung koordinierenden Kollegen heftig und lustig herumgefrotzelt, wobei mich auch noch ein Riesenkompliment ereilte: Unser Systemadministrator beschied mir, über einen guten Geschmack zu verfügen. Ich hatte gesagt, Nürnberger Rostbratwürste seien die besten Bratwürste, die ich kenne. Da meinte er anerkennend, ich hätte in der Tat einen sehr guten Geschmack. (Ich verschwieg, dass ich auch Thüringer und Krakauer sehr möge, aber die „Drrrei im Weggla“ mit Senf, die ich auf dem Christkindlesmarkt gegessen hatte, waren wirklich mal wieder eine Art wurschtiger Offenbarung gewesen. Sogar das „Weggla“ war ganz knusprig, ebenso wie die Haut der „Brrrodwärschtla“.) Als ich aus Spaß auch noch anhob, fränkisch zu parlieren, applaudierte der SysAdmin sogar, und seine beiden Kollegen staunten.

Weiterhin habe ich ein wichtiges Amtsblatt mit zwei Ankündigungen veröffentlicht und einen Aushang dazu gemacht – die übliche Vorgehensweise, denn wir sind ja im öffentlichen Dienst. Und dann habe ich noch etwa zweihundert Weihnachtskarten kuvertiert und in die Post gegeben. Den Rest musste ich leider auf morgen verschieben, denn um kurz vor 12 musste ich mit wehenden Haaren zum Bus rennen: Meine Dozententätigkeit, eigentlich Neben-, für mich aber emotional Haupttätigkeit, rief mich in eine der Nachbarstädte an die dortige Technische Universität. Alle Verbindungen mit dem ÖPNV klappten, und ich freute mich, denn ein solches Ereignis ist keineswegs selbstverständlich. Nur das Wetter war scheußlich, denn es stürmte, der Wind heulte dramatisch, und es schüttete wie aus Eimern. Ich kam trotz Regenschirms recht durchfeuchtet in meinem Seminarraum an.

Das Seminar lief prima, obwohl ich die armen Studenten und Studentinnen mit „grammar“ quälte. Da das Seminar danach ausfiel, hätte ich Gelegenheit gehabt, mal ausnahmsweise früher zu Hause zu sein, aber ich dachte: „Ach was – da fährst du über Essen und kaufst dort Weihnachtsgeschenke!“ Ein toller Plan – ich komme ja sonst zu nichts. Ich war über mich selber begeistert, was gar nicht so oft vorkommt.

Es fing damit an, dass meine S-Bahn in der unterirdisch gelegenen Universitäts-Station nicht kam … Meinem Gleis gegenüber fuhren hingegen zwei Bahnen in die Gegenrichtung, in die ich nicht wollte, mit nur ganz geringfügiger Verspätung – etwa 10 Minuten – problemlos. Also im Grunde total pünktlich, wenn man mit der Deutschen Bahn einigermaßen vertraut ist. Es erfolgte auf meinem Gleis keine Ansage – nichts. Ich stand mit schließlich etwa 80 Studis, Dozenten und weiteren Leuten fröstelnd auf dem Bahnsteig, an dem sich nichts tat. Doch! Eine Maus huschte über das Gleis, die sogar einmal Männchen machte und uns ansah, als wolle sie sich über uns lustig machen. Sie tat das völlig gefahrlos auf den Schienen – mit der Einfahrt eines Zuges war ja nicht zu rechnen. Nicht auf meiner Seite.

Als selbst geduldigere Gemüter als ich erst langsam, dann jedoch nachhaltig ungeduldig wurden, schlich endlich eine S-Bahn übers Gleis in unsere Richtung und hielt am Bahnsteig: Was für ein Fortschritt! Und drinnen war es warm! Wir fuhren dann sogar zügig los, und ich hatte berechtigte Hoffnung, meine Geburtsstadt, in der ich Weihnachtseinkäufe machen wollte, doch tatsächlich noch heute zu erreichen.

Kaum dort eingetroffen, verfluchte ich mich für meinen Leichtsinn! Bereits in den Bahnhofsgeschäften brummte der Bär in Gestalt vieler Menschen, die hektisch in den Auslagen herumsuchten. Einige von ihnen hatten offenbar den Volkshochschulkurs: „Wie stehe ich ganz besonders effizient im Weg?“ erfolgreich und mit Zertifikat besucht. Auch waren Absolventen des Fortgeschrittenenkurses anwesend: „Wie stehe ich ganz besonders effizient im Weg und telefoniere/unterhalte mich mit meiner Nachbarin/meinem Nachbarn, die ich zufällig getroffen habe, dabei, wobei ich vorgebe, gar nicht zu bemerken, dass ich störe?“

Nachdem ich bei Tchibo zwei Päckchen Kaffeekapseln für meine brandneue Kaffeemaschine gekauft hatte, floh ich aus dem Bahnhofsgebäude: Nicht weit entfernt ist ja die „Galeria Kaufhof“ auf der Kettwiger Straße. Dorthin ging ich.

