Tage – und Flüge – wie dieser …

Ich bin gerade von einem sehr schönen Ausflug zurückgekehrt, für den ich zwei Tage Urlaub mitten in der Woche eingereicht hatte: So oft war ich schon in Nürnberg – oder, fränkisch, Nämberch – gewesen, aber noch nie auf dem „Christkindlesmarkt“! Eine Rüge geht daher an meine fränkische Mutter: Hätten wir, wenn wir doch schon so oft in Franken waren, dass meine Schwester und ich als Kinder nach wochenlangem Aufenthalt in unserer nordwestdeutschen Heimat sprachlich nur noch mühsam verstanden werden konnten und uns so manche blöde Bemerkung einfingen, nicht öfter mal im Winter hinfahren können? Dann, wenn in „Nämberch“ Christkindlesmarkt ist?

Doch meine Mutter hatte schon Recht: Im Sommer ist Franken noch viel schöner als ohnehin schon. Und auch weniger gefährlich: Bei vereisten Straßen wäre das Haflingergespann nebst Kutsche, die ich in einem Sommer in einem Dorf im fränkischen Jura eigenhändig hatte fahren dürfen, sicherlich im Graben gelandet. Schon damals im Sommer musste ich feststellen, dass Kutschieren von außen viel leichter aussieht, als es sich dann anfühlt, wenn man die Leinen (so heißen Zügel im Pferde-Fahrsport) höchstselbst in den kleinen Händen hält und nebenbei noch eine Handbremse betätigen muss, während die Pferde fröhlich – möglicherweise auch spöttisch – wiehernd ihre ganz eigenen Wege zu gehen trachten. („Meine“ beiden Zugtiere, Susi und Fanny, zwei sehr freundliche und geduldige Tiere, wussten in den ersten fünf bis zehn Minuten meiner Kutschertätigkeit bisweilen sogar nicht einmal, was ich von ihnen wollte, blieben stehen und schienen zu beratschlagen, was denn nun zu tun sei. Einmal drehten sie sich sogar zu mir um, fragenden Blickes! Zum Glück pflege ich sehr schnell zu lernen, und so ging es dann relativ schnell eher dynamisch weiter, nachdem ich fachkundig eingewiesen worden war.)

Doch zurück. Gestern fuhr ich mit dem fast pünktlichen RE 3 gen Düsseldorf Flughafen, um von dort mit meinem absoluten „Lieblingsflugzeug“ nach Nürnberg zu fliegen: einer Bombardier Dash-8 Q400. Ich muss gestehen, bei all meinen bisher damit erfolgten Flügen eine Art Hassliebe zu dieser Maschine entwickelt zu haben, denn eigentlich fliege ich lieber mit Turbojets. Ergo ganz herkömmlichen Flugzeugen, wie jeder Mallorca-Reisende sie kennt: größer und mit Jet-Triebwerken. Keineswegs mit Propellern, wie sie an der Dash-8 groß, breit und sechsschauflig zur Rechten wie zur Linken der übersichtlichen Maschine prangen, in die gerade einmal knapp 80 Menschen passen – zwei davon sitzen ganz vorn im Cockpit. Ein echter sogenannter Cityhopper – eine Turboprop-Maschine, die nur auf Kurzstrecken eingesetzt wird. Die Hassliebe entwickelte sich aufgrund der Tatsache, dass ich öfter mal gen Nürnberg fliege, wobei ich auf der winzigen Strecke inzwischen schon mit gar keinem anderen Flugzeug mehr rechne, aber auch schon auf Flügen nach London kalt erwischt wurde und mich plötzlich und gänzlich ohne Vorankündigung in diesem elendig engen Ding wiederfand, mit zwei Sitzen zu beiden Seiten des Mittelgangs. Aber es hat auch einen gewissen Charme, das muss ich zugeben. Die Maschine ist – nach der Landung – wie ein Ex-Freund, der einen ewig genervt hat, mit dem man aber befreundet geblieben ist und sich denkt: „Wie gut, dass er nun mit Sabrina zusammen ist!“ Zwar nervt der Ex auch in der Freundschaft noch bisweilen wie in der Beziehung, aber man blickt milde lächelnd darüber hinweg. Manchmal auch nicht, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Der Hinflug vollzog sich ohne nennenswerte Probleme. Etwas turbulent war er, was mit einer vergleichsweise kleinen Maschine erheblich spannender ist als mit einem langweiligen Jet. Einzig die Auswahl der „Speisen“ habe ich zu bemängeln: Entweder gab es Lebkuchen (wie originell auf einem Flug nach Nürnberg!) oder „Funny frisch“-Chips in der Variante „Currywurst“. Nicht eigens kaufen! Auf keinen Fall! Ich bin ja irgendwie froh, dass Kurzstreckenpassagiere als Testesser für Hersteller süßer und salziger Knabbereien herangezogen werden, nachdem sie schon die Deppen sind, die in einem Flugzeug sekundärer Bedeutung und mit Propellern versehen transportiert werden, verhütet diese Tatsache doch, dass ich mir ahnungslos und neugierig im Supermarkt eine große Tüte manch unsäglich bescheuerter Chipssorte kaufe – aber bitte! „Funny frisch Currywurst“ ist wirklich unglaublich schlecht! Mein Problem: Ich bin eine Liebhaberin herzhafter Speisen und könnte sogar zum Frühstück schon eine Wanne Tsatsiki verspeisen – wahlweise auch eingelegten Hering. Süßes esse ich selten, und so landete ich bei den Chips, auf die ich nun garantiert im Supermarkt nicht mehr hereinfallen werde. Obwohl ich heute beim Einkaufen nach meiner Rückkehr noch Schlimmeres im Chipsregal fand: „Funny frisch ‚Rot-weiß Schranke‘“! Lassen wir das. Nicht, dass ich in Kollektivscham ausbreche angesichts dieser peinlichen Andienung an vermeintliche Ruhrgebietsvorlieben.