Ein bisschen doof ist ja, dass man, betritt man die „Galeria Kaufhof“ von der Kettwiger Straße aus, gleich zur Rechten in die Kosmetik- und Parfumabteilung kommt. Ihr erinnert Euch? Gestern noch am Flughafen Nürnberg, wo der Duty-free-Shop Inventur machte? Kein Parfum? Mit dem Vorsatz: „Ich gucke nur mal, was hier so angeboten wird“, schritt ich die Regalreihen mit den Parfums ab. Ich entdecke ja immer wieder gern Neues. Bei „Kenzo“ immer das Gleiche – schade eigentlich, ich mochte ein bestimmtes Parfum von Kenzo, das ich allerdings nirgendwo mehr finde. Yves Saint Laurent? Hui – alles nicht meine finanzielle Kragenweite, was sie da auf Lager hatten. Chanel ließ ich deswegen gleich links liegen. Dior ist leider oft jenseits meines Geschmacks. Doch dann entdeckte ich etwas im Estée-Lauder-Regal, das mir ganz ausnehmend gut gefiel: „Modern Muse“ heißt das Gebräu, und es kam, wie es kommen musste: Schlechten Gewissens schritt ich mit einem Gebinde zur Kasse. Wenn ich schon plane, „nur mal [zu] gucken“! Meine Pläne sind nicht selten zum Scheitern verurteilt, obwohl sie meist gar nicht unrealistisch sind. Schon seit Äonen frage ich mich, woran das wohl liegen könne …

Von der „Galeria Kaufhof“ schritt ich schnell, bevor ich zu weiteren Spontankäufen verleitet werden konnte, die Kettwiger Straße hinunter zur Porschekanzel. Dort ist seit einiger Zeit die „Rathaus-Galerie“ beheimatet, eine kleine „Mall“, ein Einkaufscenter. Blicklos schritt ich vorbei an allen Verheißungen – ich wollte zu „Real“. Um eine LED-Lichterkette (putzige, kleine, grüne Tannenbäumchen), eine angebliche Wundertinktur von „Diadermine“, eine Packung Gewürzspekulatius, zweierlei Sorten Aufschnitt, Brot und Lucky Strike reicher entfernte ich mich dann rasch von der Stätte konsumrauschgeprägter Heimsuchungen. Quasi im Vorbeigehen erstand ich noch einen Long-Pullover, den ich Heiligabend zu tragen trachte. Mit meinen neuen Stiefeln und Overknee-Strümpfen. Darunter eine schlichte Strumpfhose, die sich bereits in meinem Fundus befindet. Ihr seht: Meine Pläne sind stets formvollendet.

Nun rasch zum Bahnhof zurück, bevor ich vollends vom Kaufrausch erfasst werden konnte! Mein Plan war, die Regionalbahn Richtung Münster zu nehmen. Ich war spät dran, und so rannte ich heute zum zweiten Mal mit wehenden Haaren, diesmal Richtung Gleis 21. Was soll ich sagen? Auch dieser Plan gescheitert: Der Zug stand zwar noch am Gleis, litt aber an einem unüberbrückbaren Defekt und konnte nicht fahren. Die S-Bahn auf Gleis 22, die ich auch hätte nehmen können, kam gar nicht erst.

Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen! Von Gleis 4 fuhr nur eine knappe halbe Stunde später ein RE in meine Richtung mit Halt an meinem Heimatort. Und so schleppte ich mich mitsamt meinen Einkäufen dorthin. Kaum stand ich 10 Minuten dort, erfolgte eine Lautsprecheransage: Der RE habe voraussichtlich „wegen polizeilicher Ermittlungen“ 25 Minuten Verspätung. Meine Freude war groß, und ich fing an, zu kalkulieren, was nun günstiger sei: an Gleis 4 stehenbleiben oder doch wieder zu Gleis 21 zurück, denn inzwischen hatte man angekündigt, der liegengebliebene Zug werde durch einen anderen ersetzt … Auch solle ja die S-Bahn Richtung Dortmund wieder verkehren, die ich auch hätte nehmen können. Beide Züge würden im Endeffekt zumindest eher am jeweiligen Gleis stehen, so dass ich nicht länger in klammer Kälte und widrigem Westwind ausharren müsste.

Ich schnappte meine Einkäufe und sauste zurück zu den Gleisen 21 und 22. Dort wurde ich zurückgeschickt zu Gleis 4. Kaum da angekommen, war die Verspätung inzwischen auf 45 Minuten angewachsen. Offenbar dauerten die polizeilichen Ermittlungen länger an, als geplant. (Ha! Damit kenne ich mich aus – „geplant“!) Immerhin gab es eine erneute Lautsprecherdurchsage, die zum Inhalt hatte, an Gleis 21 werde alsbald ein Zug bereitgestellt, der Richtung Münster … Ich rannte treppab und treppauf zurück zu Gleis 21 und beschloss, mich dort nie wieder wegzubewegen – komme, was wolle!

Es kam dann auch etwas. Der reguläre RB aus Münster, der nach Münster wieder zurückfährt. Es wurde nichts extra bereitgestellt, und ich bin letzten Endes ganz regulär und nur mit einer Stunde Verspätung in einem Zug gen Heimat gerollt, der so voll war, dass niemand, der nur einen Stehplatz hatte (ich hatte einen Klappsitz erwischt, den ich notfalls mit meinem Leben verteidigt hätte), faktisch zu Boden hätte fallen können, wäre er umgekippt. Deutsche Bahn, ich liebe dich! Da plane ich vorausschauend – und du machst mir einmal mehr einen Strich durch die Rechnung!

Fazit: Ich war heute später zu Hause denn je. Und die Weihnachtsgeschenke – ich habe natürlich in Essen kein einziges gekauft! – bestelle ich lieber online …

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