Der Christkindlesmarkt war sehr schön, und meine beiden Freunde und ich hatten einen sehr schönen Aufenthalt in Nürnberg. Der einzige Wermutstropfen: Heute ging es schon wieder retour gen Düsseldorf. Zumindest für mich, denn meine beiden Freunde haben das Glück, in Franken zu leben. Ich nicht.

Ich war früh am Nürnberger Flughafen, zusammen mit meinem Trolley, der nach Ankunft in der fränkischen Metropole, die ich so mag, an Gewicht zugenommen hatte: Es war eine gläserne Glühweintasse vom „Nürnberger Christkindlesmarkt 2014“ hinzugekommen, ebenso drei wunderschöne, wenn auch kitschige Teelichthalter, eine noch viel kitschigere Schneekugel en miniature mit zwei „Glückspilzen“, als  Fliegenpilze getarnt, darin, ein 500-Gramm-„Hutzelbrot“. (Hatte ich meine Abneigung gegen Gebäck mit Trockenfrüchten schon erwähnt? Selbst die konnte in Nürnberg partiell überwunden werden, als ich dieses Brot probierte.) Dazu noch ein Fotokalender 2015 mit Motiven aus Nürnberg, den ich quasi kurz vor knapp am Flughafen käuflich erwarb.

Rasch durch die Sicherheitskontrolle hindurch, die ich ohne Zwischenfälle passierte. (Denn seit meinem vorletzten Flug reise ich nie wieder – wenn auch aufgrund Zeitmangels – mit unaufgeräumter Handtasche los – das war etwas peinlich: Immerhin habe ich seitdem meine Lieblingsohrringe wieder, die sich – mir komplett unverständlich! – irgendwie in einer Falte des Taschen-Innenfutters verborgen gehalten hatten, und das monatelang, während ich sie bereits verloren wähnte!) Immerhin lockte im ersten Stock der Duty-free-Shop, und ich hatte mir schon seit einiger Zeit kein neues Parfum gekauft!

Oben angekommen, wünschte ich mich ins Erdgeschoss zurück: Sämtliche Läden, die für mich von Interesse waren, machten gerade Inventur und sollten sowohl heute wie auch am morgigen Tage geschlossen sein! Kein Parfum! Gut, ich habe zu Hause diverse Flaschen mit Duftwässern stehen – aber man wechselt doch mal gern, oder?

Das Allerschlimmste: Es war noch so viel Zeit totzuschlagen! Zeit, die ich normalerweise mit dem Ausprobieren verschiedener Parfums nutze. Ich sah mich gezwungen, mir einen kitschigen Kühlschrankmagneten in einem der wenigen geöffneten der ohnedies nicht zahlreichen Geschäfte im Flughafen Nürnberg zu kaufen. Kaum gekauft, dachte ich daran, vielleicht mal mein Konsumverhalten zu überdenken – aber lassen wir das. Eine kleine Flasche Wasser für schlappe 3,10 € noch, dann setzte ich mich in den Wartebereich von Gate 13.

Beinahe pünktlich wurde mein Flug aufgerufen, und schon saß ich im Vorfeldbus, der uns dann recht rasch zum Propellermaschinchen brachte. Das übliche Gedränge an der Einstiegsluke – anders kann man den Einstieg nicht nennen, dessen Treppe gleichzeitig die ausgeklappte Eingangstür ist: als hätten nicht alle einen reservierten Sitzplatz! Zwischendurch fing es zu schneien an – wunderbar!

Endlich auf meinem Platz auf Höhe des rechten Propellers angekommen, sah ich, dass neben mir ein junger Typ, Marke „jung-dynamisch-höflich-profillos“ saß, ein echter „Smartie“. Höflich bot er mir an, meinen Mantel oben ins Gepäckfach zu legen, aber ich ziehe es vor, meine Sachen ordentlich gefaltet unter den Vordersitz zu legen. „Smarties“ Höflichkeit hatte damit auch ihre Grenzen erreicht, denn fortan blockierte sein rechter Arm stahlhart die mittlere Armlehne, und selbst leichtes Aufbegehren meines linken Arms, um einiges älter als sein jugendlich-gestählter, der sich ab und an auf die Armlehne stahl, nutzte nichts. Dauernd wurde ich abgedrängt. Ich wollte mich nicht um eine läppische Lehne streiten – so alt ist mein Arm nun wirklich nicht, dass ich ihn ständig ablegen müsste.

Viel schlimmer waren die beiden Kinder, die links hinter mir saßen. Ich verstehe wirklich nicht, warum man Eltern mit Kleinkindern dort plaziert, wo es besonders laut ist: direkt auf Höhe der Propeller. Als der Pilot kurz vor dem Start die Triebwerke hochfuhr, fuhr auch das kleinere der beiden Kinder hoch: seine Stimme. Und ich hatte immer gedacht, das Geräusch von bis zur Volllast hochgefahrenen Flugzeugtriebwerken sei an Kreischen kaum zu übertreffen! Falsch gedacht – das Kind schlug jedes Triebwerk. Und das behielt es über den ganzen Flug bei. Sein Vater war aber auch nicht besser: Auf Spanisch und sehr laut – klar, er musste Propeller und Kind übertönen – versuchte er, das Kind zu beruhigen, was jedoch das Gegenteil bewirkte. Ich kann das verstehen: Ich liebe Sprachen, aber Spanisch gehört keineswegs zu den von mir bevorzugten Sprachen. Für mich klingt es im Dialog immer so, als bellten zwei verfeindete Hunde einander an, kurz bevor sie sich an die Kehlen gehen. Ich entschuldige mich hiermit bei allen Hispanophonen und Spanischliebhabern – es tut mir leid, aber ich mag den Klang dieser Sprache einfach nicht.

Der Flug ging zum Glück auch irgendwann vorbei – aber nie sind mir knapp 60 Minuten so lang vorgekommen. Lesen? Kein Gedanke daran. Stattdessen starrte ich aus dem Fenster und auf den dröhnenden und eifrig rotierenden Propeller, ebenso auf die Wolkendecke, und ich versuchte, darin Entspannung zu finden. So ein Propeller hat in seiner gleichförmigen Bewegung ja auch etwas Meditatives. Wenn man daran glaubt …

Auf dem Rückflug gab es übrigens Aachener Printen …

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